Paris, 21. Festival Européen Jeunes Talents, Konzert: Once Upon a Time in America, IOCO Kritik, 23.07.2021,

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Hôtel de Soubise in Paris / 2021 Zentrum des Festival junger musikalischer Talente aus aller Welt © Wikimedia Commons

Hôtel de Soubise in Paris / 2021 Zentrum des Festival junger musikalischer Talente aus aller Welt © Wikimedia Commons

Festival Européen Jeunes Talents

21. FESTIVAL EUROPÉEN JEUNES TALENTS

Once Upon a Time in America – Es war einmal in Amerika

von Peter M. Peters

Am 9. Juli lässt uns das Programm des 21. Festival Européen Jeunes Talents mit dem Programm Once Upon a Time in America – Es war einmal in Amerika eintauchen in das Amerika der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das damals der Treffpunkt vieler künstlerischer Strömungen war. Es sind die europäischen Komponisten, im Exil oder auf der Suche nach neuen Inspirationen und Klängen. Jedoch auch in Amerika geborenen Musiker suchen nach neuen Wegen… nach neuen Ideen!

21. Festival Européen Jeunes Talents in Paris
Youtube Trailer Jeunes Talents
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Für George Gershwin (1898-1937) werden es die Jazzeinflüsse sein, die es ihm ermöglichen den symphonischen Jazz zu kreieren, mit dem er am Broadway und später in Hollywood triumphieren wird. Für andere wie Aaron Copland, Leonard Bernstein und Meredith Wilson wird der Film eine wichtige Rolle bei der Entwicklung ihrer musikalischen Vorstellungskraft spielen. Wir können von Gershwin die Atmosphäre der Kabaretts in New York der Zwischenkriegszeit, aber auch das von Bernstein so heiß geliebte Musical wiederentdecken. Sein berühmtes Somewhere aus West Side Story strahlt wie je zuvor am Broadway-Firmament! Es wird ein musikalisches Eintauchen in diese fabelhafte Zeit der Emulation und Kreativität sein…

Once upon a time in America

Dieser geistreiche Titel ist auch unser Leitfaden für diesen außergewöhnlichen Abend in Musik! Vielleicht schon einer der Höhepunkt vor dem Festival-Final? Die Interpreten für diesen Song-Abend waren alle auf höchstem Niveau und hatten das gewisse Extra, was man haben sollte für derartige Musik… Leichtigkeit… Lässigkeit… Nonchalance! Jeanne Gérard, Sopran mit dem Pianisten Alexander Ullmann und dem Quartett Agate: Adrien Jurkovic und Thomas Descamps, Violinen; Raphaël Pagnon, Viola; Simon Iachemet, Cello, hatten das nötige musikalische Talent und den The-Show-must-go-on-spirit für diese einzigartige Broadway-Stimmung, dazu mit einem vielversprechenden Programm: John Cage (1912-1992), Samuel Barber (1910-1981), Jake Heggie (*1961), Amy Beach (1867-1944), Aaron Copland (1900-1990), George Gershwin (1898-1937), Meredith Wilson (1902-1984), Leonard Bernstein (1918-1990), Cole Porter (1891-1964), Stephen Sondheim (*1930).

Außerdem hatten wir mit der Wetterlaune sehr viel Glück an diesem Abend: Die Show konnte mit einer besonders guten Akustik im von breiten Palastmauern umgebenen Cour de Guise stattfinden.  Kein Lärm, nicht ein einziger Laut kam aus der Großstadt zu uns herüber, nur ein einsamer Rabe rief krrrre! kreeee!… (Missbilligung oder Beifall?). Wir wollen uns eine kleine Auswahl von den seltenen fast unbekannten Songs ein wenig näher ansehen.

Ah, Love, But a Day! aus Three Browning Songs op. 44 (1899-1900 / Robert Browning / 1812-1889) von Beach. Die Komponistin war von frühreifer Begabung und nachdem sie als junges Mädchen in ihrer Heimat bei Ernst Perabo (1845-1920) Klavier und Komposition studiert hatte, wurde sie besonders in Amerika sehr schnell eine bekannte musikalische Persönlichkeit, jedoch nach ihrer Vermählung beendete sie ihre Karriere. Wir verdanken ihr Werke in den unterschiedlichsten Bereichen: Klavier, Kammermusik, Songs, Chorwerke, darunter eine große Messe, ein Klavierkonzert, eine Sinfonie und eine Oper. Ihre Songs werden bis heute von vielen großen Sängerinnen interpretiert und auch mehrere Versionen wurden eingespielt…

21 Festival Européen Jeunes Talents / Once upon in America - hier : alle Interpreten © Xavier Delfosse

21 Festival Européen Jeunes Talents / Once upon in America – hier : alle Interpreten © Xavier Delfosse

Vodka aus der Broadway-Show: Song Of The Flame (1926 / Oscar Hammerstein II / 1895-1960) von Gershwin. Dieser besonders ätherisch-süffige Song mit einer, ja man kann fast sagen, alkoholgetränkten Atmosphäre ist ein Meisterstück an musikalischer Verführung, dazu mit einem derart kribbeligen-geistreichen Text. Da muss man wohl ein Alkoholiker werden! Der Song erzählt die Geschichte eines Menschen – einer Frau – nicht sehr neu in der musikalischen Welt: beschwipst… tipsy… gris… kurzum sie trank einige Gläser zu viel, wie u.a. Rosalinde (Feuerstrom der Reben) in Die Fledermaus (1874) von Johann Strauss II (1825-1899) oder die Titelsängerin (Ariette de la griserie) aus La Périchole (1868/1874) von Jacques Offenbach (1819-1880)…

LOVESITE – Konzert  –  21. Festival Européen Jeunes Talents –  HIER

Laurie’s Song aus The Tender Land (1954 / Horace Everett / 1927-2001), Oper von Copland. Die Oper erzählt von einer Bauernfamilie im Mittlerin Westen der USA. Der Komponist wurde inspiriert dieses Werk zu schreiben, nachdem er die Fotografien von Walker Evans (1903-1975) aus der Depressionszeit gesehen und James Rufus Agees (1909-1955) Roman Let Us Now Praise Famous Men (1941) gelesen hatte. Er schrieb das Werk zwischen 1952 und 1954 für den NBC Television Opera Workshop mit der Absicht, es im Fernsehen zu präsentieren. Die Fernsehproduzenten lehnten jedoch die Oper ab. Schließlich wurde das Werk mit viel Erfolg am 1. April 1954 an der New York City Opera uraufgeführt…

21 Festival Européen Jeunes Talents / Once upon in America © Xavier Delfosse

21 Festival Européen Jeunes Talents / Once upon in America © Xavier Delfosse

The Tale Of The Oyster aus Fifty Million Frenchmen (1929 / Herbert Fields / 1897-1958) von Porter. Die Musical Comedy Tour Of Paris ist eine musikalische Komödie in zwei Akten. Das 1929 entstandene Werk wurde 254 Mal am Broadway gespielt und 1931 von Lloyd Bacon (1889-1955) erfolgreich für den Film adaptiert. Der Oyster Song ist wohl einer der komischsten Paraphrasen über ein trauriges (Austern)-Schicksal! Hier die erste Strophe im Originaltext…

Down by the sea lived a lonesome oyster
Every day getting sadder and moister
He found his home life awf’lly wet
And longed to travel with the upper set
Poor littly oyster.

Send In The Clowns aus A Little Night Music (1973 / Hugh Wheeler / 1912-1987) Musik und Lyrics von Sondheim nach dem Film Das Lächeln einer Sommernacht (1955) von Ingmar Bergman (1918-2007). Während Bühnenerfolge oft zu Filmadaptationen geführt haben, handelt es sich in diesem Fall um einen Film von Bergman, der selbst im Wort von William Shakespeares (1564-1616) A Midsummer Night’s Dream (1600) angesiedelt hat und der Librettist Wheeler inspirierte sich davon. Dieser Rahmen erlaubt Sondheim eine erstaunliche Virtuosität in der Art und Weise, wie er Wort und Musik in seinem Werk verwebt. Er erforscht Themen, die ihm am Herzen liegen, wie die Komplexität menschlicher Beziehungen oder die Angst im Angesicht der verstreichenden Zeit. Er liefert eine schillernde Partitur, die von der ternären Form dominiert wird: Die drei Lächeln der verschiedenen Lebensalter, aber auch eine Variation einer Dreiecksbeziehung während einer nordischen Nacht. Wo alle Torheiten erlaubt sind und auch wie immer unaufhörlich zusammenbrechen werden und sich dann zu einem neuen Rhythmus von drei Zeitschlägen wieder formt…

Obwohl noch am Anfang des 21. FESTIVAL EUROPÉEN JEUNES TALENTS  hatte dieser Abend ein derartiges Niveau. Es zu übertreffen wird wohl nicht sehr leicht sein…

(PMP / 13.07.2021)

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Paris, 21. Festival Européen Jeunes Talents, LOVESIGHT – Konzert in Sainte-Croix, IOCO Kritik, 21.07.2021

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CATHEDRALE SAINTE-CROIX DES ARMÉNIENS @ Xavier Delfosse

CATHEDRALE SAINTE-CROIX DES ARMÉNIENS @ Xavier Delfosse

Festival Européen Jeunes Talents

21. Festival Européen Jeunes Talents  

 6. Juli 2021 – Cathedrale Sainte-Croix des Arméniens – Paris

von Peter M. Peters

LOVESIGHT

Ein empfindsamer und intelligenter Titel für einen Liederabend (Melodien und Songs) mit Werken von Ralph Vaughan Williams (1828-1882), Henri Duparc (1848-1909), Franz Schubert (1797-1828), Samuel Barber (1910-1981), William Elden Bolcom (*1938), Jake Heggie (*1961), Lee Hoiby (1926-2011), Ben Moore (*1960) und Amy Beach (1867-1944).

21. Festival Européen Jeunes Talents in Paris
Youtube Trailer Jeunes Talents
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Die in Paris lebende amerikanische Pianistin und Pädagogin Susan Manoff, Foto unten, (Professor am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris) hat mit ihrer Auswahl ein äußerst attraktives Programm ausgewählt, indem sie sehr seltene und auch für uns völlig unbekannte Komponisten vorstellte. Die beiden jungen Sänger, die sie am Klavier begleitete, waren: Cyrielle Ndjiki Nya, Foto, Sopran und Edwin Fardini, Foto, Bariton. Leider musste das Konzert im Cour de Guise wegen schlechter Wetterlaune abgesagt werden! Die Kathedrale befindet sich gleich hinter den Archives Nationales, jedoch ist es für uns kein repräsentativer Ersatz: Denn es fehlen die nötigen akustischen Konditionen für die Musiker und ihren Instrumenten. Insbesondere für die menschliche Stimme ist es mehr als ungenügend! Die beiden jungen Interpreten können sich schon auf eine ansehnliche Karriere berufen und auch an diesem Abend haben sie trotz der akustischen Mängel mit viel Professionalismus gesungen. Vielleicht sollten sie beide noch an ihrer Aussprache arbeiten, insbesondere in den französischen Melodien und im deutschen Lied. Eine kleine Auswahl von Komposition wollen wir ein wenig näher betrachten.

Au pays où se fait la guerre (1869-1870 (Théophile Gautier / 1811-1872 / La Comédie de la mort/1883) aus Treize Mélodies (1868-1887) von Duparc. Zur Zeit des deutsch-französischen Konflikts ungewollt aktuell, hatte diese Melodie für Mezzo-Sopran eine erste Fassung unter dem Titel Absence. Überarbeitet, orchestriert vor 1876 ist sie im Stil von Clärchens Lied (Egmont op.84 / 1809) von Ludwig van Beethoven (1770-1827 / Johann Wolfgang von Goethe / 1749-1832) oder von germanischen Balladen einsamer Frauen im Krieg gerückt. In ihrer instrumentalen Komposition zeigt es in den Couplets Mahler an, unterbrochen von einem traurigen zweizeiligen Refrain, dessen Terzfigur die unterbrochene Liebesbeziehung nachvollzieht…

Die Taubenpost (Johann Gabriel Seidl / 1804-1875) aus Schwanengesang D 957 (1828) von Schubert. Tausendmal am Tag schickt der Dichter seine Brieftaube, um der Geliebten seine Botschaften zu überbringen, er braucht nicht einmal mehr Briefe, denn dieser unermüdliche treue Botschafter ist Sehnsucht: Ein Bote treuer Herzen. In der Tradition einiger Lieder aus dem Zyklus Die Schöne Müllerin D 795 (1823) oder von Abschied (Schwanengesang Nr. 7) ist es ein anmutiger geflügelter Seitenton mit einem verspielten munteren Rhythmus …

 CATHEDRALE SAINTE-CROIX DES ARMÉNIENS hier Cyrielle Ndjiki Nya und Edwin Fardini, vorne @ Xavier Delfosse

CATHEDRALE SAINTE-CROIX DES ARMÉNIENS hier Cyrielle Ndjiki Nya und Edwin Fardini, vorne @ Xavier Delfosse

The Desire for Hermitage (Anonym 8.-9. Jahrhundert) aus Hermit Songs op.29 (1953) von Barber. Er war berührt vom Charme und der Unschuld der Gedichte, die zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert von irischen Klerikern und Mönchen geschrieben wurden. Von den am Rande der von ihnen kopierten oder illuminierten Manuskripte wählte Barber zehn aus, von denen das kürzeste zwei und das längste zweiundzwanzig Zeilen hatte. Der amerikanische Komponist, der keine Taktstriche verwendet, durchzeichnet seine Melodie in der natürlichen Deklamation der Texte. Die Nr. 10 illustriert mit Leidenschaft ein Glaubensbekenntnis: Ah! To be all alone in a little cell with nobody near me…

Youth and Love aus Songs of Travel (1901-1904 / Robert Louis Stevenson / 1850-1894) von Vaughan Williams. Diese neun Songs sind zeitgenössisch mit dem Zyklus The House of Life (1904) und obwohl sie zu verschiedenen Zeiten veröffentlicht wurden, bilden sie durch die Einheit von Ton und Gedanken des Werks sowie durch bestimmte wiederkehrende melodische Elemente einen Zyklus. Die Nr. 4 glänzt durch ihre Kontraste: Ausbalancierte Akkorde, die sich im gleichen Takt abwechseln auf die erste oder zweite lyrische Strophe bewegen und außerdem zwei motivische Erinnerungen beziehen sich auf die dritte Melodie…

CATHEDRALE SAINTE-CROIX DES ARMÉNIENS hier vl vl am Flügel Susan Manoff, Edwin Fardini, Cyrielle Ndjiki Nya @ Xavier Delfosse

CATHEDRALE SAINTE-CROIX DES ARMÉNIENS hier vl vl am Flügel Susan Manoff, Edwin Fardini, Cyrielle Ndjiki Nya @ Xavier Delfosse

Amor aus Cabaret Songs (1963-1996 / Arnold Louis Weinstein / *1940) von Bolcom. Der amerikanische Komponist und Pianist betritt mit einer ungenierten Leichtigkeit die Brücke zwischen sogenannter ernster Musik und der scheinbar hingeworfenen Unterhaltungsmusik. Er studierte u.a. mit Darius Milhaud (1892-1974), Olivier Messiaen (1908-1992) und Jean Rivier (1896-1996). Er wurde sehr beeinflusst von Pierre Boulez (1925-2016), Karlheinz Stockhausen (1928-2007) und Luciano Berio (1925-2003). In dem Zyklus Cabaret Songs komponierte er nach Gedichten von Weinstein witzige und kritische Songs über unsere aktuelle Gesellschaft. In dem Song Amor wird eine Person beschrieben, die von aller Welt geliebt wird! Oder aber verliebt ist in ihre eigene Person? (innere Vorstellungskraft?) Die musikalische Sprache erinnert uns u.a. an Songs von Kurt Weill (1900-1950) und Stephen Sondheim (geboren 1930). Eine kleine Text-Kostprobe (6. Strophe):

Night was turning into day.
I walked alone away.
(Never see that town again)
But as I passed the churchhouse door
Instead of singing «Amen»
The choir was singing, «Amor»

Lady of the Harbor aus Three Women (1985 / Emma Lazarus / 1849-1887 /aus The New Colossus / 1883) von Hoiby. Es ist der zweite Song aus Three Women. Er handelt von der Freiheitsstatue und setzt die letzte Strophe von Lazarus‘ Sonett in Musik. Das gesamte Gedicht ist auf einer Bronzetafel eingraviert und seit 1903 dort in der Statue angebracht. Man bittet um Hilfe, dass die Liberty-Lady noch viele arme heimatlose Emigranten aus aller Welt in ihre großen Arme nimmt und sie zum Bleiben einlädt…!  PMP /11.07.2021

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Paris, Hôtel de Soubise, 21. Festival Européen Jeunes Talents, IOCO Aktuell, 17.07.2021

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Hôtel de Soubise in Paris / 2021 Zentrum des Festival junger musikalischer Talente aus aller Welt © Wikimedia Commons

Hôtel de Soubise in Paris / 2021 Zentrum des Festival junger musikalischer Talente aus aller Welt © Wikimedia Commons

Festival Européen Jeunes Talents

21. FESTIVAL EUROPÉEN JEUNES TALENTS –  Paris

Musikalische Botschafter*innen großer Musikschulen vieler Länder  

von Peter Michael Peters

Le Marais. Viele halten das Marais für das schönste Viertel von Paris. Im 17. Jahrhundert vorwiegend aristokratischer Wohnsitz, wurde es während der Revolution von seinen adeligen Besitzern verlassen. Im 19. Jahrhundert an das Handwerk und dann an die Kleinindustrie ausgeliefert, blieb es fast vergessen und war in einem äußerst schlechten Zustand bis zum André Malraux (1901-1976)-Gesetz von 1962, das den Beginn seiner Restaurierung ermöglichte.

  4. – 24. Juli 2021 – Le Marais et l’Hôtel de Soubise

Seine schönsten Gebäude wurden saniert und restauriert; das Viertel ist wieder in Mode und Restaurants, Galerien und Mode-Designer haben sich dort angesiedelt. Mit steigenden Preisen mussten viele Werkstätten schließen und es gibt immer weniger Handwerker, kleine Cafés und Lebensmittelgeschäfte, außer in wenigen kleinen Straßen und Gassen, in denen jüdische, arabische und asiatische Händler fast kleinstädtisch tätig sind. Heute ist das Marais auch von der Gay-Gemeinde übernommen worden!

21. Festival Européen Jeunes Talents in Paris
Youtube Trailer Jeunes Talents
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Hôtel de Soubise: La maison du Connétable de Clisson. 1371 kaufte Olivier de Clisson (1336-1407), der spätere Konnetabel von Frankreich ein Grundstück in Paris, im Bezirk Le Temple, um dort sein Haus zu bauen. Von diesem mittelalterlichen befestigten Haus sind nur noch große Gewölbekeller und vor allem das von zwei Erkertürmchen begrenzte Eingangsportal erhalten geblieben. Dieses Portal bleibt das einzige Pariser Beispiel der feudalen Architektur des 14. Jahrhunderts.

L’Hôtel de Guise. Am 14. Juni 1553 wurde das Hôtel de Clisson von François de Lorraine, Duc de Guise (1519-1563) und seiner Frau Anne d’Este (1531-1407) erworben. Die mächtige Familie de Guise, betraute den berühmten italienischen Künstler, Gründer der ersten Malerschule von Fontainebleau, Francesco Primaticcio (1503-1570), mit einer umfangreichen Sanierung des sehr baufälligen Gebäudes. Von den berühmten Malereien der Hauskapelle von Niccolo dell’Abbate (1512-1571) ist nichts mehr erhalten.

Vom Gebäude aus dem 16. Jahrhundert sind die halbrunden Erker erhalten, die sich an der Nordseite der Kapelle öffnen, sowie die Wände des alten Wachzimmers, indem sich die Liga-Mitglieder der katholischen Partei während der Religionskriege trafen. Hier wurde wahrscheinlich das blutige Massaker der Nacht von Saint-Barthélemy gegen die Protestanten entschieden.

Le Palais des Soubise. Die letzte Erbin der Familie de Guise, Marie de Guise (1615-1688), starb ohne Erben. Das Palais wurde im März 1700 von François de Rohan-Soubise (1630-1712) und Anne de Rohan-Soubise (16481709) gekauft. Um ihre Residenz zu verschönern, wählten sie 1705 auf Anraten ihres Sohnes Armand Gaston de Rohan (1674-1749), zukünftiger Cardinal de Rohan, einen jungen Architekten, Pierre-Alexis Delamair (1675-1745).

Festival de jeunes Talents / Konzert im Hôtel de Soubise © Xavier Delfosse

Festival de jeunes Talents / Konzert im Hôtel de Soubise © Xavier Delfosse

Diese imposante Residenz, die von 1705 bis 1709 für die Princesse de Rohan renoviert wurde und die Überreste früherer Palais enthält, ist eines der beiden Hauptgebäude (das andere ist das Hôtel de Rohan), in dem sich die Archives Nationales befinden. Von 1735 bis 1740 arbeiteten einige der talentiertesten Künstler der Zeit: Charles André van Loo (1705-1765), Jean II Restout (1692-1768), Charles-Joseph Natoire (1700-1777) und François Boucher (1703-1770) unter der künstlerischen Leitung von Germain Boffrand (1667-1754) an den Restaurierungen der Salons und Appartements. Wir können den ovalen Salon, ein Wunder des Rokoko-Stils, das von Natoire dekoriert wurde noch immer bewundern, denn er ist Teil des Musée de l’Histoire de France und nimmt die Hälfte des Gebäudes ein. Unter den Exponaten: Das Testament von Napoléon Ier. (1769-1821).

21. Festival Européen Jeunes Talents

Ein prächtiges Stadtpalais für junge Musiker*innen aus Europa…

Das 21. Festival Européen Jeunes Talents soll ein Moment wiederentdeckter Hoffnung und Freude sein. Einige namhafte Persönlichkeiten fördern die jungen Künstler, allen voran Susan Manoff und Romain Leleu. Der zeitgenössischen Musik kommt ein besonderer Platz zu, da fast jedes Konzert ein neu geschriebenes Stück enthält. Wir können es kaum erwarten, die neuen aufstrebenden Musiker zu entdecken, die für das Festival ausgewählt wurden

Die besten musikalischen Botschafter aus den großen Musikhochschulen ihres Landes werden jedes Jahr ausgewählt und zu diesem sommerlichen Festival nach Paris eingeladen. In diesem Jahr wurden u.a. folgende Musiker*innen eingeladen:

Cécile Madelin, Marine Madelin, Qiaochu Li, Cyrielle Ndjiki Nya, Edwin Fardini, Susan Manoff, Gauthier Broutin, Agnès Boissonnot-Guilbault, Chloé Lucas, Nora Dargazanli, Misako Akama, Bogdan Sydorenko, Emmanuel Acurero, Fernando Palomeque, Quatuor Voce…

Eine kleine Anzahl der 17 Festival-Konzerte sind sogenannte Familienkonzerte und der freie Eintritt ist garantiert: Sie finden im Cour d’Honneur um 16.30 Uhr statt und das Publikum kann diskret unter den Arkaden bummeln…, geduldig stehen… oder aber auch bequem auf dem Boden sitzen und ungeniert der Musik lauschen…

Festival de jeunes Talents / Konzert im Hôtel de Soubise  - hier : vl. Cécile Madelin, Marine Madelin, Qiaochu Li am Klavier © Xavier Delfosse

Festival de jeunes Talents / Konzert im Hôtel de Soubise – hier : vl. Cécile Madelin, Marine Madelin, Qiaochu Li am Klavier © Xavier Delfosse

Am 4. Juli gaben die zwei deutsch-französischen Sängerinnen Marine Madelin, Sopran, Cécile Madelin, Mezzo-Sopran (Foto oben) und ihre reizende Klavierbegleiterin Qiaochu Li (Absolventin der École Normale de Musique de Paris) ein sehr anspruchsvolles Nachmittagskonzert unter dem interessanten Titel: Wir Schwestern mit Liedern, Duetten, Melodien und einem Klavierstück von Ravel. Die zwei Schwestern (auch im Leben!) haben ihre Ausbildung an der Hanns Eisler-Musikhochschule in Berlin und am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris absolviert. Sie interpretierten Werke von Johannes Brahms (1833-1897), Felix Mendelssohn (1809-1847), Robert Schumann (1810-1856), Clara Schumann-Wieck (1819-1896), Ernest Chausson (1855-1899), Maurice Ravel (1875-1937), Pauline Viardot (1821-1910) und Georges Aperghis (geboren 1945). Die Kammermusik ist das Herzstück des 19. Jahrhunderts und die Salons in ganz Europa blühten davon! Dieses Programm stellt in gewisser Weise einen Musiksalon wieder her, der französische und deutsche Komponisten verbindet und gleichzeitig ihre unterschiedlichen romantischen Inspirationen sowie auch ihre Nähe hervorhebt. In Freundschaft verbunden, traten Viardot und C. Schumann-Wieck am Klavier mit vier Händen auf und präsentierten Werke von R. Schumann, Brahms und Frédéric Chopin (1810-1849). Les Cavaliers VWV 4039 (1885) von Viardot ist eine Transkription eines Walzers von Brahms. Mit seinen Cinq Mélodies populaires grecques (1904-1906), einer von Ravel harmonisierten Sammlung traditioneller Lieder sowie dem Klavierstück Alborada del Gracioso aus Miroirs bringt Ravel einen europäischen Touch in den Salon. Da das Programm so vielfältig und reich ausgewählt war, wollen wir nur einige Stücke, die uns besonders am Herzen liegen, etwas näher betrachten:

Das Duett Wir Schwestern aus Vier Duette op. 61 (1874) für Sopran und Mezzo-Sopran von Brahms bringt uns zum Stil von Zyklus op. 20 desselben Brahms zurück und gleichzeitig wiegt es den Hörer sofort in eine Schwestern-Atmosphäre. Unzertrennlich und ununterscheidbar bis zu dem Tage, an dem sie ihre erste Liebe zu demselben Mann sie für immer trennen wird. Das Duett (Eduard Mörike / 1804-1875) ist im 2/4-Takt gemalt: Herzig und mit einzelligen Staccato-Stimmen streng zusammen in fünf identischen Strophen in G-Moll und die letzte in G-Dur interpretiert…

Aus den Sechs Duetten op. 63 (1845) von Mendelssohn sangen unsere Schwestern das Duett Abschiedslied der Zugvögel (A.H. Hoffmann von Fallersleben / 1798-1874). Die Komposition zeigt eine ABC-Struktur der gegensätzlichen Bilder des Gedichts, um sich auf seine Nostalgie und den Vogelgesang in gurrenden Sexten zu konzentrieren…

Hotel de Soubise / Festvial de jeunes Talents Festival Jeunes Talents Hotel de Soubise / Festvial de jeunes Talents © Festvial de jeunes Talents

Hotel de Soubise / Festvial de jeunes Talents Festival Jeunes Talents Hotel de Soubise / Festvial de jeunes Talents © Festvial de jeunes Talents

Réveil (Honoré de Balzac / 1799-1850) aus Trois Duos op. 11 (1924) von Chausson badet in einer sanft hymnischen Atmosphäre: Synkopiert wie das Echo eines fernen Glockenspiels, wird das melodisch-rhythmische Ostinato des Klaviers zeitweise in traumähnlicher Wiederholung fixiert und kehrt nach einem von Voluten in Triolen belebten Mittelteil in abwechslungsreichen da capo wieder. Wir werden die verschiedenen Töne der Anfangszelle (H-Cis-G) wahrnehmen, bis hin zu den hohen Höhen der pianistischen Coda, die dann in ihren breiten Akkorden heruntergeleiert werden…

Pub II (2000), Phonèmes parlés et chantés a capella, pour soprano solo von Aperghis. Der Komponist schrieb zwei Stücke mit dem Titel Pub; unser Sopran Marine Madelin hat Pub II gewählt. Das Werk zeigt in humoristischer und sarkastischer Weise unsere uns umgebene Welt: Werbung…, Nachrichten…, Fernseher…, Fake-News, usw…! Und das alles in einem zweideutigen Sprechgesang, dazu tanz-akrobatische Bewegungen, die mit lächerlichen brutalen gutturalen Sopranschreien an Samurai-Krieger erinnerten. Es war ein echter Hochgenuss dieser kleinen one-women-show beizuwohnen…

Alborada del Gracioso aus Miroirs für Klavier (1904-1905) von Ravel ist dem Musikwissenschaftler Michel D. Calvocoressi (1877-1944) gewidmet. Markante Kontraste erweckt diese Aubade du Bouffon aus dem spanischen Theater – eine Seite, die am bekanntesten geblieben ist und zwar vor allem in ihrer orchestralen Version. Auch die Kontraste durch die Gravierung der Linien, die Schärfe des Staccato und die kurzen gezupften Gitarrenakkorde machen das Werk zu einem einmaligen Erlebnis…

Für die Zugabe hatten unsere beiden Schwestern einen genialen Einfall: Sie sangen für uns Nous sommes deux sœurs jumelles aus Les Demoiselles de Rochefort (1967 / Film von Jacques Demy /1931-1990) mit der phantastischen Musik von Michel Legrand (1932-2019).

So ging ein nicht sehr sonniger und teilweise mit kleinen Regenschauern übersäter Sonntagnachmittag zu Ende. Aber Dank der drei charmanten jungen mutigen Künstlerinnen ist unser Tag doch noch relativ sonnig geworden! Hut ab vor dieser professionellen Leistung in einer sehr nassen und akustisch nicht gerade einwandfreien Umgebung! Brava!… Brava!     PMP/10.07.2021

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Paris, Palais Garnier, Le Soulier de Satin – Uraufführung – M. A. Dalbavie, IOCO Kritik, 24.06.2021

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Opera National de Paris

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

 Uraufführung – Le Soulier de Satin –  Marc-André Dalbavie
– eine unerfüllte Liebe im Hintergrund der Macht –

von  Peter Michael Peters

Der dritte Auftrag der Opéra National de Paris für ein neues Musikdrama nach einem literarischen französischen Werk ist an den Komponisten Marc-André Dalbavie (1961-) gegangen. Er machte es sich nicht leicht indem er das elfstündige Theaterstück Le Soulier de Satin – Der seidene Schuh (1943) von Paul Claudel (1868-1955) zusammen mit der Librettistin Raphaèle Fleury adaptierte und auf sechs Stunden einschließlich zwei Pausen zusammen schrumpfen lässt.

Die düsteren Schattenseiten eines großen Poeten

Claudel badete, wie er selbst sagte, wie alle jungen Leute seines Alters im „materialistischen Gefängnis des damaligen Positivismus“. Er konvertierte zum Katholizismus, der Religion seiner Kindheit, indem er neugierig an einer Vesper in Notre-Dame de Paris teilnahm. „Ich stand rechts neben der zweiten Säule, in der Nähe der Sakristei. Die Kinder der Domsingschule sangen das, was ich später als Magnificat erkannte. In einem Augenblick war mein Herz berührt und ich glaubte! Ich glaubte mit aller Kraft! (…) Dass all die Bücher, alle Überlegungen, alle Chancen eines hektischen Lebens, meinen Glauben nicht erschüttern konnten, um die Wahrheit zu sagen, noch  berühren konnten.“ Der wichtigste Autor seiner katholischen Bekehrung ist aber Arthur Rimbaud (18541891), den er kurz vor dem Ereignis vom Dezember 1886 entdeckte mit den Illuminations (1886), aber besonders mit Une Saison en Enfer (1873), das den Lauf seines Lebens verändern wird. Der Einfluss dessen, den er in einem berühmten Artikel den „Mystiker in freier Wildbahn“ nannte, wird besonders deutlich in Tête d’or (1890), einem seiner ersten Stücke.

Le Soulier de Satin – Der seidene Schuh – Marc-André Dalbavie
youtube Trailer der Opéra National de Paris
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

So würde ein Teil der offiziellen Biographie des großen erfolgreichen sprachgewaltigen Claudel, Diplomat, Politiker und Poet mit einem glorreichen Einzug in die ehrwürdige Académie Française aussehen. Aber wer war er wirklich? Wenn man sich ein wenig mehr mit der düsteren Schattenseite des viel verehrten Franzosen einmal abgibt! Was bleibt dann…?

Während des Spanischen Bürgerkrieges unterstützte Claudel die spanischen Faschisten. François Mauriac (1885-1970) wirft Claudel vor, das er keinen einzigen Vers geschrieben hat „für die Tausenden und  Abertausenden christlichen Seelen, die der Chef der heiligen Armee (…) gewaltsam  in die Ewigkeit führte“. Der Poet unterzeichnete auch mit einer Gewissenlosigkeit ohne Gleichen das Manifest der spanischen Franco-freundlichen Intellektuellen vom Dezember 1937, das in der faschistischen  Propagandazeitschrift Occident veröffentlicht wurde.

Am 24. September 1940 wird er noch deutlicher:  „Mein Trost ist das Ende dieses schmutzigen parlamentarischen Regimes, das Frankreich jahrelang wie ein Krebsgeschwür verschlungen hat. Es ist vorbei… die üble Tyrannei von Bistros, Freimaurern, Mestizen, Bauern und Lehrern…“ (Der Dichter veröffentlicht in Le Figaro am 10. Mai 1941 sein Meistergedicht Paroles au Maréchal, das am Vortag in Vichy vor Marschall Philippe Pétain (1856-1951) von der Schauspielerin Eve Francis (1886-1980) anlässlich einer Aufführung von L’Annonce faite à Marie (1912) zitiert wird.

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Dreieinhalb Jahre später veröffentlichte derselbe Figaro ein weiteres Gedicht: Au Général Charles de Gaulle (1890-1970) in seiner Nummer vom 23. Dezember 1944. Es war einige Wochen zuvor, im Oktober 1944, während eines Vormittags im Théâtre-Français vorgetragen worden, das den Dichtern des Widerstands gewidmet war… zu denen Claudel nun gehörte! Das Mindeste ist, was wir ihm zugutehalten können, dass sich unser Freund kein Bein ausgerissen hat. Er griff das gleiche Szenario auf: Frankreich spricht und erkennt seinen legitimen Vertreter an. Pétain war der Vater; De Gaulle ist der Sohn!

Das Erstaunlichste ist, dass Claudel, alt, reich und vielmals geehrt, es nicht nötig hatte die Macht, wer immer es sei, mit so niedrigen Schmeicheleien zu überhäufen. Nein, er war ein notorischer Reaktionär und völlig überzeugt über seine Handlungsweisen: Er versteckte nicht einmal seine hypokritischen gefährlichen Gedanken…! Nein! Er sprach alles laut aus in seinen Dramen, in seiner Lyrik, in seinem Werk! Er war einfach nur ein schmutziger Mitläufer, ein Fahnenschwinger folgend dem Wind der Macht, ein Hemdenwechsler der billigsten Art. Das Vokabular der Intoleranz war ihm nicht fremd: Rassendiskriminierung, Diktatur, Faschismus, Sklaverei, usw., aber alles recht säuberlich verbrämt vom Heiligenschein der allgewaltigen katholischen Kirche. Wir mussten diesen Umweg in das Schattenreich eines umstrittenen Poeten gehen, um sein dramatisches und poetischen Werk besser zu analysieren.

Drama im Zeitalter der Konquistadoren

Das mystische Drama Le Soulier de Satin erzählt von der unmöglichen Liebe zwischen Dona Prouhèze und dem Kapitän Don Rodrigue. Die zwanzigjährige Handlung spielt in der Renaissance, zur Zeit der Konquistadoren und wird vom Autor in der Tradition des Goldenen Zeitalters in vier Tage unterteilt. Es zeigt viele Charaktere, in verschiedenen Ländern, manchmal in Dialogen zwischen Himmel und Erde, indem das Drama und das Göttliche vermischt werden. Es ist nicht frei von Ironie, Komik und Possenreißer-Spielen! Dies in einer barocken Atmosphäre. Dieses halbautobiografische Stück ist eine Liebesgeschichte und ihrer sozialen und kosmopolitischen Probleme. Claudel selbst kommentierte: „Der Schauplatz dieses Dramas ist die Welt“, er schrieb weiter: „Das Thema des Satinschuhs ist kurz gesagt das der chinesischen Legende, der beiden Sternenliebhaber, die es jedes Jahr nach langen Wanderungen schaffen, sich gegenseitig zu begegnen ohne sich jemals treffen zu können. Auf der einen Seite und auf der anderen der Milchstraße!“

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

« Fendre la muraille du cœur humain… »

Auch diese gefühlsvolle Redewendung stammt aus der Feder unseres Poeten: „Die Mauer des menschlichen Herzens durchbrechen…“ Was meint er damit? Die große chinesische Mauer steht noch immer trotz diverser Invasion der Jesuiten, die Berliner Mauer ist schon lange gefallen! Nein! Was sagen wir da, wir sprechen natürlich nicht in der Realität, es sind die Mauern der Intoleranz gemeint. Aber gerade dorthin können wir Claudel nicht folgen: In seinem Mammutwerk aus dem goldenen spanischen Zeitalter zitiert er die großen Eroberungen mit der berühmten Armada, die gewaltsamen Bekehrungen der Barbaren und die totale Beraubung der dritten Welt. Jedoch kein einziges Wort über die grausame Inquisition, noch über den dreißigjährigen Religionskrieg, angezettelt von der katholischen Liga. Also von welchen Mauern redet unser großes Genie? Natürlich von der Mauer der katholischen Ignoranz, die er aber nicht sehen will! Diese Intoleranz, die über viele Jahrhunderte bis heute keine Mauer gebrochen hat!

Aufführung am 13.06.2021 im Palais Garnier – Opéra National de Paris

Der 60jährige Komponist Marc-André Dalbavie verortet seine Sprache in einer metatonalen Perspektive (post-atonale), Modalität und Atonalität innerhalb einer strukturellen Organisation von Tonhöhen (den Tonleitern, die durch das Orchesterregister der Oper laufen) zusammenführt. Als bedeutender Instrumentator führte er bestimmte Instrumente der Welt, die noch immer sparsam eingesetzt werden, in das Orchester ein, wie das Becken, die Stahltrommel und das chinesische Holzblasinstrument mit dunklen und temperierten Klangriten. Gongs und andere Bonangs sind präsenter in eintauchendes Hören mit der Resonanz der langen Zeit des Ostens. An ihm sind diese glatten und sonoren Instrumentalrahmen angebracht, die den Raum literarisch in Brand setzen. Der von zehn Stunden auf viereinhalb Stunden reduzierte Umfang des Stückes hätte vielleicht eine radikalere, kontrastierende Behandlung benötigt und durchaus die dramatische Wirkung unterstützen können.

Der Komponist entschied sich für eine Orchestersprache in langen schwellenden Wogen, ohne an wichtigen Stellen die dramatische Seite mit einer hochbrausenden Welle zu erweitern. Auf denen die Sänger eine kontinuierliche Rezitation einsetzten, sofern der Text nicht gesprochen wurde. In dieser musikalischen Behandlung lauert jedoch eine furchtbare Monotonie! Prunkvoll war das Orchester unter der geschmeidigen und spannungsfreien Geste des Komponisten, der an diesem Abend das Orchestre de l‘Opéra National de Paris zusammenführte und anführte.

Die Inszenierung entspricht dem Geist des von Claudel beanspruchten Jahrmarkttheaters, in die Gattungen vermischt werden und die Kulissen mit größtmöglicher Sparsamkeit improvisiert werden. Stanislas Nordey sieht die Bühne als Malerwerkstatt aus dem 16. Jahrhundert, das die Arbeiten  fortsetzt und so Künstler und Maschinisten gleichermaßen einbezieht. Monumentale Leinwände, die von Emmanuel Clolus die Details von Gemälden (insbesondere von El Greco) darstellen, werden auf der Bühne verschachtelt. Sie bilden ein bewegtes Dekor, das auf beiden Seiten verwendet wird, wobei das Bild auf der einen Seite, der Holzrahmen auf der anderen Seite sehr lebendig und vielseitig benutzt wird (sie verkörpern mehrere Rollen in der Geschichte wie auch viele der Sänger). Cyril Bothorel / Der Ansager und Yann-Joël Collin / Der Unbändige sind dazu da, uns über Länder und Meere zu führen und das Spektakel auf halbem Weg zwischen Theater und Oper zu halten. Sie kommen zwischen jeder Szene, um die eroberten Küsten anzukündigen und das Dekor hervorzuheben. Momente des Übergangs willkommen für das Publikum, wenn das Orchester die Gelegenheit hat sich einzustimmen. Die historischen Kostüme von Raoul Fernandez sind hervorragend, in Verbindung mit den Charakteren und der Farben der Leinwände in einer sehr gesuchten ästhetischen Dimension. Das Video von Stéphane Pougnand droht mit gewaltigen schönen visuellen 3D-Effekten.

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Lyrischer Höhepunkt des Soulier, diese längste Szene der Oper, vereint zum ersten Mal die beiden Hauptdarsteller (glänzend Eve-Maud Hubeaux und Luca Pisaroni) und greift auf alle Reserven des Orchesters zurück. Dieses ist gleichzeitig dezent, lässt den Gesang aufblühen und ist in der Lage, kupferne Töne in die Stimmen zu bringen und sie durch die Instrumentalklänge zu brechen, was der Claudelschen Sprache ihre spektrale Farbe verleiht.

Die Besetzung ist von sehr hohem Standard und zählt eine Reihe von Künstlern, Schauspielern und Sängern, die im Detail schwer zu zitieren wären. Die Mezzosopranistin Eve-Maud Hubeaux ist eine charakterstarke Doña Prouhèze, die sich in allen Stimmlagen wohl fühlt und besonders ausdrucksstark in dieser wunderschönen Szene des ersten Tages, in der sie der Jungfrau ihren Satinschuh  anvertraut. Der Bariton-Bass Luca Pisaroni / Don Rodrigue de Manacor setzt unweigerlich eine hervorragende Stimme ein und übt auch sein Talent als Mann der Bühne aus. Tapfer und erfahren in dieser Technik der Passagen zwischen gesprochenem Wort und gesungenem, Béatrice Uria-Monzon, Mezzosopran (Doña Isabel / Doña Honoria / Eine Nonne) und Vannina Santoni, Sopran, die leuchtende Doña Musique, brillieren in ihren jeweiligen Rollen ebenso wie der Bariton Marc Labonnette, die Tenöre Eric Huchet und Julien Dran, der Bass Nicolas Cavallier, der während der vier Tage auch mehrere Charaktere unterstütze. Feurig und voller Energie neben Vannina Santoni (Die Fleischerin) haucht Camille Poul, Sopran / Doña Sept-Épées (Prouhèzes Tochter) einen jugendlichen Wind am letzten Tage der Oper. Jean-Sébastien Bou / Don Camille besticht durch seine klare Sprache und seine stimmliche Leichtigkeit, dagegen fehlt es dem Tenor Yann Beuren in der besonders anspruchsvollen Rolle des Don Pélage manchmal  an Stabilität. Die Figuren des Schutzengels, Saint-Jacques und Saint-Adlibitum appellieren an den eher immateriellen Bereich des Countertenors Max Emanuel Cencic. Während die rassige Stimme von Fanny Ardant aus den Lautsprechern zu uns kommt in dieser zentralen Szene des Soulier… und wo die gesprochene dem Mond anvertraute Meditation eine spirituelle Dimension ergreift: „Jeder deiner Küsse gibt mir ein Paradies, von dem ich weiß, dass es mir verboten ist“.    PMP / 20.06.2021

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—


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