Wiesbaden, Staatstheater Wiesbaden, IL TRITTICO – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 14.07.2021

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

IL TRITTICO   –  Der Mantel – Schwester Angelica – Gianni Schicchi

Giacomo Puccini  –  auf das Private, das Intime konzentriert

von Ingrid Freiberg

Unter den Protagonisten der Operngeschichte nimmt Giacomo Puccini eine Sonderrolle ein: eine seltsame Zurückgenommenheit prägt seine Opern. Zwar kündet seine Musik von ganz großen Gefühlen, hat aber eine minutiöse psychologische Sichtweise. Puccini selbst bezeichnete sich als ein Mann der cose piccole. Fast folgerichtig ist da die Marginalisierung des Chores im Trittico. Nur kurz kommen die Kollektive zu Wort, gleichsam als atmosphärisches Gestaltungsmittel für die scharf gezeichneten Individualschicksale. Er legt seine Aufmerksamkeit auf die Hauptlinien der Dramen, komponiert mit äußerst feinem Pinsel. So gestisch, semantisch präzise stellt sich die Musik dar, dass die Partitur zum Regiebuch wird. Die Novellen der Trilogie stehen durchaus gleichberechtigt nebeneinander, jedoch experimentiert Puccini zwischen Moderne und Tradition. Die beiden Gesamtausgaben des Klavierauszugs (1918 und 1919) tragen auf dem Titelblatt nur die drei Einzeltitel. Schon vor der Uraufführung war der Komponist bereit, einer Trennung der drei Stücke zuzustimmen, er dachte sogar daran, Tabarro mit Villi zu kombinieren. Puccini geht damit einen neuen Weg: Während Wagners Ring-Zyklus nicht nur einen Abend, sondern gleich vier aufeinanderfolgende mit einer Handlung überzeugt, zerstückelt das Trittico den Opernabend in drei unverbundene Handlungen. Puccinis Vorliebe für episodische Dramaturgie erreicht hier ihren Gipfel.

IL TRITTICO  –  Intendant Uwe E. Laufenberg stellt vor
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Banalität und Brutalität im Pariser Arbeitermilieu

In Il Tabarro, Libretto Giuseppe Adami nach dem Drama La Houppelande von Didier Gold, finden sich viele Züge eines modernen Beziehungsdramas, das effektvoll das düstere Lokalkolorit eines Schiffermilieus, ein Fluss- und Liebesthema, zeigt. Aus Angst vor der Untreue seiner Frau Giorgetta beendet Michele mit einer scheußlichen Gewalttat jäh das Drama, das in seiner Dichte die Zeitgenossen Puccinis irritieren musste. Bemerkenswert ist der Einfluss von Strawinsky durch die Verwendung von nicht kaschierten dissonanten Intervallen, wie z. B. in der bedrohlichen Zuspitzung im letzten Teil des Duetts von Michele und Giorgetta. Die besondere Atmosphäre wird vorherrschend mit gedämpften düsteren Farben gemalt.

Ohne Mutter, Kind, bist du gestorben!

Am deutlichsten zurück ins 19. Jahrhundert weist die Klosteroper Suor Angelica, Libretto Giovacchino Forzano, in der das Martyrium einer jungen, wegen eines unehelichen Kindes verstoßenen Frau als Erlösungsdrama erzählt wird. Die Nonne erkennt die Möglichkeit, im Himmel mit ihrem Sohn vereint zu werden. In mystischer Ekstase verkündet Angelica, begleitet vom Chor der Schwestern, dass die Gnade des Himmels sie entzündet habe und trinkt Gift.

Die religiöse Färbung der Musik ist zwar nicht durchgängig, aber doch eines der auffälligsten Merkmale. Dem ehemaligen Kirchenmusiker und Organist der Kathedrale von Lucca gibt das Thema Gelegenheit, sein früheres Talent wiederzubeleben. Das Eingangsgebet und der Hymnus der Schlussszene sind Beispiele seines theatralischen Kirchenstils. Die Chöre der Nonnen sind gelegentlich a capella gesetzt.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico -hier: Gianni Schicci Ensemble © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico -hier: Gianni Schicci Ensemble © Karl und Monika Forster

Ein Schelm betrügt die Betrüger

Janusköpfig präsentiert sich Gianni Schicchi, ein Stoff aus Dantes Inferno, dessen Bühnenerfolg zu erwarten war, denn Schadenfreude ist eine der schönsten der menschlichen Freuden. Giovacchino Forzano macht von Klassengegensätzen im Libretto vergnüglich Gebrauch, die adeligen Donatis rümpfen die Nase über den neureichen Schicchi, der bäuerlicher Abstammung ist. Hier findet Puccini radikal neue Formen der kompositorischen Gestaltung, auch begibt er sich auf das Terrain der komischen Oper. Die Geschichte eines findigen Testamentsfälschers, der nicht nur den Verstorbenen prellt, sondern auch die scheinheiligen, habgierigen Erben. Durch Harmonik und Rhythmik, auf Transparenz zielende Instrumentation, gelingt ihm eine konsequente Abkehr vom Prinzip der Nummernoper.

Uwe Eric Laufenberg inszeniert die Trilogie in der Reihenfolge der Uraufführung am 14. Dezember 1918 an der Metropolitan Opera in New York. Mit viel Einfühlungsvermögen gelingt es ihm, die großen Gefühle psychologisch auszufalten und große Leidenschaften und Konflikte anzuheizen. Es ist nicht nur ein Vergnügen wieder im Theater sitzen zu dürfen, sondern es ist auch ein großes Vergnügen diese glaubwürdige einfühlsame Regiearbeit zu verfolgen. Kammerspielartig schenkt er den Figuren der Handlung als Opfer von Katastrophen Aufmerksamkeit. Dabei geht es ganz zentral um den Zusammenhang zwischen Normen und Mechanismus der Gesellschaft. Das Verhältnis von Masse, Macht und Mensch wird ohne Verfremdung und Überzeichnung aufgezeigt. Laufenbergs Personenführung ist durchdacht und führt zu erinnerlichen Situationen, etwa als Michele in Il Tabarro gedankenverloren auf das Wasser starrt (Arioso Nulla! Silenzio…) oder das bezwingende Duett zwischen der Fürstin und Schwester Angelica (Nel silenzio di quei racogglimenti… Senza mamma, o bimbo, tu sei morto… Ah, son dannata!…). Tragisch auch als ihre Mitschwestern der völlig Apathischen die Hand führen, damit sie die Verzichtserklärung auf ihren Erbanspruch unterschreibt, demütigend als die Äbtissin ihren Stuhl wegtritt, sie zu Boden sinkt. Das ist sehr beklemmend. Um die Selbstmörderin zu erlösen, steigt

Jesus vom Kreuz herab, das verstorbene Kind an der Hand. Doch anstatt ins himmlische Licht zu entschwinden, begraben sie die Schwestern in einer Versenkung. Die Erlösung wird ihr versagt. Geglückt ist auch Gianni Schicchi, ein Feuerwerk als Finale. Geistreich, virtuos wird die toskanische Leichtigkeit eingefangen, von den tragikomischen Klagegesängen bis hin zum hysterischen Suchen nach dem Erbe. Das ist mit großer Leichtigkeit gezeichnet, es mutet an, die Protagonisten konnten ohne Anleitung ihren menschlichen Schwächen frönen. Köstlich!

Gisbert Jäkel, Bühne, ordnet die drei Opern in die Zeit des 20. Jahrhunderts ein. Begrenzt asketisch werden die Spielorte belebt: düstere Szene an der Seine, eine Industrielandschaft mit Schleppkahn und Ladekran. Das Kloster als geschlossener Raum, dessen Mittelpunkt ein von der Sonne beleuchteter Springbrunnen und das von Angelica versorgte Kräuterbeet sind, dem sie später die giftige Pflanze entnimmt, um schmählich Selbstmord zu begehen. Im stilisierten italienischen Palazzo hängen Bilder vom Sündenfall nach Lucas Cranach d. Ä., die die geprellten Erben zum Schluss mitnehmen. Mittelpunkt ist ein prächtiges Bett, in dem zunächst der Tote liegt, danach der äußerst spielfreudige Gianni Schicchi. Die Bühnenräume sind stimmig und gelungen. Die Kostüme von Jessica Karge reihen sich kongenial in das Regie- und Bühnenkonzept ein und unterstreichen gekonnt den jeweiligen Charakter der Oper und der Personen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico - hier :  Der Mantel mit Aaron Cawley und Olesya Golovneva © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico – hier : Der Mantel mit Aaron Cawley und Olesya Golovneva © Karl und Monika Forster

Erregende, ergreifende, überzeugende Stimmen

Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden kommt es in Il Trittico zu hervorragenden Mehrfachbesetzungen. Herausragend ist Olesya Golovneva. Es ist eine Glanzleistung, sich in diese unterschiedlichen Rollen einzufühlen, und sie so überzeugend an einem Abend darzubringen. Als Giorgetta in Il Tabarro, eine verletzte sich nach Liebe und Lebensfreude sehnende, unglückliche junge Frau, als Schwester Angelica, unglaublich berührend, erschüttert über den Tod ihres Sohnes, die Todsünde der Selbsttötung begehend, um dann als verliebte kapriziöse Lauretta in Gianni Schicchi mit „O mio babbino caro“ zu brillieren. Charismatisch, gestalterisch perfekt, erzählerisch in allem, was sie singt. Nicht weniger überzeugend ist Daniel Luis de Vicente als Michele, schlurfend depressiv – seine große Eifersucht eskaliert auf allerhöchstem stimmlichem Niveau in der Ermordung seines Rivalen. Das ist dramatisch und fesselnd. Und begeisternd als umwerfend spielfreudiger Gianni Schicchi mit Rampensaupotenzial, der alle und alles manipuliert. Seine prachtvolle Stimme verzaubert das Publikum. Überzeugend auch Romina Boscolo als Frugola in Il Tabarro, bestechend als Fürstin in Suor Angelica, komödiantisch als Zita in Gianni Schicchi. Ihre Stimme klingt wunderbar natürlich. Es liegt nichts Verzerrtes oder Angestrengtes darin, sie ist in jeder geforderten Tonlage höchst souverän. Hinzu kommen ihre außerordentliche Ausstrahlung und darstellerische Begabung. Mehrfach sorgt Romina Boscolo für bewegende Momente.

Aaron Cawley in Il Tabarro ist ein jugendlicher Luigi, ein Verführer mit leidenschaftlicher Hingabe und bewegenden Akzenten. Seine angenehm gefärbte Stimme begeistert mit Sinnlichkeit und Schmelz. Die bezaubernde Fleuranne Brockway ist eine despotische Äbtissin, Schwester Eiferin, und wandelt sich in die schrullige Ciesca in Gianni Schicchi. Ihre subtile Körpersprache gehört ebenso zu ihr wie ihre ausdrucksvolle Stimme, dramatisch aufwallend, bisweilen auch komisch. Der überaus angenehm gefärbte und sicher geführte Tenor von Ioan Hotea verfügt über eine blendende Höhe. Zu hören in Il Tabarro als Liederverkäufer, Tenorstimmchen und zusammen mit Stella An als ein Liebespaar. Als verliebter Rinuccio in Gianni Schicchi lässt er seine Stimme herrlich strömen. Wiederum gewinnt Eric Biegel mit seinen eindeutigen Charakterstudien als Tinca, dem Säufer, in Il Tabarro und Cherardo in Gianni Schicchi. Supporting Act im besten Sinne, differenziert und ausgereift. Viel Bühnenpräsenz zeigt auch Wolf Matthias Friedrich als Talpa in Il Tabarro und Simone in Gianni Schicchi. Es ist immer wieder eine Freude, diese prachtvolle Bassstimme zu hören, ungeheuer sicher mit szenischer Ausstrahlung. Für sich gewinnen können auch Britta Stallmeister als Schwester Dolcina in Suor Angelica und als Nella in Gianni Schicchi und Stella An als Schwester Genoveva in Suor Angelica, Sopranstimmchen und ein Liebespaar in Il Tabarro sowie Benjamin Russell als Betto di Signa in Gianni Schicchi.

Die stilistische Unterschiedlichkeit der Opern wird durch den Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne in ihrer Wirkung erhöht. Schon Puccini sah vor, dass der Chor (Frauen, Jungen und Männer) hinter der Bühne agiert. So ist auch der Knabenchor Roman B. Twardy aus dem Off zu hören. Die Stimmen im Hintergrund haben eine unheimliche, fast gespenstische Wirkung. Chorsängerinnen treten in Suor Angelica solistisch auf und wissen zu beeindrucken.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico - hier :  Suor Angelica und der Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico – hier : Suor Angelica und der Chor © Karl und Monika Forster

Breitgefächerter anspruchsvoller Puccini-Klang

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden spielt in leicht verkleinerter Besetzung unter der Leitung des Dirigenten Alexander Joel. Für die Instrumentation in Il Tabarro ist der häufige Einsatz von Dämpfern bei Streichern, Hörnern und Trompeten und die Verwendung von Celli und Kontrabässen für die Musik an der Seine und die Partie des Michele zu hören. Für besondere realistische Effekte stehen ein Kornett, eine Sirene und eine Autohupe. Sour Angelica bevorzugt die Bläser, und erzielt oft Klangwechsel nach Art der Registrierung einer Orgel. Die Partitur sieht darüber hinaus ein Orchester hinter der Bühne vor: Orgel, Piccolo-Flöte, Posaunen, Bronze- und Stahlglocken, Becken und Klavier. In der Visions-Szene werden alle Instrumente vereinigt. In Gianni Schicchi haben einige Abschnitte einen folkloristischen Anstrich, wie die Arie des Rinuccio zum Lobe der Stadt Florenz oder Schicchis „Warnung“. Neu ist die Vorliebe für Fanfaren, für tusch- und signalartige Figuren der Blechbläser. Die Chromatik wirkt pfiffig und schlagend. Schneidend komische Wirkungen werden durch scharfe Dissonanzen erzielt, so in Schicchis wütenden Schreien „Niente, niente!“ und den aufgeregten Ensembles der Verwandten. Nur in der Musik der Liebenden behalten die Streicher die Führung. Dirigent und Orchester gelingt es hervorragend, den breitgefächerten anspruchsvollen Puccini-Klang wiederzugeben. Das Zusammenklingen von Orchester, Sängerinnen und Sängern kann kaum besser sein.

Die geglückte Produktion wird mit starkem Applaus goutiert. Beglückt,  mit Strahlen im Gesicht  verlässt das Publikum das Theater

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Frankfurt, Oper Frankfurt, Martha – Don Carlo – Radamisto, Dezember 2019

Dezember 10, 2019 by  
Filed under Oper, Oper Frankfurt, Pressemeldung

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

logo_oper_ffm.gif

Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

„SZENEN EINER EHE“
WEIHNACHTEN UND JAHRESWECHSEL –  OPER FRANKFURT

Amüsante, tragische und kriegerische „Szenen einer Ehe“ finden sich auf dem Spielplan der Oper Frankfurt an den Feiertagen und „zwischen den Jahren“: In Flotows romantisch-komischer Oper Martha begibt sich ein von der Hofgesellschaft gelangweiltes Adelsfräulein mitsamt Zofe auf amouröse Seitenwege und trifft auf zwei wackere Landwirte. Nach reichlich zwischenmenschlicher Verwirrung folgt ein genre-typisches Happy End, das späteren Familienanschluss nicht ausgeschlossen erscheinen lässt. Sehr viel ernster spiegelt sich das Thema in Verdis Don Carlo, wo die Ehe zwischen dem spanischen König Philipp II. und der französischen Prinzessin Elisabeth aus Gründen der Staatsraison geschlossen wird, sehr zum Verdruss von Philipps Sohn Don Carlo, der sich nämlich zuvor inkognito im Wald von Fontainebleau in Elisabeth verliebt hat. In Händels Radamisto hingegen ist das, was bei Verdi durch die Ehe verhindert werden soll – nämlich der Krieg –, bereits kurz nach Beginn der Aufführung in vollem Gange, und zwar zwischen dem armenischen König Tiridate und dem thrakischen Prinzen Radamisto. Dabei vermischen sich in bewährter Barockopern-Manier Kämpfe und Liebeshändel zwischen den Herren und den dazugehörigen Ehefrauen in fast unentwirrbarer Weise…

Oper Frankfurt / MARTHA © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / MARTHA © Barbara Aumueller

Martha von Friedrich von Flotow (1812-1883) steht am Montag, dem 23. Dezember 2019, um 19.30 Uhr und am 1. Weihnachtsfeiertag (Mittwoch, 25. Dezember 2019) um 18.00 Uhr sowie zum letzten Mal in dieser Spielzeit an Silvester (Dienstag, 31. Dezember 2019) um 19.30 Uhr auf dem Programm. Die musikalische Leitung der Inszenierung von Katharina Thoma aus dem Jahre 2016 liegt bei Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, und nahezu alle Partien sind mit Mitgliedern des Ensembles besetzt, darunter Juanita Lascarro in der Titelpartie sowie Katharina Magiera (Nancy), Barnaby Rea (Lord Tristan), AJ Glueckert (Lyonel), Gordon Bintner (Plumkett) und Franz Mayer (Richter von Richmond). Die Silvestervorstellung und die anschließende Feier sind bereits ausverkauft. Für die Aufführungen am 23. und 25. Dezember 2019 sind noch Tickets erhältlich.

Oper Frankfurt / Don Carlo © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Don Carlo © Barbara Aumueller

Seit der Premiere 2007 zählt David McVicars Inszenierung des Don Carlo von Giuseppe Verdi (1813-1901) zu den Publikumsmagneten des Hauses und ist am 2. Weihnachtsfeiertag (Donnerstag, 26. Dezember 2019) um 18.00 Uhr sowie am Samstag, dem 28. Dezember 2019, um 18.30 Uhr und zum vorletzten Mal in dieser Saison an Neujahr (Mittwoch, 1. Januar 2020) um 18.00 Uhr zu erleben. Am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters steht mit Stefan Soltesz ein gern gesehener Frankfurter Gast. In der Titelpartie ist mit Alfred Kim ein ehemaliges Ensemblemitglied zu erleben. Ihm zur Seite stehen als Elisabeth Tamara Wilson im Wechsel mit Olesya Golovneva und als Philipp II. Simon Lim. Als Carlos Jugendfreund Rodrigo gibt Bogdan Baciu sein Hausdebüt, ebenso wie Carmen Topciu, die sich als intrigante Prinzessin Eboli mit Ensemblemitglied Tanja Ariane Baumgartner abwechselt. Auch Bianca Andrew (Tebaldo) und Magnús Baldvinsson (Der Großinquisitor) gehören zum festen Frankfurter Sängerstamm.

Oper Frankfurt / Radamisto © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Radamisto © Barbara Aumueller

Radamisto von Georg Friedrich Händel (1685-1759) feierte 2016 in der Regie von Tilmann Köhler Premiere im Bockenheimer Depot. Nun steht die Produktion am Sonntag, dem 29. Dezember 2019, um 18.00 Uhr unter erneuter musikalischer Leitung von Kapellmeister Simone Di Felice auf dem Spielplan, diesmal jedoch im Opernhaus. Die Besetzung vereint – mit Ausnahme des gastierenden Countertenors Dmitry Egorov in der Titelpartie – aktuelle sowie ehemalige Frankfurter Ensemblemitglieder wie Kihwan Sim (Tiridate), Zanda Svede (Zenobia) und Jenny Carlstedt (Polissena).

Oper Frankfurt / Radamisto © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Radamisto © Barbara Aumueller

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Wiederaufnahme Katja Kabanova, 24.09.2019

September 18, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

staatsoper_logo_rgbneu
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Leos Janácek  –  Katja Kabanova

  In der Titelpartie debütiert Olesya Golovneva an der Staatsoper Hamburg

Leos Janáceks Oper Katja Kabanova ist ab dem 24. September in drei Vorstellungen wieder in der Staatsoper zu sehen. In der Titelpartie gibt Olesya Golovneva ihr Debüt am Haus. Die Sopranistin ist für den diesjährigen Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie Sängerdarstellerin Musiktheater nominiert. In der Inszenierung von Willy Decker gibt es auch ein Wiedersehen mit Hanna Schwarz als Kabanicha.

Zum Inhalt: Eine Kleinstadt an der Wolga wird für Katja Kabanova zum Gefängnis: Hier lebt sie in einer Welt voller Abhängigkeiten und unerfüllter Sehnsüchte. Unerträglich ist die Tyrannei der Schwiegermutter, unerträglich die Angst vor den Konsequenzen einer Trennung von ihrem Ehemann. Doch Boris, den sie heimlich liebt, ist seinerseits nicht frei in seinen Entscheidungen. Als Ehebrecherin von allen verschrien, geht sie aus Verzweiflung in den Fluss.

Mit Katja hat der tschechische Komponist Leos Janácek nach seinem Welterfolg „Jenufa“ eine weitere, vielschichtige Frauengestalt in das Zentrum seiner 1921 in Brünn uraufgeführten Oper gestellt. Ihren inneren Kämpfen hat er in einer mal lyrischen, mal herb-dunklen Tonsprache musikalischen Ausdruck verliehen – und dabei starken persönlichen Anteil an ihrer Geschichte genommen: Seit 1917 und bis zu seinem Tod war der verheiratete Komponist in die fast vierzig Jahre jüngere Kamila Stösslová verliebt; eine Liebe, die nur in etwa 700 Briefen stattfinden durfte.


Leos Janácek   –  Katja Kabanova

Musikalische Leitung: Johannes Harneit, Inszenierung: Willy Decker, Bühnenbild und Kostüme: Wolfgang Gussmann, Mitarbeit Bühnenbild: Stefan Heinrichs, Chor: Christian Günther

Mit: Savjol Dikoj Oliver Zwarg (Rollendebüt), Boris Grigorjewitsch Edgaras Montvidas (Rollendebüt), Marfa Kabanova (Kabanicha) Ks. Hanna Schwarz (Rollendebüt), Tichon Kabanoff Ks. Jürgen Sacher (Rollendebüt), Katherina (Katja) Olesya Golovneva (Rollendebüt und Hausdebüt), Wanja Kudrjasch Oleksiy Palchykov (Rollendebüt), Varvara Ida Aldrian (Rollendebüt), Kuligin Viktor Rud, Glascha Kady Evanyshyn (Rollendebüt und Hausdebüt), Fekluscha Veselina Teneva (Rollendebüt), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Vorstellungen am 24. September sowie am 1. und 4. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr, Großes Haus

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – Idomeneo – Titus, IOCO Kritik, 08.05.2019

Teilen Sie den Artikel
  • 136
  •  
  •  
  •  
  •   

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Idomeneo – La clemenza di Titus – Wolfgang Amadeus Mozart

Internationale Maifestspiele 2019

von Ingrid Freiberg

Die Internationalen Maifestspiele 2019 in Wiesbaden stehen unter dem Motto „Die Stille dazwischen“. Das Genie Mozart ist Mittelpunkt der Festspiele. „Die Stille dazwischen“ ist ein Kerngedanke des Komponisten: „Die Musik steckt nicht in den Noten, sondern in der Stille dazwischen…“

Mit dem Mozart-Doppelprojekt Idomeneo und Titus, in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg, der Musikalischen Leitung von Mozartspezialist Konrad Junghänel und der Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg wird sein Schaffen vom Anfang und vom Ende her beleuchtet. Zwei Opern über zwei Herrscher, die auch das Heutige reflektieren: Machtstrukturen, Heimat haben und nehmen… Kreta ist vom Krieg verwüstet, trojanische Flüchtlinge und Naturkatastrophen bedrohen Idomeneos Insel. Titus hingegen ruft im glänzenden Machtzentrum Rom gegen die destruktiven politischen Ränkespiele Gnade und Vergebung als oberste Staatsräson aus. In beiden Werken verzweifeln Menschen an den Prüfungen, die ihnen auferlegt werden. Mozarts Musik lässt Utopie und Abgrund als zwei Seiten einer Medaille erscheinen.

Idomeneo – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Idomeneo

Mit 24 Jahren ließ Mozart noch keine „Köpfe“ rollen. Als er Idomeneo, ein Auftragswerk für den Münchner Fürst Karl Theodor schreibt (Uraufführung 1. Fassung 1781 in München, 2. Fassung 1786 in Wien), fügt er sich noch den Zwängen übergeordneter Autoritäten und komponiert als Dramma per musica auf ein vorgegebenes Libretto. Freilich nur nach außen hin – hinter der steifen Formfassade brennt sein Unabhängigkeitsfeuer längst lichterloh. Idomeneo ist Mozarts Sturm-und-Drang-Oper, womöglich sein wildestes Werk überhaupt. Mozart hielt sie für seine beste: ein spannungsgeladenes Menschwerdungsdrama. Seine enormen seelischen Emotionen vermochte der Komponist musikalisch in lyrischen wie in melancholischen Stimmungen zu spiegeln, in eruptiven Koloraturen und groß angelegten Chören. Es sind Botschaften der Aufklärung und des humanistischen Gedankens.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo hier Netta Or als Elettra, Mirko Roschkowski als Idomeneo, Kangmin Justin Kim als Idamante © Karl Monika Forster

Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung

Idomeneo ist die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, den die Zerstörung bis in die Heimat verfolgt. Als Preis für die glückliche Heimkehr hat er dem Gott des Meeres einen Menschen als Opfer versprochen. Mozarts große Choroper ist eine Studie über eine auseinandergeborstene Weltordnung, in der Naturgewalten und Kriege unter großen Entbehrungen überstanden werden müssen. Immer noch aktuell: Der Generation der Kinder wird auferlegt, Prüfungen zu bestehen und das Leben in eine heilere Welt zu überführen.

Stringente Herleitung aus der Musik

Dramaturgisch ist das Werk nach wie vor schwer zu knacken. Eric Uwe Laufenberg verbindet die erste Fassung (1781, München) mit der zweiten (1786, Wien), streicht bzw. ergänzt, nimmt aus beiden das Beste. Er überträgt Arien und Rezitative des Arbace auf den Oberpriester und erhöht damit das Geschehen. Schwerpunkt seiner Regie ist die stringente Herleitung aus der Musik. Laufenberg jongliert souverän in einem ästhetisch stark reduzierten Streifzug, erzählt eine zeitnahe Geschichte von komplexen Verwirrungen aus Schicksalsschlägen und Liebesleiden. Sein Idomeneo ringt um Macht, will trotz Krieg und Naturgewalten daran festhalten – bis hin zum Undenkbaren, seinen Sohn für eine bessere Zukunft zu opfern. Es ist eine rätselhafte Welt, in der der Meeresgott Neptun das Geschehen zu lenken scheint. Erst am Ende, wenn die Stimme des Orakels aus dem Off den Machtwechsel als überirdischen Kompromiss zwischen Meeresgott und Erdenwelt anordnet, überträgt Idomeneo seine Macht auf Idamante. Eric Uwe Laufenberg gelingt es, durch die vielfältigen Gefühlswelten zu führen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Idomeneo © Karl Monika Forster

Schöpferische Phantasie und szenische Ästhetik

Seit langem stehen die Ausstattungen von Rolf und Marianne Glittenberg für schöpferische Phantasie, szenische Ästhetik und handwerkliche Perfektion. Die ethnologisch betonten Kostüme in vielgestaltigen Farben von Marianne Glittenberg für den Chor, und nicht zuletzt die prächtigen Gewänder von Idomeneo und Idamantes sind eine Augenweide. Der Bühnenrundraum von Rolf Glittenberg zeigt eindrucksvoll eine auseinandergeborstene Weltordnung. Es ist eine trostlose Trümmerwüste zwischen kaltem Beton, ein vor- bzw. nachzivilisatorischer Raum mit einem von Bomben zerschossenen Durchbruch, der erlaubt, auf das sich langsam wie auch stürmisch bewegte Meer zu blicken. Gérard Naziri (Video) und Andreas Frank (Licht) unterstützen diese Konzeption aussagekräftig.

Überzeugende Leistungen

Das Sänger-Ensemble bleibt den anspruchsvollen szenischen Herausforderungen nichts schuldig; hervorzuheben sind dabei die schauspielerischen Leistungen. Mirko Roschkowski, ein „Tenor zwischen Samt und Drama“, fesselt als Idomeneo durch seine intensive Verkörperung des traumatisierten Königs. Er ist keiner der femininen Mozart-Tenöre. Sein viriler Kern bekommt der Titelrolle ebenso gut wie die sanfte Belcanto-Politur, mit der er seine Partie veredelt.

Idamante und Ilia sind ein Paar, das seine Liebe hingebungsvoll lebt. Beide verschmelzen auf betörende Weise in den Liebesduetten. Der koreanisch-amerikanische Countertenor Kangmin Justin Kim (Idamante) betört mit seinem dunkelrubinroten Timbre. Patriotisch. Bewegt. Erotisch. Im Lauf des Abends wird er immer mehr zu einer männlichen Figur, der man alle innere Zerrissenheit zwischen Folgsamkeit und Liebespassion abnimmt. Er emanzipiert sich… Slávka Zámecníková (Ilia) singt bei ihrem Rollendebüt berückend mit fulminant aufblühendem Sopran. Aus der Barbarin wird ein menschliches Wesen. Ihre feenhafte Interpretation, die zarte Vielfalt der Farben, verbunden mit ihrer stimmlichen Beweglichkeit überzeugen. Die furiose Elettra von Netta Or ist fordernd, leidend, zerbrochen. Nach ihrem bewegenden „Idol mio, se ritroso“ wünscht man ihr Liebe und Krone, und nicht, dass sie am Ende von Leichen umgeben in der Versenkung verschwindet. Ihre Furien-Dramatik gipfelt rachelüstern mit beachtlicher Koloraturtechnik in einer wild ausfahrenden Hass-Arie.

Eine besondere Rolle kommt dem Charaktertenor Rouwen Huther (Oberpriester) zu. Er übernimmt Arien und große Teile der Rezitative des Arbace und kann Idomeneo, der ihm von seinem Schwur erzählt, dominieren. Fein ausdifferenziert und nuanciert gewinnt seine Stimme mit exquisitem Timbre. Young Doo Park (Stimme des Orakels) vermittelt mit seiner Riesenstimme und sonoren Tiefe die Autorität Neptuns. Neben den vor Eifersucht getriebenen Rachegesängen Elettras, den lyrisch eindringlichen Arien Ilias und den Reflexionen Idomeneos steht das Quartett im 3. Akt „Andrò ramingo e solo“ mit Eka Kuridze, Barbara Schramm, Koan-Sup Kim und Slawomir Wielgus im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Mehr als durch Albert Horne ist aus dem Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kaum herauszuholen: Er ist mit hoher Intensität ein wuchtiges Metaphern-Kollektiv, ein echter Hauptrollen-Gegenpart – klanglich wie darstellerisch souverän.

Konrad Junghänel lässt das Hessische Staatsorchester Wiesbaden auf Festspiel-Niveau mit Klangkultur und federnder Geschmeidigkeit aufblühen. Dezent, zielgerichtet und sensibel blüht Mozarts experimentellste Opernpartitur in all ihren Facetten auf: die machtvolle Feierlichkeit der Ouvertüre, die fast schon impressionistisch getönte Empfindsamkeit Ilias etwa in ihrer „Zephyretten-Arie“ oder die expressive Wucht der großen Chorszenen… fein, von den Celli bis zu den Hörnern in der kleinsten Phrase ausformuliert. Das ist schlicht großartig!

Das Publikum spendet allen Mitwirkenden herzlichen Applaus. Die Vorfreude auf den kommenden Opernabend ist geweckt, auf Titus, der inhaltlich mit Idomeneo verbunden wird und doch Raum lässt für eine Einzelbetrachtung: zwei Herrscher in prekären Situationen, die sich redlich Mühe geben, das Richtige zu tun, und dabei unter dieser Bürde leiden. Der eine soll den eigenen Sohn töten, weil er in Lebensgefahr den Göttern ein unkluges Versprechen gab, der andere soll selbst sterben, weil eine enttäuschte Frau ein rachedurstiges Komplott plant. Es bleibt spannend!

 La Clemenza di Tito  – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer Hessisches Staatstheater Wiesbaden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

La Clemenza di Tito – Die Milde des Titus

La clemenza di Tito (Die Milde des Titus) ist eine Lobeshymne, eine Huldigungsoper, ein Dramma per musica in zwei Akten. Die Uraufführung fand 1791 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater Prag aus Anlass der Krönung von Kaiser Leopold II. zum König von Böhmen statt. Sie erzählt die Geschichte um Macht, Intrigen und das milde Vergeben des römischen Herrschers Titus, der sein Volk versöhnt, den Staat befriedet und selbst dem Attentäter Sesto verzeiht. Damit brachte Mozart seine Vision des friedvollen Zusammenlebens musikalisch zum Ausdruck.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier Mirko Roschkowski als Titus und Silvia Hauer als Sesto © Karl Monika Forster

Bomben auf das Wiesbadener Kurhaus

In einer durchorganisierten sterilen Zentrale übt Titus seine Macht in Form von Milde aus und gerät in Konflikte, weil seine Gnade als Zumutung gesehen wird. Seine unbegrenzte Gnade geht soweit, dass er auch jenen verzeiht, die ihn töten wollen. Er macht sich zu einem gottähnlichen Herrscher. In seinem Machtsystem gibt es keinen, der das aushält. Im inneren System des Staates sind Umsturz, Attentate und Machtübernahmen bis hin zur Folter möglich. Herrschaft mit Gnade kann auch grausam sein. Uwe Eric Laufenberg erzählt den Titus-Stoff packend, dicht an unserer gesellschaftlichen Realität. Es gelingt ihm aufzuzeigen, wie zeitlos Machtmissbrauch und Intrige, die eigentlichen Inhalte von Mozarts Oper, immer waren und immer sein werden. Das Rezitativ „Oh Dei, che smania è questa“ singt Silvia Hauer (Sesto) – sehr passend aus der Kaiserloge – und wirft per Videoprojektion Bomben auf den römischen Titusbogen /Wiesbadener Kurhaus, dessen Inschrift in „Divo Vespasiano Augusto“ umgewidmet wird. Die Flammen lodern hell auf… Ein toller Regieeinfall und einer der Höhepunkte des Abends. Ein guter Ausgang war der Regie offenbar unheimlich. Vitellia trinkt Gift!

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / La Clemenza di Tito hier das Ensemble © Karl Monika Forster

Entgegen dem Bühnenrundraum von Idomeneo, in dem Empathie ausgelebt werden kann und der durch Farben bestimmt ist, strahlt der gleiche Raum in Titus Kühle aus. Durch eine große weiße Treppe wird hierarchisch geregelt, wer oben und wer unten steht. Auf dieser monumentaler Treppe kommt der Chor vortrefflich zur Geltung. Rolf Glittenberg gelingt ein überzeugender – optisch vergleichender – Übergang zwischen den beiden „Herrscher-Opern“. Die Kostümdesignerin Marianne Glittenberg unterstreicht die römischen Machtstrukturen mit schwarz-weißer Businesskleidung, die Zuordnungen zulässt.

Emotional und spannend

Mirko Roschkowski ging das Wagnis ein, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden beide Titelpartien zu singen, was ihm voll umfänglich gelingt. Er ist als Titus ein Aggressor als Vergebungskaiser mit klarer und eleganter Definition, wie für Mozart notwendig, dabei mit sorgfältig dosiertem Schmelz ausgestattet. Martialisch schmettert er die emotionalen Ausbrüche des Kaisers heraus und beweist an anderer Stelle mit langem Atem und großer Beweglichkeit seine Qualitäten. Auch szenisch, mit zerrissener Präsenz, kann er punkten.

Olesya Golovneva als machtgierige Vitellia glänzt mit blitzsauberen nuancenreichen Koloraturen und lebt ihre Rachsucht und Lüsternheit darstellerisch voll aus. Besonders eindrucksvoll ihr Rezitativ „Ancora mi schernisce?“, mit dem sie Sesto davon überzeugt, Titus zu ermorden. Außerordentlich und fast zu Tränen rührend ist der Sesto von Silvia Hauer. Mit großer Stimme, die sie biegsam und fein abgestuft durch alle Register führt, sprüht sie vor Energie, körperlicher Bühnenpräsenz und emotionsstarker Gestaltungskraft. Ihre Fermaten und Pianomomente betonen „Die Stille dazwischen“. Lena Haselmann singt den Annio mit Grandezza, Schönheit, apart mit schauspielerischer Fantasie. Ihr schlanker Mezzosopran mischt sich im Liebesduett ideal mit dem frischen, brillierenden Sopran und dem feinsinnig lustvollen Spiel von Shira Patchornik als Servilia.

Young Doo Park (Publio) repräsentiert die Macht des Volkes, verfügt über die Durchsetzungskraft, die Titus fehlt. Mit sicher geführter Stimme, markig, aber auch samtig weich, ist er auffällig präsent. Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen des Chores des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden bei diesem Mozart-Doppelprojekt über ca. sechs Stunden sind eine beeindruckenden Glanzleistung. Unter der Leitung von Albert Horne gewinnt er immer mehr an Kontur.

Besonders berührt der Soloklarinettist Adrian Krämer, der auf die Treppe kommt und atemberaubend die Arie „Parto, ma tu ben mio“ des Sesto begleitet. An dieser Stelle leuchtet Mozarts Musik herrlich auf. Im zweiten Akt spielt er das Bassetthorn zu Vitellias Arie „Non più di fiori“ von einer der beiden Proszeniumslogen.

Auch am zweiten Abend gelingt es Konrad Junghänel das Hessische Staatsorchester Wiesbaden transparent, elegant, präzise – immer im Sinne einer mitreißenden Mozart-Konturierung aufleuchten zu lassen. Er lässt immer wieder Stille zwischen die Takte, verlangsamt oder beschleunigt zu exzellierenden Genussstrecken, die Eingangs- und Schlussphrasen mottoartig verlangsamend, den motorischen Hauptteil kräftig angezogen. Diese Höchstleistung war nur zu realisieren, indem die Mitglieder des Orchesters für beide Opern aufgeteilt wurden, somit wurde eine effektivere Probenarbeit ermöglicht.

Aufwühlende, inspirierende Opernabende mit viel Beifall.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


Teilen Sie den Artikel
  • 136
  •  
  •  
  •  
  •   

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung