Hamburg, Musikgemeinde Harburg, Brahms Trio Hamburg – Klein, Mendelssohn, Brahms, Mozart, IOCO Kritik, 25.03.2019

März 25, 2019 by  
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Friedrich Ebert Halle Hamburg © Musikgemeinde Harburg e.V.

Friedrich Ebert Halle Hamburg © Musikgemeinde Harburg e.V.

Friedrich Ebert Halle Hamburg

Furioses Brahms Trio Hamburg

Komponisten des 20. Jahrhunderts treffen auf Mendelssohn, Brahms, Mozart

von Patrik Klein

Auch als lange in Hamburg lebender Kulturinteressierter entdeckt man doch immer wieder neue Spielstätten, an denen spannende Musikabende zu erleben sind. Die Musikgemeinde Harburg e.V. veranstaltet Konzerte mit den großen Orchestern dieser Stadt, wie dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, dem Ensemble Resonanz, dem NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg und den Symphonikern Hamburg. Zudem kommen weitere Künstler mit kammermusikalischen Abenden in das Haus nahe der berühmten Technischen Universität. Genutzt wird dort am Standort Harburg südlich der Elbe, die Friedrich-Ebert-Halle, die mit einem etwas spröden Charme einer großen Schulaula daherkommt. 1929 gebaut, gehört die Halle zu den großen Konzerthallen in Norddeutschland. Nur 20 Minuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt, bietet der 2014 umfassend denkmalgerecht sanierte Konzertsaal Platz für rund 1.100 Besucher und ist bekannt für seine herausragende Akustik.

Hübsch drapierte Strelitzien auf beiden Seiten der Bühne, zur linken Seite eine kleine fest installierte Orgel und zur rechten ein kubistisch anmutender riesiger Wandteppich im ovalen, mit einem Rang versehenen Zuschauerraum, der an diesem Abend nahezu ausverkauft war, schmücken die mit Klavier im Zentrum stehende Bühne, auf der nun das Brahms Trio Hamburg mit Solveigh Rose (Violine), Clemens Malich (Violoncello) und Camille Lemonnier (Klavier) Musik und Briefe von Johannes Brahms, Hanns Eisler, Gideon Klein und Felix Mendelssohn vortragen. Auf dem Programm standen:

Gideon Klein:   Duo für Violine und Violoncello
Felix Mendelssohn-Bartholdy: Klaviertrio Nr. 1, d-Moll op.49
Hanns Eisler: Duo für Violine und Violoncello op. 7, 1 und
Johannes Brahms: Trio Nr. 2 C-Dur für Klavier, Violine und Violoncello, op. 87

Komponieren ist nicht nur ein handwerklicher, sondern überwiegend ein kreativer Akt. Menschen mit ihren Biographien und Emotionen stehen hinter den Kompositionen. So ermöglichten kurze, treffend ausgewählte Auszüge aus Biographien oder Briefen, vorgetragen vom Cellisten Clemens Malich, ein dem Zuhörer tieferes Verständnis der vorgetragenen Werke.

Gideon Klein wurde nur 26 Jahre alt. Über ihn erfährt der Zuhörer, dass er hochmusikalisch war und bereits sehr früh komponierte. Dabei nutzte er die 12-Tonmusik als Kompositionsgrundlage. Gideon Klein schrieb sein Duo für Violine und Cello im Jahr 1941. Im Dezember 1941 wurde er nach Theresienstadt deportiert. Dort konnte er, jedoch in anderem Kompositionsstil weiterarbeiten und Kinder musikalisch unterrichten, bevor er 1945 in Auschwitz verstarb.

Das Duo für Violine und Violoncello blieb unvollendet: es bricht nach dem 40. Takt des zweiten Satzes ab. Der erste Satz (Allegro con fuoco) in klarer Sonatenform deutet auf ein mindestens dreisätzig geplantes Werk hin, doch auch als Fragment ist das Stück beeindruckend. Es herrscht ein feiner transparenter Klang im Saal. Cello und Violine harmonieren prächtig in den disharmonisch wirkenden Klängen der Komposition. Im Kopfsatz wechseln einander kompakter Duosatz, melodische Passagen der Geige und Imitationen geschickt ab; das Lento (2. Satz) offenbart die Fähigkeit des jungen Komponisten, aus folkloristischen Wurzeln heraus Stimmungen zu erschaffen – mährische Volkslieder in expressiver Neudeutung. Als nach einem kurzen Schnitt des Brahms Trios dann plötzlich das Klavier einsetzt, spürt man, dass sich der erste Satz von Felix Mendelssohn: Klaviertrio Nr. 1, d-Moll op.49, Molto allegro ed agitato „attacca“ angeschlossen hat.

Friedrich Ebert Halle / Brahms Trio Hamburg © Evelina Kislych

Friedrich Ebert Halle / Brahms Trio Hamburg © Evelina Kislych

In der Saison 1840 brachte Mendelssohn im Gewandhaus sein erstes Klaviertrio in d-Moll zur Uraufführung. Das Trio löste größte Begeisterung aus: „Es ist das Meistertrio der Gegenwart, wie es auch die von Beethoven und Franz Schubert waren; eine gar schöne Komposition, die nach Jahren noch Enkel und Urenkel erfreuen wird.“ So rezensierte Robert Schumann das Werk. Für das Harburger Publikum wurde hier aus Mendelssohns Brief an seine Mutter rezitiert, an dessen Ende Mendelssohn den Wunsch setzt, doch „recht fröhlich“ zu bleiben.

Dieser erste Satz ist ein stürmisches Molto Allegro agitato, dessen Thema in sprudelnde Klänge des Klaviers gehüllt wird. Dieser Kopfsatz „versöhnt“ die klassische Sonatenform und den romantischen Ausdruck mit den Mitteln einer „unendlichen Melodie“. Das Hauptthema ist ebenso klar konturiert wie von romantischer Stimmung durchdrungen. Das Klavier löst sich bald aus dem rauschenden Klanggrund des Anfangs und streut in den Dialog der Oberstimmen einige von jenen brillanten Passagen ein, die Mendelssohns Klaviertrios und -konzerte bis heute zur Herausforderung machen.

Andante. con moto tranquillo (2. Satz) und Scherzo. Leggiero e vivace (3. Satz) tragen die für Mendelssohn typischen Charaktere Lied ohne Worte und Elfenreigen. Das Andante beginnt mit einem wehmütig zarten Thema. Es wird im Mittelteil ins Elegische gewendet, in der Reprise durch Pizzicatobässe variiert und in der Coda in eine Wellenbewegung der Streicher eingetaucht. Dass die Welt der Waldgeister im Scherzo nicht zur Konvention erstarrt, hängt mit dem quicklebendigen Kontrapunkt zusammen. Das Finale. Allegro assai appassionato (4. Satz) mit seinem an Beethoven angelehnten Thema zeigt die Unbefangenheit, mit der Mendelssohn das romantische „Finalproblem“ löste. Mendelssohns Werk wird von den drei Musikern in äußerst präziser, harmonischer und leidenschaftlicher Weise aufgeführt. Man spürte förmlich die große Lust, die Fröhlichkeit und Lebensfreude der Komposition auszuleben und darzubieten.

Nach der Pause stand zunächst Hanns Eislers Duo für Violine und Violoncello op. 7, 1 auf dem Programm. Diese 12-Ton Komposition Eislers wird über biographische Aussagen und einen Brief an seinen Lehrer Arnold Schönberg, in denen Eislers schwieriger, sprunghafter Charakter zum Ausdruck kommt, für die Zuhörer veranschaulicht. Bei dem kleinen zweisätzigen Duo handelt es sich um Sonatensätze, die von rondohaften Konturen überlagert werden. Die hierin enthaltenen akademischen musikalischen Formen werden von Eisler ihrer Ernsthaftigkeit beraubt.

Im ersten Stück werden die Themen durch die beiden Instrumente repräsentiert. Das fast tänzerische, von der Violine intonierte Thema des Hauptsatzes ist aus symmetrischen viertaktigen Elementen gebaut. Das knappe, melodisch aber weitausschwingende Thema des Seitensatzes ist dem Cello zugeordnet. Alles, was an motivischer Arbeit in diesem Stück geleistet wird, spielt sich gedrängt aber unauffällig zwischen den beiden Instrumenten ab. Die abschließende Coda, zunächst wild, dann schnell sich wandelnd, lässt das Stück wieder mit den Anfangstönen enden. Violine und Cello wirken kratzend frech, dunkel rauschend, zupfend im Einklang miteinander. Der Sonatensatz des zweiten Stücks ist weniger offensichtlich. Es überwiegt ein virtuoser improvisatorischer Charakter, bei dem die Einfälle durcheinanderpurzeln und sich gegenseitig die Hand reichen. Auch hier laufen Cello und Violine zu Höchstform auf.

Über Johannes Brahms Trio Nr. 2 C-Dur für Klavier, Violine und Violoncello, op. 87 erfahren wir von Clemens Malich aus Briefen Clara Schumanns, welche Rolle Brahms als Freund in der Familie Schumann spielte.

Wie im Klavierkonzert beginnt der erste Satz (Allegro) kraftvoll mit einem lakonisch knappen Hauptthema. Es wird sogleich in ein harmonisches Spiel verstrickt und von träumerischen Klangfeldern abgelöst. In dieser Weise schweifen die Themen immer wieder ab und verwandeln sich unversehens in Neues. Hier erscheinen viele Teile auch unisono. Dem Hauptthema wird eine neue schwärmerische Note abgewonnen. Dazwischen verebbt die Energie immer wieder in kleinen Kadenzen, Generalpausen oder träumerischen Momenten.

Der zweite Satz (Andante con moto) mit Variationen gilt als der schönste und dankbarste Satz des Werkes. Hier wirkt das Spiel der drei Instrumente emotionaler, melancholischer und trauriger. Die Streicher spielen, vom Klavier wie von einem Zymbal begleitet, ein ungarisches Thema von leidenschaftlicher Formgebung, das mit einem fragenden Halbschluss endet. In den ersten beiden Variationen wird es vom Klavier erst in eine zögerliche Geste verwandelt, dann in eine Art Nocturne. In der dritten Variation haben die Streicher ihren erregten Ausbruch, in der vierten weicht er einem lieblichen Durgesang. Die Schlussvariation gibt dem Cello Raum für eine herrliche Kantilene. Hier endlich wird das Thema auch dann harmonisch geschlossen.

Der dritte Satz (Scherzo. Presto) wirkt wie eine Fantasie, in der der schnelle Anschlag des Klaviers höchste Anforderungen an die Pianistin stellte, die sie meisterhaft umsetzte.

Der vierte Satz (Finale. Allegro giocoso) wird von Brahms genüsslich ausgekostet und der Pianistin dabei genügend Gelegenheit verschafft, mit „Schlagen, Stoßen und Grabbeln“ auf dem Flügel zarte Seelen zu verschrecken. Die unbarmherzig konsequente Durchführung der Motive gipfelt in einem Schluss von großartiger Klangfülle.

Die musikalische Gestaltung und damit auch die Interpretation der Kompositionen auf dem biographisch, emotionalen Hintergrund ist den Interpreten des Brahms Trio Hamburg herausragend gelungen. Das Zusammenspiel, gerade auch bei der 12-Tonmusik erforderte ein hohes Maß an Präzision und musikalischem Einfühlungsvermögen.

Das Publikum in der fast ausverkauften Friedrich-Ebert-Halle bedachte das Konzert mit stürmischem Beifall, welcher die Künstler dazu bewog, noch einmal einen Komponisten des 20. Jahrhunderts, Mieczyslaw Weinberg mit dem Klaviertrio (Toccata) und zum Abschluss ein paar Klänge aus einem Mozart Trio als Zugabe zu geben.

Friedrich Ebert Halle / Brahms Trio Hamburg © Patrik Klein

Friedrich Ebert Halle / Brahms Trio Hamburg © Patrik Klein


Das Debut des Brahms Trios Hamburg fand 2017 im Großen Saal der Elbphilharmonie statt. Mit großer Hingabe und Leidenschaft widmen sich seitdem Solveigh Rose, Camille Lemonnier und Clemens Malich dem gemeinsamen Musizieren und Konzertieren.

Solveigh Rose, Violine, studierte u. a. beim ehemaligen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Thomas Brandis, und gehört zu den ersten Violinen des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Neben ihrem Engagement als Orchester- und Kammermusikerin widmet sich Solveigh Rose intensiv der Nachwuchsförderung als Violinpädagogin, nicht zuletzt im vielfach ausgezeichneten Educationprojekt von The Young ClassX.

Die deutsch-französische Pianistin Camille Lemmonier studierte zunächst in Nürnberg Klavier, bevor sie ihren Master in Liedbegleitung an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg mit der Bestnote 1,0 abschloss und der Einladung nachkam ihre Studien an der renommierten Guildhall School for Music and Drama in London fortzusetzen. Sie ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe, wie des Wettbewerbes „Piano ohne Grenzen“ und zuletzt des Gustav Mahler Liedwettbewerbs und Stipendiatin der Stiftung Yehudi Menuhin Live Music Now. Sie lebt und arbeitet in London.

Clemens Malich am Violoncello wurde zwar in Freising bei München geboren, verbrachte aber einen Großteil seiner Kindheit in Istanbul. Nach Studien in München, Hamburg und London wurde er mit 29 Jahren als einer der jüngsten Professoren Deutschlands an die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg berufen, wo er seither Violoncello, Methodik und Didaktik, sowie Hochbegabte unterrichtet. Neben seiner solistischen Tätigkeit dirigiert er das Felix Mendelssohn Jugendorchester, mit dem er u.a. mit dem Europäischen Nachwuchsorchesterpreis ausgezeichnet wurde. Sie spielten unter seiner Leitung bereits in Sälen wie der Philharmonie Berlin, dem Dvorak und Smetana Saal in Prag und auf Einladung der Elbphilharmonie in den Eröffnungswochen als erstes Jugendorchester weltweit im Großen Saal der Elbphilharmonie.

Zu dem Programm des Abends ist auch eine CD im Handel erhältlich.

—| IOCO Kritik Friedrich Ebert Halle Hamburg |—

 

Lyon, Opéra de Lyon, Die Zauberin – Piotr Ilitch Tschaikowski; IOCO Kritik, 19.03.2019

März 19, 2019 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Die Zauberin – Piotr Ilitch Tschaikowski

– Mit der Virtual-Reality-Brille am Schachbrett des Schicksals –

von Patrik Klein

Im November 2018 präsentierte IOCO die Opéra de Lyon und Serge Dorny, Intendant des Hauses, link HIER; als Teil der IOCO Serie über hinreißende Operhäuser.

Nun, im März 2019, war es denn so weit, die Opéra de Lyon in der  Stadt an der Rhone, zu besuchen: Das Operngebäude, mit seiner faszinierenden und ungewöhnlichen Architektur, bestehend aus einem neoklassizistischen alten Teil aus dem 20ten Jahrhundert und dem 1989 von Jean Nouvel verantworteten neuen Teil mit dem spektakulärem gläsernen Dach, einer räumlichen Erweiterung in die Höhe und die Tiefe zu besichtigen, zwei Neuproduktionen zu besuchen und ein spannendes Gespräch mit dem amtierenden Intendanten Serge Dorny zu führen.

Kennzeichnend für die in der Stadt beliebte und viel besuchte Opéra de Lyon ist auch ein jährlich stattfindendes Festival. 2019 heißt das Festival-Motto Leben und Schicksale. Drei unterschiedliche Mythen, die der abendländischen Kultur zugrunde liegen und durch miteinander verbundene Kernthemen eine dunkle und tiefe Einheit bilden, standen in kurzer Abfolge auf dem Programm und sollten dem Opernbesucher ganz neue und unerwartete Sichtweisen kaum bekannter, aber doch verwandter Werke mit verschiedenen Aspekten von menschlichen Schicksalen ermöglichen. Jedes dieser drei Werke setzt sich auf seine besondere Weise mit der Frage des menschlichen Schicksals auseinander.

Monteverdis Il Ritorno d´Ulisse, Tschaikowskis Die Zauberin (zum ersten Mal überhaupt in Frankreich szenisch aufgeführt) und Purcells Dido und Aeneas bildeten dieses Triptychon. Die beiden zuletzt genannten Werke hatten an zwei aufeinander folgenden Tagen Premiere und wurden von IOCO besucht.

Schon bevor die Vorstellung begann wurde deutlich, dass dieser Premierenabend  ein ganz anderer werden sollte, als man vielleicht erwartete. Noch vor der Ouvertüre blickte man auf einen geschlossenen Vorhang, vor dem ein Tisch mit Schachbrett und ein Stuhl standen. Die riesige Videoprojektionsfläche des Vorhangs gab einen Kircheninnenraum frei, in dem neben einem Altar eine überdimensionale Christusfigur angebracht war. Ein Priester erschien am Schachbrett, spielte ein paar Züge Blindschach ohne Partner, setzte sich eine VR- Brille auf und ward plötzlich im Videobild im Kirchenraum zu sehen. Dort riss er Jesus den Augendeckel ab und befestigte darin Kameras und Kabel. Die ersten leisen Töne der Ouvertüre setzten ein.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

Bleiben wir aber zunächst in der Historie: Das Libretto der Oper von Ippolit Spazhinsky basiert auf dessen gleichnamigem Theaterstück. Die Oper wurde zwischen September 1885 und Mai 1887 in Maidanovo, Russland komponiert und 1887 in Sankt Petersburg uraufgeführt. „Ich bin überzeugt, dass Die Zauberin meine beste Oper ist“, bewertete Tschaikowski damals selbst sein Werk.

Der verfälschende Titel Die Zauberin, müsste ja eigentlich Circe heißen, denn die Wirtin Nastasia ist eher eine Frau, die vorwiegend mit übersinnlichen Kräften die Männer anzieht und verführt, sie ihrer Sinne beraubt und sie zu willenlosen Opfern ihrer Leidenschaften werden lässt. Das 1887 komponierte Werk, die siebente der neun Tschaikowski-Opern, liegt zeitlich zwischen dem russischen Schlachtengemälde Mazeppa und der populären Vertonung der Puschkin-Novelle Pique Dame. Wie später Tschaikowski selbst konstatiert  „…und trotzdem wird sie bald in den Archiven verbleiben“ hat sie zu Unrecht in den Spielplänen der mitteleuropäischen Opernhäuser nur eine untergeordnete Rolle. Eine Inszenierung von David Pountney in St. Petersburg und von Tatjana Gürbaca in Antwerpen und Erfurt haben dann in den letzten Jahren doch den Fokus auf dieses beachtliche Werk gerichtet.

Obwohl im 15. Jahrhundert spielend, zielt die Oper in ihrer Thematik und Problematik auf das Russland des 19. Jahrhunderts an. Die selbstbewusste, sich ihren Lebensunterhalt verdienende Nastasia, scheut sich nicht, dem Prinzen ihre Liebe als erste zu bekennen. Sie begreift ihre Position als Außenseiterin und hat die Klugheit und auch die Kraft, sich ihre Existenz immer wieder zu erkämpfen. Ihre gegen die Doppelmoral der Kirche gewandte Haltung unterscheidet sie von der Fürstin, mit der sie andererseits ein ähnliches Schicksal teilt. Beide müssen sich gegen eine vom Patriarchat bestimmte Gesetzgebung wehren. Die lyrische, dem Volkslied verhaftete, auf weichen Holzbläser- und Streicherklang gestellte musikalische Gestalt der Wirtin Nastasia ist dem metallisch getönten, schärferen, mit schneidenden dynamisch akzentuierten Orchesterklängen der Fürstin gegenübergestellt. Das Liebespaar Nastasia und Juri sind hingegen durch weiche Klänge und fließende Melodik hervorgehoben. Tschaikowskis Hass auf die Kirchenmoral seiner Zeit ist nicht nur thematisch im Werk vorhanden, sondern auch musikalisch. Nicht nur dem Geläut zum Gottesdienst wird eine Volksweise entgegengesetzt, sondern auch Nastasias Tod wird mit einer nach alten Vorbildern gesetzten Kirchenweise beklagt. Das war als Affront gegen die zeitgenössische Kirche und ihre Rituale gemeint und wurde auch so verstanden. Demgegenüber wirken die musikalischen Charakteristika des alten Fürsten eher blass und farblos. Hier dominieren stereotype konventionelle, am italienischen Opernstil der Zeit angelehnte Elemente.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Piotr Micinski als Mamirow mit VR Brille in den Fürstengemächern© Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Piotr Micinski als Mamirow mit VR Brille in den Fürstengemächern © Stofleth

– Handlung Erster Akt: Außerhalb der Stadt betreibt Nastasia (Elena Guseva, Sopran), genannt Kuma, eine Gastwirtschaft, in der die Männer trinken, spielen, kämpfen und sich mit Frauen treffen. Man schimpft auch viel über die korrupten und bigotten Politiker und Kirchenleute. Die Fähigkeit Kumas, die Gäste zu beeinflussen, macht die Frauen der Männer eifersüchtig und man sagt ihr übernatürliche Kräfte nach. Als der Sohn des Fürsten, Prinz Juri (Migran Agadzhanyan, Tenor) vorbeikommt, verliebt sich Kuma sofort in ihn, kann sich aber nicht überwinden, ihn einzuladen. Kurz darauf taucht der Fürst (Evez Abdulla, Bariton) selber mit seinem Schreiber Mamirow (Piotr Micinski, Bass) auf. Alle wollen in Panik fliehen, weil der konspirative Ort dem Fürsten ein Dorn im Auge ist und Mamirow droht auch gleich, man solle die Wirtschaft niederbrennen. Kuma aber versucht auf ihre Weise, die Situation zu retten: sie schmeichelt dem Fürsten, lädt ihn zum Wein ein und überzeugt ihn, dass ihre angebliche Zauberkunst nur besondere Liebenswürdigkeit ist. Sie bringt den Fürsten sogar so weit, Mamirow mit auftretenden Gauklern tanzen zu lassen. Gedemütigt schwört dieser Rache, während der Fürst, völlig beeindruckt von Kuma, seinen Diamantring als Bezahlung in seinen leeren Becher fallen lässt.

Zweiter Akt: Die Eifersucht der Fürstin (Ksenia Vyaznikova, Mezzosopran) wird durch Mamirow weiter genährt, der verspricht, Kuma zu bespitzeln. Im Sinne Mamirows, der Kumas Tod will, erzählt seine Schwester Nenila (Mairam Sokolova, Mezzosopran), die Kammerfrau der Fürstin, ihr von einem Gift, die Fürstin behauptet aber, davon nichts wissen zu wollen. Ihrem Sohn eröffnet die Fürstin, eine Frau für ihn gefunden zu haben. Der Prinz merkt aber, dass etwas seine Mutter bedrückt. Sie will ihn aber von allen schlechten Nachrichten fernhalten. Der Bettelmönch Paisi (Vasily Efimov, Tenor) wird von Mamirow engagiert, den Prinzen zu beobachten. Es kommt zum offenen Streit zwischen dem Fürst und der Fürstin, die droht, die heimliche Affäre ihres Mannes den Vertretern der Kirche anzuzeigen. Als einige Diebe Waren in den Fürstenpalast bringen, wirft das Volk Mamirow vor, es zu berauben. Als Ausschreitungen drohen, stellt sich Prinz Juri öffentlich auf die Seite der Bürger und fällt damit bei seinen Eltern in Ungnade. Als er von der angeblichen Affäre seines Vaters erfährt, schwört er, seine Mutter zu rächen.

Dritter Akt: In ihrem Zimmer gesteht der Fürst Kuma seine Liebe, die sie nicht erwidert. Gegen sein weiteres Drängen kann sie sich nur mit einem Messer schützen und der Fürst verlässt sie. Zwei Freunde berichten ihr vom Racheplan Juris, den sie liebt. Sie stellt sich schlafend und wartet auf ihn. Der Prinz kommt mit einem Dolch in ihr Zimmer und will gerade zustechen, da ist er von ihrer Schönheit verzaubert und lässt die Waffe sinken. Kuma gesteht, dass sie nicht seinen Vater, sondern ihn liebe. Nach kurzem Zögern gibt Juri nach.

Vierter Akt: Eine Jagd in den Wäldern nimmt Juri zum Anlass, mit Kuma zu fliehen. Trotz der Warnungen seiner Freunde vor ihren angeblichen Zauberkräften will er sie im Wald treffen. Auch die Fürstin ist in den Wald gekommen, um vom Magier Kudma (Sergey Kaydalov, Bariton) ein Gift zu holen. Kuma, die von ihren Gefährten in den Wald gebracht und verabschiedet wurde, trifft auf die als Pilgerin verkleidete Fürstin, die ihr Wasser aus einer Quelle anbietet. Heimlich hat sie das Gift hineingemischt. Auf die nahenden Jagdhörner hin entfernt sich die Fürstin. Juri trifft auf Kumaund beide freuen sich, miteinander fliehen zu können, da stirbt sie in seinen Armen. Als die Fürstin den Mord zugibt, verflucht ihr Sohn sie, sie aber lässt Kumas Leiche in den Fluss werfen. Auch der Fürst tritt auf, will seinem Sohn aber nicht glauben, dass Kuma tot ist. In dem folgenden Streit tötet er ihn. Zu spät erkennt der Fürst, was er getan hat und verfällt dem Wahnsinn.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Nastasia (Elena Guseva) mit Fürst (Evez Abdulla) © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Nastasia (Elena Guseva) mit Fürst (Evez Abdulla) © Stofleth

In Lyon hatte man nun den ukrainischen Regisseur Andriy Scholdak (humorvoll als der „ukrainische Frank Castorf“ betitelt) verpflichtet, dessen besondere Vorliebe den mythologische Frauenfiguren gilt, die bei ihm als explosives Zentrum der Welt dargestellt werden. Das Regieteam um ihn (Regie, Bühne und Licht) mit Daniel Scholdak (Bühne), Simon Machabeli (Kostüme) und Étienne Guiol (Video) befreiten die Oper von jedweder dunklen russischen Melancholie und Schwere und verzichteten ebenso auf eine banalisierende Aktualisierung. Man lud vielmehr dazu ein, sich auf die handelnden Charaktere einzulassen, die sich in der unmittelbaren Wirkung der eigentlich im Zentrum stehenden Nastasia befinden. Sie „becirct“ durch überbetontes „Aushauchen“ ihrer Energie mit ihrer angeborenen erotischen Kraft die Personen in ihrem Umfeld zuerst und treibt dann diejenigen, die sich ihrer Anziehungskraft unterwerfen, ähnlich wie Bizets Carmen auf ein Verbrechen zu. Voller Leidenschaft, Erotik und Intensität führt ihr Lebensweg und Schicksal sie schließlich in den Tod. In den über 10 Wochen dauernden intensiven Probenarbeiten entwickelte sich darüber hinaus ein surrealistisches Ideenkonzept mentaler Realität mit einer gigantischen Aneinanderreihung von zum Teil chaotischen Elementen, bei dem in drei wesentlichen beweglichen Bühnenteilen gearbeitet und gespielt wurde. Eine Kirche, eine Fürstenwohnung und das Wirtshaus unterstrichen die Zwischenbeziehungen der handelnden Personen und splitten die Handlungsebenen in drei Parallelwelten auf. Die Rolle des „Zeugen“ in Gestalt eines diabolischen Priesters und KGB Agenten bekam der Schreiber Mamirow erst durch die Interaktion zwischen Regie und Künstlern während dieser Probenzeit, in der der Darsteller Piotr Micinski ganz besonders den Regisseur mit seiner schauspielerischen Kraft überzeugte. Dieser zum falschen Prediger mutierte Mamirow trieb dann mit „Virtual Reality Brille“ die Figuren der Oper erbarmungslos ins Verderben. Er verschaffte sich nun als Priester unaufhörlich Einblicke in reale und virtuelle Welten. Schon vor und während der Ouvertüre installierte er eine Videokamera in die Augen des Gekreuzigten. Scholdak knüpfte damit an Tschaikowskis Kritik an der Macht der Kirche an. Durch die VR-Brille erhielt er nun Einblicke in die verschiedenen Betrachtungsweisen von der reinen Liebe bis hin zur Pädophilie. Er hielt die Fäden in der Hand und führte alle Liebenden letztendlich in die Katastrophe. Nach dreieinhalb Stunden intensivem Musiktheater leerte sich die Bühne bis auf die Fassade des Wirtshauses. Was blieb? Ein tennisspielender Priester in grellgrünem Trainingsanzug – allein in seiner Selbstzufriedenheit.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier :Mamirow (Piotr Micinski), Kitschiga (Evgeny Solodovnikow), Paisi (Vassily Efimov) © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier :Mamirow (Piotr Micinski), Kitschiga (Evgeny Solodovnikow), Paisi (Vassily Efimov) © Stofleth

Musikalisch bescherte der Abend in Lyon Hochgenuss. Die aus Kurgan in Sibirien stammende Sopranistin Elena Guseva gab eine Nastasia mit hell strahlendem, leuchtenden Sopran. Die international gefeierte und zuletzt an der Wiener Staatsoper als Polina (Der Spieler) und Cio-Cio-San engagierte Sängerin gestaltete die äußerst anspruchsvolle Partie mit bestens sitzendem Sopran, klug und sicher auf dem Atem singend mit enormen kraftvollen und dramatischen Reserven. Besonders in der bekannten Arie der Nastasia im ersten Akt, in der sie die Sehnsucht nach Freiheit beschwört, und in der sie von Prinz Juri traumhaft, fast absentiert schwärmt. Auch im dritten Akt gelingt ihr in stimmlich betörender Manier, zunächst die Abweisung des Fürsten und dann die auf magische Weise anmutende Wandlung Juris vom hasserfüllten Rächer zum entflammten Liebhaber. Im vierten Akt schließlich ahnt sie in einer ergreifend gesungenen Arie ihren Tod und träumt voller Sehnsucht vom Entfliehen, vom Jammer, Elend und Leid in dieser Gesellschaft.

Evez Abdulla (Fürst, Bariton) studierte an der Musikakademie in Baku und wurde anschließend Mitglied des Ensembles der Nationaloper Aserbaidschans. Seit 2010 singt der Bariton überwiegend an bekannten Häusern in Europa. Zudem ist er festes Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim. Die Rolle des Fürsten gelang ihm mit drohendem heldischem Klang und beeindruckender Stimmführung. Man nahm ihm die „Liebe auf den ersten Blick“ sowie die Faszination von der Gastwirtin sofort ab. Besonders in der Arie im zweiten Akt singt er mit sicher gestaltender Stimme und tappt glaubwürdig in die Falle des Strippenziehers Mamirow, bei dem er seine Liebe zu Nastasia unverhohlen zugibt und damit den Schicksalslauf mit seinem finalen Wahnsinn unaufhaltsam vorantreibt.

Ksenia Vyaznikova (Fürstin, Mezzosopran) stammt aus Moskau und ist eine international erfahrenen Mezzosopranistin. Sie gestaltete die Rolle der eifersüchtigen und sich betrogen wähnenden Herrscherin mit sicher gestaltender Stimmführung, die mit metallisch prägnantem dunklen Klang und reich an kraftvoller Dramatik bestach und ihre Gefühlslagen von Liebe, Eifersucht und Hass eindringlich Form annehmen ließ. Besonders beim Aufeinandertreffen auf ihren Gatten im zweiten Akt, wo sie versucht, ihm Nastasia auszureden, zog sie alle Register ihrer Gesangskunst von der bittend lyrischen Feinheit und Finesse, bis zur drohenden dramatischen Geste an den Gatten. Im vierten Akt wurde im Duett mit Nastasia während der Vergiftungsszene das komponierte Farbspiel und die Gegensätzlichkeit in der Musik Tschaikowskis besonders deutlich. Einerseits wurden die hellen weichen Bögen für die Zauberin und andererseits hier die dunklen Klänge der Fürstin mit voller Hingabe und totbringender Überzeugung von der Mezzosopranistin zum Ausdruck gebracht.

Der jüngst an der Deutschen Oper Berlin als umjubelter Don José engagierte, aus Armenien stammende und in Sankt Petersburg studierte Tenor (Komponist und Dirigent) Migran Agadzhanyan sang den Prinzen Juri mit kraft- und ausdrucksvoller Stimme. Sicher in der Höhe und ebenso überzeugend in den intimeren Passagen. Sein an Obertönen reicher Tenor strahlt mühelos über das Orchester und harmonierte ganz besonders intensiv mit den anderen Gesangsstimmen. Einen der Höhepunkte gestaltete er beim Duett mit seiner Mutter im zweiten Akt, wo er um Seelenruhe, Glück und Freude bittend sein Herz ausschüttet und ihr helfend die Wahrheit über ihre Betrübtheit entlocken wollte. Im finalen Akt träumte er schließlich selbstverloren von seiner Liebe und bedauerte, sich von ihr während der Flucht getrennt zu haben. Auch hier zeigte er sowohl kraftvollen, metallischen Glanz als auch lyrische mit feinem Legato behaftete Gestaltung. Man darf gespannt sein, wie sich seine noch junge Karriere international weiterentwickeln wird.

Piotr Micinski nahm eine Sonderrolle ein, denn er wurde als Figur zur zentralen Gestalt der Produktion. Er genoss förmlich den schauspielerischen Raum, dem ihm die Regie gegeben hatte. Als Geistlicher, Schachspieler, Sadist, Teufel und zuletzt als Tennisspieler in giftgrünem Outfit gab er den hasserfüllten, wandlungsfähigen KGB-Agenten Mamirow mit tiefem, sicher intonierenden schelmisch schwarzen Bass. Anders als in der Vorlage Tschaikowskis trieb er das Schicksal seiner Mitspieler von Beginn an ins Verderben.

Mairam Sokolova trat als Nenila, Schwester Mamirows und Kammerfrau der Fürstin in der giftigen Atmosphäre des zweiten Aktes als Verbündete des nach Rache dürstenden Bruders auf. Mit dramatischem und überzeugendem Mezzosopran offerierte sie ihrer Herrin das „Dröhnkraut“ auf dem Wendestein (in Scholdaks Regie ein radioaktives Gift aus dem Aktenkoffer), das das Drama zu medizinisch tödlichem Ende brachte.

Das gesamte Gesangsensemble bestehend aus den erfahrenen internationalen Sängerinnen und Sängern Vasily Efimov (Paisi, Vagabund, Tenor), Sergey Kaydalov (Kudma, Magier, Bariton), Oleg Budaratskiy (Ivan Jouran, Jagdmeister, Bass-Bariton), Christophe Poncet de Solages (Lukasch, Kaufmannssohn, Tenor), Simon Mechlinski (Foka, Onkel Nastasias, Bariton), Clémence Poussin (Polja, Freundin Nastasias, Sopran), Daniel Kluge (Balakin, Kaufmann, Tenor), Roman Hoza (Potap, Kaufmannssohn, Bass-Bariton) und Evgeny Solodovnikov (Kitschiga, Faustkämpfer, Bass) wurde speziell für diese neue, in Frankreich erstmals szenisch aufgeführte Produktion zusammengestellt. Die durch die Regie notwendigen körperlichen Anstrengungen und Besonderheiten schränkten sie in keinster Weise dabei ein, mit einer hohen gesanglichen und darstellerischen Qualität zu überzeugen.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : das Ensemble zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Hervorzuheben ist auch der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Christopher Heil), der an zwei aufeinanderfolgenden Abenden eine Neuproduktion zu absolvieren hatte. An dem Abend war er nie zu sehen, aber umso eindringlicher wahrzunehmen. Die rund 35 Chormitglieder sangen äußerst präzise, wuchtig und drohend, die Emotionen der verschiedenen Farbschichten in der Musik stimmlich gestaltend. Besonders gelang dies im Schlusschor und dem finalen Chor der Männer. Schade nur, dass zum Schlussapplaus weder Chor noch Chorleiter bejubelt werden konnten.

Am Pult stand der junge aus Mailand stammende Dirigent Daniele Rustioni. Nach ersten internationalen Erfahrungen u.a. in London, Mailand und Bari ist er seit der Spielzeit 2017/18 Generalmusikdirektor der Opéra de Lyon. Gerade wurde er vom irischen Ulster Orchestra ab September 2019 zum neuen Chefdirigenten bestellt. Sein Orchester führte er mit feinster Präzision und wohltuender Balance zwischen den wuchtigen Phrasen des reinen Orchesterklangs und der überaus guten Hörbarkeit sämtlicher Sängerstimmen und des Chores. Man hört, dass er künftig auch häufiger in München zu erleben sein wird. Sein jetziger und auch dann künftiger Intendant weiß eben, was er tut.

Das Publikum der ausverkauften Opéra de Lyon würdigte die musikalische Leistung des Abends mit frenetischem Beifall für alle Beteiligten. Das Regieteam um Andrij Scholdak stand zwischen kräftigen Missfallenskundgebungen besonders aus den oberen Rängen und überwiegenden Beifallsstürmen.

Die Zauberin an der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 19.3., 22.3., 24.3., 27.3., 29.3. und 31.3.2019

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—

Berlin, Konzerthaus, Edgar – Giacomo Puccini, IOCO Kritk, 07.02.2019

Februar 7, 2019 by  
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Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin © David von Becker

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin © David von Becker

Konzerthaus Berlin

Edgar  –  Eine frühe Oper von Giacomo Puccini

Berliner Operngruppe  im  Konzerthaus Berlin

von Patrik Klein

Giacomo Puccinis Dramma lirico in drei Akten Edgar hatte am 4. Februar 2019 im Konzerthaus Berlin die semiszenische Berliner Erstaufführung mit dem Chor und Orchester der Berliner Operngruppe sowie namhaften und bestens disponierten internationalen Solisten. Die Berliner Operngruppe und das internationale Medienunternehmen Bertelsmann AG setzten damit ihre Reihe zur Präsentation seltener Opern fort.

Semiszenische Aufführung mit energiegeladenen Klängen

Die 1889 in Mailand uraufgeführte Oper um Liebe, Treue und Verrat wurde in der letzten Fassung von 1905 gegeben – erstmals in Berlin und als eine der ersten Aufführungen in Deutschland überhaupt. Die Oper lässt bereits die musikalische Genialität erkennen, die Puccini später mit Opern wie La Bohème, Tosca, Madama Butterfly oder Turandot in Vollendung offenbaren sollte. Die Berliner Operngruppe und Bertelsmann lenkten mit der Aufführung von Edgar erneut die Aufmerksamkeit auf weniger bekannte Opern großer Komponisten, deren Werke im Bertelsmann-eigenen Archivio Storico Ricordi in Mailand dokumentiert sind. Die Operngruppe startete damit vor neun Jahren; zum nunmehr dritten Mal wurde sie dabei aktiv von dem Medienkonzern unterstützt.

Konzerthaus Berlin / Edgar von Giacomo Puccini - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar von Giacomo Puccini – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Felix Krieger, künstlerischer Leiter und Dirigent der Operngruppe, reiste im November des vergangenen Jahres eigens nach Mailand, um die Originaldokumente zu Edgar im Archivio Storico Ricordi zu studieren. Er äußerte sich begeistert: „Es ist sehr beeindruckend zu sehen, wie Puccini an der ursprünglich vieraktigen Fassung von ‚Edgar‘ immer wieder vielfältige Veränderungen vorgenommen hat, um schließlich zur wesentlich kompakteren letzten Fassung von 1905 zu gelangen, die wir mit der Berliner Operngruppe zur Aufführung bringen werden.“

Das unausgereifte Textbuch von Ferdinando Fontanas mit zum Teil unglaubhaften Charakterisierungen der handelnden Personen und gelegentlicher Unabgestimmtheit zwischen Musik und Thema hat Puccini nicht davon abgehalten, eine Oper zu komponieren, deren tragischer Inhalt mit musikalischer Leidenschaft vorgetragen wird. Besonders im dritten Akt sind mehrfach die Chancen auf ein logisches Weiterentwickeln mit „Happy End“ vertan worden und man hat Mühe dem Handlungsfaden zu folgen. Der melodische Erfindungsreichtum jedoch ist groß und die bühnenwirksamen Szenen der Handlung bieten ein erhöhtes Maß an Dramatik. Die inhaltlichen Vorgänge rund um den Katafalk stellen ein für die Zeit der Entstehung kaum erträgliches Novum dar, doch spricht Puccini gerade dort seine intensivste und revolutionärste Sprache. Vor allem aber hat er spätestens nach diesem Werk, das in seiner Entwicklung geradezu eine Grundvoraussetzung für den nachfolgenden Triumph der Oper Manon Lescaut bildete, die Wichtigkeit eines guten Textbuches erkannt. Von nun an wirkte er an seinen Libretti selbst mit. Seine sorgfältig ausgesuchten Autoren trieb er durch zahlreiche eigene Vorschläge und Änderungswünsche oft bis zur Verzweiflung. Dabei hat ihn wohl nur die zeitraubende Art seines Komponierens daran gehindert, seine Texte selbst zu verfassen.

Dank Giulio Ricordi konnte die Uraufführung am Ostersonntag des Jahres 1889 in der Mailänder Scala stattfinden. Sie war ein Erfolg für den jungen Komponisten. Das Publikum nahm das Werk mit Beifall auf (die Chronik verzeichnet 24 Vorhänge und die damals übliche Wiederholung zweier Musiknummern). Die Presse jedoch urteilte vernichtend über das Libretto, äußerte sich aber lobend über den musikalischen Wert der Partitur.

Auch nach der Eliminierung des zweiten Aktes aus dem ursprünglich vieraktigen Werk blieb der Oper der Erfolg nicht treu, wenngleich noch Aufführungen in Madrid und Buenos Aires stattfanden. 1967 versuchte man in London eine Wiederaufnahme, doch haben Puccinis spätere Erfolge das Werk weitgehend verdrängt. Fidelias Totenklage wurde bei Puccinis Aufbahrung am 3.12.1924 im Mailänder Dom unter Toscaninis Leitung aufgeführt. In den letzten Jahrzehnten gab es nur sehr wenige Aufführungen dieser frühen Oper Puccinis; am 13. April 2008 beispielsweise konzertant aus der Carnegie Hall New York unter der Leitung von Eve Queler.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : David Ostrek (Gaultiero/Walter) und Silvia Beltrami (Tigrana) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : David Ostrek (Gaultiero/Walter) und Silvia Beltrami (Tigrana) © Patrik Klein

Edgar ist Puccinis zweite Oper als er noch sehr jung, sehr wild und umtriebig war. Genau so ist auch die Handlung der Oper. Es geht um einen Menschen, der komplett unzufrieden ist mit seiner Umwelt, dem sozialen Umfeld, das ihn erheblich einschränkt. Die Handlung spielt in einer klar geordneten mittelalterlichen Gesellschaft, die sehr religiös geprägt ist. Edgar rebelliert dagegen. Er hat eine Freundin und Geliebte Fidelia, die ihn versucht, auf den „rechten“ Weg zu bringen. Auf der anderen Seite gibt es aber eine verführerische andere Frau namens Tigrana, die ihn versucht in die mehr experimentellen Welten zu entführen. Zwischen diesen beiden Damen und damit zwischen diesen beiden Lebenskonzepten ist Edgar hin- und hergerissen. Edgar entscheidet sich aber bereits am Ende des ersten Aktes, aus dieser religiös geprägten Gesellschaft auszubrechen und mit Tigrana ein neues Leben anzufangen. Dieses neue Leben ist geprägt von Ausschweifungen, libertärem Wesen und einem erotischen Tag- Nachttraum, den er irgendwann durchdringen muss. Aber auch dieses Leben wird ihm ähnlich wie bei Wagners Tannhäuser irgendwann langweilig. Er lässt dann auch Tigrana wieder hinter sich und versucht in seine Ursprungswelt zurückzugelangen. Doch es ist zu spät; in sein früheres Leben kann er nicht mehr integriert werden.

Die Handlung – Erster Akt: (Flandern, 1302) Während die Landleute ihr Tagewerk beginnen, trifft Fidelia Edgar, begrüßt ihn zärtlich und eilt davon. Tigrana, die Edgar ebenfalls gern hat, verspottet und umwirbt den jungen Mann; dieser, hingerissen zwischen Zuneigung zu Tigrana und Liebe für Fidelia, lässt sie stehen und flüchtet in sein Häuschen. Frank, Fidelias Bruder, macht Tigrana, die er liebt, Vorhaltungen, weshalb sie das verabredete Rendezvous nicht eingehalten habe. Diese will nichts von ihm wissen. Tigrana, ein Maurenmädchen, das Zigeuner ausgesetzt haben und das von Walter aufgezogen wurde, hat einen schlechten Ruf und reizt durch ein freches Lied die zur Kirche gehenden Leute, die sie fortzujagen drohen. Edgar verteidigt sie gegen die Bauern und entschließt sich, mit ihr das Dorf zu verlassen, nachdem er sein Haus angezündet hat. Frank will Tigrana mit Gewalt zurückhalten und fordert Edgar zum Zweikampf; Edgar verwundet ihn und flieht mit Tigrana. Schwester und Vater halten Frank mühsam zurück. Dieser stößt einen Fluch gegen sie aus: „Abbieta creatura, Maledizione a te!“

Zweiter Akt: Edgar hat mit Tigranaeine Weile zusammengelebt, ist aber seiner Geliebten überdrüssig geworden. Sehnsüchtig denkt er an Fidelia. Tigrana merkt an seinem Benehmen, dass ihr Liebhaber sie verlassen will und versucht ihn zurückzugewinnen. Ein Trupp Soldaten nähert sich. Frank, der Hauptmann geworden ist, führt ihn an. Frank und Edgar, der seinem ehemaligen Feind gesteht, er habe es bereut, Fidelia verlassen zu haben, versöhnen sich und ziehen zusammen fort. Tigrana schwört Rache.

Dritter Akt: Edgar kommt als Mönch verkleidet mit Frank zurück; beide gehen einem Trauerzug voran. Vor den Toren der Stadt Kortijk ist für Edgar, der in der Schlacht gefallen sein soll, ein Katafalk errichtet worden; eine Trauermesse beginnt. Auch Fidelia glaubt, Edgar sei tot, und beklagt ihn. Der verkleidete Edgar bezeichnet den Verstorbenen als Wüstling, der mit einer Dirne zusammen gelebt habe, worauf die Landleute Verwünschungen ausstoßen. Fidelia verteidigt den Toten. Edgar erkennt freudig, dass sie ihn noch immer liebt. Er wirft seine Verkleidung ab, steht in Ritterrüstung da und umarmt seine Geliebte; der Sarg auf der Bahre erweist sich als leer. Tigrana, die Edgar und Frank gefolgt war, schleicht sich an Fidelia heran und erdolcht sie. Edgar bricht über ihrer Leiche zusammen, während die Mörderin von Soldaten abgeführt wird.

Die Oper ist wie ein Kondensat aus Puccinis besten Melodien und von einem jungen Mann noch etwas ungeordnet komponiert. Aber das macht gerade den Reiz und den Scharm dieser Oper aus. Manchmal klingt es wie eine kleine Turandot, man vernimmt Anklänge aus La Bohème, Tosca und Manon Lescaut.

Mit behutsam ausgewählten Ausstattungselementen, die die Charaktere der Protagonisten und die Eckpfeiler der Handlung unterstreichen, setzt der Regisseur Thilo Reinhardt Puccinis Oper in plausible Bilder und nachvollziehbare Szenenabläufe um. In passenden Kostümen und mit etlichen Versatzstücken gelingt ihm eine Anreicherung der doch gelegentlich abstrusen Handlungsstränge mit dramaturgischer Substanz. Die Szenen im dritten Akt vor dem Katafalk zum Beispiel spielen sich direkt vor dem Dirigentenpult ab. Ein Stehtisch, wie aus einem Cocktailempfang einer Partygesellschaft ist geschmückt mit dem Bild des angeblich gefallenen Soldaten Edgar, seiner Urne und ein paar Kerzen. Die Flagge Italiens (das Stück spielt um 1300 n.Chr. in Flandern) weht stolz auf dem Podium des Konzerthauses Berlin. In Mönchskutte, Trauerkleidern, Galauniform und Zylinderhut geben die handlungsführenden Personen ihr Bestes, um den von der Musik gebannten Zuhörer auch optisch in die dramatische Handlung zu einzubinden.

Musikalisch ist der Opernabend auf einem sehr hohen Niveau angesiedelt. Der Konzertsaal, der in seiner Akustik subjektiv der Hamburger Laeiszhalle ähnelt, scheint geradezu ideal für ein Chor- und Orchesterkonzert. Warme Klänge und ein recht langer Nachhall sorgen für einen exquisiten Musikgenuss. Durch die enorme Energie der Musik Puccinis mit vielen Ausbrüchen und satten Fortissimopassagen, hatten es die Sänger nicht immer leicht, sich stimmlisch durchzusetzen.

Der britische Tenor Peter Auty, (Edgar, ein junger Bauer), der beim Glyndebourne Festival als Rodrigo und Nemorino sang, sowie an der Scottish Opera und der Oper Frankfurt engagiert war, sang seine Rolle mit großer Leidenschaft und viel Kraft. Mit superber Stimmführung, feiner Phrasierung und betontem Legato meisterte er die schwere Partie. Besonders bei der bekannten Arie im zweiten Akt „Orgia, chimera – dall ´occhio vitreo, dal soffio ardente…“ (Orgie, Chimäre mit glasigem Auge und feurigem Atem …) glänzte er zunächst in Feierlaune mit Lametta um den Hals und später voller Wut zündelnd mit dem Feuerzeug aus dem vergangenen Akt, mit melodischen Bögen und metallischem Material.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Peter Auty als Edgar © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Peter Auty als Edgar © Patrik Klein

Das Nachwuchstalent David Oštrek (Bass (Walter/Gualtiero, ein alter Bauer)), ein früheres Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Berlin gab den „jungen“ alten Vater in Zylinder und Frack mit dunklem Bass und hoher Bühnenpräsenz nicht immer nur auf dem Orchesterpodium, sondern auch aus luftiger Höhe der Chorempore.

Elena Rossi (Sopran (Fidelia, Tochter Walters) wurde in Reggio Emilia (Italien) geboren und absolvierte ihr Musikstudium am Konservatorium Achille Peri ihrer Heimatstadt. Die Gewinnerin mehrerer Opernwettbewerbe sang vor allem Hauptrollen im italienischen Spinto-Fach an vielen großen Bühnen Italiens und Europas. An diesem Abend schien es so, als ob sie die gesamte Szenerie in ihren Bann zog. Sie sang geschmeidig und variabel sowohl die hohen leicht scharf wirkenden Spitzentöne ohne zu forcieren, als auch die hauchzart angesetzten leisen Töne sehnsuchtsvoll schluchzend die Seele mitschwingen lassend. Ihre beiden bekannten Arien aus dem dritten Akt „Addio, addio, mio dolce amore – nell`ombra ove discendi…“ (auf Wiedersehen meine süße Liebe; im Schatten wo man hinabsteigt…) und „D ´ogni dolor questo e il piu gran dolor…“ (von jedem Schmerz und größter Trauer…), wo sie in Trauerkleidung, Sonnenbrille und Witwenschleier erschien, gelangen ihr besonders eindringlich und mit großen Emotionen.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Elena Rossi (Fidelia) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Elena Rossi (Fidelia) © Patrik Klein

Der international bekannte Bariton Aris Argiris (Frank, Sohn Walters), der an den großen Opernhäusern der Welt zu Hause ist, brilliert in den großen Bariton-Partien der Opern von Verdi und Puccini als auch in vielen anderen Rollen. Als Rigoletto war er vor kurzem an den Häusern der Scottish Opera in Schottland zu hören. Zuletzt debütierte er mit großartigem Erfolg als Wotan in Die Walküre in Chemnitz mit weit über die Region reichenden und überragenden Kritiken. Als Frank lässt er die enorme Bandbreite seiner dunkel bis rabenschwarz gefärbten und fein geführten Stimme erklingen. Im ersten Akt singt er die wohl bekannteste Arie „Questo amor, vergogna mia, io spezzar, scordar vorrei…“(diese Liebe, meine Scham, ich zerbreche, vergesse …) leise leuchtend, die Töne in bester „Italienischer Manier“ spuckend, besonders innig und mit feinster Phrasierung und herrlichem Glanz. Beim Fluch zum Ende des ersten Aktes „Abbietta creatura, maledizione a te…“ (kleines Geschöpf…ich verdamme Dich…) geht es mit einem hohen b (welches Puccini in dieser Fassung ausdrücklich erlaubt) sogar in den tenoralen Bereich, kraftvoll und äußerst sauber gesungen, das Orchester mit Leichtigkeit überstrahlendend, hinein. Zu Recht wird er am Ende vom begeisterten Publikum frenetisch gefeiert.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Aris Agiris (FRank) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Aris Agiris (FRank) © Patrik Klein

Die aus Italien stammende Mezzosopranistin Silvia Beltrami (Tigrana, eine maurische Waise von Walter aufgezogen), die international u.a. als Amneris, Santuzza, Eboli, Ulrica und Azucena auf sich aufmerksam machte, sang Tigrana gestenreich, mit starkem Ausdruck und besonders dunkel gefärbter, sicher Stimme. Besonders glanzvoll gelang das Duett mit Edgar im ersten Akt „Tu voluttà di fuoco, ardenti baci…„, wo sie im feuerroten Kleid mit ihm streitet, wutentbrannt die Blumen vor seine Füße wirft, ihn dann aber mit Liebkosungen und Verführung zu sich ziehen will.

Chor (Steffen Schubert Choreinstudierung) und Orchester der Berliner Operngruppe vereinen seit 2010 Profis, Musikstudenten und hervorragende Amateure zu einem künstlerisch hochentwickelten Klangkörper. Mit international bekannten Solisten und Nachwuchstalenten werden von der Berliner Operngruppe selten zu hörende Werke der Opernliteratur entdeckt und semiszenisch zur Aufführung gebracht. Am diesem Abend hatte der Chor mit Puccinis Edgar viel zu tun. In günstiger akustischer Position auf der Chorempore und nicht auf dem Podium hinter dem Orchester hatten sie einen wertvollen Anteil am Gelingen des Abends in Berlin. Am Ende des ersten Aktes (Szene 6) beispielsweise beim Zusammenspiel mit Tigrana „Iddio non benedice…“ (Gott wird Dich nicht segnen…) gelang ein besonders exakter feiner Bogen bis hin zur dramatischen Ekstase.

Gründer und künstlerischer Leiter der Berliner Operngruppe ist der international erfahrene Dirigent und Komponist Felix Krieger. Dieser hat sich mit höchst gefeierten Verdi-Aufführungen im Konzerthaus Berlin als einer der interessantesten Verdi-Dirigenten seiner Generation einen Namen gemacht. Er startete seine Laufbahn als Assistent von Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Als Gründer und künstlerischer Leiter der Berliner Operngruppe legte er den Schwerpunkt auf selten gespielte italienischen Opern. Die Aufführungen wurden von Presse und Publikum begeistert aufgenommen. Es befanden sich darunter die Berliner Erstaufführungen von Verdis Oberto, Conte di San Bonifacio, Verdis Stiffelio und Donizettis Maria di Rohan, sowie die deutsche Erstaufführung von Donizettis Betly, außerdem Bellinis Beatrice di Tenda sowie Verdis Attila, Verdis I Masnadieri und schließlich im März 2018 Verdis Giovanna d’Arco.

Puccinis Edgar dirigierte er am Konzertabend mit großer Leidenschaft und Präzision durch die emotionalen Wechselbäder der Oper. Die in der Partitur Puccinis zu findende Energie, Dramatik und der Farbenreichtum der Musik wurde von den meist jungen Orchestermitgliedern in wuchtige, manchmal die Sängerinnen und Sänger bedeckende, aber auch vielfach feingliedrige Klänge aufgespannt.

Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus Berlin dankte allen Beteiligten am Ende mit herzlichem und lange anhaltendem Applaus. Beim anschließenden Empfang durch die Bertelsmann- Gruppe wurde deutlich, dass in deren Archiv in Mailand noch viele Schätze schlummern und auf ein Erwecken harren. Man darf gespannt sein, was Felix Krieger seinem Publikum als nächstes präsentieren wird.

—| IOCO Kritik Konzerthaus Berlin |—

Buch-Rezension, „Das Wunder von Minden“ – Ring des Nibelungen, IOCO Rezension, 28.12.2108

Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

  „Das Wunder von Minden“ –  IOCO – Buchbesprechung
 Richard Wagner Opern  am  Stadttheater Minden

Von Patrik Klein

Im September 2018 wurde am Stadttheater Minden die Produktion des Ring des Nibelungen von Richard Wagner vollendet. Das wagemutige Wagner-Projekt der Kleinstadt Minden wurde belohnt: Die Produktionen an Stadttheater Minden führten zu einem unerwarteten überregionalen Erfolg.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen -  Das Rheingold - hier :  die Rheintoechter © Dorothee Rapp

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold – hier : die Rheintoechter © Dorothee Rapp

IOCO Kultur im Netz sprang erst 2017 auf den fahrenden Mindener Kultur-Zug:  IOCO Korrespondent Guido Müller berichtete über Siegfried– link HIER, Sebastian Siercke über die Götterdämmerung – link HIER.

Die Stadt Minden besitzt ein sehr kleines Stadttheater; ohne Ensemble mit wenigen Mitarbeitern in Verwaltung und Technik. Allerdings besitzt man in Minden einen mutigen Wagner-Verband mit Visionen, ungeheurer Energie und Tatendrang. Zum größten Teil aus Spenden finanziert ging man im Jahre 2002 in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater und der Nordwestdeutschen Philharmonie das Wagnis ein, die Opern Richard Wagner in auffällig hoher Qualität, nach und nach auf die kleine Bühne des Hauses zu bringen.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - Die Walkuere © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – Die Walkuere © Friedrich Luchterhandt

Im Abstand von einigen Jahren wurden die Opern Der fliegende Holländer, Tannhäuser, Lohengrin sowie Tristan und Isolde mit beachtlichem Erfolg auf die Bühne in Minden gehoben. 2015 fasste man dann die größte Herausforderung eines Opernbetriebes überhaupt in den Fokus und plante Richard Wagners Opern-Tetralogie Der Ring des Nibelungen in den folgenden Jahren aufzuführen. Jedes Jahr im September gelang eine Premiere mit Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried und schließlich 2018 mit Götterdämmerung.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - hier :  Die Norddeutsche Philharmonie © Christian Becker

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – hier : Die Norddeutsche Philharmonie © Christian Becker

Durch die Positionierung des Orchesters auf der hinteren Hauptbühne (man nennt es heute sogar landläufig das „Mindener Modell„) und damit der Nutzung der Spielfläche unmittelbar vor den Reihen im Parkett, gelang musikalisch ein sängerunterstreichender Klang sowie eine intime Nähe zum Publikum, die zu musikalisch aller höchster Qualität beitrug. Im Herbst 2019 sollen sogar zwei Aufführungen des kompletten Zyklus des Ringes erfolgen.

Nun erschien der in schwarzem Leinen gehaltene Bildband Der Ring in Minden des J.C.C. Bruns Verlag. So wie im Bühnenbild enthalten lugt ein großer roter Kreis als Symbol des Ringes auf der Titelseite. Darunter in Gold unterlegt befindet sich der Titel und das Logo vom Richard Wagner Verband Minden.

Der 240seitigeBildband mit vielen Informationen und reichlich Fotos der vier Produktionen wurde von Orchestergeschäftsführer Christian Becker und Doris Reckwell für die Nordwestdeutsche Philharmonie herausgegeben. Das Buch stellt auch im Besonderen eine Anerkenntnis dar für Frau Dr. Jutta Hering-Winckler, die als Vorsitzende des Mindener Wagner Verbandes und als permanenter Impulsgeber einen wesentlichen Anteil am Zustandekommen der Aufführungen hatte.

Die Texte kommen von Dirigent Frank Beermann (Warum der Ring in Minden? Das Wagnerwunder an der Weser), Regisseur Gerd Heinz (Wagners Ring des Nibelungen; das Jahrhundertwerk im Mindener Modell), Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann (seine Maxime: „Gross kann ich, Klein ist die Herausforderung“), Video-Künstler Matthias Lippert (Die Videosequenzen; Bewegliches Licht für den Ring in Minden), Lichtdesigner und Bühnengestalter Michael Kohlhagen (Eine sportliche Aufgabe; die Lichtgestaltung beim Ring in Minden) und der Journalistin Doris Reckewell („Die Frage stell mal lieber nicht“;  Ein Gespräch mit Jutta Winckler).

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - hier : Die Goetterdaemmerung © Christian Becker

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – hier : Die Goetterdaemmerung © Christian Becker

In den Beiträgen werden die Konzeption des Regieteams um Gerd Heinz, die musikalischen und räumlichen Besonderheiten des Hauses und all die kleinen Widrigkeiten und Herausforderungen der Umsetzung anschaulich beschrieben. Alle Mitarbeiter an dem Projekt gehen permanent an ihre Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Der Geist eines gemeinsamen Erfolgswillens, den man als Außenstehender nur erahnen kann, wird hier plastisch in all seinen Formen und Farben beschrieben.

Leser des Buchs Das Wunder von Minden werden sich wünschen, an diesem  fordernden Projekt mitgewirkt zu haben. Da dies leider nicht mehr möglich ist, wird der Besuch einer für 2019 geplanten Ring – Aufführungen zum großen Wunsch. Das Buch ist mit viel Sachkenntnis, Humor und spannend geschrieben. Mit einer Portion „Schmunzeln“ kann man es in wenigen Stunden verschlingen. Eine besondere Empfehlung von IOCO Kultur im Netz.


Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen © Christian Becker

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen © Christian Becker

Der Ring in Minden, herausgegeben von der Nordwestdeutschen Philharmonie, J.C.C. Bruns Verlag, 240 Seiten, 44.90 Euro, erhältlich im Buchhandel und bei Express-Ticketservice, ISBN 978-3-00-060989-3

Der Ring des Nibelungen:  2019 am Stadttheater Minden; zwei Zyklen des Mindener Rings sind vorgesehen:

Zyklus I startet am 12. September 2019 mit Rheingold, wird am 15. September mit Walküre, 19. September mit Siegfried fortgesetzt und endet schließlich am 22. September mit der Götterdämmerung.
Zyklus II folgt am 26. und 29. September 2019 sowie am 3. und 10. Oktober.
IOCO Kultur im Netz plant vom ersten Ringzyklus im September 2019 zu berichten.

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

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