Wiesbaden, Rheingold-Preis 2019 – Johannes Martin Kränzle, Februar 2019

Mai 2, 2019 by  
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Johannes Martin Kränzle © Barbara Aumüller

Johannes Martin Kränzle © Barbara Aumüller

Johannes Martin Kränzle

 Johannes Martin Kränzle

Rheingold-Preis 2019   –  Richard Wagner-Verband Frankfurt

von Ljerka Oreskovic Herrmann

„Ich bin sicher, sie werden Sänger!“

Recht hatte er, Martin Gründler, „der“ große (und 2004 verstorbene) Gesangspädagoge an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt: Aus seinem „Schüler“ Johannes Martin Kränzle ist ein Sänger geworden und was für ein einer! Ein anderes denkwürdiges Zitat fiel von Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, der die Laudatio auf sein ehemaliges Ensemblemitglied hielt. Tags zuvor hatte er sich mit Antonio Pappano, Musikdirektor am Royal Opera House Covent Garden, London, getroffen und folgende Grüße von Pappano an Kränzle auszurichten: „Tell him: He’s the best!“ Und wie, um dies zu bestätigen, zählte Loebe die Partien auf, die der Bariton an der Oper Frankfurt gesungen hatte: dazu gehören u.a. Eisenstein (Die Lustige Witwe), Traveller (Tod in Venedig) oder Ford (Falstaff).

Johannes Martin Kränzle ist tatsächlich der Beste: 2018 erhielt er ein zweites Mal – nach 2011 – die Auszeichnung (Kritikerumfrage der Opernwelt) als bester Opernsänger des Jahres. In Frankfurt begann er in der Spielzeit1997/98 als Lescaut in Hans Werner Henzes Oper Boulevard Solitude, in der Regie von Nicolas Brieger. Ihm und auch Christoph Loy ist er bis heute verbunden, ja es ist sogar Freundschaft daraus geworden. Loys Inszenierung der Così fan tutte bezeichnet Kränzle als vielleicht beste Interpretation dieser Mozart-Oper, denn der Regisseur machte es eben nicht „wie alle“:

Aus einem Totenhaus – Leos Janacek
youtube TrailerOper Frankfurt – Kränzle hier als Siskov, Film Thiemo Hehl 2018
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Für Kränzle wurde Don Alfonso zur Paraderolle. Überhaupt hat er alle Mozartpartien an der Oper Frankfurt gesungen: Don Giovanni, Papageno – „nahezu unerreicht in der humanen Ausdeutung der Figur“ (Loebe) –, Conte Almaviva, Guglielmo und eben seinen unvergessenen und unnachahmlichen Don Alfonso. Aber Kränzle ist nicht nur ein gefragter Mozartsänger, sondern verbucht als Wagner-Interpret ebenso große Erfolge. Sein Beckmesser in Glyndebourne, London, an der MET in New York oder auch Bayreuth setzt durchaus Maßstäbe, als Alberich wird er in London gefeiert. Und folgerichtig erhält Johannes Martin Kränzle für seine „außerordentlichen Dienste als Wagnerinterpret und Liedsänger“ – so Dirk Jenders, Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbands Frankfurt – den Rheingold-Preis 2019 und die Ehrenmitgliedschaft im RWV Frankfurt. Die Bodenhaftung habe sich, so Jenders, diese Künstlerpersönlichkeit bewahrt. Bewahrheitet hat sich diese Aussage sogleich, denn Kränzle half ganz selbstverständlich beim Aufbau von Tisch und Stühlen für das Gespräch mit Moderatorin und Vorstandsmitglied des RWV Hannelore Schmid. Und man möchte hinzufügen, ganz beiläufig auch seinen feinen Sinn für Humor hat aufblitzen lassen.

Es war eine Veranstaltung der „Liebe“ – Liebe zur Musik. Im kurzweiligen Gespräch zwischen Hannelore Schmid und dem Preisträger zeigte sich einmal mehr, warum man ihn auswählte: Kränzle ist nicht nur ein herausragender Bariton, sondern ein Darsteller ersten Ranges, der sich seiner jeweilig neu einzustudierenden Partie allumfassend nähert: Auf  Šiškov aus Leoš Janáceks Aus einem Totenhaus, den er in der vergangenen Spielzeit an der Oper Frankfurt verkörperte und sich grandios einverleibte, hat er sich ein Jahr vorbereitet. Er ist nach Prag gefahren, hatte einen Sprachcoach und wollte wissen und verstehen, was er singt – Noten allein reichen nicht immer aus. Und Tschechisch – zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehörend – ist nun nicht so geläufig in der Opernwelt wie Italienisch. Obwohl – da gibt es doch einige Opern!

 Oper Frankfurt / Aus einem Totenhaus - hier : Joachim Martin Kränzle als Siskov © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Aus einem Totenhaus – hier : Joachim Martin Kränzle als Siskov © Barbara Aumüller

Dass Kränzle ein geschätzter Liedsänger ist, konnte er dann unter Beweis stellen. Dafür hat er sich die Lieder von Bertold Brecht und Hans Eisler ausgesucht: Was wohl auch ein bisschen dem Umstand geschuldet sein könnte, dass Kränzle, als Augsburger, an dem großen Sohn der Stadt – für Kränzle der höchste Dichter deutscher Sprache – gar nicht vorbei kommen kann. Es sind gebrochene Figuren, Liebestolle oder Gescheiterte an der Liebe. Wie in der Oper, wo Kränzle die zerrissenen Figuren am liebsten verkörpert, sind diese Liebeslieder ebenso von Zwiespältigkeit gezeichnet; vielleicht können sie aber auch als Folgeerscheinung von Menschen, die ihr Leben im Exil – wie Brecht und Eisler – zubringen mussten, verstanden werden. Die Hollywood-Elegien gaukeln kein Happy End vor, vielmehr sind sie melancholisch wie die Stadt, die nach Engeln benannt wurde, oder einfach wunderbare knappe bissige Vertonungen. Kränzle weiß auch hier um den Inhalt, jedes Lied wird in seiner Darbietung zu einem eigenen kleinen Kosmos und Ereignis. Er hat dieser Lieder für ein Streichquartett bearbeitet, was auf eine weitere Bandbreite dieser Künstlerpersönlichkeit verweist: die des Komponisten.

Die zehn Lieder um Liebe für mittlere Stimme und ein Streichorchester hat der Komponist Kränzle seiner Ehefrau und Mezzosopranistin Lena Haselmann gewidmet. Für die Preisverleihung war die Fassung mit Streichquartett zu hören. Die Liedertexte stammen wieder von Brecht. Diese Lieder, so Kränzle, zeigen die lyrische, zarte Seite Brechts, der bissig-ironische Stil der Hollywood-Elegien ist zugunsten eines behutsamen, sanften Duktus’ gewichen. Der Brechtschen Sprache kommt Kränzle entgegen – ja man spürt seine Liebe zum Dichter –, lässt sie aufblühen, seine Musik klingt heiter oder zuweilen auch forsch, manchmal sind Tangoanleihen – wie in Liebeslied aus einer schlechten Zeit – zu hören. Und es ist natürlich eine Liebeserklärung an seine Frau und ihre Stimme.

Musikalisch unterstützt wurde das Ehepaar Haselmann-Kränzle von den Musikerinnen des Malion-Quartett. Das noch „junge“, 2017 gegründete Ensemble besteht aus Musikerinnen aus Frankfurt und Stuttgart: Sophia Stiehler, Jelena Galic, Ulla Knuuttila und Bettina Kessler spielten sich gleichwohl in die Herzen des vorwiegend aus Mitgliedern des Wagnerverbandes bestehenden Publikums.

Abgerundet wurde der Nachmittag mit Johannes Brahms und dem Sänger-Ehepaar Haselmann-Kränzle: Es erklangen Brahms Lieder op. 28, Nr. 2 und Nr. 3, Duette für Alt und Bariton, die der (unverheiratete) Hamburger Komponist zwischen 1860 und 1863 komponiert und ebenfalls einer Frau, Amalie Joachim, gewidmet hat. Ein schöner Abschluss, der mit viel Applaus belohnt wurde.

—| IOCO Portrait |—

Mainz, Staatstheater Mainz, Saul von Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 27.09.2017

September 27, 2017 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

SAULOratorium von Georg Friedrich Händel

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grab in Westminster Abbey © IOCO

Ein interessanter Saisonstart 2017/18: Das Mainzer Staatstheater beginnt die neue Spielzeit mit einem Oratorium von Georg Friedrich Händel. Saul – in der Regel eher konzertant aufgeführt – wird hier szenisch präsentiert. Mehr als jedes vorangehende Werk Händels symbolisiert es eine Verbindung von Oper, Kirche und Konzert und auch die Instrumentation ist ungewöhnlich: Harfe, Carillon (Turmglockenspiel, großes Glockenspiel bzw. Röhrenglockenspiel), Posaunen, große Trommeln neben den üblichen Orchesterinstrumenten. Es gibt lange Instrumentalpassagen, die Orgel steht für das kirchliche Moment und der Chor – ähnlich der antiken Tradition – ist dramatischer Bestandteil, der die Handlung vorantreibt und zugleich kommentiert. Diese Mainzer Inszenierung ist eine Übernahme vom Staatstheater Oldenburg, wo die Premiere 2012 stattfand.

Das barocke Bühnenbild nebst Kostümen (Katharina Schlipf und Ursula Kudrna) assoziiert die Epoche Händels, in der Opulenz und Vergnügen das vorherrschende Lebensgefühl waren, zumal am Hofe. Sauls Hofstaat lässt es sich gut gehen, gibt sich unter den kritischen Blicken des Königs zufrieden und saturiert. Saul, Derrick Ballard ist ein gefälliger Herrscher, thront wahrhaftig über allem auf einer Art goldenen Empore, die unter sich immer wieder den roten Vorhang lüftet und so zu einem handlungstragendes Element wird. Da kehrt David – wie es sich für einen Kriegsherrn gehört, als lebendes Reiterdenkmal – zurück und nichts wird mehr sein wie zuvor. Saul verkraftet den Erfolg des jungen David nicht, Neid zersetzt ihn, fatal wird es am Ende für das gesamte Gemeinwesen – den Staat.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt © Andreas Etter

Die Auflösung der dünnen zivilisatorischen Schicht zeigt Regisseurin Lydia Steier sehr anschaulich: Die Wände, die Barockmöbel und Kissen, ehemals gepflegte Umgebung, werden demontiert und wie in einem kollektiven Rausch – und (leider) recht geräuschvoll – zerstört. Die Chormitglieder reißen sich die Perücken vom Kopf, entkleiden sich auch gegenseitig bis auf die Unterwäsche und legen dabei jedes standesgemäße Verhalten ab. Tatsächlich zwängen die barocken Kostüme das Individuum in ein „Korsett“, doch dieses steht im wahrsten Sinne für Haltung bzw. für das Erfassen der „Kraft, die Kleidung verleihen kann…“. (Jil Sanders prägnanter Ausspruch ist zwar auf das gegenwärtige mangelnde Bewusstsein und Wissen um Wirkung von Kleidung gemünzt, aber nichtsdestotrotz für alle Epochen gültig). Mit den entsorgten Kleidern gehen die Sitten über Bord: Die Moral ist kein gesellschaftlich einendes Band mehr. Am heftigsten bekommt das Sauls Sohn zu spüren, der Werte hochhält und einen Rest an äußerlicher Würde zu wahren versucht, für die Masse aber ein veritables Opfer und somit angreifbar wird. Steven Ebel ist ein berührender Jonathan, dessen Misshandlung durch den Chor einen Buhruf provozierte.

Am Ende ist Sauls Sippschaft tot, sein Neid auf David hat sie alle das Leben gekostet. Sauls Niedergang beginnt im Abstieg, d.h. beim Verlassen der Empore, die bei der Demontage einen blauen Container freigibt. Seine Kleidung weist ihn noch als König aus, aber sie wirkt deplatziert, sie kaschiert nur mühsam seine Gewaltbereitschaft und den Hass auf den Emporkömmling David, den das Volk verherrlicht. Für seine Töchter Merab – von Marie-Christine Haase intensiv gespielte Widerborstigkeit – und Michal führen Sauls Exzesse zu Desillusion und Verzweiflung.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt – Ensemble © Andreas Etter

Michal, die zwar ihren David bekommt, aber letztlich nicht mit ihm ihr Glück erfahren wird, erhängt sich zuletzt im Container. Derweil nimmt David obenauf Platz. Ihr Tod – Dorin Rahardja gibt eine aus der Zeit gefallene Frau, ohne Hoffnung auf Hilfe – markiert eine neue, äußerlich zumindest wenig glanzvolle, Ära: Davids Thron ist ein weißer Plastikstuhl. Allerdings wird er nicht mehr wie Saul von den Neidfiguren  gepiesackt – aber worauf sollte man auch neidisch sein?!

Aus dem opulenten Chor ist eine einheitliche Masse geworden: in dunklen Anzügen und mit schwarzen, streng wirkenden Brillen ausgestattet – man müsste eher von „bewaffnet“ reden, zu deutlich drücken sie die neue Macht und Zugehörigkeit aus. Eine Technokratie, die ihren Herrn im geschmeidigen David, von Alin Deleanu eher düster angelegt, gefunden hat. Es ist „moderner“, keineswegs besser geworden – im Gegenteil.

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt - Ensemble © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Oratorium Saul szenisch dargestellt – Ensemble © Andreas Etter

Die Musik behauptet unbedingt den Glauben an Besserung und an eine hoffnungsfrohe Zukunft, was das zupackende Dirigat von Andreas Spering nachdrücklich unterstreicht. Der Chor und Extrachor des Staatstheater Mainz unter der Führung von Sebastian Hernandez-Laverny leistet darstellerisch wie gesanglich herausragendes und erhielt großen Zuspruch vom Publikum. Dass sich in diesem Punkt, eine in sich schlüssige und gelungene Inszenierung nicht mit der Musik verbündet, ja übereinstimmt, ist ein kleiner Wehmutstropfen. George Frideric Handel, so sein Name auf dem englischen Einbürgerungsantrag von 1727, war sich der Virtuosität, Kraft und Wirkungsmacht seiner Musik sicher.

Weitere Mitwirkende sind Alexander Spemann (Hexe von Endor), Georg Lickleder (Samuel), Augustín Sánchez Arrelano (Abner), Dennis Sörös (Bass im Terzett), Tänzer (Neidfiguren mit Hakennasen und Hörnchen auf den kahlen Schädeln) verkörpert von David Krohn, Lászlo Nágy, Léonard Schindler, Carolina Völker und Miro Yilmaz (Kind) und die Kinderstimme von Band gehört Florian Scholz, der ein Mitglied des Mainzer Domchors ist. Großer Applaus.

Saul am Staatstheater Mainz:  Weitere Vorstellunstermine: 30.9.2017, 8.10.2017, 17.10.2017, 4.11.2017

 

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