Berlin, Deutsche Oper Berlin, Das Wunder der Heliane – Naxos DVD, IOCO Rezension

Das Wunder der Heliane DVD © 2012-2019 Naxos Deutschland Musik und Video Vertriebs-GmbH

Das Wunder der Heliane DVD © 2012-2019 Naxos Deutschland Musik und Video Vertriebs-GmbH

Das Wunder der Heliane – Inszenierung  Deutsche Oper Berlin
– Rauschhaftes auf neuer NAXOS DVD –

von Michael Stange

Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold ist nun Dank des für musikalisches Gespür und Entdeckerfreude bekannten Labels Naxos in ausgezeichneter Bild- und Tonqualität als DVD erhältlich.

Bild, Regie und die hohe musikalische Qualität der Aufführung erleichtern so das Eintauchen in dieses durch lange, statische und mythische Szenen geprägte Werk. So leistet die DVD auch einen wichtigen Beitrag zu größeren Verbreitung dieser teilweise verkannten und unterschätzten Oper.

Erich Wolfgang Korngold, (1897 Brünn – 1957 Los Angeles), ist – anders als seine Oper Das Wunder der Heliane – kein Vergessener, wie viele andere seiner Generation. Seine Filmmusiken sind weltbekannt und seine Oper Die tote Stadt stand und steht mit Unterbrechungen seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts weltweit auf den Spielplänen.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Sara Jakubiak als Heliane © Monika Rittershaus

Korngold hat neben seinem reichen Schaffen insbesondere als Pionier der Filmmusik in Hollywood heute noch gültige Maßstäbe gesetzt. Beide Karrieren waren Ausfluss seines Genies und seines immenses musikalisches Gespürs. Trotz der Geburt um die Jahrhundertwende war er – anders als die meisten Komponisten seiner Generation – musikalisch und auch bei der Wahl seiner Opernstoffe ein zutiefst im neunzehnten Jahrhundert verhafteter Romantiker.

Die wichtigste Biografie über Erich Wolfgang Korngold von Brendan Carrol – der auch das lesenswerte DVD-Booklet verfasst hat – trägt den Titel Das letzte Wunder. Der Buchtitel fasst den heutigen Blick auf Korngold prägnant zusammen. Sohn eines berühmten Wiener Musikkritikers, erste Kompositionen mit neun Jahren, bewundert von Gustav Mahler, Giacomo Puccini und Richard Strauss, Schöpfer mehrerer Opern- und Konzertkompositionen, Hollywood-Filmkomponist und Oscar-Preisträger. Ein bewegtes Leben in einem stürmischen, erbarmungslosen und mörderischen Jahrhundert, das Europa zwei Kriege, Millionen von Ermordeten und zuvor ungekannten gesellschaftlichen Umwälzungen brachte.

Das Wunder der Heliane ist ein Werk, das im Kern die Themen Macht, Unterdrückung, Lieblosigkeit, Terror und den Ausbruch aus diesen Zwängen durch Tod, Erlösung, Liebe und Freiheit behandelt. Verstöße gegen vermeintlich „sittlich, moralische Regeln“ werden durch ein Gericht geahndet, die Beschuldigten zum Tode verurteilt und am Ende der Oper geht das von der weltlichen Gerichtsbarkeit verurteilte Liebespaar – das auf Erden keinen Platz findet –  in das Himmelreich ein.

Diese Geschichte wird aber nicht in eine dramatisch, packende Handlung gekleidet sondern in eine mystisch, psychologisch freudianisch durchtränktes Oratorium gegossen. Das schon bei der Uraufführung unzeitgemäße Libretto dürfte – neben den antisemitischen Verfolgungen Korngolds – denen er bereits Ende der zwanziger Jahre ausgesetzt war, der zentrale Grund sein, dass die Oper lange vor ihrer ersten szenischen Wiederaufführung nach dem zweiten Weltkrieg im Jahr 1970 vergessen war oder bis auf zwei konzertante Aufführungen in London 1959 und 1968 weitgehend unbeachtet blieb.

 Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Nach der Zäsur des 1. Weltkrieges des ersten Weltkriegs war es ein kühnes Unterfangen, im Jahr 1929 eine an die Mythenwelt Wagners angelehnte Oper uraufzuführen. Die expressionistischen Werke Schrekers, Hindemiths und Kreneks spiegelten die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse jener Jahre wieder und nahmen den Ausdruck der Zeit auf. Sie lieferten jene dramatisch pralle Sittengemälde, die dramaturgisch in der Tradition Puccinis standen, dem Zeitgeist entsprachen und vom Publikum aufgesogen wurden.

Das kreidete man Korngold natürlich schon bei der Uraufführung an. Als Korngold in den fünfziger Jahren nach Europa zurückkehrte, war er gegenüber den „Neutönern“ ein musikalisches Fossil und als Hollywood Komponist zugleich ein „Verräter der ernsten Musik“.

So brauchte es für die Renaissance des Werkes nach der konzertante Londoner Wiederaufführung Ende der fünfziger Jahre nahezu vierzig Jahre. Geschuldet war dies wohl insbesondere der musikalisch intensiven Tiefe der Oper, die anderen Musikdramen aus der Zeit der Uraufführung abging. Ein langsames schwelgerisches Konzept, rauschhaft gleißende, berückende und faszinierende Musik paaren sich mit seiner mythologischen, statischen Konzeption. Die fehlenden, perlenartig aneinander gereihten dramatische Momente und das textlich zumindest eigenwillige Libretto erschweren die vollständige Wahrnehmung der Oper und die Verfolgung der Handlung auf der heimischen Klangbühne.

Christof Loys Inszenierung von Heliane an der Deutschen Oper Berlin (Premiere 18.3.2018) hilft die starke musikalische Wirkung im Sinne der Werkaussage darzustellen: In einen Saal der Jahrhundertwende, der an den leer geräumten Saal der Nürnberger Prozesse gegen die NS-Kriegsverbrecher oder den Marlene Dietrich Film Zeugin der Anklage begegnet sich eine in schwarzen, dreiteiligen Anzügen gekleidet Männerwelt. Der Herrscher ist ein wenig hipper und trägt ein schwarzes Hemd zum Anzug. Der Fremde hebt sich als Beschuldigter im Gerichtsverfahren allein durch seinen grauen Anzug ab. Gleiches gilt für die Frauen. Die Botin trägt ein Cocktailkleid, der Chor Kostüme; Heliane erscheint im Marlene Dietrich Look mit Pelz.

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane - hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Deutsche Oper Berlin / Das Wunder der Heliane – hier : Jagde, Jakubiak, Wagner © Monika Rittershaus

Dadurch wird das Geschehen auf die menschliche Tragödie der unglücklich Liebenden und des grausamen, verschmähten Herrschers konzentriert und verdichtet. Die Personenführung ist packend und eindringlich. Die Interaktion der Protagonisten und ihr Spiel entfalten auf der Bühne eine starke dramatische Wirkung.

Musikalisch kommt die Aufführung einem Wunder nahe. Marc Albrecht und das Orchester der Deutschen Oper Berlin bieten einen flirrenden Klang, der die Sinnlichkeit und die reiche Instrumentation der Oper offenbart. Die dramatischen, aber auch die sirrenden sowie die gleichsam sakralen Passagen werden in umwerfenden Klangfülle und -schönheit dargeboten. Albrecht lässt jeden Aspekt der Partitur aufleuchten. Der Korngold-Sound und auch die eigenen Klangfarben durch die fünf verschiedenen Tasteninstrumente kommen überragend zur Geltung. Dissonanzen reihen sich an schwelgerische Klangmomente. Der ursprünglich wohl auch von Korngold angestrebte Klangstrom wird interpretiert dargeboten und die Musik klingt nie wie ein blasses Puccini-Plagiat. Durch seine Interpretation ist Marc Albrecht so der ideale Botschafter der Musik Korngolds und hat ein musikalisches Gespür für die Partitur gezeigt, dass die Ersteinspielung auf CD aus den neunziger Jahren deutlich in den Schatten stellt.

Der Chor und Extrachor der Deutschen Oper Berlin unter Jeremy Bines singen präzise, klangschön und involviert. Das durchsichtige Dirigat begünstigt auch die Sänger die ungemein anspruchsvollen Rollen – die zum Teil über die Anforderungen von Wagner und Strauss hinausgehen.

Das Wunder des Heliane – Erich Wolfgang Korngold
youtube Trailer der Deutsche Oper Berlin
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Gesungen und gespielt wird auf höchstem Niveau. Sara Jakubiak ist eine elegante, darstellerisch zutiefst involvierte Heliane (siehe Trailer oben).Tiefe, Mittelllage und Höhe werden vollendet verblendet. Die dramatischen und innigen Momente und die immensen Steigerungen gelingen ihr klangschön und wirkungsvoll. Durch immense Stimmreserven und ihre unglaubliche Leidenschaft und Rollenidentifikation setzt sie Maßstäbe in der Interpretation dieser nahezu unsingbaren Rolle. Sie meistert die große Arie „Ich ging zu ihm“ mit breitem Atem und hymnischen Steigerungen. Eine Idealbesetzung.

Brian Jagde ist ein junger dramatischer Tenor und der Rolle technisch vollständig gewachsen. Seine leuchtende Höhe und Stimmkultur meistern alle Herausforderungen dieser mörderischen Rolle. Ein beseelter Fremder der diese monströse Partie sowohl gesanglich als auch dramatisch voll ausfüllt. Auch er setzt mit seiner Interpretation Maßstäbe und ist ein weiterer Höhepunkt der DVD.

Okka von der Damerau verleiht der Botin mit rundem Mezzo und dramatischer Attacke botin, Gewicht und durchschreitet ihre Szene mit Emphase. Sicher schwingt sich von der Mittellage sicher in die exponierten Höhen auf.

Josef Wagner ersetzt durch Gestaltung und Interpretation was ihm an heldenbaritonaler Durchschlagskraft und strahlender Höhe fehlt. Sein kalter König ist dem Liebespaar so ein gefährlicher und potenter Widersacher.

Die Deutsche Oper Berlin und das Ensemble haben hier eine Aufführung von großer Wucht Intensität und Musikalität auf die Bühne gebracht, die die Bedeutung Korngolds eindringlich und rauschhaft in Bild und Ton festhält. Ein großer Dank an Naxos, dass diese Aufführung bleibend auf DVD gebannt wurde.

—| IOCO CD-Rezension |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.11.2018

November 27, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 „Wen sollen wir fragen, wem vertrauen?“ –   Die Lohengrin Inszenierung gibt viel zu sehen, viel zu hören – doch viel mehr Nachzudenkliches

Von Peter Schlang

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die Eröffnungspremiere der aktuellen Saison der Staatsoper Stuttgart von Richard Wagners letzter von ihm so genannter romantischer Oper liegt zwar schon fast zwei Monate zurück; leider war es dem lokalen IOCO – Korrespondenten nicht möglich, den „neuen Lohengrin“ damals zu sehen und zu hören. Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die zweitletzte Vorstellung – nicht nur dieses ersten Aufführungs-Zyklus, sondern dieser gesamten Spielzeit – am 3. November zu besuchen. Mit Blick auf die gerade begonnene Intendanz Viktor Schoners und auf die nach wie vor ungeminderte Bedeutung einer Wagner-Inszenierung, nicht zuletzt an einem so traditionsreichen Haus wie der Staatsoper Stuttgart (Der jetzt sanierungsbedürftige Littmann-Bau war 1912 mit dem Lohengrin eingeweiht worden), erscheint es aber sinnvoll und gerechtfertigt, auch jetzt noch ein paar Bemerkungen zu dieser Produktion zu machen. Zudem waren in deren Leitungs-Team durchweg – zumindest für Stuttgart – Debütanten angetreten, deren zwei wichtigste sicherlich der ungarische Regisseur Árpád Schilling und der neue Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister sind.

Lohengrin  –  Richard Wagner
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
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Der Regie des quasi im Exil lebenden Árpád Schilling merkt man an allen zentralen Stellen an, dass ihr Autor aus einem immer autoritärer regierten Land stammt und sich somit verständlicherweise intensiv mit sozialen und politischen Fragen wie denen nach der Freiheit, dem Ziel und der Zukunft von Gemeinschaften sowie den Chancen und Möglichkeiten von darin lebenden Individuen, nicht zuletzt im Bereich von Verantwortung und Führung, beschäftigt. So stellt er nicht nur die Frage nach der Herkunft Lohengrins und nach dem Verbot, diese zu erfragen, sondern frägt auch intensiv, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt, was sie zusammenhält und warum und woran sie letzten Endes zerbricht.

Dabei zweifelt er unmissverständlich an der Macht und Problemlösungs-Fähigkeit einzelner Führer und rückt bereits den Glauben der Masse an deren angebliches Charisma und die Hoffnung auf Hilfe oder gar Rettung durch sie in das Reich der Utopie.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Martin Gantner als Friedrich von Telramund, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Martin Gantner als Friedrich von Telramund, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Dies wird gleich zu Beginn an dem frappierenden Einfall deutlich, Lohengrin nicht durch einen Schwan und damit von außen in die gebeutelte Gemeinschaft der Brabanter bringen zu lassen. Bei Schilling kommt der ersehnte Retter vielmehr aus dem Innern des zu Hoffnung verdammten Volkes, wobei es mehrerer Anläufe bedarf, bis sich ein „Freiwilliger“ finden lässt, der schließlich und endlich bereit ist, diese schwierige und undankbare Rolle zu übernehmen. Und im letzten, überaus starken Bild zieht Lohengrin folgerichtig über zwei Stunden später auch nicht mittels Schwan in das Reich der Gralsritter zurück, sondern kehrt in die anonyme Masse seiner Landsleute zurück, die umgehend nach einem neuen Hoffnungsträger Ausschau halten und den nächsten Kandidaten in die Manege schubsen! Dass durch diese zentrale Deutung und Botschaft des Regisseurs manche gesungene und durch die projizierten Übertitel klar ins Bewusstsein der Opernbesucher drängenden Originalzitate – vor allem in der Schlussszene – unglaubwürdig und fast gar ins Lächerliche gezogen werden, erscheint dem Verfasser dieser Gedanken weit weniger verurteilenswert, als dies mehrere Rezensenten der Premiere fanden. Ja, der Erkenntniswert und die dramaturgische Wirkung dieser Regie-Einfälle rechtfertigen dieses Abweichen von der ja im Übrigen hier oft und stark (über-) strapazierten Vorlage Wagners durchaus.

Lohengrin  – HIER:  Interview mit Cornelius Meister
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
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Musikalisch bewegt sich die erste Stuttgarter Opernproduktion unter der Gesamt-Verantwortung Viktor Schoners auf sehr hohem Niveau. Cornelius Meister zaubert an diesem Abend vom ersten Takt der Ouvertüre an und lässt diese in jener luziden und flirrenden Aura strahlen, wie sie für Wagner und speziell für dessen Lohengrin als idealtypisch angesehen wird. Besonders hervorzuheben sind hierbei die wunderbaren, dunkel grundierten tiefen Streicher, allen voran die Kontrabässe, aber auch die vorzüglichen Blechbläser, bei denen wiederum den Hörnern die Krone gebührt. Dies soll aber in keiner Weise die Leistung der übrigen Orchestergruppen abwerten, von denen etwa die Holzbläser im zweiten Akt oder die Königs- und Reitertrompeten ganz besonders glänzen.

Als Kollektiv begeistert das Orchester aber nicht nur in den Vorspielen und anderen instrumentalen Passagen, sondern ist auch den Sängerinnen und Sängern ein aufmerksamer und verlässlicher Begleiter, der Solisten wie Chor wie selbstverständlich trägt und das Gesungene fast ständig durchhörbar und gleichberechtigt erscheinen lässt, ohne die Dynamik und Phrasierung zu vernachlässigen. Der Staatsopernchor überzeugt dabei auch unter seinem neuen Leiter Manuel Pujoll ohne jeden Abstrich und wird – egal in welcher Rolle und Besetzung – auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht. Ja, die Choristen sind wieder so überzeugend und zelebrieren allerfeinste Gesangskunst, als wollten sie beweisen, dass der ihnen gerade erneut zugesprochene Titel „Opernchor des Jahres“ wirklich nur diesem phänomenalen Gesangskollektiv gebührt.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Michael König als Lohengrin, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Michael König als Lohengrin, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Aber auch die Solisten, dieselben wie in der Premiere und bis auf drei Ausnahmen hauseigene Kräfte, überzeugen bis auf allerkleinste, höchstens punktuelle und damit zu vernachlässigende Trübungen und runden so das Bild einer homogenen, geschlossenen musikalischen Höchstleistung ab.

Dies gilt zu allererst für Michael König in der Titelrolle des Lohengrin, der sich seine anspruchsvolle, kräftezehrende Partie klug einteilt und nicht nur die Gralserzählung klangschön und mit betörendem Glanz meistert, sondern auch in den ruhigeren, nach innen gewandten Passagen keine Schwächen erkennen lässt.

Simone Schneider als Elsa ist ihm nicht nur in den Paarszenen eine ebenbürtige Partnerin, sondern überzeugt auch und gerade in ihren solitären Auftritten. Mit ihrem wandelbaren, jederzeit fein geführten Sopran, ihrer subtilen Dynamik und ihrer großartigen stimmlichen wie darstellerischen Gestaltungskraft gelingt ihr ein mitreißendes Rollendebut.

Ihre Gegenspielerin, die unaufhaltsam intrigierende Ortrud, wird von der Bayreuth-erfahrenen Okka von der Damerau mit jener Mischung aus Dämonie, Boshaftigkeit und Verführungskraft auf die Bühne gewuchtet, die nicht nur ihrem Mann Telramund keine Chance zur persönlichen Entfaltung lässt, sondern auch die Zuschauer das Fürchten lehrt. Dabei setzt sie ihre bewundernswerten stimmlichen Fähigkeiten ohne jede Rücksicht ein und gestaltet ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Martin Gantner als Telramund steht seiner (Ver-)Führerin weder stimmlich noch darstellerisch nach und zeichnet mit absoluter stimmlicher Genauigkeit und höchster mimischer Überzeugungskraft ein phänomenales, ja stellenweise geradezu erschütterndes Bild eines willenlosen, fremd-bestimmten Menschen.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Simone Schneider als Elsa von Brabant, Goran Juric als Heinrich der Vogler, Okka von der Damerau als Ortrud, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Simone Schneider als Elsa von Brabant, Goran Juric als Heinrich der Vogler, Okka von der Damerau als Ortrud, Staatsopernchor © Matthias Baus

Gegen solch wirklich betörenden, mit allen Wassern gewaschenen musikalischen Überzeugungstäter haben es Goran Juric als König Heinrich und Shigeo Ishino als sein Heerrufer allein rollenbedingt nicht leicht. Sie versuchen jedoch, das Beste aus dieser Situation zu machen und fügen sich letztendlich ohne große Abstriche in eine Sängerriege ein, wegen der es sich wirklich nicht lohnt, nach Bayreuth oder zu einem der anderen großen deutsche Opernhäuser in Berlin, Hamburg oder München zu reisen.

Am Ende dieser aufrüttelnden Produktion und nach manch beantworteten Fragen bleibt eine letzte große Frage im Raum, nämlich die, wem wir glauben und vertrauen sollen. Im Zusammenhang mit dieser Frage und vor der Folie des überall in Europa zu spürenden neuen Nationalismus und einer überwunden geglaubten Autoritätsgläubigkeit, ja Führerverehrung, kommt dem neuen Stuttgarter Lohengrin eine beklemmende Aktualität zu, die durch die starke Personenführung und die nachdenklich machenden Chorszenen noch an Eindrücklichkeit und Intensität gewinnt. So kann man den Opern- und Wagner-Fans, welche keine dieser ersten sieben Aufführungen besuchen konnten, nur raten, sich in Geduld zu üben und sich rechtzeitig um Karten für die Aufführungen in der nächsten Spielzeit zu kümmern.

Lohengrin an der Staatsoper Stuttgart: Keine weiteren Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Hannover, Staatsoper, Tristan und Isolde – Weltstars in Hannover, IOCO Kritik, 03.11.2018

November 6, 2018 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

 Tristan und Isolde – Richard Wagner

– Großer Abend der zwiespältigen Gefühle –

 Von  Karin Hasenstein

In Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover steht ein wunderschönes Opernhaus, an dem stets ein vielfältiges und qualitativ hochwertiges wie abwechslungsreiches Programm geboten wird. Daher ist es 2018 auch schon der vierte Besuch, der die Rezensentin dorthin führte.

Eines jedoch ist an dieser Vorstellung besonders: Die Staatsoper Hannover veranstaltet in jeder Spielzeit sogenannte “Festliche Opernabende”. Das Festliche besteht darin, dass in einer laufenden Produktion eine oder mehrere der ansonsten mit Ensemblemitgliedern besetzten Rollen mit Stars der internationalen Opernszene besetzt werden, daher firmiert der Abend auch unter dem Titel “Weltstars in Hannover”. Die Weltstars, die gewonnen werden konnten, sind der US-amerikanische Tenor Stephen Gould und die deutsche Mezzosopranistin Okka von der Damerau. In den noch folgenden Vorstellungen der Produktion sind wieder Robert Künzli als Tristan und Khatuna Mikaberidze als Brangäne zu erleben.

Tristan und Isolde  –  Richard Wagner
Youtube Trailer der Staatsoper Hannover
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Besonders charmant an dieser Umbesetzung ist die Tatsache, dass Okka von der Damerau ihre Karriere in Hannover begonnen hat, wo sie nach ihrem Gesangsstudium in Rostock und Freiburg von 2006 bis 2010 Ensemblemitglied war. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Okka von der Damerau Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper München. Weitere Engagements führten sie zu den Bayreuther Festspielen, an die Mailänder Scala, die Lyric Opera of Chicago oder die Deutsche Oper Berlin, wo sie im März 2018 in Korngolds Das Wunder der Heliane zu hören war. Im September 2018 gab sie ihr Rollen- und Hausdebüt als Ortrud im Lohengrin am Staatstheater Stuttgart.

Stephen Gould stammt aus Virginia, USA, und studierte am New England Conservatory of Music in Boston. Danach war er Mitglied des Nachwuchsprogramms der Lyric Opera of Chicago. Neben ersten Opernrollen sang er auch im Musical Das Phantom der Oper, bevor er sich als Heldentenor durchsetzen konnte. Stephen Gould ist derzeit einer der gefragtesten Wagnersänger weltweit. So sang er den Siegfried unter anderem an den Staatsopern in Wien und München, sowie 2006 bis 2008 bei den Bayreuther Festspielen, wo er 2004 als Tannhäuser debütierte. Seit 2015 gibt Gould den Tristan in Katharina Wagners Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen. Seit 2015 trägt er den Berufstitel “Österreichischer Kammersänger”.

Richard Wagner Denkmal Berlin © IOCO / RMaass

Richard Wagner Denkmal Berlin © IOCO / RMaass

Tristan und Isolde  –  Die Entstehung

Wagners leidenschaftliche Liebe zu Mathilde Wesendonck, Gattin seines Mäzenen Otto Wesendonck, veranlasste ihn zum Abbruch der Arbeiten am Ring und zur Komposition von Tristan und Isolde. In Tristan wird die Erlösung des Menschen durch die Liebe beschrieben. Wagner reiste viele Jahre umher, um eine geeignete Bühne für seinen Tristan zu finden. Als Retter erwies sich wieder einmal der Bayerische König Ludwig II., der Wagner 1864 nach München holte und dort Tristan aufführen ließ. Zuvor war Tristan in Wien nach immerhin 77 Proben für “unaufführbar” erklärt worden.

Wagner erläuterte seinem Freund Franz Liszt seine Konzeption zum Tristan mit den Worten “Da ich nun aber doch im Leben nie das eigentliche Glück der Liebe genossen habe, so will ich diesem schönsten aller Träume noch ein Denkmal setzen, in dem von Anfang bis zum Ende diese Liebe noch einmal so recht sättigen soll: ich habe im Kopfe Tristan und Isolde entworfen, die einfachste, aber vollblütigste musikalische Komposition; mit der schwarzen Flagge, die am Ende weht, will ich mich zudecken, um zu sterben.”

Die leidenschaftlichen Empfindungen für Mathilde ließen in Wagner die Gefühlswelt seines Helden nachvollziehbar werden, wobei die Heimlichkeit dieser Liebe ihre Entsprechung in der Konstellation Tristan – Isolde – König Marke findet. Durch den Umzug von Richard und Minna 1857 nach Zürich wurde nun auch das Liebesverhältnis zwischen Richard und Mathilde begünstigt. Neben den Wesendonck-Liedern entstand hier im Sommer 1857 zunächst die Dichtung, dann die Komposition zum Tristan, welche er im August 1859 in Luzern nach zweijähriger Arbeit beendete. Die Uraufführung fand schließlich am 10. Juni 1865 im Hof- und Nationaltheater München statt. König und Publikum waren begeistert, die Kritiker äußerten sich jedoch eher abwertend, und so gab es zunächst nur vier Aufführungen. Die Musik wurde als “raffiniertes Gebräu einer abgelebten, krankhaften Phantasie” bezeichnet.

Die Geschichte zu Tristan und Isolde ist keltischen Ursprungs. Wagner bezieht sich auf den Versroman Tristan des Gottfried von Straßburg, in welcher der Preisung der Minne ein großer Raum eingeräumt wird. Die Helden werden auf menschlicher Ebene angesiedelt, es dreht sich nicht um Götter oder mythische Gestalten aus Sagen wie im Ring des Nibelungen. Daraus ergibt sich auch eine besondere Tragik des Stoffes, die aus ausschließlich menschlichen Gegebenheiten resultiert und nicht aus dem Bruch von Göttergesetzen wie etwa im Lohengrin.

Dem Drama liegt die klassische Dreiecksbeziehung französischer Dramen zugrunde. Tristan – Isolde – König Marke. Dazu kommen ihre Vertrauten Kurwenal und Brangäne. Mittelpunkt der Handlung bildet der Zwiespalt, in dem sich Tristan befindet: einerseits muss er seinem Onkel, König Marke, die Treue halten, anderseits liebt er aber Isolde, die er ihm als Braut zuführen soll. Egal, wie er sich verhält, er wird immer der Verräter sein. Hier wird der Einfluss Schopenhauers deutlich, denn der Zwiespalt wird verursacht durch den Willen der handelnden Menschen. Der Wille (Isolde lieben und somit Marke verraten) kann jedoch nicht durchgesetzt werden und führt daher zwangsläufig zum Leiden. Das Leiden wird symbolisiert durch die Wunde, die Melot dem Tristan schlägt und an der dieser schließlich stirbt.

Einen Ausweg gibt es nur durch die “Verneinung des Willens“, also die Askese. Dieses Motiv findet sich auch im Parsifal wieder. Im Tristan kommt zum Gedanken der Askese jedoch ein romantischer Aspekt hinzu, die “Verneinung des Willens” in der Verschmelzung zweier Menschen in der Liebe. Da diese Liebe aber in der realen Welt nicht möglich ist, kann sie nur im Jenseits, also im Tode verwirklicht werden. Hierbei stehen der Tag und die Nacht als Symbole für das Diesseits und das Jenseits, den Tod. Erlösung ist für die Liebenden nur im Tode möglich.

 Staatsoper Hannover / Tristan und Isolde hier_ Kelly God als Isolde © Thomas M Jauk

Staatsoper Hannover / Tristan und Isolde hier_ Kelly God als Isolde © Thomas M Jauk

Die Handlung

– Die Vorgeschichte

Das Königreich Kornwall ist Irland tributpflichtig. König Markes Ritter besiegen das irische Heer unter Morold. Tristan, Markes Neffe, tötet Morold und schickt dessen Haupt nach Irland als Beweis für seinen Sieg. Tristan selbst wird ebenfalls im Kampf verwundet und reist unter dem falschen Namen Tantris nach Irland, wo er von Morolds Verlobter, Isolde, gesund gepflegt wird. Isolde erkennt jedoch in Tantris Tristan, den Mörder Morolds an einer Kerbe in seinem Schwert. Der dazugehörige Splitter steckte in Morolds Haupt. Sie nimmt jedoch keine Rache an Tristan, sondern lässt ihn am Leben und heilt ihn.

Melot rät Tristan, den verwitweten und kinderlosen König Marke davon zu überzeugen, Isolde zur Frau zu nehmen, um die beiden Völker zu vereinen. Tristan bricht auf, um Isolde für Marke zu werben und bringt sie gemeinsam mit Brangäne und einigen Zaubertränken im Gepäck nach Kornwall.

– Erster Aufzug

Auf der Überfahrt nach Kornwall wird Isolde mit Spottliedern verhöhnt. Sie bereut, Tristan gerettet zu haben und schickt Brangänge unter dem Vorwand, mit ihm “Sühne trinken zu wollen”, nach Tristan. In Wahrheit will sie ihn und sich mit einem Todestrank töten. Sie erklärt ihm, dass sie ihn erkannt hat und gemeinsam trinken sie den vermeintlichen Todestrank. Brangäne jedoch hat diesen mit einem Liebestrank vertauscht und Tristan und Isolde gestehen sich in Erwartung des Todes ihre Liebe.

Als sie jedoch am Leben bleiben, erkennen sie bei der Ankunft in Kornwall den Fluch, den ihre Liebe für sie bedeutet.

– Zweiter Aufzug

Im Schutze der Nacht wähnt Isolde sich sicher, solange König Marke samt Gefolge auf der Jagd ist. Sie löscht das Licht als Zeichen, dass Tristan zu ihr kommen möge. Er erscheint und beide träumen von der absoluten Vereinigung. Marke kehrt jedoch überraschend zurück und entdeckt den Treuebruch. Tristan provoziert einen Kampf mit Melot und wird von diesem tödlich verwundet.

– Dritter Aufzug

Kurwenal wacht auf Burg Kareol an Tristans Lager. Der schwer Verwundete erwacht aus fiebrigen Träumen und erfährt, dass Kurwenal nach Isolde als Heilerin geschickt habe. Isolde erreicht den Geliebten, ihre Hilfe kommt jedoch zu spät, Tristan stirbt in ihren Armen.

König Marke trifft mit seinem Gefolge und Brangäne auf Kareol ein. Kurwenal verteidigt die Burg, er und Melot sterben.

Marke trauert um seinen Getreuen Tristan, dem er vergeben hat. Er war gekommen, um das Liebespaar zusammenzuführen, nachdem Brangäne ihm die Verwechslung der beiden Tränke gestanden hat. Doch kann er Isolde nicht mit in die Heimat nehmen. Durch den Tod des Geliebten hat sie sich von allem Irdischen losgelöst und folgt ihm in den Tod.

Die Inszenierung an der Staatsoper Hannover

Die Inszenierung des knapp vierstündigen Werkes stellt jedes Haus und jeden Regisseur vor eine große Herausforderung. Die Handlung ist – siehe oben- relativ schnell erzählt, jedoch muss in der Umsetzung ein für Opernverhältnisse sehr langer Zeitraum sinnvoll und im besten Falle erhellend ausgefüllt werden, ohne den Zuschauer zu überfordern oder – schlimmer noch- zu langweilen.

Der britische Regisseur Stephen Langridge ist ein Star in der internationalen Opernszene. Dennoch inszeniert er mit Tristan und Isolde zum ersten Mal an einem deutschen Opernhaus. Langridge ist derzeit Intendant der Oper in Göteborg und übernimmt im kommenden Jahr die Leitung des renommierten britischen Glyndeborne-Festivals.

Langridge erarbeitet jedes Jahr eine Inszenierung an seinem eigenen Haus und eine weitere an einem anderen Haus als Gastregisseur. Er hat bereits am Royal Opera House Covent Garden und am Théatre des Champs Elysées in Paris gearbeitet, weitere Inszenierungen führten ihn zu den Festspielen in Salzburg, Bregenz und Glyndeborne, nach Chicago, Tokio und Wien. An der Staatsoper Hannover gibt er nun sein Deutschland-Debüt.

Eine Besonderheit in Langridges Inszenierung ist der Einsatz zweier japanischer Butoh-Tänzer. Butoh (eigentlich Ankoku Buto, dt. “Tanz der Finsternis”) ist ein japanisches Tanztheater ohne feste Form, das nach dem Zeiten Weltkrieg in Japan entstand. Seine Begründer sind Tatsumi Hijikata und Kazuo Ono.

 Staatsoper Hannover / Tristan und Isolde © Thomas M Jauk

Staatsoper Hannover / Tristan und Isolde © Thomas M Jauk

Die Wurzeln des Butoh-Tanzes reichen bis in die zwanziger Jahre zum modernen deutschen Ausdruckstanz zurück. Der Butoh-Tänzer vollzieht ähnlich dem Ausdruckstanz einen Bruch mit den rationalen Prinzipien der Moderne. Stattdessen wird versucht, ein anderes Erleben zum Ausdruck zu bringen. Butoh ist ein zeitgenössisches Theater des Widerstandes gegen die moderne Gesellschaft, das auf das alte Japan zurückgeht und gleichzeitig weltumspannend und kulturenübergreifend den Zuschauer anspricht. Dazu wird der Körper verfremdet, der Tänzer ist fast nackt und vollständig weiß geschminkt. Die Bewegungen sind andere als die, die man im klassischen Ballett finden würde. Sie sind langsam, oftmals in extremer Zeitlupe ausgeführt und erfordern eine hohe Körperbeherrschung. Die Darbietung bedient sich des Absurden und Grotesken und soll damit Erschrecken und Abwehr beim Zuschauer hervorrufen.

Ganz so drastisch ist der Einsatz des Butoh-Tanzes in Langridges Inszenierung nicht, aber die beiden Tänzer (beeindruckend: Nora Otte und Tadashi Endo) haben schon eine gewisse verstörende Wirkung, welche zunächst einmal durch die (bis auf einen Slip) fast vollständige Nacktheit eine große Verwundbarkeit vermittelt und durch die weiße Körperschminke einschließlich Gesicht und Haaren vermittelt wird. Sie sind nicht allgegenwärtig, sondern erscheinen immer wieder in Schlüsselszenen der Handlung, z.B. beim Trinken des Todes- beziehungsweise Liebestrankes, im Liebesduett des zweiten Aktes “O sink hernieder, Nacht der Liebe”, im dritten Akt, wenn Tristan verwundet liegt oder am Ende.

Eine mögliche Deutung, die sich der Rezensentin aufdrängt ist, dass die beiden Tänzer – ein Mann und eine Frau – die Seelen Tristan und Isoldes verkörpern, dass sie für das Transzendente stehen, die Vereinigung, die beide anstreben, aber im Diesseits nicht erreichen können. Die Gefahr dabei besteht darin, dass die Tänzer durch ihre oft an weit entfernten Orten der Bühne stattfindenden Aktionen die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich und somit zwangsläufig von den Sängern abziehen. Damit wird eigentlich beiden Darstellergruppen Unrecht getan. An anderer Stelle bedient sich die Regie des Kniffes, den Tänzer aufs Krankenlager zu legen und somit dem Solisten die Möglichkeit zu geben, lange und anstrengende Passagen stehend zu singen.

Mit der Kombination dieser beiden Kunstformen hat die Rezensentin jedoch so ihre Schwierigkeiten, da beide für sich genommen eigentlich die ganze Aufmerksamkeit des Hörers und Zuschauers verlangen und so immer ein Medium hinter dem anderen zurücktritt, weil der Mensch nun mal entgegen anderslautender Behauptungen eben doch nicht “multi-tasking” ist. Wie vieles in der Oper ist auch dieses Stilmittel sehr dem persönlichen Geschmack unterworfen.

Weiterhin fällt auf, dass die Personenführung über weite Strecken sehr statisch ist. Vielfach werden beide Hauptrollen irgendwo ins Bühnenbild gestellt und singen einfach, oftmals sogar ohne direkten Bezug zueinander. Wege erscheinen konstruiert oder unmotiviert. Das ist schade, denn an dieser Stelle wird Potenzial verschenkt, da alle Sängerdarsteller auch über große schauspielerische Fähigkeiten und enorme Bühnenpräsenz verfügen.

Das Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Conor Murphy) erscheint extrem reduziert. So sehen wir zu Beginn einen weißen Schiffsrumpf, der sich über die gesamte Breite der Bühne erstreckt und nur durch Schiffswand und Reling angedeutet ist. Im Rumpf befindet sich auf der rechten Seite ein kreisrundes Loch, hinter dem der Butoh-Tänzer zu sehen ist. Auf der linken Seite vor dem Rumpf liegt ein kleineres weißes Element, das als Beiboot gedeutet werden könnte und auf dem wir Isolde erkennen, auf einem weißen Stuhl sitzend.

Dominierendes Element der Ausstattung ist eine Art Wand oder Vorhang aus waagerechten Falten, der als Leinwand für die subtile Beleuchtung dient (Licht: Susanne Reinhardt) und die Bühne nach hinten begrenzt, zu den Seiten aber offen lässt. Dieser Vorhang kann sowohl als Himmel als auch als Meer interpretiert werden und ist ständig in langsamer Bewegung, so dass er fast wie ein lebendiges Wesen wirkt. Je nach Stimmung und Geschehen auf der Bühne wird er in fahles weißes, gelbes oder blaues Licht getaucht. Der Lichtwechsel unterstreicht auf harmonische Weise den Stimmungswechsel in der Musik und entfaltet mit den Tänzern ein gewisse hypnotische Wirkung.

Dass der junge Seemann ein kleines Papierfähnchen verbrennt, das sich als irische Nationalflagge entpuppt, befremdet ebenso wie die anschließend von ihm gehisste großformatige Flagge des Vereinigten Königreiches. Das Verbrennen von Flaggen hat in der heutigen Zeit einen unschönen Beigeschmack und löste hoffentlich nicht nur bei der Rezensentin Ärger und Unverständnis aus.

Im zweiten Aufzug sehen wir das in heutigen Inszenierungen anscheinend unvermeidliche Krankenhausbett in dem Element stehen, was zuvor Isoldes Beiboot war, dahinter wieder eine Art Steg oder kleines Fallreep, alles in weiß. Auf der linken Bühnenseite befindet sich ein dickes senkrecht hängendes angeschnittenes Rohr, das die Bühnenhorizontale durchschneidet. Auf der Ebene stellt es sich als eine Art Brunnenring dar, auf dem Wassergläser aufgestellt sind. Der Tänzer stellt dort eine Schale ab, mit deren Inhalt, nämlich weiße Farbe, sich später Tristan und Isolde Arme und Gesicht einreiben. Kein Trank, sondern eine Art Kontaktgift, das über die Haut wirkt? Wenn Liebestränke weggeschüttet werden können, ist vieles denkbar.

Im Verlauf des zweiten Aktes bewegt sich das Bett von der rechten Seite sehr langsam bin zur Bühnenmitte und zu “O sink hernieder, Nacht der Liebe”, setzen sich Tristan und Isolde auf das Bett. Das Krankenbett wird zum Liebeslager. Mit dem Schwertstreich Melots tritt Blut aus Tristans Wunde, aber nicht bei Tristan selbst, sondern bei dem Tänzer, während sich die Tänzerin mit Blut aus einer Schale übergießt. Das wirkt etwas platt und abgedroschen und lenkt wiederum von der großartigen Leistung der Sänger ab. Dankenwerterweise müssen diese sich nicht mit dem Blut übergießen…

Staatsoper Hannover / Tristan und Isolde - hier : rechts die Tänzer Tadashi Endo und Nora Otte © Thomas M Jauk

Staatsoper Hannover / Tristan und Isolde – hier : rechts die Tänzer Tadashi Endo und Nora Otte © Thomas M Jauk

Im dritten Aufzug finden sich wieder die bereits bekannten Elemente Steg, Krankenbetten, und Infusionsständer, Beiboot und Stuhl, jedoch ist alles wie nach einem Sturm durcheinandergeworfen über die Bühne verteilt, der Steg ragt schräg bis in die Bühnenmitte hinein, aber der rechten Seite findet sich das abgeschrägte Rohr wieder, indem nun das Krankenbett steht.

Tristan liegt im Bett, sein Leben hängt an Infusionsschläuchen. Kurwenal wacht bei ihm. Neben dem Bett angelehnt eine Matratze mit Tristans Schwert. Als König Marke mit seinen Mannen erscheint, haben die schwarz gekleideten Soldaten Maschinengewehre dabei, gegen die Kurwenal mit Tristans Schwert natürlich nichts ausrichten kann.

Natürlich muss es kein mittelalterliches Segelschiff sein, natürlich erwartet niemand Felsen aus Pappmachée, die Kornwalls Küste darstellen, aber muss es wirklich immer wieder das Krankenhausbett sein, das Maschinengewehr, die Infusionsständer, diese so austauschbaren Elemente, die genauso in La Bohème, La Traviata oder Falstaff auftauchen könnten? Lässt sich das tiefe seelische Leid der Hauptfiguren nicht anders darstellen? Der Rezensentin brachte diese optisch kalte Inszenierung keine erhellenden Momente, eine Personenregie fand erkennbar nicht statt.

Glücklicherweise ist da ja noch die Musik Wagners, die aus sich heraus wirkt und spricht und den Hörer in ihren Bann zieht.

Kelly God, die Sängerin der Isolde, ließ sich als leicht erkältet ansagen. Die in den Niederlanden geborene Sopranistin ist seit der Spielzeit 2006/07 als jugendlich-dramatischer Sopran an der Staatsoper Hannover engagiert und war dort schon als Feldmarschallin im Rosenkavalier und in zahlreichen Wagner-Partien zu erleben, wie z.B. als Elisabeth im Tannhäuser (der Rezensentin noch in bester Erinnerung), als Gutrune in der Götterdämmerung, Freia im Rheingold, Sieglinde in der Walküre, Senta im Fliegenden Holländer, aber auch als Katharina Ismailova Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk. Ihrer großen Erfahrung und Professionalität ist daher auch zu verdanken, dass sie diese große Partie der Isolde trotz Erkältung souverän über den langen Abend hin meisterte. Ihr Liebestod geriet wunderbar innig und fesselnd, während sie gleichzeitig das tiefe Leid der auf Erden unglücklichen, im Jenseits aber vollendeten Liebe überzeugend und mit ausgewogener Stimmführung transportierte. Wenn sie nicht angesagt worden wäre, hätten die meisten Zuhörer die Erkältung sicher nicht bemerkt.

In der Rolle der Brangäne nahm Okka von der Damerau das Publikum vom ersten Takt an für sich ein. Ihr warmer, farbenreicher Mezzosopran passt perfekt zu der weisen Freundin und Vertrauten. Das war Qualität vom ersten bis zum letzen Ton der Partie. Ihre Stimme ist angenehm voll in der Tiefe, verfügt über eine extrem gute Mittellage und ist auch in den Spitzentönen stets perfekt geführt und immer weich und rund. Ihre perfekt gestützten Pianissimi sind einfach ein Traum. Sehr erfreulich ist ihre sehr gute Textverständlichkeit, die auch bei deutschen Muttersprachlern nicht immer selbstverständlich ist. Von der Dameraus Timbre ist edel und obertonreich. So war ihre Besetzung als Brangäne Luxus und wertvoller Bestandteil dieses Festlichen Opernabends.

Der Star des Abends war erwartungsgemäß Stephen Gould. Der von vielen als bester Tristan unserer Zeit gefeierte Tenor gab auch in Hannover alles und ließ echtes Bayreuth-Feeling aufkommen.

Dabei teilte er sich seine Kräfte über diese schwere und große Partie hinweg klug ein und hielt sich im ersten Aufzug noch ein wenig zurück, was ihm im zweiten und dritten Aufzug sehr zugute kam und aus diesem Grund absolut nachgesehen werden kann.

In Bezug auf Textverständlichkeit steht der Amerikaner Okka von der Damerau in nichts nach. Ein Akzent ist so gut wie nicht vorhanden, was ihn von vielen seiner Landsleute unterscheidet. Er ist ein Wagnertenor, wie man ihn sich wünscht. In allen Lagen ausgeglichen, mit perfekter Intonation und kultiviertem kraftvollen und doch eleganten Timbre verkörpert er den idealen Heldentenor. Im zweiten Aufzug schafft Gould eine andere Ebene jenseits der Noten, er nimmt den Zuhörer, der sich darauf einlassen kann, mit in eine andere Dimension, raus aus dem Opernhaus hinein in eine Welt die, hat man sie einmal betreten, nicht wieder verlassen möchte oder zumindest immer wieder aufzusuchen wünscht. Wenn man erklären könnte, was da passiert, könnte es jeder. Diese Fähigkeit haben aber nur wenige Sänger, Stephen Gould ist einer von ihnen. So ist alleine der zweite Aufzug ab “O sink hernieder, Nacht der Liebe” den Weg nach Hannover mehr als wert gewesen. Wenn sich hier Transzendenz vermittelt hat, dann nicht durch die Inszenierung, sondern einzig durch Goulds Fähigkeit, den Zauber von Wagners Musik dem willigen Hörer zu transportieren. Das hatte Festspiel-Niveau!

Über Superstars sollte man jedoch nicht die anderen Rollen vergessen. Beeindruckend auch Tobias Schabel als König Marke, der sich mit elegant geführtem Bass und starker Bühnenpräsenz nahtlos in die starke Solistenriege einfügte. Stefan Adam gab einen überzeugenden Kurwenal mit schlankem ausdrucksvollen Bariton, der koreanische Tenor Gihoon Kim verkörperte eindrucksvoll die etwas ambivalente Figur des Melot.

Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover unter der Leitung von Will Humburg trug die Sänger durch den Abend.

Staatsoper Hannover / Tristan und Isolde © Thomas M Jauk

Staatsoper Hannover / Tristan und Isolde © Thomas M Jauk

Mit den ersten Tönen, dem ersten Erklingen des Tristan-Akkords, der überallhin strebt, sich aber musiktheoretisch harmonisch nicht befriedigend auflösen lässt, erzeugte Humburg eine mystische-berückende Atmosphäre. Stellenweise erklang das Orchester (zumindest am Platz der Rezensentin) etwas zu stark und ließ die Solisten etwas zurücktreten, was vermutlich dem zur Seitenbühne offeneren Bühnenbild geschuldet ist. Ganz überwiegend aber begeisterte Humburg durch stimmige Tempi und ausgewogene Dynamik. Er präsentierte sich als souveräner und einfühlsamer Begleiter der Solisten und ließ den Abend musikalisch zu einem wahren Genuss werden. Insbesondere im zweiten und dritten Aufzug überzeugte das Orchester gemeinsam mit Gould und ließ die großen Monologe Tristans zum Höhepunkt der Vorstellung werden. Lobend müssen an dieser Stelle noch die Solo-Holzbläser erwähnt werden.

Die fast vierstündige Oper auf Isoldes Liebestod zu reduzieren, würde ihr selbstverständlich Unrecht tun, dennoch wartete das Publikum gespannt auf eben diesen. Vielleicht hatte Brangäne auch einen Zaubertrank für erkältete Solistinnen im Gepäck, jedenfalls gestaltete Kelly God ihr “Mild und leise” zart und ohne hörbare stimmliche Einschränkungen mit berückenden Pianissimi und schuf so noch einmal an diesem Abend einen besonders berührenden Moment “höchster Lust”.

Das Publikum dankte den “Weltstars” und dem Ensemble mit lang anhaltendem Beifall, zahlreichen Bravi und stehenden Ovationen für eine musikalisch beeindruckende Darbietung.

Tristan und Isolde Staatsoper Hannover, weitere Termine:  2.12.; 12.12.2018

BesetzungTristan  –  Robert Künzli, König Marke – Shavleg Armasi, Isolde – Kelly God, Kurwenal  –  Stefan Adam,  Melot – Gihoon Kim,  Steuermann – Byung Kweon Jun, Brangäne – Khatuna Mikaberidze,  Ein Hirt – Uwe Gottswinter, Ein junger Seemann –  Pawel Brozek, Butoh-Tanz – Nora Otte / Tadashi Endo

 

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Kassel, Staatstheater Kassel, 8. Sinfoniekonzert, Bellini Wagner Schönberg, 04.07.2018

Mai 24, 2018 by  
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Staatstheater Kassel

Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel © N. Klinger

8. Sinfoniekonzert – 4. Juni 2018 – Stadthalle

Vincenzo Bellini: Sinfonia zu Norma
Richard Wagner / Felix Mottl: Wesendonck-Lieder WWV 91
Arnold Schönberg:  Pelleas und Melisande –  Sinfonische Dichtung op. 54

Dirigent: Francesco Angelico, Solistin: Okka von der Damerau (Mezzosopran)

Staatstheater Kassel / Francesco Angelico - GMD Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel / Francesco Angelico – GMD Staatstheater Kassel © N. Klinger

Zum Abschluss seiner Sinfoniekonzert-Saison spielt das Staatsorchester Kassel am Montag, 4. Juni, unter der Leitung von Generalmusikdirektor Francesco Angelico die Sinfonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ von Arnold Schönberg, Vincenzo Bellinis Sinfonia zu Norma sowie Richard Wagners Wesendonck-Lieder in der Orchesterfassung von Felix Mottl. Eine Änderung hat sich bei der Besetzung der Sängerin ergeben: Statt Janina Baechle wird die international gefragte und Bayreuth-erfahrene Mezzosopranistin Okka von der Damerau die Wesendonck-Lieder singen.

Okka von der Damerau ist Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper und wirkte an zahlreichen Produktionen dieses Hauses und der Münchner Opernfestspiele mit, u.a. als Brangäne in Tristan und Isolde. Bei den Bayreuther Festspielen war sie 2013 und 2014 im Ring des Nibelungen als 1. Norn, Floßhilde und Grimgerde zu erleben, 2015 gab sie ihr Debüt an der Mailänder Scala und 2016 an der Lyric Opera of Chicago. 2017 trat sie als Erda erstmals an der Wiener Staatsoper auf.

Staatstheater Kassel / Okka von der Damerau © Daniel Schäfer

Staatstheater Kassel / Okka von der Damerau © Daniel Schäfer

Bellini und Wagner in einem Konzert? Das mag auf den ersten Blick verwundern. Stehen hier nicht musikalische Italianità gegen deutsche Bedeutungsschwere? Richard Wagner selbst wäre darüber durchaus anderer Ansicht gewesen: Er bewunderte Bellini für die unendlichen Melodien, die der Italiener anscheinend mühelos hervorzauberte – und die Wagner auf ganz andere Weise für sich neu erfand, als er „Tristan und Isolde“ komponierte.

Wagners Sympathie für die beiden unglücklich Liebenden und die musikalische Nähe einer Wesendonck-Lieder zu „Tristan und Isolde“ entspringen der sehnsuchtsvollen Liebesgeschichte zwischen ihm und der Schriftstellerin Mathilde Wesendonck, der Frau seines Züricher Gönners Otto Wesendonck. Seine Vertonung von fünf Gedichten Mathilde von Wesendoncks spiegeln den zwischen überschwänglicher Euphorie und wahnhafter Bedrücktheit schwankenden Zustand der heimlich Liebenden.

Zwei unglückliche Liebende, die in dieser Welt nicht zueinander finden können, sind auch Pélleas und Mélisande. Selten hat ein Drama so viele Komponisten inspiriert wie das gleichnamige Stück des Symbolisten Maurice Maeterlinck. Arnold Schönberg plante zunächst eine Oper, schrieb dann aber 1902 als sein Opus 5 eine 40-minütige sinfonische Dichtung, die ganz im Sinne von spätromantischer Programmmusik die einzelnen Stationen des Dramas nachvollzieht und eine ungeheure Palette an faszinierenden Orchesterfarben aufbietet – flirrend, schmelzend, aber auch schaurig abgründig.

4.6.2018: Konzertbeginn 20 Uhr. 19.15 Uhr findet eine Einführung statt. Karten erhältlich an der Theaterkasse, Tel. (0561) 1094-222

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