Belgien, Opera Vlaanderen – Antwerpen, Les Bienveillantes – Hector Parra, IOCO Kritik, 27.04.2019

April 26, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen in Antwerpen © Ilse Liekens

Opera Vlaanderen in Antwerpen © Ilse Liekens

Opera Vlaanderen

LES BIENVEILLANTES (Die Wohlgesinnten) – Hector Parra

Uraufführung der Opera Vlaanderen,  Antwerpen

von Ingo Hamacher

Mit langanhaltendem Applaus feierte das Publikum der Welturaufführung von Hector Parras LES BIENVEILLANTES einvernehmlich einen großartigen Premierenabend, der insgesamt als Grenzerfahrung in Erinnerung bleiben wird. Jonathan Littell, anwesender Autor der der Produktion zu Grunde liegenden Romanvorlage, nach eigenen Angaben hat er zum ersten Mal eine der inzwischen wohl 16 Bühnenadaptionen seines Werkes besucht – die Idee der musikdramatischen Bearbeitung des Textes habe ihn besonders gereizt – zeigte sich ebenfalls begeistert.

Les Bienveillantes   –  Hector Parra
youtube Trailer des Opera Ballet Vlaanderen
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Nicht nur das Theater ist mit dieser Produktion deutlich überfordert. Der Bühnenvorhang will sich weder zum Beginn der Pause noch zum Ende der Aufführung schließen lassen. Auch das Publikum ließ deutliche Stress-Symptome erkennen. Trotzdem war der Publikumsschwund in der Pause minimal. Die Besucher wussten worauf sie sich einlassen würden; ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das Produktionsteam hat sich mit dem äußerst komplexen Roman Les bienveillantes über den charmanten, kultivierten, aber moralisch verdorbenen SS-Offizier Max Aue befasst, der nicht nur Zeuge, sondern auch Mittäter des Schreckens des 2. Weltkriegs wird, ohne jedoch zur Verantwortung gezogen zu werden.

Opera Vlaanderen in Antwerpen / hier der spektakuläre Besuchersaal © Melanie Kirchner

Opera Vlaanderen in Antwerpen / hier der spektakuläre Besuchersaal © Melanie Kirchner

Max behauptet, dass wir alle so handeln würden wie er, wenn wir uns in der gleichen Lage befänden. Und in seiner intellektuellen, bildungsorientierten und musikliebenden Haltung trägt er sich uns als Identifikationsobjekt geradezu an: Max Aue ist wie wir! Wir sind wie Max Aue! – Ich bin wie Max Aue… Die nahegelegte und naheliegende Identifikation mit dem durchaus sympathischen Protagonisten wird im weiteren Verlauf der Handlung noch zu einer Reihe von äußerst verstörenden emotionalen Erlebnissen des Betrachters führen.

 Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg und dem Teatro Real Madrid

Der Titel bezieht sich auf den letzten Teil der Orestie von Aischylos, Titel Die Eumeniden (deutsch: Die Wohlgesinnten). Aischylos redet damit jene auch als ‚Erinnyen‘ bezeichneten Rachegöttinnen aus der griechischen Mythologie auf wohlmeinende Weise an, um ihren Zorn zu beschwichtigen. Eine andere Verbindung mit der griechischen Tragödie ist in der Oper die Anwesenheit des Chors. In seiner stimmstarken großen Präsenz verunmöglicht er dem Betrachter den oft gehegten Wunsch nach emotionaler Distanz, da er die Zuhörer mit der Macht des Gesangs und der entsprechenden Lautstärke direkt mit in das Handlungsgeschehen zieht.

Die französische Presse und Öffentlichkeit reagierten im Herbst 2006 größtenteils enthusiastisch auf Littells Werk Les bienveillantes. So sprach ein Kritiker in Le Monde von einem der „eindrucksvollsten Bücher, das je über den Nazismus geschrieben wurde“. Auch in Deutschland entwickelte sich schnell eine lebhafte, jedoch kontroverse Debatte.
Peter Schöttler, Historiker, äußerte: „Hier wird dauernd geballert, geschossen und gemordet, es spritzt das Blut und das Sperma und die Gehirnmasse – über Seiten hinweg. Offensichtlich hat der Autor da ein gewisses Vergnügen.“

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Thomas Steinfeld kritisierte den 1.400 Seiten starken Roman als „pornographisches Werk“ und „monströses Buch“. Michel Friedman warnte davor, das Judentum des Autors in den Vordergrund zu stellen, und hielt Littells Roman für „überschätzt und gefährlich“ zugleich. Die Historikerin Nili Keren lobte, dass Littell mit seinem Buch das Tabu einer Auseinandersetzung mit der Psyche der Täter gebrochen habe.

Ziel der Opern-Produktion sei es gewesen, die Inszenierung nicht als Bebilderung der Romanvorlage zu gestalten. Uniformen und Transportzüge ins Konzentrationslager als plakative Symbole seien nicht gewollt gewesen. Es sei darum gegangen, eine dramatische Ebene innerhalb des literarischen Materials zu entwickeln. Der Zuschauer soll sich in den halluzinierenden Geist der Hauptfigur Max versetzen. Die inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester und der Mord an Max’ Eltern sind in dieser Inszenierung wichtige psychologische Schlüsselereignisse zum Verständnis der Entwicklung vor dem historischen Hintergrund des 2. Weltkriegs.

Die Struktur des Romans beruht auf einer Barocksuite, die aus aufeinander folgenden Tänzen besteht und von einer Toccata eingeleitet wird. Parra behält diese Struktur bei und verwendete auch die Johannespassion von Bach als Grundlage für seine Partitur. Es gibt aber nach Aussage Parras noch andere Zitate, die ihren Weg in die Oper gefunden haben wie u. a. Schostakowitsch, der eine Symphonie mit dem Titel Babi Jar [Schauplatz des größten einzelnen Massakers an jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg, das unter der Verantwortung des Heeres der Wehrmacht durchgeführt wurde.] geschrieben hat und Bergs Wozzeck – ein Werk, das als „Kriegsoper”, aber auch als Werk über die menschliche Existenz viele Berührungspunkte mit Les Bienveillantes hat, während Bergs Lulu eine große Nähe zu Berlin und Max’ sinnlichen Abenteuern aufweist.

Dann waren da noch Die Soldaten von Zimmermann und die Siebte Symphonie von Anton Bruckner, die – wie im Roman erzählt wird – nach der Niederlage bei Stalingrad im deutschen Radio erklang. In der Oper wird die Musik selbst zum Drama und verweist auf die reiche Musikkultur von Max Aue. Hector Parra beschreibt seine Partitur als einen „Käfig voller Resonanzen” des westlichen musikalischen Erbes. Insgesamt liegt der Musik etwas stark soghaftes, leicht zu hörendes zu Grunde. Wie ein kaum zu fassender Sirenengesang, fast hypnotisch, dringt diese Musik in uns ein, und erweckt die emotionale Bereitschaft zu folgen und uns führen zu lassen.       Wir werden es bereuen.

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Die Handlung

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf eine leere Bühne frei. Weiße Wände. Neonlicht. Ein Tisch. — Der ehemalige Nazi-Offizier Max Aue blickt auf seine Vergangenheit zurück. Drei Damen betreten die Bühne, eine von ihnen beschmiert eine Stelle der Bühnenwand mit Scheiße. Max hat eine besondere Vorliebe für die französische Barockmusik und J.S. Bach. Mit Unterstützung des SS-Offiziers Thomas Hauser, den er in Berlin kennenlernt, macht er Karriere. Thomas wird zu einem engen Freund und Vertrauten. Er rettet Max mehrmals aus gefährlichen Situationen. Wir folgen Max durch die Geschichte des Dritten Reichs und hören seine innere Stimme.

Max scheißt auf die Bühne und kotzt. Es wird im Verlauf des Abends noch viel geschissen und gekotzt werden. Wir vernehmen, dass er und seine Schwester Una in jungen Jahren voneinander getrennt wurden, als sich herausstellte, dass sie eine inzestuöse Beziehung hatten. Ein alter, nackter Mann betritt die Bühne, geht zum vorderen Bühnenrand und stirbt. Er wird die nächsten 1 1/2 Stunden dort liegen bleiben.

Da Max seine einzige weibliche Liebe verloren hat, wendet er sich zukünftig in sexueller Hinsicht Männern zu. Max Vater verschwand auf mysteriöse Weise. Die Mutter heiratete den Franzosen Aristide Moreau, den Max abgrundtief hasst. Der immer wieder auftretende Chor besudelt die Bühenwände mit Fäkalschlamm und flutet damit den Bühnenboden. Max geht als Offizier der Einsatzgruppen in die Ukraine, wo er zum ersten Mal mit der Massenvernichtung der Juden konfrontiert wird. Eine junge nackte Frau wird auf die Bühne geführt. Auf dem Tisch stehend, mit einer Hand nach oben gebunden, wird sie unzählige Male sexuell mißbraucht und gefoltert. Es fließt Blut.

Etwa 45 Minuten nach Beginn der Aufführung stellt sich bei mir eine schwer niederzukämpfende Übelkeit ein. Ich beherzige den Trick, der Max Aue zu Beginn der Oper von seinem Freund verraten wurde: Immer flach durch den Mund atmen. Nach einer Viertelstunde ist der Brechreiz vorüber. Max wird nach Stalingrad geschickt, wo er wie durch ein Wunder dem Tod entkommt. Oft war Kannibalismus die einzige Möglichkeit, dem zwangsläufigen Hungertod zu entgehen. Auch Max ernährt sich von den beiden, inzwischen auf dem Tisch gestapelten Leichen.

Nach gut einer Stunde macht mir eine starke nervöse Anspannung zu schaffen. Mein Köper fühlt sich an wie wund; ich möchte, dass das alles so schnell wie möglich aufhört. Es wird aber noch 30 Minuten dauern, bis wir in die Pause entlassen werden. Die Leichen werden von der Bühne geschafft, wodurch es erträglicher wird. Nach vielen Jahren völliger Funkstille sucht Max seine Mutter in Antibes auf. Ein Flügel fliegt aus dem Schnürboden auf die Bühne ein. Eine Pianistin beginnt ein unendlich lyrisches Spiel und fliegt in Zeitlupentempo mit dem Flügel davon. Max erschlägt seinen Stiefvater mit der Axt und erdrosselt seine Mutter. Vom balsamischen Klavierspiel eingenommen, kann ich diesen Teil der Handlung regelrecht genießen. Max Aues Perversionen haben sich auf mich übertragen.

Pause: Ein belgisches Bier erfrischt

Der zweite, deutlich kürzere Teil der Handlung ist emotional kein größeres Problem. Wieder zurück in Deutschland stößt Max auf die Kriminalbeamten Clemens und Weser, die ihn des Mordes an seiner Mutter und seinem Stiefvater verdächtigen. Max spielt eine wichtige Rolle bei der Organisation der Zwangsarbeit der Juden in der deutschen Kriegsindustrie. Die Solisten und der Chor wälzen sich auf der Bühne in Fäkalschlamm. Max flieht vor den vorrückenden russischen Streitkräften in das Landhaus seiner Schwester in Pommern, wo er sich seinen sexuellen Fantasien hingibt. Er sehnt sich nach der Wiedervereinigung mit seiner abwesenden und inzwischen verheirateten Schwester Una.

Wieder auf der Flucht landet er im Inferno der Bombenangriffe auf Berlin. Eine in ihrer Lächerlichkeit und Sinnlosigkeit nur schwer zu ertragene Szene schildert eine Ordensverleihung an Max Aue durch Adolf Hitler, bei der Aue Hitler in die Nase beißt. Max beginnt ein neues Leben, duscht sich nackt auf der Bühne den Fäkalschlamm vom Leibe, bleibt jedoch allein „mit der Zeit und der Traurigkeit und dem Leid der Erinnerung, mit der Grausamkeit meiner Existenz und meines künftigen Todes. Die Wohlgesinnten [d.i. die Rachegöttinnen] hatten meine Spur wieder aufgenommen.

So die letzten Worte des Romans und auf der Bühne….

 Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen

Opera Vlaanderen / Les Bienveillantes © Annemie Augustijns / Opera Vlaanderen


Neben dem großen Umfang des Romans gab es bei der Übertragung ins Musiktheater auch andere Probleme wie beispielweise die riesige Anzahl von Figuren und die vielen Spielorte der Geschichte. Da Max Aue zwischen zwei Kulturen – der deutschen und der französischen – lebt, ist auch das Libretto zweisprachig. Französisch ist die Sprache seiner Jugend, aber auch seines neuen Lebens nach der Nazizeit. Die Übertitelung erfolgt auf Englisch und Flämisch, jedoch ist die Textverständlichkeit auf erstaunliche Art so gut, dass sich einem deutschsprachigen Zuhörer die Handlung ohne Unterstützung erschließt.

Ein weiterer Aspekt aus dem Roman, der bei der Übertragung in das Libretto übernommen wurde, ist das Verschwimmen der Grenzen zwischen Realität und Traum. Les Bienveillantes ist Musiktheater, das irgendwo zwischen Oper und Oratorium anzusiedeln ist. Insgesamt geht es um die Stimmen der Täter, um eine Polyphonie, die die Austauschbarkeit der Henker zum Ausdruck bringt. Hinzu kommt eine kontinuierliche Mischung innerer und äußerer Stimmen.

Die Oper handelt von menschlicher Grausamkeit, von der Fähigkeit des Menschen, unfassbare Verbrechen gegen die eigene Spezies zu begehen, aber auch von der Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit des Menschen selbst.

Besondere Ovationen für die Leistung des Tenor Peter Tantsits als Max Aue, der  während der gesamten Dauer der Oper (drei Stunden) ohne Unterbrechung auf der Bühne steht und zwei Stunden singen muss. Es sei nicht leicht gewesen, die Partie zu besetzen, hatte uns das Produktionsteam im Vorfeld verraten.

Mitwirkende:

Musikalische Leitung: Peter Rundel, (* 1958 in Friedrichshafen) ist ein deutscher Geiger und Dirigent. Er studierte Violine und Komposition; bei Michael Gielen und Pèter Eötvös Dirigieren. Seit 1987 ist Peter Rundel international als Dirigent tätig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist zeitgenössische Musik.

Regie: Calixto Bieito, (* 1963 in Spanien) ist ein Opern- und Schauspielregisseur. Er hat sich als „Skandalregisseur“ mit modernen, expressiv-gewalttätig zugespitzten oder bewusst sexualisierten Operninszenierungen einen Ruf geschaffen.

Komposition: Hèctor Parra (* 1976 in Barcelona),  Les Bienveillantes ist die sechste große Musiktheaterproduktion für den katalanischen Komponisten Hèctor Parra. Seine Kompositionen werden von den bekanntesten und renommiertesten Ensembles der Welt aufgeführt. Seine Musik – inspiriert von Bach, Entdeckungen der modernen Wissenschaft und Dichter wie Celan und Tsvetajeva – verbindet kraftvolle Musikstrukturen mit einer unglaublich intuitiven und direkten dramatischen Kompositionsweise.

Libretto: Händl Klaus,  (* 1969), ist österreichischer Schriftsteller, Schauspieler, Filmregisseur und Dramatiker. „Die Wohlmeinenden“ ist sein 8. Opernlibretto. Bereits 2015 hat er „Wilde“ zur gleichnamigen Oper von Hèctor Parra geschrieben.

Bühne: Rebecca Ringst, (* 1975) lebt in ihrer Heimatstadt Berlin. Sie studierte in Dresden, wo sie 2002 als Bühnen- und Kostümbildnerin graduiert wurde. Ergänzende Studien mit dem Schwerpunkt Video führten sie an die Escola Superior de Disseny nach Barcelona. Ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Calixto Bieito began 2006. Diese künstlerische Partnerschaft führte sie in an zahlreiche Opern- und Schauspielhäuser der internationalen Szene.

Licht: Michael Bauer – zählt in der Lichtgestalter-Szene zu den hochgeschätzten Koryphäen. Seine kreativen Lichtbilder gelten als innovativ und wegweisend. Seit 1998 ist er als Leiter der Beleuchtungsabteilung an der Bayerischen Staatsoper verantwortlich für die Lichtinszenierungen von ungezählten Opern.

Kostüme: Ingo Krügler – studierte Kostüm- und Modedesign in Berlin und London und arbeitete bei Gaultier und John Galliano in Paris. Mit Calixto Bieito verbindet ihn seit Jen?fa an der Oper Stuttgart eine enge Zusammenarbeit.

Dramaturgie: Luc Joosten – war als Schauspieldramaturg in Antwerpen und Gent tätig. Seit der Saison 2010/11 ist er Chefdramaturg von De Vlaamse Opera Antwerpen.

Chorleitung: Jan Schweiger  –  Sein Studium im Chor- und Orchesterdirigieren absolvierte der gebürtige Österreicher an der Universität Mozarteum in Salzburg. Seit der Spielzeit 2013|14 ist Jan Schweiger Chorleiter an der Vlaamse Opera in Antwerpen, Belgien. Er führt den großartigen und klangstarken Opernchor souverän.

Besetzung

Maximilian Aue: Peter Tantsits
Peter Tantsits stammt aus Amerika und widmet sich mit seinem beweglichen und klangschönen hohen Tenor intensiv dem modernen und zeitgenössischen Musiktheater

Una Moreau, Schwester: Rachel Harnisch
Rachel Harnisch (* 1973) ist eine Schweizer Sopranistin. Sie ist gleichermaßen auf der Opernbühne wie im Konzertsaal zu Hause.

Héloïse Aue, Mutter: Natascha Petrinsky
Die in Wien geborene Mezzosopranistin Natascha Petrinsky begann ihre Karriere in Tel Aviv und war seit dem an den bedeutendsten Opernhäusern der Welt zu Gast.

Aristide Moreau: David Alegret
Der 1974 in Barcelona geborene Tenor, studierte Gesang in Barcelona und Basel. Er gastiert an zahlreichen Opernhäusern, wie er auch als Konzertsänger auftritt.

Dr. Mandelbrod /Grafhorst /Kaltenbrunner: Gianluca Zampieri, italienischer Tenor war bisher in über 65 Opernrollen zu erleben.

Thomas Hauser: Günter Papendell (* 1975 in Krefeld) ist deutscher Opern-, Oratorien-, Lied- und Konzertsänger (Bariton).

Kommissar Clemens/Hafner/Hauptmann 1: Michael J. Scott (* 1981), Tenor, ist ein amerikanischer Sänger und Schauspieler.

Kommissar Weser/Hartl/Ober/Bierkamp/Hauptmann 2: Donald Thomson, ein junger schottische Bassbariton.

Blobel/ Hohenegg/Organist: Claudio Otelli. Der Bassbariton geboren in Österreich, absolvierte sein Gesangsstudium an der Wiener Musikhochschule und war anschließend Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper.

Quartett 1./Hilde/Frau 1.: Hanne Roos – 2004 startete die belgische Sopranistin Hanne Roos ihre professionelle Gesangsausbildung am Royal Music Conservatory in Gent.

Quartett 2./Helga/Frau 2.: Maria Fiselier – Die niederländische Mezzosopranistin Maria Fiselier gilt als eine der aufstrebenden europäischen Künstlerinnen und wird für ihre „außergewöhnlich warme, opulente Stimme, die mit Sensibilität verwendet wird“ gelobt.

Quartett 3.: Denzil Delaere  –  Der belgische Tenor Denzil Delaere schloss sein Studium 2008 mit der höchsten Auszeichnung an der School of Art in Gent ab. In der laufenden Saison 2018/2019 singt Denzil Delaere in mehreren Produktionen in der Vlaamse Opera.

Quartett 4./Hans/Mann/Russe: Kris Belligh, belgischer Bariton.

Hedwig: Sandra Paelinck, Altistin. Seit 2006 ist Sandra Mitglied des Chores of Opera Flanders. Inzwischen tritt sie zunehmend als Solistin auf.

Schupo: Erik Dello, belgischer Tenor,  Schupo: Dejan Toshev, mazedonischer Tenor,  Schupo: Mark Gough

Sinfonieorchester der Oper Flandern,  Chor der Oper Flandern

—| IOCO Kritik Opera Vlaanderen |—

Ludwigsburg, Ludwigsburger Schlossfestspiele, Motto 2019: ALLES AUF ANFANG, 09.05. – 20.07.2019

ludwigsburger_schlossfestspiele.JPG

Ludwigsburger Schlossfestspiele

Ludwigsburger Festspiele / Klassik Open Air & Feuerwerk © REINER PFISTERER

Ludwigsburger Festspiele / Klassik Open Air & Feuerwerk © REINER PFISTERER

  DIE LUDWIGSBURGER SCHLOSSFESTSPIELE 2019

»ALLES AUF ANFANG«

Mit einem letzten »Fest der Interpreten« beendet Thomas Wördehoff 2019 nach zehn Jahren seine Intendanz bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen.

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Thomas Woerdehoff © Reiner Pfisterer

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Thomas Woerdehoff © Reiner Pfisterer

Vom 9. Mai bis 20. Juli bietet das Festspielprogramm unter dem Motto Alles auf Anfang zahlreiche Gelegenheiten, Musik so zu erleben, als würde man sie zum ersten Mal hören. Solisten und Ensembles von Weltrang tragen dazu ebenso bei, wie neu zu entdeckende Interpreten und musikalische Wegbegleiter der Festspiele aus den letzten zehn Jahren: Camille Bertault, The Erlkings, Isabelle Faust, die Musicbanda Franui, Katia und Marielle Labèque, Harald Lesch, Valer  Sabadus, Frank Peter Zimmermann und natürlich das Orchester der Schlossfestspiele unter Pietari Inkinen sind nur einige der Interpreten, die bei knapp 60 Konzerten neue Blickwinkel auf die Musik eröffnen.

Ludwigsburger Festspiele / Igor Levit ©ROBBIE LAWRENCE

Ludwigsburger Festspiele / Igor Levit ©ROBBIE LAWRENCE

Pietari Inkinen feiert 2019 ein kleines Jubiläum bei den Schlossfestspielen: Es ist die fünfte Saison des Finnen als Chefdirigent des Festspielorchesters. Die traditionelle Rede zum Eröffnungskonzert (9. Mai) wird der Pianist Igor Levit halten. Als bekennender Europäer bezieht er immer wieder Position zu gesellschaftlichen Themen. Musik, sagt er, könne man nicht im politikfreien Raum machen – ein unmissverständlicher Ausgangspunkt seiner Eröffnungsrede für die Saison 2019. Musikalisch beginnt die Spielzeit mit Dmitri Schostakowitschs 13. Sinfonie Babi Jar für Orchester, Basssolo und Männerchor – einem  klanggewaltigen Fanal gegen das Vergessen.

Ludwigsburger Festspiele / Rene Pape © Jiyang Chen

Ludwigsburger Festspiele / Rene Pape © Jiyang Chen

Als Solist wird René Pape im Forum am Schlosspark zu erleben sein, der die Solopartie dieses beeindruckenden Werkes eigens für das Eröffnungskonzert einstudiert. Mit dem finnischen Männerchor Ylioppilaskunnan Laulajat steht Pape und dem Orchester der Schlossfestspiele einer der besten Männerchöre überhaupt zur Seite. Ein »Orchester mit Flügeln« (28. Juni) präsentieren die Schlossfestspiele mit den Schwestern Katia und Marielle Labèque, die in Ludwigsburg Bryce Dessners eigens für sie komponiertes Konzert für zwei Klaviere aufführen. Das Stück wird umrahmt von Béla Bartóks virtuosem Konzert für Orchester und John AdamsThe Chairman Dances. Das diesjährige Klassik Open Air & Feuerwerk (13. Juli) feiert unter dem Titel »Viva Europa!« die Europäische Idee mit Werken, die von Städten, Landschaften und Flüssen Europas inspiriert sind. Mit dem Abschlusskonzert (20. Juli) endet die Festspielsaison 2019 in Ludwigsburg. Thomas Wördehoff nimmt dies zum Anlass, gemäß des Saison-Mottos Alles auf Anfang, das klassische Konzertformat noch ein letztes Mal neu aufzurollen: Igor Levit und Thomas Gansch kommen zu diesem Finale erstmalig zusammen, um mit dem Orchester der Schlossfestspiele Dmitri Schostakowitschs Konzert für Klavier und Trompete zu spielen.

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Nora Fischer © Sarah Wijzenbeek

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Nora Fischer © Sarah Wijzenbeek

Die Sängerin Nora Fischer und der Gitarrist Marnix Dorrestein holen Kompositionen des 17. Jahrhunderts ins Hier und Jetzt und auch Fans der Band Mnozil Brass dürfen sich auf diesen ungewöhnlichen Konzertabend freuen, der noch einige Überraschungen bereithält.

Bei der diesjährigen Song Conversation treffen die französische Scat-Virtuosin Camille Bertault, der Pianist David Helbock und der Trompeter Médéric Collignon erstmalig aufeinander. Man darf gespannt sein, welche musikalischen Wege die drei experi-mentierfreudigen Musiker einschlagen, um sich bekannte Songs zu eigen zu machen.

Gleich zwei Veranstaltungen in dieser Saison rücken die Barockmusik in aktuelle Kontexte und eröffnen einen neuen Blick auf die alten Kompositionen. Beim Konzert Der Überseewanderer (30. Juni) stellen Reinhold Friedrich und das Blechbläserensemble der Ludwigsburger Schlossfestspiele Werke des Hochbarocks den westafrikanischen Klängen von Ngoni-Spieler Bassekou Kouyaté und der Sängerin Amy Sacko gegenüber. Einen neuen Blick auf die Musik eröffnen die Texte von Franz Daniel Pastorius, dem ersten deutschen Siedler in Amerika, der sich bereits 1688 öffentlich für die Gleichbehandlung der indigenen Bevölkerung und der afrikanischen Sklaven einsetzte und dessen Worte aus heutiger Sicht eine überraschende Aktualität aufweisen.

Für »Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten im Klimawande (6. & 7. Juli) haben sich das Merlin Ensemble Wien und Harald Lesch zusammengetan. Lesch, der immer wieder öffentlich Position zum fortschreitenden Klimawandel bezieht, ist der perfekte Erzähler für das Konzert, bei dem Vivaldis Die vier Jahreszeiten im Zusammenspiel mit historischen und aktuellen Wetterberichten in einen neuen Kontext gestellt werden.

Mit seinen melodischen Improvisationen lässt Fred Hersch (12. Mai) bei seinem Schlossfestspieldebüt gekonnt die Grenzen zwischen Klassik und Jazz verschwimmen. Otto Lechner & Sväng (30. Mai) gestalten mit Akkordeon und vier Mundharmonikas einen Abend zwischen Improvisation, Volksmusik und Tangomelodien. Gleich zwei Konzerte finden in dieser Saison erstmalig in Kooperation mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach statt: Das Berliner Kabarett-Duo Pigor & Eichhorn (15. Mai) präsentiert sein mehrfach ausgezeichnetes Programm »Volumen 9«, während The Erlkings und der Stihl Chor (6. Juni) mit englischen Interpretationen eine neue Seite des romantischen Liedguts beleuchten. Mit Schuberts Die schöne Müllerin (5. Juli) kommen die Erlkings einen Monat später in die Historische Kelter Bietigheim. In Höllenvisionen (29. Mai) berichtet der meisterhafte Stehgreiferzähler Michael Köhlmeier gemeinsam mit den Posaunisten Leonhard Paul und Bertl Mütter von den Mythen der Unterwelt. Norbert Lammert widmet sich dem gesprochenen Wort als Präzisionsinstrument: Die Lesung Am Anfang war das Wort (7. Juli) dreht sich um die wirkungskräftigen Anfänge großer Texte.

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Christiane Karg © Gisela-Schenker

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Christiane Karg © Gisela-Schenker

Der gefeierte Countertenor Valer Sabadus und die Akademie für Alte Musik Berlin (2. Juni) versehen barocke Arien der antiken Helden mit leidenschaftlichen Empfindungen. Christiane Karg, Antoine Tamestit und Malcolm Martineau (29. Juni) gestalten einen Liederabend rund um Lyrikvertonungen von der Romantik bis in die Moderne. Bariton Holger Falk und Pianist Steffen Schleiermacher präsentieren das Programm »Hanns Eisler: Ein deutsches Leben in Liedern« (10. Juli), für dessen Einspielung sie mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurden. Arianna Savall und das Ensemble Hirundo Maris bringen Gesänge vom Süden und Norden (11. Juli) mit nach Ludwigsburg.

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Valer Sabadus © Christine-Schneider

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Valer Sabadus © Christine-Schneider

Carl Maria von Webers Der Freischütz (12. & 14. Juli) wird in einer neuen Inszenierung zu erleben sein – aus der Perspektive eines jungen französischen Teams. Markenzeichen der Regisseure Clément Debailleul und Raphaël Navarro, die als gelernte Zauberkünstler bereits für den Cirque du Soleil tätig waren, ist die Magie Nouvelle. Mit visueller Magie und Hologrammtechnik legen die beiden das Augenmerk der Produktion auf die düstere Seite der Oper: Auf die ungreifbaren Ängste, welche die Figuren antreiben und die übernatürlichen Kräfte, welche die Regeln und Rituale der Jagdgemeinschaft bestimmen.

Rebecca Carrington und Colin Brown haben mit Turnadot (23., 24. & 25. Mai) im Auftrag der Schlossfestspiele die kleinste Operette der Welt kreiert. Deren Protagonisten bringen zwischen britischen Befindlichkeiten und Brexit-Chaos eine Aufführung von Puccinis Turandot gehörig durcheinander. Die Maskenspieler der Berliner Familie Flöz und die Tiroler Musicbanda Franui haben erstmalig zusammengearbeitet. Die gemeinsam entwickelte Liederoper »Himmelerde« (4. & 5. Juni) greift die romantische Gefühlswelt der Lieder von Schubert, Schumann und Mahler auf, die in den volksmusikalischen Arrangements von Franui nahbar und natürlich werden. Für die Vorstellungen von »Turnadot« und »Himmelerde« sind nur noch Restkarten verfügbar.

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Ballett am Rhein - Symphonie g-Moll (Mozart) ch: Martin Schläpfer d.und K. Florian Etti © GERT WEIGELT

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Ballett am Rhein – Symphonie g-Moll (Mozart) ch: Martin Schläpfer d.und K. Florian Etti © GERT WEIGELT

Das Ballett am Rhein (15. Juni) bereichert das Festspielprogramm mit zeitgenössischen Choreografien von Mark Morris und Martin Schläpfer. Steven Prengels und Arno Synaeve bringen mit »Berg« (4. & 5. Juli) ein musikalisch wie visuell eindrückliches Musiktheaterstück mit ins Schlosstheater, basierend auf Thomas Manns Zauberberg«und der anspruchsvollen Klangwelt Richard Wagners.

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Nemanja Radulovic © Lukas Rotter / Deutsche Grammophon

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Nemanja Radulovic © Lukas Rotter / Deutsche Grammophon

[ Von Nemanja Radulovic wurden verschiedene Aufnahmen bei der Deutschen Grammophon veröffentlicht ]

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Laure Favre-Kahn © Emmanuel Donny

Ludwigsburger Schlossfestspiele / Laure Favre-Kahn © Emmanuel Donny

Der Serbische Geiger Nemanja Radulovic und die französische Pianistin Laure Favre-Kahn (18. Mai) schlagen im Porsche Museum einen Bogen von der Musik der Romantik bis zum französischen Impressionismus. Die beiden befreundeten Musiker Gautier Capuçon & Jean-Yves Thibaudet (7. Juni) widmen sich gemeinsam Cellosonaten von Debussy, Brahms und Rachmaninow. Mit Klaviertrios Ludwig van Beethovens kommen Faust, Queyras & Melnikov (13. Juni) in den Ordenssaal. Neben diesem Kammermusikabend ist die Geigerin Isabelle Faust in dieser Saison auch mit dem Kammerorchester Basel (26. Mai) im Forum am Schlosspark zu erleben. Frank Peter Zimmermann und Martin Helmchen (17. Juli) setzen bei ihrem Festspiel-Debüt mit Sonaten für Violine und Klavier neue Maßstäbe in der Beethoven-Interpretation. Der Pianist Igor Levit (18. Juli) kann bei seinem Recital mit Werken von Gustav Mahler und Franz Liszt als Solokünstler erlebt werden.

—| Pressemeldung Ludwigsburger Schlossfestspiele |—

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 08.04.2018

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

 Parsifal  von Richard Wagner

Ein Bühnenweihfestspiel – In der neuen Staatsoper

Von Karola Lemke

Die Inszenierung Dmitri Tscherniakov´s hatte ihre Staatsopern-Premiere am 28. März 2015 im Rahmen der Festtage 2015 im Schillertheater. 2016 übernahm die hochgeschätzte Waltraud Meier die Rolle der Kundry, wurde verdient gefeiert.

Karfreitag 2018 erklingt das Bühnenweihspiel erstmalig in der wiedereröffneten Staatsoper Unter den Linden, Schon vor Vorstellungsbeginn wird der Apollosaal das meistgesuchte Fotomotiv. Großes Fotointeresse  dann nach Öffnung auch im Saal. Die Bestuhlung ist relativ eng und die Sitze sind stramm gepolstert.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Besucherraum - Neu erschaffen © Gordon Welters

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Der Besucherraum – Neu erschaffen © Gordon Welters

Und wie hat sich die Akustik verändert? Während des Vorspiels wird deutlich, daß zumindest im ersten Rang das Klangerlebnis sehr angenehm ist. In weichen runden Klängen, sehr gedehnt, die fehlende Dynamik noch durch das Auskosten jeder Note verstärkend, zelebriert Daniel Barenboim dies ergreifende Vorspiel. Auch im weiteren Verlauf der Vorstellung mischen sich Orchester und Sänger ausgezeichnet.

1. Aufzug, Waldlichtung und Gralsburg

Gralsburg – Lieblose, kaum Licht durchlassende Fesnter

Im ersten Aufzug zeigt Tscherniakov, angelehnt an die frühe Bayreuther Tradition, die halbrunde Gralsburg. Lieblos wirkende Fenster, die kaum Licht durchlassen, wurden an unpassender Stelle eingebaut. Während der Gralserzählung des spirituellen Lehrers und Gralsritters Gurnemanz zeigen Bilder auf weißer Leinwand die ParsifalUraufführung 1882 in Bayreuth.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal - hier : René Pape als Gurnemanz, Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : René Pape als Gurnemanz, Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal © Ruth Walz

Richard Wagner hatte in seinem Parsifal dem um 1200 entandenen Versroman Parzifal Wolfram von Eschenbachs mit Kundry eine höchst komplexe Frauenfigur  hinzugefügt. Tscherniakovs Kundry  ist Nina Stemme, in beige Hose und Trenchcoat im Gegensatz zu den Gralsrittern gegenwärtig gekleidet. Die Gralsritter sind zu Gottestreue, Gehorsam und Keuschheit verpflichtet. Amfortas (Lauri Vasar) verstieß durch den Beischlaf mit Kundry gegen die Gelübde. Lauri Vasar gestaltet diesen Amfortas überzeugend mitleiderregend. Qualvoll fristet er in Folge als designierter Nachfolger seines Vaters Titurel (Reinhard Hagen) nach der Verletzung durch Klingsor und dem Verlust der heiligen Lanze seine Tage in der Gralsburg Monsalvat. Ansonsten: Männerwirtschaft in abgelegener kalter unwirtlicher Gegend: Grobe Bänke, ärmliche Bekleidung, verhärmt wirkende Gralsbrüder. René Pape gibt  bei ausgezeichneter Textverständlichkeit einen vorzüglichen Gurnemanz

Der jugendliche Parsifal (Andreas Schager), in kurzen Hosen, Sweatshirt, modernem, hoch bepacktem  Wanderrucksack und Armbrust, wirkt in dieser Szenerie exotisch. Parsifal, der Tor, wächst von der Welt abgeschottet auf, weiss weder von seiner adligen Herkunft noch von der Rolle, für die er auserwählt ist. Er ist reinen Herzens, aufrichtig und voller Demut. Aber er muß seinen Weg in einer Welt von Leid und Tragik erst noch finden. Dass der Tor die Regeln nicht kennt, zeigt sich bei Eschenbach, als Parzival nach der Tötung des roten Ritters dessen Rüstung an im Glauben sich nimmt, nun auch Ritter zu sein. Bei Wagner tötet Parsifal im heiligen Gebiet des Grals einen Schwan und zieht sich die Empörung der Gralsritter zu. Tscherniakv verzichtet auf die gegenständliche Darstellung des Schwanes.

Titurel in langem Mantel kommt auf die Bühne und steigt in einen Sarg, den die Gralsritter zuvor auf der Bühne abgestellt hatten. Hat Parsifal im Nachhinein ob der Tötung des Schwanes Gewissensbisse gezeigt, so ist er von der Gralsenthüllung (bei Tscherniakow ausreichend abstossend inszeniert) und den damit verbundenen Schmerzen Amfortas entsetzt. Die Verbände werden Amfortas abgeschnitten und das Blut aus der Wunde gepreßt. Mitleid kann Parsifal jedoch nicht zum Ausdruck bringen, der erhoffte Satz: „Was quält dich, mein König“ fällt nicht. Gurnemanz schickt Parsifal enttäuscht davon.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal - hier : Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal, Blumenmädchen © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : Anja Kampe als Kundry, Andreas Schager als Parsifal, Blumenmädchen © Ruth Walz

2. Aufzug, Klingsors Zaubergarten

Klingsor – Verbraucht abstoßender Mann in Uraltstrickjacke 

Im unveränderten Bühnenbild taucht lediglich das Licht (Gleb Filshtinsky) alle Handlung in kaltes Weiß. Die Fenster erscheinen durchsichtig. Eine Textprojektion verkündet, dass Klingsor sich hier eine Heimstatt errichtet hat in der er mit seinen zahlreichen Töchtern, den Blumenmädchen, lebt. Beklemmend wirkt, wenn die blutjungen Blumenmädchen  in Kinderröcken, mit  geflochtenen Zöpfen oder „Affenschaukeln“ Spielzeug in den Händen halten; ebenso beklemmend, doch anders im Ausdruck, wenn die Gralsritter Amfortas Blut abzapfen. Das Bühnenbild der Inszenierung zeigt so in kurzer Folge zwei Seiten von Wahnsinn; beide Szenen nur schwer zu ertragen. Lyrisch weich klingt der Chor der Blumenmädchen, wenn sie die Ritter beweinen; ganz zart ihr  „Komm, komm holder Knabe“.

Klingsor (Falk Struckmann) ist ein alter, verbrauchter, gestörter, abstoßender Mann in Uraltstrickjacke und Pantoffeln. Doch solch verstörte Erscheinung kann die von Gewalt geprägten Grobheiten des Klingsor gegenüber Kundry nicht glaubhaft transportieren. Interessant dagegen, die pantomimische Darstellung der Erzählung KundrysIch sah das Kind an seiner Mutter Brust“. Dargestellt wird die Szene durch Janine Schneider (Parsifals Mutter) und Christian Kreibich (Parsifal Double).

Großartig Schagers Ausbruch:   „Amfortas! Die Wunde!“

Als Parsifal Kundrys Verführung widersteht, als er Amfortas Wunde begreift, ruft Kundry nach Klingsor´s Hilfe. Doch der heilige Sperr wird diesem von Parsifal entwunden. Inmitten der Kinder erticht Parsifal Klingsor. Wie schon 2017 in Bayreuth ist Andreas Schager ein phantastischer Parsifal, stimmlich und schauspielerisch so überzeugend, dass man wirklich den Selbstfindungsprozeß mit ihm durchleidet. Den Zerfall von Klingors Reich erzählt das Orchester, nicht das Bühnenbild.

„Du weißt, wo Du mich findest“

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal - hier : Wolfgang Koch als Gurnemanz und Ensemble © Ruth Walz

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Parsifal – hier : Wolfgang Koch als Gurnemanz und Ensemble © Ruth Walz

3. Aufzug, Waldlichtung und Gralsburg

Das Bühnenbild des ersten Aufzuges, nur alles noch etwas älter: Der alte bärtige Gurnemanz ist da, ebenso Kundry. Titurel ist in seinem Sarg verstorben (nun geschlossen). Die Verwandlungsmusik nach dem Tode Titurels korrespondiert mit der Verwandlungsmusik des ersten Aktes. Parsifal betritt als vermummter Kämpfer die Bühne. Kundry übernimmt dessen Fußwaschung. Es kommt zum Austausch von Zärtlichkeiten zwischen Kundry und Parsifal.

Gänsehautmoment beim kraftvollen Chor der Gralsritter. In der gesamten Aufführung waren Staasopernchor und Konzertchor sehr überzeugend. Besondere Erwähnung verdient hier Natalia Skrycka sowohl als Blumenmädchen, als auch als Stimme aus der Höhe. Als sich  Amfortas und Kundry umarmen, wird diese von Gurnemanz (René Pape stimmgewaltig wie gewohnt) von hinten erstochen. Tscherniakovs Sicht auf die Menschheit.

Insgesamt eine großartige Leistung des hochkarätigen Ensembles, des Chores wie der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim.

Parsifal an der Staatsoper Unter den Linden; keine Vorstellungen in der laufenden Spielzeit

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

 

Berlin, Staatsoper im Schiller Theater, FESTTAGE, 30.03. bis 09.04.2012

 staatsoper_schiller_theater.png

Staatsoper im Schiller Theater

FESTTAGE: Daniel Barenboim dirigiert die Filarmonica della Scala und die Staatskapelle Berlin – René Pape gibt seinen ersten Liederabend an der Staatsoper

Neben Alban Bergs “Lulu” und Richard Wagners “Das Rheingold” und “Die Walküre” bieten die diesjährigen FESTTAGE der Staatsoper (30.3. bis 9.4.) ein exzellentes Konzertprogramm.

Am 5. April treten Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin mit Anton Bruckners 7. Sinfonie und Edward Elgars 1918/19 entstandenem Violoncellokonzert in der Philharmonie auf. Den Solopart übernimmt die junge amerikanische Cellistin Alisa Weilerstein, die mit diesem Konzert ihr Debüt bei der Staatskapelle gibt.

Am 6. und 7. April sind nach 2009 zum zweiten Mal bei den FESTTAGEN der Staatsoper die Filar­monica della Scala, das Orchester des Teatro alla Scala in Mailand, unter der Leitung von Daniel Barenboim in der Philharmonie Berlin zu erleben. Am ersten Abend mit Werken von Maurice Ravel sowie mit Manuel de Fallas „Nächte in spanischen Gärten“ für Klavier und Orchester (mit Daniel Barenboim als Solist und Dirigent). Am zweiten Abend mit Instru­men­tal­­musik der beiden Opern­komponisten Rossini und Verdi sowie selten zu hörenden Liedern von Claude Debussy mit der herausragenden lettischen Mezzo­sopranistin Elina Garanca.

Nach seinen FESTTAGE-Auftritten als Wotan in „Das Rheingold“ (30.3.) und „Die Walküre“ (1.4.) gibt René Pape am 8. April um 17 Uhr im Schiller Theater gemeinsam mit Daniel Barenboim am Klavier seinen ersten Liederabend an der Staatsoper. Bassist René Pape gehört zu den weltweit gefragtesten Sängerpersönlichkeiten der jüngeren Generation und ist seit 1988 Ensemblemitglied der Staatsoper Unter den Linden. Auf dem Programm stehen „Klassiker“ der Liedliteratur: Schumanns „Dichterliebe“ sowie eine Reihe bekannter Schubert-Lieder, u. a. Stücke aus dem letzten Zyklus „Schwanengesang“ und einige Goethe-Ver­tonungen. Zudem bietet das Recital die Begegnung mit Hugo Wolfs „Michelangelo-Liedern“, den letzten vollendeten Kompositionen des spätromantischen Liedmeisters.

Donnerstag, 5. April, 20 Uhr, Philharmonie Berlin
Staatskapelle Berlin, Dirigent: Daniel Barenboim, Violoncello: Alisa Weilerstein

Karfreitag, 6. April, 20 Uhr, Philharmonie Berlin
Filarmonica della Scala, Dirigent und Solist: Daniel Barenboim

Samstag, 7. April, 16 Uhr, Philharmonie Berlin
Filarmonica della Scala, Dirigent: Daniel Barenboim, Mezzosopran: Elina Garanca

Ostersonntag, 8. April, 17 Uhr, Staatsoper im Schiller Theater
Liederabend mit René Pape, Klavier: Daniel Barenboim

Konzerteinführungen jeweils 45 Minuten vor Beginn.

Tickets und Informationen unter Telefon 030 20 35 45 55 und www.staatsoper-berlin.de

Pressemeldung Staatsoper im Schiller Theater

Nächste Seite »