Münster, Pablo Picasso Museum, Beauty is A Line, IOCO Ausstellungen, 05.02.2020

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso

Beauty Is A Line  –  Ausstellung

„Von der Farbe über die Linie ins Nichts“  –  Picassomuseum Münster und Rijksmuseum Twenthe in Enschede gehen der Linie nach

von Hanns Butterhof

Am Anfang stand der Wunsch des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster und des Rijksmuseums Twenthe in Enschede, ein gemeinsames Ausstellungsprojekt durchzuführen. Die  Suche nach einem von beiden Museen ausfüllbaren Thema mündete in die Entscheidung, die Linie als Gestaltungsmittel in der Kunst der Moderne ins Zentrum der Ausstellung zu stellen, die nun in beiden Häusern unter dem gemeinsamen Titel Beauty Is A Line zu sehen ist. Münster hebt den Aspekt „Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ hervor,  Enschede den von „Picasso & Matisse“. Nach Ansicht von Markus Müller, Direktor des Picassomuseums, ist der Besucher nur eines Teils der Doppelausstellung am Ende nicht vollständig über die Bedeutung der Linie in der modernen Kunst informiert.

Johan Thorn Prikker, Plakat Holländische Kunstausstellung in Krefeld, 1903, Lithografie © Drents Museum, Assen

Johan Thorn Prikker, Plakat Holländische Kunstausstellung in Krefeld, 1903, Lithografie © Drents Museum, Assen

Die wesentlich schöpferische Leistung der Kuratoren besteht in der Unterscheidung von fünf Linien-Typen, nach denen der Parcours der Ausstellung wie der Katalog zu ihr gegliedert sind. So führt der erste Saal zum Jugendstil, dem die „dekorative Linie“ zugesprochen wird. Besonders prominent steht dafür ein dreiteiliger Paravant „Bloemenkonigin“ von Carel Wirtz von 1902 aus Teakholz und bestickter Seide. Neben Werbe-Plakaten von Henry van de Velde, Johan Thorn Prikker und anderen findet sich dort auch das Plakat Jan Toorops von 1894, das für „Delftsche Slaolie“ warb und der ganzen Richtung in den Niederlanden den Spottnamen „Salatöl-Stil“ einbrachte.

Im folgenden Raum geht es um die „expressiv-gestische Linie“ von Künstlern der Nachkriegs-Avantgarde. Stehen bei Ernst Wilhelm Nays „Orange und Schiefergrau“ von 1953 oder Theo Wolvecamps „Komposition B 3“ von 1949 die Linien noch in Konkurrenz zu den Farben, so ändert sich das bei dem herausgehoben im Hauptsaal zentral positionierten Cy Twombly. Vor allem auf seinen in den Sechzigerjahren entstandenen Blackboards „Untitled“ von 1966 und „Untitled“ von 1969 dominieren die wie mit Kreide auf schwarze Schiefertafeln aufgetragenen schwungvollen Linien. Ein amerikanischer Kritiker bemerkte, sie wirkten wie die lustlosen Übungen eines Schülers, der als Strafe wiederholt „ich darf in der Klasse nicht tuscheln“ schreiben muss. Das allerdings mutet den Werken, die sich selbst genug sind, schon ein Zuviel als Sinn zu, dem sie sich doch hermetisch verweigern.

Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Cy Twombly, Untitled, 1969, Ölfarbe, Wachsstift, Sammlung Prof. Dr. Reiner Speck © Cy Twombly Fondation

Die Radikalisierung solcher Verweigerung leistet die „konstruktive Linie“, die der nächste Raum präsentiert. Bei ihr zieht sich der Künstler möglichst vollständig aus dem Kunstwerk zugunsten von objektiven Verfahren zurück. Beispielhaft stehen dafür die Künstler von de Stijl, etwa Bart van der LecksKomposition Nr.8″ von 1927, die sehr an Kompositionen Piet Mondriaans erinnert, von dem ein kleines dreidimensionales Werk zu sehen ist. Die „konstruktive Linie“ gipfelt jedoch in der Minimal bzw. Conceptual Art. Ihr Theoretiker Sol LeWitt, von dem mehrere dreidimensionale, repetitive Werke wie die „Five Part Variations with Hidden Cubes“ von 1968 oder Konstruktionszeichnungen wie der „Incomplete Open Cube 10/4“ von 1974 zu sehen sind, geht dabei so weit, die Idee, das gedankliche Konstrukt, noch vor seiner Realisierung zum Kunstwerk zu erklären. Damit verabschiedet sich allerdings auch die Linie tendenziell aus der Kunst ins Nichts.

Von Gerhard Richter finden sich, womit er im Münsteraner Ausstellungstitel gerechtfertigt ist, spielerisch ironische Objekte und Photographien zu den „unmöglichen Figuren“ M.C. Eschers. Der „Konturlinie“ sowie der „expressiven Linie“ widmet sich näher das  Rijksmuseum Twenthe in Enschede. Die Ausstellung Beauty Is A Line enthält sich weitgehend auch im Katalog einer Erörterung oder gar Wertung des Verhältnisses von Linie und Farbe in der Kunst. Sie dokumentiert jedoch ausführlich die Aufwertung der Linie durch die Moderne.

Maurice Denis, Amour, 1899, Malerbuch mit Farblithografien, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Maurice Denis, Amour, 1899, Malerbuch mit Farblithografien, Sammlung Classen im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

In einer parallelen Ausstellung „Von Bonnard bis Picasso – Die Bücher des Monsieur Vollard“ zeigt das Picassomuseum mit Werken von Marc Chagall, Pablo Picasso, Georges Braque und anderen Künstlerfreunden des Verlegers Ambroise Vollard (1865 – 1939) die schönsten Malerbücher aus der im Hause beheimateten Sammlung Classen. Vollard, ein entschiedener Förderer der Künstlergruppe Nabis um  Pierre Bonnard und Maurice Denis, regte viele Künstler zu vielen heute als klassisch geltenden Malerbüchern an wie dem in der Ausstellung auch gezeigten „Parallèlement“ von Paul Verlaine, das 1900 mit Lithographien von  Pierre Bonnard erschien und als erstes Malerbuch überhaupt gilt.

Der umfangreich bebilderte Katalog „Beauty Is A Line  –  Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ mit Beiträgen von Josien Beltman, Alexander Gaude, Paul Knolle, Markus Müller, Arnoud Odding und Thijs de Raedt umfasst etwa 100 Seiten, ist im Verlag Waanders erschienen und kostet im Museum 21,95 €.

Beide Ausstellungen sind bis zum 24.5. im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, Picassoplatz 1, zu besichtigen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr., Eintritt 10,00 €, ermäßigt 8,00 €.

Kontakt: info@picassomuseum.de, É 0251-41447-10

—| IOCO Ausstellungen |—

Münster, Picasso Museum, „Im Rausch der Farben“ – Ausstellung, IOCO Aktuell, 16.10.2019

Oktober 15, 2019 by  
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Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Kunstmuseum Pablo Picasso

Kunstmuseum Pablo Picasso

„Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“

  Französische Moderne  –  Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

von Hanns Butterhof

Dem Kunstmuseum Pablo Picasso Münster ist wieder ein Glücksgriff gelungen. In seiner Ausstellung „Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“ zeigt es sehenswert über sechzig Meisterwerke aus dem Musée d’Art moderne de Troyes, die bisher außerhalb ihres Stammhauses nur in Seoul zu sehen waren. Aus eigenen Beständen würdigt es den Namensgeber mit der Sonderausstellung „Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch“.

Die Ausstellung positioniert sich gleich zu Anfang mit einem kurzen schwarz-weiß-Film auf der Gewinnerseite der Kunstgeschichte. Der Reihe nach präsentieren sich die Künstler der „Fauves“, die Wilden, mit einschlägigen Kunst-Parolen, um dann in Boxkämpfen ihren Gegnern punktgenau den knock out zu versetzen. Warum sich die Fauves als Sieger im Kampf gegen die akademische und Salon-Malerei fühlen durften, zeigt die Ausstellung dann mit ihrem Farbrausch eindringlich.

 Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung Im Rausch der Farben - hier : André Derain, Big Ben, 1906, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung Im Rausch der Farben – hier : André Derain, Big Ben, 1906, Öl auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Werke entstammen dem Teil der Sammlung, die das Textilindustriellen-Paar Denise und Pierre Lévy dem französischen Staat für das  Musée d’Art moderne von Troyes, der Stadt in der Champagne, vermacht haben. Freund und künstlerischer Anreger der Lévys war André Derain (1880 – 1954), deren „Hausgott“, wie ihn der Direktor des Picasso-Museums, Dr. Markus Müller, im Gespräch nennt. Derain hatte mit seinen Künstlerfreunden um Henri Matisse (1869 – 1954) auf dem Pariser Salon d’Automne 1905 den Skandalerfolg gefeiert, der die lose Maler-Gruppe als „Les Fauves“ etablierte.

Entsprechend bildet Derain einen Schwerpunkt der mit Gemälden, Grafiken und Skulpturen bestens bestückten Ausstellung. Einen besonderen Blickfang im großen Ausstellungsraum bildet sein an Monet erinnerndes Gemälde „Big Ben“, und sein „Hafen von Collioure“ trägt deutliche Spuren seines Zusammenseins mit Matisse 1904 in der katalonischen Hafenstadt nahe der Kapitale Perpignan. Von der Erfindung ihrer völlig neue Bildsprache aus dem Licht Südfrankreichs spricht auch Chaim Soutinés (1893 – 1943) „Das Kapuzinerkloster von Céret“, das auf ein unweit von Collioure gelegenes Städtchen verweist, dessen Musée d’art moderne Céret noch viele Zeugnisse aus der frühen französischen Moderne und eine Vielzahl von Keramiken Pablo Picassos mit Stierkampfszenen besitzt.

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstyellung : Im Rausch der Farben - hier : Félix Vallotton, Afrikanerin, 1910, Öl auf Leinwand, Foto Ville de Troyes, Carole Bell © Domaine public 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstyellung : Im Rausch der Farben – hier : Félix Vallotton, Afrikanerin, 1910, Öl auf Leinwand, Foto Ville de Troyes, Carole Bell © Domaine public 2019

Der Ausstellung im westfälisch verregneten Münster eignet ein Hauch von Leichtigkeit, als atme sie die helle Luft des französischen Südens, und vermittelt jenseits von systematischem Sammlertum etwas von den sympathisch persönlichen Neigungen der Lévys. So fallen Werke von Jean Metzinger (1883 – 1956) wie seine  sanft kubistische „Frau von vorne und im Profil“ oder von Robert Delaunay (1885 – 1941) „Die Läufer“ ins Auge, daneben von Amado Modigliani (1884 – 1020) das Portrait „Jeanne Hébuterne“, von Max Ernst (1891 – 1976) eine Landschaft, und dazwischen überrascht die nahezu fotorealistisch gemalte „Afrikanerin“ von Félix Valloton (1865 – 1925). Im Kontrast dazu steht das Portrait “Junge Kreolin“ von Paul Gauguin (1848 – 1903), und wieder anders strahlen die Pointilisten Paul Signac (1863 – 1935) mit dem lichten Aquarell „Venedig“ oder Georges Seurat (1859 – 1891) mit dem „Vorort“.

Erstaunlich sind auch Sujet-Ähnlichkeiten zu entdecken. Atelierszenen oder Blicke aus dem Fenster auf die Straße wie von Maurice Marinot (1882 – 1960) erinnern frappant an Bilder der Ausstellung „Raoul Dufy – Les Ateliers de Perpignan 1940 – 1950“,  wie sie letztes Jahr im Musée d’art moderne Hyacinthe Rigaud in Perpignan zu sehen waren. Dort läuft gegenwärtig noch die sehenswerte Ausstellung „Rodin – Maillol – face à face“ mit charakteristischen Skulpturen der beiden Bildhauer, die auch in der Ausstellung im Picasso-Museum zu sehen sind. Auguste Rodin (1840 – 1917) etwa ist mit dem stolzen Kopf „Balzac“, Aristide Maillol (1861 – 1944) mit der hübschen „Krabbenfrau“ vertreten. Weitere Skulpturen finden sich verstreut in der Ausstellung, darunter Pferde- und Frauen-Motive von Edgar Degas (1834 – 1917).

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung : Im Rausch der Farben - hier : Pablo Picasso, Drei Sardinen, 1948, Keramik (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster / Ausstellung : Im Rausch der Farben – hier : Pablo Picasso, Drei Sardinen, 1948, Keramik (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

In der Sonderausstellung  „Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch“ würdigt das Picasso-Museum in der 2. Etage aus eigenen Beständen Pablo Picasso (1881 – 1973) mit Linolschnitten, Lithografien, Keramiken und Gemälden rund um das Thema Essen und Trinken. Frisch gefangener Fisch, Artischocken und Wein lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Manche Bilder vermitteln aber auch eine Ahnung von den Phantasien, die von der Lebensmittelknappheit in Frankreich zur Zeit der deutschen Besatzung angeregt wurden.

In beiden Ausstellungen kommt den Besuchern eine außerordentlich nahe Moderne entgegen, bei der erstaunen lässt, vor wie langer Zeit ihre Protagonisten gewirkt haben. Und dazu gesellt sich das Erschrecken, wie vorbei diese Epoche ist.

Die Ausstellung „Im Rausch der Farben – Von Gauguin bis Matisse“ im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster läuft noch bis zum 19.1.2020.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag und Feiertage: 10.00 bis 18.00 Uhr. Freitag: 10.00 bis 20.00 Uhr.  Der ausführliche, umfassend bebilderte Katalog zur Ausstellung kostet an der Museumskasse 29,80 €, im Buchhandel 38,00 €.

—| ioco-art Kunstmuseum Pablo Picasso Münster |—

Münster, Picasso Museum, Ausstellung: Exoten und Moderne im Dialog, IOCO Aktuell, 06.02.2019

Februar 6, 2019 by  
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Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Lutz Oppermann

Kunstmuseum Pablo Picasso Muenster © Lutz Oppermann

Kunstmuseum Pablo Picasso Münster

Kunstmuseum Pablo Picasso – Münster

Exoten und Moderne im Dialog – Ausstellung 2.2. bis  28.4. 2019

von Hanns Butterhof

Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, das bis September 2010 noch Graphikmuseum Pablo Picasso Münster hieß, ist eines der Museums-Kleinodien im westfälischen Münster. Es wurde im Jahr 2000 eröffnet und beherbergt über 800 Lithografien Pablo Picassos. 1997  hatte der Lengericher Sammler Gert Huizinga, der am 9. 12. 2018 im Alter von 91 Jahren verstorben ist,  722 Lithographien in eine von den Sparkassen in Westfalen-Lippe, der Westdeutschen Landesbank Girozentrale, den Westfälischen Provinzial-Versicherungen sowie von ihm und seiner Frau gegründete Stiftung eingebracht und damit den Grundstein für das münsterische Picasso-Museum gelegt.

Das Kunstmuseum Pablo Picasso liegt am Picassoplatz 1 in der Königsstraße. Seine Ausstellungsräume befinden sich in zwei historischen Gebäuden, dem von 1784 bis 1788 erbauten Druffel’schen Hof, einem der bedeutendsten Bauten des Klassizismus‘ der Stadt, und dem benachbarten Hensenbau, die im Zuge des Umbaus zum Museum Ende der 1990er Jahre miteinander verbunden wurden.

Die Sammlung des Picasso-Museums umfasst bis auf wenige Blätter das komplette lithografische Schaffen des Spaniers, darunter Abzüge von Zwischenzuständen und Probedrucke. Thematisch spannen die Werke den Bogen von Porträts über Stillleben bis hin zu bewegten Stierkampfszenen und antiken Fabelwesen.

Das Museum verfügt darüber hinaus über einen repräsentativen Querschnitt durch das gesamte grafische Schaffen von George Braque von 1926 bis zu seinem Todesjahr 1963. Die Kollektion zeichnet sich durch eine Vielzahl von Unikaten und Künstlervorzugsdrucken aus und ähnelt in ihrem Ateliercharakter der Picasso-Lithografien-Sammlung.

Seit 2008 besitzt das Museum 137 Grafiken des Malers Marc Chagall, maßgeblich aus den 50er und 60er Jahren, seit 2015 auch eine deutschlandweit einzigartige Grafik-Sammlung mit 121  Lithografien, Linolschnitte und Radierungen von Henri Matisse als Dauerleihgabe.

Lithographie von Honoré Daumier © Pablo Picasso Museum[

Lithographie von Honoré Daumier © Pablo Picasso Museum[

Für die große Ausstellung Marc Chagall – Der wache Träumer standen die Besucher Schlange. Mehr als 58.000 Kunstinteressierte kamen seit Oktober 2018 nach Münster, um die 120 Gemälde, Zeichnungen und farbigen Grafiken des französischen Ausnahmekünstlers zu bewundern.

 Aktuelle Ausstellungen: Daumier-Karikaturen,  Exotisches und Moderne im Dialog

(Kunst) zwischen Kult und Kritik

Vom 2. Februar bis 28. April 2019 zeigt das Picasso-Museum zwei neue Ausstellungen. In den Räumen des ersten Stocks wird unter dem Titel  Ein Fest für die Augen  erstmalig die Kollektion eines ungenannt gebliebenen Münsteraner Privatsammlers präsentiert. Im zweiten Stock sind unter dem Titel Honoré Daumier Die menschliche Komödie Lithographien des französischen Meisters der Karikatur zu sehen.

Dass des Sammlers weites Herz für zeitgenössische in Deutschland lebende Künstler schlägt, zeigt   ein Raum der Ausstellung Ein Fest für die Augen mit Arbeiten von Tony Cragg, Carsten Gliese, Christoph Worringer und Milo Köpp. Doch das wahre Fest für die Augen sind 85 Gemälde, Grafiken und Skulpturen, die dazu herausfordern, dem Einfluss der Volkskunst Afrikas und Asiens auf die europäische und außereuropäische Avantgarde nachzugehen. Ausdrucksstarke afrikanische Masken und Skulpturen stehen Vertretern der Moderne gegenüber, darunter auch Picasso, in dessen Werk sich deutliche Bezüge zu den vereinfachenden Geometrisierungen finden. Dabei ist durchgängig erkennbar, wie zwar die Formen der zentralafrikanischer Vorbilder übernommen wurden, nicht aber deren kultischer Gehalt.

Pablo Picasso Museum Münster / Khmer Kunst © Pablo Picasso Museum

Pablo Picasso Museum Münster / Khmer Kunst © Pablo Picasso Museum

Den markanten Schwerpunkt der Ausstellung bildet eine Gruppe von eindrucksvollen Khmer-Statuen, denen zwölf Bilder Mark Tobeys, einem Vertreter des Abstrakten Expressionismus in Amerika, gegenübergestellt sind. Während die Statuen den ganzen Raum mit nahezu sakraler Ruhe füllen,  lädt jedes einzelne der Werke Tobeys dazu ein, sich in ihm zu verlieren, wenn man sich in seine filigrane Linien- und Farbstruktur vertieft.

Wenn der Sammler mit dieser Ausstellung etwas von sich preisgibt, das nicht nur privater Natur ist, dann ist es ein Bedürfnis nach der Ruhe und Seinsgewissheit, die in den kultischen Figuren zu finden ist und die von der Moderne gesucht, aber kaum mehr gefunden wird.

Im zweiten Stock breitet sich mit etwa 100 Litographien die witzige Ausstellung  Honoré Daumier – Die menschliche Komödie aus. Mit ihr nutzt das Picasso-Museum die erste Gelegenheit, seine im Spätsommer 2018 als Schenkung erhaltene Daumier-Sammlung zu präsentieren. Eine lose Verbindung zum Picasso-Museum besteht darin, dass neben vielen Modernen wie Vincent van Gogh oder Edgar Degas auch Pablo Picasso ein großer Bewunderer und Sammler von Werken Daumiers war. Honoré Daumier beschreibt in seinen teils farbigen Grafiken überzeitliche menschliche Schwächen, die heute ebenso aktuell sind wie im 19. Jahrhundert; viele seiner Typen meint man persönlich zu kennen. Die Ausstellung zeigt Szenen zum politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen sowie Blätter aus den beliebten Serien der Bankiers, Ärzte und Juristen, die Daumier wie kaum einen anderen Berufsstand regelmäßig kritisch unter die Lupe nahm.

 Pablo Picasso Museum Muenster / Privatsammlung Tony Cragg "Eichelhäher - Skulptur" © Pablo Picasso Museum

Pablo Picasso Museum Muenster /  Privatsammlung Tony Cragg „Eichelhäher – Skulptur“ © Pablo Picasso Museum

Beide Ausstellungen lassen sich auf verschiedenste Weise auf einander beziehen. Offensichtlich haben die exotischen Figuren und die karikierten Personen Daumiers ganz ähnliche Proportionen, überdimensionierte Köpfe bei reduziertem Körper. Doch ist ihre Funktion völlig gegensätzlich. Beschwören die einen konservativ den traditionellen Kultus, haben die anderen nichts weniger im Sinn als dies. Beide sehenswerte Ausstellungen zusammen stellen die Besucher vor die aktuelle Frage, wo sie heute zwischen Daumiers aufklärerischem Entlarven und dem kultischen Anspruch von Gewissheiten stehen. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt der Raum mit den Arbeiten der in Deutschland lebenden Künstler ein vertieftes Interesse, formulieren sie doch eine aktuell mögliche Position zwischen Kultus und Kritik.

Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10.00 – 18.00 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen finden Samstag, Sonntag und an Feiertagen um 15.00 Uhr und 16:30 Uhr statt.

Der Eintritt beträgt 10 €, ermäßigt 8 €, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre 4 €. Kinder bis 6 Jahre haben freien Eintritt.

Kontakt: www.kunstmuseum-picasso-muenster.de

—| ioco-art Kunstmuseum Pablo Picasso Münster |—

Perpignan, Musée d`Art, Raoul Dufy – Maler des Fauvismus, IOCO Aktuell, 24.10.2018

Oktober 26, 2018 by  
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 Perpignan mit Blick auf die Cathedrale Saint-Jean Baptiste (links) und Le Castillet (Mitte) © Ville de Perpignan

Perpignan mit Blick auf die Cathedrale Saint-Jean Baptiste (links) und Le Castillet (Mitte) © Ville de Perpignan

Musée d´Art Hyacinthe Rigaud

Musée d’Art Hyacinthe Rigaud  Perpignan

Sonderausstellung Raoul Dufy – Les ateliers de Perpignan 1940-1950

Von Hanns Butterhof

Perpignan, Kapitale des Roussillon im Südosten Frankreichs, ist nicht nur die sympathische Stadt südlicher Lebendigkeit mit den meisten Sonnentagen im Land. Die Stadt, die einmal die Festlands-Hauptstadt des Königreichs Mallorca (1276 bis 1344) war, bewahrt ein reiches kulturelles Erbe an bildender Kunst, das vor allem im Städtischen Kunstmuseum, dem Musée d’Art Hyacinthe Rigaud, bewahrt wird.

 Musée d'Art Hyacinthe Rigaud © Musée d'Art Hyacinthe Rigaud

Musée d’Art Hyacinthe Rigaud ©  Musée d’Art Hyacinthe Rigaud

Namensgeber ist mit Hyacinthe Rigaud (1659 – 1743) der bedeutendste in Perpignan geborene Maler; sein Portrait des Sonnenkönigs Ludwig XIV. im Krönungsornat prägt dessen Bild bis heute. Das 2017 nach drei Jahren der Renovierung wiedereröffnete Haus verbindet harmonisch die ehrwürdigen Stadtpaläste Hôtel Mailly und Hôtel Lazerme im historischen Zentrum. Neben der sehenswerten Dauerausstellung zur gotischen, barocken und Gegenwarts-Kunst Perpignans veranstaltet das Museum Sonderausstellungen, die einen deutlichen lokalen Bezug haben; spektakulär war die Ausstellung Picasso – Perpignan. Le cercle de l’intime 1953 – 1955, die 2017 prominent mit Pablo Picasso und seinem künstlerischen Werk im Freundeskreis von Perpignan die Wiedereröffnung feierte.

Die gegenwärtige Sonderausstellung Raoul Dufy. Les ateliers de Perpignan 1940 – 1950 gibt einen thematisch konzentrierten Überblick über die Arbeiten, die in den drei Ateliers Dufys in Perpignan entstanden sind. Raoul Dufy (1877 – 1953) war zu dieser Zeit einer der bekanntesten französischen Male aus dem Umkreis der Fauvisten, der auch einen Ruf als Zeichner, Illustrator von Büchern, Schöpfer von Keramiken und vor allem von Stoff- und Tapetenmustern hatte. Er hielt sich ab 1940 zur Behandlung seiner schmerzhaften Polyarthritis in Perpignan auf, wo er sich in die Hände des Doktors Pierre Nicolau begab.

 Musée d`art Perpignan / Hyacinthe Rigaud - Selbstbildnis © Musée d`art Perpignan

Musée d’Art Hyacinthe Rigaud  / Hyacinthe Rigaud – Selbstbildnis © Musée d`Art  Perpignan

Die Ausstellung, die eine bisher wenig beachtete Periode im Schaffen Dufys beleuchtet, beginnt entsprechend mit den persönlichen Beziehungen, die Dufy mit Dr. Nicolau, dessen Familie und dem sich bildenden Freundeskreis in Perpignan verband. Die Portraits des Kreises um die Familie Nicolau zeigen seinen charakteristischen Stil, die Formen in meist leuchtende Farbflächen mit großzügiger Strichführung einzuschreiben. Auffällig klar, fast im Stil von Kinderbuch-Illustrationen, finden sich hübsche kleine Aquarelle, die Dufy für die Kinder Dr. Nicolaus gemalt hat.

Die folgenden Säle sind den Ateliers gewidmet, die der Ausstellung den Titel geben. Auch hier dominiert die Farbe, meist ein leuchtendes Rot, die Formen, die wie unbeholfen eingefügt sind, eine leere Leinwand auf einer Staffelei etwa, vor der steif ein Modell liegt, oder eine nahezu surrealistisch schwebende Geige. Der Blick wird eher auf die hohen, geöffneten Fenster gelenkt, durch die Außenwelt in den Atelierraum dringt.

Tapisserie von Raoul Dufy © Hanns Butterhof

Tapisserie von Raoul Dufy © Hanns Butterhof

Vom Atelier in der rue de l’Ange sieht Dufy auch auf das Treiben auf dem davor liegenden Aragò-Platz, wo er etwa den Karneval beobachtet. Auch hier interessieren ihn nur die farbigen Tupfer der Personen in der Fläche, wo die Farben ihr eigenes Leben gegenüber den Objekten behaupten. Räumlichkeit und vor allem Atmosphäre fehlen ganz wie auch auf den dekorativen Aquarellen von bunten Blumen-Arrangements mit Anemonen, Tulpen oder Rosen.

Die Landschaften, die einen weiteren Saal füllen, zeigen teils Gegenden des Roussillon von hohem Wiedererkennungswert wie die Bucht von Collioure, die von fast keinem Maler von Rang nicht gemalt wurde, teils typische, nicht zwingend lokalisierbare Plätze. So licht die Palette Dufys ist, so auffällig ist das Fehlen des intensiven mediterranen Lichts, das so viele andere Maler inspiriert hat.

Die überzeugendsten Exponate der Ausstellung sind zwei Wandteppiche in ihrer dichten farblichen und figürlichen Fülle sowie zwei Tusche-Zeichnungen, die in ihrer einfachen souveränen Klarheit ohne jede Spaltung zwischen der Farbe und Form den Meister verraten.

Die interessante Ausstellung Raoul Dufy. Les ateliers de Perpignan 1940 – 1950 ist noch bis 4.11.2018 im Musée d’Art Hyacinthe Rigaud, 21 rue Mailly, F 66000 Perpignan, zu sehen. Weitere Informationen unter www.musee-rigaud.fr

—| ioco-art Musée d´Art Hyacinthe Rigaud |—

 

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