Paris, Père Lachaise, Oscar Wilde – Kultstätte in Paris, IOCO, 31.03.2020

Oscar Wilde auf Père Lachaise © IOCO Felix

Oscar Wilde – 20 Tonnen Gedenkstätte auf Père Lachaise © IOCO Felix

Oscar Wilde – Monumental – Père Lachaise, Paris
– Kult als Dandy – Kult als Dichter – Kult im Tod –

von Viktor Jarosch

 Heinrich Heine auf Montmarte Paris © IOCO

Heinrich Heine auf Montmarte Paris © IOCO

Die großen Friedhöfe von Paris, Père Lachaise, Montmartre, Montparnasse, Passy wurden im frühen 19. Jahrhundert auf Veranlassung von Napoleon neu geordnet und als „Parkfriedhöfe“ angelegt. Mit Denkmal-Gräbern für lange zuvor Verstorbene wie den Dichter Jean-Baptiste Poquelin alias Molière (1622-1673), den Fabeldichter Jean de la Lafontaine (1621 – 1695), der Äbtissin Héloise (1095 – 1164) oder des Theologen Abaélard (1079 – 1142) hat sich Père Lachaise wie alle Pariser Park-Friedhöfe früh zu weltweit einzigartigen, architektonisch touristischen Begegnungsstätten entwickelt.  Heinrich Heine (1797 – 1856) bestimmte 1851 in seinem, in der „Matratzengruft“ von Montmartre geschriebenen Testament, „auf dem Kirchhofe dieses Namens (Cimitière Montmartre, Foto) beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege …“.

Auch der Kult-gewordene Dichter, Dramatiker und Lyriker Oscar Wilde (1854 in Dublin – 1900 in Paris) fand auf Père Lachaise seine  letzte Ruhestätte. Père Lachaise, im 20. Arrondissement von Paris gelegen, ist mit 44 Hektar und 69.000 Grabstätten der größte Pariser Friedhof. Mit über drei Millionen Besuchern jährlich ist Père Lachaise weit mehr als letzte Ruhestätte für Verstorbene, es ist auch sinngebende Begegnisstätte für uns Lebende: sein Besuch wurde so zu einem Muss.für viele Paris-Besucher und Einheimische.

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Gioacchino Rossini in Paris © IOCO

Kurz hinter dem Eingang von Père Lachaise begegnet dem Besucher schon die Grabstätte von Gioacchino Rossini (1792 in Pesaro – 1868 in Passy, Paris). Rossini, ab 1824 Hofkomponist von Ludwig XVIII, König von Frankreich, und, obwohl er schon 1829 mit Guglielmo Tell seine letzte Oper schrieb, führte er, danach, mit lebenslanger französischer Rente versehen, ein aktives, ausgefülltes Leben. Er inspirierte dabei unter anderem den 1833 für eine Musikausbildung nach Paris gezogenen Jacques Offenbach (1819-1880), dessen auffällige Grabstätte in Montmartre, nahe der von Heinrich Heine liegt.

Der irische Schriftsteller Oscar Wilde, bekannt durch seine Werke u.a. Salome, Das Bildnis des Dorian Gray, The Importance of Being Earnest, Bunburry, Lady Windermere‘s Fan war im damaligen prüden viktorianischen Zeitalter zudem als bewunderter Dandy und seinen extrovertiert exzentrischen Lebensstil eine bekannte Person des öffentlichen Lebens.

 Die schwer lesbare Visitenkarte von Lord Queensbury an Oscar Wilde © National Archives UK

Die schwer lesbare Visitenkarte von Lord Queensbury an Oscar Wilde © National Archives UK

Wildes in Paris endender, tragischer Niedergang begann am 18. Februar 1895, mit einer zunächst läppisch wirkenden Boshaftigkeit, die aber letztlich tödlich endete: John Sholto Douglas, 9th Marquess of Queensberry, und Vater seines intimen Freundes Lord Arthur Douglas, hinterließ in dem gemeinsam oft besuchten Londoner Albemarle Club eine an Oscar Wilde adressierte Karte (siehe oben links) mit der Anschrift: „For Oscar Wilde posing Somdomite!“ („An Oscar Wilde, posierender Sodomit“ – NB: Sodomie war damals in England strafbar). Diese Karte war Grund der folgenden Verleumdungsklage von Oscar Wilde gegen Marquess of Queensberry. In seiner Klage wurde Wilde von Freunden wie Robert Ross, Lord Arthur Douglas und sogar Georg Bernard Shaw gestützt. Queensberry argumentierte vor Gericht mit seinen „Wahrheitsbeweisen“ gegen Wilde: aufgrund dieser „Wahrheitsbeweise“ wurde öffentlich, dass Oscar Wilde mit jungen Männern der damaligen Unterschicht und männlichen Prostituierten sexuelle Beziehungen hatte. Der Marquess of Queensberry wurde im Urteil von der Verleumdungsklage freigesprochen.

Marquess of Queensberry reagierte auf seinen Freispruch mit einer Gegenklage. Oscar Wilde wurde nun von ihm wegen Unzucht und Sodomie angeklagt. Der vermögende Marquess of Queensberry stellte für dies Verfahren zahlreiche, von seinen Detektiven aufwendig ermittelte Beweise zur Verfügung. Am 25. Mai 1895 wurde Oscar Wilde wegen sexuellen Beziehungen zu jungen Männern der Unterschicht und mit männlichen Prostituierten wegen „Gross indecency“ (ein Gesetz, welches damals sexuelle Akte zwischen Männer generell, auch in privaten Räumen kriminalisierte) zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, verbunden mit schwerer Zwangsarbeit. Das Urteil ruinierte Oscar Wilde persönlich und finanziell für den Rest seines Lebens.

Die Umstände im Zuchthaus Reading, wo Wilde seine Strafe verbrachte, waren entwürdigend und zerstörerend: Wie viele andere Zuchthäuser der Zeit in England war das Zuchthaus Reading damals vermeintlich modern ausgerichtet. Die englischen Zuchthäuser der Zeit waren zuvor aufwendig neu gestaltet, zur „Reformation der Gefangenen“, zur therapeutischen Behandlung der Insassen umgestaltet. Statt ehemals überfüllter Säle und Gemeinschaftszellen gab es erstmals durchgängig Einzelhaft in Zellen ohne Fenster. Kleine Milchglasschlitze ließen Licht ein, verhinderten aber den Blick ins Freie. Bei Freigang auf dem Gefängnishof bestand Redeverbot; das Tragen einer den Kopf verhüllenden Kapuze war dabei Pflicht.

Oscar Wilde 1882 © Napoleon Sarony

Oscar Wilde 1882 © Napoleon Sarony

Oscar Wilde verließ das Gefängnis 19. Mai 1897 als gebrochener und mittelloser Mann;  am gleichen Tag flüchtete er noch nach Paris: In Paris hatte Wilde 1883, in seinen guten Zeiten, mehrere Monate gelebt, mit Victor Hugo, Sarah Bernhardt, Edgar Degas verkehrt und das Bühnenstück The Duchess of Padua geschrieben. So ist Salome 1891 in Paris in französischer Sprache entstanden, und, in England war es durch die Zensur geächtet, 1894 in Paris mit Sarah Bernhardt als Salome uraufgeführt.  Oscar Wilde auf die Frage, warum er Salome in Französisch geschrieben hat: er sei „im Herzen Franzose, der Geburt nach aber Ire und von den Engländern dazu verurteilt, die Sprache Shakespeares zu sprechen.“  Nach seiner Ausreise im Mai 1897 betrat Oscar Wilde nie wieder englischen Boden.

Das letzte, unter solch dramatischen Umständen in Paris entstandene Werk von Oscar Wilde, ist das Gedicht The Ballad of Reading Gaol; es beschreibt die letzten Tage des 30-jährigen, wegen Mordes verurteilten Kavalleriesoldaten Charles Thomas Wooldridge kurz vor seiner Hinrichtung. Oscar Wilde zeichnet sein Gedicht in großer emotionaler Nähe zu dem sterbenden Soldaten. 

Jean-Baptiste Molière - La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Jean-Baptiste Molière – La Fontaine in Pere Lachaise © IOCO

Oscar Wilde lebte in Paris vereinsamt und verarmt, aber im besten Zimmer des kleinen Hôtel d’Alsace in der Rue des BeauxArts, dessen Besitzer ein Bewunderer von ihm war. Dort starb  Wilde am 30. November 1900 elendig, unter schmerzhaften Umständen. Die Todesursache (Hirnhautentzündung oder Syphillis) wurde nie eindeutig festgestellt. Trotz seiner Schmerzen begleiteten ihn Aphorismen bis in den Tod: “My wallpaper and I are fighting a duel to the death – one or the other of us has to go” oder “Either the wallpaper goes, or I do“. Robert Ross, enger Freund und Lektor, war bei Oscar Wilde als dieser starb: Ein herbei gerufener katholischer Priester erteilte Wilde Nottaufe, Absolution und letzte Ölung. Begraben wurde Oscar Wilde 1900 zunächst in einem Armengrab auf dem Pariser Friedhof Cimetiere Bagneux. Auf nachdrückliches und uneingennütziges Betreiben von Robert Ross, nun Verwalter von Wildes künstlerischem Nachlass, wurde dieser 1909 auf den Cimetière du Père Lachaise umgebettet. Erst seit 1914, 14 Jahre nach Wildes Tod, schmückt das Grab die kultische Felsskulptur..

 Oscar Wilde Grabmal - die Sphinx © IOCO Felix

Oscar Wilde Grabmal – die Sphinx © IOCO Felix

Robert Ross, 1868 – 1918, Student an der Oxford University, war mit Oscar Wilde seit 1886, als erstem homoerotischen Freund verbunden. In späteren Jahren blieb Ross als Lektor, Freund und Verwalter des Nachlasses eng mit Oscar Wilde verbunden. Robert Ross, in seinem Bemühen um eine angemessene Grabstätte, beauftragte 1908 den amerikanisch-britischen Bildhauer Jakob Epstein (1880-1959) mittels einer anonym erhaltenen Spende von 2.000 englischen Pfund ein Grabmal für Oscar Wilde zu schaffen: ein 20 Tonnen wiegender Hopston Wood–Fels aus Derbyshire in England bildete die Grundlage. Epstein meißelte in Anlehnung an Wildes Gedicht Die Sphinx in die Mitte des riesigen Felsblocks eine vertikale, geflügelte Figur mit ausgesprägt sichtbaren Phallus, welche vorwärts zu fliegen scheint: symbolischer Ausdruck für einen Dichter als Botschafter, so wird es oft interpretiert. Auf der Stirn dieser Sphinx verkündet eine Figur mit langer Trompete ewigen Ruhm; über dem Kopfschmuck symbolisieren fünf kleine Figuren, eine davon mit einem kleinen Kreuz, an das Martyrium von Wildes Lebensende erinnernd. Der Transport des Denkmals von London nach Paris gestaltete sich schwierig: 120 Pfund Importzoll mussten entrichtet werden, da die französischen Behörden den Felsen nicht als Kunstwerk anerkannten. Nach letzten Arbeiten von Epstein auf Père Lachaise wurde das Grabmal im August 1914 von dem Okkultisten und Dichter Aleister Crowley offiziell enthüllt. Robert Ross hatte zuvor den Phallus der Sphinx mit einer Schmetterlings-ähnlichen Bronzeplastik verhüllt, welche allerdings später wieder entfernt wurde.

Seither entwickelte sich die Grabstätte von Oscar Wilde auf Père Lachaise zur gesuchten Pilgerstätte und ein Raum für unzählige Anekdoten: Der ausgeprägte Phallus der Sphinx wurde 1961 von einem Souvenirjäger abgeschlagen; im Jahr 2000 durch eine Silberprothese ersetzt wurde er erneut abgeschlagen und seither nicht mehr ersetzt. Seit den 80er Jahren wurde das Grab von Oscar Wilde Ziel neuer Kulthandlungen: Besucher übersäten es bis 2011 beständig mit roten Kussmündern. Sei es der Abdruck eigener, fett rot bemalter Lippen, seien es aufgemalte rote Lippen: Zeichnungen auf dem Grabmal wurden zum kultischen Happening der Besucher. Graffitisprays ergänzten zahllose Lippen-Abdrücke. Die folgenden beständigen Reinigungen beschädigte wiederum das Grabmal, er wurde über die Jahre porös; Küssen Verboten–Schilder und Strafen bis zu 9.000 Euro _ nichts half: Die irische Regierung schritt ein; für Irland ist Oscar Wildes Grabmal irisches Kulturerbe. Die Felsskulptur wurde 2011 auf Kosten des Irischen Bauspflegeamtes erneut aufwändig gereinigt und zusätzlich mit  einer hohen Glasbarriere vor den Kussattacken und anderen Zuwendungen geschützt. Seither ruht Oscar Wilde dort wahrlich in Frieden. An seiner Seite ruht seit 1950 sein 1918 gestorbener Freund Robert Ross: dessen Asche wurde 1950 in das Grabmal von Oscar Wilde übergeführt

—| IOCO Portrait |—

Luzern, Theater Luzern, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 18.01.2020

Januar 17, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Luzern, Oper, Theater Luzern

Theater Luzern und Teater Box © Ingo Hoehn

Theater Luzern und Teater Box © Ingo Hoehn

Salome   –  Richard Strauss

„Sie ist ein Ungeheuer!“

Theater Luzern

von Julian Führer

Das Theater Luzern, ein Dreispartenhaus, hat nur zehn Parkettreihen und mit zwei Rängen insgesamt nicht ganz 500 Plätze für das Publikum. Dass es sich dennoch mit Salome an ein üppig instrumentiertes Schlüsselwerk der Zeit um 1900 wagt, erfordert zunächst ein Nachdenken über die akustischen Verhältnisse. Im Orchestergraben, der so tief schien wie die Zisterne des Jochanaan, drängten sich die Musiker, während Celesta, Xylophon, Tamtam und große Trommel links und rechts des Grabens postiert waren.

Salome – Richard Strauss
youtube Trailer des Theater Luzern
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Das Bühnenbild, das ebenso wie die Regie von Herbert Fritsch stammt, setzt sich auf eine gewisse Weise mit der Akustik auseinander, da die Spielfläche, glatt und in Blau gehalten, einen Teil des Grabens abdeckt. Eine abgestufte Dämpfung der schweren Orchesterstimmen wie in Bayreuth war damit zwar nicht zu erzielen, dafür konnten die Klangmassen allein schon durch diese räumlichen Veränderungen kanalisiert werden.

Die Geschichte Johannes‘ des Täufers, der auf den Wunsch der Tochter des Herodes hingerichtet wird, wird im Neuen Testament (bei den Evangelisten Matthäus und Markus) sowie bei Flavius Josephus (Jüdische Altertümer 18,5,4, dort auch der Name Salome) berichtet. Oscar Wilde verfasste über diesen Stoff ein Drama in französischer Sprache, das 1893 erschien. Richard Strauss stellte auf der Basis einer deutschen Übersetzung dann selbst das Libretto für seine Oper her, dessen Uraufführung 1905 zu einem Schlüsselmoment der Musikgeschichte werden sollte.

Theater Luzern / Salome - hier : vl. Herodes, Salome, Herodias © Ingo Hoehn

Theater Luzern / Salome – hier : vl. Herodes, Salome, Herodias © Ingo Hoehn

Die Personenkonstellation ist, man kann es kaum anders sagen, verkorkst: Alle Hauptfiguren haben eine Leidenschaft, die sie aber auf die unterschiedlichste Weise nicht befriedigen können. Mutter Herodias und Tochter Salome können sich sichtlich nicht ausstehen, Stiefvater Herodes hat mehr als nur ein Auge auf seine Stieftochter geworfen, Herodes und Herodiaslieben sich eindeutig nicht. Narraboth ist verliebt in Salome, die aber nichts von ihm wissen will (wohl im Gegensatz zu Herodes, der die Schönheit des Narraboth rühmt). Salome ihrerseits ist fasziniert vom Propheten Jochanaan, doch der stößt sie zurück. Insgesamt haben alle Figuren ihre Leidenschaften, doch keine der Figuren kann ihre Leidenschaft wirklich ausleben, denn es gibt in diesem Stück keine Gegenseitigkeit – es sei denn um den Preis einer massiven Grenzüberschreitung. Kein Wunder, dass bei der Uraufführung dem Stück Dekadenz und Perversion vorgeworfen wurden.

Das Psychogramm der Salome ist hierbei natürlich von besonderem Interesse, und Herbert Fritsch seziert es letztlich gnadenlos: Salome wächst ohne Liebe auf. Als sie vom in einer Zisterne gefangenen Propheten Jochanaan hört, ist sie sogleich fasziniert, vor allem als sie erfährt, dass er jung und ansehnlich sei und Herodes jeden Kontakt mit ihm verboten habe. Salome, in Fritschs Deutung eine Göre von vielleicht 15 Jahren, interessiert sich wohl alterstypisch für alles, was verboten ist, und verlegt ihre Energie entsprechend darauf, Jochanaan zu begegnen. Hierzu spielt sie ein schmutziges Spiel mit Narraboth, der in sie verliebt ist – und das weiß sie. Sie stellt ihm (unerhebliche) Gunsterweise in Aussicht, doch Narraboth durchschaut sie, erkennt, dass sie immer nur einen anderen begehren wird – und tötet sich. Salome reagiert überhaupt nicht auf Narraboths Selbsttötung.

Was fasziniert nun Salome an diesem gefangenen Propheten? Jochanaan ist in Herbert Fritschs Regie permanent anwesend, da sein Kopf (und nur der) aus der Unterbühne hervorragt. Auf der Bühne ist neben der spiegelglatten Spielfläche nur ein Thron für Herodes und Herodias zu sehen. Solange der Prophet nur als Kopf am Bühnenboden (Foto oben) präsent ist, zeigt er keinerlei Gefühlsregung, auch nicht, als Salome seine Hinrichtung fordert (in der Tat ist es genau diese Regungslosigkeit, die Salome auch gemäß Libretto maßlos aufregt). Eindrucksvoll hingegen der Moment, als Salome die Begegnung mit ihm fordert – aus der Unterbühne kommt der zum Kopf gehörende Körper, geschunden und nach langer Gefangenschaft mit offensichtlichem Muskelschwund: Er kann sich nicht allein auf den Beinen halten. Christusähnlich trägt er nur einen Lendenschurz und über in seiner ganzen rohen und gleichzeitig unerreichbaren Männlichkeit für die noch sehr junge Salome eine große Faszination aus. Jochanaan verweigert lange Zeit die Kommunikation mit Salome grundsätzlich; am Ende verflucht er sie dann wegen ihres Begehrens und stellvertretend für ihre Mutter. Salome ihrerseits will nur noch mit ihm kommunizieren, treibt Narraboth damit in den Selbstmord und kann der fundamentalen Ablehnung durch Jochanaan nur mit der Forderung nach Vernichtung seiner physischen Existenz begegnen.

Theater Luzern / Salome - Jochanaan, Herodes, Herodias, Salome © Ingo Hoehn

Theater Luzern / Salome – Jochanaan, Herodes, Herodias, Salome © Ingo Hoehn

Musikalisch stand der Abend zunächst unter einem schlechten Stern – Heather Engebretson konnte krankheitshalber nicht singen. Sie war aber in der Lage, auf der Bühne stumm zu agieren, während Sera Gösch von der Seite sang. Beide Künstlerinnen verdienen großes Lob – die eine für ihr kompromisslos engagiertes Agieren auf der Bühne, die andere für ihr mal verführerisches, mal auch drohend-scharfes musikalisches Rollenporträt. Ein Glücksfall war hier, dass die Regie eine betont jugendliche, fast kindliche Salome inszeniert. Heather Engebretson steckte in einem rosafarbenen Ballettkostüm, ihre Salome versuchte sich manchmal auch an Ballettschritten, stakste dann wieder unbeholfen über die Bühne. Der Tanz der sieben Schleier war energiegeladen, aber nach klassischer Ansicht sicher nicht verführerisch. Diese Salome weiß, dass sie eine Wirkung auf Herodes und auf Narraboth hat, verfügt aber noch lange nicht über die erwachsene Weiblichkeit der Herodias im enganliegenden Kleid, die ihrerseits für Herodes schon einige Spuren zu erwachsen ist und ihren Ehemann lächerlich findet. Herodes kippt tatsächlich von einer Gefühlswallung in die nächste. Victoria Behrs Kostüme unterstreichen, dass Herodias eigentlich die souveränste Person auf der Bühne ist, während Herodes ein dekadenter Cäsar wie von Fellini ist und die Frisuren bzw. die Perücken des Herrscherpaars eine direkte Reverenz an Satyricon darstellen. Die Juden tragen lange Mäntel und einem Schtreimel auf dem Kopf und agieren als permanent aufeinander herumhackende Gruppe (in einer Passage minimale Abstimmungsprobleme in der rhythmisch schwierigen Streitszene, sonst sehr schön anzusehen und anzuhören). Sehr stimmungsvoll war das Licht (David Hedinger-Wohnlich), das den Bühneneinheitsraum immer wieder in völlig neue Stimmungen tauchte.

Jochanaan bzw. sein Kopf singt in dieser Inszenierung gewissermaßen vom Bühnenboden, der aus einem nicht nur optisch stark reflektierenden Material gefertigt ist. Jason Coxs sonorer Bariton ‚scheppert‘ daher passagenweise, doch dürfte das weniger an seiner Stimmführung als an seiner Position auf bzw. in der Bühne liegen. Hubert Wilds Herodes ist exaltiert, tänzelt über die Bühne, fällt von einem Überschwang zum anderen (bis zum finalen Exzess, die Stieftochter im Affekt töten zu lassen). Stimmlich konnte er nicht ganz mit der schauspielerischen Leistung Schritt halten, speziell im höheren Register. Doch überzeugte, dass dieser Herodes weder szenisch noch stimmlich ein alter Mann war. Solenn Lavanant Linke gab eine überzeugende Herodias, die zu bewusst scharfen Spitzentönen, aber auch zu fast sprechgesangsartigem Zischen in der Lage war.

Theater Luzern / Salome - vl. Jochanaan, Salome © Ingo Hoehn

Theater Luzern / Salome – vl. Jochanaan, Salome © Ingo Hoehn

Dauernd will Herodes die Aufmerksamkeit Salomes erst erlangen, dann erkaufen. Die Forderung nach dem Kopf des Jochanaan entspricht dem Wunsch der Herodias, aber entspringt Salomes eigenem Wüten gegen alles, was nicht ihren Willen erfüllt. „Ich achte nicht auf die Stimme meiner Mutter. Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan in einer Silberschüssel haben.“ Herodes hat ebenso Angst vor Jochanaan wie vor Jochanaans Tod, seine Ablenkungsversuche sind allerdings eher hilflos: „Der Kopf eines Mannes, der vom Rumpf getrennt ist, ist ein übler Anblick.“ Die Botschaft der Nazarener (makellos Robert Hyunghoon Lee und Marco Bappert) bekräftigt das, was Herodes ahnt: Jochanaan könnte recht haben. Salome hat keine Angst, sondern nur Lust, wobei die in Gewalt umschlägt, wenn sie nicht bekommt, was sie will; ein halbes Kind, das materiell immer alles bekommen hat, aber emotional verkümmert ist und keine emotionale Sicherheit hat, als sie von diesem Mann fasziniert ist. Pädagogisch gesehen ist es natürlich fatal, dass sie nun auch den Kopf des Jochanaan in einer silbernen Schüssel erhält und nun die (toten) Lippen des Jochanaan küssen kann. „Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt“, singt sie, und niemand widerspricht. Wie zur Bekräftigung und musikalisch weit ausgemalt betont sie: „Ich habe ihn geküsst, deinen Mund.“

„Man töte dieses Weib!“, das sind die letzten Worte des Stückes, von Herodes gesungen. Nach diesen hundert Minuten Musik mit drei Toten fragt man sich, wie es mit Herodes und Herodias eigentlich weitergeht, aber das wäre ein anderes Stück. Dass man auch radikal auf einen Endpunkt zutreibende Stücke wie Strauss‘ Elektra weiterspinnen kann, hat Manfred Trojahn mit seiner Oper Orest gezeigt. Besonders effektvoll ist der Tod der Salome hier nicht, sie wird nur von den beiden Soldaten (Vuyani Mlinde und Marco Bappert) nach hinten gezogen – doch ist in dieser Inszenierung ohnehin keine physische Gewalt auf der Bühne zu sehen.

Das Orchester spielte in diesem für die Partitur eigentlich viel zu kleinen Raum mal süffig wie im Rosenkavalier, mal dann doch drohend und dräuend wie in der wenig später komponierten Elektra. Clemens Heil steuerte das Luzerner Sinfonieorchester durch das Dickicht der Partitur, verzichtete angesichts der Raumverhältnisse auf ein Übermaß an musikalischem Dampf, doch war hier keine Leichtversion zu hören. Ein Mischklang war nicht zu erwarten, aber das Klangbild war adäquat, das Orchester konzentriert – eine mehr als respektable Leistung.

Herbert Fritsch ist für Präzision bei der Personenführung bekannt, allerdings auch für die Neigung, manches zu überdrehen oder lächerlich zu machen (wie etwa in seinem Zürcher Freischütz). Slapstick war bei dieser Salome allerdings nicht zu sehen – erst bei der Applausordnung ging der Vorhang immer wieder auf und zu, und die Solisten posierten in unterschiedlicher Weise und stets sehr fröhlich. Nach einem Stück wie Salome braucht es vielleicht etwas, was die Spannung löst, aber es bricht natürlich auch die Stimmung nach einer gelungenen Vorstellung. Applaus gab es für alle Beteiligten reichlich, besonders natürlich für die Einspringerin und die Hauptdarstellerin, auch (verdient) für Orchester und Dirigent. Das Regieteam trat zunächst ohne Herbert Fritsch auf und wurde mit freundlichem Applaus bedacht, Fritsch selbst zeigte sich nur als Kopf aus der Unterbühne und bekam ebenfalls freundlichen, aber nicht sonderlich lebhaften Applaus. Diese Salome wartet nicht mit einem völlig neuen Regiekonzept auf, Herbert Fritsch hat keine revolutionäre Inszenierung vorgelegt, aber sehr präzise auf die Musik gehört und die Personen scharf und treffend charakterisiert.

Die Fahrt zur Salome im Theater Luzern lohnt immer

Salome im Theater Luzern; die weiteren Vorstellungen 17.1.; 24.1.;30.1.;  2.2.;29.2.; 8.3.; 11.4.2020

—| IOCO Kritik Theater Luzern |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 22.02.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Salome  –  Richard Strauss

   – Scherzo mit tödlichem Ausgang –

von Ingrid Freiberg

Aus der biblischen Geschichte von Salome und Johannes dem Täufer machte Oscar Wilde einen skandalträchtigen Einakter und Richard Strauss einen musikalischen Psychokrimi: Salome verliebt sich in Jochanaan, den Staatsfeind Nr. 1, einen fundamentalistischen Gegner der dekadenten Gesellschaft. Der eingekerkerte Anarchist, der allem, was gegen seine religiöse Weltsicht steht, Untergang schwört, verweigert sich der Begierde der verwöhnten Prinzessin.

Salome ist die brillanteste und avantgardistisch kühnste Partitur von Richard Strauss. Seine Komposition treibt die grauenhafte Perversion der Handlung noch schärfer hervor als Oscar Wildes Werk, dessen Text die vibrierenden Dramatik der Tonsprache treibt.

Salome  – Richard Strauss
youtube Salome Trailer des Hessischen Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Pointierter als Richard Strauss selbst kann man die Oper Salome nicht beschreiben: „Ich hatte schon lange an den Orient- und Judenopern auszusetzen, dass ihnen wirklich östliches Kolorit und glühende Sonne fehlt. Das Bedürfnis gab mir wirklich exotische Harmonik ein, die besonders in fremdartigen Kadenzen schillert, wie Changeant-Seide. Der Wunsch nach schärfster Personencharakteristik brachte mich auf die Bitonalität, zu einem Scherzo mit tödlichem Ausgang.“

Neben der genannten Bitonalität sind Leitmotivtechnik und eine Orchestrierung, die alle Farbmöglichkeiten des großen Orchesters ausreizt, Kennzeichen dieser stimmungs-mächtig leuchtenden, von schwülem Kolorit erfüllten Partitur; dank seiner souveränen Beherrschung der künstlerischen Mittel gelangen Strauss in der Tat Momente von atemloser Spannung. Rein aus der Musik entschlüsselte er auf das lntimste die psychische Verfassung der Personen. Cosima Wagner urteilte nach der Uraufführung an der Dresdner Hofoper 1905: „Nichtiger Unfug, vermählt mit Unzucht!“

LE LAB – ein ungewöhnliches französisches Künstlerkollektiv

Dem französischen Künstlerkollektiv LE LAB: Jean-Philippe Clarac, Olivier Deloeuil (Regie und Kostüme), Christophe Pitoiset, Oliver Porst (Licht), Jean-Baptiste Beïs (Video), Julien Roques (Grafik) und Lodie Kardouss (Künstlerische Mitarbeiterin) gelingt eine grausame ekelerregende, aber auch spannende Inszenierung. Das seit Jahren zusammen agierende Team zeichnet sich durch beeindruckende Personenführung, die die schauspielerischen Fähigkeiten der Akteure durch Gestik, Mimik, Bewegung und Interaktionen differenziert herausarbeitet, aus. Ihr frei assoziativer Zugriff auf das Werk mit bildgewaltiger Videokunst lenkt aber bisweilen von der Dramatik und Intimität der Literaturoper ab.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome - hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome – hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Für LE LAB ist Salome in ihrer faszinierenden Undurchschaubarkeit die fleischgewordene Begierde, kein lebensnahes Mädchen. Herodes ist die einzig menschliche Figur im Stück und Jochanaan ein bloßes Sprachrohr, ein obsessiver Fanatiker; Herodias eine zänkische Megäre. Die Inszenierung basiert auf Blicken, Anstarren, Beobachten, Überwachen, Reflektieren und Fixieren. Auf einer Terrasse mitten in der Wüste unter einem unergründlichen Mond verfolgen sich permanent Blicke und Sehnsüchte. Das kalte glänzende Licht des Mondes wird auf eigene Weise den Ängsten und Sehnsüchten der Personen zugeordnet.

Statt in einem Verließ ist Jochanaan in einem Folterkubus, Foto oben, der die Bühne dominiert, gefangen und wird von Soldaten bewacht. Es erinnert etwas an das Gefangenenlager in Guantanamo. Glänzende orientalische Kostüme, orthodoxe jüdische Bekleidung und die Machtsymbole der Folterknechte divergieren mit einfachen Gartenmöbeln.

Herodes stillt seine Begierde mit Blick auf sein Tablett

Zwei Szenen haben Salome zu Weltruhm verholfen: Der „Tanz der sieben Schleier“, in dem die Titelheldin die Hüllen fallen lässt, um dem geilen König Herodes die Erfüllung ihres perversen Wunsches abzupressen, und das monologische Liebesduett Salomes mit dem abgeschlagenen Kopf des Jesusjüngers, den sie sich in einer Silberschüssel servieren lässt, um ihn schließlich doch in nekrophiler Ekstase auf die Lippen zu küssen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome - hier : Sera Gösch als Salome © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome – hier : Sera Gösch als Salome © Karl Monika Forster

Auf beides verzichtet LE LAB. Der Schleiertanz entfällt. Mit einem silber-glänzenden Jumpsuit bekleidet tanzt Salome aufreizend im Foyer des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden – von distinguierten Opernbesuchern befremdlich beobachtet, die per Video aufgenommen wurden. Alleine auf der Bühne – lechzt Herodes nach ihrer wollüstigen Onaniechoreografie auf seinem Tablett. Die zweite Änderung wäre in dieser Inszenierung schon technisch nicht möglich: Da der Prophet in Endlosschleife per Video überwacht wird, kann sein Haupt nicht in eine Silberschüssel gelegt werden. LE LAB lässt Jochanaan von Folterknechten auf seine Pritsche fesseln, sie gießen ihm heißes Öl auf sein Gesicht, bis er stirbt… was nicht minder abscheulich ist.

In ekstatischem Liebestaumel und ekelhafter Sinnlichkeit stürzt sich Salome auf Jochanaan. Endlich kann sie seine, wenn auch toten, Lippen küssen. Der angeekelte Herodes gibt Befehl, Salome zu töten und ist wieder der Liebhaber von Herodias. Eine diskussionswürdige Inszenierung, kühl und orgiastisch zugleich.

Darsteller mit hohem dramatischem Potenzial

Frank van Aken bewältigt die Rolle des Herodes meisterlich. Differenziert, ausgereift-geistreich, mit Seele in der Stimme, beschreibt er sein Scheitern, Salome nicht von ihrem abscheulichen Vorhaben abhalten zu können. Dies gelingt ihm auf höchstem stimmlichen Niveau. Sera Gösch, die kurzfristig die Rolle der Salome übernahm, überzeugt mit jugendlicher Frische, das mädchenhaft lyrische dieser Rolle nicht außer Acht lassend. Etwas, was sie von den metallisch-stählern singenden Interpretinnen unterscheidet. Die Zerrissenheit und das seelische Leid der sinnsuchenden Salome zeichnet sie berührend sinnlich nach. Dabei wechselt sie problemlos die Register, spielt mit der Stimme und ist bis zum Ende auch bei den dramatischen Ausbrüchen überzeugend. Sie ist anrührend und abstoßend zugleich.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome - hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Salome – hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Jochanaan liegt Thomas de Vries besonders am Herzen. In dieser Rolle kann er mit seinem kraftvollen, agilen und farbreichen Bariton Erstaunliches leisten. Mit großer intellektueller Würde, radikal im Ausdruck, singt er textverständlich. Seine leidenschaftliche Hingabe unterstreichen die herangezoomten Video-Großaufnahmen von seinem Gesicht. Eine vortreffliche Leistung.

Andrea Baker gibt eine umwerfende Herodias mit tiefem, manchmal keifendem Alt und stellt in drastischer Manier das Bild einer heruntergekommenen Diva dar. Den unglücklich verliebten Narraboth, der sich aus unerwiderter Liebe zu Salome umbringt, singt Simon Bode mit tenoralem Hochglanz. Eine Luxusbesetzung ist Silvia Hauer als Page. Ihre warme, runde Stimme, die in jedem Register gut geführt wird, fügt sich hervorragend in das ausgezeichnete Sängerensemble ein.

Strauss besetzt ein „unsangliches“ Quintett mit einem radikalen Übergewicht hoher Stimmen: Die fünf Juden werden gesungen von vier hohen Tenören und einem Bass: Rouwen Huther (1. Jude), Erik Biegel (2. Jude), Christian Rathgeber (3. Jude), Ralf Rachbauer (4. Jude) und Philipp Mayer (5. Jude / Bass). Ein wenig schade, dass LE LAB sie als ostjüdische Klezmer-Musikanten herausstellt und nicht den Gegensatz zu den an Christus glaubenden Nazarener Young Doo Park (1. Nazarener) und Daniel Carison (2. Nazarener / 1. Soldat), deren Melodik natürlich und im starken Kontrast zum zänkischen Triolenmotiv der Juden steht, herausstellt. Die Sänger überzeugen. Auch Doheon Kim (2. Soldat), Nicolas Ries (ein Capadocier) und Maike Menningen (ein Sklave) können für sich gewinnen.

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter der Musikalischen Leitung von Patrick Lange hat keine Scheu vor mächtigen, teils schrägen Klängen, die vor allem im tiefen Blech, mit dem Strauss nicht sparsam umgeht, wunderbar ausgeglichen sind. Lange führt das Orchester mit dem richtigen Gespür für die zartesten Filigranparts kammermusikalischer Intimität, aber auch für die Tücken der Partitur. Er lässt es poltern und krachen, um dann die innigen Momente punktiert herauszuarbeiten und das orientalische Kolorit umzusetzen. Harte Orchesterschläge beenden die Oper. Das schreckliche Liebesdrama ist zu seinem grausamen Ende gelangt.

Buhrufe werden von Bravorufen übertönt. Es ist ein diskussionswürdiger Abend, der aber immer spannend bleibt.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Freies Theater Wiesbaden, Dorian Gray – Nach Oscar Wilde, IOCO Aktuell, 02.08.2018

Freies Theater Wiesbaden

Freies Theater Wiesbaden / Sommertheater im Nerotal im WHCT © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Freies Theater Wiesbaden / Sommertheater im Nerotal im WHCT © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

 Dorian Gray – Adaption nach Oscar Wilde

Freies Theater Wiesbaden – Sommertheater 2018 im Nerotal

Von Ingrid Freiberg

Mit einer eigenen exklusiv geschriebenen Bühnenfassung zeigt das Freie Theater Wiesbaden – Sommertheater im Nerotal im August (Mi, 22.08. – So, 26.08.2018 / Mi, 29.08. – 01.09.2018 / jeweils um 20.15 Uhr) Oscar Wildes großartigen Dorian Gray.

Jan-Markus Dieckmann ist Kopf, Regisseur, Leiter und Organisator des Theaters. Neben dem Freien Theater Wiesbaden, dem er sich vor fünf Jahren anschloss, ist er auf den verschiedensten Bühnen aktiv, sei es als Ensemblemitglied in der Schmiere in Frankfurt, deutschlandweit im Gruseldinner als Graf Dracula, im Museumstheater des Hessenpark oder bei der Fliegenden Volksbühne Frankfurt. Als Sprecher ist er vor allem in Dokumentationen auf arte, ZDF und NRW-TV zu hören.

 Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 - Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 – Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Das Bildnis des Dorian Gray

Jan-Markus Dieckmann bringt buchstäblich das Ganzkörper-Porträt des schönen Jünglings mit in die Galerie Kunst-Schäfer: Lord Henry Wotton, ein gebildeter Dandy, und Basil Hallward, ein erfolgreicher Maler, setzen sich mit Kunst und Selbstinszenierung auseinander. Dorian Gray verleite ihn zu einer neuen Kunstrichtung, die alle Leidenschaft der romantischen, alle Vollkommenheit des griechischen Geistes in sich einschließen soll, so Hallward zu seinem Freund.

Beim Besuch eines drittklassigen Theaters verliebt sich Dorian Gray in die anscheinend talentierte Schauspielerin Sibyl Vane. Er ist fasziniert von ihr und schwört, aus ihr eine berühmte Schauspielerin zu machen. Ein gemeinsamer Theaterbesuch mit Lord Henry und Hallward, bei dem sie Sibyl auf der Bühne sehen, wird zur Enttäuschung. Sibyl entpuppt sich als eine so schlechte Schauspielerin, dass das Publikum den Saal vorzeitig verlässt. Die Angebetete gesteht Dorian, dass sie seit sie ihn traf nicht mehr spielen könne. Brüsk verlässt er Sibyl. Nach durchwachter Nacht bemerkt Dorian eine bestürzende Veränderung an seinem Porträt. Fassungslos erkennt er Züge von Grausamkeit. Er beschließt, seinen Fehler rückgängig zu machen und Sibyl zu heiraten. Doch diese bringt sich noch in der Nacht um…

Auf die August-Aufführungen des Sommertheaters im Nerotal darf man gespannt sein!

Theater ist so viel realistischer als das Leben

Produktionen des Freien Theaters Wiesbaden verfolgen unkonventionelle Konzepte: Schauspielen erzählt von Menschen, von Beziehungen und vom Leben. Es berührt unsere Sinne und weckt unsere Aufmerksamkeit, denn auf dem Weg zur verkörperten Bühnenrolle entdecken wir auch immer einen Teil von uns selbst.

Ein verlockender Einstieg in die Produktion Das Bildnis des Dorian Gray ist der erfolgreiche literarische Streifzug Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben. Ein gut gewählter Titel der Theatermacher: Oscar Wilde starb mit nur 46 Jahren. Er hinterließ bedeutende Meisterwerke, die nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. So konnte mit dieser Lesung auch an einem lauen Sommerabend eine Wilde-affine Abendgesellschaft in die Galerie Kunst-Schäfer in Wiesbaden  gelockt werden.

Dandyhaft mit Flanierstock und gegelten Locken, in Pelzmantel, Samtjacke, mit auffallenden Preziosen  und einer gut gebundenen Krawatte – Sie ist der erste ernste Schritt im Leben, so Oscar Wilde –  trifft Jan-Markus Dieckmann eine kluge mutige Auswahl aus dem Œuvre des irischen Dichters:

 Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 - Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 – Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Nutzen der Kunstkritik

In einer Zeit, in der Kunst- und Literaturkritik vor allem als eine Art Serviceleistung wahrgenommen wurde, war das Essay mit dem Titel Der Kritiker als Künstler – Tischgespräche  eine Provokation. Es richtete sich gegen ein Rezensionswesen, in dem Rezensenten zu Gerichtsreportern herabgestuft wurden, die über die Taten der Gewohnheitsverbrecher im Reich der Kunst berichten mussten. Für jeden, der eine Kritik über eine Vorstellung oder ein Kunstwerk schreibt, sollte die Abhandlung zur Pflichtlektüre werden. Dieser zweifellos gewagte Auszug verführt hoffentlich dazu, sie vollumfänglich zu lesen:

Gilbert: Ja, das Publikum ist erstaunlich tolerant. Es verzeiht alles – außer Genie[…]

Ernest: Warum sollten Leute, die selbst nicht imstande sind, etwas zu schaffen, sich anmaßen, den Wert eines schöpferischen Werkes zu beurteilen? Was können sie darüber wissen? Und ist eines Mannes Werk leicht zu verstehen, so ist eine Erklärung unnötig[…]

Gilbert: Aber ohne Zweifel ist die Kritik selbst eine Kunst. Und genauso, wie die künstlerische Schöpfung die Arbeit des kritischen Geistes mit einschließt,[…] so ist die Kritik schöpferisch in der höchsten Bedeutung des Wortes. Denn die Kritik verletzt uns nicht. Die Tränen, die wir bei einem Theaterstück vergießen, haben mit jenen köstlich nutzlosen Gefühlen zu tun, die zu erwecken Aufgabe der Kunst ist. Wir weinen, aber wir sind nicht verwundet. Wir grämen uns, aber unser Gram ist nicht bitter[…] Und wiederum macht nur die Kritik durch ihre Konzentration die Kultur möglich. Sie destilliert aus der riesigen Menge der schöpferischen Werke einen schärferen Extrakt[…]

Moral, das ist, wenn man unmoralisch ist

Verschmitzt, aber mit Tiefgang, trägt Jan-Markus Dieckmann die Kriminalerzählung Lord Arthur Saviles Verbrechen vor. Die Ironisierung von Pflicht und Moral entfaltet in dieser Erzählung eine groteske unheimliche Wirkung, die erschütternder nicht sein könnte, aber auch nicht humorvoller. Schönheit ist die größte Meisterin der Verführung. Für Lord Arthur Savile ist sie Mordmotiv! Spießbürgerlich stellt er sein Verbrechen in ein paradoxes Licht. Er hatte sein Bestes versucht, diesen Mord zu begehen, doch beide Male war er gescheitert, und das ohne sein Verschulden. Er hatte versucht, seine Pflicht zu tun, doch es schien, als sei ihm das Schicksal selbst in den Rücken gefallen. Ihn bedrückte das Gefühl der Fruchtlosigkeit guter Absichten, der Vergeblichkeit des Versuchs, gut zu sein. Die satirische Mischung aus Moralumkehr und rein ästhetischer Mord-Motivation lässt die Zuhörer genau dort lachen, wo sie erschaudern sollten.

Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 - Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Freis Theater Wiesbaden / Sommertheater 2018 – Das Bildnis des Dorian Gray © Alexa Sommer / www.eyetakeyourpicture.de

Mit Inbrunst gesungen

Dass Jan-Markus Dieckmann nicht nur ein guter Schauspieler ist, zeigt sich am Ende des ersten Teils: Anrührend singt er The Ash Grove. Das Lied erzählt von einem Eschenhain: Mit leisem Flüstern rauschen die Blätter über mich, der Eschenhain ist mein Zuhause[…] Die Freunde aus meiner Kindheit sind wieder vor mir[…] Die Lieben, nach denen ich mich sehne, versammeln sich hier. Aus jedem dunklen Winkel drücken sie sich vorwärts, um mich zu treffen[…]

 Sozialismus, Kommunismus oder wie immer man die Sache nennen will

 In seinem Essay Der Sozialismus und die Seele des Menschen erörtert Wilde zunächst die Vorteile, die die Menschen seiner Ansicht nach von der Einführung des Sozialismus bzw. Kommunismus zu erwarten haben. Er entwirft das Bild einer Gesellschaft, in der der Mensch erkennt, dass nicht das Wichtigste ist, zu haben, sondern zu sein. Für ihn steht der Sozialismus im Dienste des Individualismus: Die Abschaffung des Privateigentums werde zum wahren, schönen und gesunden Individualismus führen.

 Gleich zu Beginn spricht sich Wilde gegen die philanthropische Linderung der Armut aus: Heilmittel bekämpften die Krankheit nicht, sondern verlängerten sie nur. Barmherzigkeit, Fürsorge und dergleichen erniedrige und demoralisiere die Armen. Geradezu utopisch ist Wildes Erwartung, Menschen sollten keine erniedrigenden Arbeiten leisten müssen. Der Mensch sei zu Besserem geschaffen, als im Dreck zu wühlen. Alle Arbeiten dieser Art sollten von Maschinen verrichtet werden. Dem gesellschaftlichen Konformismus, der Unterwerfung unter die Autorität, stellt Oscar Wilde die individuelle Kreativität des Künstlers gegenüber.

Das Persönlichste, was Oscar Wilde hinterließ

Wilde wurde wegen homosexueller Praktiken zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer körperlicher Zwangsarbeit verurteilt. Wegen des Skandals verließ ihn seine Frau mit den gemeinsamen Kindern. Während seiner Inhaftierung starb auch seine Mutter. Er wurde für bankrott erklärt, und die schweren Haftbedingungen schädigten seine Gesundheit so sehr, dass er sich nie mehr vollständig erholte.

Aus dem Zuchthaus zu Reading  schrieb  Oscar Wilde seinem früheren Freund und Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas einen Brief. Es wurde ihm aber nicht gestattet, diesen abzusenden. Erst nach Verbüßung seiner Strafe überließ er ihn seinem Freund und Lektor Robert Baldwin Ross mit der Bitte, Douglas eine Kopie zukommen zu lassen. Douglas bestritt, den Brief je erhalten zu haben.

Durch Kunst und nur durch Kunst erreichen wir Vollkommenheit
Nur durch Kunst entgehen wir den grauenhaften Gefahren des Alltags

Behutsam führt Jan-Markus Dieckmann die Gäste vom  privaten, sehr  verzweifelten, Wilde hin zu einem Wilde, der sich in seinem Ästhetischen Manifest mit dem Ästhetizismus als Flucht vor einer dekadenten Gesellschaft  befasst. Wilde hinterfragt darin das Wirklichkeitsverständnis von Religion, Wissenschaft, der Natur und des Lebens und schuf damit erste Ansätze einer neuen Kunst- und Weltauffassung. Unter den Widersprüchen und der Hohlheit seiner Zeit leidend, empfand er diese als Zeichen einer niedergehenden Welt. Seine Reaktion als Ästhet war die Flucht aus der bedrückenden Wirklichkeit in das Reich der Kunst. Dabei ersetzte Ästhetik die Moral. Aus gut und böse wurde schön und hässlich.

Oscar Wildes Märchen gehören zu den schönsten der Weltliteratur. Die bedeutsame Rakete bildet den heiteren Schluss der geistreichen Lesung: Anlässlich der Hochzeit eines Prinzen mit einer Prinzessin soll ein großes Feuerwerk veranstaltet werden. Kurz vor ihrem großen Auftritt unterhalten sich die Feuerwerkskörper über das Leben, die Liebe, Gott und die Welt. Am meisten zu erzählen hat eine schlanke, hochgewachsene Rakete. Ihr einziges Thema ist sie selbst: Die bedeutsame Rakete

Sie ist allen Ernstes der Ansicht, der Prinz hätte ihr zu Ehren seinen Hochzeitstag auf den Tag gelegt, an dem sie zum Himmel aufsteigen soll. Darauf bildet sie sich besonders viel ein. Es gelingt ihr sogar, sich in Tränen hineinzusteigern, in dem sie sich vorstellt, der Prinz und die Prinzessin hätten ihren einzigen – noch nicht geborenen! – Sohn durch einen Unfall verloren. Die anderen Feuerwerkskörper geben pragmatisch zu bedenken, dass es vor allem darauf ankäme, trocken zu bleiben. Was der Rakete lediglich beweist, wie fantasielos die gewöhnlichen Knaller sind. Schließlich steigt einer nach dem anderen zum Himmel auf und wird von der Hochzeitsgesellschaft bestaunt – nur die bedeutsame, aber nasse, Rakete nicht. Als am nächsten Tag der königliche Garten aufgeräumt wird, wird sie in hohem Bogen über die Mauer in einen Graben geworfen. Schließlich kommen zwei Jungen, die sie für einen gewöhnlichen Stock halten und ins Feuer werfen. Und so macht die bedeutsame Rakete doch noch peng. Aber sehr sehr bescheiden…

Das irische Poem Down by the Salley Gardens, das an eine Jugendliebe erinnert und bedauert, dass daraus nichts wurde, ist der berührende Ausklang des abwechslungsreichen Abends.

Der von der Galerie Kunst-Schäfer Wiesbaden kunstvoll ausgestattete Raum erlaubte – bei einem guten Glas Wein – ein stilsicheres Eintauchen in das Werk des Dichters. Von herzlichem Applaus begleitet, forderte Jan-Markus Dieckmann die Zuhörer auf, die von ihm an die Wände gepinnten Aphorismen als Erinnerung mit nach Hause zu nehmen. Die Erwartungen des Publikums wurden mehr als erfüllt.

—| IOCO Kritik Freies Theater Wiesbaden |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung