Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, wünscht schöne Bescherung, IOCO Aktuell, 21.12.2019

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Die Deutsche Oper am Rhein – Düsseldorf und Duisburg

wünscht allen eine schöne Bescherung und frohe Weihnachten 2019

 

Die Deutsche Oper am Rhein wünscht schöne Bescherung und frohe Weihnacht
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Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Große Oper – Aber wie? Wo? Für alle? IOCO Aktuell, 28.11.2019

Dezember 3, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, IOCO Aktuell

Oper Düsseldorf © IOCO

Oper Düsseldorf © IOCO

Deutsche Oper am Rhein

Düsseldorf und sein Opernhaus –  Sanierung, Umbau, Neubau

Zur Diskussion um die kulturelle Stadtentwicklung von Düsseldorf

von Karl-Hans Möller

Die Diskussion um die Zukunft der Deutschen Oper am Rhein nimmt Fahrt auf! Und das ist auch hohe Zeit, denn alle, die sich bisher verantwortungsbewusst mit dem Thema beschäftigt und danach geäußert haben, sind sich einig, dass der Zustand des Hauses am Düsseldorfer Hofgarten bedenklich ist, dass der Zahn der Zeit länger als unter normalen Umständen an dem Haus, seiner Bausubstanz und an seiner Bühnentechnik genagt hat und die ohnehin modernen Ansprüchen kaum gewachsenen räumlichen Bedingungen für Künstler und Mitarbeiter eine an ihre Grenzen führende Zumutung sind.

Die OPER soll kein VAMPIR werden

Wenn man davon ausgeht, dass jede Bühnentechnik nach dem Neubau nach etwa 30 Jahren saniert und teilerneuert werden muss und dann noch einmal zwei Jahrzehnte weiter nutzbar ist, wäre diese Zeit seit der 1956 gefeierten Wiedereröffnung des im Krieg zerstörten Theaterbaus (ursprünglich bis 1873 entstanden) weit überschritten. Dazu kommt der verdient glückliche Umstand, dass die gewachsene internationale Anerkennung der hohen sängerischen Qualität des Ensembles, das großartige Orchester und die bisher nur noch aus alter Verbundenheit anhaltende Bereitschaft mancheines weltweit anerkannten Regisseurs, in Düsseldorf zu arbeiten im krassem Gegensatz zu den aktuellen Produktions- und Erlebensbedingungen steht. Einige von Generalintendant Prof. Christoph Meyer eingeladene Starregisseure haben bereits bedauernd abgelehnt, weil ihre kühnen Ideen auch ein kühnes oder kühn-gezaubertes Ambiente brauchen. Objektiv fehlen Seiten- und Hinterbühne, die für einen Repertoirebetrieb mit täglich wechselndem Spiel und Probenplan unerlässlich sind, es fehlt die andernorts zumindest teilweise dem gegenwärtigen Standard entsprechende Bühnentechnik, die neue Sehgewohnheiten zu bedienen in der Lage ist und es fehlt an Möglichkeiten, das Haus der Stadt zu öffnen.

GROSSE OPER – VIEL THEATER ?

Grosse OPER - Viel THEATER? © DAM / Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Grosse OPER – Viel THEATER? © DAM / Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Vor dem Hintergrund einer alsbald zu treffenden Grundsatzentscheidung über Sanierung oder Neubau an bisherigem oder neuem Ort wurde die so betitelte Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums ins Opernfoyer eingeladen, um von Anfang Mai bis Mitte Juli 2019 zu zeigen, welche Lösungen mit Theater- oder Konzerthaus Um- oder Neubauten andernorts in Europa gefunden wurden, welche Probleme vorgedacht werden konnten, welche während des Baus auftauchten und wie sich die neuen Tempel in ihre Stadt einfügen oder ihren Status so verändern, dass sie auch teilweise als offenes Kulturzentrum wahr- und angenommen werden. Man sah Neubauten als Kern eines neuen Kulturquartiers wie die Elbphilharmonie Hamburg oder die Norske Opera & Ballett in Oslo. Vorgestellt wurde auch die komplette Umwidmung eines Industriegeländes zum Kulturkraftwerk Mitte in Dresden, das den Bühnen der Staatsoperette und des Theaters Junge Generation neue innerstädtische Heimat ist. Präsentiert werden ebenso modernisierte Umbauten bei Beibehaltung der historischen Bausubstanz wie bei der Deutschen Staatsoper unter den Linden in Berlin, dem Theater Heidelberg oder der nur vertikal erweiterbaren Opéra de Lyon, deren aufgesattelter Ballettsaal die Ästhetik eher schmückt denn stört. Grundrisse, Zeitpläne, Basisfakten, Kostenentwicklungen und Fotos geben eine Orientierung über zu erwartende Herausforderungen.

Europäische Tradition als Orientierung

Obwohl unter den innovativsten Neubauten des späten 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts neben dem nun schon historischen Segel-Bau der Oper Sydney vor allem Musiktheater in China, Singapur oder den Golfstaaten sind, hat die Ausstellung auf europäische Beispiele gesetzt, weil die Tradition eine vergleichbare sein muss.

Die europäische Theaterlandschaft ist immer noch geprägt durch das Repertoire- und Ensembletheater, durch ein ebenso regelmäßige wie vielfältige Opern-, Konzert- und Theaterbesuche garantierendes Abonnentensystem, durch den Anspruch, der Oper in der Stadt einen adäquaten Raum zu bieten, aber auch durch die Selbstverständlichkeit demokratischer Genehmigungsprozesse der Um- und Neubauten und den dafür notwendigen Mitspracheanspruch auch jener, die diesen (noch) nicht nutzen (wollen). Bei einer durchschnittlich zwölfjährigen Bauzeit von der Entscheidung zum kompletten Umbau oder zum Neubau – so zeigte die Präsentation – ist auch die Frage nach einer das Angebot aufrechterhaltenden Interimsspielstätte wichtig, denn eine Entwöhnung des Publikums ist nur schwer einholbar.

In seinem Eröffnungsbeitrag zur Ausstellung stellte Düsseldorfs OB Thomas Geisel fest: „Wir stehen in Düsseldorf vor einer wichtigen kulturpolitischen Entscheidung – soll die Oper saniert oder neu gebaut werden. …Dazu gilt es, die Zukunft des Musiktheaters genauso wie städtebauliche Konsequenzen für unsere Stadt im Blick zu behalten…“ und sein Kulturdezernent Hans-Georg Lohe stellt die entscheidende Frage: „Welche Oper braucht Düsseldorf in Zukunft?“

Dieser Problemstellung widmeten sich drei hervorragend besuchte Podiumsdiskussionen, die auch den eingeladenen Experten signalisierten, dass sich viele Menschen in Düsseldorf für IHRE Oper interessieren und dabei entweder Bewährtes zu bewahren, Innovatives zu wagen oder beides zu verbinden suchen.

Große Oper – aber wie?
Große Oper – aber wo?
Große Oper  –   für alle!

So waren die alsbald dem leidenschaftlich aber sachlich diskutierenden Expertenrunden überschrieben, wobei es kein Zufall war, dass das dritte Thema nicht als Frage, sondern als Auftrag formuliert war und für diese „Vorwegnahme der einzig zu rechtfertigenden Zielstellung“ auch allgemein Zustimmung bekam. Ich möchte – ungeordnet weil einander durchdringend –  nur einige Aspekte wiedergeben, die den bis Jahresende zur Grundsatzentscheidung gebetenen Kommunalpolitikern durch mehrheitliche Interessenbekundung ans nachdenkende Hirn und Herz gelegt werden:

Teatro di San Carlo in Neapel - verschalt © IOCO

Teatro di San Carlo in Neapel – verschalt © IOCO

Die Stadt entscheidet, welch eine Oper sie haben möchte

Alle Experten oder mit einer vergleichbaren Aufgabe bereits erfahrene Kultur- und Baupolitiker waren sich absolut einig in der Prämisse, dass jede Stadt entscheiden muss, was für eine Oper sie haben möchte, ob sie Heimat eines Repertoiretheaters mit großen Ensembles verschiedener Sparten sein darf, welchen Stellenwert sie dem Haus des Musiktheaters für die Standortqualität der Kommune in der Region oder im Land zuweist, welche Rolle ein solches Haus im städtebaulichen Ambiente für die kulturvolle Atmosphäre oder auch im Kontext kultureller Angebote spielen soll. Die Kopie selbst erfolgreicher Bau- und Betreiberkonzepte verbietet sich, weil auch die Unverwechselbarkeit ein Kriterium ist, das sich vor allem bei solch einer Theaterdichte wie in NRW als selbstverständlich versteht.

Anders als vor 200 Jahren, als jede größere Stadt ihr Haus nach vergleichbarem Muster haben wollte, ist spätestens seit dem großen Wurf der Oper Sydney der architektonische Kick in der Stadt ein Thema, scheint für das musikdramatische Selbstverständnis der Metropolen zunächst die Frage des „Leuchtturms“, des „Blickfangs“ oder auch der architektonischen Unverwechselbarkeit ebenso wichtig wie die eigentlich immer noch wesentlichste Frage der Qualität, die allerdings nur in einem solche Künstler anlockenden Rahmen auf Dauer möglich ist.

Das Sydney Opera House © IOCO

Das Sydney Opera House © IOCO

Shoebox  –  Vineyard  –  Horseshoe

Im Gegensatz zur Oper sind Konzerthäuser in der ihrer Form und Anordnung von Kunst- und Erlebensbereich inzwischen variabel geworden. Ihre tradierte Shoebox-shape (die einem Schuhkarton ähnelnde Anordnung von Bühne und Zuschauerraum – wie zum Beispiel im großartigen 1870 eröffneten Wiener Musikverein) wurde mit dem Bau der Berliner Philharmonie (1963) revolutioniert. Dessen Vineyard-shape, eine asymmetrische Anordnung der Zuschauerbereiche rund um das Orchester wurde inzwischen vielfach als Vorbild neuer Konzertsäle kopiert (zuletzt in der „Elphi“).

Die Opernstruktur ist aber eine traditionelle geblieben: Bühnenturm, Orchestergraben, Zuschauerraum im Horseshoe-shape (in der Hufeisenform, die sich nur durch die Anzahl der Ränge unterscheidet). Diese seit fast 400 Jahren prinzipiell unveränderte Dreiteilung ermöglicht zum Beispiel dem Fotografen Matthias Schaller eine kürzlich im Altenburger Lindenaumuseum präsentierte monumentale Collage von 150 von der Bühne aus aufgenommenen Fotografien der Auditorien italienischen Opernhäusern, deren frappierende Ähnlichkeiten mit der Mailänder Scala oder dem venezianischen Teatro La Fenice die bewährte Grundstruktur zeigen, in der Sänger über ein Orchester hinweg ohne Mikrophone selbst den letzten Platz akustisch erreichen.

Staatsoper Unter den Linden / Berlin - währen der 8-jährigen Sanierung © IOCO

Staatsoper Unter den Linden / Berlin – währen der 8-jährigen Sanierung © IOCO

Sichtbehinderungen zur Bühne waren dabei nicht nur Fehler der Architektur, sie waren auch der Eitelkeit jener geschuldet, die von vielen Plätzen aus gesehen werden wollten und deshalb seitlich die Balkons in Bühnennähe suchten … Wenn also jetzt zunehmend innovativ gedacht und geplant wird, geht es bei dem Kernraum der Oper nicht um revolutionäre Veränderung von Strukturen, sondern um weitgehende Perfektionierung der bewährten mit Hinblick auf das Publikum des 21. Jahrhunderts. Eine vielleicht aus ökonomischen Gründen angedachte Erhöhung der Kapazität verbietet sich. Im Gegenteil: gute Sicht, gutes Hören, eine Erkennbarkeit der Menschendarsteller auf der Bühne bis hin zur wahrnehmbaren Mimik ist eine Forderung, die mehr als maximal 1.500 Plätze nicht zulässt und auf eher weniger orientiert. Der Orchestergraben, in dessen Enge und Teilabdeckung die Musiker beim Fortissimo in großen Besetzungen teilweise gesundheitsschädigende Lautstärken aushalten müssen, braucht genügend Platz für Richard Wagner- und Richard Strauß-Besetzungen. Die Bühne muss für ein Repertoiretheater über ein modernes Zugsystem, das die Prospekte, Gassenabhängungen, Dekorationen im Turm verschwinden lässt, verfügen und braucht Hinter- und Seitenbühnen mit internem Transportsystem, um die Umbauten nicht zu Endlospausen und den Vorstellungswechsel nicht zu einer probenverhinderten Tagesaufgabe werden zu lassen. Ob man sich für einen Umbau oder Neubau des Opernhauses entscheidet: Diese Konsequenzen sind alternativlos, es sei denn man flickt weiter mit totaler Rissgarantie innerhalb kürzester Zeit.

Form follows Environment

Der zum zweiten Debattenabend eingeladene britische Architekt David Staples, einer der renommiertesten Kenner und Kritiker internationaler Theaterprojekte, sagt es deutlich: „Jede Stadt entscheidet, was sie will und bestimmt Funktion und Größe (ihres Theaters/Opernhauses)“ Auf einen Architekten-Hinweis aus dem Auditorium „form follows function“ (die Form folgt der Funktionsbestimmung) entgegnet er „No, form follows environment“ (die Form folgt der Umwelt/Umgebung) wobei er damit nicht grundsätzlich der Form-Funktion-Dialektik widerspricht. Aber es ist seiner Meinung nach wesentlich, ob ein Haus – wie die an die Stelle eines alten Industriegebietes neugebaute Oper Oslo – zum Kern eines neuen, mit der Natur (hier dem Zugang des Zentrums zum Fjord) harmonierenden Quartiers wird oder sich in ein städtebauliches Ensemble einpassen will oder muss. Für diese Entscheidung hat er kein Rezept, sein Wohlwollen für den bisherigen privilegierten Standort der Düsseldorfer Oper im Kulturkarree am Hofgarten klingt aber selbst bei britischer Zurückhaltung durch. Bezüglich Um- oder Neubau schlägt er vor, sich zwei Fragen zu stellen: „Erstens: ist es wirklich ein großes Gebäude, das den Umbau lohnt und Zweitens: ist ein Umbau das Geld wert, das er kosten wird“. Man könnte eine dritte Frage hinzufügen: Erlaubt ein Umbau die so dringend notwendige Öffnung des Hauses in Richtung Stadt, um auch jene an dem Projekt teilhaben zu lassen, die sich eher selten oder vielleicht sogar (vorerst) nie eine Karte kaufen würden.

Das neue Opernhaus von Oslo – Der neue Stolz der Stadt
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Dieser Aspekt wurde nicht zuletzt durch ein beeindruckendes Beispiel der Ausstellung, das auch immer wieder Anker der Gedanken in der Debatte war, deutlich: Den Norske Opera & Ballett in Oslo. Dabei war allen sehr schnell klar, dass dieses 2008 eröffnete Theater nur Impulse zum Nachdenken geben kann, denn zum einen hat sich das reiche Norwegen ein Staatstheater gebaut, zum anderen leistet sich Oslo ein um dieses Haus herum entstehendes neues Stadtviertel – das durch ein als begehbare Promenade und als Open-Air-Parkett dienendes Dach dem Zentrum den bisher hafenverbauten Zugang zum Fjord schenkt. Als Modell ist es nicht geeignet, wohl aber als lebendiges Denkmal einer Erfolgsgeschichte, die der bürgerlichen Hochkultur perfekte Heimat ist, ohne jemanden auszuschließen.

– ganztags geöffnet –

Früher waren Theater und Opern nach außen abgeschlossen, weil die Karteninhaber unter sich sei wollten. Sie erwachten wie „Vampire“ nur zu abendlichen Vorstellungen, und das auch nur für die scheinbar geschlossene Bildungsbürgergesellschaft und wurden deshalb von den sie nicht per Eintrittskarte erleben wollenden oder könnenden durchaus manchmal als zwar schöne, aber durch Lebendigeres ersetzbare „Blutsauger“ der Subventionen angesehen. In Norwegen wird die neue Oper nahezu durch das ganze Land angenommen, jede Kommune entsandte Sänger für den Riesenchor zur Eröffnung, 1,7 Millionen Besucher zählt das Haus, in dessen Foyerbereichen Profanes und Erhabenes koexistiert. Der Bau folgt dem skandinavischen „Jedermann‘s Recht“ nach dem es keinen Ausschluss einzelner von der Naturberührung geben darf und öffnet sich deshalb – bis auf den Theatersaal und die Bühne – der Stadtgesellschaft kostenfrei.

Die Oper Köln am Offenbachplatz wird seit vielen Jahren saniert © IOCO

Die Oper Köln am Offenbachplatz wird seit vielen Jahren saniert © IOCO

Auch die Hamburger „Elphi“, das neue Wahrzeichen der Hafen City ist für jedermann begehbar und als neue Aussichtsplattform zu erleben. Sieben Millionen Menschen haben das imposante Gebäude auf einem alten Speicher bereits besucht. Die Oper in Oslo ähnelt einem Eisberg. Ihr mit der Fjordlandschaft korrespondierendes Äußere gibt weitere Anknüpfungspunkte für die Debatte, denn nicht jedem ist klar, dass wie bei dem schwimmenden Eisriesen der größere Teil unsichtbar „unter Wasser“ liegt. So ist es im übertragenen Sinne auch bei einem Opernhaus, dessen Haustechnik (u.a. Klimaanlage und Frischluftzufuhr) und Bühnentechnik, Magazine, Probenräume und Werkstätten Raum brauchen. In Oslo bilden 73% der Fläche das sogenannten „Backstage-Village“, obwohl es rund um das Haus eine riesige Fläche gibt, die selbst während mehrerer gleichzeitiger Vorstellungen in den Theatersälen frei zugänglich ist.

Wenn man in Düsseldorf an alter Stelle neu baut – und das schien zumindest während der Debatten ein sich immer klarer artikulierender Wunsch an die im Dezember zur Entscheidung gebetenen Kommunalpolitiker zu sein – dann wird es nicht ohne Einschnitte in den benachbarten Teil des Hofgartens gehen, denn Seiten- und Hinterbühnen brauchen Platz. Unabhängig davon muss auch über Ausweichspielstätten oder Inszenierungsverlagerungen nach Duisburg nachgedacht werden und über Konzepte, die das neue Haus „öffnen“, die jeden Einwohner und die Gäste einladen. Zwingt man sich zur einer Sanierung unter „Denkmalschutz“, dann sollte man auf das ob des architektonischen Werts des Knobelsdorff-Baus nicht in Frage zu stellende Beispiel der „Deutschen Staatsoper“ in Berlin schauen, die ein tagsüber geschlossenes Gebäude bleiben muss und deren Umbau auch durch das unbedingt notwendige Bewahren extrem teuer war.

Mut zu Visionen

Ohne eine ausdrückliche Empfehlung abzugeben, sagte David Staples, dass er sich von den Deutschen mehr Mut für Visionen und für radikale Ideen wünsche und verwies auf die Pyramide, die dem Louvre einen völlig neuem, lichten und inzwischen weltbekannten Zugang schenkte.   Er meinte, dass man in Deutschland, wo die vielleicht technisch bestausgestattete Oper in einer sehr wenig einladenden Hülle lebt (die Deutsche Oper Berlin), zu viel vorauseilenden Gehorsam gegenüber Regeln zeige, statt diese einer großen Idee anzupassen. Unter Hinweis auf die Sichtbehinderung durch die Höhe des Geländers im wunderschönen Boulez-Saal in Berlin sagt er: Germans follow the regulations, others appeal or break the rules“. Er ermutigt zu Debatten, in denen die für Kunst, Städtebau und Architektur Verantwortlichen sagen können, WAS sie wollen, sich aber zunächst aus dem WIE weitgehend heraushalten: „If the brief is to long, the project will be wrong“ (Wenn die Vorgabenliste zu lang ist, wird das Projekt schlecht!) Er schlägt Visionen vor, die zu Plänen werden und nicht Pläne, die den Rahmen für gebremste Vorstellungen vorgeben.

Das klingt ermutigend, und kaum einer der den jeweils Debattierenden mit Beifall dankte, erwartet Oslo in Düsseldorf, ein begehbares Dach vom Hofgarten zur Rheinterasse. Aber es wurden Ideen geboren, denen Generalintendant Prof. Christoph Meyer viel abgewinnen kann: er sagte, dass Oslo ein Traum sei und Ideen wecken könne. Er wünscht sich auch für Düsseldorf einen Ort, der offen ist und andere Künste einlädt. Dessen Zentrum muss allerdings eine funktionierende Opernbühne mit Platz für Hinter-, Seitenbühnen und moderne Technik sein, die wiederum OPER FÜR ALLE produzieren will. Er wünscht sich auch eine kleine Spielstätte (bis 500 Plätze), die man für innovative Projekte benötigt und die die jetzt schon umfangreichen, aber zulasten der teuren Bühnenauslastung gehenden Angebote für Kinder regelmäßig möglich macht. Und er mahnt das Problem der Passfähigkeit mit der Schwesternbühne in Duisburg an, das unbedingt mitbedacht sein muss.

Düsseldorfer Schauspielhaus im Umbau © Karl-Hans Möller

Düsseldorfer Schauspielhaus im Umbau © Karl-Hans Möller

Für die Verantwortlichen im Rathaus plädiert Kulturdezernent Hans-Georg Lohe ebenfalls für eine Oper inmitten der Stadtgesellschaft, die sich als lebenden Ort wie auch das von ihm als Ikone des 20. Jahrhunderts geadelte Schauspielhaus nach seiner Wiedereröffnung im kommenden Frühjahr öffnen soll und will. Die geschäftige Baustelle verrät bereits jetzt, dass der 1970 eröffnete extravagant geschwungene weiße Bernhard-Pfau-Bau seine Stellung als Solitär auf dem Gustaf-Gründgens-Platz verlieren, aber viel an lebendiger Umgebung und anti-vampirischer „Begegnung“ gewinnen wird.

Bringen wir unsere Ideen an jene, die entscheiden, nehmen wir das Angebot zum Mit-denken an. Die neue Deutsche Oper am Rhein sollte auch „unsere Oper“ werden.

Diese Besprechung der öffentlichen Debatte um die ihren Um- oder Neubau dringend brauchende und fordernde Oper schrieb unser Autor für die „NEUE CHORSZENE“, das Magazin des 200 Jahre alten Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf, in dessen Konzertchor er in der rheinischen Musikszene engagiert ist. Dr. Karl-Hans Möller war als langjähriger Chefdramaturg der Theater Chemnitz und der Landesbühnen Sachsen sowie als Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen im Deutschen Bühnenverein mit Problemen vieler Um- und Ausbauarbeiten von Theatern befasst. Wir danken der Redaktion der „NEUEN CHORSZENE“ für die kostenfreie Überlassung des Artikels und empfehlen Lektüre dieser zweimal jährlich erscheinenden und online nachlesbaren Zeitschrift zum Düsseldorfer Musikleben (www.neue-chorszene.de).

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Düsseldorf, Rheinoper, Wozzeck von Alban Berg, IOCO Kritik, 30.10.2017

Oktober 31, 2017 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

  Wozzek von Alban Berg an der Rheinoper Düsseldorf

„Wir arme Leut“

Von Albrecht Schneider

Da werden in den USA in Las Vegas über fünfzig Menschen erschossen. Selbst diejenigen, die sonst alles zu wissen vorgeben, fragen jetzt: warum ist das geschehen? Die Antwortlosen sprechen alsbald von sinnloser Gewalt. Von Sinnlosigkeit ist stets dann die Rede, wenn ein Sinn sich nicht erkennen lässt. Allein Gewalt hat allzeit ihren Sinn, und genauso, obschon begreiflicher, das Ge­genstück: die Gewaltlosigkeit.

Die Gewalt des Staates gegen ein Individuum äußert sich nachdrücklich in der Vollstre­ckung seines Todesurteils. Das hält die eine Kategorie Moralisten für sinnlos. Mittels dieser Strafe, sagen sie, ist weder der Schuldige zu „bessern“, – einer ihrer Zwecke – noch, was Erfahrung lehrt, schreckt sie potentielle Täter ab. Zudem bleibt sie bei erwiesenem Fehlurteil irreversibel.

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg - hier Ensemble © Karl Forster

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg – hier Ensemble © Karl Forster

Die zweite Kategorie der Moralisten, alttestamentarisch geprägt, betrachten die Hinrichtung als sinnvoll, als absolute Gerechtigkeit: Auge um Auge. Einzig der Tod des Täters sühnt die Tat, einzig durch die endgültige Ausmerzung des Täters wird der Rechtsfrieden bewahrt.

Georg Büchners dramatischer Torso bereitet die Geschichte auf vom Anfang des Endes des fatalen Lebens des armen Mannes Woyzek. Der trägt das Kreuz des Daseins nicht mehr, er ist bereits daran genagelt. Ängste jagen ihm Schreckensbilder durch den Kopf. Die Gesellschaft hat ihm seinen Platz ganz unten, bei den „arme Leut“, zugeteilt. Gewalt erfährt er von der Hierarchie über ihm: Der Tambourmajor nimmt ihm die Geliebte, der Doktor missbraucht ihn zu medizinischen Experimenten, und der Hauptmann verdeutlicht ihm unentwegt und nach Kräften seine armselige Existenz. Sie gerät endgültig zur Marter, als ihm die Frau, seine einzige Garantin für ein bisschen Glück, verloren zu gehen droht. Sie zu töten, das sollte ihn von den großen Schmerzen erlösen. Die Tat wirkt bloß kurz, sie und die Phantasmagorie der erstochenen Marie quälen ihn jetzt bis zur Unerträglichkeit. Er sucht den Tod.

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg - hier Handwerksbursch und Narr © Karl Forster

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg – hier Handwerksbursch und Narr © Karl Forster

Fünfzehn Szenen daraus hat Alban Berg in Musik gesetzt und Stefan Herheimer sie an der Rheinoper in Düsseldorf auf die Bühne gebracht. Dessen Inszenierung bezieht sich auf das Schicksal des wahren Johann Woyzek, der anfangs des Neunzehnten Jahrhunderts seine Geliebte ermordete. Nach einem langen Prozess ob seiner Zurechnungsfähigkeit, die ihm wohl abzusprechen war, aber nicht wurde, verurteilte das Gericht den Mann gleichwohl zum Tode und ließ ihn öffentlich köpfen.

Mit dem Öffnen des Vorhangs wird der moderne Hinrichtungsraum eines Gefängnisses sichtbar. Stille. Die Wanduhr zeigt kurz vor sieben. Wozzek, im roten Anzug der Todeskandidaten, ist auf der Liege festgeschnallt. Schläuche in seinem Arm führen zu den Glaskolben voll der tödlichen Chemikalien, aufgebaut auf einem Schaltpult. Daneben steht das Wachpersonal, ein Geistlicher liest in einem Buch. Hinter ihm wartet der Arzt. In die Seitenwand ist eine Glasscheibe eingelassen, durch die Zeugen und Interessenten der Exekution zuschauen. Der Anstaltsdirektor blickt auf die gegenüber hängende elektrische Uhr. Wenn mit der vollen Stunde einer der Vollzugsbeamten den Schalter dreht, die Gifte in den Körper des Delinquenten zu rieseln und dessen Neuronen zu sterben beginnen, in der halben Minute zwischen Leben und Tod projiziert das Gehirn dem Wozzek noch einmal alle die Szenen, die unabwendbar sein eigenes gewaltsames Sterben heraufbeschworen haben.

Mit der einsetzenden Musik nimmt das Drama seinen Anfang, indem die grellhelle weißkalte Hinrichtungskammer zu einem Narrenhaus voller bösartiger Narren wird. Denn zugleich verwandeln sich auch, und das ist eine überzeugende Manipulation des Regisseurs, die Agenten des Staates, die soeben das Ritual der Vollstreckung betrieben haben, zu Hauptmann, Doktor und Tambourmajor. Nunmehr wirken sie, nicht minder gewalttätig in Aktion und Sprache, als Angehörige einer Gesellschaft, die einen wenig wehrhaften Mitmenschen zum Abgrund hin drängt.

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg - hier Bo Skovhus als Wozzeck und Camilla Nyland als Marie © Karl Forster

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg – hier Bo Skovhus als Wozzeck und Camilla Nyland als Marie © Karl Forster

Wozzek erhebt sich von der Liege. Der brave Soldat sieht sich den moralisierenden Tiraden wie sexuellen Griffen seines Hauptmanns ausgesetzt, indessen ihn der Doktor für diätetische Experimente missbraucht. Der Tambourmajor buhlt erfolgreich um Wozzeks Geliebte, die halb getrieben und halb gezwungen, schließlich mit ihm kopuliert. Um solches Milieu, in dem ein Wozzek sich niemals behaupten kann, zu illustrieren, überzeichnet die Regie die Figuren: alle haben sie einen Zug ins Skurrile, arbeiten sie sich hektisch und fast irre an ihrem Untergebenen ab. Der, ohnehin die Welt oft wahnhaft wahrnehmend, steht gedemütigt und hilflos in ihr herum. Bis er nicht länger leidendes Objekt, sondern ein handelndes Subjekt sein will. An dem Platz, wo sie beisammensitzen, färbt sich die Umgebung blutrot, als Marie sagt: „Wie der Mond rot aufgeht“. Wozzek hält das Rasiermesser in der Hand.

Am Ende ist der Zeiger der Uhr im Hinrichtungsraum über die sieben vorgerückt. Auf dessen Dach sitzen Hauptmann und Doktor mit Engelsflügeln und schwafeln. Anfangs hatte Wozzek einmal davon gesungen, dass „die arme Leut“, wenn sie in den Himmel kämen, donnern helfen müssten. Wartet nun statt des Himmels doch die Hölle mit den gleichen Figuren auf den Schmerzensmann Wozzek? Der tritt mit allen Beteiligten an die Rampe und starrt ins Publikum. Will er provokant fragen: Jetzt habt Ihr, brave Bürgelsleut, einmal gesehen, wie es garnicht so weit weg von Euch zugeht. Und was sagt Ihr dazu?

Alban Bergs Musik vervollkommnet das düstere, geniale Fragment des Georg Büchner zu einem grandiosen, wahrlich unter die Haut gehenden Geschehen. Diese Musik ist gewaltig. In sich trägt sie die Gewalt, welche wir, die Gesellschaft, wider die „arme Leut“ ausüben, die von Obrigkeiten ausgeht und jene, die ein schicksalhaftes Verhängnis dem Wozzek antut. Die Musik ist gleichermaßen gewaltig in ihrer Hymne der Herzensregungen wie dem Lamento der Infamien aller Personen. Sie bleibt auch gleich gewaltig, wenn sie sanft und leise, im Piano redet. Zwar hat sie die Tonalität aufgegeben, was ihr nicht das Geringste an Espressivo und Intensität nimmt. Den Text saugt sich nicht auf, vielmehr fügen sich Rede und Klang zusammen zu einem überwältigenden Kunstwerk.

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Ber - hier vlnr Doktor, Wozzeck und Hauptmann © Karl Forster

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Ber – hier vlnr Doktor, Wozzeck und Hauptmann © Karl Forster

Regie, Orchester und Ensemble der Rheinoper leisten eine Aufführung, in der Musik, Aktion und Bild verschmelzen zu einem Drama, das sich während der knapp zwei Stunden als Kunst in der Einheit zur Schau stell und zu Gehör bringt. Individuelles Können oder spezielle Bravour jedes ihrer Komplizen werden kaum wahrgenommen. Erst mit dem Verklingen des letzten Tons ist man aus der Geschichte des Wozzeks entlassen und kann daran gehen, die Protagonisten zu feiern.

Bo Skovhus ist von Gestalt, aber auch in Darstellung und Prosodie ein Wozzek, der die Figur in ihren wechselnden Zuständen deprimierend deutlich verlebendigt. Sein Kamerad Andres (Cornel Frey) ist ihm so ebenbürtig wie Mathias Kink als Hauptmann und der Doktor des Sami Luttinen. Der Tambourmajor des Corby Welch prahlt und prügelt erst dessen Geliebte Marie in die Horizontale und hernach den Wozzek zusammen. Ein Macho auch in der Stimme. Dass ihm und ihr gleichermaßen die zunächst widerstrebende Marie erliegt, die Frau später den Frevel an ihrem Wozzek auch mit fast volksliedhaften Tönen bereut, das singt makellos und spielt sinnlich wie melancholisch Camilla Nyland. Sie alle irrlichtern, tanzen und poltern um sich und um einander herum: ein groteskes Benehmen an einem der Realität fernen wie zugleich sehr nahen Ort. Exemplarisch vorgeführt werden uns der Aberwitz und die Gemeinheit der Verhältnisse, sich offenbarend in eines Staates zwei wesentlichen Institutionen: Dem Militär und der Justiz.

Axel Kober, der musikalischer Chef der Oper und des Abends, treibt das Orchester zu einer perfekten Wiedergabe von Bergs Partitur. Sie rundet, gestaltet, formt Georg Büchners geniale Skizzen zu der ersten atonalen Oper der Moderne. Der Dirigent weckt in seinen Instrumentalisten alle Kräfte, und mithin fehlt es der Musik zu gegebener Zeit niemals an Wucht wie Zartheit, an Dynamik und Schattierung.

Es ist etwas Ungeheuerliches, was das Publikum an diesem Abend erlebt. Dessen Beifall fällt laut und ausgiebig, doch nicht enthusiastisch (was verdient gewesen wäre) aus, weil man erst aus einer ungeheuerlichen, wahnwitzigen in die eigene und scheinbar vernünftige Welt zurückzufinden hat.

Wozzeck von Alban Berg an der Rheinoper in Düsseldorf; weitere Termine 2.11.; 5.11.; 19.11.; 23.11.; 26.11.2017

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

 

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere Otello von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 11.10.2016

Oktober 12, 2016 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Otello an der Rheinoper Düsseldorf: Ein Sturm, eine brutale Äußerung der Natur, leitet das Drama ein, und es schließt mit einem Kuss, dem innigsten Liebeszeichen des Menschen. Dazwischen richtet Jago, als nahezu mephistophelisches Modell eine Spottgeburt (Goethe) aus Neid und Hass, mittels einer ba­nalen Intrige die von einem Paar als Erfüllung empfundene Verbindung zu­grunde. Der Mann, Otello, von der afrikanischen Abstammung her…….

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

„Frauenmord auf Zypern“

Giuseppe Verdis OTELLO an der DEUTSCHEN OPER AM RHEIN

Von Albrecht Schneider

Ein Sturm, eine brutale Äußerung der Natur, leitet das Drama ein, und es schließt mit einem Kuss, dem innigsten Liebeszeichen des Menschen. Dazwischen richtet Jago, als nahezu mephistophelisches Modell eine Spottgeburt (Goethe) aus Neid und Hass, mittels einer ba­nalen Intrige die von einem Paar als Erfüllung empfundene Verbindung zu­grunde. Der Mann, Otello, von der afrikanischen Abstammung her in der Gesellschaft ein Außenseiter, der er trotz seiner militärischen Erfolge und seines Prestiges geblieben ist, zerbricht an dem Liebesverlust, der in der scheinbaren Untreue seiner ihn geradezu anbetenden Gattin Desdemona gründet. Er tötet die Frau.

Deutsche Oper am Rhein / Otello - Zoran Todorovich als Otello © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Otello – Zoran Todorovich als Otello © Hans Jörg Michel

Otello, der sieghafte General in Diensten Venedigs, bezwingt zwar dessen Feinde, allein die Strategie seines Fähnrichs und Verleumders Jago, eines Fürsten der Lüge, vermag er nicht zu durchschauen. Über die eigene Blindheit erst nach dem Mord aufgeklärt, will und kann er nicht weiterleben und ersticht sich. Sterbend küsst er die Geliebte ein letztes Mal.

Beginnend mit den ff. Tuttischlägen des Orchesters und in einem Ungestüm, das sich im Verlauf der vier Akte verflüchtigt, rauscht die Handlung gleich einem Unwetter vorüber. Mit einem in die Stille des Todes ausklingenden p. F-Dur Akkord kommt sie zu ihrem Ende.

In Michael Thalheimers Inszenierung an der Rheinoper zu Düsseldorf geschieht das alles in einem schwarzen Kubus. Nirgendwo leuchtet ein Farbfleck, nirgendwo haftet ein Zeichen, das Zeit und Ort des Geschehens, den Rang von Mann und Frau verrät. Alle sind schwarz gekleidet. Otellos Gesicht trägt Schwarz als Maske. Vielleicht auch als Stigma. Das anfangs den Vernichter der feindlichen Flotte begrüßende Volk von Zypern suggeriert als ein mächtiger schwarzer Menschenhaufen im Hintergrund eher Drohung denn Jubelgesang. Eingegrenzt von vier hohen, dunklen Wänden agieren die Figuren lediglich in einem schmalen Lichtkegel, und der erlaubt ihnen nicht immer einen Schatten zu werfen. In dem Milieu gedeiht die schwarze Seele des Jago, der die Beziehungen aller Personen um ihn herum erfolgreich zu demolieren unternimmt.

„Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“, fragt Danton in Georg Büchners Theaterstück bereits 1835. Eine Frage, die zeitlos ist. Und auf die es unendlich viele Antworten gibt.

Deutsche Oper am Rhein/ Otello - Vorne Statsenko, Todorovich, Purcel, hinten Jaqueline Wagner © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein/ Otello – Vorne Statsenko, Todorovich, Purcel, hinten Jaqueline Wagner © Hans Jörg Michel

Als Kopfgeburten des labilen Otello, als Kreaturen von dessen Wesens dunkler Seite, präsentiert der Regisseur die Akteure. Jago (Boris Statsenko), ein amoralischer Nihilist, Cassio (Ovidiu Purcel) ein ehrpusseliger, blasser Hauptmann, Roderigo (Florian Simson) ein manipulierbarer, triebgesteuerter Edelmann, Emilia (Sarah Ferede), Jagos Gattin, eine gedemütigte und sich zu spät befreiende Frau. Begreiflich werden sie durch die Herkunft des erfolgreichen Generals, dessen zwar hervorgehobenen, gleichwohl allzeit sturzbedrohten Rang in einer intriganten Umgebung, die ihn als exotischen Fremdling und Emporkömmling wie ein körperfremdes Implantat eher abstoßen als würdigen möchte. Von solcher Fraktion affektgesteuerter Dunkelmänner muss sich Desdemona (Jacquelyn Wagner) in einer unbedingten Hingabe an ihren Helden, wenngleich nicht sichtbar, leuchtend abheben. Bar jeder Dekoration und in dem kargen Licht gerät in Michael Thalheimers Exegese die Geschichte absoluter, unerbittlicher. Nichts lenkt ab, niemandem wird ein Moment der Besinnung erlaubt.

Deutsche Oper am Rhein / Otello - Jaqueline Wagner als Desdemona © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Otello – Jaqueline Wagner als Desdemona © Hans Jörg Michel

 

Das Orchester (Dirigent Axel Kober) bleibt der Partitur nichts schuldig. Niemals scheppern die Blechbläser, (was bei Verdi  schnell passiert), das Englischhorn wird wohl sogar weinen können, und auch den Streichern ist die Musik hörbar wie auf die Instrumente geschrieben. Die Gemeinschaft der Musikanten äußert sich gleich stürmisch, heroisch, jubelnd, seufzend, klagend und endlich verklingend wie die stimmlich perfekten Sängerschauspielerinnen und -spieler über ihr.

Das Scheitern an den eigenen Ichs: Das Drama des Untergangs eines Menschen zwingend in Szene zu setzen, das ist auf der Bühne der Rheinoper überzeugend gelungen. William Shakespeare, der Otello 1622 in das Theater brachte, Arrigi Boito, der nach ihm das Textbuch verfasste, und Giuseppe Verdi wären vermutlich mit dieser Aufführung ebenso einverstanden gewesen   wie das Düsseldorfer Publikum, welches mit großem Beifall nicht geizte. IOCO / Albrecht Schneider / 11.10.2016

Otello in der Deutschen Oper am Rhein:  Weitere Termine 13.10.2016, 16.10.2016, 19.10.2016, 22.10.2016, 29.10.2016, 1.11.2016, 4.11.2016, 10.11.2016, 12.11.2016.

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