München, Bayerische Staatsoper, Premiere Judith – Konzert / Herzog Blaubarts Burg, 07.02.2020

Februar 7, 2020 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Konzert, Oper, Pressemeldung

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Judith – Konzert für Orchester /
Herzog Blaubarts Burg

Premiere 7. Februar 2020

„Judith, willst du mir noch folgen?“

In Béla Bartóks erschütternder Version des sagenhaften Blaubart-Stoffes lässt der titelbegebende Herzog seiner Neuvermählten noch dreimal die Möglichkeit zur Umkehr. Dann schließen sich die Tore von Herzog Blaubarts Festung hinter den beiden, und Judiths Schicksal ist besiegelt. Béla Balázs Libretto verdichtet mit großer poetischer Kraft das Verhängnis einer Liebe: Durch deren Kraft will Judith die Finsternis und Kälte von Blaubarts Feste erhellen und erwärmen und so Blaubart selbst vor der Verzweiflung retten, die ihn umgibt. Weil sie ihn liebt, so sagt sie, will Judith alle Geheimnisse des Herzogs kennen, und darum verlangt sie auch von ihm die Schlüssel zu den verschlossenen Türen der Festung, einen nach dem anderen. Mit jeder Tür gibt Blaubart den Blick auf einen Teil seiner Burg, seines Reiches, seiner Persönlichkeit frei, und überall sind Spuren, die auf etwas Schreckliches und Unausweichliches verweisen: Auf das Geheimnis hinter der siebten Tür.

Judith – ein Opernsteckbrief zur Produktion in München
youtube Trailer Bayerische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Béla Bartók schrieb seine einzige Oper im Alter von dreißig Jahren, noch unter hörbarem Einfluss von Zeitgenossen wie Claude Debussy. Die Musik ist dabei immer ganz nah an der Sprache – auch dort, wo diese versagt. Die sieben Zimmer in Herzog Blaubarts Burg und das Grauen dahinter komponiert und orchestriert Bartók bis zur Fühlbarkeit.

IOCO wird über diese Produktion im Nationaltheater berichten

In seinem Konzert für Orchester, das unmittelbar nach der Flucht aus Europa in den USA als existenzsicherndes Auftragswerk entstand, verwendete Bartók mehr als dreißig Jahre später wiederum Motive aus Herzog Blaubarts Burg. Kurz vor seinem Tod überarbeitete Bartók das Konzert noch einmal entscheidend. In der Produktion von Katie Mitchell wird diese letzte Fassung zu hören sein.

Zum Werk und Komponisten

Über drei Jahrzehnte liegen zwischen Bartóks beiden Werken, aus denen sich die Neuproduktion zu Judith zusammensetzt – der Operneinakter Herzog Blaubarts Burg entstand 1911 in Ungarn, das Konzert für Orchester 1943 im US-amerikanischen Exil. Dennoch finden sich in Bartóks spätem Orchesterwerk Elemente seiner ersten und einzigen Oper wieder. Dirigentin Oksana Lyniv, ehemals musikalische Assistentin von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko, sieht eine starke musikalische Verbindung zwischen beiden Stücken, die das Konzert für Orchester zu einer „dramatisch perfekten Einstimmung“ auf die darauffolgende Oper macht.

Bayerische Staatsoper / Judith hier Judith: Nina Stemme als Judith, John Lundgren als Herzog Blaubart Statisterie © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Judith hier Judith: Nina Stemme als Judith, John Lundgren als Herzog Blaubart Statisterie © Wilfried Hoesl

Zur Inszenierung

Die britische Regisseurin Katie Mitchell kehrt nach George Benjamins Written on Skin (2013) an die Bayerische Staatsoper zurück und erarbeitet eine radikale Relektüre des Blaubart-Stoffes.

So hat sich Mitchell gegen die sonst übliche Verbindung von Herzog Blaubarts Burg mit einem zweiten Einakter und für die Verbindung der Oper mit einem orchestralen Werk Béla Bartóks entschieden. Der erste Teil des Abends wird so zu einer spannenden filmischen Exposition ihres speziellen Regiezugriffes auf die Oper. Ein Film, den der britische Regisseur Grant Gee im Vorfeld der Produktion in Berlin und London gedreht hat und zu dem Oksana Lyniv das Konzert für Orchester dirigiert, stellt die Protagonistin Anna Barlow (Nina Stemme) vor. Sie arbeitet als verdeckte Ermittlerin an einem Fall um drei verschwundene Frauen. Ihr Verdacht fällt auf den Unternehmer Michael Hayworth (John Lundgren); um sein Interesse zu erwecken, nimmt sie eine Identität an, die jener der verschwundenen Frauen ähnelt: Sie bietet online ihre Dienste als Escort an. Als Pseudonym wählt sie den Namen Judith. Die Falle schnappt zu, und bald sieht sich Judith dem Mann gegenüber, der sich selbst Blaubart nennt. Damit beginnt ein Opernthriller, für den Mitchell die Judith-Figur völlig neu gedacht hat: „Keine Frau würde sich freiwillig in eine solch unmittelbar lebensbedrohliche Situation bringen. Bei uns wird die Frau daher vorgeben, diese Fantasie zu bedienen, um die anderen Frauen zu finden.“

Musikalische Leitung  Oksana Lyniv, Inszenierung Katie Mitchell,  Bühne  Alex Eales,
Kostüme  Sussie Juhlin-Wallén, Filmregisseur Grant Gee,  Videodesign Ellie Thompson,
Licht James Farncombe,  Dramaturgie Nikolaus Stenitzer

Mit:  Herzog Blaubart – John Lundgren, Judith  – Nina Stemme

Premiere Judith:  1. Februar 2020, weitere Vorstellungen 7.2.; 9.2.; 13.2.; 16.2.; 27.2.; 29.2.2020 und mehr

—| Pressemeldung Bayerische Staatsoper München |—

Wien, Staatsoper Wien, Europäische Kulturpreisgala 2019, IOCO Aktuell, 14.03.2019

April 25, 2019 by  
Filed under IOCO Aktuell, Wiener Staatsoper

Wiener Staatsoper bei Nacht © IOCO

Wiener Staatsoper bei Nacht © IOCO

Europäischer Kulturpreis

Europäisches Kulturforum

Europäische Kulturpreisgala in Wien – 20.10.2019

 Wiener Staatsoper, Plácido Domingo, Christian Thielemann, René Pape 

In der Wiener Staatsoper, die 2019 ihr 150-jähriges Bestehen feiert, findet am 20. Oktober 2019 die Europäische Kulturpreisgala statt. Dabei treffen sich in Wien die ganz großen Namen der Klassik: von Nina Stemme über Plácido Domingo und Christian Thielemann bis hin zu René Pape.

„Für uns ist es eine große Ehre, dass wir in diesem weltweit renommierten Haus im 150. Jahr seinesBestehens unsere Preise vergeben können“, sagt Bernhard Reeder, Vorstand des Vereins Europäisches Kulturforum und damit Veranstalter dieses außergewöhnlichen Abends. Den Preis erhalten Menschen und Institutionen, deren Visionen und Kreativität beispielhaft das kulturelle Leben in Europa beeinflussen und die dafür sorgen, dass das jahrhundertelange Erbe gepflegt und in die Neuzeit integriert wird.

Erste Preisträgerin: Die Wiener Staatsoper Die Wiener Staatsoper gilt als eines der bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Sie bietet – weltweit einmalig – über 300 Vorstellungen von über 60 Opern-und Ballettwerken. Die unverwechselbaren, künstlerischen Eckpfeiler des Hauses sind das fest engagierte Sängerensemble, das Ballett-Ensemble, das Staatsopernorchester (dessen Musiker in Personalunion den Klangkörper der Wiener Philharmoniker bilden), der Chor und das Bühnenorchester.

Wiener Staatsoper © IOCO

Wiener Staatsoper © IOCO

Darüber hinaus gastieren jedes Jahr die wichtigsten Opernstars und bedeutendsten Dirigenten im Haus am Ring. Auf der weltbekannten Bühne treffen sich nun Ausnahmekünstler, die eine ganz eigene Verbindung zueinander und zu dieser hoch geachteten Kulturinstitution haben.

Plácido Domingo: Er gilt als einer der größten lebenden Sänger unserer Zeit: Plácido Domingo gab bereits 1967 sein Debüt an der Wiener Staatsope rund ist seitdem dem Haus eng verbunden. Bei seinen bisher 4.000 Opernvorstellungen, davon über 250 alleine in Wien, brachte er die Anhänger der klassischen Musik zum Jubeln. „Die Stadt und die Staatsoper haben einen festenPlatz in meinem Herzen“, sagt der Ausnahmekünstler, der Österreichischer Kammersänger und Ehrenmitglied des Hauses ist.„Es ist eine Liebesbeziehung.“

Olga Peretyatko, die gefeierte Koloratursopranistin, wird die Laudatio auf Plácido Domingo halten. Dabei steht sie auf derselben Bühne, auf der sie als Gilda in Verdis Rigoletto 2013 ihr Debüt gab und erst im vergangenen Jänner mit der Titelpartie von Lucia di Lammermoor einen Premierenerfolg feierte.

Christian Thielemann: Christian Thielemann zählt zweifellos zu den größten Dirigenten unserer Zeit und stand zuletzt als Dirigent des in über 90 Länder übertragenen Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker 2019 im Scheinwerferlicht der Klassikwelt. Bereits 1987 debütierte er an der Wiener Staatsoper und dirigierte hier wichtige Premieren, mit Plácido Domingo und den Wiener Philharmonikern nahm er Parsifal auf. Christian Thielemann ist Chefdirigent (nicht GMD) der Sächsischen Staatskapelle Dresden und bespielt mit ihr sehr erfolgreich seit 2013 die Salzburger Osterfestspiele. Als Musikdirektor steht Thielemann außerdem den Bayreuther Festspielen vor und begeistert durch seine rauschhaften Dirigate der Werke von Richard Wagner. An der Wiener Staatsoper wird er am 25. Mai 2019, dem Geburtstag des Hauses, die hochkarätig besetzte Premiere von Richard Strauss‘ Die Frau ohne Schatten dirigieren.

René Pape:  Ebenfalls als großer Wagner-Interpret gilt der gebürtige Dresdner und zweifache Grammy-Preisträger René Pape, der sein Debüt an der Wiener Staatsoper bereits 1991 absolvierte. Danebensteht der ehemalige Sänger des Dresdner Kreuzchores auch auf allen anderen großen Bühnen der Welt, schon mit 24 Jahren wurde er ins Ensemble der Berliner Staatsoper engagiert. Seine Interpretationen wichtigerBass-Partien sind bereits jetzt legendär. Am 18.Dezember 2018 wurde er im Anschluss an die Zauberflöten-Vorstellung an der Wiener Staatsoper zum Österreichischen Kammersänger ernannt. „Für mich ist es immer etwas Besonderes, wenn ich in Wien auftreten kann, diesem einmaligen Hort der Kultur“, so René Pape.Das Haus begleitet mich seit vielen Jahren, die Mitarbeiter sind mir sehr vertraut.“

Nina Stemme: Seit Jahren ist die schwedische Sopranistin und Österreichische Kammersängerin Nina Stemme der Wiener Staatsoper eng verbunden. Ihre außergewöhnliche Stimme lässt Kritiker in höchsten Tönen schwärmen, Experten attestieren ihr immer wieder Einzigartigkeit – egal ob in der New Yorker Met, der Mailänder Scala, in der Bayerischen Staatsoper oder dem Londoner Royal Opera House Covent Garden. In der Jubiläumssaison der Wiener Staatsoper wird sie in Richard Strauss‘ hier uraufgeführter Oper Die Frau ohne Schatten ihr Debüt als Färberin geben. Im Oktober 2018 erhieltdie angesehene Wagner-Interpretin den Birgit-Nilsson- Preis, eineder bedeutsamsten Klassik-Auszeichnungen weltweit. Mit Plácido Domingo traf sie an diesem Abend auf einen ihrer größten Förderer. Schon 1993 gewann sie den von ihm begründeten Gesangswettbewerb Operalia. 

—| Pressemeldung Europäischer Kulturpreis |—

München, Bayerische Staatsoper, Parsifal – Richard Wagner, IOCO Kritik, 06.04.2019

April 6, 2019 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Parsifal  –  Richard Wagner

– Die Vernunft des Gefühls –

von Hans-Günter Melchior

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Ein tumber Tor taumelt durch die Welt und kommt erst langsam zur Vernunft. Aber nicht durch intensive Verstandesleistung, sondern vielmehr durch die Gefühlslage des Mitleidenden: „Durch Mitleid wissend“.

Parsifal an der Bayerischen Staatsoper: Die hier besprochene Inszenierung vom 30.3.2019; die Premiere dieses Parsifal war am 28.6.2018.

Bei Richard Wagner weiß man nie genau, welche Gipfel man vor allem ersteigen muss: diejenigen der Musik oder den eines Dramas. Wagner wollte das Gesamtkunstwerk. Aber man ertappt sich zuweilen dabei, wie man sich im Nachdenken darüber verliert, welche Ringe der in den See geworfene philosophische Stein noch hervorruft–, auf den Punkt gebracht –, erhebt sich fortwährend die Frage: was wollte der Meister uns noch alles sagen?

Die Musik war für Wagner das Weibliche, das erst durch das – die männliche Seite vertretende – Drama gleichsam erweckt wird. So in seiner programmatischen Schrift „Oper und Drama“. In Parsifal hat der Meister besonders hohe Gipfel erklommen – und ist oben ein wenig atemlos angekommen.

Parsifal  –  Vorspiel mit Kirill Petrenko, Premiere 2018
youtube Trailer der Bayerischen Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Im Mittelpunkt des Bühnenweihefestspiels, das ursprünglich nur in Bayreuth aufgeführt werden durfte, steht der Gral. Ein mystischer und zugleich mythischer Bereich, durch archaische Kulthandlungen wie die Enthüllung des heiligen Kelchs durch Rituale gekennzeichnet, andererseits inhaltlich stark von christlichen Moral- und Lebenseinstellungen geprägt, insbesondere von einem Leben in mönchischer Abgeschlossenheit, Abgeschiedenheit und Keuschheit (Reinheit als Prinzip sexueller Enthaltsamkeit) bei gleichzeitiger Wehrbereitschaft gegen das Böse in der Welt.

Der Gralskönig Titurel (Balint Szabó) hat das Zepter an seinen Sohn Amfortas (sehr eindrucksvoll Michael Nagy). Dieser allerdings sündigte: als er gegen den von der Gralsgemeinschaft abgewiesenen und sich aus Verzweiflung darüber selbst entmannenden Ritter Klingsor (kraftvoll Derek Welton) vorrückte, vergaß er seinen Auftrag und erlag den Reizen der zwischen den Reichen Klingsors und der Gralsritter unentschieden hin und her schweifenden verführerischen und von Nina Stemme ideal irrlichternd dargestellten Kundry. Klingsor ließ sich die Chance nicht entgehen, er kam von seiner Burg herab, entwand dem abgelenkten Amfortas den Speer und fügte ihm damit eine schlimme Wunde zu. Diese heilt nicht, sie blutet unentwegt und bereitet höllische Schmerzen –; alle Heilungsversuche scheitern, es sei denn, es gelänge, den von Klingsor gehüteten Speer (auch er ist heilig) zurückzuerobern und mit der Speerspitze die Wunde zu berühren.

Bayerische Staatsoper / Parsifal - hier : Amfortas und die Gralsritter © Ruth Walz

Bayerische Staatsoper / Parsifal – hier : Amfortas und die Gralsritter © Ruth Walz

Diese Aufgabe kann nur einem reinen Tor zufallen, gleichsam einem leeren Gefäß der Tugend, das sich noch nicht mit den Weltübeln gefüllt hat und auch niemals füllen wird, allenfalls mit den Regungen des Mitleids und der hingebungsvollen Liebe und Frömmigkeit.
Parsifal (leider nicht in gewohnter Sicherheit: Burkhard Fritz) betritt diesen Kosmos aus Visionen, unerfüllbaren Forderungen und Idealen mit einer Untat (1. Akt). Er erlegt einen Schwan, Symbol der Reinheit und Unschuld, und erregt damit das Missfallen des Gralsritters Gurnemanz, den René Pape mit berückender Brillanz, einem lupenrein klaren, scharfkantigen Bass verkörpert.

Der Versuch von Gurnemanz, den jungen Kerl in die Geheimnisse der Gralsritterschaft einzuweihen scheitert an dessen Unbedarftheit. Gurnemanz jagt ihn davon. Und Amfortas blutet weiter…

Im 2. Akt widersteht allerdings Parsifal den Verführungskünsten schöner Frauen, vor allem jedoch der Kundry. Gerade als diese dabei ist, ihm einen Kuss abzuringen, erinnert er sich der Wunde des Amfortas („Amfortas – Die Wunde! – Die Wunde! –“…“) und verweigert sich. Er entwindet Klingsor den „heiligen Speer“. Und im 3. Akt heilt er damit Amfortas, indem er die Wunde mit dem Speer berührt. Titurel, eine unbestimmt zwielichtige Figur, stirbt, der Schrein wird geöffnet, Kundry am Karfreitag von Parsifal getauft und dieser wird neuer Gralskönig. Die Weltordnung ist zumindest in der Theorie wieder im Lot.
Über die Wunde des Amfortas ist viel philosophiert worden. Die einen mutmaßen, Wagners Beschäftigung mit Schopenhauer tauge zur Erklärung: der blinde, triebhafte und ewig unbefriedigte Wille, der sich insbesondere als Sexualtrieb äußert, sei nur durch Enthaltsamkeit zu beschwichtigen. Nur so gelange der Mensch zur „Heilung“. Andere sehen in der Wunde gar ein Symbol der Unsterblichkeit. Denn solange der Mensch blutet und leidet, lebt er (so Slavoj Zizek, s. Programmheft S. 30ff).

Parsifal  –  Karfreitagszauber der Premiere 2018
youtube Trailer der Bayerischen Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Nietzsche dichtete: „Weh! Daß auch du am Kreuze niedersankst,/ Auch Du! Auch du – ein Überwundener!“ Und dann Kundrys Schrei. Ein Urschrei für die einen, ein Erweckungsruf für die anderen. Überhaupt Kundry: das Ewig-Weibliche, verführerisch und fromm zugleich. Der Deutungsraum ist groß.

Vielleicht kommt man mit einer modernen Interpretation dem Problem näher: mit der Vernunftkritik. Der Vernunftfetischismus unserer Zeit, besonders in seiner Ausformung als ökonomische Vernunft und Profitsucht, ist dabei unsere Welt zu zerstören (s. Klimaschutz, soziale Ungerechtigkeit und so weiter). Die Gegenbewegung in der Weise der Ausbildung (sozialen) Mitleids könnte die Rettung sein. Und sie könnte auch, zur Gerechtigkeit führend, den Erlöser erlösen (Schlusschor: „Erlösung dem Erlöser“). Indem er Amfortas heilt und Kundry bekehrt, sie von ihrer Rastlosigkeit erlöst, befreit er sich selbst.

Bayerische Staatsoper / Parsifal - hier : Nina Stemme als Kundry, Parsifal und Klingsor © W. Hösl

Bayerische Staatsoper / Parsifal – hier : Nina Stemme als Kundry, Parsifal und Klingsor © W. Hösl

Reden wir von der Musik. Sie nimmt, schüttelt man all die schwierigen Gedanken im Kopf auf die Seite und schafft Raum für das Hören, einen zentralen Platz ein. Schlägt mit ihrem Zauber in Bann – schon in der Ouvertüre. Der harte, stampfende Rhythmus im ersten Akt als Gurnemanz mit Parsifal der Gralsbereich beschreitet. Der Wechsel zwischen Diatonischem und Chromatischem, je nach dem intellektuellen und dem sensitiven Stand des Geschehens. Das ist einsame Meisterschaft, die mühelos die theoretischen Klippen dieser Oper überwindet.

Kirill Petrenko deutet das vollendet aus, nuancenreich, expressiv und sensibel, bald heftig, bald differenziert leise folgt ihm das großartige Orchester, Besonders die Bläser, die Hörner zumal, erringen eine musikalische Spitze. Bravo.

Und die Inszenierung von Pierre Angi steht dieser Leistung nicht nach. Georg Baselitz ist ein Weltkünstler, ein hochberühmter Maler und Welterklärer schuf ein auffälliges Bühnenbild. Wer sich auf große Maler einlässt, fügt sich immer einer Welterklärung. Die Welt von Georg Baselitz ist nicht so wie sie aussieht. Hinter ihr versteckt sich die Wirklichkeit als Verzerrung des Schönen ins Monströse.

Bayerische Staatsoper / Parsifal - hier : Düsterer Tannenwald, Parsifal und die Gralsritter © Ruth Walz

Bayerische Staatsoper / Parsifal – hier : Düsterer Tannenwald, Parsifal und die Gralsritter © Ruth Walz

Im ersten Akt steht ein düsterer, stilisierter Tannenwald im Hintergrund, fast nur Striche im Düsteren. Davor verrenkte Gestalten, archaisch, urweltlich. An der Seite ein riesiges Skelett, gebogen, Dinosaurier oder Pferd (?), unter dem sich Kundry verbirgt. In der Mitte eine Art Ur-Dom, aufragende, verdrechselte und zur Spitze verzwirbelte balkenartige Bauteile, die einen kleinen Innenraum umgrenzen. Im 2. Akt Stilisierungen, Verfremdungen: an den Blumenmädchen, die Parsifal umschwärmen, hängen überdimensionierte, lappige Busen und Hinterteile, mehr Hinweise als Verführungsattribute. Auch der große Chor ist mit Lappen behängt, die anderen Protagnisten bewegen sich in den Reihen wie zwischen auf ihre körperlichen Merkmale reduzierten Monstern. Man kennt das: Baselitz´ Menschenbild ist entlarvend, nicht die Schönheit dominiert, sondern das Abstruse, zuweilen Gewalttätige. Ein Schauer überkommt den Betrachter: so ist der Mensch. Im Hintergrund zerbröckelt im Bild einer großen Wand Klingsors Reich, fällt zusehends in sich zusammen.

Im 3. Akt ist die Welt vollends auf den Kopf gestellt. Die Tannenspitzen (s. Foto oben) sind gegen den Boden gerichtet. Das Bühnenbild des ersten Aktes ist gleichsam umgedreht. Allein die Bühne suggeriert: die Welt ist aus den Fugen geraten. Die rituelle Sauberkeit bleibt sich selbst äußerlich. Im Grunde ist nichts in Ordnung. Neben solcher Ausdruckskraft und inhaltlicher Aussage ist für die Regie wenig Platz. Jedenfalls ist es für den Besucher schwer, den Anteil der Regie aus dieser kraftvollen Bühnengestaltung, die schon alles sagt, herauszulesen. Halten wir dem Regisseur zugute, dass er dem Maler seinen Willen ließ. Und zwar zum großen Vorteil der Aufführung.

Stürmischer Applaus nach einem ebenso aufregenden wie anregenden Abend.

Parsifal an der Bayerischen Staatsoper; die nächsten Vorstellungen 12.4.; 16.4.; 19.4.2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Pathetische Wagner-Pracht – Marek Janowski, IOCO Kritik, 12.01.2019

Januar 12, 2019 by  
Filed under Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Oper

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Pathetische Wagner-Pracht in der Elbphilharmonie

NDR Elbphilharmonie Orchester  mit Marek Janowski
Ausschnitte  aus Tannhäuser, Tristan und Isolde, Götterdämmerung

Von Michael Stange

Ein Vorzug des Programms des NDR Elbphilharmonie Orchester an diesem Abend lag neben den vorzüglichen Solisten in der Möglichkeit, sich allein auf die Musik zu konzentrieren, ohne von der Bühne abgelenkt zu sein. Das Publikum konnte so den Bezügen der so verschiedenen Opern Richard Wagners nachspüren.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Wagner war nicht nur Komponist, sondern nach Meinung von Zeitzeugen ein großer Dirigent. Seine Werke präsentierte er häufig selbst auf dem Konzertpodium, um bisher nicht Aufgeführtes vorzustellen und seine Werke bekannt zu machen. Schon in jungen Jahren kannte er aus Hörerfahrungen in Leipzig die Möglichkeiten eines Sinfonieorchesters. Davon unbeirrt komponierte er schon im Tannhäuser eine mit reichen Farben und sehr schwierigen Passagen ausgestatte Musik, die damals revolutionär war. Sie erfordert hohes virtuoses Geschick der Musiker, um die von Wagner gedachte klangliche Wirkung zu entfalten. Für damalige Orchester dürfte dies kaum zu bewältigen gewesen sein, weil die Instrumentenführung und die Klangfarben und Dynamiken oft deutlich über Tradiertes hinausgingen.

Wagner-Orchesterkonzerte sind Drahtseilakte, weil es sich dabei nur um Fragmente der Opern handelt. Dadurch müssen die zahlreichen Aspekte der Oper in den Opernauszügen und Vorspielen ungemein verdichtet und verwoben werden.

Die im ersten Konzertteil gespielten Werke Tannhäuser sowie Tristan und Isolde behandeln die Grundthemen verbotene Liebe, Verbote im Leben und Erlösung. Die Tannhäuser Ouvertüre mit ihrem choralsatzartigen Bläsereinsatz des Gnadenheil-Motivs gelangen dem NDR Elbphilharmonie Orchester wie ein wehmütiger inniger Auftakt. Im Liebesbann-Motiv erklangen flirrende, gleißende erotische Malereien. Auch beim gepeitschten Klang des Bacchanale erreichte das NDR Elbphilharmonie einen die Zerrissenheit des Venusbergs brillante Wiedergabe.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Tiergarten in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Noch größere solistische und gestalterische Herausforderungen bergen das Vorspiel und der Liebestod aus Tristan und Isolde. Schön mit dem Vorspiel öffnet sich eine neue musikalische Welt.

Durch die Anlage der Komposition handelt es sich um eine der am schwierigsten auf dem Konzertpodium zur Wirkung zu bringenden Kompositionen Wagners. Celli, erstes und zweites Fagott, ein Englisches Horn, zwei Klarinetten und zwei Oboen bilden den Tonkörper des Beginns des Vorspiels. Die an sich gegebene Klangharmonie der Instrumente wird aber kompositorisch ein aufwärts schwingender Salto mortale der Celli über eine Sext entgegengesetzt. Dies hebt die an sich tonale Wirkung der Instrumente völlig auf, so dass für den Zuhörer schon hier die Achterbahnfahrt von Klangwahrnehmung und Gefühlen beginnt.

Wagner berichtet aus der Zeit der die von ihm geleitete Erstaufführung des Vorspieles am 25. Januar 1860 in Paris: „Ich ließ zum ersten Mal das Vorspiel zu Tristan spielen; und — nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen, in welche unabsehbare Entfernung ich während der letzten acht Jahre von der Welt geraten bin. Dieses kleine Vorspiel war den Musikern so unbegreiflich neu, da ich geradewegs von Note zu Note meine Leute wie zur Entdeckung von Edelsteinen im Schachte führen musste.“ So musste auch Joseph Strauß 1860 für seine Kapelle, die seinerzeit als Spitzenorchester galt, das Vorspiel für seine Zwecke neu orchestrieren, um es erstmals in Wien aufzuführen.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester - hier : Nina Stemme © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester – hier : Nina Stemme © Patrik Klein

Über die beabsichtigte Wirkung des Tristans schreibt Wagner 1859 an Mathilde Wesendonck: „Nun denken Sie meine Musik, die mit ihren feinen, feinen, geheimnisvoll, flüssigen Säften durch die subtilsten Poren der Empfindung bis auf das Mark des Lebens eindringt, um dort Alles zu überwältigen, was irgendwie Klugheit und selbstbesorgte Erhaltungskraft sich ausnimmt, Alles hinwegschwemmt, was zum Wahn der Persönlichkeit gehört, und nur den wunderbar erhabenen Seufzer des Ohnmachtsbekenntnisses übrig lässt.“

In historischen Aufnahmen kleiden Carlos Kleiber oder Furtwängler diese Intention schon durch eine gefühlte Ewigkeit im Beginn des Vorspiels aus. Sie beginnen das Stück mit einen immensen Spannungsbögen. Dies steigern sie im Fortlauf durch jauchzende Ausbrüche und Momente, in denen Musik und Zeit nahezu still stehen. Sie begreifen das Tristan Vorspiels als musikdramatisch, ekstatische Gegenüberstellung der musikalischen Motive der Sehnsucht, der Liebesleidenschaft und des Liebesblicks und als Aneinanderreihung aberwitziger Steigerungen.

Diese rauschhafte Überschreitung des musikalisch fass- und erfahrbaren findet sich eher selten in aktuellen Interpretationen. Dies mag daran liegen, dass der von Wagner musikalisch ersehnte Durchbruch der den grenzenlos begehrlichen Herzen den Weg in das Meer unendlicher Liebeswonnen findet, heute oft anders aufgefasst wird.

Auch Janowski Tristan-Vorspiel klingt abgemildert und kühler. Die Erregung wurde gedämpft präsentiert. Dramatik und Ekstase waren gestuft und bedacht aufgebaut. Überbordender Melos wurde durch eine Klangbühne ersetzt, die durch tonale Pracht, organischen Aufbau und sinnende Piani glänzte. Diese abgemilderte, erdennahe Interpretation der Leidenschaft überzeugte durch sanfte Bögen, gedämpfte Dissonanzen und pastose Details und ein klangschönes Finale des Vorspiels.

Der Höhepunkt des ersten Konzertteils war Nina Stemmes Liebestod. Sie ist immer noch eine Isolde der Luxusklasse. Die Schönheit der Stimme, ihre Klangfarben, das leuchtend, betörende Timbre und ihre dramatische Auslotung bildeten eine glutvolle, verzehrende Einheit. Mit leuchtend schwebendem Ton nimmt sie das „Mild und Leise“ im verhaltenen Piano. Bei „Seht Ihrs Freunde…“ flutet sie die Stimme mit leidenschaftlichem Melos und bei „Ertrinken, versinken…“ meinte man aufgrund der leidenschaftlich, klagenden Wiedergabe, die Welt ginge unter.

Nach der Pause stellte Janowski seine Wagner Welt vor. Er ist der einzige Dirigent, von dem zwei offizielle Aufnahmen des Ring des Nibelungen vorliegen, die mehr als fünfundzwanzig Jahre auseinanderliegen. Zudem hat der in Hamburg 2017 das Rheingold in der Elbphilharmonie dirigiert und 2016 sowie 2017 die Ringzyklen in Bayreuth geleitet.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester - hier : Marek Janowski und Nina Stemme © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester – hier : Marek Janowski und Nina Stemme © Patrik Klein

Seine Interpretation zeichnete sich dieses Mal durch ein sattes und wuchtiges Klangbild aus. Seine Lesart stellte die Orchestermacht Wagners in den Vordergrund. Dadurch hörte das Publikum einen mächtig ausufernden Orchesterschwall in beeindruckender Qualität. Atmosphärisch knüpft Janowski an Schicksal und Heldentaten an, der gleißende Rhein oder Siegfrieds jauchzende Freude bei der Rheinfahrt werden dem untergeordnet. Seine Farben sind von grandiose Ausbrüchen gekennzeichnet. Insbesondere der Trauermarsch überzeugte durch dramatische Größe und packender Wucht.

Nina Stemme gestaltet einen ergreifenden Schlussgesang. Starke Scheite“ nahm sie mit konzentrierter, unbändiger Wucht. Bei „Wie Sonne lauterstrahlt mir sein Licht“ koste die Stimme die Worte und die Klangfarbe ihrer Stimme wurde rührend und poetisch. „Mein Erbe nun nehm ich zu eigen“ erklang mächtig und herrisch. Der gesamte Schlussgesang zeichnete sich durch eine durch ein immenses Spektrum an stimmlichen Klangfarben aus. Rollenidentifikation, immense Textdeutlichkeit und eine große interpretatorische Dichte waren überwältigend. Was für eine Sängerin, was für eine herrliche Stimme!

Dirigent und Orchester zeichneten ein erhabenes, mächtiges Wagnerbild, das in dieser überwältigenden Form selten zu hören ist. Beglückend zudem die Spielfreude, die Präzision und das differenzierte Zusammenspiel der Musiker.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

« Vorherige SeiteNächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung