Freiburg, Opera Factory Freiburg, Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten, ab 12.12.2020

November 18, 2020 by  
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EWERK Freiburg © M Doradzillo

EWERK Freiburg © M Doradzillo

Opera Factory Freiburg

Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten – Francis Poulenc

Ein vorweihnachtliches MitMach – Konzert für Kinder und Erwachsene

  • Samstag, 12.12.2020 16.00 Uhr (Premiere=Familienvorstellung)
    Sonntag, 13.12.2020, 11.00 Uhr und 16.00 Uhr (Familienvorstellungen)
    Montag, 14.12.2020, 11.00 Uhr (Schulvorstellung)
    Dienstag, 15.12.2020, 16.00 Uhr und 18.00 Uhr (Familienvorstellungen)
  • KARTEN: BZ-Kartenservice Freiburg Ticket GmbH Co.KG, Kaiser- Joseph- Straße 229, 79098 Freiburg,  Telefon: (+49) 0761 / 49 68 888,  oder online bestellen auf: https://e-werk-freiburg.reservix.de/events

Zusammen mit der Schauspielerin und Erzählerin Jasmin Busch begibt sich die Opera Factory Freiburg, die diesmal 15-köpfige Holst-Sinfonietta unter Klaus Simon in den Dschungel und die Stadt, um bei den Abenteuern des Helden Babar, der kleine Elefant der berühmten Kinderbuch- geschichte von Jean du Brunhoff, in der berühmten Vertonung von Francis Poulenc mitzufiebern.

Achtung: Das Platzkontingent im Freiburger EWERK  (Foto oben) ist wegen den neuen Corona – Bestimmungen beschränkter als sonst.

Opera Factory Freiburg / Babar, der kleine Elephant © Opera Factory

Opera Factory Freiburg / Babar, der kleine Elephant © Opera Factory

Die Historie des Stücks: Im Sommer 1940 besuchte der Komponist Francis Poulenc Freunde auf dem Land. Eine seiner kleinen Nichten kam zu ihm ans Klavier und stellte das Buch Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten von Jean de Brunhoff aufs Notenpult: „Spiel mir diese Geschichte.“ Er begann zu improvisieren und notierte jene Motive, die ihr gefielen. Er gab das Projekt aufgrund dringender Arbeiten auf, doch fünf Jahre später forderte ihn eben diese Nichte erneut auf, jene Geschichte zu spielen. Und diesmal komponierte Poulenc, bis er sie vollendet hatte. So entstand L’Histoire de Babar, le petit éléphant für Klavier und Erzähler – die Geschichte des kleinen Elefanten, der als Kind zu den Menschen kommt und versucht ein Leben wie ein Mensch zu leben:  „Weißt Du wie der Dschungel klingt? Oder wie es sich anhört, wenn ein Elefant Heimweh hat?“

Im Mitmachkonzert für Familien mit Grundschulkindern präsentieren die Erzählerin Jasmin Busch zusammen mit Holst-Sinfonietta in einer farbigen Ensemblefassung für 15 Musiker unter dem Dirigenten Klaus Simon die Geschichte des kleinen Elefanten, Babar, der den Urwald hinter sich lässt um die Stadt zu entdecken. Dort trifft er auf eine alte Dame mit der er schnell Freundschaft schließt.

Gemeinsam mit unserem jungen Publikum entdecken wir die unterschiedlichsten Klänge aus dem Dschungel und der Stadt. Kuriose Instrumente werden gezeigt, wie die Kontrabass-klarinette und das Kontrafagott. Ein buntes Mitmachkonzert für die ganze Familie.

—| IOCO Kritik Opera Factory Freiburg |—

Freiburg, Opera Factory, Narcissus und Echo – Kammeroper nach Ovid, IOCO Kritik, 31.10.2020

Oktober 31, 2020 by  
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EWERK Freiburg © M Doradzillo

EWERK Freiburg © M Doradzillo

Opera Factory Freiburg

Narcissus und Echo – Jay Schwartz

Kammeroper nach Ovids Metamorphosen

von Peter Schlang

Gibt es eine Form oder eine Aktion der Kunst, welche die durch die Coronakrise hervorgerufenen Gefühle und Empfindungen adäquat wiederzugeben vermögen oder symbolisch für diese besondere, so wohl noch nie erlebte Zeit stehen? Und wie werden die Kultur-Anthropologen und Historiker dereinst diese Frage beantworten?

 Opera Factory Freiburg präsentiert die Kammeroper im Freiburger EWERK
Mit visueller und akustischer Spiegelung 

Wenn man die diesjährige Produktion der Opera Factory Freiburg gesehen hat und die dazu im vorbildlich gemachten Programmheft zu lesenden Anmerkungen aufmerksam studiert, gewinnt man den Eindruck, dass dies neben manch anderen Möglichkeiten die Spiegelung und der damit eng verwandte Prozess der Reflexion, gerade die des eigenen Tuns und dessen möglicher wie notwendiger Veränderung, sein könnten.

Narcissus und Echo – Kammeroper nach Ovid
youtube Trailer Heiko Hentschel
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Unter anderem darum – und das gleich doppelt, nämlich optisch und akustisch – geht es in der an fünf Abenden im Oktober im Freiburger E-Werk gezeigten Kammeroper Narcissus und Echo des 1965 geborenen amerikanischen Komponisten Jay Schwartz. Dabei handelt es sich nicht, wie gerade häufig in den größeren Opernhäusern praktiziert, um eine spezielle, corona-konforme Bearbeitung, ja „Eindampfung“ eines ursprünglich viel größer besetzten und musikalisch aufwändigeren Werkes, sondern um die Originalfassung einer 2003 entstandenen und 2009 überarbeiteten klein besetzten Opernversion. Und auch die Entdeckung und Würdigung des Kleinen, eher Unscheinbaren könnte ja vielleicht einmal als typisches Merkmal dieser aktuell durchlebten Epoche angesehen werden.

Der Stoff von Schwartz‘ Oper basiert auf der berühmten Sage des in sich selbst verliebten Narcissus und seiner kurzen Episode mit der Nymphe Echo, wie sie u. a. in den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid erzählt wird. Und Ovids Fassung, sogar in ihrer lateinischen Originalsprache, bietet das Gerüst dieses knapp zweistündigen Werkes, das In Freiburg um einen Prolog und Epilog des Regisseurs Heiko Hentschel sowie die Bearbeitung des Madrigals „If my complaints could passions move“ des englischen Renaissance-Komponisten John Dowland durch Benjamin Britten ergänzt wird.

Als musikalisches Bühnenpersonal agieren eine Sopranistin, die wunderbare, stimmlich wie darstellerisch jederzeit überzeugende, ja mitreißende Hélène Fauchère, als Narcissus und eine Bratscherin, in Freiburg die ebenbürtig vorzügliche Aida-Carmen Soanea, als dessen Gegenpart Echo sowie ein doppelt besetztes sehr üppiges Schlagwerk, das auch eine, im modernen Musikbetrieb sehr selten zu erlebende Glasharmonika umfasst und die beiden fantastischen Ausführenden Lee Ferguson und Seorim Lee über weite Strecken des Abends stark beschäftigt. Dazu gesellt sich als Organist bzw. Pianist der Gründer und Kopf der Freiburger Opera Factory, Klaus Simon, der den Abend auch als musikalischer und musik-dramaturgischer Leiter überzeugend und souverän strukturiert und buchstäblich in Händen hält.

Die zurückhaltende, behutsame Regie von Heiko Hentschel findet schöne Bilder und benötigt nur wenige Requisiten, um die inneren und äußeren Beziehungen und Konflikte der Hauptfiguren zu verbildlichen, etwa einen weißen Schal, eine Ansammlung von Koffern mit pflanzlichen Stoffen, Papierschnipseln und Fragmenten eines Spiegels oder die farbliche Beziehung der Kostüme der zwei Protagonistinnen und der drei Instrumentalisten. Diese treten im 2. Akt allesamt in der schwarz-weißen Kleidung eines Orchestermusikers auf, was der Interpretation etwas zusätzlich Distanziert-Feierliches verleiht. Dazu kommen an vielen Stellen die für heutige Aufführungen offenbar als unverzichtbar angesehenen Video-Untermalungen, die entweder Impressionen aus der Natur, hauptsächlich mit Wasser, oder aber Doppelungen und Wiederholungen der auf der Bühne zu erlebenden Handlung zeigen, den schreibenden Beobachter aber eher vom Bühnengeschehen ablenken als einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bereitzuhalten.

Diesen liefert dafür umso überzeugender die Musik des in Köln lebenden Jay Schwartz, die dem Hörer mit ihrem Reichtum an Klangfarben und einem den wichtigsten Epochen und Stilen der Musik nachspürenden Kosmos einen die eigene Fantasie beflügelnden, äußerst anregenden, kreativen Reflexionsraum bietet. Dazu bedient sie sich nicht nur lang gezogener Glissandi, üppig variierter Crescendi und Decrescendi sowie vieler weiterer klassischer Elemente, sei es aus der Vokalmusik oder dem instrumentalen Repertoire – so erinnert der Bratschenpart etwa häufig an die Solowerke Johann Sebastian Bachs –, sondern macht auch mutig Anleihen bei der modernen, experimentellen Musik. Man vernimmt aber auch Techniken und Stilmittel der elektronischen und computererzeugten Musik. Das alles schafft eine lebendige, äußerst differenzierte und anregende Klangmischung, die an keiner Stelle verstört und höchstens bei den häufigen Wiederholungen und in den langsameren, ruhigeren Passagen leicht ermüdend wirkt.

Dafür vermag es diese Musik, den Hörer phasenweise in verborgene, visionäre Ebenen zu entrücken und ihm manchmal sogar ein Gefühl der Transzendenz zu vermitteln. Großen Anteil daran haben in der Freiburger Produktion die fünf Interpreten, die nicht nur solistisch, sondern auch in ihren, allerdings eher seltenen Ensemble-Auftritten restlos überzeugen und den großen Saal des EWERK Freiburg in einen spannungsgeladenen, pulsierenden Klangraum verwandeln. Dabei bringen die Darstellerinnen des Narcissus und der Echo mit ihren subtilen, feinfühligen und psychologisch schlüssigen Rollenstudien das Publikum zum Staunen. Dieses gilt aber auch der Schlagzeugerin und ihrem Kollegen, die, zumal in ihren Solopassagen, ein wahres Feuerwerk an Klang- und Rhythmusraketen zünden und den Raum zum Vibrieren bringen.

In der zeitgenössischen Musik gibt es sicherlich manche Beiträge, die man wegen ihres nichts-sagenden Äußeren schnell wieder vergisst und die leer und entbehrlich wirken – Narcissus und Echo gehört ganz bestimmt nicht in diese Kategorie. Ja, so mitreißend und anregend interpretiert und ausgefüllt, kann man als Musikfreund selbst der Corona-Pandemie einen gewissen Sinn und Nutzen abgewinnen.

Und manch große, etablierte und komfortabel am staatlichen Subventionstopf vor sich hindämmernde städtische oder staatliche Kultureinrichtung kann und sollte sich die kleine, aber feine Opera Factory Freiburg als Vorbild nehmen!

—| IOCO Kritik Opera Factory Freiburg |—

Freiburg, Opera Factory Freiburg, Der Kaiser von Atlantis – Viktor Ullmann, IOCO Kritik, 15.10.2018

Oktober 16, 2018 by  
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EWERK Freiburg © M Doradzillo

EWERK Freiburg © M Doradzillo

Opera Factory Freiburg

Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung – Viktor Ullmann

«Es wird der Tod zum Dichter»

 Von  Julian Führer

Viktor Ullmann _ Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Viktor Ullmann _ Stolperstein vor der Staatsoper Hamburg © IOCO

Das Ensemble Opera Factory Freiburg (früher Young Opera Company) verfolgt das ambitionierte Ziel, Stücke, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht ins Kernrepertoire der großen Häuser gekommen sind, aufzuführen. Nun hat sich die Formation unter der Leitung von Klaus Simon an den Kaiser von Atlantis gewagt und dieses 1943 entstandene, aber erst 1975 uraufgeführte Stück um eine bedenkenswerte Interpretation bereichert. Die Regie lag bei Joachim Rathke.

Viktor Ullmann und sein Librettist Peter Kien waren ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Es war kein Vernichtungslager, nach außen hin gar als „Musterlager“ präsentiert. Ullmann konnte dort Musik schreiben, war sehr produktiv. Dennoch erfahren wir, dass es schwierig war, an Notenpapier zu gelangen, und vor allem drohte permanent der Abtransport in den Tod. Unter den dortigen prekären Bedingungen entstanden mehrere Fassungen des Librettos, und auch einzelne Musikstücke wurden geändert. Es gab Proben, die abgebrochen wurden, eine Überarbeitung, weitere Proben bis zu einer Generalprobe – zu einer Aufführung kam es nicht. Im Oktober 1944 wurden Kien und Ullmann nach Auschwitz geschickt, wo sie vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern starben.

Zu Beginn ist der Bühnenraum dunkel und in diffusen Nebel getaucht. Das Stück wurde um einen Prolog erweitert, den Anno Schreier komponiert hat: düstere Akkorde vom Flügel, dazu langsam hohe Töne der Violine, manchmal der Flöte. Eine Form der Ouvertüre, die Ullmanns sehr abruptem Start ins Stück („Hallo, hallo!“) widerspricht, aber stimmig die Lichtregie und das Konzept des Abends unterstützt. Dazu treten die Personen der Handlung auf und schieben ein mehrstöckiges Gerüst nach vorne.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier : Zurück ins ewige Eis im Nebel © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier : Zurück ins ewige Eis im Nebel © Sebastian Duesenberg

Worum geht es? Der Kaiser von Atlantis ist eine Art Parabel, die starke Gegenwartsbezüge aufweist. Die 18 Nummern zeigen uns eine Welt, die weder räumlich noch zeitlich zu fassen ist und dennoch eindeutigen Verweischarakter hat: „Das erste Bild spielt irgendwo; Tod und Harlekin sitzen im Ausgedinge, das Leben, das nicht mehr lachen und das Sterben, das nicht mehr weinen kann in einer Welt, die verlernt hat, am Leben sich zu freuen und des Todes sterben zu lassen.“ Der Kaiser von Atlantis Overall scheint dem Namen nach aus mythischer Vergangenheit zu kommen, aber er bedient sich modernster Technik. Ihm zur Seite stehen ein Lautsprecher, also ein modernes Medium, und ein Trommler, also eine Art Vorläufer des Lautsprechers. Tod erinnert sich (zu einer schwungvollen Melodie) an frühere Zeiten: „Das waren Kriege, wo man die prächtigsten Kleider trug, um mich zu ehren“. Overall nun lässt seinen Trommler nach einer Einleitung zu den ins Phrygische verzerrten Klängen des Deutschlandlieds (und gleichzeitig der alten österreichischen Kaiserhymne) „den großen, segensreichen Krieg aller gegen alle […] verhängen“. Dies wird selbst dem Tod zuviel („Was bleibt mir übrig, als hinter den neuen Todesengeln zu hinken, ein kleiner Handwerker des Sterbens“). Tod lehnt sich gegen das selbst ihn überfordernde mechanisierte Massensterben auf („Hörst du, wie sie mich höhnen? Die Seelen nehmen kann nur ich“) und tritt in einen Streik.

Diese Groteske wirkt vor dem Hintergrund der Werkentstehung beklemmend. Was ist die Konsequenz? Ein Leben ohne Tod ist ins Grässlichste gesteigerte Verlängerung von Leid, wie es der Lautsprecher verkündet: „Tausende ringen mit dem Leben, um sterben zu können.“ Gleichzeitig ist das Nicht-Sterben schon ein Akt des Widerstands gegen ein sich allmächtig gebendes Regime. Kaiser Overall realisiert, was ihm da droht: „Ringt den Tod man aus der Hand mir? Wer wird in Zukunft mich noch fürchten? Weigert sich der Tod zu dienen?“ Overall lässt Aufständische aufhängen (der Vorgang wird durch den Lautsprecher berichtet), die nicht sterben: „Henkt der Henker in zweiundachtzig Minuten nicht zu Tode!?“ Die Gehenkten sollen obendrein noch erschossen werden, dies geschieht auch, doch tot sind sie immer noch nicht. Diese Szenerie lässt an das absurde Theater Alfred Jarrys denken, aber vor dem Hintergrund des täglichen Massensterbens und alltäglicher Hinrichtungen 1943/1944 weicht das Absurde dem nackten Grauen. Tod kann gerade in dieser Situation auch Erlösung bedeuten: „Bin der, der von der Pest befreit, und nicht die Pest.“

Die Figuren der Handlung irren durch den Bühnenraum, erklimmen auch das Gerüst, von dem im Lauf des Abends immer deutlicher wird, dass es in seiner unteren Ebene den abgeschlossenen Palast des Kaisers darstellt, aus dem heraus Befehle aus Papier herausgegeben werden; die obere Ebene hingegen ist eine Art Aussichtspunkt für Tod und Harlekin, aber auch ein Wachtturm mit Suchscheinwerfer, der sowohl das Publikum als auch den Soldaten Bubikopf blendet. Die fast idyllische Szene zwischen einem Soldaten (Tenor) und Bubikopf (Sopran) zeigt das Ausbrechen aus dem gegenseitigen Massentöten: „Ich will’s nicht, du sollst nicht leiden, schau, die Welt ist hell und bunt.“„Ist’s wahr, dass es Landschaften gibt, die nicht von Granattrichtern öd sind? Ist’s wahr, dass es Worte gibt, die nicht schroff und spröd sind?“ Kurz blüht eine Utopie auf, und Ullmann bedient sich der Stimmfächer, die in der Tradition der Oper den großen Liebespaaren vorbehalten waren. Er wechselt dauernd den Stil, macht Anleihen bei Kurt Weill, hat aber auch ganz eigene Ausdrucksarten.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier - Bubikopf und Harlekin © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier – Bubikopf und Harlekin © Sebastian Duesenberg

Eine Handlung im Sinne der inneren Entwicklung der Figuren gibt es nicht, wie die Figuren ja ohnehin namenlose Typen ohne eigentliche Individualität sind. Harlekin sinniert: „Schlaf, Kindlein, schlaf: Ich bin ein Epitaph.Overall scheint wahnsinnig zu werden, da verkündet eine Stimme: „Der Krieg ist aus.“ Zur leicht verfremdeten Melodie von „Ein feste Burg ist unser Gott“ singen Bubikopf, Trommler, Harlekin und Lautsprecher „Komm Tod, du unser werter Gast“. Die Musik verdämmert, das immer wieder sehr stimmungsvolle Licht ebenfalls. Anno Schreier hat auch einen Epilog beigesteuert, der musikalisch an den Prolog anknüpft, aber auch die Trommeln aus Ullmanns Stück wiederaufnimmt und ein Verdämmern in Musik setzt, wie es auch Dmitri Schostakowitsch im Schlusssatz seiner 15. und letzten Symphonie tat.

Jede Aufführung von Der Kaiser von Atlantis muss sich mit der Frage auseinandersetzen, welche der möglichen Fassungen gespielt werden soll. Im Autograph sind manche Passagen sehr deutlich durchgestrichen und durch anderes ersetzt – entsprach dies Ullmanns künstlerischem Willen, musste er sich einer Zensur beugen, oder handelt es sich um Selbstzensur, um eine Aufführung unter den gegebenen Bedingungen möglich zu machen? Die Deutschlandlied-Groteske wurde von Ullmann selbst gestrichen, in Freiburg erklingt sie. Auch die Besetzung des Kammerorchesters (ein reichliches Dutzend Musiker) geht wohl auf die Situation bei der Entstehung des Werkes zurück. Es fehlt ein tiefes Holzblasinstrument, dafür gibt es ein Saxophon, ein Harmonium (hier Akkordeon) und eine Gitarre. Klaus Simon dirigiert dies alles überzeugend. Für die manchmal nicht einheitliche Klangbalance ist sicherlich auch die spezielle Komposition verantwortlich.

Beim Gesang muss Ullmann professionelle Stimmen zur Verfügung gehabt haben, die Rollen sind sehr anspruchsvoll. Der Trommler verkündet den „Krieg aller gegen aller“ mit in Halbtonschritten aufsteigenden Oktavsprüngen, möglicherweise eine Parodie der sich überschlagenden Stimmen Hitlers oder Goebbels‘. Der musikalische Ansatz, die kaum eine Stunde dauernde Oper durch Prolog und Epilog zu ergänzen, wird durch mehrere Lieder noch erweitert, die Viktor Ullmann in Theresienstadt schrieb. Die Stimmfächer sind hier also nur einzeln besetzt: Bubikopf (Sopran) mit Lena Kiepenheuer, die gerade am Anfang ein fast naives Timbre in die kurze Idylle einbringt und die man gerne auch einmal in Rollen wie Humperdincks Gänsemagd hören würde. Die sehr anspruchsvolle Partie des Trommlers (Mezzosopran) wurde Sibylle Fischer anvertraut, die bei den geforderten Sprüngen und schnellen Registerwechseln manchmal forcieren muss, aber in ruhigeren Momenten überzeugt. Die Tenorpartien des Harlekin und des Soldaten sind beide bei Keith Bernhard Stonum gut aufgehoben; die gewisse stimmliche Zurückhaltung (zum Beispiel im Duett mit Tod) kann in der akustisch nicht ganz günstigen Position auf dem Wachtturm oder in der Länge der Partie begründet sein. Als Kaiser Overall hört man den sonoren Bariton von Ekkehard Abele, der auch die Wutausbrüche des Potentaten glaubhaft umzusetzen weiß. Schließlich der Bass von Tod und Lautsprecher, den Nikolaus Meer im gesamten Umfang präsentieren kann. Wann hört man sonst ein tiefes Des(!) a capella als Fermate? Meer verfügt zudem über eine klare und eindringliche Sprechstimme, was ihm in der Partie des Lautsprechers zugutekommt.

E-Werk Freiburg / Der Kaiser von Atlantis - hier : Der Kaiser und der Tod im Nacken © Sebastian Duesenberg

E-Werk Freiburg / Der Kaiser von Atlantis – hier : Der Kaiser und der Tod im Nacken © Sebastian Duesenberg

Die Rollenwechsel der Sänger werden durch wenige Accessoires sinnfällig gemacht: Harlekin hat weiße Clownsschminke im Gesicht, die beim Wechsel zum Soldaten mit einem Handspiegel als Hilfsmittel entfernt und zum Ende hin wieder aufgetragen wird. Bubikopf hat eine Pistole, Tod eine Sonnenbrille. Wenn Tod zum Lautsprecher mutiert, legt er die Sonnenbrille ab und markiert mit Kleidungsstücken (Richtermütze, Arztkittel,…), welche Rolle gerade eingenommen wird.

Die Reduktion der Rollen auf fünf Solostimmen ermöglicht es also, im Verlauf des Stückes fünf Lieder einzufügen und auf die einzelnen Stimmen zu verteilen. Klaus Simon hat diese Lieder für Kammerensemble arrangiert, so dass sie sich in den musikalischen Rahmen einfügen. Auch dramaturgisch ist dieser Kunstgriff kein Gewaltakt, da Ullmanns 18 Nummern scharf kontrastierend nebeneinanderstehen und nicht durchkomponiert sind. Durch die Lieder wird das Stück länger, lyrischer. Das Original ist buchstäblich zerhackt und hat keine „schönen Stellen“, abgesehen vom Duett zwischen Bubikopf und Soldat. Auf einmal jedoch hören wir Wohlklang mit Harmonien und kleinen Idyllen im Cello wie im Vorspiel zum dritten Akt der Meistersinger von Nürnberg. Vielleicht hätte es Ullmann so gewollt, wenn er gekonnt hätte – vielleicht hat er auch die Schroffheit mit Absicht so komponiert, der nun die Kanten abgeschliffen werden. Die manchmal fast erratisch nebeneinanderstehenden Nummern machen das Einfügen leicht. Doch die Lieder tragen zur Charakteristik der Figuren nichts bei – oder sie schaffen eine bislang nicht vorhandene Charakteristik, etwa wenn Tod / der Lautsprecher das Lied „Betrunken“ vorträgt. Die Eigenheit des Lautsprechers ist doch eigentlich, dass er keine Individualität hat.

Opera Factory Freiburg - E-Werk / Der Kaiser von Atlantis - hier : Kampf und Trommler © Sebastian Duesenberg

Opera Factory Freiburg – E-Werk / Der Kaiser von Atlantis – hier : Kampf und Trommler © Sebastian Duesenberg

Dieses Vorgehen betrifft ein grundsätzliches Problem, das auch im Programmheft unter dem Stichwort „dramaturgisches Theater“ angesprochen wird: Ist es legitim, überlieferte Texte oder Partituren anzureichern, neu zu arrangieren? Der Ansatz des Regietheaters, einem Stück auf Augenhöhe zu begegnen, wird hier auf die musikalische Seite ausgeweitet. War es vor dem Ersten Weltkrieg beispielsweise üblich, die Musikdramen Richard Wagners in gekürzten Fassungen zu spielen, wäre dies heute dem Publikum wohl kaum vermittelbar. Die Hamburger Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg von Peter Konwitschny von 2002 setzte auf den Schock, den musikalischen Fluss bei der Schlussansprache von Hans Sachs zu unterbrechen. Am Opernhaus Zürich hatte soeben eine gekürzte Fassung von Franz Schrekers Die Gezeichneten Premiere, die für diese Eingriffe in die musikalische Substanz scharf kritisiert wurde. Wie ist das Anreichern bei Der Kaiser von Atlantis zu bewerten? Angesichts der Überlieferungslage und der Tatsache, dass alles erhaltene Material nur ein Torso ist, ist dieses Unterfangen hier legitim, allerdings auch problembehaftet: Klaus Simon ist Experte für Lieder dieser Zeit – er hat eine Gesamteinspielung der Lieder Hans Pfitzners vorgelegt – und hat ein Gespür für die Lieder, die sich am besten in die Grundstimmung einfügen. Durch das Hinzunehmen der eher breit ausgesungenen Lieder geht aber das Kantatenhafte der Oper verloren. Eine verlängerte Oper ist auf jeden Fall besser als eine gekürzte Oper!

Das Publikum nahm diese erweiterte Fassung und die einerseits reduzierende, andererseits in einzelnen Augenblicken auch gekonnt zuspitzende Regie sehr freundlich auf. Ein Besuch ist unbedingt zu empfehlen. Die nächste Produktion dieses wichtigen Stückes in dieser Region ist bereits angekündigt und wird am 8. Februar 2019 am Theater Basel Premiere haben.

Der Kaiser von Atlantis im E-Werk Freiburg; weitere Vorstellungen am 16.10.; 19.10.; 20.10.; 21.10.2018

—| IOCO Kritik Opera Factory Freiburg |—

 

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