Chemnitz, Theater Chemnitz, Hamlet – Oper von Franco Faccio, IOCO Kritik, 20.03.2019

März 20, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Hamlet – Oper von Franco Faccio

132 Jahre verschollen – Deutsche Erstaufführung in Chemnitz,  Inszenierung von Olivier Tambosi

von Thomas Thielemann

Das Theater Chemnitz hatte zum zweiten Zyklus der deutschen Erstaufführung der Oper Hamlet (Amleto) von Franco Faccio (1840-1891) eingeladen.

Der dreiundzwanzigjährige Schriftsteller Arrigo Boito (1842-1918) dichtete in Anlehnung des Shakespeare-Dramas Hamlet für seinen Schulfreund, den fünfundzwanzigjährigen Komponisten Franco Faccio, in den 1860er Jahren das Amleto-Libretto.

Hamlet – Oper von Franco Faccio
Youtube Trailer der Theater Chemnitz
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William Shakespeare schuf sein Bühnenstück The Tragicall Historie of Hamlet, Prince of Denmarke zwischen Februar 1601 und Sommer 1602. Von einer Vielzahl von nordischen Legenden angeregt, die der Chronist „Saxo Gramaticus“ im 13. Jahrhundert in seiner „Gesta Danorum“ aufbewahrt hatte, war über das tragische Schicksal eines dänischen Prinzen sein Bühnenwerk gestaltet worden. Wohl der Tod eines ihm verwandten Mädchens, das im Alter von zweieinhalb Jahren beim Blumenpflücken ertrank und den fünf Jahre alten William tief beeindruckte, verdanken wir die Figur der Ophelia in der Tragödie.

Arrigo Boito hatte das Libretto so eng als möglich an Shakespeare angelehnt, reduzierte die 19 Szenen auf sieben, beließ aber die Zitate der großen Monologe „Sein oder Nichtsein“; „Oh, dass auch dieses feste Fleisch schmelzen würde“; „Der Rest ist Schweigen“ u. a.. Er verwendete auch eine größere Vielfalt von Versformen und Ausdrücken, die sich in seinen späteren Shakespeare-Libretti nicht mehr finden.

Franco Faccio komponierte dafür eine hochdramatische, aber wenig poetische Musik. Eingängige Melodien fehlen ebenso wie profilierte Themen für die Neben-Charaktere. Selbst die leidgeprüfte Ophelia bleibt, wie alle Mitspieler des Titel-Tenors, seltsam farblos. Von der Stilistik scheint  der späte  Verdi vorweggenommen.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlet, Getrud und Claudius © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Hamlet, Getrud und Claudius © Nasser Hashemin

Mit der Komposition des Librettos haben diese beiden Burschen die erste Vertonung eines Shakespeare-Stoffes in der Reihe italienischer Shakespeare-Vertonungen geschaffen und damit eigentlich die Opernwelt von Kopf bis Fuß erneuert.

Obwohl insbesondere Arrigo Boito an die Tragödie in vier Akten viele Erwartungen und Hoffnungen knüpfte, führte die begeistert aufgenommene Premiere im Teatro Carlo Felice in Genua am 30. Mai 1865 nicht zu einem nachhaltigen Erfolg. „Die Oper sei nicht melodisch genug“. Eine überarbeitete Fassung des Amleto geriet am 12. Februar 1871 an der Mailänder Scala dann zum Misserfolg, weil der Tenor der Titelrolle „vollkommen ohne Stimme und desorientiert“ kaum zu hören war. Entmutigt vernichtete Faccio Teile des Notenmaterials, bemühte sich nicht weiter um seine Komposition und begnügte sich als erfolgreicher Dirigent vor allem Verdi-Kompositionen zum Erfolg zu verhelfen. Auch Boito konzentrierte sich auf seine Schriftsteller–Arbeit, komponierte die Erfolgsoper Mefistofele und ist uns vor allem als Verdi-Librettist ein Begriff geworden. Selbst Bemühungen des Faccio-Schülers Antonio Smareglia um die Partitur blieben erfolglos.

Mehr als hundert Jahre haben die Fragmente dieser Arbeit von Arrigo Boito und Franco Faccio in den Archiven des Musikverlages Ricordi geschlummert, bis der amerikanische Musikwissenschaftler und Dirigent Anthony Barrese im Jahre 2003 begonnen hat, diesen Schatz zu heben. Mit einigen Helfern sichtete er mit erheblichen Mühen das Material, das zum Teil auf Mikrofilm oder als verblasste Autographen zur Verfügung stand. Nach Variantenvergleichen und über die Erstellung einer Klavier-Vocal- Partitur  vervollständigte er bis zum Dezember 2004 die Oper Amaleto.

Auf die Bühne brachte der Perfektionist Antonio Barrese seine Rekonstruktion nur schrittweise. Erst mit der ersten Wiederaufführung 2014 in Albuquerque (New- Mexiko) war Amleto der Opernbühne zurück gegeben. Nach Europa kam die Opernrekonstruktion am 20. Juli 2016 mit einer opulenten Inszenierung von Olivier Tambosi bei den Bregenzer Festspielen. Aus Unsicherheit, wie das verwöhnte Publikum diese „Neuheit“ aufnehmen werde, gab es in Bregenz nur ganze drei Aufführungen.

Die Oper Chemnitz übernahm die Bregenzer Arbeit mit dem gefragten Regisseur nebst dessen Ausstatter-Team für eine deutsche Uraufführung und brachte eine faszinierende Inszenierung auf die Bühne.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Hamlets Vater erscheint als Geist © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Hamlets Vater erscheint als Geist © Nasser Hashemin

Die Handlung springt mit dem Krönungsfest und einem Trinklied des neuen Königs mitten ins Geschehen. Diese Feststimmung mit dem Trinklied kehrte im Schlussakt wieder, wobei sich die Situation zur allseits bekannten skurrilen Mordserie entwickelt. Damit erhält die Handlung einen Rahmen, in dem Olivier Tambosi den traurig-zögerlichen Prinzen als den Rächer, den Liebhaber, den Sohn, den Philosophen, den Intriganten und den Theaterkritiker in jedem Part Glaubwürdigkeit verschafft.

Die Bühne des Frank Philipp Schlößmann und die historisierten Kostüme der Gesine Völlm streng in Rot-Schwarz-Weiß sowie eine gekonnte Lichtregie des Davy  Cunningham schaffen eine permanent gespenstige Grundstimmung. Eine Ausnahme bietet nur das in Grün-Beige gestaltete Schauspiel, von Boito als Persiflage auf das Opernwesen seiner Zeit gestaltet.

Mit gekonnter Personenführung, intensiver Einbeziehung des perfekten Chores, der Tänzerinnen und kreativer Nutzung der Drehbühne schafft er, die übrigen Protagonisten mit Hamlet in Beziehung zu bringen. Da ist vieles konzentriert, bündig und schlagkräftig. Vor allem ab dem dritten Akt steigert sich die Aufführung.

Die Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie mit dem Dirigat des Dan Raciu bringen neben einer ausgereiften Sängerbegleitung vor allem die den Schöpfern der Oper so wichtige sinfonische Ausmalung der Partitur zur Geltung.

Für die Hauptrollen waren ausgezeichnete Sängerdarsteller aufgeboten worden. Mit packend intensivem Spiel und mit nüchtern-heller flexibler Tenorstimme gab der Spanier Gustavo Peña dem zerrissenen Titelhelden die notwendige Struktur. Dem König Claudius in seinem fiesen Denken wurde von Pierre-Yves Pruvot mit seinem dunkel-bedrohlichem Bariton überzeugende Wirkung verschafft. Als Hamlets Mutter Gertrud sang und spielte Katerina  Hebelkova mit einem dunklen Mezzo in der Tiefe und gleisnerisch in der Höhe die dramatischen Glanzpunkte der Aufführung. Packend war die Ophelia von Guibee Yang mit ihrem weichen strömenden Sopran in den Szenen ihrer Liebe und Verzweiflung.

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio - hier : Ophelia und Hamlet © Nasser Hashemin

Theater Chemnitz / Hamlet von Franco Faccio – hier : Ophelia und Hamlet © Nasser Hashemin

Wären noch zu erwähnen: der elektronisch-akustisch verstärkte Bass-Bariton von Noé Colín als bedrohlich tönender Geist des ermordeten Vater  Hamlets, das ordentlich besetzte Freundespaar des Titelhelden Horatio – Marcello mit Ricardo Llamas Márques und Matthias Winter sowie der etwas schwächere  Laertes von Cosmin Ifrim.

Wegen des Ausfalls des Polonius-Darstellers wurden die Partien des Hofmarschalls vom Bass des Hausensembles Ulrich Schneider überzeugend von der Seite zu Gehör gebracht und szenisch vom Statisten Mario Koch auf der Bühne implantiert.

Ein Sonntag-Nachmittag, der wieder einmal unser Verlangen nach Musik abseits des gängigen Repertoires gestillt hatte. Vor allem deshalb, weil diese Neuentdeckungen vor halsbrecherischen Verfremdungen geschützt sind. Letztlich bleibt aber für den von Wagner, Mahler und Bruckner verwöhnten Hörer, dass die Komposition Faccios  nicht über die erwartete Dramatik und Tiefe verfügt.

Im Spielplan des Chemnitzer Opernhauses sind noch Vorstellungen der zu empfehlenden Hamlet-Inszenierung am 29. März, am 28. April und am 5. Mai 2019 aufgeführt.

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Der Rosenkavalier von Richard Strauss, IOCO Kritik, 21.02.2018

Februar 21, 2018 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Der Rosenkavalier von Richard Strauss

„Im Reich der Klangfarben“

Von Uschi Reifenberg

Zu einem Opernabend der Superlative geriet der Rosenkavalier am Nationaltheater Mannheim in der Wiederaufnahme von Olivier Tambosi aus dem Jahre 1997. Nicht nur das herausragende Dirigat von Alexander Soddy, das beglückend aufspielende Orchester, sondern auch das in nahezu allen Rollen exzellent gestaltende hauseigene Ensemble ließ die “Komödie für Musik“ zu einem „ festlichen Opernabend“ werden.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier vl Maria Markina als Octavian und Astrid Kessler als Marschallin © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier vl Maria Markina als Octavian und Astrid Kessler als Marschallin © Hans Jörg Michel

Der Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ist eines der meist gespielten Werke der Opernliteratur und eine der genialsten musikalischen Komödien überhaupt. Nach den eher düsteren antiken Stoffen von Salome und Elektra drängte es Strauss zu einem heiteren, leichten Stoff nach mozartschem Vorbild. Die von Hofmannsthal 1909 erfundene Komödienhandlung vermittelt ein lebendiges Wiener Sittenbild aus der Zeit Maria Theresias um 1740. Stilmittel der opera buffa wie Verkleidung, Verwechslung und Intrigen fehlen ebenso wenig wie die Typencharaktere von Zofe, Notar oder Medicus. Auch die Hosenrolle des Octavian verweist auf Mozarts berühmtes Vorbild, den Cherubino in Figaros Hochzeit.
Beschritt Strauss in den Opern Salome und Elektra den Weg in die musikalische Avantgarde mit hochexpressiven Dissonanzverbindungen, die bis an die Grenzen der Tonalität führten, so wandte er sich im Rosenkavalier wieder der traditionellen Kompositionsästhetik des 19. Jahrhunderts zu. 1909 komponierte Arnold Schönberg die Klavierstücke op. 11, die in ihrer Atonalität als ein Fundament der modernen Musik gelten. In diesem Kontext fungiert der Rosenkavalier – 1911 in Dresden uraufgeführt – mit seiner Rokoko- Verspieltheit, Walzerseligkeit und Maskerade auch als Gegenentwurf einer kunstvoll verklärten Epoche zu den konsequenten Entwicklungen der Moderne.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier vl Thomas Berau, Estelle Kruger, Patrick Zielke als Baron Ochs auf Lerchenau und Nikola Hillebrand als Sophie © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier vl Thomas Berau, Estelle Kruger, Patrick Zielke als Baron Ochs auf Lerchenau und Nikola Hillebrand als Sophie © Hans Jörg Michel

Die Vergänglichkeit, das unausweichliche Verrinnen der Zeit, das von der Marschallin in ihrem Monolog melancholisch reflektiert wird, durchzieht wie ein Leitfaden das gesamte Werk: „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie.“ Die Resignation angesichts ihres nahenden Alters verwandelt die Marschallin am Ende der Oper in weisen Verzicht und Altersmilde, ähnlich dem Hans Sachs in Wagners Meistersingern. Wahre Größe beweist sie, wenn Sie ihren jungen Liebhaber Octavian seiner gleichaltrigen geliebten Sophie zuführt.

  Inszenierung von Olivier Tambosi – 1997

Die Inszenierung von Olivier Tambosi von 1997 verzichtet konsequent auf historisierendes Ambiente und lässt durch Reduktion der Bühnenbilder und ausladende farbige Räume viel Platz für eine differenzierte Personenführung. Frank Philipp Schlössmann zeichnet verantwortlich für die Bühne und die farbenprächtigen Kostüme. Den 1. Akt prägt ein blauer Innenraum mit großem Wandspiegel, dessen Boden mit Silberpapier ausgekleidet, Wasser und Wellen symbolisiert. In der Mitte steht ein Boot, das dem Liebespaar Marschallin – Octavian als Bett dient. Faninals Palast erstrahlt in gleißendem Weiß, an dessen Wänden zahlreiche kleine Kanonen angebracht sind, was der Szene einen surrealen Charakter verleiht. Das Bühnenbild des 3. Aktes ist in leuchtendem rot gehalten, bestückt mit einem geneigten Holzgehäuse als „Beisel“, welches am Ende entrümpelt wird und auseinander driftet. Zurück bleibt ein einsames Bett vor blauem Hintergrund, anknüpfend an das erste Bild, in welchem nun die jungen Liebenden ihr Schlussduett singen.

Astrid Kessler gestaltet eine fragile, jugendliche Marschallin mit höhensicherem, in allen Lagen ausgeglichenem lyrischen Sopran und findet in ihrem Zeitmonolog zu sensiblen Zwischentönen, beseelten piani und anrührender Melancholie im Bewusstsein des Alterns, der Verwandlung und des Abschieds. Beeindruckende Leuchtkraft entwickelt ihr Sopran im ausdrucksstarken Schlussterzett. Patrik Zielke stattet den bäurisch-dionysischen Baron Ochs auf Lerchenau mit machohaftem Dünkel aus, vor dessen handgreiflichen Avancen kein weibliches Wesen sicher ist. Mit seinem höhensicherem Bass und viel Sinn für den hintergründigem Humor der Hofmannsthalschen Dichtung lässt er auch in puncto Textverständlichkeit keine Wünsche offen.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier Ensemble © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier Ensemble © Hans Jörg Michel

Maria Markina als Octavian schlüpft virtuos in die verschiedenen Verkleidungen und überzeugt sowohl als feinsinniger Aristokrat und Überbringer der silbernen Rose wie als unbedarftes Mariandl vom Land. Ihr voluminöser Mezzo weist deutlich ins dramatische Fach und besticht mit schöner Phrasierung der weit geschwungenen Strauss‘schen Bögen.  Nikola Hillebrand ist als Sophie das perfekte Wiener Madl. Glaubhaft gestaltet sie die Entwicklung vom Aufkeimen ihrer ersten Liebe zur selbstbewussten jungen Frau.
Ihr heller Sopran schwingt sich in silberne Höhen und scheint nach oben keine Grenzen zu kennen. Im magischen Moment des gegenseitigen Sich- Erkennens scheint die Zeit still zu stehen und man möchte „zum Augenblicke sagen: verweile doch, du bist so schön.“

Thomas Berau als neureicher Waffenhändler Faninal, der seine Tochter Sophie an Ochs verschachern möchte, beeindruckt mit großer Stimme und heldischem Aplomb. Als Valzacchi überzeugt Christoph Diffey mit klarem hellen Tenor und Marie-Belle Sandis gibt seiner Mitstreiterin Annina mit volltönendem und tragfähigem Mezzo Charakterschärfe. Als vorzügliche Leitmetzerin gefällt Estelle Kruger mit strahlenden Spitzentönen. Andreas Hermann verströmt als Sänger üppigen Belcanto -Wohlklang und als Wirt erfreut Uwe Eikötter mit markantem Charaktertenor. Tibor Brouwer gestaltet sowohl den Notar als auch den Polizeikommissar mit schön timbriertem Bariton. Des Weiteren runden Jung-Woo Hong, Markus Grassmann, Lara Brust, Leah Weisbrodt und Aglaia Ast das hervorragende Ensemble ab.
Alexander Soddy und das Nationaltheater Orchester liefern ein wahres Feuerwerk an Klangfarben und ziehen alle Register ihres Könnens. In den kammermusikalisch intimen Momenten mit Detailausformung, feiner Präzisierung, wunderbar austariertem Holzbläsersoli, perfekt balanciertem Blech, expressiv wogenden Klangschichtungen mit dramatischen Zugriff bis zum orgiastischen Walzertaumel leuchtet Soddy alle Facetten der Strauss‘schen Tonsprache aus. Tadellos auch Chor und Kinderchor des Nationaltheaters.

Das begeisterte Publikum im ausverkauften Opernhaus entließ alle Mitwirkenden erst nach langem Beifall.

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Wien, Volksoper Wien, Volksoper und Robert Meyer erfolgreich, IOCO Aktuell, 02.07.2016

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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

 Die Volksoper Wien muß man erlebt haben!

316.000 Besucher in 2015/16 – Axel an der Himmelstür:  Ante portas!

Die Volksoper Wien ist nach der Wiener Staatsoper (2200 Plätze) das zweitgrößte Opernhaus in Wien. Operetten, Opern, Musicals und Ballett wird dort produziert. Mit 1261 Sitzplätzen ist es so groß wie die Opernhäuser in Frankfurt, Düsseldorf oder Hannover.

2015/16 blickt die Volksoper Wien blickt auf eine ihrer erfolgreichsten Saisons zurück. 316.000 Zuschauer haben in der Spielzeit die Volksoper besucht. Die Auslastung in Wien lag bei 83,23% Prozent. 303 Vorstellungen wurdenin der Saison 2015/16 geboten, neben 19 Repertoirestücken und vier Wiederaufnahmen feierten acht Neuproduktionen ihre erfolgreiche Premiere.

Wien / Volksoper - Robert Meyer als Don Quixote © Barbara Pálffy - Volksoper

Wien / Volksoper – Robert Meyer als Don Quixote © Barbara Pálffy – Volksoper

Eröffnet wurde die Saison mit Ralph Benatzkys Im weißen Rössl in der Regie von Josef E. Köpplinger mit Sigrid Hauser (Josepha Vogelhuber) und Daniel Prohaska (Leopold). Im Oktober träumte Robert Meyer als Don Quixote in Der Mann von La Mancha den unmöglichen Traum (Dirigent: Lorenz C. Aichner, Regie: Olivier Tambosi). Im November inszenierte Theatermagier Achim Freyer Mozarts Don Giovanni. Josef Wagner sang die Titelrolle, Jac von Steen dirigierte das Orchester der Volksoper Wien. Die Ballettpremiere Die Schneekönigin in der Choreographie von Michael Corder mit Olga Esina als eiskalte Herrscherin begeisterte Ballettfreunde ebenso wie Familien. Das klangprächtige Musical Kismet beschwor im Jänner die Glanzzeiten des Broadways herauf. Joseph R. Olefirowicz dirigierte die konzertanten Aufführungen des orientalischen Märchens, das auf Musik von Alexander Borodin beruht und als Auftakt zur Premiere von Fürst Igor im März gezeigt wurde. Borodins russische Nationaloper wurde von Thomas Schulte-Michels in Szene gesetzt. Unter der Leitung von Alfred Eschwé debütierte Sebastian Holecek als tragischer Titelheld. Der Februar stand ganz im Zeichen des Wiener Kongress und von Werner Richard Heymann, dessen 120. Geburtstag sich 2016 jährte. Robert Meyer inszenierte die Operette Der Kongress tanzt und intrigierte als Fürst Metternich. Die Doppelrolle Zar Alexander/Uralsky bot Boris Eder die Möglichkeit, alle Register seines komödiantischen Könnens zu ziehen. Die Arrangements stammten von Christian Kolonovits, der die Vorstellungen auch dirigierte. Karl Millöckers Operette Der Bettelstudent in der Regie von Anatol Preissler und unter der musikalischen Leitung von Wolfram Maria Märtig beendete im April den Premierenreigen, kurz bevor die Volksoper für ein dreiwöchiges Gastspiel nach Japan reiste.

Von 10.-30. Mai 2016 führte im Bunka Kaikan Theater in Tokio das Volksopern-Ensemble die Operetten Die Csárdásfürstin, Die Fledermaus und Die lustige Witwe aufgeführt. Trotz des enormen Personalaufwands – insgesamt waren 220 Personen an dem Gastspiel beteiligt – ging der Spielbetrieb in Wien ungestört weiter und die Wiederaufnahmen der Musicals Anatevka mit KS Kurt Rydl als Tevje und The Sound of Music sowie des Balletts Marie Antoinette sorgten für ein volles Haus.

 Premiere  Axel an der Himmelstür 

Wien / Volksoper in der Vorstellungspause © IOCO

Wien / Volksoper in der Vorstellungspause © IOCO

Seit Anfang Juni wird bereits für die Eröffnungspremiere der kommenden Saison geprobt. Am 17. September bringt Ralph Benatzkys Axel an der Himmelstür einen Hauch von Hollywood nach Wien. 80 Jahre nach der Uraufführung kommt die Geschichte rund um den Möchtegern-Reporter Axel, der seine große Chance hinter einer Story über den Kinostar Gloria Mills wittert, erstmals auf die Bühne der Volksoper. Die Hauptrolle der exzentrischen Hollywoodgöttin Gloria Mills gestaltet Bettina Mönch, Andreas Bieber heftet sich als Reporter Axel Swift an ihre Fersen. Die Regie liegt in den bewährten Händen von Peter Lund, Lorenz C. Aichner steht am Pult des Volksopernorchesters. PM Volksoper / IOCO

Wien, Volksoper Wien, Der Mann von La Mancha – Mitch Leigh, Dale Wasserman, IOCO Kritik, 23.04.2016

April 23, 2016 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

Der Mann von La Mancha –  Mitch Leigh, Dale Wasserman

 Kultmusical in Wien: Robert Meyer ist Miguel de Cervantes

Wien / Volksoper - Robert Meyer als Don Quixote © Barbara Pálffy - Volksoper

Wien / Volksoper – Robert Meyer als Don Quixote © Barbara Pálffy – Volksoper

Ritterromane waren populär um 1600, obwohl das Mittelalter abgehakt war und Ritter sich schon lange nur noch auf Festspielen oder in  Mottenkisten tummelten. Miguel de Cervantes (1547 – 1616, er starb am 23. April 2016, vor 400 Jahren) ironisierte diesen Zeitgeist, als er 1605 und 1615 den erfolgreichen Roman Don Quixote veröffentlichte. Cervantes wurde durch seinen Don Quixote unsterblich. Es ist die Geschicht des klapprigen Landadeligen, der in der Mancha Spaniens lebt und täglich so viele Ritterromane verschlingt, dass er in der Folge die Traumwelt von Ritter, Burgen und Helden zu seiner neuen Wirklichkeit erhebt.

Der Mann von La Mancha   –  Dale Wasserman
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Don Quixote, der Ritter von der traurigen Gestalt mit seinen merkwürdigen Abenteuer ist auch heute noch höchst modern, ist er schließlich Ahnherr vieler Leser, welche durch intensive Lektüre das Abenteuer Buch erleben, selbst zum Romanhelden werden. Don Quixote sich über die Jahrhunderte zu einem zentralen Kunstwerk abendländischer Kultur. Bezüge zum Don Quixote finden sich in zahllosen Werken der Literatur, Malerei und Musik Europas.

Wien / Der Mann von La Mancha Ensemble © Barbara Pálffy Volksoper

Wien / Der Mann von La Mancha Ensemble © Barbara Pálffy Volksoper

Mitch Leigh, Dale Wasserman und Joe Darion geben Cervantes und seinem Don Quixote in ihrem 1963 in den USA geschaffenen Musical Der Mann von La Mancha ein verändertes Gesicht. Sprechtheater, Gesang und Rhythmik begegnen sich gleichwertig in der Handlung. Cervantes und sein Diener müssen sich wegen Gotteslästerung der Inquisition stellen. Unter Räuber, Diebe und Mörder eingekerkert rauben diese ihm sein Manuskript zum Don Quixote. Um es wieder zu erlangen stellt sich Cervantes im Gefängnis einer „Gerichtsverhandlung“ und spielt zum Spott wie Mitleid der Mitgefangenen die Abenteuer des Don Quixote, dessen unerschütterlichem Idealismus und Verkennung der Wirklichkeit: Der Kampf gegen Windmühlen, das Bartbecken eines Barbiers wird zum „Goldhelm des Mambrino“ , die Hure Aldonza erhebt er zum angebeteten Edelfräulein Dulcinea, vor der Wirklichkeit eines Spiegels zerbricht Don Quijote…. Gestärkt durch diese Aufführung unter Gefangenen geht Cervantes zum Verhör durch die Inquisition. Ergebnis offen.

Wien / Volksoper - Der Mann von La Mancha © Barbara Pálffy Volksoper

Wien / Volksoper – Der Mann von La Mancha © Barbara Pálffy Volksoper

Seit der deutschsprachigen Erstaufführung 1968 im der Theater an der Wien besitzt Der Mann von La Mancha in Wien wie im deutschen Sprachraum Kultstatus. Große Bühnendarsteller wie Josef Meinrad, Blanche Aubry, Fritz Muliar, Dagmar Koller, Karlheinz Hackl, Robert Meyer bereiten die lange Erfolgsspur des Musicals. Die Produktion der Volksoper der Spielzeit 2016/17 belebt diese Tradition.

Wien / Volksoper - Der Mann von La Mancha © IOCO

Wien / Volksoper – Der Mann von La Mancha © IOCO

In dieser Volksoper-Produktion steigt Robert Meyer als Cervantes auf einer langen Flugzeugleiter aus dem Bühnenhimmel hinab in den spartanischen, mit wenig Requisiten ausgestatteten Orkus (Regisseur Olivier Tambosi, Ausstatter Friedrich Despalmes) des Verlieses, wo sich die Mitgefangenen tummeln, „die Verhandlung eröffnen“. Die spartanische Ausstattung rückt die Protagonisten in den Mittelpunkt der Produktion. Robert Meyer, langjähriger Burgschauspieler und jetziger Intendant der Volksoper, formt das Stück als Don Quijote darstellerisch und auch gesanglich mit fesselnder Authentizität. Das gut disponierte Ensemble an seiner Seite führen Spannung, Fluss und Tragik der gesamten Produktion zu einem künstlerischen Guss. Boris Pfeifer spielt den Sancho bedächtig wie quirlig, Patricia Nessy die Aldonza / Dulzinea in mitreißender Direktheit (zu einem fummelnden Mitgefangenen: „Rede mit Deinem Mund, nicht mit Deinen Händen!“). Christian Graf als Gastwirt, Christian Drescher als Padre, Christian Dolezal als Dr. Carrasco und andere gaben dem Stück seine eigenartige, rauhe, mystisch absurde („Unschuldige müssen immer für die Sünden der Schuldigen bezahlen!“, „Glaubt ihr nicht, dass man ein wenig Güte in die Welt bringen kann?“, „Es ist der größte Wahnsinn, die Welt so zu sehen wie sie ist und nicht, wie sie sein sollte!“) wie elegische Färbung. Dirigent Lorenz C. Aichner und sein kleines Orchester, unsichtbar hinter der Bühne platziert, begleitet die Handlung; das Erkennungslied des Musicals Little Bird wird lyrischer Kontrapunkt des Abends.

So feiert das Publikum im ausverkauften Haus an der Währinger Straße Wiens Den Mann von La Mancha von Dale Wassermann und eine Produktion, welche alle Ingredienzen besitzt,  den speziellen Flair des Musicals für Wien zu bewahren.  IOCO / Viktor Jarosch / 20.04.2016

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