Düsseldorf, Tonhalle, Daniel_ Hope and Glory, IOCO Kritik, 04.03.2018

Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester

„Hope and Glory“

 Von Albrecht Schneider

Hätten die Furien in der Tat derart furios getanzt, wie das Ensemble den gleichnamigen Tanz aus Christoph W. Glucks Oper Orfeo ed Euridice fiedelte, wären am Ende deren Beine verknotet gewesen. Mithin wurde sofort am Abend dem Publikum in der bestens  gefüllten Tonhalle der stickoxidsatte Feinstaub der Stadt aus den Ohren geblasen.

Das rund zwanzigköpfige Ensemble, in dem die Frauenquote dem gerechten feministischen Anspruch genügt, samt seinem sanguinischen Prinzipal Daniel Hope musizierte nicht zeitgemäß nach historischer Praxis, erst recht nicht nach entstellender früherer Lesart. In der Schweizer Spielweise kam Mozarts F-Dur Divertimento KV 138 weder aufgerauht noch zärtelnd daher, vielmehr funkelnd und durchsichtig wie ein geschliffenes Glas.

In dem wohl eher als Streichquartett, jedenfalls kammermusikalisch gedachten Stück frühklassischer Unterhaltungsmusik, führt der sechzehnjährige Komponist vor, welche Themen es braucht, wie sie zu teilen und zu färben sind, damit es sich nicht angestrengt aufmerksam, dafür lieber angenehm leicht zuhören lässt. Oder, wie einstmals üblich, damit die Herrschaften sich beim Speisen akustisch bloß mäßig inkommodiert fühlten. Was würde denn einem angestellten Tonsetzer widerfahren sein, wenn dem Salzburger Fürsterzbischof wegen dessen Musik ein Bissen Nockerl in die falsche Kehle geraten wäre?

Tonhalle Düsseldorf / Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester © Susanne Diesner

Tonhalle Düsseldorf / Daniel Hope und das Zürcher Kammerorchester © Susanne Diesner

Weil bereits von gereifterer kompositorischer Kunst, was Form, Themenvielfalt und deren mal fast fetzige und wieder fast sehnsuchtsvolle Behandlung anbetrifft, stellt das G-Dur Violinkonzert KV 216, das drei Jahre später entstand, einen anderen Anspruch an den Zuhörer. Nach dem ersten, wie ein Sektkorken herausplatzenden forte Tuttiakkord aufschäumend, rauschte das Stück voll Eleganz vorüber, wobei in dem Spiel von Daniel Hope und seinen Kollegen eine ähnliche Ausgelassenheit waltete, die Mozart ihm eingeschrieben hat. Als Kapellmeister der fürsterzbischöflichen Musiker hob er es einst wohl selbst aus der Taufe, sein geigerisches Können stand dem pianistischen ja nicht sehr viel nach.

Mit der gleichen Kunstfertigkeit, mit welcher der junge Diener seinem Herren in solchen Arbeiten aufzuwarten verstand, brachte der Solist unseres Abends seine Guarneri des Gesù zum Tönen. Und das nicht als stupender Virtuose, sondern als Prinzeps inter pares, der, stets heitere Miene zum allerbesten Spiel machend, sein Kollegium zu nicht minder gelösten, gleichwohl intensivem Musizieren anstiftete. Und auch umgekehrt.

Zur absoluten Belebung von Glucks, Haydns und Mozarts Partituren trug, neben der Perfektion, das erkennbare Vergnügen bei, mit dem die Zürcher ihre Instrumente strichen und in sie hineinbliesen.

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Haydns Violinkonzert G-Dur. Hob.VIIa.4, dem Charakter nach noch eine Spur dem Barock verpflichtet, weil mit Cembalo als Fundament auftretend, hatten sie nach dem eröffnenden Auftritt von Glucks Furienwirbel genauso gemessen wie beschwingt aufgeführt. Die Sologeige bestand hier nicht fortwährend auf ihrem Primat; sie erhob zwar ihre Stimme, um zu zeigen, wie rührend und kunstvoll sie zu singen wusste, beteiligte sich aber dann wieder am Part ihrer Kolleginnen.  Daniel Hope und seine Mitspieler waren mit der Aufmerksamkeit und dem Elan am Werk, damit auch ein Stück gefälliger Hofmusik so dargeboten wurde, wie es sich des estherházischen Hauskomponisten Genie vorgestellt hatte.

Am Ende des Abends trat der Prinzipal wieder hinter das Pult des Konzertmeisters und exekutierte einträchtig mit dem Kammerorchester Mozarts Sinfonie A-Dur KV 201. Sie beginnt mit einem Thema, das ein wenig unspektakulär vorbeiflattert, um kurz darauf in seiner Repetition derart leuchtend aufzusteigen, als sei ein Scheinwerfer darauf gerichtet. Das frühe Kunststück offenbart, wie dieser ingeniöse junge Kopf die sinfonische Form zu bewältigen anstrebte, ohne dabei außer Acht zu lassen, dass das Ganze, gemäß eigener Diktion “angenehm in die Ohren klingt“.

Die Zürcher ließen es bei ihrer Interpretation an nichts fehlen, Textur und Ton gestalteten sie derart präzise und zugleich rasant, um nach dem Finale Allegro con spirito das Auditorium zu dankbarstem Applaus zu provozieren. Weil das sich schier die Hände rot klatschte, wurde es, nicht unbedingt außentemperaturgemäß, mit dem 3. Satz des Sommers aus Vivaldis Jahreszeiten sowie dem leicht elegischen Adagio E-Dur für Violine und Orchester KV 261 belohnt.

Aufmerksam sei darauf gemacht, dass man mit Daniel Hope nicht einzig einem exzellenten Geiger begegnet, sondern obendrein einem Bücherschreiber, Rundfunkmoderator (WDR3, Sonntags 13.00 Uhr)  und einem Entertainer, der einige launige Musikeranekdoten in das Programm einflocht.

Obschon einer würdigen, sogenannten E-Musik dergleichen saloppe Ausdrucksweise nicht geziemt, so muss trotzdem hier gemeldet werden, wie ordentlich dieser Tausendsassa und seine Musikerbande dem Publikum eingeheizt haben.

“Uf Widerluege“ Zürcher Kammerorchester, und lasst Euch bald mal wieder in Düsseldorfs Tonhalle blicken. Noch besser: hören.

—| IOCO Kritik Tonhalle Düsseldorf |—

Wien, Wiener Staatsoper, Premiere Armide von Christoph W. Gluck, 16.10.2016

September 30, 2016 by  
Filed under Premieren, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Armide von Christoph Willibald Gluck
Erste Premiere 2016/17 der Wiener Staatsoper

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Am Sonntag, 16. Oktober 2016 steht die erste Staatsopernpremiere in dieser Saison auf dem Programm: Christoph Willibald Glucks Armide wurde 1777 in Paris uraufgeführt und erlebte nach Aufführungen im Theater an der Wien, am Kärntnertortheater sowie am Alten Burgtheater zwischen 1869 und 1892 als Armida in deutscher Sprache 18 Vorstellungen im K. u. K. Hofoperntheater. 124 Jahre später wird das Werk nun erstmals im Haus am Ring in der französischen Originalfassung aufgeführt. Armide ist nach Alceste (Premiere am 12. November 2012) die zweite Gluck-Oper, die in der Direktionszeit von Dominique Meyer zur Premiere kommt, nachdem mit Händels Alcina 2010 erstmals seit fast 50 Jahren wieder eine Barockoper an der Wiener Staatsoper zur Aufführung gelangte.

„Was, wenn Armide gar keine Frau ist?“ Diese Frage stellte sich Regisseur Ivan Alexandre und zeigt Armide in seiner Produktion nur nach außen hin als weibliche Verführerin – Armide ist für ihn ein verkleideter junger Mann, der von der muslimischen Seite gegen die Soldaten des 1. Kreuzzuges instrumentalisiert wird. In der Handlung sieht Ivan Alexandre eine Parabel von Liebe, aber auch Hass: „In dieser Oper wird, wie am Seziertisch, jede Daseinsform der Liebe präsentiert: Lust, Scham, mystische Liebe, Sklaverei, Generosität, Erpressung – und eben Hass. Im Grunde handelt es sich bei Armide um eine Variation der Liebe in fünf Akten.

Besetzung:  Die Besetzung der Neuproduktion bringt zahlreiche Haus- und Rollendebüts: Inszeniert wird Glucks „Drame-héroïque“ vom Barockspezialisten Ivan Alexandre, der mit Armide seine erste Produktion an der Wiener Staatsoper herausbringt. Der französische Regisseur, Autor und Journalist führte bisher u. a. bei Die Zauberflöte am Théâtre des Champs-Élysées, Rodelinda in Buenos Aires, Hippolyte et Aricie in Toulouse, Le Cid in Warschau und Orfeo ed Euridice bei der Salzburger Mozartwoche Regie. Die Ausstattung stammt von Pierre-André Weitz, der bereits im Theater an der Wien Bühnenbild und Kostüme für Hamlet und Der fliegende Holländer schuf. Barockspezialisten wurden auch für die musikalische Umsetzung verpflichtet: Nach ihrem Debüt an der Wiener Staatsoper 2010 mit Alcina kehren Les Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski – mit dem Ivan Alexandre eine langjährige Zusammenarbeit verbindet – zurück ins Haus am Ring. Neben der Premierenproduktion spielen sie auch die Wiederaufnahme von Adrian Nobles Produktion von Händels Alcina (Vorstellungen am 20., 23., 26. und 30. Oktober 2016).

Als Armide stellt sich die junge französische Mezzosopranistin Gaëlle Arquez dem Staatsopernpublikum vor und debütiert nicht nur am Haus – die Armide ist ihre erste Partie in einer Gluck-Oper, nachdem sie bisher mit einem breit gefächerten Repertoire u. a. an der Pariser Oper, der Bayerischen Staatsoper, der Komischen Oper Berlin, der Oper Frankfurt, in Lille, Toulouse und Brüssel zu erleben war. In Wien verkörperte sie zuletzt im Jänner 2016 den Idamante in Idomeneo im Theater an der Wien. Auch in einer weiteren Hauptpartie debütiert ein junger, international erfolgreicher Sänger an der Wiener Staatsoper: Der 1984 geborene Stanislas de Barbeyrac singt in der Neuproduktion den Renaud, nach dem sich die Zauberin Armide in verzweifelter Liebe verzehrt. Bisherige Engagements führten den französischen Tenor bisher u. a.an die San Francisco Opera, das Royal Opera House, Covent Garden London, die Bayerische Staatsoper, die Opéra national de Paris, nach Genf, Marseille, Drottningholm, São Paolo sowie zu den Salzburger Festspielen und zum Festival d’Aix-en-Provence.

Ihre Rollendebüts an der Wiener Staatsoper geben weiters die Ensemblemitglieder Stephanie Houtzeel (16. und 19. Oktober) bzw. Margaret Plummer als Hass, Paolo Rumetz als Hidraot, Olga Bezsmertna als Phénice, Hila Fahima als Sidonie, Gabriel Bermúdez als Ubalde und Mihail Dogotari als Aronte. Als Artémidore/dänischer Ritter gibt der norwegische Tenor Bror Magnus Tødenes sein Debüt im Haus am Ring, der nach Stationen in Norwegen und Salzburg mit Saisonbeginn 2016/2017 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und Stipendiat von Novomatic ist. PMWSto

 

Berlin, Staatsoper im Schillertheater, FESTTAGE-Premiere: ORFEO ED EURIDICE von Christoph Willibald Gluck, 18.03.2015

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Staatsoper im Schiller Theater

Staatsoper im Schillertheater © Thomas Bartilla

Staatsoper im Schillertheater © Thomas Bartilla

FESTTAGE-Premiere:  Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck

In einem Raum entworfen von Frank O. Gehry

Azione teatrale per musica, Text  Ranieri de’ Calzabigi
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere Freitag, 18. März 2016 19:00 Uhr, weitere Vorstellungen 23. und 27. März

Die FESTTAGE-Premiere 2016 ist am 18. März Christoph Willibald Glucks Orfeo ed Euridice in einer Neuinszenierung von Jürgen Flimm unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim. Für Jürgen Flimm und Daniel Barenboim ist es nach Verdis Otello im Jahr 2001 die erste künstlerische Zusammenarbeit seit 15 Jahren. Für beide ist diese Produktion außerdem ein Debüt: anlässlich des 20-jährigen Bestehens der FESTTAGE bringen sowohl der Intendant als auch der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper erstmals in direkter Kooperation diese Reformoper auf die Bühne.

Wien / Christoph Willibald Gluck Foto IOCO

Wien / Christoph Willibald Gluck Foto IOCO

  Als Orfeo ist Countertenor Bejun Mehta zu erleben, der zu den international führenden Interpreten dieser Partie zählt. Ihm zur Seite steht als Euridice Anna Prohaska. Bereits 2010 standen beide Sänger gemeinsam auf der Bühne der Staatsoper. Für ihre Darbietung von Händels »Agrippina« unter der musikalischen Leitung von René Jacobs wurden sie im Haus Unter den Linden gefeiert.
Nadine Sierra gibt in dieser Neuproduktion nicht nur ihr Haus-, sondern auch ihr Rollendebüt als Amor. Die 27-jährige amerikanische Sopranistin zählt zu den vielversprechenden Sängerinnen ihrer Generation und ist zurzeit die jüngste Gewinnerin der Metropolitan Opera National Council Auditions und der Marilyn Horne Song Competition. Ihre Debüts an der Opéra National de Paris sowie an der Metropolitan Opera New York und Mailänder Scala als Zerlina in Don Giovanni und Gilda in Rigoletto in der laufenden Spielzeit 2015/2016 wurden von Publikum und Presse gleichermaßen gefeiert.

Das Bühnenbild der Berliner Orfeo-Neuproduktion stammt von Architekt Frank O. Gehry – nach Don Giovanni in der Regie von Christopher Alden (2012) und Lucinda Childs sowie John Adams Tanzproduktion »Available Light« (1983) ist es seine dritte Arbeit als Bühnenbildner. Bekannt für unzählige private und öffentliche Gebäude in Amerika, Europa und Asien, zählen zu seinen bemerkenswertesten Projekten u. a. das Guggenheim-Museum Bilbao, das Tanzende Haus in Prag, die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, die Stiftung Louis Vuitton in Paris sowie das Kunst- und Medienzentrum Rheinhafen in Düsseldorf. Auch die Barenboim-Said-Akademie in Berlin erhält mit dem »Pierre Boulez Saal« einen von Frank O. Gehry entworfenen Konzertsaal, in dem künftig Kammer- und Orchesterkonzerte stattfinden werden.
Die Kostüme entwarf die renommierte Kostümbildnerin und Professorin an der Universität der Künste Berlin Florence von Gerkan, die bereits mehrfach mit Jürgen Flimm zusammengearbeitet hat, u. a. bei Händels »Il trionfo del Tempo e del Disinganno«.
Es singen und spielen der Staatsopernchor unter der Leitung von Martin Wright und die Staatskapelle Berlin.

Mit Glucks Version des Mythos um den trauernden Orpheus, der in die Unterwelt herabsteigt, um seine geliebte Euridice von den Toten zurückzuholen, entwickelte sich aus der traditionellen »Opera seria« eine »Azione theatrale« neuen Zuschnitts, in der Figuren mit ihrem wirklichen, authentischen Fühlen und Ausdrucksstreben in den Mittelpunkt gestellt wurden. Es entstand ein Werk, das gleichsam zum Inbegriff der klassischen Reformoper wurde. Mit der Uraufführung von »Orfeo ed Euridice« Anfang Oktober 1762 am Wiener Burgtheater wurde ein neues Kapitel der Operngeschichte aufgeschlagen.

MUSIKALISCHE LEITUNG Daniel Barenboim
INSZENIERUNG Jürgen Flimm
BÜHNENBILD Frank O. Gehry
KOSTÜME Florence von Gerkan
CHOREOGRAPHIE Gail Skrela
LICHT Olaf Freese
CHOR Martin Wright
DRAMATURGIE Roman Reeger

BESETZUNG:
ORFEO: Bejun Mehta
EURIDICE: Anna Prohaska
AMOR: Nadine Sierra
JUPITER: Wolfgang Stiebritz
STAATSOPERNCHOR
STAATSKAPELLE BERLIN

—| Pressemeldung Staatsoper im Schillertheater |—

Linz, Landestheater Linz, Premiere: ORFEO ED EURIDICE, 27.02.2016

Februar 10, 2016 by  
Filed under Landestheater Linz, Premieren, Pressemeldung

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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

 ORFEO ED EURIDICE, Tanztheater von Mei Hong Lin

Musik Christoph Willibald Gluck
In italienischer Sprache mit Übertiteln

Premiere Samstag, 27. Februar 2015, 19.30; 29.2.2016; 10.3.2016;   15.3.2016, 28.3.2016;3.5.2016; 7.5.2016; 13.5.2016; 17.6.2016; 21.6.2016

Wien / Christoph Willibald Gluck Denkmal © IOCO

Wien / Christoph Willibald Gluck Denkmal © IOCO

 Christoph Willibald Gluck beschränkt sich in der Verarbeitung des antiken Stoffs um den Sänger Orpheus, der seine Gattin mit seinem zauberhaften Gesang aus der Unterwelt zu befreien versucht, auf den Kern der Sage. Dabei steht die Ausstellung Orpheus‘ als einen vom Seelenschmerz zerrütteten Künstler im Vordergrund. Analog zur Handlung konzentriert sich Gluck auf die musikalische Vertiefung, deren Klangschönheit er in den Mittelpunkt rückt.

ZUM STÜCK:    Eurydike ist tot. Der Verlust jedoch bringt keinen Stillstand. Nicht lähmend ist die Trauer über diesen Abschied. Vielmehr ist ihr Tod der Beginn einer Suche, auf die sich der Künstler Orpheus bereitwillig einlässt. Seine Liebe zu Eurydike gibt dieser Suche ein Gesicht.
In seinem Herzen wütet ein Sturm, Orpheus sehnt sich nach Wiedervereinigung. Die anfänglich unerfüllbare Sehnsuchtsbesetzung der toten Eurydike speist die Quelle seiner Inspiration, denn der sich aufdrängende Schmerz verhilft dem Sänger sein Leiden in Kunst umzuwandeln. Nur dadurch kann die lieblichste aller Melodien gefunden werden. So lieblich, dass sich auch die Furien davon gerührt fühlen; so verzaubernd, dass sogar der Tod besiegt werden kann.
Doch wer ist Eurydike? Ist sie in dem Wechselspiel der beiden Liebenden eine gleichwertige Gefährtin, die eigenständig existiert? Oder erfüllt sie vielmehr eine Rolle, die der Sänger Orpheus für sie kreiert, um Zugang zu seinem eigenen emotionalen Erleben aufzubauen? Während er die Leidenschaft des Schmerzes in der Musik erneuert, fügt sich Eurydike und stirbt. Immer wieder. Immer wieder von vorn durchläuft Orpheus den Kreislauf aus Trauer, Katharsis und der erneuten Tragödie des Verlustes …
Orpheus‘ Annäherung an den Kern der Kunst zieht sich wie ein endloser Tanz durch seine Reise in die Unterwelt. Mei Hong Lin lässt in der spartenübergreifenden Produktion, in der Solisten des Opernensembles, Chor und das Bruckner Orchester mitwirken, ein Bild der Verletzlichkeit entstehen; eine durch den Tanz hervorgebrachte Sichtbarwerdung der Seele des suchenden Orpheus.

Im Zentrum von Mei Hong Lins Inszenierung des mythologischen Stoffs steht die Frage nach dem Vertrauen. Vertrauen als Gefühl des Glaubens und des Hoffens, als Überzeugung von der Redlichkeit des Menschen und als Wille, sich verletzlich zu zeigen. Das psychologisierende Drama zur Musik von Christoph Willibald Gluck ermöglicht Mei Hong Lin eine tänzerische Zerreißprobe zwischen Hingebung und Zweifel, Kontrolle und Vertrauen.

Daniel Linton-France, Daniel Spaw Musikalische Leitung, Mein Hong Lin Choreografie
Dirk Hofacker Bühne, Bjanka Ursulov Kostüme
Ira Goldbecher, Thomas Barthol Dramaturgie

BESETZUNG:
Martha Hirschmann (Orfeo), Fenjy Lukas, Gotho Griesmeier (Euridice)
Ballettensemble des Landestheaters Linz, Extrachor des Landestheaters Linz
Bruckner Orchester Linz

Pressemeldung Landestheater Linz

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