Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 02.10.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

In höchster finanzieller Bedrängnis

von Ingrid Freiberg

Die erste Skizze zur Oper Die Meistersinger von Nürnberg verfasste Richard Wagner 1845 während eines Kuraufenthaltes in Marienbad. Der Entwurf blieb zunächst unverarbeitet liegen. Erst 1861 verpflichtete er sich – wieder einmal in höchster finanzieller Bedrängnis – gegenüber dem Verleger Franz Schott, diese Oper zu komponieren. In völliger Zurückgezogenheit schrieb er in nur 30 Tagen das Libretto in Paris. Anfang 1862 reiste er nach Mainz und erhielt vom Verlagshaus Schott den Kompositionsauftrag und einen ansehnlichen Vorschuss.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs © Monika Forster

Wiesbaden, Kettenhund Leo und das Heckelphon

Daraufhin mietete Wagner zwei Räume in der stattlichen Villa Annika, nahe des Biebricher Schlosses  – wie immer nobel und in fürstlicher Umgebung... Diesen Ort wählte er nicht nur wegen der reizenden Lage direkt am Rhein, sondern auch wegen der Möglichkeit, in kurzer Zeit die Theater von Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und Mannheim erreichen zu können. In Biebrich schrieb er – noch vor der Komposition der eigentlichen Oper – das hinreißende Vorspiel und begann mit der ersten Szene. In dieser Zeit spielte Wagner sogar mit dem Gedanken, auf der Adolfshöhe sein eigenes Festspielhaus zu errichten. Seine Arbeit geriet jedoch ins Stocken! Die Bulldogge des Vermieters, der Kettenhund Leo, biss ihn in den Daumen, so dass er nicht mehr schreiben und komponieren konnte. Das hatte fundamentale Auswirkungen: Der Hund erhielt nach seiner Abreise einen Teppich zum Schutz gegen frostiges Wetter… und Wiesbaden verlor die geplanten Wagner Festspiele!!! Nach dem Biss reiste Wagner nach Wien ab, wo er Hans Richter kennenlernte. Eine schicksalhafte Begegnung: Richter erstellte für ihn die Druckvorlage der Meistersinger-Partitur und wurde zum unverzichtbaren Assistenten, der u.a. die ersten Aufführungen des Ring des Nibelungen in Bayreuth dirigierte.

Erst nachdem Wagner in König Ludwig II. einen großzügigen Förderer gefunden hatte, konnte er die Komposition seiner Meistersinger beenden, die schließlich am 21. Juni 1868 in München zur Uraufführung kamen. Geblieben ist Wiesbaden eine Erfindung: Mit seinem Schaffen beeinflusste Richard Wagner einen ansässigen Holzblasinstrumentenmacher, Wilhelm Heckel, der den Wünschen des Komponisten folgend eine Bariton-Oboe, das so genannte Heckelphon, erfand.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :Ensemble © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier :Ensemble © Monika Forster

Genial, poetisch, peinlich und umstritten

Tradition oder Veränderung, jung oder alt, Regeln und Gesetze oder Chaos und Anarchie, Eigeninteressen oder Gemeinschaftswohl, national oder global – ein Balanceakt, der eine Gesellschaft auf Gedeih und Verderb prägt. Die Meistersinger-Welt zeigt ein Künstlerdrama und eine Liebesgeschichte als treibende Kräfte und schließlich das Volk als Zünglein an der Waage. Der Grat, der hier das Komische vom Tragischen unterscheidet, ist schmal. Wagners Zauberwort heißt Poesie. Ein Meister wie Hans Sachs, mit Klugheit, Menschlichkeit, Mut und List, Einsicht und Verzicht ausgestattet, muss, um das Chaos abzuwenden, Wege in eine Zukunft aufzeigen.

Jedoch ist das Geniale in den Meistersingern auch mit dem Peinlichen untrennbar verquickt und verwoben. Und jene Elemente, die uns in diesem Werk stören oder abstoßen – Deutschtümelei, Chauvinismus und Brutalität – sind immanente Bestandteile des Librettos wie der Partitur: Sie lassen sich mehr oder weniger akzentuieren, aber niemals eliminieren. Wagner bleibt der umstrittenste Künstler der deutschen Musikgeschichte und die Frage des antisemitischen Gehalts seines Werkes bildet den harten Kern einer weltweiten Kontroverse.

In seiner detailverliebten Wiesbadener Inszenierung geht es Bernd Mottl um Regeln für die Kunst und um eine Feinzeichnung des menschlichen Miteinanders. Er sieht unsere Gesellschaft am Scheideweg, wie auch Richard Wagner im Nürnberg des 16. Jahrhunderts, zeichnet er  eine Stadt zwischen Mittelalter und Neuzeit. Wer hat darüber zu entscheiden? Was ist erhaltenswert und was muss neuen Entwicklungen angepasst werden? Seine Meistersinger sind ein Club alter von Krankenpflegern begleiteten Herren, die ihre angestaubten Ideale bewahren wollen. Sie haben keinen Bezug zur Gegenwart. Hans Sachs, von eigenen Niederschlägen geprägt – in einem Video wird seine verstorbene Frau und die Geschäftsaufgabe seiner Schusterwerkstatt gezeigt – sucht lebensweise den Ausgleich zwischen Tradition und Fortschritt.

Stolzing unterscheidet sich deutlich von der traditionell altfränkischen Butzenscheiben-romantik  mit seiner (Motorrad-)Kluft und unterstreicht damit von Anfang an seine Zugehörigkeit zur rasenden Moderne. Erst als Sachs ihm hilft, das Lied zu schaffen, mit dem er das Wettsingen und damit seine geliebte Eva gewinnen wird, und ihm einen Trachtenjanker „zuordnet“, wird aus dem jungen liebestollen Feuerkopf, der die Nürnberger Jugend in seinen Bann zieht, zumindest optisch ein Meistersinger.

Wenn er sich mit allen anderen auf der Festwiese, hier ein Festsaal, zum Sängerwettstreit trifft, wird die sich beschleunigende oberflächliche Zeit deutlich: Selfies nutzend beschäftigt sich das Volk mit eigenen Gedanken, Gefühlen und Motivationen. Fast unbeachtet beschwört sie Hans SachsVerachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst …“ Seine Worte finden keine Beachtung. Er kann den zerstörerischen Wahn des Volkes nicht bremsen, es vor ihrem sinnlosen Übereifer nicht schützen. Und er gewinnt auch Stolzing nicht, der die Meisterwürde ablehnt und mit Eva, Motorradhelme in der Hand schwingend, in ein neues modernes Leben entschwindet.

Mit Bühnenausstattung und Kostümen parodiert Friedrich Eggert die hausbackene konservative Kleinbürgerlichkeit mit leisem Strich: Ein 50er-Jahre Mehrfamilienhaus, in dem die Meister wohnen, und wo sich auch ihr Treffpunkt, die Gaststätte Alt-Nürnberg, mit Eichenmöbeln, Bleiglasfenstern und bunten städtischen Wimpeln befindet, unterstützt – auf mehreren Ebenen bespielbar –  den Gesang der Akteure; ihr Aktionsradius ist allerdings eingeschränkt. Die mit Samt und Pelz historisch aufgepufften Kostüme unterstreichen die Behäbigkeit der in die Jahre gekommenen Meister. Besonders Veit Pogner wird durch Kostüm und dunkle Brille so gehemmt, dass er schon deshalb auf die Hilfe seines Lehrbuben /Krankenpflegers angewiesen ist.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs und Betsy Horne als Eva © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Oliver Zwarg als Hans Sachs und Betsy Horne als Eva © Monika Forster

Auf Festspielhausniveau

Patrick Lange, in der Nähe von Nürnberg geboren, ehemaliges Mitglied der Regensburger Domspatzen, ist geradezu prädestiniert, die Meistersinger zu dirigieren. Unter seiner Leitung ist dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden ein starker Saisonauftakt gelungen, den das Publikum bereits vor Beginn des 3. Aktes feierte.

Der heitere musikalische Grundcharakter der Oper wird überschäumend vor Kraft, zart und transparent in allen Stimmen, überreich an verzaubernder Kontrapunktik und Klangfarben bedient. Ein herrlich perlender Klangfluss verwöhnt das Publikum. Die SängerInnen bewegen sich spielerisch auf einem zeitweise seidenleichten Klangteppich. Im Morgentraum-Quintett, in dem alle vom Glück träumen, aber auch um dessen Zerbrechlichkeit wissen, umgarnt das Orchester die Träumer einfühlsam und zärtlich. Christina Kuhn spielt die Beckmesser-Harfe, eine kleine Harfe mit Stahlsaiten, für alle sichtbar in der Proszeniumsloge. Dabei begleitet sie meisterhaft die stummen von Beckmesser gezupften Lautentöne auf der Bühne.

Das Rollendebüt von Oliver Zwarg als Hans Sachs ist gelungen. Mit einer in der Mittellage wohlklingenden, in der Höhe durch einen fast tenoralen Glanz ausgezeichneten Stimme mit gewaltiger stimmlicher Ausdauer bewältigt er diese Riesenaufgabe. Glaubhaft gelingt es ihm, das Hadern zwischen Schuster- und Komponistenleben, zwischen Autorität, Selbstsucht, Sehnsucht und Triebverzicht zu zeigen – auch, dass er am Schluss, im großen Jubel, einsam ist. Weder das Zarte (Flieder-Monolog), noch polternde Wut kommen zu kurz. Zwarg singt textverständlich, ermüdungsfrei verschwenderisch.

Der scheinbar mühelose Strahletenor von Marco Jentzsch als Walther von Stolzing schmeichelt den Ohren. Sein kristallklar mit süffigen piani gestaltetes Preislied Morgenlich leuchtend im rosigen Schein…, mit Innigkeit und Anmut vorgetragen, gehört zu den anrührendsten Momenten. Seine Präsenz und Kondition sind bewunderndswert.

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Margarete Joswig als Magdalena und Marco Jentzsch als Walther von Stolzing  © Monika Forster

Hessisches Staatstheater / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Margarete Joswig als Magdalena und Marco Jentzsch als Walther von Stolzing  © Monika Forster

Thomas de Vries debütiert in der Partie des verknöcherten Stadtschreibers Sixtus Beckmesser, mal charismatisch brillierend, mal nervend selbstgerecht. Gekonnt gelingen ihm die verschlagenen Beckmesser-Koloraturen, die technisch eine Herausforderung voller tückischer Stolpersteine sind. Er zeigt sich streng regelkonform denkend, akademisch konservativ, als an den Buchstaben der Vorschriften klebender Charakter. In der entsetzlich schwierigen Prügelfuge überzeugt er. Tragisch komisch sein Vortrag im Festsaal – anstatt „Morgenlich leuchtend“ singt er „Morgen ich leuchte“, oder „Wonnig entragend“ „Wohn‘ ich erträglich“ oder gar herrlich ein Baum“ „häng‘ ich am Baum“. Hier beweist Thomas de Vries sein feines Gefühl für Nuancen und erheitert gekonnt das Publikum.

Betsy Horne verkörpert Eva mit Empathie. Mit ihrem betörend leuchtenden samtweichen und klaren Sopran weiß sie sehr wohl, wie sie zu ihrem Willen kommt. Mit viel Temperament, nicht das naiv-fromme Mädchen, ist sie eine junge zielstrebige Frau, die das Objekt ihrer Begierde wild knutschend ins Nebenzimmer zieht. Es gelingt ihr, sich von den alten Meistern zu emanzipieren, sich zu befreien. Ihre Eröffnung des Quintetts im 3. Akt ist bewegend.

Erik Biegel ist ein charmant-frecher David mit hellem lyrischen Tenor. Er überzeugt darstellerisch und diktionsfreudig mit vortrefflicher Bühnenpräsenz. Fast eine Luxusbesetzung ist Margarete Joswig als Magdalena. Weich timbriert lässt ihr in der Höhe leuchtender Mezzosopran aufhorchen. Als stark sehbehinderter Veit Pogner ist der junge Young Doo Park kaum wiederzuerkennen. Mit seinem sonoren warmen Bass ist er ein souveräner, aber auch zögernder Vater, der seine Tochter – fernab von selbstgefälliger Protzigkeit – als Preis anbietet. Benjamin Russell als eifriger Organisator Fritz Kothner beeindruckt mit klangschön kräftigem Bariton und eloquenter Deklamation.

Richard Wagner - bewundert © IOCO

Richard Wagner – wird bewundert © IOCO

Die alten Meister Ralf Rachbauer (Kunz Vogelgesang), Florian Kontschak (Konrad Nachtigal), Rouwen Huther (Balthasar Zorn), Reiner Goldberg (Ulrich Eisslinger), Andreas Karasiak (Augustin Moser), Daniel Carison (Hermann Ortel), Philipp Mayer (Hans Schwarz) und Wolfgang Vater (Hans Foltz) tragen beeindruckend differenziert, bis hin zur geifernden Kakophonie in der Prügelfuge, zum Erfolg bei.

Hervorzuheben ist der profunde Nachtwächter von Tuncay Kurtoglu. Als Lehrbuben /Pflegekräfte agieren ausgezeichnete, bereits etablierte, Nachwuchssänger, die ohne Zweifel bald Meister-sängerniveau haben werden.

Der von Albert Horne einstudierte hellwache, mit viel Verve und Eindringlichkeit agierende Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden beeindruckt durch Spielfreude. Sicher und präzise profilieren sich die SängerInnen besonders in den Massenszenen, bei der Prügelfuge und im Festsaal. Eindrücklich gelingt  „Die Geister, die ich rief…“  zu einem vortrefflichen Schluss.

Der Jubel  am Ende des Abends ist groß. Das gutgelaunte Publikum hatte anschließend die einmalige Gelegenheit, statt eines Festsaals eine natürliche Festwiese vor dem Theater zu betreten. Stadtfest und Erntedankfest sei Dank…

Die Meistersinger von Nürnberg am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 3.10.2018; 14.10.2018; 4.11.2018; 22.4.2019; 30.5.2019

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Minden, Stadttheater Minden, Siegfried – Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.10.2017

Oktober 12, 2017 by  
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Stadttheater Minden 

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Wagner-Wunder in Ost-Westfalen.

Siegfried – Richard Wagner – Stadttheater  Minden

Von Guido Müller

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Seit 2015 wird am Stadttheater Minden, der Weserstadt, Richard Wagners Der Ring des Nibelungen durch dasselbe Team mit wesentlicher Unterstützung des Richard Wagner Verbandes Minden, der Nordwestdeutschen Philharmonie und zahlreicher regionaler Mäzene und Sponsoren erarbeitet. Treibende Kraft hinter diesem Mammut-Projekt und die Gesamtleitung liegt bei Frau Dr. Jutta Hering-Winckler vom Mindener Wagner Verband.

Diese großartige Initiative ostwestfälischen Bürgersinns und vor allem die sensationell gute Qualität der Aufführungen fand schon breite große positive Beachtung in den Feuilletons und auch überregionalen Medien. Auf Rheingold 2015 und Die Walküre 2016 folgte in sieben Vorstellungen – einschließlich der Generalprobe als Schulvorstellung-  Siegfried 2017, der dritte Abend der Tetralogie.

Vor allem musikalisch ist die besuchte vorletzte Vorstellung ein Ereignis. Dazu trägt neben der vorzüglich präzise, leidenschaftlich und die großen Bögen musizierenden Nordwestdeutschen Philharmonie unter dem langjährigen Chefdirigenten an der Oper Chemnitz und Wagner-Spezialisten Frank Beermann stark der Sänger der Titelpartie bei. Thomas Mohr singt und spielt den Siegfried in dieser Vorstellung nicht nur. Er verkörpert mit allen Fasern seiner Persönlichkeit und mit seinen enormen stimmlichen Möglichkeiten den jungen Pubertierenden auf dem Weg zum Erwachsen werden in allen Facetten bis zum Erwachen der Sexualität an der Seite Brünnhildes.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Die erwachende Frau auf dem von Feuer umgürteten Felsen, das der junge Furchtlose durchschritten hatte, hält der junge Siegfried ja zunächst in einem der vielen durch die kunstvolle, psychologisch fein ziselierte Regie vom Altmeister Gerd Heinz zugleich urkomischen undtief berührenden Momente für seine Mutter. Äußerlich entspricht Thomas Mohr zunächst kaum dem Klischee des tumben, muskelbepackten germanischen blonden Drachentöters. Um somehr kann Mohr die Rolle in den psychischen Facetten frei und fein ausspielen und auch alle komischen Aspekte darstellen, die dem Regisseur Gerd Heinz ein ganz besonderes Anliegen in diesem drittenTeil der Tetralogie sind.

Richard Wagner hielt diesen Ring-Abend für sein publikumswirksamstes und unterhaltsamstes, gar sein populärstes Einzelwerk. Das Werk enthält zudem im Rahmen der vier Teile viele Elemente eines Scherzos. Der Rezensent gesteht gerne, dass er sich hier der Meinung des Bayreuther Meisters anschließt.

Gerd Heinz legt großen Wert auf eine möglichst realistische und textnahe Darstellung. Die einzigen Verfremdungen liegen eigentlich in zwei Elementen: er verlegt die Handlung und Kostüme ins 19.Jahrhundert, nachdem er Rheingold und Walküre in frühere Jahrhunderte angesiedelt hatte (praktikables variables Bühnenbild mit dem großen umgreifenden Ring und geschmackvolle Kostüme: Frank Philipp Schlößmann). Zudem sind Gerd Heinz die komischen und märchenhaften Elemente dieser Oper besonders wichtig.

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Mime am Amboss_ Dan Karlström © Friedrich Luchterhandt

Noch bedeutsamer für die Optik dieser Inszenierung, wie bereits in den zwei voraus gehenden Teilen des Rings, spielt das große Ring-Orchester, das im schönen Jugendstil-Theater von Minden nicht in den Orchestergraben passen würde, auf der Hinterbühne mehr oder weniger stark angeleuchtet hinter einem Gazevorhang. Auf diesen durchsichtigen Vorhang werden immer wieder Videos mit sichbewegenden Symbolen des Rings und Muster zur weiteren Erklärungprojeziert (sehr ansprechende und nicht vordergründige Videogestaltung: Matthias Lippert).

So ist fast während der ganzen Oper das Orchester zu sehen. Dies steht allerdings den ursprünglichen Absichten Wagners vom unsichtbaren Orchester entgegen, wie er es im Bayreuther Festspielhaus realisierte. Erst während des intimen großen Schlussduetts der Oper verschwindet das Orchester hinter dem Vorhang fast ganz im Dunkel

Damit sucht diese Produktion sicher vor allem die enorme Rolle herauszustellen, die das große vielstimmige und vielfarbige Orchester gerade auch im Siegfried im Zwiegespräch auch mit dem Gesang spielt. Zugleich ist es sängerfreundlicher, wenn die Sänger näher an der Rampe und dem Publikum singen als hinter oder über das Orchester hinweg, teilweise sogar auf Wendeltreppen, Aufbauten vor dem Bühnenportaloder von Seitenbalkonen. Das unterstützt auch die Textverständlichkeit und Spielnähe in vielen Szenen. Allerdings wird diese Stellung des Orchesters auf der Hinterbühne möglicherweise akustische Probleme für die Besucher oben und hinten auf den beiden Rängen bedeuten, die ich von meinem vorzüglichen Platz in der sechsten Reihe des Parketts aus nicht beurteilen kann.

Zudem steht der Dirigent mit dem Rücken zum Geschehen, so dass vor allem über Gehör und Bildschirme der Kontakt zu den Sängern besteht. Doch nichts wackelt in der Koordination. Hier macht sich die große Routine und Erfahrung von Frank Beermann mit Wagner-Opern bereits seit 2002 in Minden bemerkbar. Auch als musikalischer Chef am Opernhaus Chemnitz von 2007 bis 2016 wuchs er zu einem der „besten Wagner-Dirigenten unserer Zeit“ (Eleonore Büning 2015)  heran.

 Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg ist Alberich © Friedrich Luchterhandt

Der Sänger der Titelpartie des Siegfried Thomas Mohr gab in Minden sein Debüt in dieser Rolle. Während des ersten Aufzugs dieser sechsten und vorletzten Vorstellung des Mindener Siegfried-Marathons bemerkte ich, dass irgend etwas nicht ganz so stimmen kann, wie ich es von den stimmlichen Möglichkeiten diesen immer sehr intelligent und wortdeutlich interpretierenden, äußerst differenziert und strahlend frisch singenden großartigen Wagner-Tenors kenne.

Als Siegmund und Parsifal u.a. an den Opernhäusern von Halle (Saale) und Leipzig konnte ich ihn schon mit glänzenden Erfolgen bei Publikum und Kritik erleben. Und ich gestehe, er war der Hauptgrund meiner Reise zum Stadttheater Minden. Aber die Stimme klang leicht belegt und immer wieder suchte der Sänger im munteren Spiel des ersten Aufzugs mit Mime und am realistisch bedienten Blasbalg am rechten Bühnenrand, im Feilen und Schmieden des Schwertes Nothung am Amboss den Blick zum Dirigenten.Vor dem zweiten Aufzug wurde Thomas Mohr dann angesagt, dass er unter einem jahreszeitlich bedingt starken Infekt leide. Trotz starker Medikamente sei er indisponiert. Doch ab jetzt schien der Druck auf den Sänger genommen. Frei und besonders schön sang der Tenor nun gerade die mir besonders lieben lyrischen Stellen des zweiten Aufzugs,so dass sich  der berühmte Gänsehauteffekt einstellte.

Stadttheater Minden / Siegfried - 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Sichtlich gilt auch dem Charaktertenor Thomas Mohr die besondere Zuneigung diesem, im Vergleich zum ersten Aufzug mit den berüchtigten Schmiedeliedern weniger heroischen zweiten Aufzug voller Naturpoesie. Nur einmal hatte ich eine Schrecksekunde, als die Stimme leicht weg brach. Doch vielleicht war dies auch nur ein Moment der großen emotionalen Rührung, der auch Siegfrieds Monologe in diesem Aufzug ähnlich wie sein Gefühl der großen Einsamkeit und Verlassenheit nachder Ermordung Fafners und Mimes auszeichnet. Hier hat Thomas Mohr seine größten Augenblicke an diesem Abend wie später im Duett mit Brünnhilde.

Es ist faszinierend, wie Thomas Mohr diese Partie mit enormer Kraft, Konzentration, Differenzierung und Professionalität bis zum Ende dessich ins Hymnische steigernden Schlusses des Liebesduetts mit Brünnhilde gesungen und gestaltet hat. Über den Tenor der Uraufführung zitiert das Programmheft aus den Tagebüchern Cosima Wagners in einer erstaunend lächelnd machenden Parallele: „Siegfried geht gut vonstatten, man will behaupten, daß Herr Betz gar nicht heiser gewesen! Solche Wesen mögen andere ergründen,wir verstehen sie nicht.“

Thomas Mohr ebenbürtig seine Kollegen, unter denen ich zunächst den herausragenden finnischen Tenor Dan Karlström vom Opernhaus Leipzig als Mime nennen muss, der die Rolle nicht nur fein und eherkomisch als hinterlistig oder lächerlich, eher anrührend und als intellektuellen Tüftler denn heimtückisch und blöd spielt und wirklich belcantös singt. Sein Bruder und Schwarz-Alberich Oliver Zwarg hingegen besitzt die ganz große dunkle Dämonie und brutale stimmliche Eruption des sozial Ausgestoßenen und Verachteten. Im Jägerkostüm führt er seinen Nachwuchs Hagen als Jüngling gleich mit sich, um seinen Plänen zum Erwerb der Weltherrschaft durch den Ring und dem Untergang der Lichtalben Götter näher zu kommen. Stimmlich vermag es dieser Sänger mit jedem Ton durch Mark und Bein zu erschüttern. Eine bayreuthwürdige Weltklasse-Leistung!

Stadttheater Minden / Siegfried - hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – hier Oliver Zwarg als Alberich © Friedrich Luchterhandt

Seinen Gegenspieler Wotan singt der bereits in seinem göttlichen Habitus stark erschütterte Wanderer, den der in dieser Partie auf großen Bühnen (zuletzt am Badischen Staatstheater Karlsruhe LINK ZU MEINER BESPRECHUNG) bewährte Heldenbariton Renatus Mészár strahlend und mit elegantem stimmlichen Profil auch in seinem im vom Regisseur zugewiesenen Habitus als Clochard verkörpert. Darunter leidet lediglich ab und zu die sprachliche Verständlichkeit.

Über eine erstaunlich deutliche Diktion der Wagner-Sprache verfügen die übrigen Sänger und Sängerinnen  – sogar der Waldvogel der herrlich trällernden und akrobatischen Julia Bauer. Deren Rolle fällt ja leider oft dem reinen Koloraturgesang zum Opfer, obwohl ihre Botschaften an Siegfried doch von großer Bedeutung für seinen künftigen Weg sind. Doch auch in ihrem Fall war Gerd Heinz die Wortverständlichkeit im Detail besonders wichtig. So, wenn Siegfried den zunächst optisch eindrucksvoll durch einen großen, sich ringelnden und aufbäumenden, durch mehrere phosphorisierende Glieder mit darin verborgenen Statisten des Ratsgymnasiums Minden verkörperten Drachen Fafner ersticht. Nachdessen Tode leckt Siegfried das Drachenblut und versteht nun den Gesang des Waldvögleins, das ihn zunächst zum Hort und Ring in der Drachenhöhle und später zur Braut führt. Fafner singt der erfahrene James Moellenhof, das langjährige Mitglied der Oper Leipzig, mit profundem Bass.

Es ist ein großer berührender Augenblick der Inszenierung, wenn Fafner sich im Sterben als Schattenriss aus dem Dunkel wie ein großer Unternehmer des Manchester-kapitalismus erhebt, dann das Licht strahlend auf ihn geworfen wird und wir mit Siegfried erschüttert in ihm den sterbenden Riesenmenschen erkennen (immer wieder bedeutsame,aber nicht aufdringliche Lichtgestaltung: Michael Kohlhagen).

Nachdem Siegfried den Drachen und den sich in seinen Mordabsichten verplappernden Tüftler-Zwerg Mime in einer Art Notwehrexzess aus dem Weg geräumt hat, streckt sich Siegfried unter einer Linde aus. Wirkommen zu einer der schönsten und berührendsten Szenen des Ring. Siegfried spürt das Alleinsein und ersehnt sich durch die Führung des Gesangs des Waldvogels „ein gut Gesell“ herbei. Thomas Mohr gestaltet diese Szene mit wundervoller Hingabe und lyrischer Zärtlichkeit,wie sie auch einem Lied von Franz Schubert anstehen.

Und der Waldvogel antwortet mit den herrlich gedichteten Worten: „Lustig im Leid sing‘ ich von Liebe, wonnig aus Weh‘ web‘ ich mein Lied:nur Sehnende kennen den Sinn.“  Wer denkt hier nicht an Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg, die Wagner während der mehrjährigen Unterbrechung ab 1857 an der Komposition von Siegfried schuf.

Zu Beginn des stürmischen dritten Aufzugs weckt der Wanderer-Gott Wotan zunächst die Urmutter Erda herauf (die souveräne Janina Baechle, die mit dieser Rolle u.a. bereits regelmäßig an der Wiener Staatsoper auftritt). Mit Erda hatte Wotan die Tochter Brünnhilde gezeugt. Ihr Göttervater Wotan hatte ihr selber die Göttlichkeit genommen, als er sie zum Ende der Walküre in den Schlaf auf dem von Feuer umbrandeten Felsen bannte und sie dem ersten Furchtlosen bestimmt. Erda zieht sich entsetzt über Wotans Machenschaften zu ewigem Schlafzurück. Wotan trifft anschließend auf den ihn furchtlos verhöhnenden Siegfried, der ihm im Kampf den Speer zerschlägt. Damit ist für Siegfried der Weg frei zum Walkürenfelsen. Dort erblickt erzum ersten Mal in seinem Leben eine Frau. Sie lehrt ihn das Fürchten. Aber nur kurz, denn er küsst sie wach und glaubt in ihr zunächst der Mutter zu begegnen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Brünnhildes Erwachen „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht!“ gestaltet die prächtig aussingende amerikanische Sopranistin Dara Hobbs zu einem strahlend hellen Sonnenhymnus. Dara Hobbs ist eine bereits auf verschiedenen Opernbühnen in den USA und in Deutschland (Frankurt/M., Bonn, Essen, Chemnitz, Regensburg, Bayreuth) erfahrene hochdramatische Sopranistin mit junger stimmlicher Frische u.a. der großen Wagner-Partien Senta, Sieglinde, Isolde und Brünnhilde, die sie nun in allen drei Ring-Opern in Minden und demnächst in Chemnitz verkörpern wird.

Im kammerspielartig intensiven Zusammenspiel mit Thomas Mohr entfalten nun beide stimmlich und darstellerisch die ganze Vielfalt dieses Sich-Näherns und Mißverstehens, des erotischen Neckens, körperlichen Anstachelns und emotionalen Sich-Ergebens, des Verängstigten und des Verschmelzens einer Liebesbegegnung. Auch hier spart Gerd Heinz nicht an Komik der Gesten – einschließlich des Faltens der Hände zum einträchtigen Flehen gen Himmel.

Am Ende großer Beifall und Standing Ovations des teilweise weit angereisten Publikums für alle Sänger, das Orchester, den Dirigenten und die Statisten. Auch die Bühnentechnik leistet Großartiges.

Das Fazit: Der Ring in Minden ist wirklich vor allem ein musikalisches Wunder. Im September 2018 wird eine fesselnde Götterdämmerung zu erwarten sein und 2019 schließlich zweimal die gesamte Tetralogie des Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden aufgeführt werden.

Nicht unerwähnt bleiben muss, last but not least, vor allem da kein Dramaturg der Produktion genannt wird, dass es ein vorzüglich informatives Programmbuch gibt, redaktionell gestaltet von Udo Stephan Köhne und Christian Becker. Es beinhaltet nicht nur das Textbuch, die Namen und Bilder wirklich aller Beteiligten – auch hinter der Bühne – und die üblichen ausführlichen Informationen zu den Künstlern sondern auch eine Chronologie sowie Richard Wagners Briefe zur Entstehungsgeschichte der Oper, ein Gespräch von Udo Stephan Köhne mit dem Regisseur Gerd Heinz und ausführliche Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte, zur Musik, wie zum Inhalt und Text.

Im Rahmen des Mindener Ring-Zyklus wird vom 3. bis 23.9.2018 Richard Wagners Die Götterdämmerung folgen und 2019 sind im September und Anfang Oktober zwei Ring-Zyklen der Tetralogie geplant. IOCO freut sich, ab jetzt mit verschiedenen Korrespondenten dabei sein zu können und darüber zu berichten.

Wagnerianer und alle Neugierigen, die Wagners spannendes Welt-Musiktheater an vier Abenden ohne große Verfremdungen des Regietheaters kennenlernen wollen, sollten sich die Termine in Minden (3. bis 23.9.2018)  vormerken.

Nach dem Ende der sommerlichen Festspiele in Bayreuth Ende August lässt sich aber auch das Bedürfnis nach einer vorzüglichen musikalischen Interpretation Wagners auf lustvollste Weise im Frühherbst in Minden stillen. Die sängerische Besetzung auf höchstem Niveau, der Ensemblegeist und die herausragende musikalische Leitung von Frank Beermann mit der Nordwestdeutschen Philharmonie dürften dem „ostwestfälischen Wagner-Wunder“  bereits heute Kultstatus unter Kennern verleihen.

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Lübeck, Theater Lübeck, Der fliegende Holländer von Richard Wagner, IOCO Kritik, 10.06.2017

Juni 10, 2017 by  
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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Der Fliegende Holländer von Richard Wagner 
Ohne Reu´ bis in den Tod gelob´ ich Treu´

Premiere:  9. Juni 2017, weitere Vorstellungen 15.6.2017, 24.6.2017, 2.7.2017

Von Patrik Klein

Mea culpa: Als Wahlhamburger und Dauergast an der Hamburgischen Staatsoper zum ersten Mal im Theater Lübeck zur Premiere von Richard Wagners Fliegendem Holländer, darf man und muss ich mir die Frage stellen, warum nicht schon viel früher?

 Richard Wagner schrieb die Oper unter dem Eindruck einer stürmischen Schiffsreise und verlegte die Handlung vom Kap der Guten Hoffnung in der Urfassung von 1841 nach Schottland, später dann nach Norwegen. Oft wird das Stück als sein Durchbruch zum eigenen Stil angesehen. Die Oper wurde in ihrer Urfassung 1841 vollendet und am 2. Januar 1843 mit mäßigem Erfolg am Königlichen Hoftheater in Dresden uraufgeführt. Bereits nach vier Aufführungen wurde sie wieder vom Spielplan genommen. Im Jahr 1861 hat Wagner dann die Urfassung überarbeitet. Unter dem Einfluss seiner Tristankomposition stehend, überarbeitete er musikalisch insbesondere die Ouvertüre und den Schluss. Hierin wird im Gegensatz zur ersten Komposition die Erlösung Sentas musikalisch deutlicher hervorgehoben.

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer - Steuermann - Holländer und Daland © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer – Steuermann – Holländer und Daland © Olaf Malzahn

Wegen eines Sturmes auf See muss Kapitän Daland eine sichere Bucht ansteuern. Dort erscheint das Schiff des Fliegenden Holländers, der dazu verdammt ist, ewig die Weltmeere zu befahren. Nur eine bedingungslos treu liebende Frau könnte ihn erlösen. Dalands zurückgezogen lebende Tochter Senta kennt die Geschichte des Holländers aus einer Ballade und sehnt sich nach etwas Unerhörtem und Unerlebtem.

Regisseurin und gleichzeitige Ausstatterin des Stückes, Aniara Amos, und der Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach interpretieren den Fliegenden Holländer für ihre Inszenierung jenseits von Schiffsflotte oder Hafenromantik. Viel eher rücken durch den Einbruch des Übersinnlichen in die Realität die inneren Vorgänge und Antriebe der Protagonisten in das Zentrum der Handlung. Es geht um die Zahl sieben. Diese Zahl ist zum einen die biblische Zahl (Gott schuf in sieben Tagen die Welt, sieben Todsünden, sieben Wochen Fastenzeit). Daraus ableitend taucht in den Märchen die Zahl sieben auf (Meilenstiefeln, Geißlein, Raben). Darüber hinaus ist die sieben die Summe aus drei (heilige Dreieinigkeit) und vier (Himmelsrichtungen, Jahreszeiten oder die vier Elemente). SentasOhne Reu´ bis in den Tod gelob´ ich Treu´“ war für die deutsch-chilenische Regisseurin, die mit Achim Freyer und Peter Konwitschny zusammen arbeitete, die zentrale Stelle im Libretto für ihre Interpretation. Denn diesen Satz richtet Senta am Ende des zweiten Aktes und in der Schlussszene ungewöhnlicherweise an ihren Vater. Es muss also etwas in Sentas Biographie völlig „aus dem Ruder“ gelaufen sein. Situationen aus ihrem Leben als 7-, 14- und 21jähriger Tochter werden dargestellt. Die Erlösung Sentas geschieht, indem sie aus dem Handlungsschema heraustritt und ihrem Vater ihre „Ketten“ vor die Füße wirft. Der Holländer erscheint als „Alter Ego“ Dalands und erfährt keine Erlösung. Das Ganze wird aus der Sicht Sentas erzählt, die als Kind bereits vom Vater missbraucht wurde. Die Handlung wird von dem den Teufel in Gestalt des Fährmanns in die Unterwelt symbolisierenden Steuermann vorangetrieben.

Theater Lübeck / Der fliegende Hollaender - Senta und Holländer © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Der fliegende Hollaender – Senta und Holländer © Olaf Malzahn

Bereits im Vorspiel wird musikalisch und szenisch das Konzept und die Handlung verdeutlicht. Auf der in blutrote Segeltuchfarbe getauchten Bühne stehen zwei Badewannen. Im Sturm erscheint ein schwarz gekleideter Seemann. Daland streicht der 7-jährigen Senta, die in der Badewanne liegt, über die Haare. Der junge, jägergrün gekleidete und verzweifelt wirkende Erik erscheint mit roter Rose. Er will Senta vor den Übergriffen ihres Vaters mit dem Spielgewehr beschützen. Sie gehen aufeinander zu, erreichen sich aber nicht. Schwarz und weiß bemantelt ringen Daland und der Holländer miteinander. Senta hält sich weinend die Ohren zu, unsicher, wessen Hand sie nehmen soll. Sie nimmt die des Holländers. Wunderbar, kräftig und schwungvoll erklingt es aus dem Graben des Theater Lübeck. Der scheidende Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri leitet das eindrucksvoll klingende philharmonische Orchester Lübeck mit Präzision, großer Wucht, schillernden Farben und wunderschönen leisen Nuancen.

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer - Senta und Spinnerinnen © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer – Senta und Spinnerinnen © Olaf Malzahn

In allen Szenen der Oper bilden die Badewannen die zentralen Ausstattungselemente. Beim Lied des Steuermanns erscheint Senta als 14-jährige umringt von Chor und blauen Segeln im Hintergrund. Der Steuermann taucht gespenstig als Gerippe auf. Paddelnd in der Wanne ist er die die Handlung vorantreibende Gestalt. Hier ist der Teufel im Spiel. Im Hintergrund die 7-jährige Senta in der zweiten Wanne. Taras Konoshchenko, hauseigener Bass lässt hier zum ersten Mal seine prächtige, sonore Stimme erklingen. Daniel Jenz, der von Lübeck nach Kassel wechselnde Tenor, singt präzise, höhensicher und wohlklingend einen großartigen Steuermann.

 Die Ankunft des Holländers und der Brauthandel beginnt auf blutrot gefärbter Bühne. Holländer und Daland stehen Rücken an Rücken und beim Singen des Einen macht der Andere mit Mundbewegungen deutlich, dass hier die ein und dieselbe Person am Werke ist. Der innere Kampf zwischen den beiden Facetten des unterdrückenden Mannes beginnt. Oliver Zwarg, der heute sein Holländerdebut am Theater Lübeck feiert, lässt hier seine großartige farbenreiche mit schöner Schwärze abgedunkelte Stimme erstmalig erklingen: „Die Frist ist um.“ Der Steuermann fädelt geschickt mit teuflicher Absicht den Brauthandel ein. Holländer, Daland und Steuermann paddeln gemeinsam im „Nahalla-Marsch“ über die Bühne. Die nun 21-jährige Senta erscheint auf der Bühne. Auch sie steigt in eine der Badewannen und ergibt sich ihren Peinigern.
Die Gewalt und Unterdrückung der Senta findet ihren Höhepunkt im Chor der „Spinnerinnen“. In knallig bunte Kostüme und Masken gesteckt erscheinen die Damen des spielfreudig gestaltenden, äußerst präzise singenden Chores des Theater Lübeck unter der Leitung von Jan-Michael Krüger, malträtieren und verhöhnen die leidende Senta. Mary ist besonders brutal zu ihr. Machtausübung an den allerschwächsten wird deutlich. Die wunderbar singende Wioletta Hebrowska, mit einem sehr schön abgedunkelten Mezzo und feinem legato, taucht Senta in der Wanne unter Wasser. Die anderen Damen fühlen sich ermutigt es ihr gleich zu tun.

 Zur Ballade steigt Senta in der Wanne auf und lässt ihrer fantastischen Stimme freien Lauf. Miina Liisa Värelä, finnischer Gast am Hause, hat alles was eine hervorragende Senta haben muss. Einen leicht abgedunkelten Sopran mit schwindelerregender Sicherheit in allen Registern. Zu Recht wird sie später vom Publikum mit Ovationen gefeiert. Die Damen des Chores knien um sie herum, hören zu und machen sich über sie lustig. Im Hintergrund fleht die 7- und 14-jährige Senta um Erlösung. Senta (erwachsen) ringt die beiden jüngeren Erscheinungen nieder, während dem ein blutrotes Segel mit Engel gehn Himmel schwebt.
Wie im Vorspiel bereits angedeutet treten Senta und Erik zwar aufeinander zu, können sich aber trotz mitgebrachter roten Rose des Jägers nicht berühren. Erik schaut von der Bühnenvorderseite in die Szene, die ihm unerreichbar erscheint. Heiko Börner gibt einen soliden, kraftvollen Heldentenor. Aber keiner auf der Bühne hört ihm zu. Der Damenchor befindet sich in höchster Ekstase. Dann fasst Erik sich ein Herz und tritt in die Bühnenszene zu den drei Sentas. Senta leidet und schreit nach Erlösung.

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer - Die Ballade der Senta - Chor der Spinnerinnen © Olaf Malzahn

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer – Die Ballade der Senta – Chor der Spinnerinnen © Olaf Malzahn

 Höhepunkt der Oper und der Interpretation Aniara Amos erlebt man im Duett (Terzett mit Daland) Holländer mit Senta. Oliver Zwarg singt hier sehr schön leise, fast lyrisch und höhensicher am Beckenrand der Wanne Sentas sitzend. Daland liegt in der anderen Wanne mit der 7-jährigen Senta und streicht ihr Haar (kaum auszuhalten als Zuschauer). Die 14-jährige Senta weint bitterlich. Miina Liisa Värelä singt herzzerreißend. Der Steuermann erscheint höhnisch lachend, Zigarette rauchend, alles im Griff zu haben scheinend. Senta wiederholt ihre Treue zu ihrem Vater-Doppel; sie tastet pantomimisch ihr Gefängnis ab und wirft die Wannen krachend um.
In der folgenden Szene zieht Senta Damenschuhe an, raucht und tanzt zum Steuermannslied zusammen mit dem Tod und mit den Matrosen. Sie würgt sogar einen als Anzeichen ihrer ständigen Unterdrückung, es auch selbst weitergeben zu müssen. Der Chor der Damen und Herren klingt äußerst präsent zusammen mit dem Orchester in einer beeindruckenden Akustik dieses Jugendstilhauses Lübeck. Erik schüttet Senta enttäuscht ein Glas ins Gesicht und reiht sich ein in die Gewaltausübenden. Zwei riesige Augen erscheinen über einer der Wannen und erzeugen eine abstruse, gespenstige Stimmung. Schwarze Gestalten mit roten „Plastikpenissen“ umkreisen Senta und tauchen die Szene in eine Art Gewalt- und Sexorgie.

 Im Finale stehen zunächst Erik und Senta alleine auf der leeren Bühne. Wie bereits im Vorspiel versuchen sie sich zu erreichen. Doch es gelingt nicht. Erik verweist auf Sentas Treueschwur ihm gegenüber. Nun muss Senta erkennen, dass Erik nicht als Beschützer zu sehen ist, sondern auch als Mann, der ihr den Treueschwur abverlangt. Er missdeutet ihren Händedruck als Treueschwur und wirft endgültig seine Rose weg. Sie verlacht ihn. Alle Mitwirkenden erscheinen auf der Bühne. Die jungen Senta liegen bereits erledigt am Boden; Daland hält Senta während der Holländer singt. Eriks Gewehr taucht auf und wandert in die Hände Sentas. Aber sie erschießt niemanden. Auch nicht sich selbst. Sie wirft ihre „Ketten“ den „Vätern“ vor die Füße und entledigt sich endgültig ihrer Pein. Der Vorhang fällt.

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer - Ensemble mit Schlussapplaus © Patrik Klein

Theater Lübeck / Der fliegende Holländer – Ensemble mit Schlussapplaus © Patrik Klein

Das Publikum feiert die musikalische Leistung mit frenetischem Beifall für alle Beteiligten. Das Konzept von Aniara Amos und ihrem Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach stößt auf einige Gegenwehr aber auch zustimmenden Applaus. Ein aufregender, spannender und neue Perspektiven aufzeigender Abend. Eine Reise nach Lübeck ist es allemal Wert.

Der fleigende Holländer am Theater Lübeck: Weitere Vorstellungen am 15.6.2017, 24.6.2017 und 9.7.2017

—| IOCO Kritik Theater Lübeck |—

Lübeck, Bassbariton Oliver Zwarg im Gespräch, IOCO Interview, 03.06.2017

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

Theater Lübeck © Olaf Malzahn

IOCO stellt vor:  Bassbariton Oliver Zwarg 

Zur Premiere  Der fliegende Holländer  am Theater Lübeck

IOCO Korrespondent Patrik Klein führte am 30.5.2017 das folgende Interview mit Bassbariton Oliver Zwarg, welcher am Theater Lübeck in der kommenden Produktion Der fliegende Holländer von Richard Wagner die zentrale Partie des Holländer übernehmen wird.

IOCO: Lieber Herr Zwarg, wir sprechen kurz vor Ihrem Rollendebüt als Fliegender Holländer, den Sie ab 9. Juni am Theater Lübeck singen werden. Ist das die letzte große Wagnerrolle, die noch fehlt?
Oliver Zwarg: Nein, ist es nicht. Es fehlen neben dem Hans Sachs, den ich mir bis zum Schluss als Krönung aufbewahren möchte, noch zumindest die szenischen Umsetzungen der Wotane (im Rheingold und der Walküre) und der Wanderer. Übrigens hätte ich diese Rollen zeitgleich mit dem Holländer in Oldenburg singen können. Gerne hätte ich das für mich selber realisieren wollen, aber aus terminlichen Gründen war das leider noch nicht möglich. Auch der Wanderer bei den Maifestspielen in Wiesbaden wurde mir angeboten, passte aber ebenso nicht in meinen Terminkalender.

IOCO im Gespraech / Oliver Zwarg und Patrik Klein © Patrik Klein

IOCO im Gespraech / Oliver Zwarg und Patrik Klein © Patrik Klein

IOCO: Ist es angenehmer eine so wichtige Partie, wie den Holländer, an einem mittelgroßen Opernhaus wie dem Theater Lübeck erstmals zu singen?
Oliver Zwarg: Das lässt sich nicht eindeutig mit „Ja“ beantworten. Bei der Frage nach einer Rolle ist es von großer Bedeutung, dass das „Timing“ stimmt, wann man diese annimmt. Franz Grundheber hat einmal gesagt, dass man die ganz großen Rollen seines Faches nicht vor dem Alter von 45 Jahren beginnen sollte. Da bin ich jetzt genau angekommen. Insofern kommt der Holländer nun gerade recht. Sicherlich ist es auch hierbei angenehmer, wenn man an einem mittelgroßen Haus wie Lübeck debutiert, um sich nicht dem gleichen feullitonistischen Druck auszusetzen wie dies etwa in München oder Frankfurt wäre.

IOCO: Wie ist Ihr bisheriger Eindruck von den Proben und die Zusammenarbeit mit den Beteiligten und insbesondere mit Regisseurin Aniara Amos?
Oliver Zwarg: Die Zusammenarbeit gestaltet sich sehr angenehm. Ganz besonders auch im Zusammenspiel mit der wunderbaren und bereits erfahrenen Senta der finnischen Sopranistin Miina-Liisa Värelä, die ich schon von einem konzertanten Walkürenwotan kenne. Ich muss mich bei dem Duett mit Senta schon ganz schön strecken, damit ich auf dieses Niveau komme. Bei der Regie durfte ich einen großen Teil meiner gesanglichen, musikalischen Vorstellungen auch szenisch umsetzen, weil es so in das vorgegebene Regiekonzept passt. So viel darf ich verraten: Es geht beim Holländer sehr stark um die Zahl sieben. Die Zahl Sieben ist ja zum einen die uns allen bekannte biblische Zahl (Gott schuf in 7 Tagen die Welt, 7 Todsünden, 7 Wochen Fastenzeit, etc.) Daraus ableitend gibt es sicher in den Märchen ständig die Zahl 7 (Meilenstiefeln, Geißlein, Raben, etc.) Darüber hinaus ist die Sieben die Summe aus 3 (heilige Dreieinigkeit) und der 4 (Himmelsrichtungen, Jahreszeiten oder die vier Elemente. Bei Griechen galten diese als die Grundbestandteile allen Seins). Sentas „Treu bis in den Tod“ war für Frau Amos der Grund Aufhänger zu untersuchen, was in Sentas Biographie schief gelaufen sein muss. Denn diesen Satz richtet sie an ihren Vater… Musikalisch wird der Schluss Wagners mit Erlösung gespielt, den er 1862 nachdem er Tristan komponierte, nachträglich verändert hatte. Es wird spannend für das Publikum.

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

IOCO: Haben Sie ein „Holländer-Vorbild“?
Oliver Zwarg: In meiner Zeit an der Hamburgischen Staatsoper habe ich viele Male den wunderbaren Franz Grundheber erleben dürfen. Was ich bei ihm besonders interessant finde ist, dass er aus dem Wort denkend und handelnd auf der Bühne agiert und gesanglich gestaltet. Ganz egal wo ich stand und ihm zuhörte, entweder im Publikum oder auf der Seitenbühne haben mich z.B. sein Jago fasziniert und zu Tränen gerührt. Klanglich sind für mich Franz Crass und George London ein Vorbild. Besonders die Schwärze der Stimme bei London ist für mich ein Ideal. Als ich damals so davon fasziniert war und es versuchte nachzuahmen, hat mich zum Glück mein Gesangslehrer von weiteren Nachahmungsversuchen abgehalten. (lacht)

IOCO: Am Anfang Ihrer Karriere, während der Festengagements in Hamburg und Hannover haben Sie u. a. viel Mozart gesungen. War Ihnen immer schon klar, dass die großen Heldenbaritonrollen bei Strauss und Wagner einmal im Zentrum des Repertoires stehen werden?
Oliver Zwarg: Instinktiv und unterbewusst „Ja“. Als junger Sänger mit 26 Jahren habe ich das irgendwie gespürt, das ist mal meins. Auch, obwohl ich Salome noch gar nicht richtig kannte, war mir klar, dass es irgendwann einmal der Jochanaan wird. Andere Rollen wie Orest, Barak, Wotan oder Sachs sind nach und nach in mir „entstanden“. Man hat immer seine „Lieblinge“ wie Abschied, Fliedermonolog oder erster Auftritt Orest ein bisschen gesungen… Und irgendwann kamen dann ja auch die Angebote dafür!

Richard Wagner Bueste in Bayreuth © A. Schneider

Richard Wagner Bueste in Bayreuth © A. Schneider

IOCO: In welcher Reihenfolge haben Sie die großen „Brocken“ Ihres Repertoires erarbeitet? War diese Reihenfolge gut und richtig oder haben Sie manche Partien zu früh angesetzt?
Oliver Zwarg: Das ist eine schwierige Frage, die ich nicht eindeutig mit ja oder nein beantworten kann. Vielmehr ist es ein Prozess. Es gibt ja manchmal Jahre, wo alles Mögliche gleichzeitig auf einen einwirkt. 2010 sang ich zum ersten Mal Amonasro und den Smee in Der Schmied von Gent (Schreker). Das ist ein „kleiner Hans Sachs“. Im selben Jahr sang ich erstmals Jochanaan und alle drei Alberiche. Zudem war ich Cover als Orest bei den Salzburger Festspielen. Das war einfach unter dem Strich zu viel. Der Alberich in Köln zum Beispiel war ein so großer Erfolg, das Adrenalin hat mich damals geradezu nach vorne katapultiert. Das lässt sich aber nicht eine ganze Spielzeit durchhalten.

IOCO: Wie ist das Gefühl für Sie, umjubelt von 1000 oder mehr Zuhörern auf der Bühne beim Applaus zu stehen?
Oliver Zwarg: Ja, das ist ein Gefühl, das durch nichts Schöneres zu ersetzen ist. Vielleicht noch die Geburt des eigenen Kindes zu erleben. Damals in Köln oder auch bei einem konzertanten Pelléas in Amsterdam habe ich auf der Bühne gestanden und mir liefen die Tränen. Sowas treibt dann auch an.

IOCO: Als Hamburger sind Sie ständig unterwegs in ganz Europa und singen und spielen die Rollen in Ihrem Fach. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?
Oliver Zwarg: Das ist nicht leicht. Das Leben aus dem Koffer und nebenbei noch ein guter Familienvater zu sein ist eine große Herausforderung. Bei bestimmten Terminhäufigkeiten versuche ich das so zu lösen, indem ich Ausgleichszeiten schaffe. Bei einer Terminfülle wie in 2010, wenn ich bis zu 3 Monaten nicht zu Hause bin, muss auch manchmal die Familie wenn möglich mitkommen. Das ist alles nicht ganz einfach, weil meine Frau ja im Chor der Hamburgischen Staatsoper singt. Wenn diese Ausgleichszeiten dann gelingen, widme ich mich unserem Haus in Hamburg, wo etliche Umbaumaßnahmen anstehen und für mich Zeit zum Abschalten entsteht.

IOCO: Wie darf man sich Ihre Arbeit beim Einstudieren neuer Partien vorstellen? Sind Sie ein Autodidakt mit Repetitor oder haben Sie einen Gesangslehrer? Wie lief das beim Holländer?
Oliver Zwarg: Ich bin jemand, der mit neuen Rollen immer zum Repetitor geht, weil ich nichts falsch einstudieren möchte. Man kann sich schnell ein falsches Intervall oder einen falschen Rhythmus aneignen. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, gehe ich auch zumindest für ein, zwei Tage zu einem Gesangslehrer, um u.a. die Technik noch einmal zu überprüfen. In meiner Laufbahn waren das verschiedene Lehrer wie z.B. Marianne Spiecker, Julia Hamari, Carl Davis oder Rudolf Piernay.

Oliver Zwarg © Oliver Zwarg

Oliver Zwarg © Oliver Zwarg

IOCO: Sie haben am Anfang unseres Gesprächs gesagt, dass der Hans Sachs auf Sie wartet. Wie lange Vorbereitungszeit bedeutet das?
Oliver Zwarg: Mindestens zwei Jahre bis zum erstmaligen Probieren auf der Bühne. Die Rolle ist wohl die längste, die es in der Literatur gibt. Von fünf Stunden Musik in den Meistersingern hat Hans Sachs fast die Hälfte der Zeit zu singen. Dann gibt es extrem viele Stellen, die man philosophisch sehr unterschiedlich deuten und interpretieren kann. (Oliver Zwarg singt musikalische Passagen in unterschiedlichen Facetten und zitiert Faust klassisch und in moderner Regie, um die Unterschiede einer Interpretation zu verdeutlichen). Das Erlernen braucht unglaublich viel Zeit und Geduld.

IOCO: Wo liegen die Schwierigkeiten der Partie?
Oliver Zwarg: Der Hans Sachs ist eine unglaubliche Konditionsaufgabe. Man darf die Stimme z.B. nicht zu breit machen, um am Ende nicht zu müde zu werden. Dann bräuchte es gute Nerven, um am Ende einen Rettungsanker zu finden, der einen durch die Partie bringt. Konkret heißt das, dass man beim Streit mit Beckmesser im zweiten Akt nicht übertreiben darf und den Weg ins Lyrische im dritten Akt wieder zurückfinden muss. Bei der Ansprache des Hans Sachs muss immer wieder in der Passaggio-Lage, also dem Grenzbereich zwischen Brust- und Kopfstimme gesungen werden. Hier ist eine besonders kluge Mischung aus diesen beiden Bereichen notwendig. Das ist einfach unglaublich schwer.

IOCO: Gibt es nach dem Sachs noch ganz große Partien, die Sie gerne singen würden?
Oliver Zwarg: (überlegt) Alle großen Strausspartien sind durch, aber ich würde schon gerne noch einmal den Jochanaan singen, den ich zuletzt vor sieben Jahren sang. Meine Stimme hat sich seitdem weiterentwickelt. Aber grundsätzlich sind  unter anderem Elektra, Ring des Nibelungen, Frau ohne Schatten  große Meisterwerke, weil sie nie langweilig werden. Jede Beschäftigung damit bringt wieder Neues zum Vorschein. Deshalb gerne alles wieder. Immer wieder! Ferner fehlt mir noch in meinem Repertoire der Prus in Janaceks Die Sache Makropulos. Diese Rolle finde ich neben dem Förster in Janaceks Füchslein besonders schön. Falstaff und Jago würden noch auf meiner Wunschliste stehen, aber ich mache mir da keine Illusionen. International werde ich da wohl nicht berücksichtigt werden!

IOCO: Welches sind die Partien, gleich ob groß, mittel oder klein, die Ihnen besonders am Herzen liegen?
Oliver Zwarg: Eine der größten Opern in der Geschichte ist für mich Mozarts Don Giovanni. Meine Lieblingsrolle ist der Leporello für mich gewesen und steht immer noch ganz oben in meiner Beliebtheitsskala. In den Jahren 2001 bis 2009 habe ich den Leporello in Hannover und Stuttgart sehr oft gesungen.

IOCO: Welche Partien würden Sie gerne oder kann man in Ihrem Fach bis in hohe Alter singen?
Oliver Zwarg: Das zeigt Franz Grundheber ja gerade mit seinem Barak in Leipzig, dass das sehr abhängig von der Technik ist und bis ins hohe Alter funktionieren kann, wenn man nicht zu früh mit dramatischen Partien begonnen hat. Ferner kann man beispielsweise den Dikoj aus Katia Kabanowa oder den Musiklehrer aus Ariadne auf Naxos spät singen. Dazu die ganzen sogenannten „Alterspartien“. Da sind wir Männer ja wirklich gesegnet!

IOCO: Sie sprechen häufiger davon, wie wichtig der familiäre Rückhalt für die Arbeit ist. Können Sie uns ein wenig von Ihrem Privatleben preisgeben?
Oliver Zwarg: Ich habe zwei Töchter im Alter von 14 und 11 Jahren und eine tolle Frau, die ein wenig älter ist als ich (lacht). Ich bin sehr froh darüber, eine so ergänzende, wunderbare und auch immer mal mich wieder erdende Familie zu haben. Dann haben wir noch unser altes Haus, das jedes Jahr im Sommer zu einem Paradies mit persönlichen Inseln der Selbstverwirklichung wird.

IOCO: Werden Ihre Töchter auch eine Musikerlaufbahn einschlagen wollen? Würden Sie sie dabei unterstützen?
Oliver Zwarg: Grundsätzlich würde ich meine Kinder in Allem unterstützen sofern das ihrer Entwicklung förderlich ist. Wenn eine meiner Töchter z.B. sagen würde, dass sie Schauspielerin werden möchte, dann ist das okay. Was ich nicht schätze, ist alles Mögliche für kürzeste Zeit auszuprobieren und wieder zu verwerfen. Eine Zeit lang erwarte ich hier jedenfalls den Ehrgeiz, eine Sache durchzuziehen. Die Ältere nimmt derzeit Gesangsunterricht und die jüngere Tochter spielt Gitarre. Beide begleiten mich und meine Frau auch häufig in die Oper.

IOCO: Wie sehr und in welche Richtung hat sich das Sängerleben in den 20 Jahren Ihrer Karriere verändert?
Oliver Zwarg: Hier gibt es durch den seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Druck enorme Kürzungen in den Etats der Opernhäuser. Seit über 2 Jahren gibt es zumindest einen Gehaltsstillstand für die meisten Sängerinnen und Sänger. Die Spesen, wie Unterkunft und Reisekosten müssen von den Gagen bezahlt werden. Es ist nicht zynisch gemeint, wenn ich davon spreche, dass wir in vielleicht 30 Jahren keine Opernlandschaft, wie wir sie heute in Deutschland kennen, haben werden. Dann könnte diese sich so gestalten, wie derzeit in Italien oder Spanien. Ein Grund dafür ist die meiner Meinung nach nicht vorhandene Priorität von Musik und Kunst in der Bildungspolitik an unseren Schulen.

IOCO: Würden Sie gerne die Erfahrungen an junge Sänger von heute weitergeben?
Oliver Zwarg: Das tue ich gerne, aber im heutigen System der Hochschulen ist das nicht ohne Weiteres unproblematisch. Ähnlich wie bei der Bildungspolitik sind hier viele unterschiedliche Bewertungskriterien vorhanden, dass es schon sehr gut passen müsste, wie zum Beispiel bei einer guten Ehe.

IOCO: Wann darf Ihre Hamburger Fangemeinde wieder mit einem Auftritt auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper rechnen, wo Sie in der Vergangenheit im Opernstudio engagiert waren und einige Partien wie z.B. den Wurm in Verdis Luisa Miller gegeben haben?
Oliver Zwarg: Wenn es nach mir ginge, würde ich so schnell als möglich wieder an der Hamburgischen Staatsoper singen wollen. Das Haus bietet eine solche Fülle an Möglichkeiten, auf die ich mich freuen und die ich glaube ich gut ausfüllen würde.

IOCO: Herr Zwarg, Danke für das Gespräch und alles Gute zunächst für die Premiere in Lübeck nächste Woche und Ihre künstlerische wie private Zukunft.

Biografie 
Oliver Zwarg, 1971 in Bergisch Gladbach geboren, ist in Norddeutschland aufgewachsen. Er studierte Geschichte, Erziehungswissenschaften und Musik, ehe er ein Studium an der Opernschule in Stuttgart bei Carl Davis und Julia Hamari begann. Seine Gesangsstudien führten ihn in der Folge zu Rudolf Piernay.
Sein Bühnendebüt hatte er 1997 bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen als Nanni in L’infedeltà delusa. Festengagements führten ihn 1999 an das Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper und 2001 ins Ensemble der Staatsoper Hannover. Heute ist Oliver Zwarg freischaffend tätig und gastiert in Deutschland u.a. an den Staatstheatern von Darmstadt, Mainz und Wiesbaden, an der Oper Köln, an der Staatsoper Berlin, an der Komischen Opern Berlin, an der Bayerischen Staatsoper, an der Staatsoper Stuttgart sowie im Ausland in Shanghai (Kölner Ring), bei den Wiener Festwochen, den Salzburger Festspielen, den Osterfestspielen Salzburg, im Concertgebouw Amsterdam, beim Edinburgh Festival, beim Lucerne Festival oder an den Opernhäusern von Barcelona, Liège, Strasbourg, Toulouse und Bordeaux. Er hat mit Regisseuren wie Calixto Bieito, Stefan Herheim, Peter Konwitschny oder Jossi Wieler zusammengearbeitet. 2007 wurde er von der Zeitschrift „Opernwelt“ als „Sänger des Jahres“ nominiert.
Zentrales Opernrepertoire sind bei Richard Strauss Jochanaan, Barak, Orest und Musiklehrer, bei Wagner Telramund, Kurwenal, Amfortas & Klingsor, Holländer sowie Wotan und Alberich im Ring, bei Alban Berg Wozzeck sowie Mozarts Leporello und Papageno. Im italienischen Repertoire gehören Scarpia, Jago und Amonasro zu seinen Lieblingsrollen. Große Erfolge hatte er stets mit Golaud in Pelléas et Melisande. Bei den Salzburger Festspielen 2013 war er Fritz Kothner in einer Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg und Cecco del Vecchio in Rienzi. 2013/14 bringt als Rollendebüts den Förster im Schlauen Füchslein, Pizarro in Fidelio sowie den Fluth in den Lustigen Weibern von Windsor.
Oliver Zwarg verfügt über ein von der Renaissance bis zur Moderne reichendes Konzertrepertoire. Er arbeitete bislang u.a. mit den Berliner und Wiener Philharmonikern, dem Gürzenich Orchester Köln, dem NDR Sinfonieorchester oder dem Orchestre National du Capitole Toulouse zusammen. Bei cpo erschien im März 2012 Schrekers  Der Schmied von Gent mit Oliver Zwarg in der Titelrolle.

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