Paris, Palais Garnier, Le Soulier de Satin – Uraufführung – M. A. Dalbavie, IOCO Kritik, 24.06.2021

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Opera National de Paris

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

 Uraufführung – Le Soulier de Satin –  Marc-André Dalbavie
– eine unerfüllte Liebe im Hintergrund der Macht –

von  Peter Michael Peters

Der dritte Auftrag der Opéra National de Paris für ein neues Musikdrama nach einem literarischen französischen Werk ist an den Komponisten Marc-André Dalbavie (1961-) gegangen. Er machte es sich nicht leicht indem er das elfstündige Theaterstück Le Soulier de Satin – Der seidene Schuh (1943) von Paul Claudel (1868-1955) zusammen mit der Librettistin Raphaèle Fleury adaptierte und auf sechs Stunden einschließlich zwei Pausen zusammen schrumpfen lässt.

Die düsteren Schattenseiten eines großen Poeten

Claudel badete, wie er selbst sagte, wie alle jungen Leute seines Alters im „materialistischen Gefängnis des damaligen Positivismus“. Er konvertierte zum Katholizismus, der Religion seiner Kindheit, indem er neugierig an einer Vesper in Notre-Dame de Paris teilnahm. „Ich stand rechts neben der zweiten Säule, in der Nähe der Sakristei. Die Kinder der Domsingschule sangen das, was ich später als Magnificat erkannte. In einem Augenblick war mein Herz berührt und ich glaubte! Ich glaubte mit aller Kraft! (…) Dass all die Bücher, alle Überlegungen, alle Chancen eines hektischen Lebens, meinen Glauben nicht erschüttern konnten, um die Wahrheit zu sagen, noch  berühren konnten.“ Der wichtigste Autor seiner katholischen Bekehrung ist aber Arthur Rimbaud (18541891), den er kurz vor dem Ereignis vom Dezember 1886 entdeckte mit den Illuminations (1886), aber besonders mit Une Saison en Enfer (1873), das den Lauf seines Lebens verändern wird. Der Einfluss dessen, den er in einem berühmten Artikel den „Mystiker in freier Wildbahn“ nannte, wird besonders deutlich in Tête d’or (1890), einem seiner ersten Stücke.

Le Soulier de Satin – Der seidene Schuh – Marc-André Dalbavie
youtube Trailer der Opéra National de Paris
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

So würde ein Teil der offiziellen Biographie des großen erfolgreichen sprachgewaltigen Claudel, Diplomat, Politiker und Poet mit einem glorreichen Einzug in die ehrwürdige Académie Française aussehen. Aber wer war er wirklich? Wenn man sich ein wenig mehr mit der düsteren Schattenseite des viel verehrten Franzosen einmal abgibt! Was bleibt dann…?

Während des Spanischen Bürgerkrieges unterstützte Claudel die spanischen Faschisten. François Mauriac (1885-1970) wirft Claudel vor, das er keinen einzigen Vers geschrieben hat „für die Tausenden und  Abertausenden christlichen Seelen, die der Chef der heiligen Armee (…) gewaltsam  in die Ewigkeit führte“. Der Poet unterzeichnete auch mit einer Gewissenlosigkeit ohne Gleichen das Manifest der spanischen Franco-freundlichen Intellektuellen vom Dezember 1937, das in der faschistischen  Propagandazeitschrift Occident veröffentlicht wurde.

Am 24. September 1940 wird er noch deutlicher:  „Mein Trost ist das Ende dieses schmutzigen parlamentarischen Regimes, das Frankreich jahrelang wie ein Krebsgeschwür verschlungen hat. Es ist vorbei… die üble Tyrannei von Bistros, Freimaurern, Mestizen, Bauern und Lehrern…“ (Der Dichter veröffentlicht in Le Figaro am 10. Mai 1941 sein Meistergedicht Paroles au Maréchal, das am Vortag in Vichy vor Marschall Philippe Pétain (1856-1951) von der Schauspielerin Eve Francis (1886-1980) anlässlich einer Aufführung von L’Annonce faite à Marie (1912) zitiert wird.

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Dreieinhalb Jahre später veröffentlichte derselbe Figaro ein weiteres Gedicht: Au Général Charles de Gaulle (1890-1970) in seiner Nummer vom 23. Dezember 1944. Es war einige Wochen zuvor, im Oktober 1944, während eines Vormittags im Théâtre-Français vorgetragen worden, das den Dichtern des Widerstands gewidmet war… zu denen Claudel nun gehörte! Das Mindeste ist, was wir ihm zugutehalten können, dass sich unser Freund kein Bein ausgerissen hat. Er griff das gleiche Szenario auf: Frankreich spricht und erkennt seinen legitimen Vertreter an. Pétain war der Vater; De Gaulle ist der Sohn!

Das Erstaunlichste ist, dass Claudel, alt, reich und vielmals geehrt, es nicht nötig hatte die Macht, wer immer es sei, mit so niedrigen Schmeicheleien zu überhäufen. Nein, er war ein notorischer Reaktionär und völlig überzeugt über seine Handlungsweisen: Er versteckte nicht einmal seine hypokritischen gefährlichen Gedanken…! Nein! Er sprach alles laut aus in seinen Dramen, in seiner Lyrik, in seinem Werk! Er war einfach nur ein schmutziger Mitläufer, ein Fahnenschwinger folgend dem Wind der Macht, ein Hemdenwechsler der billigsten Art. Das Vokabular der Intoleranz war ihm nicht fremd: Rassendiskriminierung, Diktatur, Faschismus, Sklaverei, usw., aber alles recht säuberlich verbrämt vom Heiligenschein der allgewaltigen katholischen Kirche. Wir mussten diesen Umweg in das Schattenreich eines umstrittenen Poeten gehen, um sein dramatisches und poetischen Werk besser zu analysieren.

Drama im Zeitalter der Konquistadoren

Das mystische Drama Le Soulier de Satin erzählt von der unmöglichen Liebe zwischen Dona Prouhèze und dem Kapitän Don Rodrigue. Die zwanzigjährige Handlung spielt in der Renaissance, zur Zeit der Konquistadoren und wird vom Autor in der Tradition des Goldenen Zeitalters in vier Tage unterteilt. Es zeigt viele Charaktere, in verschiedenen Ländern, manchmal in Dialogen zwischen Himmel und Erde, indem das Drama und das Göttliche vermischt werden. Es ist nicht frei von Ironie, Komik und Possenreißer-Spielen! Dies in einer barocken Atmosphäre. Dieses halbautobiografische Stück ist eine Liebesgeschichte und ihrer sozialen und kosmopolitischen Probleme. Claudel selbst kommentierte: „Der Schauplatz dieses Dramas ist die Welt“, er schrieb weiter: „Das Thema des Satinschuhs ist kurz gesagt das der chinesischen Legende, der beiden Sternenliebhaber, die es jedes Jahr nach langen Wanderungen schaffen, sich gegenseitig zu begegnen ohne sich jemals treffen zu können. Auf der einen Seite und auf der anderen der Milchstraße!“

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

« Fendre la muraille du cœur humain… »

Auch diese gefühlsvolle Redewendung stammt aus der Feder unseres Poeten: „Die Mauer des menschlichen Herzens durchbrechen…“ Was meint er damit? Die große chinesische Mauer steht noch immer trotz diverser Invasion der Jesuiten, die Berliner Mauer ist schon lange gefallen! Nein! Was sagen wir da, wir sprechen natürlich nicht in der Realität, es sind die Mauern der Intoleranz gemeint. Aber gerade dorthin können wir Claudel nicht folgen: In seinem Mammutwerk aus dem goldenen spanischen Zeitalter zitiert er die großen Eroberungen mit der berühmten Armada, die gewaltsamen Bekehrungen der Barbaren und die totale Beraubung der dritten Welt. Jedoch kein einziges Wort über die grausame Inquisition, noch über den dreißigjährigen Religionskrieg, angezettelt von der katholischen Liga. Also von welchen Mauern redet unser großes Genie? Natürlich von der Mauer der katholischen Ignoranz, die er aber nicht sehen will! Diese Intoleranz, die über viele Jahrhunderte bis heute keine Mauer gebrochen hat!

Aufführung am 13.06.2021 im Palais Garnier – Opéra National de Paris

Der 60jährige Komponist Marc-André Dalbavie verortet seine Sprache in einer metatonalen Perspektive (post-atonale), Modalität und Atonalität innerhalb einer strukturellen Organisation von Tonhöhen (den Tonleitern, die durch das Orchesterregister der Oper laufen) zusammenführt. Als bedeutender Instrumentator führte er bestimmte Instrumente der Welt, die noch immer sparsam eingesetzt werden, in das Orchester ein, wie das Becken, die Stahltrommel und das chinesische Holzblasinstrument mit dunklen und temperierten Klangriten. Gongs und andere Bonangs sind präsenter in eintauchendes Hören mit der Resonanz der langen Zeit des Ostens. An ihm sind diese glatten und sonoren Instrumentalrahmen angebracht, die den Raum literarisch in Brand setzen. Der von zehn Stunden auf viereinhalb Stunden reduzierte Umfang des Stückes hätte vielleicht eine radikalere, kontrastierende Behandlung benötigt und durchaus die dramatische Wirkung unterstützen können.

Der Komponist entschied sich für eine Orchestersprache in langen schwellenden Wogen, ohne an wichtigen Stellen die dramatische Seite mit einer hochbrausenden Welle zu erweitern. Auf denen die Sänger eine kontinuierliche Rezitation einsetzten, sofern der Text nicht gesprochen wurde. In dieser musikalischen Behandlung lauert jedoch eine furchtbare Monotonie! Prunkvoll war das Orchester unter der geschmeidigen und spannungsfreien Geste des Komponisten, der an diesem Abend das Orchestre de l‘Opéra National de Paris zusammenführte und anführte.

Die Inszenierung entspricht dem Geist des von Claudel beanspruchten Jahrmarkttheaters, in die Gattungen vermischt werden und die Kulissen mit größtmöglicher Sparsamkeit improvisiert werden. Stanislas Nordey sieht die Bühne als Malerwerkstatt aus dem 16. Jahrhundert, das die Arbeiten  fortsetzt und so Künstler und Maschinisten gleichermaßen einbezieht. Monumentale Leinwände, die von Emmanuel Clolus die Details von Gemälden (insbesondere von El Greco) darstellen, werden auf der Bühne verschachtelt. Sie bilden ein bewegtes Dekor, das auf beiden Seiten verwendet wird, wobei das Bild auf der einen Seite, der Holzrahmen auf der anderen Seite sehr lebendig und vielseitig benutzt wird (sie verkörpern mehrere Rollen in der Geschichte wie auch viele der Sänger). Cyril Bothorel / Der Ansager und Yann-Joël Collin / Der Unbändige sind dazu da, uns über Länder und Meere zu führen und das Spektakel auf halbem Weg zwischen Theater und Oper zu halten. Sie kommen zwischen jeder Szene, um die eroberten Küsten anzukündigen und das Dekor hervorzuheben. Momente des Übergangs willkommen für das Publikum, wenn das Orchester die Gelegenheit hat sich einzustimmen. Die historischen Kostüme von Raoul Fernandez sind hervorragend, in Verbindung mit den Charakteren und der Farben der Leinwände in einer sehr gesuchten ästhetischen Dimension. Das Video von Stéphane Pougnand droht mit gewaltigen schönen visuellen 3D-Effekten.

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Palais Garnier / Le Soulier de Satin Oper von Marc-André Dabalvie © Elisa Haberer

Lyrischer Höhepunkt des Soulier, diese längste Szene der Oper, vereint zum ersten Mal die beiden Hauptdarsteller (glänzend Eve-Maud Hubeaux und Luca Pisaroni) und greift auf alle Reserven des Orchesters zurück. Dieses ist gleichzeitig dezent, lässt den Gesang aufblühen und ist in der Lage, kupferne Töne in die Stimmen zu bringen und sie durch die Instrumentalklänge zu brechen, was der Claudelschen Sprache ihre spektrale Farbe verleiht.

Die Besetzung ist von sehr hohem Standard und zählt eine Reihe von Künstlern, Schauspielern und Sängern, die im Detail schwer zu zitieren wären. Die Mezzosopranistin Eve-Maud Hubeaux ist eine charakterstarke Doña Prouhèze, die sich in allen Stimmlagen wohl fühlt und besonders ausdrucksstark in dieser wunderschönen Szene des ersten Tages, in der sie der Jungfrau ihren Satinschuh  anvertraut. Der Bariton-Bass Luca Pisaroni / Don Rodrigue de Manacor setzt unweigerlich eine hervorragende Stimme ein und übt auch sein Talent als Mann der Bühne aus. Tapfer und erfahren in dieser Technik der Passagen zwischen gesprochenem Wort und gesungenem, Béatrice Uria-Monzon, Mezzosopran (Doña Isabel / Doña Honoria / Eine Nonne) und Vannina Santoni, Sopran, die leuchtende Doña Musique, brillieren in ihren jeweiligen Rollen ebenso wie der Bariton Marc Labonnette, die Tenöre Eric Huchet und Julien Dran, der Bass Nicolas Cavallier, der während der vier Tage auch mehrere Charaktere unterstütze. Feurig und voller Energie neben Vannina Santoni (Die Fleischerin) haucht Camille Poul, Sopran / Doña Sept-Épées (Prouhèzes Tochter) einen jugendlichen Wind am letzten Tage der Oper. Jean-Sébastien Bou / Don Camille besticht durch seine klare Sprache und seine stimmliche Leichtigkeit, dagegen fehlt es dem Tenor Yann Beuren in der besonders anspruchsvollen Rolle des Don Pélage manchmal  an Stabilität. Die Figuren des Schutzengels, Saint-Jacques und Saint-Adlibitum appellieren an den eher immateriellen Bereich des Countertenors Max Emanuel Cencic. Während die rassige Stimme von Fanny Ardant aus den Lautsprechern zu uns kommt in dieser zentralen Szene des Soulier… und wo die gesprochene dem Mond anvertraute Meditation eine spirituelle Dimension ergreift: „Jeder deiner Küsse gibt mir ein Paradies, von dem ich weiß, dass es mir verboten ist“.    PMP / 20.06.2021

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—


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Wien, Wiener Staatsoper, La Traviata – Giuseppe Verdi – Premiere, IOCO Aktuell, 07.03.2021

März 5, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Premiere – La Traviata – Giuseppe Verdi

7. März 2021 18.00 Uhr –  play.wiener-staatsoper.at – Klick HIER!

Giuseppe Verdis La traviata in der Inszenierung von Simon Stone feiert am Sonntag, 7. März 2021 Premiere an der Wiener Staatsoper. Es handelt sich um eine Koproduktion der Wiener Staatsoper mit der Opéra national de Paris, siehe YouTube Trailer unten. Die nach ersten Gesprächen in 2017 gemeinsam mit dem Regisseur entwickelte Arbeit hatte in der vorigen Saison ihre Pariser Premiere und kommt nun in Wien heraus. Die Verfügbarkeit der Inszenierung zwischen den Koproduzenten ist so geregelt, dass sie von beiden Häusern in jeder Spielzeit gezeigt werden kann.

  Premiere 7.3.2021 –  ab 18.00 Uhr –  Live

Gespielt wird, bedingt durch die Fortsetzung des Theater-Lockdowns, weiterhin für Fernseh-, Radio- und Streaming-Publikum. Die Premiere wird ab 18.00 Uhr live auf play.wiener-staatsoper.at sowie ab 20.15 Uhr im ORF III-Hauptabendprogramm im Rahmen von »Wir spielen für Österreich« und auf myfidelio.at ausgestrahlt. ORF III startet bereits um 20.00 Uhr mit den »Kulissengesprächen mit Barbara Rett«. Radio Ö1 sendet die Premierenproduktion von La traviata am 20. März 2021 ab 19.30 Uhr.

ZUR PRODUKTION

Trailer La Traviata – Giuseppe Verdi
youtube Trailer Opera national de Paris
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

»Ich versuche nie, herauszufinden, was dieses Stück einmal war – ich versuche nur herauszufinden, was dieses Stück jetzt für unsere Gesellschaft bedeutet«, so Regisseur Simon Stone zu seiner Inszenierung. In seiner mit riesigen Videowänden und Social Media jonglierenden Produktion zeigt er, wie aktuell und zeitgenössisch große Oper 2021 sein kann:
Violetta ist ein Pariser »It-Girl«, eine sterbenskranke Influencerin, die selbst dann in ihrer Instagram-Blase gefangen bleibt, wenn sie sich mit ihrem Geliebten aufs Land zurückzieht. Ihr Leben ist der virtuellen Präsentations- und Schaulust ausgeliefert. Alles Private ist bei ihr öffentlich, dafür wird der öffentliche urbane Raum zu ihrem einzigen Rückzugsgebiet für Momente der Schwäche.

 Die Violetta des realen Lebens - Alphonsine Duplessis auf Montmartre, Paris © IOCO

Die Violetta des realen Lebens – Alphonsine Duplessis auf Montmartre, Paris © IOCO

 Besetzung: Unter der musikalischen Leitung von Giacomo Sagripanti – der international gefragte italienische Dirigent gibt sein Debüt am Dirigentenpult des Hauses – ist Pretty Yende in der Titelpartie zu erleben. Sie feierte im Herbst als Adina in L’elisir d’amore ihr erfolgreiches Staatsoperndebüt. Dabei stand sie bereits gemeinsam mit Juan Diego Flórez auf der Bühne, der nun – erstmals in Wien – den Alfredo verkörpert. Ein weiteres Rollendebüt am Haus gibt Igor Golovatenko, der sich schon im Oktober als umjubelter Posa in »Don Carlos« dem Wiener Publikum vorstellen konnte, als Giorgio Germont.

In den weiteren Partien sind die Ensemblemitglieder Margaret Plummer als Flora, Donna Ellen als Annina, Robert Bartneck als Gaston, Attila Mokus als Baron Douphol, Erik van Heyningen als Marquis von Obigny und Ilja Kazakov als Doktor Grenvil zu erleben.

Dirigent Giacomo Sagripanti: »Es ist die größte Ehre für mich, mein Hausdebüt mit einer Premierenproduktion eines solchen Meisterwerks wie der Traviata zu geben. Mein Ziel ist es, die Belcanto-Seite dieses Werkes zu beleuchten, die zusammen mit Rigoletto und Trovatore als das >letzte Belcanto-Kapitel< der Operngeschichte angesehen werden kann. Ich bin froh, mit einem erstklassigen Team zu arbeiten, umgeben von großartigen KünstlerInnen und Freunden. Das ist der beste Weg, um Kunst und magische Momente zu schaffen und um die Bedeutung des Theaters und der Oper zu verdeutlichen.«

LA TRAVIATA (Giuseppe Verdi)

Musikalische Leitung Giacomo Sagripanti
Inszenierung Simon Stone
Bühne Robert Cousins
Kostüme Alice Babidge
Licht James Farncombe
Video Zakk Hein

Violetta Valéry Pretty Yende
Flora Bervoix Margaret Plummer
Annina Donna Ellen
Alfredo Germont Juan Diego Flórez
Giorgio Germont Igor Golovatenko
Gaston von Létorières Robert Bartneck
Baron Douphol Attila Mokus
Marquis von Obigny Erik Van Heyningen
Doktor Grenvil Ilja Kazakov

Eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris – siehe Trailer oben

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper|—


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Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten – im Web, April 2020

April 30, 2020 by  
Filed under Livestream, Oper, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten – kostenlos im Web

Oper trotz Corona: Die Staatsoper Stuttgart setzt ihr digitales On-Demand-Programm mit Unterstützung der LBBW mit Iphigénie en Tauride, BORIS und Die Soldaten fort

Die behördlichen Verordnungen zur Eindämmung der Verbreitung des Corona-Virus wurden bis zum 3. Mai 2020 verlängert. Dies bedeutet, dass mindestens bis zu diesem Datum auch keine Vorstellungen in den Spielstätten der Staatstheater Stuttgart stattfinden.

https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/oper-trotz-corona

Im Rahmen des kostenlosen Opernprogramms „Oper trotz Corona“ auf der Website der Staatsoper Stuttgart ist ab Freitag, 01. Mai 2020, 17 Uhr Christoph Willibald Glucks Meisterwerk der Frühklassik Iphigénie en Tauride zu sehen. Die Inszenierung von Krzysztof Warlikowski ist eine Produktion der Opéra national de Paris und feierte im April 2019 Premiere in Stuttgart. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Stefano Montanari.

Staatsoper Stuttgart / IPHIGÉNIE EN TAURIDE © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / IPHIGÉNIE EN TAURIDE © Martin Sigmund

Direkt daran anschließend folgt ab Freitag, 08. Mai, um 17 Uhr die jüngste Neuproduktion der Staatsoper aus dem Februar 2020: BORIS in der Inszenierung von Paul-Georg Dittrich verzahnt Modest Mussorgskis Historien-Drama Boris Godunow mit der Uraufführung von Sergej Newskis Secondhand-Zeit, einem Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart. Es dirigiert Titus Engel.

Staatsoper Stuttgart / Boris Godunow © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Boris Godunow © Matthias Baus

Schließlich ist ab Freitag, 15. Mai, um 17 Uhr Bernd Alois Zimmermanns Oper Die Soldaten in einer Aufzeichnung von 1989 zu erleben. Das 1965 in Köln uraufgeführte Werk gilt bis heute als eines der aufführungstechnisch anspruchsvollsten und gleichzeitig überwältigendsten des Musiktheaters im 20. Jahrhundert. In seiner Rezeptionsgeschichte nimmt die Stuttgarter Inszenierung von Harry Kupfer einen bedeutenden Platz ein. Die Musikalische Leitung hat Bernhard Kontarsky.

Staatsoper Stuttgart / Die Soldaten © Hannes Kilian

Staatsoper Stuttgart / Die Soldaten © Hannes Kilian

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—


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Paris, L´Opéra Bastille, Manon – Jules Massenet, IOCO Kritik, 17.01.2020

März 17, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera National de Paris

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Opera National de Paris

Opéra Bastille, Paris © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille, Paris © Uschi Reifenberg

MANON – Jules Massenet

– von Glamour und Bürgerlichkeit –

von  Peter M. Peters   –  Vorstellung 07.03.2020, zur Zeit sind auch in Paris alle Theater geschlossen

Henry Meilhac Paris © IOCO

Henri Meilhac Paris © IOCO

Mit Manon (1884) haben Henri Meilhac (1831-1897) und Philippe Gille (1831-1901) ein außerordentlich wirkungsvolles und dramaturgisch schlüssiges Libretto vorgelegt. Jeder Akt zielt auf den Eklat ab, der das Geschehen weitertreibt; die Kontinuität im Handlungsablauf wird stets gewahrt. Allerdings brachte die Vorlage durchaus günstige Voraussetzungen mit: Die Länge des Romans von Antoine-François Prévost d’Exiles, genannt Abbé Prévost (1697-1763) hält sich in Grenzen, Nebenhandlungen sind vermieden, die Anzahl der Hauptpersonen bleibt überschaubar. Manons ständiger Konflikt zwischen Luxus und Sehnsucht nach Liebe, der sich wie ein Leitmotiv durch den ganzen Roman zieht, wird im Libretto gewissermaßen modellhaft durch einige wenige Episoden zum Ausdruck gebracht. Lediglich der Schluss wurde abgewandelt: Während im Roman Manon (1731) bei Nouvelle-Orléans, damals noch französische Kolonie, ihr Leben aushaucht, haben die Librettisten auf die gesamte Episode in der neuen Welt verzichtet und die Heldin auf dem Weg von Paris nach Le Havre sterben lassen – ein dramaturgischer Kunstgriff, der durchaus legitim ist, da in diesem Falle ein Schauplatzwechsel keineswegs die Substanz berührt. Problematisch hingegen erscheint die Gestaltung der Todesszene, die sich nicht im Roman findet und in ihrer Sentimentalität ein typisches Produkt des späten 19.Jahrhunders darstellt. Manon von Jules Massenet (1842-1912) kann als Musterbeispiel für die Verschmelzung zweier Traditionen des französischen Musiktheaters gelten, der Grand Opéra und der Opéra Comique – ein Prozess, der schon bei Charles Gounod (1818-1893) zu beobachten ist und zur Entstehung des drame lyrique führt.

Opéra National de Paris / Manon von Jules Massenet © Sebastien Mathe

Opéra National de Paris / Manon von Jules Massenet © Sebastien Mathe

Manon, sphinx étonnant, véritable sirène!“

Manon – La véritable histoire du  Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut, so lautet der Originaltitel des Romans des Abbé Prévost, war ein Buch unter den sieben Bänden: Mémoires et aventures d’un homme de qualité, die der schelmige Abbé veröffentlichte. Prévost, der wie viele Autoren des aufklärerischen 18. Jahrhunderts ein schillerndes Leben führte zwischen Religion, Armee und erotischen Abenteuern, wollte in dem Werk – so schreibt er im Vorwort – „ein abschreckendes Beispiel von der Gewalt der Leidenschaften“ geben. Bis heute sind sich die Historiker nicht einig über den historischen Hintergrund dieser „Erinnerungen“, denn die eventuelle Autobiographie wird in einer Ich-Form erzählt. Neuere Forschungen ermittelten, das die historische Person der Manon eine gewisse Marie war, geboren in der Picardie. Ihr letzter Liebhaber war ein „homme de qualité“ namens Gilles de Rohan. Dieser stammte wie der Abbé Prévost aus der Gegend von Pas-de-Calais, so wurden höchstwahrscheinlich einige kokette und intime Liebesgeschichten zwischen zwei Gentilhommes ausgetauscht. Somit entstand mit einigen persönlichen Erinnerungen des Autoren verschönert die Geschichte der Manon Lescaut und des Chevalier des Grieux.

Charles Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu (1689-1755), Philosoph und Dichter, schrieb am 6. April 1734 in sein Tagebuch: „Ich bin nicht überrascht, dass dieser Roman, dessen Held ein verwegener Halunke ist und die Heldin als Straßendirne in der Salpêtriere auf ihre gezwungene Überfahrt in die Neue Welt wartet, so einen gewaltigen Publikumserfolg verbuchen kann. Denn alle Handlungen des Chevaliers, noch so niederträchtig sie sind, entstanden aus dem einem edlen Motiv, dem Motiv der Liebe. Auch Manon ist voll von Liebe, schlechthin die reine Inkarnation der Liebe selbst, so kann man ihr die restlichen Eigenschaften ihres Lebenswandel verzeihen und vergessen“.

Opéra National de Paris / Manon von Jules Massenet © Sebastien Mathe

Opéra National de Paris / Manon von Jules Massenet © Sebastien Mathe

Girl have to have a little bit of Glamour

Es sind einfache Rollenklischees, mit denen sich die Stationen des Aufstiegs und Fall der Manon Lescaut beschreiben lassen: Die Unschuld vom Lande – die Verräterin der Liebe – die bekennende Kurtisane – die unverstellt nach Geld schreiende Hure – die im Tod bereuende Heilige.

Bei ihrer ersten Selbstäußerung Je suis encore tout étourdie“ (Ich bin noch ganz benommen) in der ersten Szene ist wenigstens vorgeblich noch das völlig unschuldige Mädchen vom Land, beeindruckt allerdings in Wahrheit wohl nicht nur von Bäumen im Wind, die sie während der Fahrt beobachtet hat, sondern vor allem auch von den Mitreisenden, wie ärmlich bäuerlich man sich diese im Originalzusammenhang (die Landbevölkerung in der nordfranzösischen Provinz um 1721) auch vorstellen müsste. Die entscheidende Offenbarung aber liegt natürlich in Manons etwas später geäußertem Eingeständnis, als sie auf Lescaut warten soll („Restons ici, puisqu’il le faut !“ – Bleiben wir hier, weil es eben sein muss!), nachdem sie in der Zwischenzeit die Damenwelt in Amiens beobachten konnte. Es ist das bisschen Glamour der Provinz-Kokotten Poussette, Javotte und Rosette, das es Manon angetan hat und ihr als sichtbarer Gegenpol zur Perspektive des kargen Klosterlebens unwiderstehlich herrlich vorkommen muss. Unmittelbar danach tritt schon der junge 17jährige Chevalier in ihr Leben und mit ihm anscheinend die Liebe. Laut Abbé Prévost war der unerfahrene Des Grieux überrascht und irritiert über die forsche Initiative der erst 16-jährigen Manon, in dem sie ihn aufforderte in der Postkutschenstation in Amiens zusammen mit ihr seine erste Liebesnacht zu verbringen.

Bei Massenet ist Manons Entschluss zum Verrat der Liebe im 2. Akt der Oper: „Allons ! Il le faut ! Pour lui-même !“ (Also dann! Es muss sein! Für ihn selbst!) ihr erstes explizites Eingeständnis unmoralischer Absichten. Interessant ist dabei vor allem die geschickt verbrämte Begründung. Denn weil sie sich eingestehen muss, dass ihr der Glamour so attraktiv erscheint („Du wirst Königin sein, Königin dank deiner Schönheit“), erklärt sie sich selbst unwürdig für die Liebe des  Chevaliers, so dass sie sich zu seinem Heil gegen ihn und für das eigene Leben in Luxus entscheiden muss. Denn bei Abbé Prévost ist Manons Liebe, wie der  Chevalier später nur allzu schmerzlich erfahren muss, schon nach drei Wochen des Zusammenlebens durch die Prostitution konterkariert, die im Roman von der 16-jährigen heimlich zur Finanzierung beider betrieben wird. In Massenets Oper ist diese Direktheit getilgt, damit Manon nicht schon im 2. Akt amoralisch und käuflich erscheint. Immerhin liegen zwischen dem Erscheinen des Romans (1731) und der Uraufführung der Oper im Jahre 1884 ja auch gut 150 Jahre, in denen die soziale Welt auf den Kopf gestellt wurde. Jedoch ist die Idee der heiligen Hure, die das patriarchalische Bürgertum in ihren Bann schlug sowie auch die bürgerliche Moral-Heuchelei ist eben beim Manon-Stoff noch nicht auf ihre perfide Spitze getrieben.

Im 3.Akt ist sie also „Königin der Schönheit“„Aimons, rions, chantons sans cesse, nous n’avons encore que vingt ans !“  (Lasst uns lieben, singen, lachen ohne Ende, wir bleiben nicht immer zwanzig Jahre jung!) In der Zwischenzeit sind also vier Jahre vergangen, was uns in der Oper nicht unbedingt bewusst wird, eine Woche, vielleicht einen Monat könnte man zwischen Manons Verrat im 2. Akt und dem Volksfest im 3. Akt vermuten. Doch vier Jahre sind für die Geschichte unumgänglich, nicht nur damit Des Grieux inzwischen Theologie studieren konnte, wie die eigentlich unmittelbar anschließende Szene in Saint-Sulpice belegt, sondern vor allem damit wir Manon den Hedonismus des Glamour-Girls, das sie inzwischen vollkommen geworden zu sein scheint, wirklich abnehmen können: „Le cœur, hélas, le plus fidèle, oublie un jour l’amour, et la jeunesse ouvrant son aile a disparu sans retour.“ (Das Herz, ach sogar das treueste, vergisst die Liebe schon nach einem Tag, und die Jugend breitet ihre Flügel aus und kehrt nie mehr zurück.) Für so eine Phrase, in der textlich und musikalisch mit der Unmoral gleichzeitig die Melancholie über das Zerrinnen der Zeit spürbar wird, die Trauer über den beständigen Verlust des Lebens im Glanz des Hier und Jetzt, muss selbst eine Manon mindestens 20 Jahre alt sein.

Manon hier Teaser des französischen Regisseurs Vincent Huguet zu seiner Inszenierung
youtube Trailer Opéra National de Paris
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Die den ganzen Akt abschließende Verführung Des Grieux im Priesterseminar von Saint-Sulpice, fraglos eine der eindrucksvollsten Szenen der Oper, überschreitet unter dem Vorzeichen des auf dem Cours-la-Reine gegebenen Bekenntnisses die Grenze zur Blasphemie, was Des Grieux auch explizit feststellt. Manon fordert Gott heraus und gewinnt: Ihre sexuelle Attraktivität für den Chevalier ist stärker als jeder religiöse Schwur. Nach dieser größtmöglichen Sünde ist nur noch die Steigerung ins Hässlich-Niedere möglich. Manon zeigt das billig geschminkte Gesicht der Geld verlangenden Hure. Ihre Freudenschreie im 4. Akt angesichts der Gewinne von Des Grieux, den sie in der Spielhalle des Hotels de Transylvanie zum Spielen zwingt, sind eindeutig: „Ce bruit de l’or, ce rire et ces éclats joyeux!“ ( Der Klang von Gold, das Lachen und die Freudenschreie!) Sie scheint vollkommen dem Niederen verfallen und für die Wahrheit verloren. Und Des Grieux weiß nur allzu genau um diesen Zustand.

Das finale Reuebekenntnis in Manons Sterbeszene im 5. Akt: „Je me hais et maudis en pensant à ces douces amours.“ (Ich hasse und verfluche mich, wenn ich an diese zarte Liebe denke) bewirkt zweifellos die Vergebung all ihrer Sünden selbst durch jenen Gott, den sie so achtlos verhöhnt hat, aber nur weil ja der Tod schon auf sie wartet. Und wie sie in charmanter Selbstironie bemerkt, sieht sie noch im Sterben den ersten Stern am Morgen als Diamanten an und deutet dies kokett als Zeichen ihrer unvergänglichen Eitelkeit – sie kann’s nicht lassen, und wir lieben sie dafür.

Mit Manon wurde wohl das älteste Gewerbe endgültig Salonfähig und mit ihrem Leitmotiv: „Diamonds are the girl’s best friend“ schreitet sie stolz und frei über die Schwelle des 20. Jahrhunderts und wird somit die Inkarnation und das Vorbild der vielen Nachtgeschöpfe unserer langen Kulturgeschichte.

Aufführung am 7. März 2020 in der Opéra Bastille Paris

Die Neuinszenierung an der Pariser National Oper kann man als sehr gelungen bezeichnen, hier erscheint Manon im Wirbel der „golden twentieth“, im „Tanz auf dem Vulkan“ zwischen zwei mörderischen Weltkriegen, in einer Epoche großer künstlerischer Bewegungen: u.a. Art Déco, Jugendstil und Expressionismus. In einer politisch-sozialen unruhigen Zeit feiert man die Feste wie sie fallen, verrückte exzentrische Feste und man denkt nicht an Morgen, noch an Gestern. Man lebt ohne Hemmungen frei und unverschämt seinen Traum in den Tag hinein und giert nach allen möglichen verbotenen Lastern und Gelüsten: Rauschgift, Alkohol und Sex in allen Varianten werden in großer Menge konsumiert. Glitzernde Wunschgeschöpfe werden in den großen Weltmetropolen geboren, die zum Vorbild einer ganzen Generation werden: u.a. Gaby Deslys (1881-1920), Mistinguett (1875-1956), Suzy Solidor (1900-1983), Joséphine Baker (1906-1975), Marlene Dietrich (1901-1992).

Opéra National de Paris / Manon von Jules Massenet © Sebastien Mathe

Opéra National de Paris / Manon von Jules Massenet © Sebastien Mathe

Der junge französische Regisseur Vincent Huguet hat all diese Faktoren dieser Weltuntergangsstimmung geschickt und intelligent in seiner Inszenierung eingebracht und die feine ziselierte Darstellungskunst der einzelnen Solisten zeigt unverkennbar seine Schulung bei Patrice Chéreau (1944-2013). Die Szenographie ist mit viel Geschmack von der französischen Bühnenbildnerin Aurélie Maestre gestaltet, indem sie sich mit Liebe zum Detail an berühmte Bauwerke der Belle Époque orientiert. Die Kostüme entworfen von der Französin Clémence Pernoud, besonders in der Szene des Festes auf dem Cours-la-Reine, sind unserer Meinung nicht im Stil der Epoche. Diese papageienbunten weit geschnittenen Ballkleider sind einfach unangebracht und geschmacklos in dieser Années Folles-Ambiente.

An allen großen Bühnen der Welt ist der israelische Dirigent Dan Ettinger zu Hause, desgleichen auch hier in Paris. Für die Produktion der Manon scheint er uns ein wenig zu routiniert zu sein und der Funke der Emotion will nicht überspringen, besonders im 1. Akt. Im weiteren Ablauf des Abends springt er endlich über die Rampe und das Feuerwerk der Sinne ist entzündet. Nur leider mit unter ein wenig zu viel und so haben es die Sänger relative schwer, ja sogar der Chor hat zu kämpfen, um über die Orchestermassen zu siegen. Dagegen in den delikaten und leisen Szenen, besonders in der Saint-Sulpice-Szene, wird traumhaft musiziert.

Wir haben der sogenannten zweiten Sängerbesetzung beigewohnt und wir sollten es nicht bereuen: Wohl die große Entdecken des Abends war die in der Titelpartie besetzte ägyptisch-amerikanische Sopranistin Amina Edris. Die Stimme der Künstlerin hat ein solides und gut sitzendes Medium mit großer Projektionsweite und die aufblühenden Tiefen sind perfekt hörbar und in den Höhen erreicht die Stimme ohne Mühe das hohe C und alles verbunden mit einem angenehmen streichelnden Timbre. Dazu eine klare und natürliche Diktion, die wir sogar oft bei französischen Sängern vermissen müssen. Beim Endapplaus lag das Publikum ihr buchstäblich auf den Knien, und das mit Recht.

Doch der amerikanische Tenor Stephen Costello in der Rolle des Chevalier des Grieux hat unserer Meinung eine einmalige sängerische und darstellerische Leistung vollbracht. Der Künstler ist total in seine zarte und zerbrechliche Rolle eingetaucht und mit tiefen inneren Schmerzen öffnet er uns die gewaltige Hölle des jungen Des Grieux. Auch die Regie hat wohl auch zum ersten Mal die komplexe Verbindung zwischen Manon und Des Grieux ins rechte Licht gesetzt, denn der wirkliche Leidende in dieser romantischen Geschichte ist der Chevalier und nicht unsere Halbweltdame. Der Sänger sah noch beim Applaus völlig mitgenommen und leidend aus und für uns war es ein äußerst bewegender und seltener Opernabend alleine für diese einmalige Leistung.

Der Franzose Ludovic Tézier mit seinem üppigen Timbre und seiner nuancenreichen Baritonstimme ist natürlich wie immer der Publikumsliebling an der Bastille. In der Rolle des Lescaut ist er unserer Meinung nicht an seinem Platze, denn in seiner jovialen selbstgefälligen Interpretation ist er eher eine Vaterfigur, jedoch nicht der schlaue von Manon profitierende Vetter Lescaut.

Der italienische Bass Roberto Tagliavini als Comte des Grieux mit seinem tiefen schwarzen Timbre und den wunderbaren Phrasierungen interpretiert auf ideale Weise  zwischen Toleranz und Tradition stehenden Vater des Chevaliers.

Der Tenor Rodolphe Briand (Guillot de Morfontaine) und der Bariton Pierre Doyen (Brétigny) sind wie immer gute Charaktersänger, sowie faszinierende Darsteller.

Ein Bravo an alle Mitwirkenden für diesen bemerkenswerten Abend, umso mehr bemerkenswert, denn das war der letzte Abend vor der Schließung des Opernhauses bis auf weiteres…

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—


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