Hildesheim, Theater für Niedersachsen, Spielplan Oktober 2019

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Theater für Niedersachsen

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Spielzeit 2019/20
TfN ? Produktionen im Oktober 2019


REPERTOIRE:


IM WEIßEN RÖSSL
Singspiel in drei Akten von Ralph Benatzky
Turbulent geht es in Sachen Liebe im Weißen Rössel zu und es braucht schon einen richtigen Kaiser, um wieder Ordnung zu schaffen und allen Beteiligten zu einem glücklichen Ende zu verhelfen. Die schräge Österreich-Revue war 1930 in Berlin das Theaterereignis und ist nun in Hildesheim als großes Alpenspektakel in der Halle39 zu erleben. Musikalische Leitung Achim Falkenhausen Inszenierung Erik Petersen Bühne Hannes Neumaier Kostüme Kristopher Kempf Choreografie Ludwig Mond Chöre Achim Falkenhausen Dramaturgie Susanne von Tobien Mit Lisa Maria Hörl/ Neele Kramer (Josepha Vogelhuber), Peter Kubik/ Gerald Michel (Leopold Brandmeyer), Uwe Tobias Hieronimi (Wilhelm Giesecke), Meike Hartmann/ Antonia Radneva (Ottilie), Julian Rohde (Dr. Erich Siedler), Johannes Osenberg/ Stefan Freiberger (Sigismund Sülzheimer), Jens Krause/ Dieter Wahlbuhl (Prof. Dr. Hinzelmann), Sandra Pangl/ Meike Hartmann (Klärchen), Piet Bruninx/ N.N./ Levente György (Kaiser), Nicolo Soller/ N.N. (Piccolo), Elisabeth Köstner/ Steffi Fischer/ Kathelijne Wagner (Kathi/Zenzi/Stubenmädchen), Stefan Freiberger/ Jesper Mikkelsen (Reiseführer), Opernchor, Extrachor, Kinder- und Jugendchor des TfN, Orchester des TfN
Termine im Oktober in der Halle39 (Schinkelstraße 7, 31137 Hildesheim)


TfN IN LANGENHAGEN:


Theater für Niedersachsen / Kohlhaas © T.Behind-Photographics

Theater für Niedersachsen / Kohlhaas © T.Behind-Photographics

MICHAEL KOHLHAAS
Schauspiel nach der Novelle von Heinrich von Kleist
In seiner berühmten Novelle beschreibt Kleist eine der interessantesten, weil widersprüchlichsten Figuren der deutschen Literatur. Als Opfer staatlicher Willkür begehrt Michael Kohlhaas mutig gegen die Obrigkeit auf, getrieben von seinem starken Gerechtigkeitssinn. Doch kalte Rachsucht macht ihn bald zum Wutbürger, Fanatiker, Terroristen. Michael Kohlhaas ist faszinierend: anziehend in seiner Hingabe, abstoßend in seiner brutalen Radikalität – und mit Themen wie Selbstjustiz, staatliche Willkür und Eigendynamik von Gewalt aktuell wie nie. Für das TfN hat Moritz Nikolaus Koch eine eigene Bühnenfassung erstellt. Es spielen Dennis Habermehl und Dieter Wahlbuhl. Inszenierung und Ausstattung Moritz Nikolaus Koch Musik Oliver Niess MitDennis Habermehl (Erzähler I – Kohlhaas), Dieter Wahlbuhl (Erzähler II – alle anderen), Oliver Niess (Bühnenmusiker/ Soundler) Dauer ca. 2 Stunden 20 Minuten, inklusive einer Pause WIEDERAUFNAHME: Mi, 2.10., 20:00 Uhr, Theatersaal Langenhagen,
in Hildesheim: Sa, 23.11., 19.30 Uhr, Großes Haus

JUGEND OHNE GOTT
Schauspiel nach dem Roman von Ödön von Horváth
Nur Hohn und Spott haben die Jugendlichen für die humanistischen Ideale ihres Lehrers. Doch dann geschieht auf ihrer Klassenfahrt ein Mord! – Die TfN-Bühnenfassung überträgt die Geschichte in eine nahe Zukunft: Was geschieht, wenn eine demokratische in eine totalitäre Gesellschaftsform kippt? Inszenierung Alice Asper Ausstattung Bernhard Niechotz Dramaturgie Astrid Reibstein Mit Dennis Habermehl (Der Lehrer), Jonas Kling (Zachi), Jonas Nowack (Timi), Emma Henrici (Olli), Karla Hennersdorf (Eva), Martin Schwartengräber (Caesar/ Feldwebel 3/ Moderator), Michaela Allendorf (Lehrerin/ Feldwebel 1/ Präsidentin/ Mutter von Timi), Simone Mende (Direktorin/ Feldwebel 2/ Mutter von Nicki/ Mutter von Zachi), Statisterie
TERMIN: Mi, 30.10., 20:00 Uhr, Theatersaal Langenhagen

Theater für Niedersachsen / Kohlhaas - von links_D. Habermehl, D. Wahlbuhl © T.Behind-Photographics

Theater für Niedersachsen / Kohlhaas – von links_D. Habermehl, D. Wahlbuhl © T.Behind-Photographics


JUNGES THEATER:


Theater für Niedersachsen / Nieselprim © Christine Kundolf-Köhler

Theater für Niedersachsen / Nieselprim © Christine Kundolf-Köhler

NIESELPRIM NERVT
Ein Tanz- und Singstück | Uraufführung | Koproduktion des TfN mit tanz.Utan, ab 6 Jahren
Wie spannend es sein kann, sich auf etwas Fremdes einzulassen und welche Spuren wir gegenseitig in unseren Leben hinterlassen, zeigt diese Geschichte mit Tanz, Musik und wenigen Worten, wo aus rasantem Spiel und kleinen Ausrufen Lieder werden, aus Slapstick Tanz, aus Engstirnigkeit Weite und aus Gegensätzen ein Wir. Außerdem gibt es allerlei seltsame Maschinen, eine Kinoorgel und viel zum Lachen. Inszenierung Marcel Sparmann Choreografie Nicole Pohnert Musik Daniel Pohnert Ausstattung Swana Gutke Mit Nicole Pohnert, Daniel Pohnert
Premiere am Donnerstag, 24. Oktober 2019, 11:00 Uhr, theo

ALLES FAMILIE
Nach dem Buch von Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl Koproduktion des TfN mit dem Theater Karo Acht, ab 6 Jahren
Temporeich und musikalisch spielt sich das Theater Karo Acht durch die Szenen von (un-)gewöhnlichen Familienbanden, kleinen Problemen und großen Glücksmomenten. Dabei wird sinnlich erfahrbar, wie unterschiedlich und vielfältig, wie komisch, aber manchmal auch tragisch Familienleben heute sein kann. Inszenierung Kian Pourian Text Lorenz Hippe Bühne Alexander Tripitsis Kostüme Ulrike Schörghofer Mit Imme Beccard, Julia Solórzano, Christopher Weiß Dauer ca. 70 Minuten, keine Pause
Wiederaufnahme am Samstag, 5. Oktober 2019, 15:00 Uhr, Probebühne 2 (Einlass über den Bühneneingang)

DAS KLEINE BLAU UND DAS KLEINE GELB
Ein Theaterstück vom Gleich- und Anderssein nach einem Bilderbuch von Leo Lionni Koproduktion des TfN mit dem Theater Karo Acht, ab 2 Jahren
Ein Theaterstück für die jüngsten Zuschauer rund um Dinge, Farben und Spielen. Es geht um das Gleich- und Anderssein, um Freundschaft, um das sich und die anderen Verlieren, Suchen und Wiederfinden. Inszenierung Kian Pourian Bühne Alexander Tripitsis Kostüme Ulrike Schörghofer Mit Julia Solórzano, Sebastian Schlemminger Dauer ca. 50 Minuten, keine Pause
Wiederaufnahme am Donnerstag, 10. Oktober 2019, Probebühne 2 (Einlass über den Bühneneingang)


EXTRA:


INNEN STADT THEATER
Mitte Oktober staubt und lärmt es noch im TfN: Endspurt ist angesagt für die Sanierungsarbeiten im Großen Haus, einzig das Kinder- und Jugendprogramm spielt weiterhin im Haus. Auf Theater verzichten müssen Sie dennoch nicht: Bis Mitte November präsentieren wir vielfältige Sonderprogramme, zu Gast bei zahlreichen Kooperationspartnern in der Hildesheimer Innenstadt.

THEKEN-TALK
Persönliche Einblicke in die neue Spielzeit von Jörg Gade, Craig Simmons und Susanne von Tobien Entdecken Sie die Vielfalt der Spielzeit 2019/20 und erleben Sie, wie unsere Theaterleitung spielerisch, musikalisch und persönlich aus dem Nähkästchen plaudert … Montag, 21. Oktober 2019, 18:00 Uhr, Eintritt frei Stadtschenke im Van der Valk Hotel, Markt 4, 31134 Hildesheim

DER SOUNDTRACK MEINES LEBENS
Besondere Einblicke in das Leben von TfN-Künstlern Der erste Kuss, der schlimmste Liebeskummer, der schönste Sommer – zu gewissen Momenten und Lebensphasen gehören einfach bestimmte Songs! Lernen Sie den Lebenssoundtrack von Intendant Jörg Gade und Schauspieler Martin Schwartengräber kennen – inklusive Geschichten und Anekdoten drum herum. Donnerstag, 24. Oktober 2019, 20:00 Uhr, LitteraNova, Eintritt frei LitteraNova, Wallstraße 12a, 31134 Hildesheim

JEDE MUSIK HAT IHREN HIMMEL
Konzert mit dem Opernchor des TfN Getreu diesem Verdi-Zitat sorgen sie in Opern, Musicals und Konzerten für himmlische Abende am TfN, nun können Sie die Mitglieder des Opernchors ganz geerdet in gemütlicher Atmosphäre erleben: Unter der Leitung von Chordirektor Achim Falkenhausen präsentieren sie Ihnen die schönsten Chornummern aus Opernklassikern wie „Nabucco“ oder Wiederentdeckungen wie „Die Pantöffelchen“. Montag, 28. Oktober 2019, 18:00 Uhr, Eintritt frei Besucherzentrum Welterbe Hildesheim & tourist-information, Rathausstraße 20, 31134 Hildesheim

—| Pressemeldung Theater für Niedersachsen |—

Hildesheim, Theater für Niedersachsen, Open-Air-Konzert, 18.08.2019

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Theater für Niedersachsen

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Theater für Niedersachsen / Stadttheater Hildesheim © Andreas Hartmann

Das TfN ist wieder da!

Das Theater für Niedersachsen ist aus der Sommerpause zurück und startet mit einem großen Open-Air-Konzert auf dem Domplatz in die aufregende und vielseitige letzte Spielzeit von Intendant Jörg Gade. Der Ticketvorverkauf für alle Stücke startet am 8. August, 10 Uhr.

Der Spielzeitstart am TfN ist in diesem Jahr besonders aufregend: Durch die Sanierung des Stadttheaters gehen die ersten Veranstaltungen der Saison an verschiedenen Orten in Hildesheim über die Bühne. Und noch etwas ist neu: Der allseits beliebte Theatergarten findet nicht zu Beginn der Saison statt, sondern an dessen Ende und ist damit ein letzter Abschiedsgruß von Intendant Jörg Gade, der das TfN im Sommer 2020 verlässt.

Theater für Niedersachsen / Saisoneröffnung 2019-20 © C. Grossmann

Theater für Niedersachsen / Saisoneröffnung 2019-20 © C. Grossmann

Den Startschuss für die Saison 2019/20 gibt das große Open-Air-Konzert auf dem Domplatz am Sonntag, 18. August, unter der musikalischen Leitung von Florian Ziemen. Mit Wagners Ouvertüre zum „Tannhäuser“, Beethovens 5. Sinfonie und Mendelssohns Violinkonzert e-Moll präsentiert die TfN-Philharmonie unvergängliche Klassiker des Konzertrepertoires. Der Eintritt ist frei. Im August findet sich außerdem noch ein zweites großes Konzert auf dem Programm: Bei „La vie en rose“ im Kloster Marienrode am Samstag, 24. August, obliegt die Leitung Chordirektor Achim Falkenhausen unter Beteiligung der Philharmonie, des Chors und des Kinderchors des TfN.

Die erste Premiere der Spielzeit am Samstag, 7. September, führt das TfN-Schauspielensemble in das Burgtheater auf der Domäne Marienburg. Regisseurin Alice Asper dramatisiert Ödön von Horváths 1937 erschienenen Roman „Jugend ohne Gott“ für das TfN neu und stellt die Frage, wie eine Gesellschaft ins Totalitäre kippt. Am Freitag, 20. September, starten dann auch die MusicalCompany und das Opernensemble in die neue Spielzeit. Gemeinsam mit der TfN-Philharmonie und vielen Statistinnen und Statisten laden sie das Publikum zu einem Kurzurlaub nach Österreich ein: Die Kult-Operette „Im weißen Rössl“ wird in Szene gesetzt von Erik Petersen und choreografiert von Ludwig Mond. Sowohl zur Domäne Marienburg als auch zur Halle39 sorgt das TfN für einen kostenlosen Shuttle-Service.

Am 16. November öffnet sich dann zum ersten Mal der Vorhang im frisch sanierten Stadttheater und die Spielzeit nimmt mit dem monumentalen Musiktheaterwerk „Tristan und Isolde“ richtig an Fahrt auf. Weitere Informationen sowie das gesamte Programm der Spielzeit 2019/20 stehen auf der Homepage des TfN (www.tfn-online.de) zur Verfügung.

Karten für alle Stücke sind ab 8. August, 10 Uhr, im TfN-ServiceCenter (Theaterstraße 6, 31141 Hildesheim), unter 05121 16931693 sowie unter www.tfn-online.de und an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich. Auch bei der ersten Theatersprechstunde am Samstag, 10. August, 10 bis 13 Uhr, auf dem Vorplatz der Literaturkirche St. Jakobi, können Karten erworben werden.

—| Pressemeldung Theater für Niedersachsen |—

Münster, Theater Münster, NRW-Theatertreffen – „Vorsicht, zerbrechlich“, IOCO Aktuell, 13.06.2019

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

NRW-Theatertreffen – Teil 2 – Das Theater als menschlicher Erfahrungsraum

 Regiepreis – Schuld und Sühne von  Fjodor Dostojewski

von Hanns Butterhof

Die zweite, deutlich aktuell und politischer angelegte Halbzeit des NRW-Theatertreffens ging mit der Verleihung der Preise für die beste Regie, das beste Ensemble, den besten Schauspieler, einen Förderpreis und den Publikumspreis zu Ende. Dabei gingen die politischen Stücke nahezu leer aus.

Das Theatertreffen bot viel und tolle Schauspielkunst. Wie eine Würdigung der Jury für alle Schauspieler galt der Preis für das beste Ensemble dem des Schlosstheaters Moers, das in der Regie von Ulrich Greb fulminant Zur schönen Aussicht Ödön von Horváths aufgeführt hatte: bankrotte, wertevergessen kriminelle Europäer, zusammengedrängt in den Speisesaal eines Hotels und umgeben von einer mitverschuldeten Katastrophe, in der die einzig Entkommene nur im Schutzanzug überleben konnte.

Bei aller fesselnden Dynamik des Spiels konnte Zur schönen Aussicht kaum berühren, zu statisch und comicmäßig verfremdet war der böse Blick auf das sterbende Europa. Zu statisch war auch Thomas Melles  Bilder von uns des Schauspiels Wuppertal in der Regie von Henri Hüster. Sehr aktuell geht es um Missbrauch durch katholische Patres. Doch die Opfer werden nur in ihren verschiedenen Abwehrposen gezeigt, nicht in ihrem inneren Prozess zu diesen hin. Da bleiben ihre Masken undurchdringlich und die Gesichter dahinter kommen nicht nahe. Das gleiche Ergebnis hat Heiner Müllers Hamletmschine, das Nava Zuckerman für das Theater Krefeld und Mönchengladbach inszeniert hat. Selbst wenn sich die Schauspieler als Privatpersonen in die Aufführung einbringen und das Publikum mehrfach die Spielstätte wechseln muss, bleibt das Gefühl, die eigene Geschichte werde behandelt, bis auf wenige bewegende Szenen aus.

Theater Münster / NRW Theatertreffen 2019 - hier :  Preisverleihung © Oliver Berg

Theater Münster / NRW Theatertreffen 2019 – hier :  Preisverleihung © Oliver Berg

Mit Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochene Krug (youtube Trailer unten) gelang Laura Linnenbaum vom Düsseldorfer Schauspiel fesselnd, das Publikum mit irrer Komik in die Verdrängung des Missbrauchs hineinzuziehen, den das Stück verhandelt. Erst der drastische Schluss mit einem weiteren Missbrauch lässt das Lachen im Halse stecken und das Publikum betroffen zurück.

Dass Unterwerfung nach Michel Houellebecq vom Schauspiel Bochum in der Regie von Johan Simons ein fesselndes, berührendes Stück ist, liegt nicht nur an dem blendend aufspielenden Ensemble und der passend vermüllten Bühne. Die Erfahrungen, Werte und Zweifel des Protagonisten werden die des Zuschauers, der  aus den eigenen Gewissheiten heraus- und umgetrieben wird. Das Aktuell-Politische ist nicht der Handlung aufgepfropft oder auf Figuren verteiltes Statement, sondern Selbstbefragung des Publikums. Theater wird so nicht auf Mehrheiten ausgerichtet demokratischer, sondern menschlicher Erfahrungsraum.

Der zerbrochene Krug  –  Heinrich von Kleist
youtube Trailer Schauspielhaus Düsseldorf
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Unter viel Beifall ging der Preis der Jugendjury für das beste Stück an Der Theatermacher vom Schauspiel Dortmund mit dem von der Fachjury, bestehend aus der Kulturjournalistin Natalie Bloch, der Autorin Svenja Viola Bungarten, der Intendantin des Landestheaters Schwaben, Dr. Kathrin Mädler, dem Feuilleton-Redakteur bei den Westfälischen Nachrichten, Harald Suerland, sowie dem Theaterkritiker Sascha Westphal.  als bester Schauspieler gekürten Andreas Beck. Den Preis für die beste Regie erhielt Bert Zander vom Theater Oberhausen für Schuld und Sühne. Der Förderpreis ging an Julia Sylvester von der  Burghofbühne Dinslaken für ihre berührende Rolle als Oskar in Extrem laut und unglaublich nah, dem auch der Publikumspreis zugesprochen wurde.

—| IOCO Aktuell Theater Münster |—

Wien, Burgtheater, Glaube Liebe Hoffnung – Ödön von Horváth, IOCO Kritik, 12.10.2018

Oktober 13, 2018 by  
Filed under Burgtheater Wien, Kritiken, Schauspiel

Burgtheater Wien © Georg Soulek / Burgtheater

Burgtheater Wien © Georg Soulek / Burgtheater

Burgtheater Wien

Glaube Liebe Hoffnung – Ödön von Horváth

–  Fiktion oder Wirklichkeit: Alles nur im Auge des Betrachters ? –

Von Viktor Jarosch

Ödon von Horváth Grabstätte in Wien © IOCO

Ödon von Horváth Grabstätte in Wien © IOCO

Ödön (Edmund – ung.) von Horváth (1901 – 1938) entstammt einer österreichich-ungarischen Diplomatenfamilie und lebte nach dem Zusammenbruch der k.u.k. Doppelmonarchie zumeist in Wien und Murnau. Glaube Liebe Hoffnung war sein neuntes Drama, welches er gemeinsam mit dem Gerichtsreporter Lukas Kristl 1932 schrieb. Kristl beklagte sich seinerzeit bei  Horvath, daß Dramatiker immer nur über große Kapitalverbrechen schreiben, niemals über  kleine Verbrechen, denen man landauf-landab begegnet, oft  durch  Unwissenheit ausgelöst, doch mit  dramatischen Folgen für das Leben vieler Menschen. Die Protagonisten in Glaube Liebe Hoffnung, Elisabeth, den Schupo, Frau Amtsgerichtsrat, den Oberinspektor: ihre Schicksale sind real, hat Kristl persönlich erlebt. Mit Ödön von Horváth schuf Kristl das Drama Glaube Liebe Hoffnung.

Horváth sucht in seinen sozialpolitischen Werken die „Demaskierung des Bewusstseins“: der von Totalitarismus und Kriegen zerrissenen menschlichen Einzelschicksale;  von verarmten Kleinbürgern, Frauen in patriarchalischer Unterdrückung und einer sozial entmündigten  Gesellschaft.  Aggressive, gefühlskalte  aber reale Minderwertigkeitsgefühle von Mittel- und Unterschicht, in engstem Miteinander gelebte Gefühlskälte wird mit eigener Sprache, „Ur-Wienerisch“, konterkariert er: Gewohnte, gelegentlich artifizielle Umgangssprache von Mittel- und Unterschicht paart Horváth mit eigener, leerer Dialogsprache und schafft grausam schräg wie abstrus wirkende Synthesen. In Horváths  Welt, in einer gedanken- wie rücksichtslosen Gesellschaft überleben Banditen, Scharlatane und  Adabeis  gut; Schwache dagegen werden zerrieben.

Ödön von Horvath, von den Nationalsozialisten verfolgt,  von einem fallenden Ast 1938 in Paris erschlagen, zeigt in Glaube  Liebe Hoffnung, dass Tiefgründiges, Lächerliches wie Brutales oft nur einen kleinen Spalt breit getrennt leben: höchst aktuell in unserer heutigen, von wie vielen Gesellschaftsschichten über  iPad, Facebook, Twitter und Co. so intensiv wie rücksichtslos getriebenen Kommunikationswelle. Der Untertitel des Stückes  „Ein Totentanz in fünf Bilder“ konterkariert erste, im Titel Glaube Liebe Hoffnung aufkeimende  Lebensfreude.

Glaube Liebe Hoffnung – Ödön von Horváth
Youtube Trailer  des Burgtheater Wien
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Die Handlung: Glaube Liebe Hoffnung zeichnet das Schicksal der jungen, hoffnungsfrohen Elisabeth, welche unbedingt für ihr Dasein arbeiten möchte; in ihrem gelernten Gewerbe Mieder, Hüftgürtel. Doch sie benötigt dafür einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein;  das für den Kauf erforderliche Geld versucht sie, durch den Verkauf ihres Leichnams schon zu Lebzeiten beim Anatomischen Institut zu erlangen; dies misslingt, doch der  Präparator des Instituts verliebt sich, leiht Elisabeth das notwendige Geld. Als er erfährt, dass Elisabeth „sein“ Geld nicht zur Bezahlung des Wandergewerbescheines verwendete sondern zur Bezahlung einer Vorstrafe, um dann der Wandergewerbeschein zu kaufen verlässt er Elisabeth ..

Regisseur Michael Thalheimer, am Berliner Ensemble derzeit beruflich zu Hause, inszeniert Glaube Liebe Hoffnung am Burgtheater. Mit zahlreichen, erfolgreichen  Inszenierungen, ua.  Elektra, Die Perser, ist Thalheimer in Wien wie am Burgtheater bestens etabliert.  Die Bühne im Burgtheater prägt ein breiter, riesiger Trichter (Bühne Olaf Altmann), der über der  leeren, fahl beleuchteten  Bühnenmitte endet: ein greller, schmaler Lichtstrahl aus dem Trichter-Ende leuchtet grell auf die unter ihm agierende „Menschheit“, auf  ausgespuckte Unterschichten.  Elisabeth (Andrea Wenzl) erscheint  dort in gleissendem Lichtkegel in hellem Sommerkleid; sie ist menschliche Lichtgestalt.

Burgtheater Wien / Glaube Liebe Hoffnung - hier : Merlin Sandmeyer als Schupo, Andrea Wenzl (Elisabeth) © Reinhard Werner / Burgtheater

Burgtheater Wien / Glaube Liebe Hoffnung – hier : Merlin Sandmeyer als Schupo, Andrea Wenzl (Elisabeth) © Reinhard Werner / Burgtheater

Elisabeth zieht im Lichtkegel langsam ihre Lippen nach und erklärt der   unsichtbaren Umwelt wie dem Publikum  jung, naiv in Horvartschen Metaphern ihr Verhalten: „Im Oktober werden es acht Monate, dass ich abgebaut worden bin … Die letzte Brosche ist versetzt… Aber ich habe den Kopf nicht hängen lassen.“ Elisabeth bleibt stets lebensbejahendes Wesen; die raue herzlose Gleichgültigkeit ihrer Umgebung nimmt sie nicht wahr. Ein Schupo (Merlin Sandmeyer), erster Vertreter der unsozialen Wirklichkeit,  erscheint hinter ihr in verdrehter Motorik,  riecht an ihren Körper als wäre sie ein fremdes Wesen: Verdrehtes, Unsoziales ist die Realität des Schupos. Elisabeth in ihrer Menschlichkeit wird in der Realität des Schupo zum „Unmensch“, zum Außenseiter.

Der expressionistische Regieansatz Michael Thalheimers macht Ödön von Horváths Postulat, „möglichst rücksichtslos gegen Dummheit und Lüge zu sein“, mit der ersten Szene sichtbar: Elisabeth, von Andrea Wenzl  mit filigraner Dominanz vorgetragen, bleibt immer starke Frau, stets menschlich: „es kann doch auch weniger ungerecht zugehen“.. Bis zu ihrem Tod ist sie stets Mensch, der „den Kopf nicht hängen läßt“ und ist damit doch allzeit Außenseiter. Denn die Gesellschaft, in ihren banalen, rohen Verformungen, ist die herrschende Realität, welche Elisabeth letztlich tötet. Ödön von Horváth, ist bei aller Schrägheit der Sprache in seinen Werken immer kritisch; nichts hält er von “Juxspiegelbilder, parodiert nicht“.

Die reale Gesellschaft, die Umwelt von Elisabeth, jede Person wird  im Burgtheater in plakativer oft surrealer Optik überzeichnet: zunächst im Anatomischen Institut, wo Oberpräparator (Branko Samarovski), Präparator (Falk Rockstroh) und Vizepräparator (Marcus Kiepe) in blutverschmierten Fleischerschürzen grölend lachen, Tauben füttern oder sich in tiefstem Wienerisch anbrüllen: „Drinnen liegen die Finger und die Gurgeln nur so herum, daß es eine wahre Freud ist! Tuns die beiden Herzen und die halberte Milz gefälligst in die Schublad! Kreuzkruzifix, ist das aber eine Schlamperei!“. So plakatieren auch alle anderen Figuren ihre Gesellschaft, die Realität, das vermeintlich „Normale“: In detailreicher Optik und Sprache sind sie fühlbare Gegenspieler von Elisabeth: Irene Prantl (Christiane von Poelnitz), die bizarre Wäscheverkäuferin; der in Selbstmitleid vergehende Amtsgerichtsrat (Peter Mantic); Der Baron mit dem Trauerflor (Robert Reinagl); Eltz (Daniel Jesch), welcher Elisabeth eher nebenbei vergewaltigt.

Burgtheater Wien / Glaube Liebe Hoffnung - hier : Falk Rockstroh (Präparator), Branko Samarovski (Oberpräparator), Andrea Wenzl (Elisabeth) © Reinhard Werner / Burgtheater

Burgtheater Wien / Glaube Liebe Hoffnung – hier : Falk Rockstroh (Präparator), Branko Samarovski (Oberpräparator), Andrea Wenzl (Elisabeth) © Reinhard Werner / Burgtheater

Elisabeth stirbt, verhungert, von Menschen umgeben, inmitten der Gesellschaft; ihre letzten Worte: „aber ich lasse den Kopf nicht hängen“. Der Schupo wühlt eine Blume aus der Hosentasche und wirft sie beiläufig auf die Tote. Gefühlsloses, hohles Verhalten hatte sich zum letzten Mal gezeigt.

Die fünf Bilder des „Totentanzes“ werden ebenso plakativ wie Spannung aufbauend getrennt: in düsterer Beleuchtung marschiert in großer Zahl uniformiert und gleichförmig die Weltgemeinschaft über die Bühne, alles niederreißend, was sich in den Weg stellt; begleitet von der stampfenden Rockmusik Led Zeppelins, Deep Purple, Janis Joplins.

Das ergreifende Geschehen auf der Bühne weicht zum Ende großem Zuspruch: Regisseur Michael Thalheimer, Bühne Olaf Altmann, Kostüme Katrin Lea Tag wie die die Darsteller auf der Bühne werden gefeiert: Andrea Wenzl polarisierte, gestaltete Menschlichkeit in filigraner Feinheit, während Schupo, Präparator, Prantl und das Ensemble in schwarzer Parodie in brillanter Personenführung Ecken und Kanten der realen wie tumben Gesellschaft spiegeln.

Das Burgtheater besitzt mit dieser Inszenierung von Glaube Liebe Hoffnung eine zeitgemäße wie anspruchsvolle Produktion. 1.340 Besucher im ausverkauften Burgtheater zollten ausdauernd großen Beifall, der bei Andrea Wenzl als Elisabeth in Jubel überging.

Burgtheater Wien / Zum Premierenbeifall das Ensemble von Glaube Liebe Hoffnung © IOCO

Burgtheater Wien / Zum Premierenbeifall das Ensemble von Glaube Liebe Hoffnung © IOCO

Glaube Liebe Hoffnung von Ödön von Horváth am Burgtheater Wien; weitere Vorstellungen am 14.10.; 27.10.; 11.11.; 15.11. 25.11.; 30.11.2018; weitere Termine folgen

—| IOCO Kritik Burgtheater Wien |—