Paris, Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Croesus – Barockoper – Reinhard Keiser, IOCO Kritik, 18.10.2020

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris © Mirco Magliocca

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet

Croesus – Barockoper – Reinhard Keiser

Ein seltenes Juwel des deutschen Barock – nun in Paris über:  Croesus oder der hochmütige, gestürzte und wieder erhabene Croesus 

von Peter M. Peters

Für lange Zeit völlig vergessen, war Croesus (1711) eine der erfolgreichsten Opern von Reinhard Keiser (1674-1739) und wohl auch eine der charakteristischsten für den Deutschen Barock, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert die Bühnen im Sturm erobert hatte. Diese Oper zeigt mit ihrer reichhaltigen und einfallsreichen Musik perfekt die unglaubliche Vitalität der Hamburger Oper zu dieser Zeit.

Im goldenen Wasser des Pactole-Fluss…

CROESUS von Reinhard Keiser, 1711 komponierte Barockoper © Wikimedia Commons

CROESUS von Reinhard Keiser, 1711 komponierte Barockoper © Wikimedia Commons

Der in Teuchern in Sachsen-Anhalt geborene Keiser genießt heute nicht die gleiche Bekanntheit wie sein zehn Jahre jüngerer Landsmann Georg Friedrich Händel (1685-1759). Keiser zeichnet sich vor allem durch seine Vokalmusik aus: Er komponierte Passionen, Oratorien, Kantaten, vor allem aber Opern. Er schrieb mehr als 70 Opern (nur weniger als ein Drittel hat die Zeit überlebt), die meisten davon für das 1678 erbaute Theater am Gänsemarkt, die damalige Oper für Hamburg. Dort wurde er 1679 zum Kapellmeister ernannt und wenig später auch zum Theaterdirektor, musste jedoch wegen schlechter Verwaltungsführung aus Hamburg fliehen, denn es drohte ihm Gefängnis für Verschuldung. Keiser war geprägt von der italienischen Musik, die damals in Europa dominierte, aber er entwickelte dennoch einen sehr persönlichen Stil. Er ist einer der ersten Komponisten des deutschen Barock, die von seinen Kollegen sehr bewundern wurde: „Er ist vielleicht das originellste musikalische Genie, das Deutschland jemals hervor gebracht hat…“ sagte Johann Adolf Scheibe (1708-1776), während Johann Mattheson (1681-1764) ihn: „…für den größten Opernkomponist schlechthin“ hielt. 1711 komponierte Keiser Croesus nach einem Libretto des Lucas von Bostel (1649-1716) nach Creso von Nicolà Minato (1627-1698). Dieses Libretto wurde bereits 1684 von Philipp Förtsch (1652-1732) in einer ebenfalls in Hamburg uraufgeführten Oper vertont. Es erzählt die Geschichte von Croesus, dem fabelhaft reichen König von Lydien, der im 6. Jahrhundert vor J.C. lebte.

Reichtum macht nicht glücklich…

Croesus, der reiche König von Lydien schätzt sich glücklich über seinen großen Reichtum. Der eifersüchtige König von Persien, Cyrus, erklärt Lydien den Krieg und hält Croesus nach einer Schlacht zwischen den beiden Armeen gefangen. Trotz des Titels der Oper ist Croesus nicht die Hauptfigur der Geschichte, da sich die Handlung tatsächlich auf Atys, seinen Sohn konzentriert. Der stumme Prinz ist in die Prinzessin Elmira verliebt, die ihn seinerseits liebt und die Annäherungen des edlen Orsanes schroff ablehnt. Auf der anderen Seite liebt Prinz Eliates, der während der Abwesenheit des Königs zum Gouverneur von Lydien ernannt wurde, die Prinzessin Clerida, die aber Orsanes liebt. Dies reicht aus, um mehr als ein Liebesdreieck hervorzubringen und die vielen Situationen zu verwirren! Nach der Inhaftierung von Croesus verkleidet sich Atys als Diener, nachdem er seine Sprache wundersamer Weise wiedererlangt hat, um die Verschwörungen von Orsanes zu vereiteln. Gleichzeitig nutzt er die Gelegenheit, die Treue seiner geliebten Elmira zu prüfen. Alles endet gut, als Orsanes endgültig entlarvt wird. Cyrus willigt ein Croesus zu befreien und die jungen Leute können endlich heiraten.

Croesus – Crésus – Barockoper von Reinhard Keiser – Ankündigung
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Emotionelle Virtuosität

In drei Akten ist die Opernhandlung eine komplexe Geschichte, die reich an Charakteren und Ereignissen ist, wie in den venezianischen Opern. Eine Besonderheit ist der Wechsel von ernsten Szenen und komischen Interventionen z.B. von Elcius, einem Trottel, der manchmal eine sehr rüde volkstümliche Sprache verwendet. Die Fülle an Charakteren ermöglicht es Keiser, die Arien zu variieren und seinen melodischen Erfindungsreichtum freien Lauf zu lassen. Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) wird von Keiser sagen: „…dass er in der Schönheit, der Neuheit, dem Ausdruck und den angenehmen Melodien, nichts an Händel zu beneiden hat!“ Die ganze Oper ist reich an Arien von unglaublicher Vielfalt, weit entfernt von der konventionellen RezitativAria da Capo in der opera seria. Wenn in Croesus die Aria da Capo vorhanden ist, ist sie Nebensache neben den vielen Duett-Arien, Strophen-Arien oder einfachen Arien in freier Form.

Die Arien sind ziemlich kurz und folgen manchmal ohne Rezitativen Satz aufeinander (Szenen 8 bis 10 im 1. Akt). Sie sind nicht der Vorwand für große stimmliche Fähigkeiten wie in vielen italienischen Opern, sondern im Gegenteil zeigen sie die emotionale Entwicklung der Charakteren. Keiser versucht seine Musik den Affekten anzupassen: Sie ist manchmal traurig oder sogar sentimental, manchmal begeistert oder triumphierend, auch populär (z.B. die komischen Interventionen von Elcius oder die Arie der Bauern im 2. Akt, Szene 2). Wenn es um Liebe geht, sind die Arien oft von einer süßen Melancholie durchdrungen, die nicht selten an die Kantaten von Johann Sebastian Bach (1685-1750) erinnern. Sogar der abscheuliche Orsones ist mit einer Aria Cantabile von unerwarteter Zärtlichkeit ausgestattet (2. Akt, Szene 5), als er Elmira seine Liebe erklärt, begleitet von dem süßen Ton des Traverso. Einige seltene Chöre, die die Menge repräsentieren, unterstreichen die Oper im richtigen Moment: Mit vier gleichrythmischen Stimmen treten sie in sehr kurzen Interventionen auf (1. Akt, Szenen 1 und 16, 3. Akt, letzte Szene) und manchmal auch alleine im Rezitativ (3. Akt, Szenen 6-7).

Die letzte Szene ist ein großartiges Rezitativ, das längste der gesamten Opernliteratur, in das alle Mitwirkenden teilnehmen. Es wird nur von einer Arie des Croesus und die Interpunktionen des Chores vor dem gesamten Ensemble unterbrochen.

 Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Croesus Barockoper von Reinhard Keiser © JULIEN BENHAMOUDSC

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Croesus Barockoper von Reinhard Keiser © JULIEN BENHAMOUDSC

Überreiche Orchesterfarben

Die Rezitative sind secco (nur begleitet von einem Basso Continuo), während die Arien vom Orchester begleitet werden und hauptsächlich aus Streichern bestehen, zu denen regelmäßig Oboen und Fagotten sich untermischen. Keiser fügt für die Sinfonia (Ouvertüre) und den Schlachtszenen gegen die Perser (Ende des 1. und 2. Aktes) mehrmals Trompeten und Pauken dazu. Er benutzt gelegentlich andere Instrumente, um dem Orchester eine neue Farbe zu verleihen: Die Chalumeaux im Einklang mit den gedämpften Streichern im 1. Akt, Szene 10. Oder die Zufolo (kleine italienische Flöte, wobei Keiser einer der letzten ist, diese zu benutzen, denn unter seinen Zeitgenossen ist dieses Instrument durch das Flautino oder Flauto Piccolo ersetzt worden) für die pastorale Atmosphäre im einleitenden Ritornell im 2. Akt. Mehrere Arien führen auch einen Sprachdialog mit einem Soloinstrument: Die Oboe unterhält sich mit Elmira (1. Akt, Szene 2), während das Traverso den Ton verdoppelt mit Clerida, (1. Akt, Szene 14) desgleichen in der Szene mit Elmira (1. Akt, Szene 6) und im Austausch mit Orsanes (2.Akt, Szene 5).

Die Tanzszenen erinnern an französische Ballettmusik, wie z.B. das Harlekin Ballett in Form einer Chaconne im 2. Akt, Szene 15, die uns an die Chaconne des Scaramouche in Le Bourgeois gentilhomme von Jean-Baptiste Lully (1632-1687) und Jean-Baptiste Molière (1622-1673) erinnert oder ein Passepied, das den 2. Akt abschließt.

Keiser kehrt Anfang 1720 wieder nach Hamburg zurück und scheint sich ab 1727 von der Gattung Oper zu lösen. Er überließ die Hamburger Bühne an Georg Philipp Telemann (1681-1767), der seit 1722 die Leitung der Oper übernommen hatte. Er selbst konzentrierte sich hauptsächlich auf die Überarbeitung seiner eigenen Werke, darunter auch Croesus im Jahre 1730, indem er neue Arien hinzufügte. Er starb im Jahre 1739 und nahm seine Werke mit sich, die völlig in Vergessenheit geraten waren. Die Oper von Hamburg stieß auf ernsthafte Schwierigkeiten, finanzielle Probleme vermehrten sich und sie musste geschlossen werden (1738 war unwiderruflich die letzte Saison!), bevor sie 1763 abgerissen wurde.

Die Posaunen für den endgültigen Dolchstoß der deutschen Barockoper war erklungen: Sic transit gloria mundi…

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Croesus Barockoper von Reinhard Keiser © JULIEN BENHAMOUDSC

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Croesus Barockoper von Reinhard Keiser © JULIEN BENHAMOUDSC

Aufführung am 8. Oktober 2020 im Athénée – Théâtre Louis-Jouvet Paris

Die Produktion war immun gegen Covid 19-Ansteckung und konnte ihre verdiente Premiere feiern, jedoch gegen die vulgären und schwachsinnigen Plattheiten des französischen Regisseur Benoît Bénichou, war leider kein Kraut gewachsen. Wir haben nach einer Spieldauer von etwa drei Stunden nur noch abgeknallte Champagnerkorken und hüftenschwingende sexuelle Darbietungen in Erinnerung. Dazu  andauernde Make-up-Sitzungen von Elmira und Clerida in Halbweltdamen-Atmosphäre, um ihre überschminkten Gesichter zu erneuern. Auch die Herren (Croesus, Eliates, Orsanes) sind nicht von dem vielen unklaren Kunterbunt verschont und erinnern uns an: Drag-queens, Travestien oder Transsexuellen, die sicherlich von « Madame Arthur » ausgeliehen wurden. Die goldglitzernden Kostüme des Franzosen Bruno Fatalot sind höchstwahrscheinlich für eine Gay-Pride entworfen, aber nicht für eine seriöse sentimentale Geschichte liebender Herzen. Der Diener Elcius, ein dummer Tölpel, von Keiser und Bostel mit einer rüden derben Volkssprache versehen gleich dem venezianischen Harlekin, verliert hier jeglichen Charme der commedia dell’arte und sackt ab zu einem Fake-Animateur in einer Reality-Show. Das Klischee-Denken geht sogar so weit, dass nur der griechische Philosoph Halimacus das Recht hat im einfachen grauen Straßenkostüm zu erscheinen, d.h. das Übermaß an Gold und Reichtum des Königs Croesus bleibt ihm enthalten. Kurzum, diese Inszenierung ist für uns nicht mehr als ein zum grotesken überzogenes schrilles Jahrmarkt-Theater geworden, das jedoch ohne die volkstümliche Frische der durch die vergangenen Jahrhunderte ziehenden Wandertruppen aufweist. Hier fehlte einfach eine meisterliche geschulte Theaterhand, die alle oben genannten Faktoren in einer frechen und intelligenten Weise zu einem erfolgreichen schmunzelnden Ende führt und nicht auf halber Strecke mit übergroßen Schuhen sitzen bleibt. Ein Geschichtenerzähler sollte eine Vision verteidigen und nicht eine matte fade ermüdende „Schongesehengeschichte“!

In positiver Weise wäre das Bühnenbild von der Französin Amélie Kiritzé Topor zu erwähnen. Sie zeigt uns einen einfachen drehenden Kubus, der in verschiedenen Ansichten immer neue Bilder und Atmosphären ermöglicht und somit auch einen rapiden Szenenwechsel ermöglicht.

Der italienische Geiger und Dirigent Johannes Pramsohler hat mit seinem von ihm gegründeten Ensemble Diderot trotz einiger anfänglicher Misstöne bei den Bläsern eine außerordentliche Arbeit geleistet. Die Streicher überzeugten mit einer bewundernswerten Flexibilität und waren mit reichhaltigen Farben versehen. Die Musiker brachten wohl den entscheidenden Erfolg für diese barocke Neuentdeckung und wurden mit Recht gefeiert. Auch das junge Sängerensemble hat uns mit erfreulichen Erinnerung belohnt:

Die südkoreanische Sopranistin Yun Jung Choi hat gemessen nach der Anzahl und der Schwierigkeiten der Arien wohl die anspruchsvollste Rolle in der Oper. Sie ist geradezu ideal besetzt als Prinzessin Elmira mit ihrem großen Stimmumfang und den glockenreinen Koloraturen. In ihrer noch jungen Karriere hat sie schon viele Erfolge an nationalen und internationalen Bühnen erhalten: u.a. Paris, Rennes, Angers, Düsseldorf, New York, Madrid, Seoul.

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Croesus Barockoper von Reinhard Keiser © JULIEN BENHAMOUDSC

Athénée – Théâtre Louis-Jouvet, Paris / Croesus Barockoper von Reinhard Keiser © JULIEN BENHAMOUDSC

Die verliebte Prinzessin Clerida ist von dem französischen Sopran Marion Grange mit viel Raffinesse und Talent interpretiert. Die kristallklaren Töne verschmelzen wundervoll mit dem dunklen Vibrato ihrer Stimme. Auch sie kann schon auf eine beachtliche Karriere hinweisen: u.a. Genf, Lausanne, Stuttgart, Graz, Sao Paulo, Oslo und Krakau.

Der französische Mezzosopran Inès Berlet ist mit viel Natürlichkeit in die Hosenrolle des Atys gestiegen; sie überzeugte mit einem hellem Mezzo-Register und bot einen noch sehr jungen verliebten kecken und quirligen Burschen an. Sie hat ein schon sehr umfangreiches Repertoire: u.a. Ascanio, Mercédès, Siébel, Hänsel, Urbain, Hélène, Nicklausse, Rosina, Orlofsky, Angelina und die Mozartrollen in ihrem Fach: Cherubino, Zerlina, Dorabella, Idamante, Ramiro, Sesto und Zweite Dame. Auch sie kann schon auf eine internationale Karriere hinweisen.

Croesus ist mit dem chilenischen Bariton Ramiro Maturana besetzt, er kann eine gut positionierte Stimme mit einem umfangreichen angenehmen Tonmaterial aufweisen. Er hat schon eine beachtliche internationale Karriere hinter sich mit Rollen: u.a. Martello, Marullo, Poeta, Spinelloccio, Belcore, Phaor, Ufficiale in u.a. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Teatro alla Scala Milano, Grand-Théâtre de Genève.

Der junge österreichische Bariton Wolfgang Resch in der Rolle des Intriganten Orsones fiel uns besonders auf; seine warme volle Stimme fließt mit samtweichen Legato in allen Registern. Unserer Meinung sollte man ihn als sogenannten Heldenbariton einstufen und die Rollen der Bösewichter sollte er seinen Kollegen überlassen. Mit intelligenten Entscheidungen und vorsichtigem Antasten an neue Rollen könnte das unserer Meinung eine große Karriere voraussagen. Er sang u.a. in Wien, Biel Solothurn, Krakau, London, Budapest, Salzburg, Bern.

Der persische König Cyrus interpretiert von dem ukrainischen Bass Andriy Gnatiuk scheint uns adäquat und kraftvoll genug für diese an sich unsympathische Tyrannenrolle. Von 2012 bis 2015 gehörte er dem Ensemble des Atelier Lyrique de l’Opéra national de Paris an und interpretierte folgenden Rollen: u.a. Leporello, Don Alfonso, Collatinus. Im Palais Garnier Paris sang er schon die Rolle des Huascar in Les Indes Galantes von Jean-Philippe Rameau (1683-1764) und desgleichen auch einen Liederabend.

Der in London lebende spanische Tenor Jorge Navarro Colorado hat in der Rolle des Prinzen Eliates stimmlich voll überzeugt. Sein helles klares Timbre erinnert mitunter an die Stimmlage eines Countertenor und ist geradezu prädestiniert für die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. Höchstwahrscheinlich ein äußerst idealer Interpret für die bachsche Musik. In vielen Gastspielen hat er sich schon international betätigt: u.a. Scottish Opera, Irish National Opera, Glyndebourne, Göttingen Händel Festival, London Handel Festival, Wexford Festival Opera.

Als griechischer Philosoph Halimacus und als Solon ist der französische Tenor Benoît Rameau eingesetzt. Er interpretiert die großen Werke von Claudio Monteverdi (1567-1643) bis zu György Ligeti (1923-2006) mit viel Einsatz und Können. Auch hat er eine besondere Vorliebe für den Liederabend. Das baritonale Timbre seiner Stimme hat einen besonderen Effekt in der Interpretation seriöser Rollen.

Der französische Tenor Charlie Guillemin singt die Rolle des Elcius, einen deutschen Harlekin nach venezianischen Muster erdacht vom Komponisten Keiser. Leider hatte unser sensibles Hörorgan gewaltige Probleme diese überlaute schrille Stimme zu ertragen. Wir würden diese Stimmlage als einen sogenannten Charakter-Tenor einstufen und mit intensiver Schulung könnte das z.B. ein ausgezeichneter Herodes oder Aegisth sein.

Von der musikalischen Seite würden wir diese Produktion als sehr gelungen ansehen und ein noch völlig unbekannter deutscher Komponist in Frankreich wird von seiner besten Seite dem Publikum vorgestellt.

Reiche Anmerkung:

Vor der Gründung seines Ensemble Diderot war der Geiger Johannes Pramsohler ein sehr gesuchter Solist bei den großen Formationen für Alte Musik. Kein Wunder, dass er sich als inspirierter Führer für diejenigen herausstellt, die das musikalische Europa des 17. Jahrhundert kennenlernen möchten. Nach Dresden und Paris, während Berlin in Vorbereitung ist, wird London Gegenstand seiner Aufmerksamkeit. Henry Purcell (1659-1695), aber auch Antonio Draghi (1634-1700) oder John Blow (1649-1708), verleihen der britischen Hauptstadt einen bemerkenswerten künstlerischen Nervenkitzel, den Johannes Pramsohler und seine Musiker mit bewundernswerter Theatralik und klanglicher Opulenz wiederbeleben.

Hierzu die CD – Empfehlung des Autors für Freunde des Barock

ENSEMBLE DIDEROT – THE LONDON ALBUM 

  • Künstler: Ensemble Diderot, Johannes Pramsohler
  • Label: AUDAX  DDD, 2018
  • Bestellnummer: 9134935

Fünf Jahre nach ihrem gefeierten »Dresden Album« setzen Johannes Pramsohler und seine Kollegen des Ensemble Diderot ihre Entdeckungsreise durch die Triosonate im barocken Europa mit Werken aus Purcells London fort. Die Kombination aus bekannten Sonaten und Weltersteinspielungen zeigt, wie englische Komponisten das neue italienische Genre als Ausdrucksmittel nutzten und wie mühelos ausländische Komponisten sich das englische Idiom aneigneten und somit Kammermusik schufen, die feinsinniger und expressiver kaum sein könnte.

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Paris, Théàtre des Champs-Élysées, Der Messias – Georg F. Händel – Wolfgang A. Mozart 26.09.2020

THÉÂTRE DES CHAMPS-ELYSÉES © Hartl Meyer

THÉÂTRE DES CHAMPS-ELYSÉES © Hartl Meyer

Théâtre des Champs-Élysées

DER MESSIAS –   Georg Friedrich Händel / Wolfgang Amadeus Mozart

Die Heilsbotschaft mit Weltuntergangsstimmung

von Peter M. Peters

Ein religiöser Mensch in der Zeit des Covid 19-Trauma sieht wahrscheinlich den Virus auch schon als Untergangsbotschaft. Heute Abend hier im Théâtre des Champs-Élysées waren wir nur einfach überglücklich endlich wieder ein Theater zu betreten und in Kultur zu schwelgen. Nach vielen Wochen des Schweigens eine kleine Kostprobe menschlichen Streben und Können, die jedoch verdunkelt wurde von einem mehr als leeren Saal und einer Besucherschar mit Masken verdeckten Gesichtern. Diese traurige Atmosphäre hat doch schon einen gewaltigen bitteren Nachgeschmack. Aber die Wahl des Werkes war sehr eindrucksvoll und wahrheitsgebunden: Der von Mozart überarbeitete The Messie von Händel brachte die richtige Stimmung für eine Saison-Eröffnung unter dem Zeichen einer weltweiten Epidemie.

Der Messias – Georg Friedrich Händel – Wolfgang A Mozart
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Ein energiegeladener Marmorblock

The Messie von George Friedrich Händel (1685-1759) hatte am 12. Februar 1742 in Dublin / Irland in englischer Sprache Premiere. Das Libretto in drei Partien ist von Charles Jennens (1700-1773) und bezieht sich auf den Text des alten und neuen Testament (1. Präfiguration und Krippenanbetung / 2. Leidenspassion und Tod / 3. Auferstehung und Glaubensverkündigung) und zeigt die Auferstehung eines Menschen im wahrsten Sinne des Wortes, denn fünf Jahre zuvor am 13. April 1737 war Händel aus Überarbeitung zusammengebrochen, Opfer eines schweren Herzanfall. Seine Anbeter befürchteten, dass er sich nicht mehr erheben würde und seine Rivalen beteten für seinen Tod. Dieser Zusammenbruch unterbrach eine energiegeladene Karriere ohne Gleichen. Drei Jahrzehnte lang befand sich der Importeur der italienischen Oper in London im Zentrum der politischen Wirbelstürme, aufgeteilt zwischen rivalisierenden Clans, die die lyrische Kunst für ihre Intrigen verwendeten. Fast dreißig Opern stammen aus seiner Feder, aber die Hälfte ist schon zu seinen Lebzeiten in Vergessenheit gefallen. Jetzt war er ein korpulenter Bürger und saß auf seiner Orgel, umgeben mit einem Heiligenschein aus Schinken und Biertöpfen, wie er an der Schwelle seiner sechzig Jahre karikiert wurde.

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Aber diese Art von Mensch gibt niemals auf. Händel, der im April 1737 für tot erklärt wurde, gewinnt nach einer intensiven Heilung in den Dampfbädern von Aachen alle seine Fähigkeiten zurück. Im Oktober kehrte er nach London zurück und komponiert Faramondo HWV 39 (1738), dann Israel in Ägypten HWV 54 (1739) und Saul HWV 53 (1739), während er die Veröffentlichung der Sechs Konzerte für Orgel op.4 HWV 289-294 (1738) und Zwölf neue Concerti Grossi op.6 HWV 319-330 (1741) vorbereitete. Die italienische Oper ist in ihren letzten Atemzügen, jedoch der Unternehmer liefert und komponiert weiterhin: Imeneo HWV 41 (1740) und Deidamia HWV 42 (1741). Neuer Misserfolg! Egal was auch passiert, das Beste kommt noch. 1741, entwirft und komponiert er in einem großen Wurf The Messie, wie aus einer Autogrammpartitur hervorgeht, die in der British Library aufbewahrt wird. Das ist auch das Jahr des ebenso schillernden Samson HWV 57 (1741).

Von der Londoner Mode gekreuzigt, wird der alte Sachse in Dublin wiederbelebt. The Messie wurde dort unter einem anderen sozialen Kontext geboren. Wenn der Komponist von Giulio Cesare HWV 17 (1724) bisher die egozentrischen Tugenden der Aristokratie gepriesen hatte, beachtsichtigte er hier sein Opus der neuen freien Bürgerschaft zu widmen. Die pompöse Kunst, die von Johann Christoph Pepusch (1667-1752) / John Gay (1685-1732) mit viel geistreichem Witz sehr böse in ihrer The Beggar’s Opera (1728) karikiert wurde, will nun ein anderes Publikum erreichen, wie der Artikel im Dublin Journal hinweist. Hier heißt es: „Ein Konzert wird für die Insassen mehrerer Gefängnisse und für die Unterstützung des Mercer’s Hospital in der Stephens Street sowie der Wohltätigkeitsstation des Inn’s Quay veranstaltet. Desgleichen wird am Montag, dem 12.April im Musiksaal der Fishamble Street das neue Oratorium von Mr. Haendel unter der Beteiligung der Chöre der beiden Kathedralen aufgeführt. Auch wird Mr. Haendel mehrere seiner Orgelkonzerte selbst spielen“

The Messie markiert den Beginn einer neuen Karriere, die dem Oratorium gewidmet ist, einer eher gemeinschaftlichen Gattung mit seinen Chören, dessen Geschichten, die als Predigen in Musik behandelt werden und für ein neues Publikum von jüdischen und protestantischen Händlern besser zugänglich war. Man identifiziert sich leicht mit der liebenswerten Theodora HWV 68 (1750) oder Susannah HWV 66 (1749). Man hält fest an den heiligen Revolten von Joshua HWV 64 (1748) und Judas Maccabaeus HWV 63 (1747). Von allen wird der großzügige The Messias dem Komponisten am liebsten bleiben. Ab 1750 war die Aufführung nur noch für Wohltätigkeitskonzerte vorgesehen. Nachdem er blind geworden ist, wird er seinem Willen treu bleiben und das Aufführungsrecht des The Messie nur noch gemeinnützigen Einrichtungen vorbehalten, z.B. für das Waisenhaus – das Foundling Hospital. Acht Tage vor seinem Tod dirigierte Georg Friedrich Händel das letzte Mal sein Lieblingsoratorium.

 Georg Friedrich Händel - in Westminster Abbey© IOCO

Georg Friedrich Händel – in Westminster Abbey© IOCO

Das englische Volk oder vielmehr die Völker waren ihm dankbar und nach dem Pluralgebrauch, den die Barockzeit von diesem Begriff machte, war auch er ihnen dankbar. Durch seine Oratorien hat sich Händel definitiv in die englische Landschaft eingeschrieben und sie für immer markiert. 1743 hatten ihm seine Freunde bereits ein Standbild in den Gärten von Vauxhall errichtet, das war eine außerordentliche Ehrung an noch einem lebendigen adoptierten Engländer. Das englische Königsreich wird noch mehr tun, indem sie ihm ein reiches Grabmal in Westminster Abbey (Foto oben) errichten, der britischen Ruhmeshalle.

Der Messias – staged by Robert Wilson
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One touch of Mozart

Als außergewöhnliches Importprodukt wurde Händel nach seinem Tod von aufgeklärten Amateuren exportiert, wie z.B. der Baron Gottfried von Swieten (1733-1803), der eine wesentliche Figur im Wiener Kunstleben war. Der Baron, Sohn des Arztes der Kaiserin Marie Therese von Habsburg (1717-1780), war für die Bibliothek des Hofes verantwortlich. In London, in Berlin hat dieser leidenschaftliche Gönner zahlreiche Partituren erworben. 1786 gründete er die Musikvereinigung der , eine Akademie aus Mitgliedern des Wiener Adels, die sich der Interpretation von Chorwerken alter Meister wie Antonio Caldara (1670-1736) und Johann Sebastian Bach (1685-1750) widmeten. Unter seiner Leitung wird Joseph Haydn (1732-1809) seine Die Schöpfung Hob.XXI:2 (1798) komponieren und Ludwig van Beethoven (1770-1827) wird Das Wohltemperierte Klavier BWV 846-893 (1722-1750) spielen.

1788 ernannte der aufgeklärte Aristokrat Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) zum musikalischen Leiter des Vereins. Dieser hat Zugang zu den Schätzen der kaiserlichen Bibliothek. Er wird mit viel Freuden vier Werke von Händel aussuchen und sie für den Wiener Zeitgeschmack neu zu beleben, indem er die Partituren teilweise umkomponiert, ohne jedoch das händelsche Werk zu verfälschen: Alexander’s Feast HWV 75 (1736), Acis and Galatea HWV 49 (1718), Ode for St .Cecilia’s Day HWV 76 (1739) und The Messie. In Bezug auf letzteren hatte Mozart die Randall and Abel Edition von 1767 zu Verfügung. Ein Kopist wurde speziell damit beauftragt, eine Partitur vorzubereiten, die die ursprünglichen Instrumental- und Gesangsteile sowie die Tempi-Angaben enthält und Leerzeichen bereitstellt, damit Mozart nach eigenem Ermessen arbeiten kann.

Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg, vor dem Festspielhaus © IOCO / Zimmermann

Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg, vor dem Festspielhaus © IOCO / Zimmermann

Das Oratorium, das bereits als alte Musik galt, wurde nach dem Geschmack des Tages wiederhergestellt. Dies war z.B. in Frankreich der Fall, als die Opern von Jean-Baptiste Lully (1632-1687) an der Académie Royale wieder aufgeführt wurden. Die Worte von The Messie werden auf Deutsch von Christoph Daniel Ebeling (1741-1817) und Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) übersetzt und das Orchester spielt im Stil des Wiener Klassizismus mit seiner gedämpften Streicher- und Bläserbesetzung. Mozart produziert eine Version mit neuen Farben. Er versorgt es mit Klarinetten und Flöten, er verstärkt die Fagotten und die Hörner. Dieses Ensemble ersetzt die händelsche Orgel, die 1742 ein nüchternes Orchester aus Streichern, Oboen, Fagotten, Blechbläsern und Pauken unterstützte. Das Ergebnis bringt ein erneutes Drama hervor wie z.B. die grölende Menge in Idomeneo K. 366 (1781) oder die hieratische Religiosität von Thamos K.345/336a (1774). Mozart betont die Winkel und mildert die Übergänge. In der Neuorchestration der Arie: „Ev’ry vally…“. erblüht völlig neu das Solo der Flöte und setzt neue Akkorde in der Bass-Arie ein: „Why do the nations…“ Die Behandlung der Chöre lässt den händelschen Kontrapunkt unberührt, doch wird der Ton bei Mozart mehr erweitert und geöffnet behandelt. Lange vor seinem eigenen Requiem K.626 (1791) verfestigt Mozart mit Posaunen und Hörnern die Grundmauern von: „And he shall purify…“ Der Schatten von Don Giovanni K. 527 (1787) verfolgt die dunklen Blasinstrumente von: „Surely, he hath borne our griefs…“ Die Pifa klingt wie eine beethovensche Vor-Pastorale, auch wenn es manchmal bedeutet, die theatralischen Effekte des Originals zu beschweren, wie im Chor: „For unto us a child is born…“

Dieser neue Der Messias mit dreiviertel Händel und ein Viertel Mozart hat es verdient in den Köchel-Katalog unter diesem Titel und unter K.572 aufgenommen zu werden, um gegebenenfalls zu beweisen, dass das Genie des alten Meisters solch eine inspirierte Erhebung akzeptieren konnte. In dieser fruchtbaren Übung anhaltender Bewunderung ernährte sich Mozart von Händel. Die Orchestrierung und Dynamik seines Der Messias nehmen die schillernden Kontrapunkte von der Die Zauberflöte K.620 (1791) und die Orchesterpalette von La Clemenza di Tito K.621 (1791) voraus. Der Messias verkörpert wie in der Matthäus Passion BWV 244 (1736) von Bach in der Überarbeitung von Felix Mendelssohn (1809-1847) den anhaltenden Triumph der Kräfte des Geistes über Tod und Vergessen.

Aufführung 18.September 2020 – Théâtre des Champs-Élysées Paris

Die Idee ein Oratorium szenisch aufzuführen ist nicht neu, schon im Rom der Renaissance, sowie auch in London zur Zeit von Händel wurden teilweise Inszenierungen geboten. Aber auch in den letzten Jahren haben wir mehrere dieser Versuche selbst miterlebt. Der amerikanische Regisseur Robert Wilson hat sich in einer Gemeinschaftsproduktion mit den Salzburger Festspielen, dem Grand Théâtre de Genève und dem Théâtre des Champs-Élysées Paris an Der Messias gewagt. Wie immer, er ist kein Geschichtenerzähler und er zeigt uns in schönen Bildern mit überladener Ästhetik, mit zu viel Symbolen eine sogenannte Endstimmung. Eine Welt, die den Klimawechsel nicht ertragen kann und zugrunde gehen muss, trotz der messianischen Botschaft. Aber die Katastrophen-Bilder von Robert Wilson berühren uns nicht, denn sie zeigen keinesfalls die Ausmaße einer solchen Naturgewalt: Durch die Luft purzelnde abgehackte und verbrannte Baumstämme, schöne schillernde Feuerbrände, das schmelzende und abbröckelnde Eis oder die Atomversuche in der Antarktis, ein Engel, oder Todesengel (?) erwartet uns in einer Barke gleich dem griechischen Todesboten Caron, noch im Schlussfinal fliegt ein entwurzelter Baum durch die Luft. Was für ein Finale! Amen! All das wird wie immer auf meist blauen Hintergrund in einer überaus raffinierten Beleuchtung gezeigt. Auch die Sänger-Schauspieler zeigen in Marionetten- oder Robotbewegungen mit grellen clownhaften bemalten Gesichtern immer das gleiche Einmaleins von Mr. Wilson. Nichts neues bei Mr. Wilson! Seine Inszenierungen sind ein wohlbekanntes teures eingetragenes Markenzeichen geworden: Er hat uns überhaupt nichts mehr zu sagen.

Von der musikalischen Seite war es ein voller Erfolg, denn das Orchester Les Musiciens du Louvre (link HIER!) mit seinem langjährigen musikalischen Direktor, Marc Minkowski haben Händel und Mozart geradezu unter der Haut. Minkowski leitete seine Musiker mit viel Empfindung und Gefühl über die delikaten Klippen des händelschen Marmorblock, indem er die scharfen Ecken sehr klar in mozartischer Manier abschliff und rundete und so einen musikalischen Diamanten mit klassizistischer Dimension gestaltete. In seiner Vision hörte man hier und da die kleinen mozartischen Tüpfelchen, die uns wie ein heller Lichtblick die ganze Schönheit der Zwitterpartition offenbarten. Ein voller und verdienter Erfolg!

Der Philharmonia Chor Wien unter seinem Leiter Walter Zeh zeigte uns in idealer Weise die einzigartige Verschmelzung von zwei Musikformen, und die freundschaftliche Umarmung zweier Genies der Musikgeschichte.

Die russische Sopranistin Elena Tsallagova brachte mit ihrer kristallklaren und in allen Lagen lupenreinen Stimme eine stimmungsvolle Interpretation und wurde dem Engel mehr als gerecht. Die Sängerin kommt aus dem Atelier Lyrique de l’Opéra de Paris und hat inzwischen eine große Weltkarriere hinter sich. Wir kennen sie aus ihrem Beginn in Rollen wie z.B.: die mystische Mélisande, oder Das schlaue Füchslein hier an der Bastille Opéra.

Die Partie der Altstimme wurde von der Holländerin Helena Rasker mit viel Schönheit und Raffinesse vorgetragen. In ihrer Arie: „O du, die Wonne verkündet in Zion…“ wurde geradezu in inbrünstiger Offenbarung mit tiefsten Registern gesungen. Auch sie ist auf allen großen Bühnen der Welt zu Hause mit einem Repertoire von Händel, Mozart, Rossini über Strauss und Wagner bis hin zu Benjamin.

Der Messias – Tenor Stanislas de Barbeyrac beschreibt seine vielfältige Partie
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Der junge französische Tenor Stanislas de Barbeyrac zeigte einmal mehr, dass er zu den großen Hoffnungen in der lyrischen Branche zählt. Seine besonders an Mozart geschulte lyrische Stimme bot in allen Höhen den nötigen maskulinen Ausdruck und wirkte niemals geziert, affektiert und zeigte keinerlei fade Effekthascherei. Mit Recht fängt er eine internationale Karriere mit viel Erfolg an. Dazu hatte er als Schauspieler eine Paraderolle vom Regisseur erhalten: Als ein Stimmungsmacher oder Drahtzieher, als ein Conférencier in einem Berliner Kabarett der dreißiger Jahre steppte und tanzte er mit viel Humor durch die Bilder. Unweigerlich denkt man an Der blaue Engel oder an Cabaret. Wie schon gesagt, der Sänger bietet eine unwahrscheinlich stimmungsvolle Leistung, jedoch der Gedankengang des Robert Wilson bleibt uns verschlossen. Was macht die Person eines Emcee im Der Messias? Soll es ein Vorbote für zukünftige Rassengesetzte sein… soll es der schrullige Musikprodukteur und Komponist Händel selbst sein… oder der Messias selbst? Wir wissen es nicht!

Der aus Bolivien stammende Bass José Coca Loza war für uns eine besondere Entdeckung. Sein großes vollrundes Organ produziert wahre Stimmtönungen von unsagbarer Schönheit. In der Arie: „Blick auf! Nacht bedecket das Erdreich…“ kann er besonders eindrucksvoll seine tiefschwarze Stimme einsetzen. Seine junge Karriere führte u.a. schon an die Covent Garden London, desgleichen sang er in Zürich, Amsterdam, Barcelona, Madrid und Salzburg.

Noch zu nennen sind der griechische Tänzer Alexis Fousekis und der englische Schauspieler Max Harris die mit viel Talent den Anweisungen von Robert Wilson folgsam folgten.

—| IOCO Kritik Théatre des Champs Élysées |—

Paris, Montmartre, Marie Duplessis – von Fantasien geformt, eine Zueignung, 19.09.2020

September 19, 2020 by  
Filed under Hervorheben, ioco-art, Portraits

 Alphonsine Marie Plessis auf Montmartre, Paris © IOCO

Alphonsine Marie Plessis auf Montmartre, Paris © IOCO

Marie Duplessis – eine Sternschnuppe, von Fantasien geformt

– EIN BESUCH BEI MARIE … BEI ALPHONSINE… –

eine Zueignung – von Peter M. Peters

Fürchten Sie sich nicht!  Sie sind nicht die erste Person, die nach Marie Duplessis fragt; : der Wächter des Pariser Friedhofs von Montmartre wird Ihnen mit blasierter Miene die Allee auf der linken Seite zeigen, dann den linken Weg aufwärts; um zum Grabmal der berühmten Kameliendame zu kommen. Nein, nicht das der Marguerite Gauthier, Romanheldin von Alexander Dumas fils (1824-1885), dessen Grabmal nur in der Erinnerung der Menschen besteht. Auch nicht das der Violetta Valéry, die Giuseppe Verdi (1813-1901) unter allen Himmeln singen ließ, lebendige Marionette, voll von Hoffnung, Ruhm und Niederlage aller großen Operndiven, nein, das Grabmal der wirklichen „Dame“, Inspiration von Dumas, von Verdi. Es ist auf keinen Fall Marguerite, noch Violetta: lesen Sie die gravierten Buchstaben im Stein – Alphonsine, ja, Alphonsine Plessis. Sie änderte später ihren ungeliebten Vornamen in Marie: Der Name der Jungfrau? Nein! Einfach nur der Name ihrer Mutter.

Haben Sie niemals diese sentimentale Pilgerreise unternommen?  Oder waren Sie einfach nur neugierig auf diesen friedlichen und fast poetischen Friedhof, nur einen Steinwurf von den würzigen Gerüchen und den überlauten Gerüchten des Place Clichy entfernt. Wir gehen, wir träumen, die Vergangenheit schnürt uns fast die Kehle zu, hier Alfred Victor de Vigny (1797-1863), Hector Berlioz (1803-1869), Sacha Guitry (1885-1957) „ein verspäteter Liebhaber der schönen Alphonsine“ und zur rechten Seite, feierlich und reich, das Grabmal von Alexandre Dumas fils. Nur etwa hundert Meter von diesem pompösen Grabmal entfernt, befindet sich das fast anonyme Grab unserer Alphonsine. Wir sehen: „Hier ruht Alphonsine Plessis geboren am 15. Januar 1824 und am 5. Februar 1847 gestorben – De Profundis“. Einige bescheidene, aber frische Blumen schmücken das Grab. Darunter auch Kamelien aus Plastik, die die Zeit stark verschmutzt hat, denn echte frische sind wohl zu kostspielig. Aber mitunter findet man auch einige…

Marie Duplessis - hier : ein Gemälde von Camille Joseph Etienne Roqueplan © Wikipedia / Ted Wilkes

Marie Duplessis – hier : ein Gemälde von Camille Joseph Etienne Roqueplan © Wikipedia / Ted Wilkes

Wer war nur diese Marie-Alphonsine Plessis, verstorben an einer Pneumonie im Alter von nur dreiundzwanzig Jahren und hat doch in sehr beschränkter Zeit eine Epoche mit ihrer Aura, mit ihrer Schönheit, mit ihrem Luxus, mit ihren Liebhabern… und nicht zuletzt mit ihren Kamelien die Gesellschaft geblendet? Wer war nur diese strahlende Sternschnuppe, die in einer romantischen Konstellation ihr Licht so schnell verlöschen ließ? Eine dieser Göttinnen, die «le Tout-Paris» – d.h. vielleicht zweitausend Personen – zu jeder Epoche im Flüsterton erfunden haben. Eine Frau, die durch die Fantasien der Männer geformt wurde, die Sie liebten, lobten, verachteten, veränderten… eine jener Kreaturen deren Ruhm eher auf dem beruht, was Sie sind als auf dem, was Sie tun und deren Erinnerungen nur aus der Vorstellungskraft der Menschen beruhen.

Théophile Gautier, Franz Liszt, Alexandre Dumas …

In dieser Truppe von Künstlern in roten oder grauen Westen, die aufgeregten LIONS, oder die weniger lauten Großbürger, durch die Sie, Marie, Ihren großen Ruhm erlangt haben. Mit ihren Zeugnissen haben sie das Gedenken an Sie, Marie, verlängert und in die Weltgeschichte eingetragen. Gabriel-Jules Janin (1804-1874) und Théophile Gautier (1811-1872) waren Ihre Fans und hörten nie auf Ihre Schönheit zu preisen. Janin erinnert sich an Ihr Gesicht: „…eine der schönsten Pariser Kreationen, eine dieser hellen matten Hauttöne voller Sonne und Schatten… der kühne und anständige Gang einer Dame von Welt… ihre aufrechte Haltung reagierte auf ihre Sprache, ihre Gedanken auf ihr Lächeln“. Gautier erzählt von Ihrer qualvollen Agonie und der Einsamkeit des Todes. Ihre Freunde haben Sie verlassen und an Ihren Türen warten nur noch die vielen Gläubiger.

Der größte „Schwätzer“, der über Ihr kurzes Leben berichtete, war wohl Frédérik Romain Vienne (?-?). Zu mindestens behauptete er ein Jugendfreund von Ihnen zu sein. Sie hätten ihm hier und da einige Vertraulichkeiten verraten, aus denen er seine „Wahrheiten“ zog und um den guten Ruf einiger Zeitgenossen zu schützen, verwirrte er Spuren und Namen. Aber es ist wahr, dass er sich um Ihren Nachlass gekümmert hat, auch wenn bei einem Brand der Großteil Ihrer Korrespondenz verloren ging. Er erzählt uns Ihre Witze und Grillen: „…Lügen machen weiße Zähne“  und: „…alles Schöne gefällt mir und alles was mir gefällt möchte ich haben“, „…wir wissen, das ich mit geschlossenen Augen alles verschwende was ich habe, sogar mein Leben und sogar alles was ich nicht habe, das heißt die Zukunft“. Bosheit, Geist, Stolz. Aber Sie konnten mitunter auch sehr bitter oder hart mit sich und Ihrem Schicksal sein. Ihr Gewissen wagte mitunter zu behaupten: „…das die Störungen meines Lebens alleine nur mir zuzuschreiben sind?“ Aber dann wieder: „ …:wenn die Gesellschaft mich verurteilt, beschuldige ich sie – und ich habe das Recht dazu – meine Unwissenheit nicht genug geschützt zu haben“ .Sie sind mir hoffentlich nicht böse, Marie, weil ich die schmeichelhaften Erzählungen erwähnen werde, mit denen Franz Liszt (1811-1886), Ihre letzte große Liebe, sie so reich belohnt hat. Der große alternde Musiker hat in zärtlicher Weise die Erinnerung an Sie geweckt: „Sie war in der Tat die absoluteste Verkörperung der Frau, die jemals existiert hat … sie hatte viel Herz und einen völlig idealen Geist“.

Alexandre Dumas auf Montmartre, Paris © IOCO

Alexandre Dumas Fils auf Montmartre, Paris © IOCO

Dann gibt es und vor allem, Dumas fils, der schrieb, schrieb noch einmal. Dumas fils, der Sie liebte, Marie! Machte eine „Jugendsünde“ zum Best-Seller d.h. zum meist verkauften Roman seiner Zeit. Es folgte auch ein Theaterstück, das Millionen von Tränen vergießen ließ. Sie wollten ihn als Freund erhalten, er jedoch wollte Ihr Liebhaber bleiben. So wird er das Ende Eurer großen Liebe mit einem berührenden aber akademischen Abschiedsbrief besiegeln. Er „verkaufte“ seine Leidenschaft und heiligte Sie gleichzeitig, Marie, indem er Sie formte nach seinen Wünschen. Aber welche Form! Mit seiner Kameliendame schuf er ein prachtvolles Mausoleum für die Ewigkeit für Sie, Marie! Für seinen eigenen Ruhm… und für den Ihren, Marie! Er sagte zu Ihnen: „…schön, einen Atheisten glauben zu machen“ und hielt Sie für: „eine der letzten Kurtisanen mit Herz“. Er hat seine Marguerite Gauthier nach Ihrem Bildnis geformt, aber Sie, Marie! Wer waren Sie wirklich? Wer waren Sie, Alphonsine?

Eine Kindheit

Sie wurden also am 15. Januar 1824 um acht Uhr abends in Nonant (Orne) geboren. Ihr Vater, Marin Plessis (?-?), war ein Hausierhändler und Säufer, sehr brutal. Er hatte Ihre Mutter, die hübsche Marie Plessis-Deshayes (?-?), verführt oder „verhext“ . Stimmt es, dass er den Spitznamen „Marin der Hexer“ trug und versuchte sein Haus mit Ihrer Mutter – die er übrigens jeden Tag gleich einem Hafersack schlug – im Innern niederbrennen wollte? Aber wir wissen, dass er in einer Scheune reduziert auf den Zustand eines Vagabunden an einer Krise des «Delirium Tremens» verstorben ist. Ihre Mutter im Gegenteil war von lieblicher Sanftmut und von großer Schönheit mit einer natürlichen Eleganz, ererbt von einer alten normannischen Familie. Mehr und mehr stellte sich heraus, dass das Leben mit Ihrem niederträchtigen Papa unmöglich war. So beschloss sie die Normandie zu verlassen und sich in Genf anzusiedeln, dort aber verstarb sie kurze Zeit danach. Ihre Schwester Delphine und Alphonsine wurden einer Ihrer Tanten anvertraut, die jedoch nicht lange zögerte, Euch an den Vater zurück zuschieben. Marin Plessis war kein Mann, der ein kleines Mädchen verwöhnte. Im Gegenteil: er verkaufte sie stündlich an die alten lüsternen und geilen Wüstlinge. So wurde das ihre erste Ausbildung in dem ältesten Gewerbe der Menschheit! Sie waren erst elf Jahre, aber sie waren frühreif und lernten schnell, Alphonsine!

Sie sind gerade drei Jahre älter, als Ihr „lieber Papa“ beschließt, Sie einer Zigeunertruppe anzuvertrauen, die Sie nach Paris führen wird. Andere Augenzeugen behaupten, dass er Sie selbst in die Hauptstadt begleitete und Sie entfernten Verwandten anvertraute, die ein kleines Obst- und Gemüsegeschäft in der Rue des Deux-Écus betrieben. Wie es auch immer sei, jedenfalls Sie sind in Paris! Noch ein wenig wild, scheu, aber schon recht verdorben, jedoch hatten sie ein niedliches Gesichtchen und ein gewisse Erfahrung in der käuflichen Liebe. Vielleicht sagten Sie sich wie einer Ihrer Zeitgenossen: «À Nous deux, Paris!» Aber in acht Jahren werden Sie schon sterben, aber das wissen Sie noch nicht. Alles wird sehr schnell gehen, sehr schnell und eines Tages werden sie sagen: „Ich tanze nicht zu schnell, es sind die Geigen, die zu spät spielen!“

Sie haben bereits Hunger nach allem, was Leben ist. Sie arbeiten? Ja, ein wenig! Ein Korsettmacher in der Rue de l’Échiquier und ein Hutmacher in der Rue Saint-Honoré stellen Sie ein. Sie führen ein lustiges Leben und mit Ihren Freunden und Begleitern und stürzen sich von einem populären Ball zum andern, lassen keine Taverne aus. Sie runden sich im Bett eines Passanten Ihren Notgroschen auf. Es ist nicht jeden Tag alles rosig, Elend, Ekel, Angst vor einer Geschlechtskrankheit, die in Ihrer Zeit grausam und unerbittlich zuschlägt. Aber noch sind Sie jung und Sie sagen sich: „Leben ist gewinnen!“.

Théophile Gautier Grabmal in Montmartre © IOCO

Théophile Gautier Grabmal in Montmartre © IOCO

Agénor de Gramont, Prince de Guiche – Graf Edouard de Perrégaux

Sie schworen sich selbst, das dieses miserable Leben nicht so weiter gehen kann. Mit einem Mittfünfziger, einem Restaurator der Galerie Montpensier fing Ihr gesellschaftlicher Aufstieg an. Dieser nette Herr installierte Sie in Ihre erste eigene Wohnung in der Rue de l’Arcade. Ab jetzt ging es schnell aufwärts, Alphonsine! Denn eines Abends am Ende des Prado-Balles wartet die Vorsehung auf Sie: Agénor de Gramont, Prince de Guiche (1819-1880), einer der schönsten Dandies der Zeit – er ist ganze fünf Jahre älter als Sie – bietet Ihnen seinen Arm an. Ein großer Name, ein großes Vermögen zum „knabbern“. Er ist intelligent, ohne Vorurteile, er liebt Sie, Sie lieben ihn. Auf Wiedersehen Rue de l’Arcade und der Restaurator! Sie sind gerade sechzehn Jahre alt und Guiche wird Ihr Pygmalion. Eine Wohnung in der Rue du Mont Thabor 28, eine Kalesche, ein Tanzmeister, ein Lehrer für gute Manieren, die schönsten Kleider. Sie lernen mit viel Talent sehr schnell: lesen, schreiben, klavierspielen. Sie sind immer auf dem Stand der neuesten Skandale der Pariser Gesellschaft. Ja, Alphonsine! Sie haben es geschafft! Guiche präsentiert Sie seinen Freunden aus dem JOCKEY CLUB… Sie werden Ihre Freunde. Man kämpft regelrecht um Sie und führt Sie zum Ball oder ins Theater. Verwöhnt Sie mit Schmuck, kostbaren Möbeln, reichen Roben und Kamelien…. ja, diese seltene Blume ohne Duft wird Ihr „Emblem“. Ein Symbol für Luxus, Schönheit und Schwelgerei.

Jetzt ändern Sie Ihren Namen und aus Alphonsine Plessis wird Marie Duplessis. Sie sind achtzehn Jahre und verlassen die Rue du Mont Thabor in Richtung Rue d’Antin, 22. In diesem Jahr lernen Sie Graf Edouard de Perrégaux (1815-1898) kennen. Ein weiterer LION aus dem JOCKEY CLUB. Sie werden ihn eine Weile lieben, er ruiniert sich für Sie. Zusammen unternehmen Sie lange Reisen als ein verliebtes Paar, darunter eine romantische Fahrt durch Deutschland. Hat er Ihnen wirklich ein Haus in Bougival angeboten? Hatten Sie, Marie, wirklich ein Kind von ihm? Der „Schwätzer“ Frédérik Romain Vienne behauptet es, aber nur wenige glaubten es!

Ihr sozialer Aufstieg ist noch nicht vorbei, Marie! Ein edler Fremder wird sie weiter zum Erfolgsgipfel führen. Der Graf Gustav Ernst von Stackelberg (1766-1850) – der mit Titeln und Löhnung vom russischen Zarenhof reich belohnt war – bietet ihnen seine achtzig Jahre und seine unerschöpflichen Renten an. Er installiert Alphonsine am Boulevard de la Madeleine, 11 und bietet Ihnen ein großes reiches Leben an. Sie werden eine der Königinnen von Paris, von denen, die Mode machen und „sie sind erst zwanzig Jahre alt, Marie!“ Sie reiten, gehen jeden Tag ins Theater, speisen in der Maison Dorée und verschwenden lässig Unsummen beim Spielen im Kasino. Sie verdoppeln Ihre Launen, Ihre Anmut, Ihre Eleganz. Ein besonderer Luxus, Sie machen Wohltätigkeit, denn Ihre eigene elende Kindheit macht Sie mitfühlend. Ihr Salon ist immer voll, weil Sie in der Tat nie wirklich Ihre Liebhaber verlassen haben, man geht ein und aus, um sich bei einem Stelldichein den neuesten Klatsch anzuhören. Das hat der kleine Dumas nie verstanden: er wollte Sie ganz alleine nur für sich, der Unschuldige! Sie sind ihm auf dem Höhepunkt Ihrer Herrlichkeit begegnet, er ist zwanzig Jahre wie Sie selbst und trägt einen großen Namen. Er wird nur eine kurze Episode in Ihrem Dasein sein. Dumas fabelhafter Vater, hätte sie mehr amüsiert, aber Ihre Beziehungen zum Autor der Trois Mousquetaires wird sich nur auf ein verstohlenes Treffen in einer Theaterloge beschränken. Es ist wahr, dass Sie mit Ihm einen Kuss austauschten, der sinnlicher als keusch war aber jedoch ohne folgenden Tag.

Krankheit

Aber jede Medaille hat ihre Kehrseite. Es wird gesagt, das dieses einsame Leben einer ausgehaltenen Frau – einer Kurtisane – Sie schwer belastet. Dazu hängt auch schon längere Zeit ein dunkler unheilverheissender Schatten über Ihr Dasein, das nur aus modischer Langweile und Vergnügen besteht: Sie sind krank, Marie! Und sie wissen es! Ist das der Grund, dass Sie sich in diesen schwindelerregenden Vergnügungswirbel stürzen um einen kurzen Moment zu vergessen? Seit langem schon kennen Sie diesen trockenen Husten und diesen fiebrigen Zustand. Ist es dieses Fieber, Marie? Das Sie so viel Champagner trinken müssen und das dann dadurch Ihr überlautes und schrilles Lachen verursacht wird? Wobei Sie fast ersticken und viel Blut spucken müssen.

Dann zeigen Sie sich von Ihrer melancholischen Seite, was zu Ihrem Charme beiträgt. Alles schärft sich bei Ihnen zu klaren Kontrasten: Ihre Schönheit und Ihre Morbidität, Ihre Fröhlichkeit und die schon geahnte Verdamnis…, das Verlöschen Ihres Lebens. Ihr „Gewerbe“ wird durch Ihr natürliches Feingefühl korrigiert, indem schmerzliche Niederwerfungen durch schwärmerische Erhöhungen Ihre Seelenqualen lindern. Alles an Ihnen wirkt übertrieben und exzentrisch: die Faszination die Sie ausüben, Ihre extreme Magerkeit, Ihr andauerndes Fieber, Ihre unnötigen Ausgaben, Ihre atemlose Stille, Ihr ständiges Geheimnis. Das Leben verlässt Sie langsam wie die verrinnenden Blutstreifen im gefleckten Wasser Ihrer Silberschalen. Die vielen Kuren, die Heilmittel der Epoche: Quinine oder isländisches Moos erbringen keinerlei Linderung noch etwa Heilung. Ihre letzten zwei Launen, oder auch besser gesagt zwei letzte Freuden im Leben haben Sie erreicht. Ein Jahr vor Ihrem Tode bietet Prince Édouard de Perrégaux Ihnen seinen großen Namen an. Ihre seltsame Hochzeit wird in England registriert, wird aber nach französischem Recht niemals anerkannt. Drei Tage nach der Zeremonie fahren Sie getrennt jeder für sich alleine zurück nach Frankreich. Von da an „erblühen“ die Kronen der Gräfin auf Ihrer Bettwäsche, Ihrem Silberbesteck und Ihrem Schreibpapier. Sie werden Perrégaux niemals wiedersehen, aber er wird Ihnen ein allerletztes Geschenk überreichen. Ja, Marie! Hier auf dem Friedhof der Künstler und Großbürger am Montmartre wird er Ihnen ein Grabmal für die Ewigkeit seiner großen Liebe bauen lassen.

Trotz Ihrer hohlen Wangen und Ihrer tiefen dunklen Augenränder wird der große Musiker Franz Liszt Ihnen eine letzte ultimative prestigeträchtige Hommage darbieten, die Sie noch einmal von Liebe träumen lässt. Aber die Einsamkeit nimmt ihr Recht und umringt Sie wieder mit dunkler Nacht. Die Männer, die käufliche Liebe erwerben, möchten nicht mit einer Krankheit Ihr Bett teilen und so wird es unaufhaltsam stiller und stiller um Sie, Marie! Langeweile, Angst und Schulden verzehren Sie. Jeden Tag gehen Sie auf den Schlachthof, um frisches Blut zu trinken und schlafen auf einer Rosshaardecke, verschrieben von Ihrem Doktor. Aber all das hilft nichts mehr, Marie! Sie werden sterben!

Marie Duplessis auf Ihrer Grabstätte © IOCO

Marie Duplessis auf Ihrer Grabstätte © IOCO 

…. es ist schon alles vorbei

Im Januar 1847 möchten Sie dieser undankbaren Gesellschaft noch einmal eine letzte Vision des Idols bieten, zudem Sie geworden sind. War es einfach instinktiv oder war es reiner Hohn? Wir wissen es nicht! Sie lassen sich zum Théâtre du Palais-Royal fahren. Ihre Erscheinung! Ein Gletscherauftritt! Ihre durchsichtige Silhouette gleich einem Spektrum, verhüllt in weißen Satin und kostbaren Spitzen und geschmückt mit den letzten Juwelen, die noch nicht am Mont-de-Piété verpfändet wurden. Danach fahren Sie nach Hause zurück, um nie mehr die Öffentlichkeit zu betreten. Die vielen Gläubiger klingeln ohne Unterlass an Ihre Tür, ein letztes Blutgerinnsel erstickt Sie und der Tod umarmt Sie, als Ihr allerletzter Liebhaber, Marie! Während unter Ihrem Fenster im Boulevard de la Madeleine der Karneval im vollen Gange ist.

Ihr Tod wird für die kleine Pariser Gesellschaft ein sogenanntes „Ereignis“. Man kauft alles, man verkauft Ihren gesamten Nachlass. Ihre Wohnung ist überfüllt von sittlichen Damen der Gesellschaft… aber auch einige andere. Alles wird verkauft: Ihre unzähligen Kleider, Ihren Schmuck, Ihre kostbaren Möbel und sogar die trivialsten Gegenstände. Einige Fetischisten reißen sich um Ihre Petticoats and sonstige Unterwäsche, ja sogar Ihre Haarsträhnen werden gehandelt, so sagt man. Marie! Aber was bleibt Heute von Ihnen, Marie Duplessis? Nur die verzehrten Erinnerungen, die Sie mit der Romanfigur Marguerite Gauthier teilen müssen und die Sie in die gleichen Fußschritte der Geschichte lenkt. Sonst nichts! Zerstreut, zerstört, verloren, Ihre Relikte sprechen nicht. Ein Fächer hier, ein Rosenkranz, ein Schmuckstück dort, oder eine Miniatur sind selten unter dem Hammer eines Auktionär gefallen. Unbezahlbar dieses wunderschöne Porträt, gemalt von Edouard Vienot (1804-1884). Alles ist still, alles ist geheimnisvoll um Sie. Wir haben Stimmen, Gesichter, mehrere Inkarnationen ihres schönen Phantomes… ultimative Beschwörungen Ihres Geheimnisses.

Aber von Ihnen, Marie? Fast nichts! Wer waren Sie wirklich, Marie Duplessis?

—| IOCO Interview |—

Wien, Wiener Staatsoper, Neues Management – Spielzeit 2020/21, April 2020

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Das neue Management der Wiener Staatsoper

Spielzeitpräsentation 2020/21 –  Nur auf ORF III

Aufgrund der aktuellen Situation kann die ursprünglich für 26. April 2020 geplante Präsentation der ersten Spielzeit der designierten neuen Direktion der Wiener Staatsoper, in der Nachfolge u.a. des langjährigen Direktors Dominique Meyer, nicht wie geplant in der Wiener Staatsoper stattfinden.

Gemeinsam mit dem ORF  wird eine Fernsehsendung erarbeitet, die am 26. April, 21:30 Uhr auf ORF III ausgestrahlt wird und in der der kommende Direktor der Wiener Staatsoper  Bogdan Rošcic sowie – per Videoschaltung aus Paris bzw. Düsseldorf – Philippe Jordan und Martin Schläpfer im Gespräch mit Moderator Peter Fässlacher ihre Pläne vorstellen. Im Mittelpunkt dieser Sendung stehen das Programm sowie Künstlerinnen und Künstler der ersten Spielzeit.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

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