Ludwig van Beethoven – Die neun Sinfonien, IOCO CD-Rezension, 22.01.2021

Januar 22, 2021 by  
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Ludwig van Beethoven - an einer Pariser Hausfassade © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven – an einer Pariser Hausfassade © Peter M. Peters

Beethoven Gedenkjahr – Die neun Sinfonien

Vorstellung von zwei Gesamtaufnahmen – Menuet  – DGG

von Albrecht Schneider

Weil das Corona-Virus die Kunst nicht im Mindesten respektiert, musste auch das Beethovenjahr 2020 als Feier des zweihundertfünfzigsten Geburtstages des Komponisten Ludwig van Beethoven sich der weltweiten Diktatur der Pandemie beugen. Infolge des Ausfalls mancher Festlichkeit sollen allerdings, wie zu hören ist, die Gedächtnisfeiern ins Neue Jahr 2021 prolongiert werden. Eine gute Nachricht, auf der die Hoffnung gründet, oben im Olymp, wo die Genies wohnen, würde der große Musiker, ob der defizitären Huldigung nachvollziehbar missmutig geworden, sich letztlich doch hinreichend geehrt fühlen und wieder einigermaßen zufrieden auf die Welt herabschauen.

Nichtsdestotrotz muss bedacht werden, dass es den Ton-Titan neuerlich verdrießlich stimmen könnte, sofern gerade bei unserem mancher Muse huldigendem Kulturportal aus solchem Anlass seiner zu wenig Erwähnung getan würde. Damit es nicht dazu kommt, wollen wir ihm jetzt zumindest ein Lorbeerkränzchen flechten, und zwar ohne jede Imitation jener kundigen, im beethovenschen Oeuvre geradezu bibelfesten Rezensenten. An dieser Stelle wird ohne Anspruch auf neue Erkenntnis oder neue Einschätzung schlicht und absolut subjektiv auf zwei Gesamtaufnahmen seiner Sinfonien, die vor rund sechzig Jahren entstanden sind, aufmerksam gemacht. Vorgestellt werden folgende Sets:

  • 1  –  DGG – Sinfonien 1-9 + Ouvertüren, Orchester der Wiener Staatsoper, Dirigent Hermann Scherchen,  aufgenommen 1951 bis 1958,  7 CD’s + 1 Bonus CD erschienen bei der Deutsche Grammophon, DGG 2021, zur Zeit erhältlich
  • 2 –  Menuet – Sinfonien 1-9 + Ouvertüre zu EGMONT, Royal Philharmonic Orchestra London, Dirigent René Leibowitz, aufgenommen 1961 -1962, 5 CD’s erschienen u.a. beim Label MENUET um 1990, dort zur Zeit vergriffen; aber bei anderen Labels (u.a. Amazon) problemlos erhältlich

Die oben genannten Dirigenten fügen sich nicht recht ein in den Reigen seliger oder noch nicht ganz seliggesprochener Orchesterpäbste. An diesem Habitus mangelt es beiden, gemeinsam ist ihnen indessen die Hingabe an die Musik des Zwanzigsten Jahrhunderts, zentral an die der Zweiten Wiener Schule. (Schönberg, Berg, von Webern). Die Begegnung mit Arnold Schönbergs nicht länger tonartgebundenen Methode der Komposition mit zwölf Tönen und seinen auf dieser Basis beruhenden Arbeiten war für beide Musiker essentiell.

 Deutsche Grammophon / Beethoven - Die neun Symphonien - Hermann Scherchen © DGG

Deutsche Grammophon / Beethoven – Die neun Symphonien – Hermann Scherchen © DGG

Hermann Scherchen, 1891-1966, begann als Bratschist im Orchester, legte bald das Instrument zugunsten des Taktstocks beiseite. Bereits 1912 begleitete er Schönbergs Gastspielreise mit dessen Monodram Pierrot Lunaire und leitete sie ohne ihn zu Ende. Auf den Positionen eines Chefdirigenten, Orchesterleiters und GMD’s dirigierte er vielerorts und lebenslang den ganzen Kanon der im Konzertsaal heimischen Titel, ohne jemals das Amt eines hellhörigen Agenten der Musica Viva, der Werke seiner Zeitgenossen, zu vernachlässigen. Dass er stabil im Schatten hochgerühmter und hochgeredeter Kollegen stand, dürfte ihn kaum bekümmert haben; mit seiner Auffassung von akkurater Arbeit an und für die Musik, mit seinem Standort hinter und nicht vor dem Werk, war eine Platznahme in der Starparade der Pultlöwen aussichtslos. Etwas fabulierend ließe sich von beiden Künstlern sagen, dass die Heilige Cäcilia Gefallen an ihnen Gefallen gefunden haben dürfte, vorausgesetzt, die himmlische Chorleiterin pflegte an ihrer Orgel Kompositionen des 20. Jahrhunderts zu spielen.

Menuet - Beethoven Symphonien mit René Leibowitz © Menuet

Menuet – Beethoven Symphonien mit René Leibowitz © Menuet

Dem älteren Kollegen ähnelte der jüngere René Leibowitz, 1913-1972, was Auftreten und Denken anbelangt, in mancherlei Hinsicht. Aus einer osteuropäischen jüdischen Familie stammend, emigrierte er 1926 nach Paris und machte es zu seiner neuen Heimat. Wenn auch die Nachrichten von ihm allgemein dürftig ausfallen, ist immerhin bekannt, wie eindrucksvoll und wichtig für ihn 1931 die erste Bekanntschaft ebenfalls mit Schönbergs Pierrot Lunaire gewesen sein muss. Demgemäß zielte der Werdegang des Kunsteleven auf das Dasein eines Komponisten, dessen Werkverzeichnis am Lebensende an die hundert Nummern aufwies: Bühnenstücke, Konzerte, Kammermusik. Alle sind sie, den Begriff erfand Leibowitz, der musique serielle, einer Weiterentwicklung der Zwölftonkompositionsmethode, verpflichtet, und nahezu alle blieben sie unaufgeführt und mithin weitestgehend unbekannt.

Auf dem Markt sind zwei CD’s mit dem jüngst verstorbenen Geiger Ivry Gitlis als Protagonisten, die nebst vielem anderen das Violinkonzert des René Leibowitz anbieten. Leider ist es dem Autor bis heute missglückt, ihrer habhaft zu werden.

Während der Deutschen Besetzung von Paris 1940-1944 musste Leibowitz als Jude untertauchen, manche seiner Familienmitglieder ermordeten die Nazis, er entging ihrem Ausrottungsfuror. Wie er nach dem Krieg auf sein Idol Arnold Schönberg traf und aus dem Particell von dessen Kantate op.46 Ein Überlebender aus Warschau die Partitur erstellte, empfand er dieses Monodram als eine eigene Schicksalsbeschreibung. Hinter die Arbeit an Kompositionen hatte die Tätigkeit des Dirigenten stets zurückzutreten, letztere ist auf Tonträgern bloß in kärglicher Zahl dokumentiert. Allein sein Name als großartiger Künstler wird kraft seines Dirigats der Beethovensinfonien die Zeiten überdauern.

Von denen sollen nicht alle neun Beachtung finden, greifen wir drei repräsentative heraus und beginnen mit der:

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 3 Es – Dur – Herrmann Scherchen
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Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op.46  – Eroica

von den zwei Einspielungen von 1951 und 1958 mit dem Orchester der Wiener Staatsoper unter Hermann Scherchens Leitung vorliegen. Der Dirigent hatte die Partitur samt Metronomzahlen genau studiert, und exakt das, was dort gedruckt steht, gemäß seiner eigenen Maxime: >alles hörbar zu machen< mit dem Orchester erarbeitet. Besonders in der jüngeren Aufnahme, deren Ruf unter Musikkäuzen geradezu legendär ist, artikuliert sich eine werkgetreue Wiedergabephilosophie, die seine interpretatorischen Freiheiten niemals beengt. Mit beiden Tuttischlägen zu Beginn und dem von den Streichern angestimmten, im Crescendo zum Fortissimo im 37. Takt hin drängenden Kopfthema wissen offene Ohren, welche Stunde ihnen geschlagen hat. Scherchen liest die Vehemenz aus den Noten und zwingt sie ihnen nicht auf. Heroisch ist zunächst die Kühnheit, mit der er alle Grob- und Feinheiten der Musik dem Orchester entlockt und sie dem Hörer auf den Leib rücken lässt. In seiner Eroica (der Beiname diente damals wohl mit dem Bemühen, das Neue, Unerhörte dieser Sinfonie irgendwie zu etikettieren) galoppieren gleichsam die drei idealistischen Parolen der französischen Revolution durch die Weltgeschichte. Dergleichen Metaphorik hat für die Sprache, die oftmals bei der Beschreibung musikalischer Phänomene versagt, einzustehen! Im Trauermarsch zügeln die Reiter ihre Pferde, gemessen wie im Dressurviereck schreiten sie einher, im Scherzo tänzeln sie, schnauben geräuschvoll und schlagen mit dem Schweif, um im Allegro molto-Presto schließlich furios und in mächtigen Sprüngen zurück in den Stall zu preschen.

Ja, es sei gestanden, Scherchens klare, präzise, gleichwohl hitzige, Flammen schlagende Gestaltung verführt zu derartiger verbaler Posiererei. Nicht viel anders handelte René Leibowitz.

Mit nämlicher Achtung vor den Partiturangaben hat er sich des Werks angenommen, indessen klingen dessen Impetus und Energie gebändigter, die Form droht nicht zu zerspringen, kein Feuer lodert wie beim Kollegen Scherchen. Doch strahlt die Musik, sie glüht und reißt mit. Eine Einspielung, die jener Scherchens nahezu adäquat ist.

Beide Interpreten scheuen keineswegs Emotionen, die sie freilich nicht dazu anstiften, die vier Sätze weiter, als die Partitur vorgibt, heroisch aufzublasen: Ein Heros des Achtzehnten im Anzug eines Helden des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Die klassischen Tempovorschriften, wie Adagio, Andante, Allegro con brio und Presto erweisen sich gleich den Metronomvorschriften auf Beethovens Partituren Bernd Alois Zimmermanns als ein weites Feld, auf dem man um ihre Deutung heftig streitet, also viele Schlachten geschlagen wurden, geschlagen werden, und die auch künftig nicht fehlen dürften. Jenen Vorgaben folgend, modellierten die zwei Maestri die Werke, ohne sich deshalb als gefesselt zu betrachten, und das Resultat ihrer philologischen wie interpretatorischen Verfahrensweise beeindruckt und überzeugt bis heute.

Die 5. Sinfonie c-moll op.67, wohl das Zentralgestirn in Beethovens sinfonischem Kosmos, bleibt trotzdem abwesend. Selbst wenn solche oder ähnliche Äußerungen von ihrer Seite nicht verbürgt sind: sie möchte definitiv eine Zeitlang in Ruhe gelassen werden. Dass ihr diese Ruhe zu gönnen ist, diese Meinung dürfte die Schicksalssinfonieverehrungsgemeinde vorbehaltlos teilen. Wurde doch das wehrlose Stück bis zur Erschöpfung durch Lautsprecher und Konzertsäle getrieben, weshalb ihr eigentlich von einem musikalischmedizinischen Konsortium ein Sanatoriumsaufenthalt an geheimem Ort zwecks Regeneration zu verordnen wäre. Nicht länger würde das Schicksal in den ersten Takten des op.67 DADADA DAA an die Pforte klopfen, vielmehr rechts daneben den Klingelknopf drücken.

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 6 – Rene Leibowitz
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Vielmehr als die von der Macht des Schicksals gezeichnete Fünfte und von heroischem Geist durchwehte Dritte Sinfonie lädt die

Sinfonie Nr. 6 F-Dur op.68  – Pastorale

dazu ein, zu ihrem Beginn die heiteren Empfindungen auf dem Lande mit größerer Gaudi erwachen, zum Schluss den Hirtengesang mit noch fröhlicheren Gefühlen dank des abgezogenen Sturms anstimmen und mittendrin das Gewitter mit mächtigerem Blitz und Donner hereinbrechen zu lassen. Davor sind unbestritten beide Herren gefeit. Die Pastorale unter Scherchen ist ebenfalls mit zwei Aufnahmen vertreten: 1951 und 1958. Von Beethoven selbst stammen jene oben sinngemäß zitierten Charakteristika der fünf Sätze, überdies wünschte er, um nur keine falschen Vorstellungen zu wecken, auf dem Titelblatt neben der Bezeichnung Pastoralsinfonie den Hinweis: „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ gedruckt zu sehen. Außermusikalisches mittels Notenschrift zu schildern lag gewiss nicht in der Absicht des Meisters,  aber ein paar Farbstifte hat er bei der Komposition, wennschon sparsam, benutzt. Im Sog der gelösten Musik mit ihren F-Dur und B-Dur Tonarten mitsamt den 3/4, 6/8 und 12/8 Takten entwirft unser Kopf bisweilen Szenen von gutgelaunten, unbeschwerten Landleuten in schlichtbunter Kleidung, die vor einer unvergiftet grünenden Natur säen, ernten, plaudern, tanzen und sich gelegentlich vor dem Unwetter eine Weile wegducken. Wen betören denn nicht schöne Heileweltbilder, woher immer sie stammen mögen? Um dergleichen zu imaginieren wurde die Pastorale sicherlich ebenso wenig geschrieben, wie weder Scherchen noch Leibowitz sich obigem Programm unterwerfen. Das notierte erst nachträglich, was die Musik ohnehin erzählen will, und was beide Chefs ohne sonderliche Betonung des Bukolischen und Idyllischen die Orchester erzählen lassen. Der ältere der Zwei brauchte 1951 von der Ankunft auf dem Lande bis zum Ende der Hirtenmelodeien knapp vierzig Minuten, indem er 1958 dem Landleben lediglich derer fünfunddreißig einräumte. Bauersleuten wie Instrumentalisten hat er Beine gemacht, was dem Klang gut tut, der sich ob der Rasanz geschmeidiger anhört als jener infolge des gemächlicheren Tempos und der minderen Tonqualität rauere der früheren Aufnahme. Leibowitz wiederum gestattet seiner Pastorale zweiundvierzig Minuten, sein Landvolk walzt nicht ungestüm über den Bretterboden, sondern tanzt taktgenau wie schwungvoll auf dem Rasen und kommt unterdessen kaum ins Schwitzen. Die Dirigenten bürgen für eine hellwache und vitale Wiedergabe einer weitgehend unbeschwerten, zweifellos auch von den Erscheinungen der Natur inspirierten Musik.

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 9 – René Leibowitz
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Beleuchtet wird zu guter Letzt die

Sinfonie Nr.9. c-moll op.125  – Choralsinfonie

Ludwig van Beethoven in Wien © IOCO

Ludwig van Beethoven in Wien © IOCO

die im Katalog seiner Orchesterwerke neben der Missa Solemnis als das prominenteste, wenngleich wegen seiner Kündigung der traditionellen sinfonischen Form wiederkehrend konträr verhandelte Opus Beethovens rangiert. Man ist geneigt zu sagen, dessen erste drei Sätze seien lediglich Stationen auf dem Wege zu dieses Stückes höherem Zweck, nämlich dem Chorfinale. Andererseits scheint das den Freudenhymnus einleitende Bassrezitativ: „O Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen“ die bisherige Musik als gewissermaßen vorläufig in Frage zu stellen. Lassen wir sie offen, über deren Beantwortung mögen sich dazu berufenere Köpfe die eigenen zerbrechen. An dieser Stelle hingegen wird lediglich darüber geredet, wie Scherchen und Leibowitz das nicht bloß ob des komplexen Finalsatzes sinfonische Schwergewicht stemmen.

Das Werk zu dirigieren und dabei dessen Stöhnen unter der Last ästhetischer, ideologischer oder sonstiger Debatten über sein Existenzrecht zu ignorieren, das bringen beide fertig, während sie in den ersten drei Sätze Klarheit und klassische Strenge mit dem Sinnlich-Musikalischen verbinden, deren Aggression und Pathos in Maßen zulassen, aber jederzeit die klassische Form wahren. Das gilt ebenso für die Gestaltung von Satz vier. Insofern wird nicht unbedingt offenbart, inwieweit dem einen, dem anderen oder sogar beiden Beethovens sinfonischer Entwurf (Zukunftsmusik wird Richard Wagner darin entdecken) dem eigenen Verständnis von einem klassisch-traditionellen Sinfoniemodell derart widerstrebt, um die unterschiedliche Konstitution von Choralsatz hier und den drei instrumentalen Brüdern dort als Bruch, sogar als ein das Opus.125 insgesamt denunzierendes Schisma zu empfinden. Genau besehen ist das reichlich unwahrscheinlich im Hinblick auf beider Musiker intensive Beziehung zur „Zukunftsmusik“ der Zweiten Wiener Schule, die historisch-ästhetische Formproblematikdebatten über die Sinfonie schlechthin weniger interessiert haben dürfte.

Hermann Scherchen, der sonst mit „Drive“ zu Werke geht, bewegt sich ungewohnt gemessen durch die drei ersten Sätze, so als wolle er den Einsatz zum gesungenen vierten ein bisschen länger hinausschieben. Von Anfang an jedoch gibt er dem pathossatten, hymnischen, in Musik gebetteten Gedicht des Friedrich Schiller das, was einem derartigen Text gebührt, und das bar aller Exaltation. Leider beeinträchtigt jetzt das eingeschränkte Klangbild der Aufnahme insbesondere den Part der Solisten wie des Chores. Bass und Bässe wirken mulmig und brummig, Sopran und Sopranistinnen klingen bisweilen, salopp gesagt, eine Spur hysterisch, drohen mitunter fast überzuschnappen. (Allerdings sei bloß beiläufig eine Spur gebeckmessert!) Anfangs der Fünfzigerjahre verfügten die Tontechniker halt nicht über die Möglichkeiten, die später der Aufnahme mit René Leibowitz 1962 zugute kamen. Zudem waren und sind die Meister des Remastering nicht ewig Zauberkünstler.

Für Leibowitz ist wohl das Chorfinale die raison d’ être des sinfonischen Dramas in d-moll. Hörbar zielstrebiger denn sein Kollege durchmisst er in angezogenem Tempo und mit Verve den ersten Satz, demonstriert dessen zerklüftetes Terrain mit den Tonsäulen der Bläser und flirrenden Streichern, ihren gemeinsamen Stürzen in die Tiefe und wieder hochsteigenden Skalen. Noch vorwärtsdrängender geht es zu im zweiten Satz mit den heftigen Dialogen zwischen den Instrumentengruppen, alle Aspekte der Partitur werden aufgedeckt auf dem schier unaufhaltsam forschen Marsch zum Freudenhymnus. Doch dann im dritten Satz entspannt sich die Musik, holt Atem, der Dirigent lässt dem B-Dur Adagio der Streicher ebenso alle Ruhe wie dem eingeschobenen, im Dreiertakt schwingenden nächsten Thema. Erst viele Takte danach durchbricht eine Tuttifanfare die harmonische Kontemplation und bereitet auf das Finale vor, dessen Einsatz ein schneidender Bläser- und Paukenakkord markiert. Solisten mitsamt Chor jubeln sich durch die Ode, dass es wirklich eine wahre Freude ist. Mit Contenance beschwört Leibowitz Wucht und Feuer dieses überschäumenden Gesangs, unvorstellbar, davon nicht berührt zu werden.

Gearbeitet hat Scherchen bei seinen Einspielungen ausschließlich mit Chor und Orchester der Wiener Staatsoper. Unter dem Namen wirken bekanntlich die Wiener Philharmoniker im Opernhaus am Ring. Und anderswo ebenfalls. Aus welchen Gründen sie nicht als Philharmoniker bei der Gesamtaufnahme erscheinen, erlaubt Spekulationen. Hat der Dirigent sie zu arg gepiesackt, weil er mit seinem Begehren nach Tempo, Stringenz und Dynamik die Musiker aus der Trägheit der Tradition >so hammers immer gmacht< derart peinigend aufscheuchte, um mittels Verweigerung des glorreichen Titels dem Pultdiktator den Schmerz heimzuzahlen? Dessen Anspruch brachte bei der Eroica 1958 die Wiener Musiker – Frauen wurden seinerzeit bei ihnen nicht geduldet – gelegentlich ins Stolpern, an der Brillanz und Einmaligkeit der Aufnahme indessen ändert sich deswegen nicht das Geringste.

Mit ihnen verglichen ist das Royal Philharmonic Orchestra London ein um Etliches jüngeres Ensemble, 1946 von Sir Thomas Beecham ins Leben gerufen. Seinen Rang, seine Qualität hat es unter Leibowitz perfekt unter Beweis gestellt, wer Ohren hat zu hören, der wird es hören.

Konklusion: Mit der Vorstellung obiger Gesamtaufnahmen von Beethovens Sinfonien soll der Rang der anderen bald dreißig auf dem Markt präsenten Boxen nicht infrage gestellt werden. Die subjektive Auswahl der beiden geschah, da nach des Autors Ansicht deren Meriten hervorzuheben die hierfür Verantwortlichen allemal verdient haben.

—| IOCO CD-Rezension |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Beethoven – 6. / 7. Symphonie – Chr. Thielemann, IOCO Kritik, 21.10.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Ludwig van Beethoven – 6. / 7. Symphonie – Christian Thielemann

Beethoven-Zyklus  –  Sächsische Staatskapelle mit außergewöhnlichen Interpretationen

von Thomas Thielemann

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

Mit dem 3. Symphoniekonzert setzte die Staatskapelle den Beethoven-Symphoniezyklus mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann planmäßig fort. Der Unterschied zum ursprünglich im Saison-Heft ausgedruckten Programm war, dass vor aufgelockertem Publikum die 6. und die 7. Symphonie ohne Pause gespielt wurden. Die Streicher saßen wieder paarweise vor gemeinsamen Pulten, wenn auch etwas auf Abstand. Dass die Bläser mit größerer Distanz angeordnet und mit Glastrennwänden abgeteilt waren, hatte kaum Einfluss auf das wieder kompakte Klangbild.

Ludwig van Beethoven gesellte die idyllische F-Dur-Symphonie im Juni des gleichen Jahres 1808 zur dramatischen Kampfsymphonie c-Moll, der Fünften. Während er an dieser Schicksals-Komposition seit 1804, offenbar mehrfach unterbrochen und ständig nach Neuem suchend, gearbeitet hatte, gilt die innerhalb eines reichlichen Jahres entstandene „Sechste“ als zügig entstandene Arbeit.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Es wird vermutet, dass sich Beethoven bereits 1803 von einem „Tongemälde der Natur“ des Biberacher Organisten Justin Heinrich Knecht (1752-1817) hat anregen lassen, eine „Sinfonia pastorella“ zu schreiben. Das Projekt aber erst 1807 in Angriff nahm.
Beethoven hat den fünf Sätzen, den Inhalt kennzeichnende Satzüberschriften in deutscher Sprache zugeordnet und mit dem Titel Sinfonia pastorale, Hirtensinfonie, versehen. Zugleich warnte er vor pedantischer Ausdeutung: „Man überlasse dem Zuhörer, die Situationen auszufinden. Sinfonia caracteristica oder eine Erinnerung an das Landleben.“ Und weiter:“ Auch ohne Beschreibung wird man das Ganze, eher als Empfindung und weniger als Tongemälde, erkennen“.

Beethovens F-Dur-Symphonie op. 68 gehört zu den Kompositionen, bei deren Aufführung zur Deutung der Interpretation eigentlich eine Stopp-Uhr gehört. Liegen doch die Längen der bekannten Aufzeichnungen nach meinem Überblick zwischen Karajans 37 Minuten und Christian Thielemanns 50 Minuten. Herbert von Karajan interpretierte die Beethoven-Komposition als eine vom Anfang bis zum Ende recht forsche Wanderung in einer grandiosen Landschaft. Die Aufführungen der Staatskapelle Dresden erinnerten mich eher an den genussvollen Besuch einer Galerie mit prachtvollen großflächigen Landschaftsgemälden. Da sind keine naturalistischen oder folkloristischen Abbildungen der freien Natur auszumachen. Der Dirigent nutzte das Orchester, um über die Tonmalerei zum Ausdruck der Empfindungen zu kommen. Da war im zweiten Satz kein Murmeln oder Rauschen eines Baches zu hören. Selbst „Gewitter und Sturm“ des vierten Satzes finden außerhalb statt und man vermutet, dass man lediglich vergessen hat, vor dem Unwetter die Fenster zu schließen. Christian Thielemann bot das im Laufe der Jahrzehnte oft gehörte Werk völlig unangestrengt als eine filigrane Palette tiefster Musikalität. Präzise, in freier Einfachheit schwebten die Töne mit selten gehörter Intensität. Fast melancholisch erzählen die Soloklarinette von Wolfram Große, die Solo-Oboe von Céline Moinet, des Fagotts von Thomas Eberhardt und vor allem Sabine Kittels Flöte von der Schönheit der Landschaftsbilder.

Chefdirigent Christina Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Chefdirigent Christina Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Dazu die wunderbaren Hörner der Staatskapelle, deren Wirkung die Hörer angriffen. Sehr emotional, bemüht Christian Thielemann kaum den strukturell denkenden Analytiker, sondern erweist sich als Meister raffiniert angelegter Steigerungen. Mit besonders breit ausgespielten Passagen und theatralisch gesetzten Pausen wich er vom Gewohnten ab. Da roch nichts nach freier Natur, sondern eher nach dem Bericht eines Wanderers in froher Runde beim Wein über das Erlebte.

Auf das Titelblatt des Autographs der siebten Symphonie hatte BeethovenSinfonia 1812, 13ten May“ geschrieben. Das vermerkte zwar das Datum der Partiturniederschrift, war aber im tieferen Sinne mehr. Ist doch die Symphonie der künstlerische Beitrag des Patrioten Beethoven zur nationalen Volkserhebung der Befreiungskriege sowie der Niederlagen Napoleons, die 1812 mit dem Brand von Moskau ihren Anfang nahmen. Mit seiner Siebten hat Beethoven den Sieg der unterdrückten Völker über Napoleon regelrecht voraus gesehen. Mehr noch: er sah den Sieg alles dessen, um das die Völker zum Erlangen ihres Glücks und Wohlstandes kämpfen, in einer verallgemeinerten, zeitüberhöhenden und künstlerischen Gestalt mit der A-Dur-Symphonie als kühne Vision.
Die thematische Anlage der siebten Symphonie Beethovens hat eine deutlich geringere emotionale Interpretation Christian Thielemann zur Folge, indem er den Eröffnungssatz brachial-leidenschaftlich vom ersten bis zum letzten Takt hochspannend dirigierte, um das Allegretto umso inniger anzuschließen. Mit klanglicher Opulenz, epischer Breite und technischer Brillanz wurde der Satz zu einem Nachweis der Qualität des Orchesters. Mit dem kontrastierend-rasend gespielten „Presto“ gelang es, an die Ereignisse der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. Bis zum 19. Oktober 1813, also vor exakt 207 Jahren, anzuknüpfen. Folglich war auch nichts vom oft zitierten „Tänzerischen“ auszumachen.

Der Schluss-Satz gestaltete sich noch einmal zum Kraftakt für den Dirigenten und eine Reihe der Musiker, allen voran „unseren Pauker“ Thomas Käppler, so dass man in diese Orgie der Rhythmen und der Lebensfreude zwangsläufig hineingezogen wurde.

Die Ovationen des ausgedünnten Publikums waren in beiden Konzerten heftig und herzlich, aber nicht überschäumend. Eine begrenzte Besucherzahl gab stehenden Beifall. Eventuell waren die konzentriert Hörenden doch etwas erschöpft.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Bad Salzuflen, Nordwestdeutsche Philharmonie, Wunschkonzert – Experiment mit starkem Ausgang, IOCO Kritik, 15.06.2018

Konzerthalle Bad Salzuflen am Sommerabend © Karin Hasenstein

Konzerthalle Bad Salzuflen am Sommerabend © Karin Hasenstein

Konzerthalle Bad Salzuflen

Nordwestdeutsche Philharmonie

Nordwestdeutsche Philharmonie  –  Wunschkonzert

 „Publikumswünsche werden wahr!”

Von Karin Hasenstein

Das Leben ist kein Wunschkonzert! Im Allgemeinen stimmt das: Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und eine solche Ausnahme fand am 09.06.2018 in der Konzerthalle  Bad Salzuflen statt.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie – die NWD – ist ein Verbundorchester, finanziell getragen durch mehrere Städte und Gemeinden, und hat ihren Sitz in Herford in Nordrhein-Westfalen.

Die NWD wurde 1950 als Städtebundorchester mit dem Auftrag gegründet, die Musiklandschaft in der Region Ostwestfalen-Lippe zum Blühen zu bringen. Heute spielen die 78 Musikerinnen und Musiker nicht nur in Konzertsälen zwischen Minden, Paderborn, Gütersloh und Detmold, sondern treten darüber hinaus bei zahlreichen Gastspielreisen im In- und Ausland in berühmten Häusern wie dem Concertgebouw in Amsterdam, der Tonhalle Zürich und dem Großen Festspielhaus in Salzburg auf. Neben Dänemark, Österreich, den Niederlanden, Italien, Frankreich, Spanien und Polen sorgte das Orchester mehrfach auch in Japan und den USA für ausverkaufte Konzertsäle.

Nordwestdeutsche Philharmonie © Sandra Kreutzer

Nordwestdeutsche Philharmonie – NWD © Sandra Kreutzer

Kein Wunder also, dass sich das Orchester seit seiner Gründung in seiner bald 70-jährigen Geschichte eine hervorragende Reputation in der Fachwelt und beim Publikum erarbeitet hat. Besonders die Jahre unter der künstlerischen Leitung des lettischen Dirigenten Andris Nelsons gaben dem Orchester vielfältige Impulse.

Rund 800 Musiktitel, vom Orchester eingespielt, finden sich im Archiv des Westdeutschen Rundfunks. Die NWD ist zu hören auf mehr als 200 Schallplatten- und CD-Einspielungen, so z.B. in einer eigenen CD-Edition mit Live-Aufnahmen aus großen internationalen Konzertsälen.

Aus Besuchern werden Freunde

In Zeiten knapper werdender öffentlicher Mittel stiegen einzelne Mitglieder aus dem Verbund aus, mit jedem Ausstieg wurde die Sorge um den Bestand des Orchesters größer, die Gefährdung des hohen künstlerischen Niveaus aber auch der Arbeitsplätze bedrohten die Existenz des Klangkörpers.

Damit genau das nicht geschah, engagierten sich treue Konzertbesucher für ihr Orchester. Mit 29 Gründungsmitgliedern gingen die NWD-Freunde 2012 an den Start, heute zählt der Freundeskreis 668 Mitglieder – Abonnenten, Konzertbesucher und Bürger aus ganz Ostwestfalen-Lippe, die begeistert hinter ihrem Orchester stehen und sich bei den Entscheidungsträgern der kommunalen Kulturpolitik für eine dauerhafte Existenz der NWD einsetzen.  Wer so gute Freunde hat, der gibt gerne etwas zurück. So entstand die Idee, sich beim Freundeskreis für dessen Unterstützung mit einem Konzert zu bedanken.

 Das NWD Orchester bereitet sich vor © Wilfried Brokmeier

Das NWD Orchester bereitet sich vor © Wilfried Brokmeier

Nun ist ein Wunschkonzert an sich auch nichts Spektakuläres. Das Besondere hierbei ist jedoch, dass das Programm für diesen Abend erst unmittelbar vor dem Konzert, buchstäblich Minuten vor Beginn, zusammengestellt wurde.

Das Publikum konnte aus über 50 Werken, darunter allein 46 Symphonien, auswählen. Die Punktevergabe wurde teils amüsiert, teils besorgt von Mitgliedern des Orchesters beobachtet, wusste doch keiner, was er gleich auf dem Pult liegen haben würde!

Die Auswahl aus den so ermittelten Wunschnummern wurde von Dirigent Frank Beermann und Mitgliedern des Orchesters auf ein Maß zusammengeführt, das schon allein zeitlich über den Rahmen eines „normalen” Symphoniekonzertes hinausging. Damit trotzdem möglichst viele der Publikumswünsche erfüllt werden konnten, wurde aus jeder Symphonie ein Satz ausgewählt.

Die Spannung im Orchester und im Publikum war im Saal deutlich zu spüren, als Frank Beermann ans Pult trat. Beermann studierte an der Hochschule für Musik in Detmold und war als Kapellmeister am Staatstheater Darmstadt und am Theater Freiburg tätig. Von 1997 bis 2002 hatte er einen Residenzvertrag mit der Hamburgischen Staatsoper und war als Gast an der Deutschen Oper Berlin, der Königlichen Oper Stockholm, der Oper Bonn und der Oper Marseille tätig.

NWD bei der Probe © Wilfried Brokmeier

NWD bei der Probe © Wilfried Brokmeier

Beermann, der dem Orchester seit langem verbunden ist, erklärte den Zuhörern, dass es seines Wissens ein solches Format noch nie gegeben hat, wobei ein Orchester auf die Bühne geht, ohne zu wissen, was es spielen wird und.

Alle Beteiligten erwartete also ein Experiment mit offenem Ausgang. Anstatt wochenlanger intensiver Proben gab es keine Absprachen oder Ansagen hinsichtlich Tempi, Dynamik oder wie viele Wiederholungen gespielt werden. Welches Maß an Konzentration und Disziplin das erfordert, mag der geneigte Leser sich selbst ausmalen.

Beermann hatte elf Nummern ausgewählt. Wie praktisch, dass auch Opern-Ouvertüren auf der Liste standen und so eröffnete er das Konzert mit der Ouvertüre zu Le Nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart.

Noch auf Sicherheit dirigierend versicherte Beermann dem Publikum: „Ich schwöre, nichts ist geprobt! Aber es macht Spaß!” Dieser Spaß war ihm deutlich anzumerken; ob er in diesem Moment für alle Musiker sprach, ließ sich nur erahnen.

Gewiss handelte es sich bei der großen Auswahl um Repertoirestücke, die viele Mitglieder häufig im Konzert gespielt haben, jedoch nicht jeder Einzelne und vielleicht auch der Eine oder Andere schon länger nicht mehr. Selbst Beermann bekannte, dass er an diesem Abend Stücke zum ersten Mal dirigierte – “Welche das sind, verrate ich Ihnen nach dem Konzert. Vor allem dem Orchester sage ich das hinterher…!

Nicht nur die Musiker hatten an diesem Abend Besonderes zu leisten, auch die Arbeit der Orchesterwarte stellte eine logistische Herausforderung dar, mussten doch für über 50 Werke die Noten für alle Musiker transportiert werden. So erklärte sich auch die Auswahl, denn viele Noten werden speziell von den Verlagen entliehen, was mit hohen Kosten verbunden ist. Daher spielte die NWD hier in erster Linie aus Archivmaterial. Für Beermann bedeutete das, dass er “weiße” Partituren vor sich liegen hatte, nicht eingerichtete Noten ohne Markierungen. Eine weitere Besonderheit, auf die sich wohl nicht jeder Dirigent einlassen würde und die ein hohes Maß an Erfahrung erfordert.

Es folgten zwei Stücke aus der Peer-Gynt-Suite Nr. 1von Edvard Grieg, Morgendämmerung und In der Halle des Bergkönigs. Während draußen die Sonne langsam unterging, sorgte die Morgendämmerung im Saal für die ersten zauberhaften Momente, als das berühmte Thema in der Flöte erklang, von der Klarinette aufgenommen wurde und die Naturbeschreibung in der großen Streicherbesetzung den Saal erfüllte. In der Halle des Bergkönigs hört man seine Schritte im Pizzicato der tiefen Streicher, die Violinen nehmen das Thema auf und steigern sich in Tempo und Dynamik beinahe halsbrecherisch. Erste Begeisterungsstürme brechen sich im Publikum Bahn.

Es folgt der 1. Satz aus Beethovens Symphonie Nr. 6 F-Dur op. 68  –  Pastorale

Beermann kommentiert launig: „Es gibt so viele interpretatorische Ansätze, damit kann man sich nur blamieren!” Dass die NWD genau das nicht tut, beweist, auf welch hohem Niveau und mit wie viel Erfahrung hier musiziert wird. Besonders positiv fallen hier die Holzbläser auf. Mit einer einzigen kurzen Ansage „bitte ohne ritardando!” wiederholt Beermann den Anfang, welcher perfekt gelingt.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Als folgt der 1. Satz aus der 4. Symphonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Die Italienische.

Auch hier eine einzige Ansage „ohne Wiederholungen!” und die Holzbläser erfreuen mit großer dynamischer Differenziertheit. Das Thema lässt sich transparent durch die Stimmen verfolgen, die Konzentration bei Dirigent und Orchester ist außerordentlich hoch. Allerdings auch im Publikum, versucht doch jeder, die Musiker wenigstens bei einem klitzekleinen Fehler zu ertappen.

Beermann kommentiert das Abstimmungsverhalten mit viel Humor: „Ich habe Sie beim Kleben (der Punkte) beobachtet. Da klebt einer 10 Punkte bei Bruckner 4 – warum nicht?! Wir machen das schon! An dieser Stelle möchte ich Ihnen ein Kompliment machen für Ihren sehr differenzierten Geschmack!”

Es folgt dann aber nicht Bruckner 4, sondern Schumann 1, B-Dur, op. 38, auch Frühlingssymphonie genannt, der 1. Satz: Andante un poco maestoso – Allegro molto vivace.  Die meisten Punkte erhielt, man ahnte es schon bei der Abstimmung, Antonin Dvoráks Symphonie Nr. 9 e-Moll, op. 95  – Aus der Neuen Welt -.

Hier hat sich Beermann für den Schlusssatz entschieden, Allegro con fuoco. Von großer symphonischer Besetzung wird das marschartige Hauptthema vorgetragen, das von der Neuen Welt kündet. Das folgende Klarinetten-Thema drückt die Sehnsucht des Komponisten nach seinem Vaterland aus. Beermann wählt ein rasantes Tempo, Agogik und Dynamik erfordern wiederum höchste Konzentration im Orchester und mit diesem klanglichen Leckerbissen schickt ein sichtlich glücklicher Dirigent Orchester und Publikum in die Pause.

Die Begeisterung des Publikums ist in den Pausengesprächen allgegenwärtig zu spüren. Selbst weniger erfahrenen Konzertgängern dürfte klar geworden sein, dass sie hier Zeuge einer außergewöhnlichen Leistung sind.

Mit frischem Hemd und in bester Laune tritt Beermann nach der Pause ans Pult und verkündet den Zuhörern: „Meine Damen und Herren, ich hätte nicht für möglich gehalten, dass das hier machbar ist!

Obwohl Bruckners 4. Symphonie die entsprechende Punktzahl erreicht hat, bittet er um Verständnis, dass sie an diesem Abend nicht erklingt: „Allein der erste Satz dauert schon 18 Minuten, dann sitzen wir noch um Mitternacht hier!” Der spontane Beifall im Publikum macht deutlich, dass zumindest der Eine oder Andere nichts dagegen hätte.

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

So aber leitet die Ouvertüre zu Mozarts  Don Giovanni den zweiten Teil des Abends ein. Es folgt aus der Symphonie Nr. 94 in G-Dur Mit dem Paukenschlag von Joseph Haydn der 2. Satz, Andante.

Eine kurze Anfrage aus den Violinen bezüglich etwaiger Wiederholungen bescheidet Beermann zur Freude des Publikums positiv: „Wiederholungen? Sind da drin! Wir müssen die alle spielen!” Dem beinahe kinderliedhaften Anfang im ppp folgt bald der berühmte Paukenschlag. In der Wiederholung wird das Thema in Moll verarbeitet. Auch hier ist zu spüren, dass Beermann auf Sicherheit dirigiert.

Mit Franz Schuberts Symphonie Nr. 8 h-Moll, D 759, genannt Die Unvollendete hat das Publikum ein weiteres Schwergewicht der Konzertliteratur erwählt. Diese Stücke sind so schwer zu spielen, gerade weil sie jeder kennt, beziehungsweise zu kennen glaubt. Die Unvollendete ist eine zweisätzige Symphonie, es existieren nur wenige rudimentäre Bruchstücke zu einem 3. Satz.

Der ruhige zweite Satz, Andante con moto, steht gemäß der Tradition im Kontrast zum dramatischen ersten und steht mit E-Dur in der Dur-Variante der Subdominante, was ihn vom finsteren h-Moll des ersten Satzes abhebt. Das Tempo ist ruhig fließend. Sowohl in dem getupften Pizzicato der Bässe als auch im Thema der Flöten und Hörner erfreuen die Stimmen mit großer Präzision und erstklassiger Intonation. Hier ist das Entscheidende das, was zwischen den Zählzeiten liegt. Das Stück atmet eine große Ruhe.

Das NWD Orchester © Sandra Kreutzer

Das NWD Orchester © Sandra Kreutzer

Ein Wunschkonzert ist immer auch ein bisschen wie Eintopf und so folgt als Kontrast zu Schubert der Schlusssatz (Allegretto grazioso, quasi Andantino) aus der 2. Symphonie von Johannes Brahms, D-Dur, op. 73.  Hier vermittelt sich in der Coda durch die Holzbläser-Dominanz besonders gut die Energie der Komposition.

Wer glaubt, dies sei nicht zu steigern, wird eines Besseren belehrt: Mit dem Rücken zum Publikum „Können Sie mal applaudieren, damit ich weiß, dass Sie noch da sind?” verschafft Beermann sich und dem Orchester eine kleine Verschnaufpause vor dem letzten Stück des Abends.

Als großes Finale erklingt der 3. Satz aus der Symphonie Nr. 6  Pathétique in h-Moll op. 74 von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky.

Der für Symphonien ungewöhnliche langsame Schlusssatz ist charakteristisch für dieses Werk, dessen Ende an ein Requiem erinnert. Der Komponist selbst betrachtete die Pathétique als sein wichtigstes Werk. Sie wurde unter seiner eigenen Leitung in St. Petersburg uraufgeführt, neun Tage vor seinem Tod und fand bei der Uraufführung nur wenig Beachtung. Den späteren Siegeszug der Symphonie erlebte Tschaikowsky nicht mehr.

Beermann holt noch einmal alles aus dem Orchester heraus. Die große Streicherbesetzung breitet einen satten Klangteppich unter dem wiederum erfreulich präzisen Blech aus, sämtliche Punktierungen und Synkopen sind exakt zu hören. Die Symphonie endet in einem h-Moll-Akkord der tiefen Streicher.

Nach fast drei Stunden Musik bedankte sich das begeistere Publikum bei „seinem” Orchester mit lang anhaltendem frenetischem Beifall. Es war ein besonderer Abend mit einem sehr besonderen Programm, das in dieser Form so nie wieder in einem Konzert erklingen wird.

Jeder einzelne Musiker hat an diesem Abend ein Höchstmaß an Konzentration, Disziplin und Musikalität aufgeboten, wodurch dieses außergewöhnliche Format zu einem Erfolg werden konnte.

Das Experiment „Wunschkonzert” ist geglückt!

So entließ die Nordwestdeutsche Philharmonie ein beglücktes und beschwingtes, vor allem aber dankbares Publikum in die laue Sommernacht. Einzig ein Geheimnis hat Frank Beermann nicht mehr gelüftet: welches Stück er an diesem Abend zum ersten Mal dirigiert hat. Aber das war nach diesem musikalischen Marathon auch nicht mehr wichtig.

—| IOCO Kritik Nordwestdeutsche Philharmonie |—

Wien, Theater an der Wien, Pastorale – Wiener Philharmoniker – Thielemann, IOCO Kritik, 11.04.2010

April 19, 2010 by  
Filed under Konzert, Kritiken, Theater an der Wien


Kritik

Theater an der Wien

Theater an der Wien © IOCO

Theater an der Wien © IOCO

Beethoven wieder am Ort der Uraufführung

Die Pastorale mit Christian Thieleeann

Von  AT 

Unglaublich, aber bis 1831 hatte Wien keinen öffentlichen Konzertsaal.  Im 18. Jahrhundert und noch zu Beethovens Lebzeiten fanden Konzertveranstaltungen – so genannte Akademien – in den Palais des Adels, in den Sälen von Hotels und Restaurants, im Universitätssaal und in Theatern statt. Theater waren besonders beliebt, da sie in der Regel die größte Menge von zahlenden Plätzen anboten. Die „Akademien“ fanden jedoch nur zu zwei Jahreszeiten statt: in der Fastenzeit und in der Hohen Adventszeit, d.h. in den acht Tagen vor Weihnachten. Die Hoftheater sahen darin eine willkommene Ergänzung zu ihrem normalen Spielbetrieb, denn die Vermietung an Fremdveranstalter brachte zusätzliche Einnahmen.

Beethoven mußte auf seine eigene Akademie, die er bereits in der Fastenzeit hatte abhalten wollen,  bis zur Adventszeit 1808 warten. Für den 22.Dezember 1808 bekam er jedoch die ersehnte Bewilligung. Die dann  folgende Aufführung geriet zu einem der spektakulärsten Beethoven-Konzert  der Musikgeschichte.  Das Programm  selbst für die damalige Zeit gigantisch.  Zuerst die sechste Symphonie op. 68 (Uraufführung), dann Szene und Arie „Ah perfido! op. 65, das Gloria aus der Messe in C-Dur, op. 86, das vierte Klavierkonzert, die fünfte Symphonie op. 67 (Uraufführung), das Sanctus und Benedictus aus der Messe in C-Dur, eine freie Fantasie für Klavier und schließlich die Uraufführung der Chorfantasie op. 80.  Beethoven dirigierte und spielte selbst Klavier.

Das Konzert dauerte vier Stunden und endete in einer Katastrophe: Die Symphonien waren unbekannt,  zu lang und schwer zu verstehen. Beethoven hatte sich zuvor mit dem Orchester zerstritten und dabei die Musiker beleidigt. Sie waren daher nicht besonders gut auf ihn zu sprechen. Es gab nur wenige Proben, die folgende Aufführung  in der Durchführung zwangsläufig mangelhaft. Zu allem Unglück war es im Theater  noch bitter kalt. Auch finanziell war der Abend ein Desaster:  Wegen einer populäreren Parallelveranstaltung (einem Konzert zugunsten des Witwen- und Waisenfonds der Tonkünstler-Sozietät)  war Beethovens Konzert nur zur Hälfte besetzt.

L Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Wie ganz anders gestaltete sich die Sonntagsmatinee am 11. April 2010 im plüschigen Theater an der Wien! Das musikaffine Wiener Publikum stürmte das Konzert am Vormittag, um einen seiner Lieblingsdirigenten,  den in die Schlag(seite) zeilen geratenen  Christian Thielemann,  zu erleben.  In München in Ungnade gefallen, in Dresden mit Fabio Luisi über Kreuz, an der Semperoper ab 2012 neuer Chefdirigent (nicht GMD)  setzte der deutsche Dirigent  mit dieser Aufführung seinen Beethovenzyklus in Wien fort und  bot mit einem großen Orchester im kleinen Haus eine fulminante Leistung.  Ausladender Stuck und Samtvorhänge des Theater an der Wien bieten  eine erbarmungslos trockene, jede Facette offenlegende  Akustik.

Thielemann, sehr vertraut mit den Wiener Philharmonikern, besitzt bessere Arbeitsbedingungen  als seinerzeit Beethoven. Zudem stimmt heute die „Chemie“,  die künstlerische Partnerschaft.  Und so lauschte das Publikum, gebannt, erwartend:   In der Symphonie Nr. 6 in F-Dur (Pastorale)  konnten die Bläser ihren fröhlichen Reigen am Bach genießen, den Kuckuck flöten hören, und das anschließende Stelldichein der Landleute als Überraschungspaket erleben.   Beethoven liebte die Natur. In der  Pastorale  schildert er die Empfindungen des Menschen in der Natur mit musikalischen Mitteln. „Kein Mensch kann das Land so lieben wie ich“,  schwärmte er.  „Wie froh bin ich, einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern und Felsen wandeln zu können. Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche.“  Und so komponierte er eine filigrane Palette tiefster Musikalität.  Welche Thielemann und sein Orchester in  präziser Ausformung  ausmusizierte. Töne schwebten artikuliert  in freier Einfachheit und doch  die „lebendige Natur“ vermittelnd.

Ludwig van Beethoven Wien © IOCO

Ludwig van Beethoven Wien © IOCO

Die folgende  5. Symphonie in c-moll (Schicksalssymphonie), deren Anfangsmotiv zu  Beethovens akustischer Visitenkarte wurde, gehört heute zu den meistgespielten, -analysierten, -aufgezeichneten Werken der Klassik. Der zentrale, außermusikalische Gedanke – der Weg durch die Dunkelheit zum Licht – „per aspera ad astra“ gelang in der Interpretation durch die Philharmoniker hervorragend.  Goethe  soll nach dem Hören der Symphonie beeindruckt gesagt haben: „Das ist sehr groß, ganz toll, man möchte fürchten, das Haus fiele ein.“ Friedrich Engels schrieb an seine  Schwester nach einem Konzert der „Fünften“: „Das ist gestern abend eine Symphonie gewesen! So was hast Du in Deinem Leben noch nicht gehört…Diese verzweiflungsvolle Zerrissenheit, diese elegische Wehmut, diese weiche Liebesklage und dieser gewaltige, jugendliche Posaunenjubel der Freiheit!“  Beethoven hat an dieser Symphonie relativ lange geschrieben. Begonnen hat er mit ihr im Jahre 1803, kurz nach der Fertigstellung der kaum minder berühmten dritten Symphonie, der „Eroica“. Bis 1808 komponierte er an der „Fünften“, parallel dazu an einer ganzen Reihe anderer großer Werke.  Das große Markenzeichen der c-moll Symphonie ist ihr unüberhörbar appellativer Charakter. Nie zuvor in der Musikgeschichte wurde der Zuhörer derart direkt in das Geschehen der Musik  einbezogen und angesprochen. Thielemann und seine großartig disponierten Wiener Philharmoniker gestalteten „ihre“ Pastorale  hinreißend und authentisch:  Zarte wie harte Motive (Murmeln des Baches, Gewitter )  im piano  oder rau  gestaltend, steigerten sie  sich  furios  mitreißend  zur letztlich  vollendeten Harmonie.

Das Beethoven – Konzert im Theater an der Wien  begeisterte. Es  geriet zu dem, was erhofft  wurde: Musiker wie  Dirigent wurden vom  Publikum mit Standing ovations  gefeiert. Die „Chemie“ und Kompetenz  von Thielemann und Wiener Philharmonikern ließen  Beethovens  Werke  hell erstrahlen.

IOCO / AT / 14.04.2010

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