Essen, Aalto Theater, Orfeo | Euridice – Premiere, 26.09.2020

August 19, 2020 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto Theater Essen © Bernadette Grimmenstein

Aalto Theater Essen © Bernadette Grimmenstein

 Orfeo | Euridice – Christoph Willibald Gluck

Azione teatrale per musica

Premiere Samstag, 26. September 2020, 19:00 Uhr

Als erste Opernpremiere der Spielzeit 2020/2021 präsentiert das Aalto-Musiktheater mit Orfeo | Euridice erstmals ein Werk des bedeutenden Opernreformers Christoph Willibald Gluck (Premiere: 26. September 2020, 19 Uhr, Aalto-Theater).

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck in Wien © IOCO

Paul-Georg Dittrich, ursprünglich als Regisseur der Corona-bedingt abgesagten Tannhäuser-Premiere vorgesehen, inszeniert das Stück gemeinsam mit dem Videodesigner Vincent Stefan. Die Essener Inszenierung von Glucks Komposition Orfeo ed Euridice versteht die Handlung als inneren Monolog des isolierten Titelhelden Orfeo, der in seiner gepeinigten Seelenlandschaft eingeschlossen ist. Dittrich wurde für seine Inszenierungen von Wozzeck (2016) und La damnation de Faust (2017) am Theater Bremen jeweils für den renommierten Theaterpreis „Der Faust“ nominiert. In der vergangenen Spielzeit konnte er unter anderem mit Boris an der Staatsoper Stuttgart und mit der Uraufführung Wolfsschlucht an der Deutschen Oper Berlin für Aufmerksamkeit sorgen. Die musikalische Leitung hat Generalmusikdirektor Tomás Netopil.  

Aalto Theater Essen / Paul-Georg Dittrich (Regie) © Privat

Aalto Theater Essen / Paul-Georg Dittrich (Regie) © Privat

Das 1762 in Wien uraufgeführte Werk gilt als Reformoper par exellence. Mit seiner „Azione teatrale“, die den natürlichen Ausdruck der Figuren in den Mittelpunkt stellt, forderte Gluck die „Opera seria“ mit ihrem barocken Plüsch heraus. Es ist sicher kein Zufall, dass hierbei die Wahl des Sujets auf den Orpheus-Mythos fiel, der die Macht der Musik selbst in den Vordergrund stellt. Doch im Gegensatz zur Vertonung Claudio Monteverdis, welcher mit eben diesem Mythos über 150 Jahre zuvor die Form der Oper selbst begründete, wählte Gluck eine reduzierte Form des Stoffes, die sich ganz auf das Schicksal des Protagonisten konzentriert.

Aalto Theater Essen / Bettina Ranch (Orfeo) © Saad Hamza

Aalto Theater Essen / Bettina Ranch (Orfeo) © Saad Hamza

Orfeo wird von einer unbändigen Trauer erfüllt, denn seine über alles geliebte Euridice wurde ihm von den Schlingen des Todes geraubt. Er beschließt in die Unterwelt hinabzusteigen und Euridice aus dem Reich des Hades zu befreien. Der Gott Amor wird Orfeo zur Seite stehen. Gelingt es ihm die Götter der Unterwelt mit der Schönheit seines Gesangs zu bezwingen, darf er Euridice wiedersehen. Doch ein verhängnisvolles Gebot wird ihm auferlegt: Orfeo darf sich im Totenreich nicht zu seiner Geliebten umwenden, bis diese das Tageslicht erneut erblickt hat. Wird Orfeo diese Prüfung meistern? Ist die Kraft der Liebe stark genug um den Tod zu überwinden oder schafft sie es gar diesen zu akzeptieren?

Aalto Theater Essen / Tamara Banješevi? (Euridice) © Volker Wiciok

Aalto Theater Essen / Tamara Banjesevic (Euridice) © Volker Wiciok

Musikalische Leitung Tomás Netopil | Inszenierung und Raum Paul-Georg Dittrich, Video Vincent Stefan | Choreinstudierung Jens Bingert | Dramaturgie Svenja Gottsmann

Orfeo Bettina Ranch (26.9.; 3., 25., 29.10.; 1., 8.11.) Liliana de Sousa (30.9.; 18.10.; 7.11.; 13., 27.12.) | Euridice Tamara Banješevic (26.9.; 3., 25., 29.10.; 1., 8.11.) Giulia Montanari (30.9.; 18.10.; 7.11.; 13., 27.12.) | Amors Stimme Christina Clark | Amor Miriam Gad/ Leonie Hauffe/Emma Heinrich

Euridice (Video) Larissa Machado | Orfeo (Video) Dale Rhodes, Essener Philharmoniker | Opernchor des Aalto-Theaters

Ein herzlicher Dank gilt den Sport- und Bäderbetrieben Essen, der Stiftung Zollverein sowie dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, deren Schauplätze uns für Videoaufnahmen zu dieser Inszenierung zur Verfügung stehen. Wir danken außerdem Prof. Dr. Dirk Woitalla (Chefarzt der Klinik für Neurologie der Katholischen Kliniken Ruhrhalbinsel gGmbH), Univ.-Prof. Dr. med. Martin Köhrmann (stellv. Direktor der Klinik Universitätsklinikum Essen (AöR), Klinik für Neurologie, Medizinisches Zentrum) sowie Prof. Dr. med. Roland Veltkamp (Alfried Krupp Krankenhaus Rüttenscheid, Neurologische Klinik) für ihre fachliche Beratung.

Premiere Samstag, 26. September 2020, 19:00 Uhr, Aalto-Theater

Weitere Vorstellungen 30. September; 3., 18., 25., 29. Oktober; 1., 7., 8. November;

13., 27. Dezember 2020

Karten (Premiere: € 51,00; weitere Termine: So-Do € 34,00 / Fr-Sa € 40,00) sind erhältlich im

TicketCenter (II. Hagen 2, 45127 Essen), unter Tel. 0201 / 81 22-200 sowie per E-Mail unter

tickets@theater-essen.de. Der Vorverkauf über den Webshop sowie über www.eventim.de und externe Vorverkaufsstellen ist aktuell nicht möglich.

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten – im Web, April 2020

April 30, 2020 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten – kostenlos im Web

Oper trotz Corona: Die Staatsoper Stuttgart setzt ihr digitales On-Demand-Programm mit Unterstützung der LBBW mit Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten fort

Die behördlichen Verordnungen zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus wurden bis zum 3. Mai 2020 verlängert. Dies bedeutet, dass mindestens bis zu diesem Datum auch keine Vorstellungen in den Spielstätten der Staatstheater Stuttgart stattfinden.

https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/oper-trotz-corona

Im Rahmen des kostenlosen Opernprogramms „Oper trotz Corona“ auf der Website der Staatsoper Stuttgart ist ab Freitag, 01. Mai 2020, 17 Uhr Christoph Willibald Glucks Meisterwerk der Frühklassik Iphigénie en Tauride zu sehen. Die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski ist eine Produktion der Opéra national de Paris und feierte im April 2019 Premiere in Stuttgart. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Stefano Montanari.

Staatsoper Stuttgart / IPHIGÉNIE EN TAURIDE © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / IPHIGÉNIE EN TAURIDE © Martin Sigmund

Direkt daran anschließend folgt ab Freitag, 08. Mai, um 17 Uhr die jüngste Neuproduktion der Staatsoper aus dem Februar 2020: BORIS in der Inszenierung von Paul-Georg Dittrich verzahnt Modest Mussorgskis Historien-Drama Boris Godunow mit der Uraufführung von Sergej Newskis Secondhand-Zeit, einem Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart. Es dirigiert Titus Engel.

Staatsoper Stuttgart / Boris Godunow © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Boris Godunow © Matthias Baus

Schließlich ist ab Freitag, 15. Mai, um 17 Uhr Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten in einer Aufzeichnung von 1989 zu erleben. Das 1965 in Köln uraufgeführte Werk gilt bis heute als eines der aufführungstechnisch anspruchsvollsten und gleichzeitig überwältigendsten des Musiktheaters im 20. Jahrhundert. In seiner Rezeptionsgeschichte nimmt die Stuttgarter Inszenierung von Harry Kupfer einen bedeutenden Platz ein. Die Musikalische Leitung hat Bernhard Kontarsky.

Staatsoper Stuttgart / Die Soldaten © Hannes Kilian

Staatsoper Stuttgart / Die Soldaten © Hannes Kilian

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, BORIS – Der Blick zurück nach vorn, IOCO Kritik, 08.02.2020

Februar 8, 2020 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

BORIS  –  Modest Mussorgski / Sergej Newski

Ereignis – Wahrnehmung – Erinnerung – Überlieferung – Geschichte(n):  Was wirkt am Nachhaltigsten? 

von Peter Schlang

Nachdem sich die Stuttgarter Staatsoper in ihrem ersten Frühjahrsfestival im vergangenen Jahr mit der Frage nach der Bedeutung und Wahrnehmung der  Wirklichkeit befasst hat, treibt sie in diesem Jahr das Spiel mit den Zeitebenen und ihrer Vermischung auf die Spitze. Unter dem experimentell anmutenden Motto „Wer wollen wir gewesen sein?“ beschäftigt sich das aktuelle Frühjahrsfestival nämlich mit dem Futur II, jener Zeitform also, die Zukunft und Vergangenheit nicht nur grammatikalisch fasst, sondern auch Möglichkeiten für Entwürfe bietet, die sich aus verschiedenen epochalen Perspektiven betrachten lassen.

BORIS – Mussorgski / Newski
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Die „vollendete Zukunft“, wie das Futur II in seiner deutschen Fassung heißt, wirft einen mindestens doppelten zeitlichen Blick auf Subjekte (und Objekte) der Geschichte und frägt, wieviel und welche Gestaltungsideen – auch für die Zukunft – wir Gegenwärtigen aus der  Vergangenheit gewinnen können und wieviel Zukunft es in der Vergangenheit (wieder) zu finden gibt.

Die Staatsoper Stuttgart mit dem Opernprojekt „BORIS“
Frühjahrsfestival 2020 „Wer wollen wir gewesen sein?“

Als Auftakt und wohl ambitioniertestes Projekt dieser Überlegungen gelangte am Sonntag, dem 2. Februar 2020 im Stuttgarter Opernhaus BORIS zur (Ur-) Aufführung, bei dem die Urfassung von  Modest Mussorgskis Oper Boris Godunow (1869) und die Musiktheater-Szenen Secondhand-Zeit des zeitgenössischen russischen Komponisten Sergej Newski, miteinander verschränkt werden.

Diese Auftragskomposition der Stuttgarter Oper basiert auf Texten der weißrussischen Autorin und Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die für ihren gleichnamigen Roman der Stimmen während und  nach der Perestroika unter Präsident Gorbatschow die Lebenserfahrungen zahlreicher sowjetischer Bürger erfragte und zu Literatur formte. Für die in Stuttgart uraufgeführte musikalische Fassung von „Secondhand-Zeit“ wählten die Autorin, der Komponist und der verantwortliche Dramaturg Miron Hagenbeck die Erinnerungen von sechs Zeitzeuginnen und -zeugen aus, denen das Schicksal in der Sowjetunion und in den Jahren des Umbruchs gegen Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts besonders viel abverlangt hatte. Da die Darsteller dieser vier Frauen und zwei Männer auch in Mussorgskis ohne Striche gespielter Oper wichtige Rollen innehaben und die zehn Szenen der Secondhand-Zeit direkt und zwischen die Bilder der Mussorgski-Oper und an deren Ende gestellt werden, verschränken sich die verschiedenen Zeitebenen auf der Bühne zu einem geheimnisvollen Mix mit überraschenden Wirkungen, Kontrasten und Überlagerungen. So bespielt die Kunstform Oper im Spiel mit Trugbilden, Fantasien, Utopien und deren zerstörerischem, pessimistischem Gegenteil, der Dystopie, äußerst eindrucksvoll ihre angestammte Bühne und unterstreicht so ihre besonderen, ureigenen Stärken.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : Ensemble und Chor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : Ensemble und Chor © Matthias Baus

Zu dieser durchaus fesselnden theatralischen Wirkung trägt auch die sprachlich-dramaturgische Entscheidung bei, den Boris Godunow in seiner russischen Originalsprache und  Newskis / Alexijewitschs „Erinnerungssplitter“ in deutscher Sprache (Übersetzung Ganna-Maria Braungardt) singen zu lassen, so dass sich zur grammatikalischen Ebene des Festivalthemas eine weitere interessante Spielform der Duplizität gesellt.

Bei allen möglichen Zweifeln und der Berechtigung der Frage, ob Mussorgskis  „Original-Boris einer solchen modernen Fortschreibung und Ergänzung bedarf, sprechen neben den genannten aufführungspraktischen und dramaturgischen Aspekten auch die thematischen Parallelen der beiden Teile des „Stuttgarter BORIS“ für das hier umgesetzte Konzept.

So erzählt Mussorgskis Oper von Aufstieg und Fall eines Mächtigen, ja Gewaltherrschers, dem im 16. Jahrhundert regierenden Zaren Boris Godunow, die direkte Auswirkungen auf das Volk und dessen Situation haben, aber auch selbst von „unten“ beeinflusst werden. In Newskis Beitrag werden nun aus der anonymen Masse sechs Menschen  ausgewählt, deren Schicksal wie durch ein Zoom oder Mikroskop näher betrachtet wird. So wird erfahrbar, wie Geschichte und Geschichten miteinander verbunden sind und sich unterschiedliche Zeitebenen gegenseitig durchdringen. In beiden Darstellungen wird auch gezeigt, welche Brüche sich in einer Gesellschaft ergeben können und wie Menschen mit ihrem dadurch ebenfalls gebrochenen eigenen Schicksal umgehen und einen Neuanfang versuchen.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : Adam Palka als Boris Godunow und Carina Schmieger als Xenia / Die Geflüchtete © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : Adam Palka als Boris Godunow und Carina Schmieger als Xenia / Die Geflüchtete © Matthias Baus

Die Zusammenschau beider Epochen und ihrer Verhältnisse lässt auch  gut erkennen, dass und wie sich politische und gesellschaftliche Bedingungen gleichen, ja wiederholen – völlig  unabhängig von Epochen, zwischen denen, in diesen zwei  russischen Fällen, fast vierhundert Jahre liegen. So beschreibt BORIS das Modell für die Wiederkehr ähnlicher Machtmechanismen und veranschaulicht dieses in der individuellen Erinnerung (in)direkt Betroffener. Vergangenheit wird so zur – polyphonen – Gegenwart und ermöglicht die „Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen“.

Das Team um den Regisseur Paul-Georg Dittrich setzt alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel ein, um diese Zusammenhänge plastisch und theaterwirksam darzustellen. Ja Dittrich und seine Ausstatterinnen, die Bühnenbildnerinnen Joki Tews und Jana Findeklee, die Kostümbildnerinnen Pia Dederichs und Lena Schmid sowie die von diesen bestens beschäftigten Mitarbeiter*innen der Gewandmeisterei, Schuhmacherei und Modisterei, ziehen alle Register und zeigen umfassend die Kunstfertigkeit ihrer jeweiligen Zünfte.

Dies beginnt schon beim Öffnen der Türen zum Zuschauerraum, wenn aus dem Off Geräusche und musikalische Versatzstücke erklingen und über eine vor den Bühnenrahmen gespannte Projektionsfläche Filmszenen eines mit Öl verschmierten, sterbenden Pelikans flimmern, wobei diese Szenen immer wieder in ein menschliches Auge projiziert werden.

Wenn sich dann der Vorhang hebt bzw. die Bühne langsam aus dem Dunkel auftaucht, kehrt dort das Bild der schon vertrauten Ölpest ganz real wieder. Der in BORIS  in voller Größe aufgebotene Chor der Staatsoper kauert, in ölverschmierten körperfarbenen Bodys  und ebenso verschmutzten Kappen, als von der Katastrophe gezeichnete, eingeschüchterte, demoralisierte Masse auf dem Boden und beklagt im Prolog aus der Secondhand-Zeit den Verlust einer vertrauten, scheinbar besseren Welt. Im Hintergrund erhebt sich der von den beiden Bühnenbildnerinnen  geschaffene, ebenfalls von dem vorausgegangenen Unglück stark in Mitleidenschaft gezogene und mit Öl und Teer verschmutzte zentrale Bühnenbau. Dieser erinnert an die Ruine eines sozialistischen Verwaltungs- oder Kulturbaus und wird im weiteren Verlauf der Handlungen, geschickt und mehrfach verändert, zum höchst flexiblen Multi-Funktionsort. Durch seine Drehbarkeit, seine Treppen und zahlreichen versteckten Türen entfaltet er dabei nicht nur ein überraschendes Innenleben, sondern erhält auch großen Anteil an der erwähnten theatralischen Opulenz  und Lebendigkeit der Inszenierung. Außerdem erlaubt er je nach Zustand die Assoziation mit staatlichen (monarchischen wie kommunistischen) und kultisch-religiösen Symbolen und Handlungen und bietet diesen einen schlüssig-passenden Rahmen.

BORIS – hier „Der Obdachlose“ und sein Schicksal
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Diese treffende Zu- und Einordnung wird auch durch eine unglaubliche Vielfalt an Kostümen erleichtert, die in ihrer Genauigkeit und Pracht so in der letzten Zeit höchstens in Produktionen klassischer Ballette zu sehen waren und – zumindest für jüngere Stuttgarter Opern-Neuinszenierungen – den reinen Luxus darstellen. Allein wegen dieser Ausstattung sei dringend zu einem Besuch des BORIS geraten.

Zum Problem für den Betrachter wird allerdings die Schrankenlosigkeit, mit der Regie und Ausstatterinnen streckenweise zu Werke gehen.  Da ist nicht nur manch ein theatralisches Mittel oder technisches Detail zu viel des Guten oder bringen einen die vielfachen Anspielungen und Assoziationsmöglichkeiten ins Schleudern. Zur regelrechten Übersättigung führen vor allem die fast pausenlos über eine runde Projektionsfläche oberhalb des zentralen Bühnenbaus flimmernden Video-Sequenzen. Sie bestehen nicht nur aus jeder Menge dokumentarischer Aufnahmen, Passagen aus Natur und Kultur, Zeichentrickfilmen und  Comic-Streifen, sondern werden zeitgleich auch in der an diesem Abend für das Publik geschlossenen Königsloge live produziert. Dort spielen Doppelgängerinnen und Doppelgänger der eingangs erwähnten sechs Darsteller wichtiger Rollen des Boris- und Secondhand-Zeit-Teils einzelne Szenen nach und verändern, ja verwandeln sich permanent. Das mag für die dafür nötige Videoregie und -technik eine dankbare Aufgabe und Herausforderung sein, lenkt aber mehr und mehr vom direkten Bühnengeschehen ab, zumal sich dieses nicht nur auf der Opernbühne abspielt, sondern die Regie dafür auch die beiden Proszeniumslogen und teilweise sogar den Zuschauerraum und die seitlichen Foyers bespielen lässt. Außerdem ermüdet dieser mediale Overkill  auf Dauer die Betrachter und verschiebt auch die Gewichte der Darstellung und Interpretation vom Realen zum zu sehr Fiktiven.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : das Ensemble © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : das Ensemble © Matthias Baus

Solche Einwände lassen sich für die Musik  dieses so ambitionierten wie ausgefallenen Projektes beim schlechtesten Willen nicht formulieren.  Das gilt zunächst ganz generell für das Zusammenspannen der beiden Partituren und die daraus hervorgehenden Klänge. So bereitet der für seine Zeit ungeheuer moderne Stil von Mussorgskis Boris Godunow mit seinen parlandohaften, meist rezitativischen und liedhaften Gesangsnummern, die sich aus der klassischen Oper höchstens einen schwach an ein Arioso erinnernden Solo- oder Ensemblegesang entlehnen, sehr gut den Boden für Newskis (gemäßigt) moderne Klangsprache. Deren zentrales Stilmittel ist die Polyphonie, die das Spiel mit verschiedenen Zeitebenen zur musikalischen Parallele von deren thematisch-inhaltlichen Zitaten werden lässt. Sergej  Newski Secondhand-Zeit ist dabei in vielen Epochen und Stilen der Musikgeschichte unterwegs und macht  u. a. Anleihen bei Jazz, Kirchen- und Tanzmusik (Tango und andere lateinamerikanische Rhythmen), wobei er auch ältere und traditionellere Elemente einsetzt, als Mussorgski dies getan hat. Das passt sehr gut zum Nebeneinander so unterschiedlicher Gesangs- und Ausdruckweisen im originalen Boris Godunow wie Chorälen und anderen religiösen Gesängen, derben, volksliedhaften Liedern, politischen Reden sowie Jubel- und dicht folgenden Protest-Gesängen und ergibt im Zusammenklang und im Ablauf der beiden Werkteile eine eigentümliche, rätselhafte Melange. Diese lässt den Hörer an etlichen Übergangstellen zum jeweils nächsten musikalischen Abschnitt raten, welchem Komponisten man das gerade zu Hörende nun verdankt.

Dieses anerkennende Fazit für das Harmonieren der beiden Kompositionen leitet ohne Bruch zur Würdigung der Leistungen des musikalischen Personals über.

Fordert die Länge der Oper mit über 180 Minuten reiner Spielzeit und der Umfang vieler Rollen und Chorszenen generell den Solisten und dem Chor ungeheure Konzentration, Kraft und Ausdauer ab, so gilt dies in besonderer Weise für die sechs Solisten, welche in beiden Werkteilen je eine tragende Rolle innehaben, also Doppelrollen singen und spielen. So nehmen Alexandra Urquiola als Fjodor und Aktivistin, Carina Schmieger als Xenia und Geflüchtete, Maria Theresa Ullrich als Xenias Amme bzw. Mutter des Selbstmörders,  Stine Marie Fischer als Schenkwirtin und Frau des Kollaborateurs, Elmar Gilbertsson als Grigori und jüdischer Partisan und Petr Nekoranec als Gottesnarr bzw. Obdachloser nicht nur in Secondhand-Zeit die zentralen und das ganze Werk tragenden Rollen ein, sie müssen dazu auch im Boris Godunow teils anstrengende und lange Partien stemmen. Die Qualität und Intensität, mit der sie das tun, sei es als Solisten oder in verschiedenen Ensembleszenen, zeugt wieder einmal von der großen Klasse des Stuttgarter Solistenensembles. Aus diesem ragen  am Premierenabend dennoch zwei Sänger mit ihren herausragenden gesanglichen Leistungen und ihrer großen schauspielerischen Präsenz besonders hervor:  die sich immer mehr zu Publikumslieblingen entwickelnden Adam Palka als despotisch-dämonischer wie als verletzlich-schwacher Boris Godunow und der ebenfalls in jeder Nuance überzeugende Matthias Klink als mit allen Wassern gewaschener, schmieriger Strippenzieher Wassili Schulski.

BORIS – hier „Die Aktivistin“ und ihr Schicksal
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In weiteren Rollen, die für alle Sängerinnen und Sänger übrigens  ihr Debüt darstellten, gefielen Goran Juric als bös geschundener Schreiber Pimen, Pawel Konik als Schtschelkalow, Ramina Abdulla-zade als  jüdischer Partisan im Kindesalter und Urban Malmberg als dessen Greisen-Darsteller sowie Charles Sy, Ricardo Llamas Márquez und Matthias Nenner.

Erneut einen überaus starken Auftritt hatte der von Manuel Pujol bestens vorbereitete Stuttgarter Opernchor, der den berühmten Massenszenen im Boris Godunow, aber auch den zwei Chören in Prolog und Finale der Secondhand-Zeit sowohl als Stimm- als auch als Darsteller-Kollektiv ungeheure Präzision und Überwältigungsmacht verlieh. Gleiches gilt für den für diese Chorszenen unverzichtbaren Extrachor und den von Bernhard Moncado betreuten Kinderchor der Staatsoper.

In sehr guter Verfassung zeigte sich am Premierenabend auch das Staatsorchester Stuttgart, in dem es keinerlei Schwachstellen gab, aus dem aber dennoch die exzellenten Bläser einmal besonders erwähnt werden sollen.

Als ruhender Pol in all diesen Klangmassen und souveräner Organisator wie übersichtsvoller und umsichtiger Taktgeber bestand Titus Engel nach seiner beeindruckenden Leistung in Bartoks Herzog Blaubarts Burg zu Beginn der letzten Spielzeit auch seine nächste Bewährungsprobe als Sachwalter neuer Musik.

Die Mehrheit der Zuschauer im ausverkauften Premierensaal dürfte ähnlich und überwiegend positive Eindrücke wie der IOCO-Korrespondent gesammelt haben, denn die nicht gerade wenigen mutigen Buh-Rufer wurden alsbald vom großen, ja frenetischen Beifall und Jubel überstimmt. Er galt nicht nur herausragenden musikalischen Leistungen und einer über weite Strecken auch schlüssig-stringenten Regie, sondern auch einem  bewegenden Plädoyer für mehr Menschlichkeit und die Wahrung der Menschenwürde.

BORIS an der Staatsoper Stuttgart, die weiteren Vorstellungen 07., 16., 23. Februar, 2. März, 10.; 13. April 2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, BORIS – Modest Mussorgski – Sergej Newski, 02.02.2020

Dezember 19, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

 BORIS –  Modest Mussorgski / Sergej Newski

Premiere  02. Februar 2020, 18 Uhr, Weitere Vorstellungen, 07. / 16. / 23. Februar 2020, 02. März 2020, 10. / 13 . April 2020

Der Blick zurück nach vorn

 Am Sonntag, den 02. Februar 2020, feiert zum Auftakt des Frühjahrsfestivals ein außergewöhnlicher Opernabend Premiere an der Staatsoper Stuttgart: BORIS. Das künstlerische Team um Dirigent Titus Engel, Regisseur Paul-Georg Dittrich und Dramaturg Miron Hakenbeck verzahnt darin Modest Mussorgskis Historien-Drama Boris Godunow mit der Uraufführung von Sergej Newskis Secondhand-Zeit, einem Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart.

Sergej Newskis Secondhand-Zeit basiert auf Texten der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die in ihrem gleichnamigen „Roman der Stimmen“ die Lebenserfahrung unzähliger Einzelner in Zeiten politischer Wirren nach der Perestroika zu Literatur verdichtete. Stimmen aus der jüngeren Vergangenheit tauchen auf und stellen neue Fragen an die Geschichtsschreibung, die Gegenwart und unsere Idee von der Zukunft. Mussorgskis Boris Godunow wird ungekürzt in der Urfassung und in russischer Originalsprache gespielt, Newskis musikthetralische „Erinnerungssplitter“ erklingen zwischen den einzelnen Mussorgski-Tableaus in deutscher Sprache.

Auch diese Neuproduktion wird wieder wesentlich vom Staatsopernchor Stuttgart und dem Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart getragen: Adam Palka debütiert als Boris Godunow, Ks. Matthias Klink singt Fürst Schuiski. Goran Juric ist erstmals als Pimen zu erleben. Sechs Sänger*innen verkörpern Figuren aus beiden Partituren und haben so quasi parallele Existenzen, darunter Elmar Gilbertsson, der neben seinem Rollendebüt als Grigori den Jüdischen Partisanen singt sowie Maria Theresa Ullrich als Xenias Amme und Die Mutter des Selbstmörders.

Ausblick: Frühjahrsfestival 2020 – FUTUR II

Der „Blick zurück nach vorn“ ist auch Thema des zweiten Frühjahrsfestivals der Staatsoper Stuttgart, das mit der Premiere von BORIS am 02.02.2020 eingeläutet wird. Unter dem Motto „Wer wollen wir gewesen sein?“ geht es dieses Frühjahr unter anderem um die Subjekte der Geschichte und darum, wieviel Potenzial der Blick auf die Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft enthält bzw. wieviel Zukunft es in der Vergangenheit (wieder) zu finden gibt.

Neben BORIS stehen zwei weitere Opernpremieren im Fokus des Frühjahrsfestivals: Hans Zenders kompositorische Übermalung von Schuberts Winterreise (Premiere am 01.03.2020) legt offen, was unser heutiges Selbstverständnis vom Individuum mit dem der frühen Romantik zu tun hat. Zum Abschluss der Festwochen stellt Antonio Vivaldis Juditha triumphans (Premiere am 22.03.2020) die Konstruktion einer Sieger-Identität aus einem biblischen Stoff zur Debatte. Eine Reihe von Sinfonie-, Kammer- und Liedkonzerten, Die lange Nacht der wiedergefundenen Zukunft mit außergewöhnlichen Konzerten zum Phänomen der Zeit, der Kongress Futur II im Württembergischen Kunstverein und zwei Performance-Premieren des Orpheus Instituts widmen sich intensiv der Frage nach unserer Position im Gefüge des Zeitgeschehens (weitere Informationen folgen).

Titus Engel dirigiert; Paul-Georg Dittrich inszeniert; Uraufführung nach Texten von Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, Bühne Joki Tewes, Jana Findeklee
Kostüme Pia Dederichs, Lena Schmid, Video Vincent Stefan, Licht Reinhard Traub, Chor Manuel Pujol, Dramaturgie Miron Hakenbeck

Mit:  Boris Godunow Adam Palka, Fjodor / Die Aktivistin Alexandra Urquiola*, Xenia/Die Geflüchtete  Carina Schmieger*, Xenias Amme / Die Mutter des Selbstmörders Maria Theresa Ullrich, Fürst Wassili Schuiski Matthias Klink, Pimen Goran Juric, Grigori Otrepjew / Der jüdische Partisan Elmar Gilbertsson, Warlaam  Friedemann Röhlig
Missail / Ein Leibbojar Charles Sy*, Eine Schenkwirtin / Die Frau des Kollaborateurs Stine Marie Fischer, Ein Gottes Narr / Der Obdachlose Petr Nekoranec, Mikititsch (Aufseher) / Offizier der Grenzwache Ricardo Llamas Márquez, Mitjucha Matthias Nenner / Heiko Schulz, Andrei Schtschelkalow Pawel Konik, Bariton (Alter Ego des Jüdischen Partisanen) Urban Malmberg, Kind (Alter Ego des Jüdischen Partisanen) Ramina Abdulla-zadè
* Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart
Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Begleitveranstaltungen

Öffentliche Probe
Montag, 13. Januar 2020, 18.30 Uhr bis 20 Uhr. Kostenlose Platzkarten sind ab sofort im Theatershop erhältlich.

Einführungsmatinee
Sonntag, 19. Januar 2020, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Opern-LAB
Samstag, 25. Januar 2020, 14 Uhr – 17 Uhr im JOiN

In diesem dreistündigen Labor untersuchen wir gemeinsam mit dem Komponisten Sergej Newski und mit dem Dramaturgen der Produktion, wie sich individuelle Lebensgeschichten und kollektives musikalisches Kunstwerk begegnen können. Oral History goes Opera. Der Eintritt ist frei. Anmeldung unter join@staatstheater-stuttgart.de

Einführungen
Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

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