Berlin, Deutsche Oper, Le Prophète von Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritk, 31.12.2017

Januar 1, 2018 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

 Le Prophète von Giacomo Meyerbeer

Die politische Oper der Stunde – Anatomie der Rebellion

Von Hanns Butterhof

Giacomo Meyerbeer Grabstätte in .... © IOCO

Giacomo Meyerbeer Grabstätte in …. © IOCO

Giacomo Meyerbeers rebellionskritische Oper „Le Prophète“ von 1849 bildet an der Deutschen Oper Berlin den strahlenden Abschluss des auf drei Spielzeiten angelegten Meyerbeer-Zyklus‘, der mit mit „Vasco da Gama“ und „Die Hugenotten“ begonnen hatte. Die Regie von Olivier Py hebt das politische Element der Oper hervor und widmet ihr eindringliche Bilder, ohne dabei voll zu überzeugen. Mehr als die präzise musikalisch und szenisch beschriebenen Umstände des Aufstiegs und Falls des Täufer-Königs Jean de Leyde bewegt die Beziehungsgeschichte zwischen ihm seiner Mutter Fidès.

Die Berliner Aufführung des „Prophète“ verlagert die von Meyerbeers Librettisten Eugène Scribe und Émile Deschamps sehr frei behandelte Geschichte des Münsteraner Täuferreichs aus dem 16. Jahrhundert in eine ortsunspezifische Gegenwart. Vor grauen Vorortshochhäusern und in heutigen Kostümen (Ausstattung: Pierre-André Weitz) entrollt sich das Tableau einer blutigen Rebellion gegen eine nicht näher bestimmte Unterdrückung. Sie nimmt ihren Anfang, als Arbeiter begierig die Propaganda dreier missionierender Wiedertäufer aufnehmen, die ihnen soziale Gleichheit, das Recht zu Plünderungen und den Sieg über die Adelsmacht versprechen.

Die zeigt sich in Person des arroganten Grafen Oberthal (Seth Carico), der sich von seinen schwer bewaffneten Bodyguards bedienen und von einer Leibeigenen, ohne sie wahrzunehmen, die Schuhe polieren lässt. Es ist Berthe (Elena Tsallagova), die zur Hochzeit mit dem örtlichen Schankwirt Jean de Leyde die Genehmigung des Grafen benötigt. In seiner Audienz, die er, etwas schäbig, vom Dach eines Mercedes herab hält, verweigert er Berthe diese Erlaubnis und vergewaltigt sie erst im Wagen, dann auf dessen Heck, bevor er sie ganz auf sein Schloss entführt.

Inzwischen haben die Missionare die Ähnlichkeit des Schankwirts mit einem in Münster verehrten Bildnis König Davids erkannt und ihn vergeblich bewogen, als ihr Prophet nach Münster zu ziehen und dort ihr König zu werden. Erst als Oberthal Jean zwingt, ihm die aus dem Schloss geflüchtete Berthe auszuliefern, weil er sonst seine Mutter töten lässt, entschließt er sich dazu, auf das Angebot der Wiedertäufer einzugehen und Rache am Grafen zu nehmen. Das gelingt, wohl auch mit Hilfe der aufgewiegelten Menge; vor rauchenden Trümmern des Mercedes und des Schlosses, die aber auch die Mauern des bestürmten Münsters sein können, zeigt sich Jean de Leyde als Führer seiner Soldateska.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Audienz mit Wiedertäufern, Noel Bouley, Dickinson, Seth © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Audienz mit Wiedertäufern, Noel Bouley, Dickinson, Seth © Bettina Stöß

Eindringlich macht der vor allem im Heldischen glänzende Tenor Gregory Kunde die Wandlung Jeans vom Darsteller der Prophetenrolle hin zum Glauben an seine Berufung zum Propheten deutlich. Ihm wächst der Glaube vor allem in der großen Szene zu, in der er erfolgreich seiner bereits geschlagenen und meuternden Truppe den Sieg prophezeit, wenn sie unter seiner Führung erneut gegen Münsters Mauern anstürmt. Es scheint, als seien es die sinistren Wiedertäufer, die ihm weitere Gelegenheiten verschaffen, seinen Glauben an die eigenen übernatürlichen Fähigkeiten zu stärken. Als er bei seiner Krönungsmesse im Dom zu Münster durch Handauflegen nicht nur Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen macht, sondern auch noch einen Toten zum Leben erweckt, sieht man nur, dass sie es sind, die den Darstellern dieser Wunder ihren Lohn zustecken.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Jean de Leyde wird zum König gekrönt, Gregory Kunde und Chor © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Jean de Leyde wird zum König gekrönt, Gregory Kunde und Chor © Bettina Stöß

Jean ist ihre Marionette, deren sie sich bedienen, um ihren weltlichen Gelüsten unter frommen Vorwänden ausgiebig nachgehen zu können. Erst als sie Jean zu Gottes jungfräulich geborenem Sohn ausrufen und ihn mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen, seine Mutter zu verleugnen, wird ihm seine Hybris und die Rolle bewusst, die er im Machtspiel der Wiedertäufer innehat. Zu spät entschließt er sich, seinem Königtum und dem Täufertreiben ein Ende zu setzen.

Unvermutet taucht bei einer szenisch nicht zu Ende geführten Hochzeit zum Ende hin Jeans Verlobte Berthe wieder auf. Elena Tsallagova füllt die kleine Rolle koloraturensicher mit klarem, in den Höhen etwas spitzem Sopran einnehmend aus und harmoniert dabei vorzüglich mit dem variablen Mezzo von Clémentine Margaine als Jeans Mutter Fidès. Während Berthe letztlich nur noch dazu da ist, um Jean mit dem notwendigen Pulver für die Sprengung von Münsters Stadtschloss mitsamt seinen Täufern zu versorgen, wächst Fidès eine entscheidende Funktion zu. Ihr lebensvoller Gesang steht in genauestem Gegensatz zum falschen Glaubenspathos der Täufer, das diese besonders in der pompösen Krönungsszene mit ihrem kirchenliedartigem „Ad nos, ad salutarem undam“ entlarvt. Fidès verkörpert stimmlich glaubwürdig die konservative Alternative zur selbstermächtigten, sich aber auf höhere Mächte berufenden Rebellion. So leicht, wie er den Täufern folgte, folgt Jean nun seiner Mutter, die ihm für seine Reue Vergebung im Himmel verspricht.

Meyerbeers „Le Prophète“ endet restaurativ, das Schlussbild gleicht dem Beginn. Graf Oberthal steht wieder auf dem Podest, auf dem die Geburts- und Todesdaten Jean de Leydes eingraviert sind, und lässt sich von den Bodyguards bedienen. All die viele Gewalt hat nichts an den Verhältnissen geändert, und fast könnte man meinen, das sei auch gut so.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Der Prophet muss seine Mutter verleugnen, Noel Bouley, Gregory Kunde , Derek Welton und Clémentine Magaine © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Der Prophet muss seine Mutter verleugnen, Noel Bouley, Gregory Kunde , Derek Welton und Clémentine Magaine © Bettina Stöß

Le Prophète“ ist die Oper der Stunde. Die Figur des Jean de Leyde ist sehr aktuell. Ein letztlich privater Antrieb wächst sich als sich selbst erfüllende Prophezeiung zu dem Glauben aus, zum Tun des allgemein Rechten berufen zu sein. Wenn dann auch noch die Lust hinzukommt, alles zu dürfen, was bislang verboten war – und das zeigt die Regie Olivier Pys überbordend mit schwungvoll choreographierten Kriegsgreueln und Vergewaltigungsexzessen – verstummen auch letzte Selbstzweifel. Wie die Geschichte ist gerade die Gegenwart voll dieser Beispiele, und die Regie hat gut daran getan, sie nicht näher zu konkretisieren, sondern nur genau die allgemeine Anatomie einer Rebellion zu erfassen. In den unverzichtbaren bizarren Ballettszenen wird das Verhältnis von Führer und Mitläufern deutlich. Sie brauchen ihn und seine Berufung auf höhere Mächte, um sich von der Schuld zu entlasten, die sie durch ihr unerhörtes Tun, ihre laufend begangenen Verbrechen auf sich laden.

Dass die Drehbühne fast ununterbrochen kreiselt, wohl um die ewige Wiederkehr des schrecklichen Immergleichen deutlich zu machen, ist eine der störenden Metaphern wie der schweigende Engel mit seinen Sprechblasen-Schildern. In mancher Szene hätte man sich mehr Sorgfalt von der Regie gewünscht. Da verschwinden unmotiviert ganze Menschengruppen, und dass die lieblichen Landfrauen das hungrige Heer der Täufer mit Äpfeln sättigen können, ist nur ein schlechter Witz. Der eigentlich hochspektakuläre Untergang von Münster verpufft als Rotlicht-Spektakel.

Musikalisch ist dieser „Prophète“ reiner Genuss. Die von Jeremy Bines einstudierten Chöre sind voll eindringlicher Wucht, und das Ensemble ist bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, besonders die drei Wiedertäufer Derek Welton als Zacharie, Gideon Poppe als Jonas und Noel Bouley als Mathisen gefallen. Die Tänzerinnen und Tänzer stellen mit ausgiebig präsentierten schönen Körpern ein eindrucksvoll stummes Bild des Täufertreibens dar, haben aber das Pech, dafür nicht nur begeistert beklatscht, sondern mit moralischem Aplomb ausgebuht zu werden.

Enrique Mazzola am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin dirigiert sängerfreundlich mit viel Aufmerksamkeit für die Bühne. Die turbulenten, für Meyerbeers Grande Opéra charakteristisch die Oberflächenhandlung beschreibenden Szenen malt er kräftig aus, arbeitet dabei aber auch fein das Schräge, Unwahre am Geschehen heraus, wenn etwa der tänzerische Rhythmus nicht zum frommen Gehalt passt. Ihm, dem Orchester und allen an der Aufführung Beteiligten, vor allem aber Clémentine Magaine galt nach mehr als vier Stunden der begeisterte Beifall des Publikums.

Le Prophéte von Giacomo Meyerbeer: Die nächsten Termine an der Deutschen Oper Berlin: 4.1. 2018 um 18.00 Uhr, 7.1. 2018 um 17.00 Uhr

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

München, Bayerische Staatsoper München, STAATSOPER.TV: IL TROVATORE: Jonas Kaufmann, Anja Harteros, 05.07.2013

Juli 5, 2013 by  
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Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

„Il trovatore“ bei STAATSOPER.TV

Il trovatore: Jonas Kaufmann, Anja Harteros

 
Il trovatore live und kostenlos im Internet: Im Rahmen von STAATSOPER.TV übertragen wir die Vorstellung von Verdis Oper am 5. Juli. In den Hauptrollen: Anja Harteros und Jonas Kaufmann.
 
Olivier Pys Inszenierung zeigt ein albtraumhaft-surreales Szenario, das Realität und Fiktion, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen lässt. Schwer gezeichnet von den Traumata der Vergangenheit sind die Figuren in Giuseppe Verdis Il trovatore. Mit seiner Neuinszenierung stellte sich der französische Regisseur erstmals dem Publikum der Bayerischen Staatsoper vor.
 
Jonas Kaufmann gibt in dieser Produktion an der Seite von Anja Harteros als Leonora sein Rollendebüt als Manrico. Die Partie der Azucena singt Elena Manistina. Den Grafen Luna verkörpert Alexey Markov. Paolo Carignani steht am Pult des Bayerischen Staatsorchesters.
 
Alle Vorstellungen von Il trovatore sind bereits ausverkauft. Im Rahmen von STAATSOPER.TV übertragen wir jedoch die Vorstellung am 5. Juli live und kostenlos auf unserer Website!
 
Zu dieser Neuproduktion bieten wir am 5. und 6. Juli außerdem ein Opernseminar an: Gemeinsam mit Jürgen Schläder, Professor für Musiktheater an der LMU München, möchten wir damit nicht nur anspruchsvolle Vorbereitung, sondern insbesondere Nachbereitung für den interessierten Opernbesucher bieten.
 
STAATSOPER.TV
Il trovatore
Fr 05. Juli 2013, 19 Uhr
www.staatsoper.de/tv
 
 
—| Pressemeldung Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper München, Festspielpremiere IL TROVATORE, 05.07.2013

Juni 20, 2013 by  
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Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Festspielpremiere „Il trovatore“

 
Mit der Neuinszenierung von Il trovatore stellt sich der französische Regisseur Olivier Py erstmals dem Publikum der Bayerischen Staatsoper vor. Die Premiere ist mit zwei internationalen Publikumslieblingen besetzt: Jonas Kaufmann gibt an der Seite von Anja Harteros als Leonora sein Rollendebüt als Manrico. Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht Paolo Carignani. Alle Vorstellungen sind seit Monaten ausverkauft, die Staatsoper bietet am 5. Juli im Rahmen von STAATSOPER.TV einen kostenlosen Live-Stream der Vorstellung auf www.staatsoper.de/tv.
 
Giuseppe Verdi
Il trovatore
Festspiel-Premiere
Do, 27. Juni 2013, 19 Uhr
Vorstellungen: Mo, 1. Juli 2013, 19.00 Uhr; Fr, 5. Juli 2013, 19.00 Uhr; Mo, 8. Juli 2013, 9.00 Uhr
Nationaltheater
 
STAATSOPER.TV
Il trovatore
Fr, 5. Juli 2013, 19 Uhr
www.staatsoper.de/tv
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Einführungsmatinee „Il trovatore“
 
Schon am kommenden Sonntag, 23. Juni, begrüßt Staatsintendant Nikolaus Bachler zur traditionellen Premieren-Matinee. Regisseur Olivier Py, Paolo Carignani und Theologe Franz Xaver Bischof haben sich ebenso angekündigt wie die Solistinnen Anja Harteros und Elena Manistina.
 
Einführungsmatinee „Il trovatore“
So 23. Juni 2013, 11 Uhr
Nationaltheater
 
—| Pressemeldung Bayerische Staatsoper München |—

Köln, Oper Köln, Macht des Schicksals – Macht der Bilder, IOCO Kritik, 18.09.2012

September 18, 2012 by  
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Oper Köln

Oper am Dom, Blick auf den Rhein © IOCO

Oper am Dom, Blick auf den Rhein © IOCO

Opernhaus Köln / Oper am Dom © IOCO

Opernhaus Köln / Oper am Dom © IOCO

Die Macht des Schicksals von Giuseppe Verdi
Die Welt dreht sich, aber alles bleibt gleich“.

Die am Offenbachplatz in Köln gelegene Hauptspielstätte der Oper Köln wird saniert. Der Musical Dome Köln, von 1996 bis 2011 Wallfahrtsort für großes Musical wie Saturday Night Fever, dient nun der Oper Köln bis 2015 als Interimspielstätte. Name: Oper am Dom. Der attraktive blaue Glas-Stahl-Bau ist direkt an der Rheinuferpromenade und in unmittelbarer Nachbarschaft zu Dom und Bahnhof gelegen. Umgebaut, die Akustik auf Opernqualität  ertüftelt, wurde die Oper am Dom im Mai 2012 mit Tosca glänzend eingeweiht. Die Macht des Schicksals von Giuseppe Verdi wurde am 16. September 2012 zur zweiten erfolgreichen Bewährungsprobe in der Oper am Dom.

Premiere La Forza del Destino, Intendatin Dr. Meyer © IOCO

Premiere La Forza del Destino, Intendatin Dr. Meyer © IOCO

Die Macht des Schicksals wurde 1862 im Kaiserlichen Theater in  St. Petersburg erfolgreich uraufgeführt. In der Oper am Dom wurde die heute überwiegend gespielte Neufassung der Oper von 1869 produziert. Die Premiere der Oper Köln am 16.9.2012 in ausverkauftem Haus wurde zu einem Erfolg. Der vom Publikum umjubelte Ex-Intendant Uwe Eric Laufenberg feierte mit.

Oper Köln / La Forza del Destino - Alvaro (Ferrer) und Leonora (Adina Aaron) © Paul Leclaire

Oper Köln / La Forza del Destino – Alvaro (Ferrer) und Leonora (Adina Aaron) © Paul Leclaire

Oper am Dom / Premierenfeier, Uwe Eric Laufenberg © IOCO

Oper am Dom / Premierenfeier, Uwe Eric Laufenberg © IOCO

Die Macht des Schicksals ist ein sperriges Stück, zerrissen in freudloser Polarität zwischen Krieg, Feldlager und religiöser Weltflucht. Zahllose unübersichtliche Episoden, Grotesken, Neben- und Hauptpersonen begleiten die drei zentralen Protagonisten, das Liebespaar Leonora di Vargas und Alvaro, welches sich in der Oper nur zu deren Beginn und Ende kurz begegnet und Leonoras Bruder Don Carlo. Der Titel der Oper signalisiert: Der Zufall, der Fatalismus ist das wahrhaft bestimmende Element des Lebens. Der Mensch ist zur Selbstbestimmung  unfähig.

Und doch gibt der französische Regisseur Olivier Py, in seiner ersten Inszenierung einer Verdi-Oper, der komplexen Gemengelage mit veristischen Bühnenbildern einen strukturierten wie dramaturgisch passenden Rahmen: Desillusionierende Projektionen früher Industrialisierung, eine dunkle Ziegelsteinwand als Bühnenvorhang, millimetergenau von Hand geführte Fabrikkulissen und beständig langsam drehende riesige Förderräder  vermitteln anschaulich die düstere, albtraumhafte Verlorenheit der Handlung (Bühne und Kostüme Pierre-André Weitz). Ob Liebende, Opportunist oder Hassender: Alle Menschen sind Abhängige im Räderwerk der Lebenszufälle. Männer zelebrieren männlich archaische Verhaltensmuster: Gewalt scheuen sie nie. Der Krieg (Arie und Chor: Viva la guerra) ist des wahren Mannes  Abenteuerspielplatz. Auch „Ehrenmann“ Don Carlo reiht sich mit seinem Vertrauensbruch gegenüber dem „Blutsbruder“ Alvaro ein in die Hybris fehlgeleiteten Stolzes  (Arie: Ein Eid ist dem Mann von Ehre heilig), welcher letztlich zum unverstandenen eigenen Untergang führt. Frauen, nutzen ihre gewaltfreien Räume in imposant wie profan inszenierten Volksszenen als Fabrikarbeiterinnen, Prostituierte oder Marketenderinnen. Selbst unendlich gut gelungene Momente des Erhabenen (Gebete und Pilgerchor im 1. und 3. Akt) heben nicht die bleierne Düsternis der Handlung auf. Olivier Py  zeichnet in dieser beeindruckenden Inszenierung die Hoffnungslosigkeit einer Welt, welche sich trotz dauerndem Krieg, Tod und Elend nicht wandelt, weil sich dessen Menschen nicht verändern: „Die Welt dreht sich, aber alles bleibt gleich“.

 

Der Verdi und Italien-erfahrene Dirigent Will Humburg  und  das Gürzenich-Orchester Köln finden schon mit dem Schicksalsmotiv der Ouvertüre zu exzellenter Form. Die unterschiedlichen Spannungselemente des Werkes, bunter Volkstrubel, Leidenschaft, Kriegsgetümmel wie Humoresken zeichnen Humburg und das Gürzenich-Orchester mit ungekappter Energie, subtil wie mit rhythmischer Vehemenz. Große Gefühle interpretiert das Orchester beredt und beweglich, bis hin zu den von Verdi geforderten tiefen Blechregistern. Sängerisch wird der Abend maßgeblich von der wunderbaren Adina Aaron in der Partie der verletzlichen, einsamen Leonora di Vargas gestaltet.

Oper Köln / La Forza del destino © Paul Leclaire

Oper Köln / La Forza del destino © Paul Leclaire

In ihrem Rollendebüt bannte Adina Aaron den Besucher mit wunderbar sicher timbriertem Ausdrucksrepertoire; ihre Höhen und Mittellagen unangestrengt kraftvoll, die Piani lyrisch ausdrucksstark. Enrique Ferrer, als Alvaro ebenfalls in seinem Rollendebüt, und Anthony Michaels-Moore als Don Carlo überzeugen besonders in den dramatischen Momenten mit stilsicheren Stimmen und der nötigen Intensität. Breite Begeisterung lösten die hervorragend besetzten Partien des buffonesken Fra Melitone (Patrick Carfizzi), der Preziosilla (Dalia Schaechter), welche mit sattem Alt die Tessitura der schweren Rataplan-Arie bestens bewältigt und  Liang Li, welcher der großen Partie des Padre Guardiano mit schönem lyrischen Bass eigenes Charisma verleiht.  Andrew Ollivant leitete einen Chor und Extrachor der Spitzenklasse: Ohnehin von ausnehmend zentraler Bedeutung in dieser Oper, präsentierte sich der riesige Chor der Oper Köln gut geführt in klanglich gewaltiger wie exzellenter Form.

Die Macht des Schicksals ist eine große Verdi-Oper mit schwierigem Zugang, für den Regisseur wie den Besucher. Die Inszenierung von Olivier Py ist packend authentisch. Sie zeichnet auf der Bühne der Oper am Dom ein facettenreiches, tragisch wie burleskes Menschenbild, welches in menschlichem Verirren und Getrieben-Sein der Macht des Schicksals nicht entkommt. Mit der Gefühlstiefe der Musik von Giuseppe Verdi, mit gut disponiertem Ensemble und gewaltigem Chor ist Olivier Py in Köln eine herausragende Inszenierung gelungen.

—| IOCO Kritik Oper Köln |—

 

 

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