Berlin, Deutsche Oper Berlin, Tannhäuser – Richard Wagner, IOCO Kritik, 15.05.2019

Mai 15, 2019 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg

Emma Bell – Peter Seiffert – Stimmpracht und Intensität 

von Michael Stange

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Kirsten Harms Tannäuser Inszenierung, Premiere November 2008, von dessen Reise aus dem Venusberg über die Wartburg nach Rom und zurück, auf der Suche nach Liebe, Lust und Anerkennung, besticht auf leerer Bühne durch intensiv wirkende Kostüme und ihre unprovokante Erzählung der Minnesängermär.

Von oben werden schwebenden Figuren hinuntergelassen. Mit der Hebebühne werden starke Akzente gesetzt. Metallische Rüstungen und farbenfrohe Kostümpracht des 2. Aktes werden mit einem Kaleidoskop von Hintergrundbildern ergänzt. So werden Richard Wagners Intentionen eindringlich ohne tiefenpsychologische Deutung an der Deutschen Oper Berlin auf die Bühne gebracht.

Tannhäuser –  Richard Wagner
youtube Trailer Deutsche Oper Berlin
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Wagner Sternstunde an der Deutschen Oper Berlin

Zur Ouvertüre schwebt ein Ritter im Blau durch die Wolken. Venus liegt auf einem Podest. Ihren Nymphen tummeln sich nackt im Bad. Venus und Tannhäuser sind umgeben von Klonen der Liebesgöttin. Das Finale des 1. Aktes ist eine Berglandschaft über der groteske Teufelspuppen flattern. Die Jagdgesellschaft begegnet Tannhäuser in metallischen Rüstungen auf eisernen Pferden (Foto).

Der zweite Akt zeigt zunächst eine leere Bühne mit in der Höhe schwebenden Rittern. Der Wartburgsaal ist tribünenartigen angeordnet und zeigt die bunte und farbenprächtig kostümierte Wartburggesellschaft. Das Hebe- und Senkbühnenbild entfaltet im Finale des 2. Aktes die stärkste Wirkung. Der wegen des Aufenthaltes im Venusberg ausgestoßene Tannhäuser steht als Sinnbild seiner Sünden unter der über ihm auf der Hebebühne stehenden Wartburggesellschaft.

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser © Bettina Stoess

Im dritten Akt siechen die Pilger auf Krankenbetten und über ihnen schweben wiederum die bekannten eisernen Ritter. Kern des Interpretationsansatzes ist, Elisabeth als mitleidsvolle und mildtätige Frau darzustellen. Daher wird ihr im ähnlichen Kostüm die lüsternen Liebesgöttin Venus gegenübergestellt. Beide vereinen sich im Finale zu einer Person in der zwei Seelen wohnen.

Dieser Opernabend stand im Zeichen von Sängern, Chor und Orchester. Von ihnen gingen Glanz und Magie der Aufführung aus; sie konnten sich beglückend auf der Bühne entfalten.

Die Elisabeth des Abends Emma Bell begann ihre Karriere im Mozart Fach. Ihren Rang belegte sie schon als Gewinnerin des Kathleen Ferrier Preises. Im jugendlich -dramatischen Fach zählen Rollen wie Agathe in Freischütz, Leonore in Fidelio, Elsa in Lohengrin und Elisabeth zu ihrem Repertoire. Sie paart phänomenale Stimmschönheit mit stupender Gesangstechnik. Ihr honigfarbenes Timbre ergänzt sie mit impressionistischer vokaler Ausdruckspalette und einer phänomenalen leuchtend blühenden Höhe. In der Arie „Dich teure Halle..“ verband sie sehnsüchtige, innige Momente mit jubelnden Phrasen. Die Tongebung bei „Allmächtige Jungfrau..“ war verhalten innwendig und eindringlich klagend. Die gesamte gesangliche Gestaltung war von immenser Poesie und sängerischer Fulminanz geprägt. Als Venus leistete sie gleichfalls Beachtliches und überzeugte mit sinnlich sirrendem Ton.

Peter Seiffert war als Tannhäuser ein „unbegreifliches Wunder“. Seit Jahren ist er der weltweit führende Rollenvertreter. Aufgrund seiner stimmtechnischen Meisterschaft gelangen alle schwierigen Momente dieser mörderischen Partie scheinbar mühelos. An diesem Abend hat er aber selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen. Seine Stimme verfügt über ein nahezu baritonales Fundament und eine immense strahlende Höhe. Mit betörender Tongebung sang er phänomenale Übergange vom Piano über das Mezza voce bis zum Forte. Fließend, völlig frei, dramatisch packend gefärbt, mit interpretatorischer Tiefe und Anteilnahme gefüllt füllte sein Tenor wie gemalt den Saal der DOB. Zugleich war die Stimme unglaublich fokussiert.

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser © Bettina Stoess

Selbst im Piano kam sie mühelos über das Orchester und die hohen Töne waren von metallischem prachtvoll strahlendem Glanz. In der Venus-Szene war schon bei seinem Erwachen die Stimme völlig präsent. Der dramatische Ausbruch bei „Allmächtiger, Dir sei Preis..“ war innig aber zugleich mächtig und erschütternd. In den schnellen Läufen im Finale des 1. Aktes reihten sich seine Töne wie an einer Perlenkette auf.

Im Duett des zweiten Aktes gelangen Peter Seiffert und Emma Bell – auch dank des sängerfreundlichen Dirigats – unglaublich poetische, innige Momente. Die Gesänge an die Venus waren betörend intensiv und Peter Seiffert war selbst im Finale des zweiten Aktes stets hörbar und übertönte Chor und Orchester.

Die Romerzählung begann er fahl verhalten und steigerte sich in den Ausbrüchen zu immenser Größe. Neben der gesanglichen Gestaltung entwickelte er eine überwältigende emotionale Ausdruckskraft. Die Darstellung des Zerbrechens am eigenen Fehlverhalten und fehlender Vergebung gelangen ihm mit einer unter die Haut gehenden stimmlichen Wandlungsfähigkeit und Intensität.

Simon Keenlyside als Wolfram von Eschenbach war Tannhäuser ein ebenbürtiges Gegenüber. Mit seine dunkel gefärbtem, heldenbaritonalen Timbre und seiner wohlklingenden Stimme setzte er berührende Akzente. Seine Auftritte im 3. Akt gestaltete er tief empfunden mit beeindruckender Wortdeutlichkeit und prächtiger gesanglicher Gestaltung.

Albert Pesendorfer war ein Landgraf mit Autorität uns sonorem Bass. Clemens Bieber ein klangschöner Walther von der Vogelweide und Seth Carico ein wohlklingender Heinrich der Schreiber.

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser - Schlussapplaus © Patrik Klein

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser – Schlussapplaus © Patrik Klein

Dem von Jeremy Bines fulminant einstudiertem Chor der Deutschen Oper paarte filigranes und mit mächtig auftrumpfenden Momenten. Die Klangpracht und –schönheit und die Differenziertheit waren ungemein wirkungsvoll und wurden durch die mit den Bühnenbildern einhergehende gestaffelte Choraufstellung bis in die Tiefe der Bühne besonders hervorgehoben.

Stefan Blunier dirigierte das perfekt disponierte Orchester mit immenser Sensibilität und einem unvergleichlichen Sängerfreundlichkeit. Sänger und Chor trug er auf Händen und setzte markante Akzente gepaart mit filigranem Wohlklang.

Das Publikum verfolgte die Vorstellung gebannt und konzentriert. Lang anhaltender Jubel belohnte diesen phänomenalen Wagnerabend.  Nach der Vorstellung bemerkten selbst Opernveteranen an der Garderobe, dass sie nie einen Tannhäuser von so großartiger gesanglicher Perfektion und intensiver suggestiver Wirkung  auf der Bühne erlebt haben.  Eine Lehrstunde des Wagnergesangs.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg – Deutsche Oper Berlin:  keine weiteren Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 19.04.2019

April 20, 2019 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

CARMEN – Georges Bizet

Nach den Italienischen Wochen  – Nun Carmen mit Starbesetzung

von Patrik Klein

2019 wartete die Staatsoper Hamburg mit auslastungsstarkem Frühlingsprogramm auf. In den zweiten Italienische Opernwochen seit der Saison 2017/18 wurden Opern wie Verdis Nabucco in der Neuinszenierung von Kirill Serebrennikow, Verdis Rigoletto, La Traviata und Maskenball aus dem Repertoire sowie Puccinis Manon Lescaut und Rossinis Barbier von Sevilla gespielt. Alle Opern, mit guten bis sehr guten Besetzungen, bescherten der in den letzten Jahren mit Auslastungen von nur wenig über 70% überregional ins Hintertreffen geratenen Staatsoper am Dammtor beständig volles Haus und ein begeistertes Publikum.

Will man mehr?  Wenn doch, dann den Leckerbissen Carmen von Georges Bizet mit Stargast Jonas Kaufmann:  AUSVERKAUFT – seit dem ersten Tag des Vorverkaufs! In der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog aus 2014, Video Trailer siehe unten, sind weitere bekannte Sänger zu Gast, wie Clémentine Margeine als Carmen, Alexander Vinogradov – gerade brillierte er als Zaccaria in Verdis Nabucco auf der Bühne – gibt hier den wilden Torero Escamillo. Am Pult stand der italienische Dirigent Pier Giorgio Morandi.

Carmen  – Georges Bizet
youtube Trailer der Staatsoper Hamburg zur Premiere 2014
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Jens-Daniel Herzog hatte im Premierenjahr 2014 die Handlung relativ stringent und mit handwerklicher Genauigkeit von 1820 in ein Andalusien in die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verlegt. Dies war eine Zeit, als Zigarettenschmuggel die Not lindern half und sich das Volk Stierkämpfe wenigstens live im Röhrenfernseher ansehen konnte. Vor dem Zigarettenfabrik-Bunker, auf dessen gusseisernem Tor in großen Kreidelettern „En Garde“ stand , dessen Rahmen gut als Einheitsbühnenbild funktionierte, lungerten des Diktators Franco lüstern korrupte Wachsoldaten, tummelten sich das einfache Volk und die verlorene Generation ihrer bereits ebenfalls verdorbenen Kinder, die statt mit Gewehrattrappen mit Glasflaschen bewaffnet waren.

Sergeant Don José wurde als ehemaliger Priester-Anwärter gezeichnet, der mit den Händen an der Hosennaht, vorbildlich Dienst tun wollte. Die Soldaten schleppten ihre Gewehre von einer Seite der Bühne zur anderen, der Kinderchor wuselte mit großer Hingabe, die beiden Schmuggler sahen in ihren Trash-Verkleidungen aus wie bei einer Abitur-Abschluss-Vorstellung in der geschmückten Schulaula und Escamillos Torero-Outfit, an Elvis Presley erinnernd mit goldenem Trainingsanzug, hätte selbst beim Schlagerwettbewerb einen Platzverweis kassiert.

An dem Abend kümmerte das die wenigsten, denn man war ja wegen ihm gekommen, der letztes Jahr als Cavaradossi bereits seinen seltenen Einsatz in Hamburg begann. Jonas Kaufmann war da, zuletzt gefeiert in Londons Produktion von Die Macht des Schicksals, in Hamburg an diesem Abend in bester Laune den Don José gebend.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Also stand die Musik an diesem Abend im Zentrum der Aufmerksamkeit. Pier Giorgio Morandi gilt als Spezialist im Italienischen Fach, war u.a. stellvertretender Chefdirigent am Teatro dell’Opera di Roma (1989), erster Gastdirigent an der Budapester Nationaloper (1991-1996) und erster Gastdirigent an der Königlichen Oper Stockholm. In letzter Zeit war er in Hamburg im Repertoirebereich u.a. mit Puccinis Tosca häufiger anzutreffen mit soliden, auf Sicherheit bedachten Dirigaten. Carmen, die im Oktober 1875 in Wien uraufgeführte Oper von Georges Bizet, bekam für Wien und die internationalen Bühnen eine neue Fassung mit Ballett und Rezitativen von Ernest Guiraud, die bald allen Aufführungen zugrundegelegt wurde. Librettist Ludovic Halévy hatte jedoch eine geplante Aufführung dieser Fassung an der Pariser Oper untersagt und in die Gesamtausgabe seines mit Henri Meilhac verfassten Werkes ausdrücklich die Version als „Opéra-comique“ aufgenommen. Diese Version mit gesprochenen Dialogen wurde als mithin die einzig authentische auch am Abend gespielt. Pier Gorgio Morandi dirigierte sängerfreundlich mit nahezu vorsichtigen, aber klaren Tempi, gelegentlich den Farbenreichtum und sprühende Leidenschaft, Dynamik in Bizets  Musik  vermissen lassend. Dies ließ des Betrachters Ohren noch mehr auf den Gesang der Solisten und des Chores fokussieren.

Jonas Kaufmann enttäuschte an diesem Abend in Hamburg nicht. Der Münchner, der Meisterklassen bei Hans Hotter, James King und Josef Metternich besuchte und mit seinen wichtigsten Partien wie Faust / Gounod, Don Alvaro (La forza del destino), Don Carlos, Otello, Andrea Chénier und mehr an den großen Bühnen der Welt Triumphe feiert, gab den eifersüchtigen Soldaten mit allen Facetten seiner ihn charakterisierenden Tenorstimme. Er ist noch baritonaler in seinem Klang geworden und erinnert zunehmend an den chilenischen Tenor Ramon Vinay, der in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zu den prägnantesten Stimmen seines Faches gehörte. Jonas Kaufmann beherrscht immer noch besonders die leisen Töne wie kaum ein anderer in seinem Metier. Bei den ersten Auftritten, sei es im Duett mit Micaela, wo seine perfekt geführte Stimme auf die Klänge der reinsten Liebe trifft (großartig an diesem Abend Ruzan Mantashyan als Micaela), als auch bei der Blumenarie wird es deutlich, wie er mit allen Möglichkeiten seiner Stimmkunst mühelos spielt und variiert. Zum Finale entfaltete Kaufmann seine ganze Kunst des Pianosingens. Dieser Don José wirkt wie ein flüsterndes Ungeheuer. Es berührte tief, als er Clémentine Margaines Körper umfasste: ein vor  Eifersucht wahnsinnig gewordener rasender Mörder zeigte Zartheit.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus mit Jonas Kaufmann und Clémentine Margaine © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus mit Jonas Kaufmann und Clémentine Margaine © Patrik Klein

Mit Clémentine Margaine steht Jonas Kaufmann eine ebenbürtige Partnerin auf der Bühne. Die französische Mezzosopranistin, die am Pariser Konservatorium studierte, in Partien wie u.a. Léonor (La Favorite), Amneris (Aida), Marguerite (La Damnation de Faust), Dulcinee (Don Quichotte), Dalila (Samson et Dalila) und Charlotte (Werther) ihre Schwerpunkte hat und die an den großen internationalen Bühnen zu Hause ist, gab eine Carmen, die mehr als stolze, kluge Frau zu sehen war, denn als erotische Männerfantasie. Ihre sowohl in Brust- als auch Kopflage voluminös dunkel gefärbte und feinst geführte Mezzosopranstimme unterstrich ihren Drang nach Ungebundenheit, Selbstbestimmung und Freiheit. „L’amour est un oiseau rebelle“ – „Die Liebe ist ein wilder Vogel“: In ihrer berühmten Habanera besingt sie die Unbeständigkeit des stärksten aller Gefühle mit Leidenschaft und ohne Zweifel, gewinnt so das Herz des Sergeanten Don José und bringt das Schicksal ihrer Selbst in Gange.

Als Escamillo glänzte der russische Bass Alexander Vinogradov, der am Moskauer Konservatorium studierte und mit Rollen wie u.a. Filippo II (Don Carlo), Conte di Walter (Luisa Miller), Fiesco (Simon Boccanegra), Zaccaria (Nabucco) und Méphistophélès (Faust) internationale Erfolge feierte. Den testosterongefüllten Macho gab er mit dunklem, etwas schmalem aber gut geführten Bass, bei seinem ersten Bühnenauftritt zunächst eine Pulle Schnaps austrinkend. So in Form geraten, sang er mit ebenso sicherer „Bariton-Höhe“ die berühmte und heikel schwierige Arie des Escamillo mit stark gebundener Textgebung und großer Durchdringtiefe.

Ruzan Mantashyans Micaella war ein absoluter Genuss. Die armenische Sopranistin, die in ihrem Heimatland, in Frankfurt und Paris studierte, viele internationale Auszeichnungen erhielt und ihre wichtigsten Partien u.a. als Susanna (Le Nozze di Figaro), Fiordiligi (Così fan tutte), Marguerite (Faust) und Mimì (La Bohème) an bedeutenden Häusern in Europa gab, sang mit fein geführter federleichter an Glanz und Ausdruck reicher Stimme die treue Gefährtin und Gegenspielerin Carmens, die die reine Liebe zu Don José überzeugend und zu Herzen gehend darstellte.

Staatsoper Hamburg / Carmen - hier : Schlussapplaus mit Ruzan Mantashyan, Alexander Vinogradov, Marta Swiderska und Ziad Nehme © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Carmen – hier : Schlussapplaus mit Ruzan Mantashyan, Alexander Vinogradov, Marta Swiderska und Ziad Nehme © Patrik Klein

Mit dem stark auftrumpfenden Tenor Ziad Nehme als Remendado, dem fein fokussierten Bariton des Viktor Rud als Dancairo, Florian Spiess als Zuniga, dem überaus prägnanten Bariton Zak Kariithi als Moralès, der wunderbaren Katharina Konradi als Frasquita, die ein wahrer Glücksgriff für das neue Ensemble der Staatsoper Hamburg geworden ist und der jungen polnischen Mezzosopranistin Marta Swiderska als Mercédès stand ein geschlossen engagiertes, hoch motiviertes und erstklassiges Ensemble auf der Bühne unterstützt von weiteren Solisten und dem präzisen, besonders im letzten Bild mit geschmuggelten Zigarettenstange winkenden und „alles billig“ deklamierenden Chor der Staatsoper Hamburg.

Entsprechend aus dem „Häuschen“ war dann nach gut drei Stunden auch das Publikum. Schön, dass es in der nächsten Saison erneut Wochen mit großen Besetzungen geben wird. Jonas Kaufmann hingegen wird man im nächsten Jahr nur noch in der Laeiszhalle Hamburg zu hören und zu sehen bekommen.

—| PIOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Messa da Requiem – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 06.04.2019

April 6, 2019 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

 Messa da Requiem – Giuseppe Verdi
– Hörgewohnheiten präzise ausgehebelt – Teodor Currentzis – Perm Opera

von Patrik Klein

Als die letzten zarten Töne des „Libera me“ nach gut 90 Minuten purem Musikgenuss verklungen sind und Teodor Currentzis taktstocklose, noch zittrigen Hände für über eine Minute erhoben bleiben und sich schließlich ganz langsam senken, bricht in der Elbphilharmonie Hamburg ein wahrer Jubelsturm in die atemlose Stille.

Um kaum einen Dirigenten herrscht dieser Tage so ein „Hype“ wie um Teodor Currentzis. Von den einen wird er als Heilsbringer der Klassik verehrt, der in seinen hochenergetischen Interpretationen immer bis an – oder noch besser über die Grenze hinaus geht; nach dem Motto: „Wir spielen Musik, als wäre es der letzte Tag unseres Lebens!“ Die anderen stören sich an seinem exzentrischen Äußeren und seiner musikalischen Effekthascherei.

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi - hier :  das musicAeterna Orchester der Perm Opera © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi – hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera © Claudia Hoehne

Der Grieche hat es geschafft, im russischen Perm eine treue Schar von Musikern zu versammeln, die ihm bedingungslos folgen und notfalls auch bis nachts um drei proben. „Ich verlange von meinen Musikern, dass sie noch dreimal verrückter sind als ich“. Lange Probenzeit, intensive Erarbeitung der Musik mit den Musikern und Sängern, das Werk im Fokus statt Ruhm und Geld, dem Geist der Musik auf der Spur und das Aufbrechen von Routinestrukturen beim Spielen und Hören von klassischer Musik sind einige der von ihm selbst für sich in Anspruch genommenen Charakterzüge.

Die Elbphilharmonie Hamburg hat ihn nun in der Saison 2018/19 für eine siebenteilige Residenz in die Hansestadt geholt – vier Mal mit seinem Orchester musicAeterna of Perm Opera, zwei Mal mit dem neu formierten SWR Symphonieorchester, dessen erster Chefdirigent er ist, dazu mit dem Mahler Chamber Orchestra. Auf den Programmen steht natürlich nur Musik der Extreme: Verdis Oper „La Traviata“ (IOCO berichtete), das Requiem von Brahms, Schostakowitschs „Leningrader“ und die Chor Oper „Tristia“ von Philippe Hersant, die Gedichte von Kriegsgefangenen vertont.
An diesem Abend nahm er sich das „Requiem“ von Verdi mit dem Orchester und Chor musicAeterna of Perm Opera vor.

Die Uraufführung des Messa da Requiem von Giuseppe Verdi fand am 22. Mai 1874 in der Kirche San Marco zu Mailand statt. Mit dem originalen Titelzusatz „Per l’anniversario della morte di Alessandro Manzoni XXII Maggio MDCCCLXXIV“ bezieht sich Verdi auf den von ihm zutiefst verehrten 1873 verstorbenen Dichter Alessandro Manzoni, der eine hochangesehene Identifikationsfigur des Risorgimento war, der italienischen Nationalbewegung, deren Vertreter auch Verdi selbst gewesen ist. Schon im gleichen Jahr, 1874, führte Verdi das Werk in Paris auf und brachte es 1875 auch nach London und Wien. Die Erstaufführungen in Deutschland fanden im Dezember 1875 in Köln und in München statt, kurz darauf folgte die Erstaufführung in der Dresdner Semperoper.

Wegen des Widmungsträgers bezeichnete man einst Verdis Messa da Requiem als Manzoni-Requiem. Der Begriff war vor allem im deutschen Raum in den Jahren nach den ersten Aufführungen geläufig, wurde jedoch bereits im 20. Jh. nicht mehr verwendet. Umgangssprachlich bedient man sich heute der Bezeichnung Verdi-Requiem, während für Konzertankündigungen häufig der Originaltitel Messa da Requiem eingesetzt wird.
Verdis Messa da Requiem ist, wie Berlioz’ Grande Messe des Morts und Brahms’ Ein deutsches Requiem, ein Requiem, das nicht mehr für den liturgischen Gebrauch, sondern allein für konzertante Aufführungen geschrieben wurde; daher wird es oft ironisch als Verdis beste Oper bezeichnet.

Der Text und der Ablaufplan des Werkes entsprechen fast durchgehend der römisch-katholischen Liturgie des Totengottesdienstes. Es gibt nur wenige Abweichungen davon. Verdi verzichtete nur auf die Vertonung von Graduale und Tractus, fügte jedoch das Responsorium Libera me hinzu. Die Besetzung entspricht einem Opernorchester (ähnlich groß besetzt wie bei seiner Oper Don Carlos) mit vier Solisten (Sopran Zarina Abaeva, Mezzosopran Varduhi Abrahamyan, Tenor René Barbera, Bass Tareq Nazmi) und dem vierstimmigen oft mehrfach geteilten musicAeterna chorus of Perm Opera. Mit großer Spannung und hohen Erwartungen lauschen die Zuhörer im prall gefüllte Saal der Elbphilharmonie Hamburg den Musikern auf dem Podium.

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi - hier :  das musicAeterna Orchester der Perm Opera © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi – hier : dasmusicAeterna Orchester der Perm Opera © Claudia Hoehne

Die rund 150 Musiker des musicAeterna-Ensembles treten geradlinig und unbeirrt und in traditioneller russischer Kleidung, an schwarze Mönchskutten erinnernd, mit gemächlichen Schritten auf. Auf der Bühne befinden sich nur sehr wenige Stühle. Das hat seinen guten Grund: mit Ausnahme der Cellisten und wenigen anderen Musikern stehen sie, um sich mit vollem körperlichen Einsatz in die Musik zu vertiefen. Teodor Currentzis dirigiert mit aufgeschlagener Partitur taktstocklos in seinem an einen ordentlich gekleideten Punk erinnernden Outfit. Man gewinnt bereits nach den ersten gespielten Noten den Eindruck, dass er die unzähligen Facetten von Verdis Meisterwerk wie durch einen Psychologen offenlegen und transparente, auch neue ungewohnte Klänge erzeugen möchte.

Mit dem musicAeterna chorus of Perm Opera, den Currentzis selbst und sein erster Chorleiter Vitaly Polonsky leitet, steht zudem ein 70- köpfiger Chor der Spitzenklasse auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg. Präzise, mit einer unglaublich dynamischen Leidenschaft, textverständlich, wohlklingend und mitreißend gestalten sie ihre Rolle, wobei sie ihrem Dirigenten blind folgen.
Die ersten leisen, kaum hörbaren Töne des Requiems lassen den gespannten Zuhörer bereits erstaunen. Wundersam flüstert der Chor in die magischen Klänge, die langsam von den Saiten der Streicher in den Saal fluten. Akustisch wähnt man sich weit entfernt von der Trägheit und der harmonischen Undurchsichtigkeit, an die man sich bei so vielen Aufführungen gewöhnt zu haben scheint. Die äußerste Genauigkeit jedes einzelnen Instrumentes und jeder einzelnen Stimme, auch unterstützt durch den transparenten Klang in der Elbphilharmonie, dringt genussvoll an des Zuhörers Ohren. Currentzis würzt das „Dies Irae“ mit höchstpräzisen Akzenten, rhythmischer Fülle, Wut und eiskalter Perfektion. Die Musik ist voller Schwung und gleichzeitig in einer Feinheit, die in ihrer Vielfalt unvergleichlich ist.

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi hier :  das musicAeterna Orchester der Perm Opera hier die Solisten © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi – hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera hier die Solisten © Claudia Hoehne

Auf dem Dirigentenpodium sind seine Bewegung das Mittel zum Zweck dieser Kraft des musikalischen Spiels auch optischen Ausdruck zu vermitteln. Finger, Unterarme, Hüften und Fersen werden eingesetzt wie bei einem Florettfechter im Finalkampf. Er täuscht an, pariert und stößt zum finalen Angriff. Die theatralische Sprache wird mit Pausen, rasanten Tempi und gewitterartigen Spitzen zum Höhepunkt gedrängt. So führt er die gebannte Zuhörerschaft mit einer unglaublichen Genauigkeit durch Verdis Partitur, das Orchester von nahezu unhörbar leise hauchend bis zu sturmbrausenden Peitschenhieben austeilenden gewaltigen Ausbrüchen. Bis auf ganz wenige Huster wagt das Publikum kaum zu atmen.

Der US-amerikanische Belcanto-Tenor René Barbera, der als einer der vielversprechendsten Sänger seiner Generation gilt, der 2011 den ersten Preis bei Placido Domingos Wettbewerb Operalia in den Kategorien Oper und Zarzuela gewann und der mit Partien wie Tonio in Donizettis La fille du régiment, Graf Almaviva in Rossinis Il barbiere di Siviglia, Alfredo in Verdis La traviata und Strauss’ Rosenkavalier an internationalen großen Bühnen brillierte, sang seine Partie mit Natürlichkeit und ließ besonders im „Ingemisco“ sinnliche Liebe und präzise Artikulation verströmen.
Die russische Sopranistin Zarina Abaeva ist seit 2012 Ensemblemitglied des Perm State Opera and Ballet Theatre. Zu ihrem Repertoire zählen u.a. die Titelpartie in Tschaikowskys Jolanthe, die Rolle der Tatiana in Tschaikowskys Eugen Onegin sowie Micaëla in George Bizets Carmen. Sie sang mit feinsten lyrischen Bögen, mädchenhafter Leichtigkeit und großer Strahlkraft in den Höhen. Im abschließenden „Libera me“, wo sie sich von der Rampe inmitten in den Chor umpositionierte, klang das ganz besonders mystisch, mit fast orientalischer Intonation und überirdischer Noblesse.

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi - hier :  das musicAeterna Orchester der Perm Opera hier Dirigent Teodor Currentzis © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi – hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera hier Dirigent Teodor Currentzis © Claudia Hoehne

Die natürliche, auf dem Atem strömende Stimme und die energiegeladene Charakteristik der Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan kam besonders intensiv sowohl im Duo „Recordare“ als auch in dem „Liber Scriptus“ mit hochtheatralischer Eleganz zur Geltung. Die in Armenien geborene Sängerin, die an den großen Opernhäusern in ganz Europa unterwegs ist, überzeugte mit schön dunkel gefärbter Stimme. Sie gestaltete ihre Rolle souverän, ausdrucksstark und wird dem „mörderischen“ Tonumfang der Partie eindrucksvoll gerecht. Oft liegt sie wunderbar wie ein dunkler Schatten musikalisch unter dem Sopran.

Der an der Bayerischen Staatsoper München in Opernstudio und Ensemble ausgebildete und mittlerweile international bekannte Bass Tareq Nazmi sang seine Partie mit selten gehörter Eleganz in allen seinen vorhandenen Registern und komplettierte das qualitativ erstklassige Sängerquartett. Sein sicher geführter, gut fokussierter Bass leuchtet dunkel umhüllt mit strahlendem Kern und strömenden Legato. Es gelingt ihm besonders gut, seine vorhandene Schwärze in der Stimme zurückzunehmen und Verdis gewünschten Farbreduzierungen gerecht zu werden.

Mit tosendem Beifall, Jubelstürmen und nicht enden wollenden Ovationen bedankt sich das Publikum bei den Mitwirkenden aus Perm, aus dem Osten Russlands.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Lyon, Opéra de Lyon, Intendant Serge Dorny – Im Interview, IOCO Aktuell, 30.03.2019

März 30, 2019 by  
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Opéra de Lyon / Serge Dorny, Intendant Opéra de Lyon © Blandine Soulange

Opéra de Lyon / Serge Dorny, Intendant Opéra de Lyon © Blandine Soulange

Serge Dorny, Intendant der Opéra de Lyon

Im Gespräch mit Patrik Klein, IOCO

Am Tag einer Premiere sind Intendanten von Theatern immer unter besonderer Anspannung. Wir besuchten Serge Dorny, Intendant der Opéra de Lyon, zu Beginn eines jährlich stattfindenden Festivals mit drei großen Opernpremieren. Tschaikowskis Die Zauberin stand unmittelbar bevor, gefolgt von Purcell / Kalimas Version von Dido und Aeneas und schließlich Monteverdis Il Ritorno d´Ulisse. Das unter dem Motto Leben und Schicksale stehende Festival lockte viele Gäste und Journalisten aus aller Welt in das Haus an der Rhone/Saone. Auch IOCO – Kultur im Netz erhielt erstmalig eine Einladung nach Lyon, durfte das Haus mit den offenen Türen für die Menschen der Stadt und des Landes besichtigen, an Presseinformationsveranstaltungen, der Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Saison 2019/20 und an den beiden ersten Premieren im großen Saal der Opéra de Lyon teilnehmen.

Das folgende Gespräch mit Intendant Serge Dorny, ab der Spielzeit 2021 übernimmt dieser die Intendanz der Bayerischen Staatsoper München, krönte den Besuch in Lyon. Im halb rund gekrümmten gläsernen Dach des Hauses in der neunten Etage sind die Büros der Geschäftsleitung untergebracht. Halboffene Großraumbüros mit spektakulärem Blick in die Stadt umranden den ganz in schwarz gehaltenen Konferenz- und Begegnungsbereich. Fotos der Stadt und Plakate vergangener Produktionen fallen ins Auge. Es herrscht eine ruhige, gelassene und konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Das ebenso offene Büro des Intendanten mit kleinem Vorzimmer liegt zentral inmitten seines Leitungsteams. Ein hübsch eingerichteter mittelgroßer Raum mit vielen CDs und Büchern, Schreibtisch und kleiner Gesprächsecke. Der Blick aus den Fenstern ist atemberaubend auf das Rathaus, die Dächer der umliegenden Häuser mit den vielen Schornsteinen und dem immer belebten Vorplatz des Opernhauses, auf dem sich die junge Generation künstlerisch betätigt mit modernen Tänzen, spektakulären musikalischen und szenischen Darbietungen, vielleicht in der Hoffnung, irgendwann einmal im Haus oder seinen verschiedenen anderen Spielstätten in der Stadt professionell dabei sein zu können. Freundlich und mit einer ansteckenden Gelassenheit empfängt mich Serge Dorny. Wir machen uns bekannt, meine Frau macht ein paar Fotos und lässt uns zum Gespräch alleine.

Opéra de Lyon / Serge Dorny, links, und Patrik Klein, IOCO © Simone Schumacher

Opéra de Lyon / Serge Dorny, links, und Patrik Klein, IOCO © Simone Schumacher

Zunächst ergriff ich die Gelegenheit, IOCO – Kultur im Netz vorzustellen: IOCO ist seit mehr als 10 Jahren in der deutschsprachigen Theaterlandschaft, besonders bei Musiktheatern gut etabliert. Über dreißig IOCO Kolleginnen und Kollegen im gesamten deutschen Sprachraum, von Wien bis Hamburg, von Berlin bis Aachen und neuerdings auch in Paris, berichten über kulturelle Ereignisse; Rezensionen zu Inszenierungen, aber auch alltägliche Kulturnachrichten, Portraits von Künstlern, Interviews sind für IOCO von Interesse.

IOCO (Latein Ich spiele) ist ein patentrechtlich geschützter Name. Der Name IOCO ist aber auch Richtung für unsere Publikationen: Künstlerisches Schaffen soll grundsätzlich mit positivem Fokus, mit Respekt begegnet werden; so dürfen bei IOCO  niemals einzelne Mängel, oder so eingeschätztes, die Wertung eines ganzen Werkes überdecken.

IOCO – Kolleg/innen besitzen langjährige kulturelle Erfahrungen und große ausgeprägte Leidenschaft für Musik- und Sprechtheater. Mit unterschiedlichsten Lebensläufen behaftet, Lehrer, Jurist, Ingenieur, Chormitglieder in Theatern oder auch Sänger/nnen berichten IOCO-Korrespondenten aus kulturellen Brennpunkten im deutschsprachigen Raum. In den sozialen Medien (insbesondere Facebook) pflegt IOCO intensiven persönlichen Kontakt mit vielen Künstlerinnen und Künstlern; die contentreiche Webseite www.ioco.de zieht tausende Besucher an. IOCO schafft, bietet so als Unternehmen kulturaffinen Menschen ein einzigartiges internationales Netzwerk und aktives Betätigungsfeld. Der Kontakt von IOCO zur Opéra de Lyon / Tanja Franke, dort zuständig für  Medienkommunikation in  Deutschland, Österreich, Schweiz entstand über Facebook.

IOCO:  Herr Dorny, Sie sind nun bereits seit 2003 Intendant der Opéra de Lyon. Sie haben ein „Opernhaus in der Provinz“ zu einem europaweit aufregenden und viel beachteten Haus mit mutigen Programmen und einer besonderen Jugend- und Sozialarbeit gemacht. 2017 wurde Ihr Haus von der Zeitschrift „Opernwelt“ zum Opernhaus des Jahres gekürt. Wie ist Ihnen das gelungen? Wie muss man sich als Hamburger, der zum ersten Mal hier vor Ort ist, Ihr Konzept vorstellen?

S.D.: Das ist natürlich eine sehr umfassende Frage, die ich aus der Historie kommend versuche zu beantworten. Man muss die Gegebenheiten ab etwa 1969 bis in die 1990er Jahre betrachten, wo der Grundstein zur heutigen Situation von meinen Vorgängern gelegt wurde. Es war auch in dieser Zeit eigentlich immer ein führendes Opernhaus, in denen Menschen wie John Elliot Gardiner in seiner Anfangszeit (GMD Lyon 1983-88), Kent Nagano (GMD Lyon 1988-98), Gerard Mortier (Oper Brüssel), Jean-Pierre Brossmann (Intendant in Lyon), Peter Jonas (English National Opera), Alexander Pereira (Oper Zürich) die wesentlichen Impulse gaben, die Oper hier in Lyon und die Oper in Europa zu prägen und zu erneuern. Beispielsweise gab es hier die Aufführung der Oper L’étoile von Emmanuel Chabrier, zu Naganos Zeiten die Oper Doktor Faust von Ferruccio Busoni oder die Uraufführung von Drei Schwestern von Peter Eötvös. Ich betrachte mich als Teil dieser Geschichte und mit meiner Handschrift versuche ich Stücke aus dem Repertoire, aber auch Entdeckungen aus der Vergangenheit wie zum Beispiel die heutige Premiere von Tschaikowskis Die Zauberin als französische Erstaufführung zu positionieren. Schauen Sie hier in die kommende Saison, wo wir von Franz Schreker Irrelohe ebenso als französische Erstaufführung bringen werden. Genauso wie die Musik von heute in unserem Haus einen festen Platz hat. In jedem Jahr bestelle ich zumindest ein neues Werk als Uraufführung für die Opéra de Lyon. Dabei waren Peter Eötvös, es kommen u.a. George Benjamin mit Lessons in Love and Violence und Thierry Escaich mit der Oper Shirine. Das sind alles Werke, die uns die Möglichkeiten geben, künftig das Repertoire zu erweitern. Das war damals wie heute wichtig, auch bei Mozart und Verdi, deren Werke bestellt wurden und die das Repertoire erweiterten. Für mich ist es wichtig, dass man ständig versucht, den Opernfundus zu erweitern. Abschließend ist für die Identität des Hauses hier in Lyon die Frage von Eminenz, wie man eigentlich das Genre Oper für die heutige Zeit relevant macht und in aktuelle Debatten einbindet. Schaut man zum Beispiel auf Verdis Macbeth, so ist Shakespeares Drama auch noch heute aktuell. Man muss immer versuchen mit der heutigen Welt in Resonanz zu stehen. Das sind insgesamt die wesentlichen Gründe, warum unser Haus in der Opernwelt anerkannt ist und vor allen Dingen bei den Menschen unserer Stadt geschätzt wird. Dies wird auch damit erreicht, dass wir viele Dinge mit der Stadt gemeinsam machen mit sozialen Einrichtungen, Gefängnissen und Schulen. Wir betrachten unsere Oper als Ressource und nicht nur als eine Traumfabrik. Die Menschen kommen nicht nur zu uns, sondern wir gehen auch zu ihnen vor Ort. Wir haben es geschafft, eine Vertrauenssituation zu schaffen und die Menschen haben das Gefühl, dass sie anerkannt worden sind und dass ihnen die Oper auch ein Stück weit gehört.

Opéra de Lyon / Konferenzbereich in der Opéra de Lyon © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Konferenzbereich in der Opéra de Lyon © Patrik Klein

IOCO: Wie haben Sie es geschafft das junge Publikum für sich zu gewinnen und damit zu dieser hohen Auslastung von über 90 % zu sorgen?

S.D.: Man kann nicht sagen, dass man das mit einer Aktion schafft, die die Lösung darstellt. Jede Stadt bietet da auch seine eigenen Möglichkeiten. Hier bei uns haben wir eine ganze Menge an Aktivitäten gemacht, die die Frage unterstrichen, wie man ein solches Haus inmitten des Zentrums von Lyon nach außen offen gestaltet und wie eine Oper an der politischen (nicht im ideologischen Sinne) Artikulation und an der Entwicklung einer Stadt mit agieren kann. Wir stellen uns immer die Fragen: Was machen wir? Für wen machen wir es? Wie machen wir es? Die Frage ist auch, wie viele Institutionen machen noch diese meist unangenehme Selbstbefragung. Das machen wir trotzdem gerne, weil es uns hilft eine Relevanz zu erhalten. Deshalb war es essentiell für den Erfolg dieses Hauses. Man muss sich immer wieder kritisch hinterfragen, ob man das richtige Konzept hat. Es ist uns gelungen, einen konstruktiven Dialog mit der Stadt aufzubauen. Wo gibt es denn noch heutzutage Orte, wo man sich treffen kann in einer Welt, die durch die neuen Medien geprägt ist? In den Kirchen? Auf der Post? Vielleicht im Parlament? Darstellende Künste lassen doch eine gemeinsame Emotion erleben von 1100 Menschen gleichzeitig. Sie schauen gemeinsam ein Kunstwerk an und werden gemeinsam reagieren.

Opéra de Lyon / In Vorbereitung auf das Gespräch mit Serge Dorny © Patrik Klein

Opéra de Lyon / In Vorbereitung auf das Gespräch mit Serge Dorny © Patrik Klein

IOCO: Für jede Produktion im Bereich Oper wird ein spezielles Ensemble zusammengestellt aus Gästen bzw. Künstlern aus aller Welt. Welche Vorteile bzw. Nachteile hat es, nicht auf ein hauseigenes Ensemble zurückgreifen zu können?

S.D.: Lyon ist im Gegensatz zu vielen anderen Häusern, die einen Repertoirebetrieb haben ein Haus mit dem sogenannten Stagione Betrieb. Ein festes Ensemble hier in Lyon wäre fast unmöglich, weil wir nur etwa 70 bis 80 Vorstellungen im Jahr haben statt rund 180 Vorstellungen eines Repertoiretheaters. Das wäre für ein Ensemblemitglied nicht besonders interessant. Wir machen 8 bis 9 Produktionen pro Jahr und damit wäre das ökonomisch auch nicht besonders sinnvoll. Das Stagione System ist nicht geeignet für ein Ensemble, wobei wir natürlich schon für eine Neuproduktion wie heute ein Ensemble verpflichtet haben mit Menschen, die hier für über 2 Monate arbeiten. Das heißt, wir können auch idiomatisch immer ein eigenes Ensemble holen. Für Die Zauberin haben wir einen fast vollständig russischen Cast zusammengestellt. Wenn wir dann einen Don Carlos spielen zum Beispiel, haben wir die Möglichkeit, ein idiomatisch optimales Ensemble aus guten Künstlern zusammenzustellen. Das hat natürlich Vor- und Nachteile und wenn wir wie jetzt ein Festival haben, dann haben wir fast eine Kombination aus Repertoire und Stagione, da wir fast täglich eine Vorstellung spielen. Dann sind wir im Kontext mit der Stadt sogar etwas Alltägliches. (Nachfrage IOCO: War das hier in Lyon auch zu Zeiten Gardiners und Nagano schon ein Stagione Betrieb?) Ja, auch schon zu deren Zeiten. Ich habe das nicht verändern wollen. So wie Brüssel, Amsterdam, Madrid, Barcelona und Turin ist Lyon ein typisches Haus mit Stagione Betrieb. Das unterscheidet uns von den meisten deutschen und österreichischen Häusern.

Opéra de Lyon / Blick auf Lyon aus dem Büro von Serge Dorny © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Blick auf Lyon aus dem Büro von Serge Dorny © Patrik Klein

IOCO: Worauf legen Sie Wert bei der Auswahl der Künstler, Regie, Bühnenbild,  Sängerinnen und Sänger?

S.D.: Das Konzept unseres Hauses ist gekoppelt an den dramaturgischen Gedanken. Wenn wir ein Programm gestalten, entscheide ich zusammen mit unserem Generalmusikdirektor Daniele Rustioni über ein Repertoire und die damit verbundenen dramaturgischen Gedanken. Beim Festival hat das den Kernpunkt „Leben und Schicksale“. Die Künstler suchen wir dann gemeinsam gezielt nach Vorhandensein des Repertoires aus. Also wir beantworten dann die Frage, mit wem machen wir dieses Repertoire. Es kommt der dramaturgische Gedanke, mit welchem Regisseur wir das machen. Dabei ist die entscheidende Frage, welche Handschrift, Sprache und Theater dieser Regisseur hat, wie diese zu dem ausgewählten Stück passen würde und ob sein Theater auf das kommende Stück übertragbar ist. Erst danach sprechen wir mit Dirigent und Regisseur über die mögliche Besetzung. Es ist dann so etwas wie „Type-Casting“, wenn man nach der Figur des jungen Prinzen Juri in Der Zauberin sucht. Wir sind sehr froh, dass wir den 25-jährigen Migran Agadzhanyan verpflichten konnten. Es ist uns immer wichtig, ein Gleichgewicht (Equilibrium) zwischen Rolleneignung bzw. Charakter und musikalischem Können zu finden. Wir versuchen immer unsere Produktionen glaubwürdig zu gestalten. (Nachfrage IOCO: Verlassen Sie sich bei der Auswahl ausschließlich auf Ihren Casting Chef oder mischen Sie hier selbst mit?) Das Ganze ist ein Dialog, an dem ich auch teilnehme. Regie- und Dirigentenauswahl treffe ich alleine, für die Sängerinnen und Sänger gibt es gemeinsame Gespräche, in denen das entschieden wird.

IOCO: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

S.D.: Der beginnt sehr früh und endet sehr spät (lacht).

IOCO: Wie oft besuchen Sie die Vorstellungen und Events in Ihrem Haus?

S.D.: Ich gehe nicht in jede Vorstellung, aber ich schaue mir sehr viele gerne an. Zudem bin ich in vielen Proben präsent. Die Arbeit beginnt ja nicht in der Vorstellung, sondern in den Proben. Bis zur Premiere bin ich dort sehr oft. (Nachfrage IOCO: Hören und schauen Sie sich die Proben nur an, oder mischen Sie da auch mit?) Ja, ich mische da mit. Wenn man das mit Liebe und Leidenschaft macht, dann mögen das die Mitarbeiter auch. Es hat etwas mit Vertrauen zu tun, was bei uns hier in Lyon beidseitig ist. Für mich ist das klassische Teamarbeit. Oper ist Teamarbeit. Die beginnt spätestens, wenn der Vertrag mit einem Künstler unterschrieben ist und endet mit der letzten Vorstellung. Bis dahin ist das ein Arbeitsprozess, an dem ich beteiligt bin, ja sogar beteiligt sein muss als meine Verpflichtung und meine Verantwortung.

IOCO: Sie gehen gerne Risiken ein. Wie wird sich das in der Zukunft in Lyon hör- und sichtbar darstellen? Welches Thema wird das nächste Festival haben?

S.D.: Es gibt nicht nur Risikos. Wenn ich das mache, was wir machen, gründet das auf etwas. Ich arbeite hier jetzt seit dem Jahr 2003 und das, was ich heute mache, ist nicht das Gleiche wie vor 15 Jahren. Es geht mir auch nicht um Risikos, sondern lediglich um kalkulierte Risiken. Sie als Ingenieur wissen sicher, was ich damit meine. Die Sache ist, dass man jedes Jahr eine Arbeit gemacht hat, die man weiterentwickeln kann. Es ist für mich wichtig zu versuchen, jedes Jahr weiterzukommen und daraus eine Strategie zu bilden. Dieses Jahr haben wir die fantastische Oper von Tschaikowski Die Zauberin auf dem Programm, die wie eine Ankündigung der Pique Dame daher kommt. Das ist ein typisches Beispiel.

Opéra de Lyon / Die Zauberin - hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

Opéra de Lyon / Die Zauberin – hier : Die drei virtuellen Welten © Stofleth

IOCO: Sie werden der Opéra de Lyon noch bis 2021 zur Verfügung stehen. Welche Impulse wird man in der verbleibenden Zeit noch von Ihnen erwarten können? Gibt es darüber hinaus bereits Pläne für Lyon, wie sich das Haus weiter und dann ohne Sie entwickeln soll?

S.D.: Ich bin natürlich hier bis 2021 voll beschäftigt und habe noch viele Pläne für die nächste Saison, die Sie ja morgen vorgestellt bekommen. Es ist ein ambitiöses Programm gespickt mit unbekannten Werken. Ein Haus muss heutzutage mehr als in der Vergangenheit ein ambitiöses Programm haben. Ich hoffe sehr, dass diese Ambitionen für das Haus in der Zukunft auch nach meiner Zeit nicht verloren gehen. Kunst ist immer interessant, wenn ein Element des Risikos enthalten ist. Kunst darf nichts Ordinäres sein. Das ist meine Hoffnung auch für nach 2021. Die Stadt Lyon und der Staat müssen sich da Gedanken machen wie es weitergehen soll. Ich sage das oft zum Herrn Bürgermeister und zum Herrn Minister, dass man für das Haus weitere Ambitionen aufstellen muss.

IOCO: Was machen Sie privat am liebsten als Ausgleich zu Ihren vielseitigen beruflichen Aktivitäten?

S.D.: Mein Hobby ist mein Beruf. Das ist das, was mich zum glücklichen Menschen macht. Ich darf machen, was ich liebe.

IOCO: Vielen Dank Herr Dorny für das Gespräch

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