Wien, Wiener Symphoniker, Jan Nast – Neuer Intendant der Wiener Symphoniker, 01.10.2019

Juli 11, 2019 by  
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Wiener Symphoniker

Wiener Konzerthaus

Wiener Symphoniker / Gruppenfoto am Podium des Großen Saales im Wiener Konzerthaus (mit Chefdirigent), © Stefan Oláh

Wiener Symphoniker / Gruppenfoto am Podium des Großen Saales im Wiener Konzerthaus (mit Chefdirigent), © Stefan Oláh

Jan Nast – Neuer Intendant der Wiener Symphoniker

Die Mitgliederversammlung der Wiener Symphoniker hat in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat des Orchesters den deutschen Orchestermanager Jan Nast als Nachfolger Johannes Neuberts zum neuen Intendanten bestellt. Antreten wird Nast die Stelle am 1. Oktober 2019.

Jan Nast ist derzeit Orchesterdirektor der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Hier hat er in der Ära von Giuseppe Sinopoli begonnen und später mit Christian Thielemann als Chefdirigenten zusammengearbeitet. Außerdem hat Nast die Staatskapelle zum Residenz-Orchester der Salzburger Osterfestspiele gemacht. Der ausgebildete Hornist und Kulturmanager begann seine Karriere als Orchestergeschäftsführer beim Philharmonischen Orchester Freiburg im Breisgau.

„Die Symphoniker sind das erste Orchester der Stadt Wien, sie strahlen international nicht nur durch ihre weltweiten Auftritte und ihre Konzerte im Wiener Konzerthaus und im Musikverein, sondern auch durch ihre Präsenz bei den Bregenzer Festspielen, im Theater an der Wien und bei den Wiener Festwochen“, sagt Jan Nast.Ich kenne kaum ein Orchester mit einer derartigen Publikumsbindung, nicht zuletzt durch seine Musikvermittlung, und bin der festen Überzeugung, dass dieser Klangkörper das Potenzial hat, den musikalischen Reichtum Wiens in höchster musikalischer Qualität zu verkörpern und die Menschen für die Musik zu begeistern. Ich freue mich auf den gemeinsamen Weg mit dem Orchester, das von Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan oder Carlo Maria Giulini geleitet wurde, das derzeit von Philippe Jordan und von 2021 an von Andrés Orozco-Estrada geführt wird. Für mich sind die Begeisterung und die Leidenschaft der Musiker der Grund, gemeinsam mit ihnen neue Horizonte zu erkunden.“

„Mit Jan Nast ist es gelungen für mein Orchester einen Mann von internationaler Erfahrung und ausgezeichnetem Ruf zu gewinnen. Ich freue mich gleichermaßen, dass ich mit ihm mein Abschlussjahr als Chefdirigent der Wiener Symphoniker durchführen kann und dass mit ihm auch eine seriöse und vielversprechende Perspektive für die Zukunft gefunden wurde“, kommentiert der amtierende Chefdirigent der Wiener Symphoniker Philippe Jordan die Entscheidung.

„Mit Jan Nast konnte ein international erfahrener wie anerkannter Orchesterfachmann für Wien gewonnen werden“, erklärt die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. „Ich bin davon überzeugt, dass Nast die unter Johannes Neubert begonnene Positionierung der Wiener Symphoniker als weltweit rezensiertes A-Liga Orchester weiterführt und beglückwünsche daher unsere Musikerinnen und Musiker ausdrücklich zu ihrem neuen Intendanten.“

Thomas Schindl, Orchestervorstand der Wiener Symphoniker ergänzt: „Mit Jan Nast konnte ein erfahrener, in der internationalen Musikwelt äußerst angesehener und bestens vernetzter Orchestermanager zum Intendanten verpflichtet werden. Wir begrüßen diese Bestellung sehr. Neben seinen Qualifikationen, Erfahrungen und Kompetenzen haben uns vor allem seine Pläne und Ideen für die Zukunft der Wiener Symphoniker begeistert. Dass es gelungen ist, den Manager eines der weltweit führenden Orchester zu gewinnen, reflektiert auch, wie sehr wir in den vergangenen Jahren an Renommee und Strahlkraft gewonnen haben. Gemeinsam mit unserem aktuellen Chefdirigenten Philippe Jordan, dem kommenden Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada und unserem neuen Intendanten Jan Nast kann die positive Entwicklung des Orchesters der letzten Jahre so kontinuierlich vorangetrieben werden. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit.“

Vakant wurde die Stelle durch den Wechsel des amtierenden Intendanten Johannes Neubert zum Orchestre National de France nach Paris zur Spielzeit 2019-20. Die Bestellung Jan Nasts erfolgte auf Empfehlung einer 10-köpfigen Expertenjury, die auf Initiative von Veronica Kaup-Hasler eingesetzt wurde. Mitglieder der Findungskommission waren. 55 Bewerbungen sind eingegangen: 40 männlich und 15 weiblich. 34 stammten aus dem Inland, 21 Personen haben sich aus dem Ausland beworben.

—| Pressemeldung Wiener Symphoniker |—

Chemnitz, Theater Chemnitz, Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.04.2019

April 26, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner

Osterfestspiele des Theater Chemnitz – Wagner aus feministischer Sicht

von Thomas Thielemann

Als aus Chemnitz die Information kam, man werde eine Neuinszenierung von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen von vier unterschiedlichen Regisseurinnen im Zeitraum vom 3. Februar 2018 bis zum 1. Dezember 2018 auf die Bühne bringen, waren wir für die Premierenbesuche verhindert. Deshalb nutzten wir die Ostertage 2019, in denen das Theater Chemnitz den gesamten Ring des Nibelungen (Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung) auf die Bühne brachte. Gegenüber den Premieren gab es in diesen Produktionen jedoch mehrere Umbesetzungen.

Das Rheingold   –  Richard Wagner
youtube Trailer des Theater Chemnitz
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Im Vorfeld, auch ob der reichen Premieren – Berichterstattung –   gab es die Frage, wie geht es, diese „Männeroper“ in weibliche Hände, Regisseurinnen, zu geben und, wird es darob ein weiblicher oder feministischer „Ring“ sein? Die Meininger Arbeit der Christine Mielitz von 2001 gilt als großer Wurf. Das war aber noch vor den extremen Auswüchsen des Regietheaters. Ihre Probleme waren vorwiegend organisatorischer Natur. Leider ist das Meininger Ereignis nicht dokumentiert worden.

Die von August Everding ausgebildete und von der Zusammenarbeit mit Calixto Bieto geprägte Verena Stoiber versuchte ihre Inszenierung von Das Rheingold als eine feministisch geprägte Gesellschaftskritik ohne besondere Verfremdungen zu gestalten.

Ihre Idee, Nibelheim als Hort der Ausbeutung von Frauen als Sexualobjekte und für untergeordnete Arbeiten sowie für Kinderarbeit kann man so darstellen. Auch die Thematisierung des Konsumtionswahns erscheint schlüssig. Trotz der ansonsten vielen Klischees wurde auf den Klimawandel (Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will, dass sie nicht bleibt) und auf die sozialen Fragen (Mitleid macht wissend ohne Schuld) nur sparsam als Graffiti an der Walhalla-Wand hingewiesen. Auf der Bühne war ständig etwas los und es gab eine Reihe guter Regieeinfälle. Statt des Tarnhelms fungierte ein Spiegel, der Goldraub wurde dargestellt, indem den Rheintöchtern die blonden Perücken abgerissen wurden.

Theater Chemnitz / Die Walküre - hier : Monika Bohinec als Fricka, Aris Argiris als Wotan © Kirsten Nijhof

Theater Chemnitz / Die Walküre – hier : Monika Bohinec als Fricka, Aris Argiris als Wotan © Kirsten Nijhof

Mit einer Travestie von Donner und Froh, die Riesen vom Kaufpreis „Freia“ abzubringen, fand ich fast genial. Die optisch reizvolle Anfangsszene mit den schwingenden Rheintöchtern leidet, weil die Rheintöchter ob der Konzentration auf die Seilbewegung nicht ordentlich singen. Wie gut sie singen konnten, erweist sich im Schlussbild. Leider wissen wir sehr wenig vom Privatleben der Regiedamen, weil sie nicht zu den Gelbseiten-Promis mit Home-Story gehören. Ob Regisseurin Verena Stoiber einen so dümmlichen Wotan zu Hause auf dem Sofa sitzen hat, wie sie uns auf der Bühne präsentiert? Ansonsten sind die Männer neben ihrer Unbedarftheit vor allem vertrottelt, Loge schurkisch sowie vom Testosteron gesteuert. Wenn ein männlicher Regisseur so eine Phallusszene mit Jukka Rasilainenen geboten hätte, so wäre das Geschrei riesig gewesen. Frauen kamen aber bei Verena Stoiber auch nicht besser weg. Die Freia als Shopping-Girl und ansonsten panisch-ängstlich und die Fricka stand letztlich nur rum. Beeindruckend der präsentable Erda-Auftritt von Bernadett Fodor.

Die Niederländerin Moniquie Wagemakers war mit ihrer Walküre zurückhalternder. Ihr Anliegen war, den Missbrauch familiärer Beziehungen zum Zweck des Machterhalts beziehungsweise zur Machterweiterung als Werkzeug einsetzen. Was natürlich bei der „Familiengeschichte Walküre“, der Vernichtung der Kinder durch den eigenen Vater gründlich schief gehen musste. Inszeniert war die Walküre letztlich „halb-szenisch“ fast ohne Requisiten. Da gab es kein Schwert, da fehlte die Weltesche.  Generell wurde von der Rampe direkt in das Auditorium gesungen, was zum besten musikalischen Eindruck der vier Abende führte. Aris Argiris war der beste Wotan- Wanderer des Zyklus  in seiner Rolle als gescheiterter Held. Dazu Anne Schuldt mit einer massiv durchgreifenden Fricka. Viktor Antipenko bot einen stimmlich sehr guten Siegmund, der seine begrenzten Möglichkeiten  beim Wälseruf hätte früher erkennen sollen. Astrid Kesslers statische Sieglinde agierte mit sicherer gut geführter Stimme. Stéphanie Müther war eine exzellente Brünnhilde, auch wenn die gewaltige Partie sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten führte. Auch haben wir selbst an großen Bühnen eine so geschlossene Walküren-Frauenschaft  noch nicht erleben können.

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Daniel Kirch als Siegfried, Christiane Kohl als Brünnhilde © Nasser Hashem

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Daniel Kirch als Siegfried, Christiane Kohl als Brünnhilde © Nasser Hashem

Das überwiegend von der Rampe Singen erlaubte dem Generalmusikdirektor Guillermo Garcia Calvo ein besseres Eingehen auf die Belange der Solisten und ein deutlich differenziertes Musizieren im Orchester. So hervorragend hatten wir die Robert-Schumann-Philharmonie bisher nur in ihren Sinfoniekonzerten gehört; eine deutliche Steigerung des Orchesters gegenüber der Rheingold-Bespielung und der folgenden Abende. Buh-Rufe aus mehreren Publikumsbereichen waren soweit unverständlich.

Die Struktur des Siegfrieds machte es der Regisseurin Sabine Hartmannshenn am schwersten, ihren Feminismus auszuleben, kommt doch, wenn man vom Waldvogel absieht, bei Wagner erst in der Mitte des dritten Aufzugs ein weibliches Wesen auf die Szene. Deshalb ging sie noch vor dem eigentlichen Handlungsbeginn aufs Ganze und ließ den Mime mit unglaublich widerlicher Brutalität den Siegfried-Säugling aus Sieglindes Unterleib herausschneiden und diese mit einem Tritt sich ihrem Sterben überlassen. Kaum zarter ließ Hartmannshenn den Alberich eine zufällige Waldbewohnerin vergewaltigen, um dem kindlichen Hagen die Machtverhältnisse in der Männerwelt zu demonstrieren. Hagen nimmt die Belehrung an und tritt nach der Geschändeten. Dass die Regie dem Waldvogel, entzückend von Guibee Yang dargestellt, einen breiten visuellen Rahmen gab, war richtig in Ordnung. Aber warum der sympathische Vogel dann jedoch vom Wanderer ohne Anlass brutal ermordet wurde? Müssen wir bei der Regie niedere Instinkte vermuten? Die Personenführung der drei Hauptpartien war ob deren Möglichkeiten wegen der Tiefenstaffelung regelrecht mangelhaft. Mime Arnold Bezuyen rettete sich mit Extemporieren, Siegfried, Martin Iliev,  bot zwar eine gute Stimme, ist aber(noch) kein Wagnertenor. So musste der Dirigent ihn an die Rampe holen, statt auf der Bühne die kraftvolle Brünnhilde, Stéphanie Müther anzuhimmeln. Am Ende des dritten Aufzugs stand der wispernde Martin Iliev am linken und die auch körperlich präsente Stéphanie Müther am rechten Bühnenrand und der Held wurde ohne Gnade niedergesungen.

Götterdämmerung  –  Richard Wagner
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Die vergleichbar ähnliche Verteilung der sängerischen Qualitäten zwischen den weiblichen und männlichen Partien in der von Elisabeth Stöppler betreuten Götterdämmerung ließ  natürlich böse Vermutungen aufkommen. Die Gutrune der Cornelia Ptassek, die Brünnhilde der Stéphanie Müther und vor allem die die Waltraude der Anne Schuldt waren mit guter Stimmkraft angetreten, während Siegfried – Martin Iliev, der Gunther von Pierre-Yves Pruvot und vor allem Hagen, Marius Bolos, eher kläglich agierten. Auch visuell waren die Herren eher ausgeschmiert: Waltraute reiste mit Fluggerät und fallschirmrepräsentativ an, während sich der Held mit einem Kinderschlitten begnügen musste.

Mit dem zweiten Aufzug offenbart Elisabeth Stöppler ihr gesamtes Regietalent und ihr Personen-Führungskönnen und schafft eine imposante Chorszene mit all ihrer Dramatik um dann mit dem Schlussaufzug eine regelrechte Massenhinrichtung sämtlicher Testosteron-Träger zu veranstalten. Als alle Männer tot waren, kann der Selbstverbrennungs-Kanister zur Seite geschafft werden und, nachdem das Kinderschlitten-Symbol verbrannt werden konnte, zieht allgemeine Freude und Zufriedenheit ein. Der Fötus in Brünnhildes Gebärmutter ist gerettet und wehe dem Bürschlein, falls es ein Knabe werden sollte!

Nun wissen wir nicht, wie und ob die vier Regisseurinnen ihre Konzepte miteinander abgestimmt haben. Letztlich bleibt aber Richard Wagners Musik das verbindende Element. Das Theater Chemnitz hat bereits mit früheren Projekten seine Kreativität und Fähigkeit bei der Bewältigung anspruchsvoller Projekte bewiesen und dem Ansehen der Stadt Chemnitz gute Dienste geleistet. Das wäre unbedingt zu würdigen.

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—

Baden-Baden, Festspielhaus, Otello – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 25.4.2019

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

OTELLO –  Giuseppe Verdi

– Osterfestspiele  :  Der sterbende Gigant –

von Uschi Reifenberg

Alljährlich zur Osterzeit verwandelt sich Baden-Baden, die ansonsten so beschauliche Stadt am Fuße des Schwarzwalds in eine pulsierende Musikmetropole. Blumen, Osterschmuck und Berliner Philharmoniker wohin das Auge blickt, man wähnt sich im musikalischen Elysium, zumal das herrliche Frühlingswetter die Stadt in goldenes Licht taucht.

Otello  –  Interview mit
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Die Osterfestspiele und die Berliner Philharmoniker lassen für zehn Tage die ganze Stadt zu einer Festspielbühne werden und präsentieren neben Oper und Sinfoniekonzerten auch unterschiedliche Kammermusikformationen, Solokonzerte oder heuer die Kinderoper „Der Kleine und Otello“. Im Zentrum der Opern-Neuproduktion 2019 steht Giuseppe Verdis Otello, jenes reife Spätwerk des 73- jährigen italienischen Musikdramatikers, welches auch das Motto der diesjährigen Osterfestspiele liefert: „Dich treibt Dein Dämon und Dein Dämon bin ich“, ein Zitat der Figur des Jago aus dem 2. Akt der Oper, dessen Bekenntnis zum „Prinzip des Bösen“ die Berliner Philharmoniker zu ihren vielfältigen Meisterkonzerten inspirierte.

Kein Geringener als der fast 83-jährige Zubin Mehta, indische Taktstocklegende und seit kurzem Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker, konnte für die musikalische Leitung dieser Neuproduktion gewonnen werden, nachdem Daniele Gatti, der ursprünglich vorgesehen war, aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hatte. Die Zusammenarbeit zwischen Zubin Mehta und den Berliner Philharmonikern begann bereits im Jahre 1961 und so verwundert es nicht, dass der Pultstar nicht zögerte, „seine liebste Verdi Oper“ wie er bekannte, an diesem besonderen Ort mit diesem Ausnahmeorchester zu interpretieren.

Für die Inszenierung zeichnet der 77-jährige Regie-Altmeister Robert Wilson verantwortlich, US Amerikaner aus Texas und Lichtdesigner, Maler, Videokünstler, Autor und Architekt in Personalunion, der bereits Ende der 60-er Jahre seinen unverwechselbaren innovativen Inszenierungsstil entwickelte. Seine Ästhetik ist geprägt von reduzierter Zeichenhaftigkeit, Manierismus, strukturell ausgeklügelter Lichtregie und Antinaturalismus. Seine Figuren agieren mit langsamen konzentrierten Bewegungen oder auch wie Marionetten, fremdgesteuert, maskenhaft gezeichnet, fast tranceartig, in unwirklichen, abstrakten Traumwelten. Sie erinnern auch immer wieder an Figuren des japanischen Nö-Theaters in asiatisch inspirierten Schattenspielen. Wilson vertraut ebenso wenig den Regeln der konventionellen Dramaturgie wie der psychologisch- realistischen Darstellung der Personenführung: “Wenn es um Kunst geht, die ja künstlich ist, und man versucht vorzugeben, sie sei natürlich, dann ist das eine Lüge“ (Wilson).

Festspielhaus Baden-Baden / Otello - hier : Skelton_Demuro_Yoncheva © Lucie Jansch

Festspielhaus Baden-Baden / Otello – hier : Skelton_Demuro_Yoncheva © Lucie Jansch

Giuseppe Verdis vorletzte Oper und sein letztes tragisches Bühnenwerk basiert auf dem Schauspiel von William Shakespeares Othello, der Mohr von Venedig von 1604, das geniale Libretto schuf der italienische Komponist, Schriftsteller und Librettist, Arrigo Boito. Verdi, der sich nach dem großen Erfolg seiner Oper Aida 1871 zunächst vom Opernschaffen zurückzog, traf 1879 auf Vermittlung seines Verlegers Giulio Ricordi mit Arrigo Boito zusammen. Es sollte der Beginn einer kongenialen Zusammenarbeit werden, die in den gemeinsamen Werken Otello (1887) und Falstaff ( 1893) gipfelte. Dennoch sollten 8 Jahre vergehen bis zur triumphalen Uraufführung an der Mailänder Scala im Jahr 1887.

Verdi hatte sich bereits vor der Komposition seiner Oper Macbeth (1847) intensiv mit Shakespeare beschäftigt und war seitdem immer auf der Suche nach idealen Librettisten und passenden Opernstoffen. Arrigo Boito hatte Verdi den Entwurf zu einer Otello Bearbeitung vorgeschlagen, worauf dieser jedoch zunächst sehr zögerlich reagierte, sich dann aber doch nicht der Faszination des Stoffes und der Figuren, vor allem der des Jago, entziehen konnte.
Arrigo Boito verdichtete den Shakespeare-Stoff, kürzte das Drama von 5 auf 4 Akte und fasste Teile der 4. und 5. Shakespeare Akte zu einem einzigen zusammen. Darüberhinaus konzentrierten sich Verdi und Boito im Laufe ihrer Zusammenarbeit auf eine veränderte Figurencharakteristik und focussierten den Dualismus der Figuren des Jago und der Desdemona. Jago als Inkarnation des abgrundtief Bösen und Desdemona als Personifikation der Unschuld und engelhaften Reinheit.

Verdi entfernte sich in seinem Spätwerk bewusst vom bis dahin gängigen italienischen Kompositionsstil der Einteilung in Arien, Ensembles oder Chorszenen und fand zur durchkomponierten Form. Seit seinem Frühwerk Macbeth entwickelte er sukzessive eine immer einheitlichere musikdramatische Form, die er im Otello zur Vollendung führte. Das ausgehende 19. Jahrhundert und mit ihm das endgültige Ende der Romantik verlangte nach neuen, adäquaten Ausdrucksformen, nach psychologischer Durchleuchtung der Bühnengestalten, nach Realismus und differenzierter Darstellung der Konflikte.

Richard Wagner setzte das Orchester als gleichwertigen Partner der Sänger ein, wertete es sinfonisch auf und schaffte mittels Leitmotive ein komplexes Beziehungsgeflecht von verschiedenen Bedeutungsebenen.
Verdi gab im Otello dem Orchester ebenfalls eine tragende Rolle und verzichtete auf jede standardisierte Begleitung wie noch in seinen frühen und mittleren Werken, jedoch bleibt das Orchester – im Gegensatz zu Wagner- immer der Melodieführung der Singstimme untergeordnet. Verdi nutzte im Otello die Weiterentwicklung der Instrumente zugunsten differenzierter dramatischer Charakterisierung und tonmalerischer Effekte wie das Heulen des Windes, Donnergrollen, oder Feuerknistern. Kehren hier Themen im Verlauf der Handlung wieder, dann nur, um an bestimmte Situationen anzuknüpfen ( Kussmotiv).

Schon beim Betreten des Zuschauerraumes – lange bevor die Musik einsetzt- wird man von einer riesigen Videoinstallation in Beschlag genommen ( Video: Tomasz Jeziorski). Sie zeigt einen Elefanten, der am Boden liegt, alt, müde, ab und zu mit einem Auge blinzelt, zuletzt zusammenbricht und stirbt. Dieses symbolträchtige und rätselhafte Bild, auf das Wilson im weiteren Verlauf der Inszenierung keinen Bezug nimmt, weckt vielfältige Assoziationen. Vielleicht an den sieg- und erfolgreichen Feldherren Otello, äußerlich gepanzert, bewundert und beneidet wegen seiner Stärke, seinem Rang, aber tief im Inneren leidend an seinem „Anderssein“, leicht verletzbar, anfällig und unfähig zum Vertrauen. Auch er wird am Ende den Kampf verlieren, zusammenbrechen und sterben.
Gleichzeitig hört man Windesrauschen, zuerst leise, dann immer mehr zum Sturm anschwellend, bis schließlich das Bühnengewitter des 1. Aktes einsetzt. Nun wird man nach und nach immer tiefer hineingezogen in die fremdartige Wilson‘sche Bühnenwelt. Diese offenbart im 1. Bild schon fast alle Parameter, mit welchen der Regisseur operiert und die im Laufe der Handlung modifiziert oder verfremdet werden.

Festspielhaus Baden-Baden / Otello - hier : Skelton_ Yoncheva © Lucie Jansch

Festspielhaus Baden-Baden / Otello – hier : Skelton_ Yoncheva © Lucie Jansch

Der Bühnenhintergrund erstrahlt je nach Situation (siehe Foto oben) entweder in blau, schwarz, weiß, rot oder bei Otellos Wahnvorstellungen auch grün (Co-Lichtdesign: Solomon Weisbard), stilisierte Blitze leuchten, ebenso Reihen von Scheinwerfern. Eine Kugel ist immer präsent (die Weltkugel?) und leuchtet ebenso schwarz, blau oder rot. Das Licht wird zum unverzichtbaren Dramaturgen der Seele. Stilisierte Arkadenteile wachsen zum Palast zusammen, erst einzeln, dann verdichtet. Später werden diese fragmentiert und erinnern an Schwerter, lösen die Szene auf oder geben Ihr Struktur. Eine stilisierte Treppe schwebt von der Decke, scheint im Nichts zu enden, auch diese zerfasert später in Einzelteile (Co- Bühnenbild: Serge von Arx). Sehr stark ist das Bild des 4. Aktes, wenn ein wehender grau-grüner Vorhang, auf welchem skizzenhaft die rechtwinkligen Umrisse einer weißen Türe und ein kleines quadratisches Fenster Desdemonas Schlafgemach andeuten. Seitlich steht in grellem weiß ein karges Bett, das unheilvoll an eine Totenbahre gemahnt.

Die Personen sind ausnahmslos weiß geschminkt, fernöstlich verfremdet, schwarz gewandet und muten im düsteren Hintergrund gespenstisch an. Lediglich Desdemona erscheint ganz in gleissendem weiß, mit Halskrause, die auch aus dem elisabethanischen Theater stammen könnte. Die Männer sind in kriegerische Rüstungen gesteckt (Kostüme: Jaques Reynaud und David Boni), welche die minimalistischen und zeitlupenartigen Bewegungen der Figuren unterstützen. Gesten werden nur sehr gezielt eingesetzt, (Finger gespreizt, Arme roboterartig gehoben) und erlangen dadurch größere Bedeutung wie beispielsweise bei der Annäherung zwischen Otello und Desdemona am Ende des 1. Aktes, wenn eine körperliche Hinwendung und eine „Fast- Berührung“ schon wie eine leidenschaftliche Umarmung anmutet. Ansonsten findet Interaktion zwischen den Personen nicht statt, kontrolliertes Rampensingen und geometrisch abgezirkelte Tableaus bestimmen die Szene. Die Entdeckung der Langsamkeit könnte auch als Motto über dieser Aufführung stehen.

Otello  –   Tenor Stuart Skelton über Otello
youtube Trailer des Festspielhaus Baden-Baden – Backstage Interview
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Wilsons radikale Reduktion fasziniert zunächst, der Musik wird Raum gegeben, das Hören wird intensiviert, die Distanz kann die Emotionen klären, den Blick schärfen. Das funktioniert oft, allerdings entsteht auch bisweilen Langeweile und Spannungslosigkeit, die Statuarik der Figuren wirkt nicht selten wie eine Bremse. Mit dem Regiekonzept kommen die Sänger unterschiedlich zurecht. Am besten scheint sich Vladimir Stoyanov als Jago in seine Darstellung einzufinden, die ihm ein einigermaßen variables Bewegungsrepertoire erlaubt. Jago, der Dämon, ein Abgesandter Mephistos, bekennender Nihilist, dem keine Intrige boshaft genug ist, und der Otello in Wahnsinn und Selbstmord treibt, wird vom Regisseur (Co- Regie: Nicola Panzer), auch schon äußerlich diabolisch ausstaffiert. Er trägt einen Ziegenbart, die Haare sind seitlich zu zwei leichten Hörnern nach oben frisiert (Haar- und Make-up Design: Manuela Halligan). Stoyanov liefert ein beeindruckendes Rollenportrait und sein Bariton besticht mit einer vielfältigen Bandbreite an Ausdrucksnuancen. Er kann ebenso schmeichelnd larmoyant, mit samtenen Klangfarben, verführerisch seine Ränke spinnen wie zynisch und roh, mit heldischer Attitüde seinen Triumph auskosten. Lediglich im Credo hätte man sich etwas mehr Schwärze gewünscht.
Die Desdemona von Sonya Yoncheva ist äußerlich keine Engelsgestalt, sie trägt einen schwarzen Haarkranz, und ihr Styling ähnelt eher der Butterfly als einer blonden Ikone, aber als Lichtgestalt ganz in weiss wirkt sie dennoch bestechend. Ihr herrlich timbrierter lyrisch-dramatischer Sopran findet anfänglich noch nicht zu freier Entfaltung und wirkt etwas mechanisch, aber im Laufe des Abends entwickelt ihre Stimme eine strahlende Leuchtkraft, sowohl bei den dramatischen Ausbrüchen als auch in den berückend- zarten, überirdisch schönen pianissimo Stellen im Weidelied und im Ave Maria.

Stuart Skelton ist in Baden-Baden kein Unbekannter. 2016 gab er bei den Osterfestspielen unter Sir Simon Rattle sein Rollendebut als Tristan. Gastspiele mit einem umfangreichen Repertoire führen ihn an alle großen Opernhäuser der Welt. Als Otello ist Skelton eine Idealerscheinung, er verfügt über einen ausgeglichenen, eher hell timbrierten heldischen Tenor mit enormer Ausdrucks- und Gestaltungskraft. Er durchleidet auf erschütternde Weise Otellos psychische Labilität, seine wahnhafte Eifersucht und seinen unaufhaltsamen Weg in den Abgrund, der im Mord an seiner Geliebten und in Selbstmord endet. Vielleicht wirkt sich bei Stuart Skelton das Regiekonzept am wenigsten vorteilhaft aus. Durch die primäre Konzentration auf die Musik hört man jede stimmliche Trübung, werden Schwächen gnadenlos ausgestellt. Gestaltet er im Liebesduett am Ende des 1.Aktes weit geschwungene piano Phrasen mit innigster Verhaltenheit und seelenvoller Emphase, werden Grenzen bei den dramatischen Ausbrüchen deutlich hörbar, gelingen Spitzentöne an diesem Abend leider häufig nicht.

Francesco Demuro als Cassio führt seinen hellen lyrischen Tenor locker und mit Leichtigkeit vor allem in hohe Lagen, und wird arglos und unwissend zum Werkzeug von Jagos diabolischem Plan. Die Emilia von Anna Malavasi gibt der mutigen Gattin Jagos mit durchschlagskräftigem Mezzo Profil und Charakter. Gregory Bonfatti lässt als Roderigo mit schön timbriertem Tenor aufhorchen.Federico Sacchi als Lodovico, Giovanni Furlanetto als Montano und Mathias Tönges als Herold komplettieren das ausgezeichnete Ensemble.

Zubin Mehta geleitet die Berliner Philharmoniker mit Noblesse und traumwandlerischer Selbstverständlichkeit durch Verdis Partitur, und bringt in jedem Takt die Essenz der Musik ideal zur Geltung. Man hört ein perfekt ausbalanciertes Spitzenorchester, dem Mehta aber auch freie Hand lässt wie gleich zu Beginn, wenn die Orchestermassen wie entfesselt zum Sturm anschwellen. Genussvoll werden breitere Tempi zelebriert wie im Credo und Spannungsverläufe bis an die Grenzen ausgekostet. Ergreifend das Englischhorn Solo zu Beginn des 4. Aktes, komplettiert von zwei tiefen Flöten, Klarinetten, die Todesahnung verkünden. Großartig. Erschütternd.

Die lautmalerischen Stellen im 4. Akt sind bei diesem Orchester ein Ereignis, das Solo der Kontrabässe bei Otellos Eintreten lässt einen bis ins Mark frieren, auch wenn winzige Intonationstrübungen auszumachen sind. Der Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) klang nicht immer präzise und ließ etwas an Strahlkraft vermissen, tadellos sang der Kinderchor des Pädagogiums Baden-Baden.

Das Festspielpublikum im ausverkauften Festspielhaus bedachte Dirigent, Orchester und Solisten mit Beifallsstürmen, die Damen erhielten beim Verlassen des Festspielhauses die obligatorische Rose, die die Erinnerung an einen faszinierenden Opernabend hoffentlich noch lange frisch halten wird.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Konzert: Gedenken an die Zerstörung Dresdens, 13.-14.-15.02.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper Dresden / © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / © Matthias Creutziger

 Gedenken an die Zerstörung von Dresden

Sächsische Staatskapelle Dresden – Christoph Eschenbach

Erstmals in der seit 1951 bestehenden Tradition des Gedenkkonzerts der Staatskapelle Dresden zum 13. Februar steht Dvoráks berückendes Stabat mater op. 58, das zuletzt 2000 unter Giuseppe Sinopoli aufgeführt wurde, auf dem Programm. Die 1876/77 entstandene und 1880 in Prag uraufgeführte Vertonung des mittelalterlichen Gedichts mag in engem Zusammenhang mit Dvoráks seit 1874 bestehender Anstellung als Organist in der Kirche St. Adalbert in Prag und dem schmerzhaften Verlust dreier Kinder gestanden haben.

Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Christoph Eschenbach, seit 1992 der Staatskapelle verbunden, leitet die Konzerte in der Semperoper (13. & 14. Februar) und in der Frauenkirche (15. Februar) mit einem hervorragenden Ensemble: Zuletzt für ihre Dresdner Lucia gefeiert, zählt Venera Gimadieva zu den aufstrebenden Sopranistinnen ihrer Generation. Die aktuelle Saison führt die Russin an die Opernhäuser in Washington DC, Zürich und Berlin, bevor sie im Juni für die Neuproduktion der Hugenotten an die Semperoper zurückkehrt.

IOCO, Thomas Thielemann, wird über dies Gedenkkonzert umfassend berichten

Als Mezzosopran steht abermals Elisabeth Kulman (zu Silvester noch der gefeierte Prinz Orlovsky in der konzertanten Fledermaus) mit der Kapelle auf der Bühne. Die Tenorpartie übernimmt der Slowake Pavol Breslik, der 2014 sein Kapelldebüt gab und mittlerweile zu den gefragtesten Tenören zählt. Neben Auftritten an der MET in New York und der Bayerischen Staatsoper München wird er in dieser Saison in Dresden noch die Partien des Hans in der Neuproduktion der Verkauften Braut und den Sänger im Rosenkavalier übernehmen. Der gefeierte René Pape vervollständigt als Bass das Ensemble. Die Chorpartie des Werks, das die Staatskapelle im April auch zu den Osterfestspielen in Salzburg bringt, übernimmt am 13. & 14. Februar der Sächsische Staatsopernchor und am 15. Februar der Chor des Bayerischen Rundfunks.

7. Symphoniekonzert:
13. & 14. Februar, 20 Uhr – Semperoper | 15. Februar, 20 Uhr – Frauenkirche

Christoph Eschenbach | Dirigent, Venera Gimadieva | Sopran, Elisabeth Kulman | Mezzosopran, Pavol Breslik | Tenor, René Pape | Bass, Sächsischer Staatsopernchor Dresden (13. & 14. Februar), Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen, Chor des Bayerischen Rundfunks (15. Februar), Einstudierung: Howard Arman

Antonín Dvorák
»Stabat mater« für Soli, Chor und Orchester op. 58
Übertragung durch MDR Kultur am 15. Februar, 20.05 Uhr
Aufführungen bei den Osterfestspielen Salzburg am 16. & 19. April, 19 Uhr

—| Pressemeldung Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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