Christian Miedl, Bariton – das Leben, die Nacht, die Lieder, IOCO Interview, 05.09.2020

September 5, 2020 by  
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Christian Miedl / Sein Leben, die Nacht, die CD Songs of the night © Capriccio

Christian Miedl / Sein Leben, die Nacht, die CD Songs of the night © Capriccio

 Christian Miedl – das Leben, die Nacht, die Lieder

im Gespräch mit IOCO-Korrespondentin Merle Meron

Bariton Christian Miedl gastiert regelmäßig an international etablierten Konzert- und Opernhäusern. So am Concertgebouw in Amsterdam, dem Gewandhaus Leipzig, dem Auditorio della RAI Torino, an der Oper Frankfurt, der Oper Malmö, der Mailänder Scala, der Hamburgischen Staatsoper, der Bayerischen Staatsoper. Das Repertoire von Christian Miedl umfasst Partien des Guglielmo (Così fan tutte), des Papageno (Die Zauberflöte), des Figaro (Il barbiere di Siviglia) sowie unter anderem die Titelpartien in Eugen Onegin und Don Giovanni. Miedl wird für seine Interpretationen zeitgenössischer Rollen besonders gefeiert und sang in den Uraufführungen von Wolfgang Rihms Der Maler träumt sowie einer mit dem Komponisten Peter Eötvös‘ gemeinsam erarbeiteten Version von Atlantis.

Das Rheingold – hier Christian Miedl als Donner
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„Songs of the Night“, eine Capriccio CD,  DDD,  9652268, heißt das erste Solo-Album des in großen Musiktheatern etablierten Baritons. IOCO-Korrespondentin Merle Meron sprach mit Christian Miedl über seine Liedauswahl, darin die Bedeutung der Nacht, und seine zweite große Leidenschaft – das Reisen.

Merle Meron (MM): Lieber Herr Miedl, ihr erstes Solo-Album „Songs of  the  Night” erschien im März diesen Jahres bei Naxos/Capriccio.  Wie war es für Sie, eine erste ganz „eigene“ CD aufzunehmen?

Christian Miedl (CHM): Ich war ja schon in zahlreichen CD und DVD Aufnahmen involviert, sowohl im Konzert als auch im Opern Bereich, aber die erste eigene CD -überhaupt eine eigene CD aufzunehmen -und das mit einem namenhaften Label ist schon wirklich wunderbar! Ich hatte beim Programm freie Hand und da war für mich ziemlich klar was ich machen möchte. Vom Stil her wollte ich auf jeden Fall zur Hälfte Moderne aufnehmen, nicht nur das beginnende 20. Jahrhundert sondern auch zeitgenössische Musik und Avantgarde, und den Rest dann mit Stücken füllen, die ich einfach immer schon singen wollte und auch gesungen habe -wirkliche Herzensstücke!

Dadurch ist das Album im Grunde auch eine Visitenkarte von mir geworden, denn das ist ja genau das was ich mache. Ich bin vor allem dafür bekannt, dass ich zeitgenössische und moderne Musik singe und eben auch spätromantisches deutsches Fach. Toll war außerdem, dass ich einen so fantastischen Pianisten hatte. Jendrik Springer, der wirklich ein wunderbarer Pianist ist. Er entlockt dem Klavier wunderbare Klänge, ist ein großartigerBegleiter, der nicht nur in der Oper erfahren ist, sondern auch im Liedbereich. Auch in der Vorbereitung zu der CD war er eine große Unterstützung. Kennengelernt haben wir uns über einen Produzenten, aber ich kannte ihn auch durch meine Arbeit an der Wiener Staatsoper, wo er seit Jahren tätig ist.

MM: Es ist sicher spannend ein Programm zusammenzustellen. Was waren Inspirationen für Titel und Liedauswahl des Albums?

CHM:  Die Titelauswahl hat tatsächlich ein bisschen gedauert. Ich wollte auf jeden Fall etwas herausbringen, dass die Leute emotional anspricht. Und es sollten eben nicht nur einfach schöne Melodien sein und ich wollte auf keinen Fall die tausendste Winterreise einspielen (lacht). Ich habe ja eigentlich Lied studiert und habe mir im Studium und auch danach ein riesiges Repertoire an Liedern ersungen. Bei der CD wollte ich aber ein ganz neues Programm haben, was ich so noch nie aufgeführt habe. Mir war außerdem wichtig, dass ich das ganze Programm sehr persönlich halte. Bei den modernen Stücken sind es vor allem Komponisten, die ich entweder persönlich kennengelernt habe und von denen ich Stücke ur-oder erstaufgeführt habe, oder die in meiner Laufbahn wichtig waren. Beispielsweise habe ich am Amsterdamer Concertgebouw Wolfgang Rihms wunderschöne Kantate Der Maler träumt uraufgeführt oder die Italienische Erstaufführung von Salvatore Sciarrinos Oper Luci mie traditrici gesungen, mit der ich jetzt auch wieder in Stuttgart auf der Bühne stehen werde. Außerdem Ullmann-Lieder, das waren die ersten Lieder die ich auf einer „Profi-Bühne“ gesungen habe, bei der Expo Hannover vor sehr, sehr langer Zeit (lacht).

Victor Ullmann, von Nazis ermordet - Stolperstein © IOCO

Victor Ullmann, von Nazis ermordet – Stolperstein © IOCO

Danach kam auch der Kaiser von Atlantis von Victor Ullmann mehrere Male auf mich zu, an der Opéra National de Lyon und auch zusammen mit der Bayerischen Staatsoper. Das war eben auch etwas sehr Persönliches. Von Sciarrino ist auch ein Lied auf dem Album. Er hat ja vor allem Opern und Kammermusik komponiert, aber eben auch ein paar Lieder. Und bei den romantischen Liedern sind ein paar Wunschlieder dabei, die ich fantastisch finde. Zum Beispiel Liszts schrecklich schweres, schrecklich schönes „Oh! Quand je dors“. Das wollte ich mein ganzes Leben lang singen. Oder Die Nacht von Richard Strauss, was auch sehr schwer im Kern zu treffen ist, und natürlich auch die Eichendoff Lieder von Pfitzner. Pfitzner finde ich sowieso ganz toll, gerade für Männerstimmen.

MM: Ich war ein sehr großer Fan des letzten Liedes auf ihrer CD!

CHM: Ja! Ein ganz unbekanntes Stück von Jelinek! Es gibt davon nur eine einzige Einspielung. Das ist natürlich ein wahnsinnig lustiges Lied. Ich kannte das Gedicht und kannte eine andereVertonung, habe aber dann diese Noten entdeckt und wusste, wenn diese CD kommen sollte will ich das unbedingt machen! In der Nacht kann eben wahnsinnig viel passieren: es können Vögel zwitschern, man kann die schönsten Liebesfantasien haben, aber es kann auch jemand im Stillen umgebracht werden. Oder Leute werden von einer Lawine erwischt, weil sie im Gebirge zu laut und freizügig waren.

ALTLANTIS von Peter Eötvös mit Christian Miedl- hier Christian Miedl 
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MM: Was macht gerade die Nacht für Sie so reizvoll, Sie beschreiben ja, dass es sich für Sie nicht nur um eine Tageszeit handelt.

CHM: Genau. Wir haben in Europa ja das Glück, das wir die Nacht und auch die Jahreszeiten ganz anders erleben als Leute die beispielsweise am Äquator wohnen, oder die ganzim Norden oder Süden leben. Und die Nacht ist bei uns sehr verschieden. Im Sommer gibt es die wunderbaren, warmen Sommernächte mit wunderschönen, emotionalen Erlebnissen und dann gibt es natürlich eisige Winternächte, in denen alles in Todeskälte erstarrt. Und dann gibt es noch die Nächte im Frühling und Herbst, die vor allem unsere Romantiker beeinflusst haben. Wenn das Zwielicht einsetzt und man nicht genau weiß: fantasiert man, hat man Angst vor Dingen die es gibt oder auch nicht gibt. Ein Fluss kann wahnsinnig schön den Mond reflektieren, aber gleichzeitig kann es im Nebel in der gleichen Nacht neben einer Friedhofsmauer ganz anders sein. Das sind einfach viele Dinge die in der Nacht passieren können, obwohl man meistens nur an die Nacht als Tageszeit denkt. Und diese Sachen können eben auch im Inneren passieren. Es kann eine Geborgenheit entstehen, die Sorgen des Tages fallen ab. Oder es kann dunkel sein, Depression, Todessehnsucht herrschen. Gerade diese Übergänge sind sehr spannend. Wir haben das Glück, dass wir gerade auch in Deutschland Dichter wie Eichendorff und Mörike hatten, die genau das perfekt in Worte fassen konnten. Außerdem habe ich sehr viel Familie, die nicht in Europa lebt, sondern in Asien.

Deshalb weiß ich sehr gut was es heißt, wenn man keine Jahreszeiten hat. Da würden solche Gedichte nie entstehen. Da gibt es andere wunderschöne Gedichte mit anderem Kulturursprung. Aber diese Art von Lyrik ist dort unbekannt.

MM: Sie haben bewusst keine chronologische Liedfolge gewählt, beschreiten den Weg von Rihm zurück zu Liszt. Was verbindet in ihren Augen die romantische mit der modernen Musik?

CHM: Die Moderne würde nie existieren, ohne das, was davor war. Einen Schönberg und Berg hätte es ohne Bach in dieser Art nicht gegeben. Schon alleine von der Kompositionstechnik her. Die großen Komponisten der heutigen Zeit profitieren vom Wissen der Komponisten vor ihnen: Mozart, Beethoven, Bach. Ich bin da vielleicht etwas speziell, weil ich bereits in der 7. Klassefreiwillig ein Referat über Alban Bergs Wozzeck gehalten habe. Ich habe das Unangenehme in der Musik überhaupt nicht gehört. Natürlich war es kein normaler Dreiklang, aber es war nichts was ich nicht hören wollte. Ich habe mir das Zuhause auf der Schallplatte angehört, in Dauerschleife.

Dann kam der Erste Weltkrieg und ohne den gäbe es wahrscheinlich die Atonalität gar nicht. Ohne die beiden Weltkriege hätte sich die Kunst generell sowieso ganz anders entwickelt.

Ich finde, verbinden tun sich meistens gute Stücke. Deshalb bin ich sicher, dass die meisten Hörer kaum einen Bruch bemerken werden, wenn zwischen Liszt, Rihm und Pfitzner gewechselt wird. Das sind einfach richtig gute Komponisten die wissen, wie man für Stimme schreibt und wie Melodien funktionieren. Insofern fand ich es auch richtig, dass man die Komponisten miteinander sprechen lässt. Die alten Komponisten können natürlich nicht mit den Neuen kommunizieren aber die Neuen kommunizieren durchaus mit den Alten. Auch im Barock gab es Genies und weniger begabte Komponisten und das ist heute noch genauso.

Das Lied als Kunstform hat für Sie einen ersichtlich hohen Stellenwert. Was macht für Sie dessen Reiz aus? Lieder sind es ja im Grunde „one-man“ oder „one-woman-operas“. Mit dem Partner am Klavier „two-men“ oder „two-women-operas“. Das Tolle ist: in einem Abend kann man alles durchleben. Manche Lieder sind sehr intim, nach Innen orientiert. Dann wieder unglaublich extrovertierte Lieder. Man kann an einem Abend mit dem Publikum zusammen alle diese Gefühle, von äußerster Innigkeit bis hin zu höchster Verzweiflung, großer Freude und tiefster Trauer, in 60 -90 Minuten, erleben. Die Aufgabe ist, dass man dem Publikum jedes Mal von neuem Geschichten erzählt. Und das finde ich, ist das Besondere an einem Liederabend. Dass man, auch wenn man die Lieder wiederholt, sich auf keinen Fall wiederholt. Man muss jede Phrase von Neuem erzählen von Neuem erleben: möglichst ohne nur die schöne Stimme auszustellen. Die Stimme sollte als Instrument ein Mittel sein, nicht Fokus. Das gilt übrigens auch auf der Opernbühne. Wenn man es schafft, auch beim zehnten Mal eine Geschichte so zu erzählen, als würde sich gerade zum ersten Mal vor Augen sein, dann ist das Publikum auch wirklich dabei. Und ich will, dass mein Publikum das so erlebt.

PENTHESILEA von Othmar Schoeck- hier Christian Miedl  als Achilles
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MM: Sie haben sich vor allem als Interpret zeitgenössischer Musik einen Namen gemacht, proben gerade in Stuttgart Luci Mie Traditrici von Salvatore Sciarrino, ein „Opern-Thriller“, in welchem Sie die Hauptpartie des Il Malaspina verkörpern werden. Erzählen Sie uns von diesem Werk und gerne auch vom Probenablauf in der momentan doch sehr speziellen Phase.

CHM: Man muss sagen, dass ich früher auch alle Klassiker gesungen habe. Alle Mozart-/ Da-Ponte-Opern, viele Papagenos und Rossini rauf und runter. Aber es hat sich dann herauskristallisiert, dass die Moderne die Epoche ist, in der mich auch die Komponisten hören wollen, und das ist natürlich sehr schön.

Das Stück selbst, Luci mie traditrici, ist ein echter Opernthriller und wahnsinnig empfehlenswert. Es ist wirklich Avantgarde, alsoneueste Musik, auch wenn dieses Stück schon 20 Jahre alt ist. Die Musik ist toll komponiert und hat einen sehr hohen  Schwierigkeitsgrad. In meinem großen Repertoire von moderner Musik ist es mit Abstand das schwierigste Stück. Es fordert unglaublich hohe Konzentration auf der Bühne und ständige Vor-und Nachbereitung. Auch zwischen Vorstellungen muss man immer wieder von Neuem lernen, weil es so kompliziert geschrieben ist. Aber das Resultat sind 70 Minuten absolute Atemlosigkeit, auf der Bühnen wie beim Publikum. Man hört in diesem Stück Naturgeräusche, man hört wie Leute Liebe erhoffen und nicht bekommen, und dazwischen hört man sehr viel Schweigen. Leute werden ermordet, ohne dass es dabei ein großes Forte gibt. Es geht einfach kalt und sehr realistisch zu, in einer einzigartigen, fremdartig sinnlichen Musiksprache.

Die Geschichte dahinter ist die wirkliche Lebensgeschichte von Carlo Gesualdo, dem berühmten Madrigal-Komponisten. Er war gleichzeitig der Prinz von Venosa. Seine Frau hatte ein Liebhaber, und als er das herausfindet, tötet er den Liebhaber auf brutale Weise. Der Diener wird als Überbringer der Nachricht als erstes umgebracht und die Frau wird am Ende natürlich auch getötet. Zahlreiche Legenden ranken sich in der Nachzeit um dieses Eifersuchtsdrama.

Mit Barbara Frey haben wir in Stuttgart eine wunderbare Regisseurin, die weiß, wie sie mit Schweigen, Stille und der komplizierten Musik umgehen kann. Das Bühnenbild ist spektakulär. Es wird ein Doppelabend mit Cavalleria Rusticana sein. Der erste Teil also große italienische Oper und der zweite Teil ein ähnliches Drama, und doch komplett anders. Ein sehr kontrastreicher Abend, und übrigens perfekt an die Corona-Bedingungen angepasst.

MM: Auch Uraufführungen anderer zeitgenössischer Werke von Rihm, Eötvös und Zimmermann haben Sie in ihrer sängerischen Laufbahn begleitet.

CHM: Die Moderne ist manchmal etwas schwierig. Der Sänger hat natürlich seinen Körper als Instrument. Es gibt Stilrichtungen der Moderne, die sind nicht so gut für die Stimme und dann wiederum Richtungen oder Komponisten, die sehr gut für die Stimme sind. Ich hatte das große Glück mit Komponisten zu arbeiten, die wussten wie man mit Stimme umgeht. Wolfgang Rihm ist wie schon gesagt einer davon. Er schreibt wunderbar für die Stimme. Ich habeaußerdem das große Glück sehr viel mit Peter Eötvös gearbeitet zu haben, und zwischen uns ist ein schon freundschaftliches Verhältnis entstanden. Ich habe mit ihm gemeinsam an einigen seiner Werke gearbeitet, wie zum Beispiel Atlantis (Trailer oben), welches ich oft aufgeführt habe, oder auch der Neufassung von Angels in America.

Dann gibt es natürlich auch besondere Begegnungen wie etwa eine persönliche Zusammenarbeit mit dem berühmten Hollywood-Komponisten Ennio Morricone, der leider gerade verstorben ist. Ich habe mit dem Orchester des RAI Torino sein Werk Jerusalem für Bariton und riesiges Orchester uraufgeführt. Es klingt gar nicht nach Hollywood, sondern ist akademisch komponiert -sehr atonal, aber gut zu singen.

MM: Und zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Sie haben ihr Gesangsstudium mit einem internationalen Wirtschaftsstudium kombiniert. Wie vertragen sich diese beiden Welten –Musik und Wirtschaft? Und, wie ist ihre fachliche Meinung zur momentanen Krise in beiden Welten?

CHM Die beiden Welten vertragen sich total –oder auch gar nicht. Ich habe zunächst Wirtschaft studiert. Ich komme eigentlich aus einer Musiker Familie und ich war der Erste der gesagt hat: ich will kein Musiker werden, oder ich traue mich nicht. Und so habe ich an der Uni Passau Wirtschaft mit dem Spezialgebiet Süd-Ost-Asien studiert. Ich hatte dann auch Thai als Diplomsprache neben den europäischen Sprachen. Dazu muss man natürlich bemerken, dass wie schon erwähnt ein Großteil meiner Familie in Thailand lebt, weshalb ich einen Bezug dorthin habe. So habe ich also Wirtschaft studiert, aber auch an Jugend musiziert teilgenommen und einen ersten Bundespreis bekommen. Ich habe dann noch schnell das Thema meiner Diplomarbeit von der „Wirtschaftskrise in Thailand“ hin zu „Finanzierung von klassischer Musik in den USA“ geändert. Diese habe ich dann in der Finanzabteilung der Oper in Seattle geschrieben. Ich habe dort eine Regieassistenz in einer Produktion der Zauberflöte anschließen können, in welcher dann der erste Priester krank wurde, und so hatte ich dort mein Debüt (lacht)!

Mit dem Gesangsstudium habe ich dann mit 27 begonnen. Ich habe ein „Kurzstudium Lied“ gemacht, was es heute nicht mehr gibt. Damit hatte man nach nur drei Jahren das große Diplom, was heute dem Master entspricht. Ich finde es gut und wichtig, wenn man als Künstler auch mit Zahlen umgehen kann. Und auch mit einem Leben abseits der Bühne. Man muss wissen, dass die Bühne beendet ist, wenn man aus dem Künstlereingang raus geht.

MM: Das Reisen ist ein sehr wichtiger Teil ihres Lebens, erzählen Sie uns doch zum Abschluss von ihrer Leidenschaft!

CHM: Ich reise wirklich sehr gerne. Seit 10 Jahren bin ich freischaffend und war es vor meiner Ensemblezeit am Badischen Staatstheater auch schon. Ein wichtiger Bestandteil dessen ist, dass man reist. Man ist wirklich fast immer unterwegs, das bin ich auch und ich liebe es immer noch, als Sänger und privat, und ich habe nur sehr selten Heimweh. Ich habe eine schöne Wohnung in Köln, aber werde nervös, wenn ich dort länger als zwei Wochen bin.Und wenn ich nicht zu einer Produktion fahre, fahre ich Freunde besuchen oder auf eine schöne Reise. Seit einem guten Jahr habe ich auch einen Reise-VLOG auf YouTube namens „Travel Sing Fly“, auf welchem ich über Airlines und Reisedestinationen berichte, mit denen ich mich wirklich gut auskenne. Dort kann ich meine riesige Leidenschaft, für die ich nie ein Ventil hatte, endlich richtig ausleben (lacht). Andere haben sich mit 18 ein Auto gekauft, und ich eben Flugtickets.

Und, falls ich wieder ein Liedalbum machen sollte, dann wird es sicher ums Reisen gehen

MM:  Lieber Christian Miedl, für dies vielschichtige wie spannende Gespräch darf ich mich auch im Namen der großen IOCO-Community herzlichst bedanken. Wir wünschen Ihnen  alles Gute und große Erfolge mit Ihren Liedalben wie auf den Bühnen der Welt.

—| IOCO Interview |—

Dresden, Semperoper, Saisoneröffnung mit Mahler Jugendorchester, IOCO Kritik, 31.08.2020

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Gustav Mahler Jugendorchester  –  Othmar Schoeck, Franz Schubert

von Thomas Thielemann

Ungeachtet der erheblichen Einschränkungen des Kulturlebens, wurde die Dresdner Gepflogenheit, die Saison in der Dresdner Semperoper mit dem Gustav Mahler Jugendorchester zu eröffnen, auch für die Spielzeit 2020/21 beibehalten. Begreiflicherweise waren erhebliche Programm- und Besetzungsänderungen erforderlich, um trotzdem ein niveauvolles Konzert zu bieten. In erster Linie waren die Kooperationsbeziehungen zur Sächsischen Staatskapelle mit dem Einsatz von 26 Kapellmitgliedern und Akademisten zu konkretisierten. Auch gelang es, für die Begleitung der Darbietung von Othmar Schoecks Liederfolge Elegie, den durch frühere Zusammenarbeit dem Jugendorchester den verbundenen Bariton Christian Gerhaher zu gewinnen.

Der Schweizer Komponist und Dirigent Othmar Schoeck (1886-1957) ist unter anderem bei Max Reger in Leipzig ausgebildet worden. In Dresden brachte er seine wichtigsten Bühnenwerke Penthesilea 1927 und Massimilla Doni 1937 zur Uraufführung.

 Semperoper Dresden / hier Dirigent Duncan Ward und Christian Gerhaher © Oliver Killig

Semperoper Dresden / hier Dirigent Duncan Ward und Christian Gerhaher © Oliver Killig

Schoeck wird vor allem als einer der bedeutendsten Liedkomponisten des 20. Jahrhunderts geschätzt. Sein 1923 geschaffenes Opus 36 Elegie entstand in einer Zeit seines tiefen Liebeskummers zunächst mit Texten von Nikolaus Lenau (1802-1850). Den düsteren Lenau-Liedern fügte er später Kompositionen nach Gedichten von Joseph von Eichendorff (1788-1857) zu, um den Zyklus etwas „aufzuhellen“. Mit der Naturverbundenheit und Melancholie fühlte sich der Komponist auf das innigste verbunden. Mit der durchdachten Instrumentierung und dem Einsatz der Stimme erzeugt Schoeck beim Publikum bewegende Stimmungen, vorausgesetzt die Zuhörer lassen sich auf das Fehlen spektakulärer Momente ein. Schoeck zwingt den Sänger geradezu zur Bescheidenheit und fordert vom Auditorium einen gewissen intellektuellen Einsatz, so dass sich die Elegie den meisten Konzertbesuchern bei der ersten Begegnung wohl kaum erschlossen hat. Deshalb empfand ich die Wahl des fast einstündigen Werkes für ein Jugendorchester-Konzertes etwas gewagt.

 Semperoper Dresden / hier : Christian Gerhaher © Oliver Killig

Semperoper Dresden / hier : Christian Gerhaher © Oliver Killig

So einfühlsam, fantasieintensiv und zugleich energievoll wie von Christian Gerhaher, hört man die Lieder selten. Mit betont heller Stimmführung vermied er das Deklamierende und sang nuancenreich und fantasievoll. Die begrenzte Orchesterbegleitung, Flöte, Englischhorn, zwei Klarinetten, Horn, Schlagzeug, Klavier und Streicher, erlaubte ihm, die Melancholie der Komposition voll zur Geltung zu bringen. Das Verträumte, die Innenschau und ruhige Trauer liegt Gerhaher, wobei er durchaus auch dramatisch mit strahlender Stimme auffahren kann. Obwohl die Gedichte von Lenau und Eichendorff nicht unmittelbar zusammenhängen, gelang es dem Dirigenten Duncan Ward mit dem Kammerensemble, eine wirklich konkrete Abfolge der psychischen Zustände des Erzählenden zu schaffen.

Sanft, mit Eichendorffs „Wehmut“ eröffnet, folgt Nikolaus Lenaus deprimierender „Liebesfrühling“. Mit „Stille Sicherheit“ und „Frage nicht“ taucht mehrfach auf, warum die Liebe zerbrochen sei. Dazu treten mit „Warnung und Wunsch“ Gedanken auf ein mögliches Handeln zum Retten der Beziehung auf, flackern mit LenausWaldgang“ und „An den Wind“ Hoffnungen. Ein ständiger Wechsel zwischen Rückbesinnungen, Niedergeschlagenheiten, angedachten Aktivitäten und Hoffnungen bis sich der Protagonist sich im „Der Einsame“ (nach Eichendorffs Der Einsiedler) in sein Schicksal fügt.

Der britische Dirigent Duncan Ward (geboren 1989) wollte ursprünglich sein Debüt bei der Staatskapelle im März diesen Jahres geben. Nun konnte er den Dresdnern zeigen, wie exponiert und brillant er mit einem reduzierten Orchester prachtvolle Wirkungen erreichen kann.

Semperoper Drseden / hier : Gustav Mahler Jugendorchester und Dirigent Duncan Ward © Oliver Killig

Semperoper Drseden / hier : Gustav Mahler Jugendorchester und Dirigent Duncan Ward © Oliver Killig

Auch mit Schuberts 5. Symphonie bot Ward im zweiten Konzert-Teil feine Nuancen und Transparenz. Franz Schubert (1797-1828) komponierte die D-Dur-Symphonie im Herbst des Jahres 1816, nach dem etwas missglückten Versuch, sich mit einer c-Moll-Symphonie Beethoven zu nähern. Der 19-jährige Schubert begriff offenbar selbst, dass er mit seiner Vierten statt einer tragischen, eine pathetische Komposition geschaffen hatte. Mit seiner Fünften schuf er mit einem ganz eigenen Tonfall und ihrer unbeschwerten Melodik sein bekanntestes kleines Orchesterwerk. Jugendliche Unbekümmertheit kombiniert mit künstlerischer Reife lassen das Werk gleichberechtigt zwischen Mozart, Haydn und Mendelssohn stehen. Duncan Ward gewinnt mit der sparsamen Orchesterbesetzung einen beeindruckenden Klangreichtum, bewegliche Transparenz sowie feine Nuancen und gibt damit dieser Musik ihre Jugendlichkeit zurück. Besonders gefiel, wie Ward mit seinem körperbetonten Dirigat das Menuetto zur Geltung bringen konnte.

Ich hätte für den Programmgestalter keinen Vorschlag, welche Musik er der hochemotionalen Elegie-Interpretation Christian Gerherhars ohne Pause hätte folgen lassen können, ohne deren Wirkung zu beeinträchtigen. Für mich war der Wechsel von der Nachwirkung der Elegie ohne Pause zu Schuberts fröhlicher Musik äußerst problematisch und ich habe in meinen Empfindungen den Hauptanteil des Schubertschen Allegro noch bei Schoeck zugebracht.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Meiningen, Meininger Staatstheater, DAS SCHLOSS DÜRANDE – Othmar Schoeck, 08.05.2019

Meininger Staatstheater 

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

DAS SCHLOSS DÜRANDE – Othmar Schoeck (1886 – 1957)

nach einer Novelle von Joseph von Eichendorff, Szenische Uraufführung der Neufassung,  Libretto Francesco Micieli, musikalische Adaption Mario Venzago

„So lebe und liebe! Bis du sattgeküsst.“  –  Renald ertappt seine Schwester bei einem Stelldichein mit einem jungen Mann, den er als den Grafen Armand erkennt. Er glaubt nicht an aufrichtige Absichten des Grafen und bringt Gabriele in ein Kloster.

Meininger Staatstheater / Das Schloss Dürande - Yücel, Sailings © Sebastian Stolz

Meininger Staatstheater / Das Schloss Dürande – Yücel, Sailings © Sebastian Stolz

Bei einem Erntefest, zu dem auch die gräflichen Herrschaften erscheinen, erfährt Gabriele, wer der Geliebte ist. Als Gärtnerbursche verkleidet folgt sie ihm nach Paris. Renald glaubt seine Schwester entführt und reist hinterher. In Paris gerät er in den Kreis populistischer Agitatoren und schließt sich ihnen an. Die Französische Revolution wird nicht von politischen Ideen motiviert, sondern von einer Horde Gewaltbereiter ins Rollen gebracht. Während draußen die Walze der Revolution über das Land hinwegfegt, liegt der Adel in Agonie. Der Alte Graf von Dürande spielt lieber seine Spieluhr und sein Sohn Armand zieht sich in einen poetischen Elfenbeinturm zurück. Die Zeichen der Zeit, die wie Wetterleuchten am Horizont aufblitzen, bleiben unverstanden. Die Liebe von Gabriele und dem Grafen bleibt in diesen Zeiten eine chancenlose Utopie.

Als Joseph von Eichendorff (1788 – 1857) 1837 seine Novelle DAS SCHLOSS DÜRANDE schreibt, stand er unter dem Eindruck des politischen wie sozialen Umbruchs, der seit der Französischen Revolution in Wellen der Gewalt, der Restauration und neuer Gewaltausbrüche Europa schließlich neu formte. Selbst dem Adel entsprossen, steht Eichendorff diesem kritisch gegenüber. Was er im alten Regime sieht ist nicht so sehr eine Willkürherrschaft, sondern die völlige Gleichgültigkeit gegenüber der Welt und damit auch gegenüber den Menschen. Der Alte Graf von Dürande verkörpert dieses Bild: ein alter Schlossbesitzer, der von früheren Festen träumt und die Gegenwart nicht mehr versteht.

Die Oper wurde 1943 in Berlin uraufgeführt mit einem stark der Zeit verhafteten Libretto, das eine Aufführung nach 1945 schlichtweg unmöglich machte. Ein Projekt der Hochschule der Künste in Bern ersetzte nun den Text und führte ihn zurück zur Poesie von Eichendorff. Als Uraufführung dieser textlichen Neufassung am Meiniger Staatstheater setzt Ansgar Haag das politisch brisante Werk mit seiner emotionalen, packenden Musik unter der musikalischen Leitung von GMD Philippe Bach für die Bühne um.

Musikalische Leitung: GMD Philippe Bach, Regie: Ansgar Haag, Bühne & Kostüme: Bernd Dieter Müller/Annette Zepperitz, Chor: André Weiss, Dramaturgie: Corinna Jarosch
Besetzung, Armand: Ondrej Šaling

Mit:  Der alte Graf: Matthias Grätzel, Priorin: Anna Maria Dur, Gräfin Morvaille: Sonja Freitag,  Renald Dubois: Shin Taniguchi, Gabriele: Mine Yücel/Sophie Gordeladze, Nicolas: KS Roland Hartmann, Wildhüter: Mikko Järviluoto, Volksredner: Remy Burnens, Wirt Buffon: Daniel Pannermayr/Giulio Alvise Caselli, Advokat: Robert Bartneck, Gärtnerbursche: Sanjun Lee, 1. Helferin: Heejoo Kwon/Imogen Thirlwall, 2. Helferin: Kylee Slee/Dana Hinz, Kommissar: Youngkyu Suh, Ein anderer Revolutionär: Pedro Arroyo, Ein Soldat: Lars Kretzer, Polizist: Kuk Sung Han, Wachtmeister: Sang-Seon Won, 1. Jäger: Thomas Lüllig, 2. Jäger: Steffen Köllner, 3. Jäger: Gerhard Goebel, Pariser: Silvio Wild/Sanjun Lee, Eine Stimme: Axel-Michael Thoennes

—| Pressemeldung Meininger Staatstheater |—

Linz, Landestheater Linz, Premiere PENTHESILEA – OTHMAR SCHOECK, 02.03.2019

Februar 28, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

PENTHESILEA – OPER VON OTHMAR SCHOECK

 Heinrich von Kleists Trauerspiel in wuchtig spätromantischer Musiksprache

PREMIERE 2. MÄRZ 2019, 19.30 UHR

Was tun, wenn die Liebe stärker ist als jedes Gesetz? An diesem Wider­spruch zerbrechen die Amazonenkönigin Penthesilea und ihr Feind, der griechische Krieger Achill, wenn sie abwechselnd kämpfend und liebend übereinander herfallen und am Ende beide sterben müssen. Denn erst zerfleischt Penthesilea zusammen mit ihren Hunden den geliebten Feind, um sich dann aus ihrem Blutrausch erwachend selbst dem Tod hinzugeben.

Heinrich von Kleist formte 1808 aus diesem Stoff eines der sprachgewaltigsten deutschen Dramen, das in der Erkenntnis gipfelt: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das Eine für das Andre greifen“. Othmar Schoeck vertonte Kleists Schau­spiel 1927 in einer ebenso wuchtigen wie spätromantisch erblühenden Musiksprache.

Penthesilea, Königin der Amazonen Dshamilja Kaiser, Prothoe, Fürstin der Amazonen Julia Borchert, Meroe, Fürstin der Amazonen Katherine Lerner, Oberpriesterin der Diana Vaida Raginskyte, Achilles, König des Griechenvolkes Martin Achrainer, Diomedes, König des Griechenvolkes Matthäus Schmidlechner, Erste Priesterin Gotho Griesmeier, Hauptmann Domen Fajfar, Bühnenpianisten Andrea Szewieczek, Elias Gillesberger

Chor des Landestheaters Linz, Extrachor des Landestheaters Linz, Bruckner Orchester Linz

INSZENIERUNG PETER KONWITSCHNY – MUSIKALISCHE LEITUNG LESLIE SUGANANDARAJAH

Koproduktion mit der Oper Bonn

Premiere Samstag, 2. März 2019, 19.30 Uhr
Großer Saal Musiktheater

Musikalische Leitung Leslie Suganandarajah
Inszenierung Peter Konwitschny
Bühne und Kostüme Johannes Leiacker
Konzeptionelle Mitarbeit Bettina Bartz
Chorleitung Elena Pierini
Leitung Extrachor Martin Zeller
Dramaturgie Bettina Bartz, Christoph Blitt

—| Pressemeldung Landestheater Linz |—

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