Franz Schubert: The Symphonies – Chamber Orchestra of Europe – Harnoncourt, IOCO CD-Rezension, Februar 2021

Februar 22, 2021 by  
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ICA Classics CD - Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

ICA Classics CD – Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

Franz Schubert: The Symphonies

Chamber Orchestra of Europe – Nikolaus Harnoncourt

ICA Classics –  Catalogue No: ICAC 5160 – 4 CD´s

von Julian Führer

1988 – erster Schubert-Zyklus von Harnoncourt –  Jetzt auf CD 

Franz Schubert Wien © IOCO

Franz Schubert Wien © IOCO

Nikolaus Harnoncourt hat das symphonische Gesamtwerk von Franz Schubert (1797 – 1828)  mehrmals eingespielt – derzeit erhältlich sind Aufnahmen mit dem Concertgebouw Orchestra aus dem Jahr 1993 und mit den Berliner Philharmonikern aus den Jahren 2003-2006. Bislang nie auf CD veröffentlicht wurde hingegen eine Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe von 1988, die nicht nur eine frühere, sondern tatsächlich die erste öffentliche zyklische Auseinandersetzung des 2016 verstorbenen Dirigenten mit dem Komponisten dokumentiert. Die hier auf 4 CDs vorliegende Gesamtaufnahme entstand innerhalb von nur acht Tagen auf dem Styriarte-Festival in Graz und ist das Produkt von Konzerten vor Publikum, also keine Studioaufnahme.

Ziel der Konzerte von 1988 war es, eher das Neue an Schuberts Symphonik zu zeigen als die interpretatorische Tradition, die Schubert allzu oft neben Beethoven stellte und diesen durchaus mit gewissen Gründen revolutionärer, kompromissloser und insgesamt aufregender fand. Von Schubert ließ man oft nur die letzten beiden Symphonien überhaupt gelten, die „Unvollendete“ und die große C-Dur-Symphonie D 944. Schubert hatte nicht nur, was die Rezeption angeht, erhebliche Nachteile, nicht zuletzt starb er mit nur 31 Jahren und damit ziemlich genau ein Vierteljahrhundert jünger als sein Zeitgenosse Beethoven – wäre Beethoven so früh gestorben wie Schubert, hätten wir von ihm nur die erste Symphonie, 15 von 32 Klaviersonaten, 6 von 16 Streichquartetten und keine Oper. Schubert seinerseits begann früh mit dem Komponieren, eine Ouvertüre zum Lustspiel Der Teufel als Hydraulicus schrieb er beispielsweise mit etwa 15 Jahren. Doch große Publikumserfolge waren ihm erst in seinem Todesjahr 1828 vergönnt.

Für einen so bekannten Komponisten ist es erstaunlich, wie spät die Symphonien uraufgeführt wurden (eine einzige zu Lebzeiten Schuberts, die anderen zwischen 1828 und 1881), so dass auch das unser Musikverständnis so sehr prägende 19. Jahrhundert lange Zeit nur ein unvollständiges Bild von Schuberts symphonischem Schaffen hatte. Und selbst die Zählung ist nicht einheitlich: In manchen Werkkatalogen und auf manchen Platten- und CD-Titeln wird die h-Moll-Symphonie („Unvollendete“) als „achte“ Symphonie geführt – als siebte Symphonie wird dann entweder die große C-Dur-Symphonie gezählt (die man unter den Nummern 7, 8 und 9 findet), in anderen Katalogen steht die „Unvollendete“ unter 7, die große C-Dur-Symphonie unter 8 (so auch hier). Wenn man von neun Symphonien ausgeht, muss man von der Existenz einer heute verlorenen E-Dur-Symphonie von 1821 ausgehen, deren Partitur Schuberts Bruder Ferdinand an Felix Mendelssohn verschenkt haben soll und für die sich Skizzen erhalten haben (D 729). Die manchmal durch die Quellen spukende ‚Gasteiner Symphonie‘ ist identisch mit der großen C-Dur-Symphonie.

In der auf 84 Bände angelegten neuen Schubert-Ausgabe (https://schubert-ausgabe.de/) waren zum Zeitpunkt des Erscheinens nur die ersten drei Symphonien greifbar. Der Herausgeber der Vorgängerausgabe von 1884 war Johannes Brahms gewesen, der den Verlag noch davon abbringen wollte, diese Frühwerke zu drucken: Man solle sie abschreiben und so sichern, für Künstler zugänglich machen, aber einer Publikation seien sie nicht würdig.

Franz Schubert lebte in Wien © IOCO

Franz Schubert lebte in Wien © IOCO

Die Symphonien durchzieht vieles, was man auch aus anderen Werken Schuberts kennt. Eine Vorliebe für ‚schöne‘ Melodien, einen Volksliedton, Ländler, gepaart mit Schmerzlichem, was seiner Musik etwas Zerbrechliches verleiht. Schubert selbst formulierte es in seiner Erzählung Mein Traum von 1822 so: „Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zertheilte mich die Liebe und der Schmerz.“ Dieser Schmerz war seelisch, oft war er unglücklich verliebt, aber es kamen auch andere Gebrechen dazu, und so starb er an fortschreitender Syphilis, zu der unter Umständen noch eine Typhusinfektion gekommen war.

Die ersten sechs Symphonien entstanden innerhalb von nur sechs Jahren (1813-1818), Schubert war also zwischen 16 und 21 Jahre alt. 1812-1816(?) hatte Schubert Unterricht bei Antonio Salieri, der Christoph Willibald Gluck verehrte und Schubert immer wieder zum Komponieren von Opern animierte. Die erste Symphonie in D-Dur D 82 nun, im Herbst 1813 entstanden, ist erst 1881 öffentlich uraufgeführt worden. Der Orchesterapparat ist schmal (nur eine Flöte). Wie auch bei anderen Komponisten der Zeit ertönt zunächst eine langsame Einleitung, die in einen Allegrosatz mündet. Deutliche Betonungsmarkierungen (beispielsweise Takt 53-59: in jedem Takt bei jedem Instrument ein sforzato-Zeichen) lassen Kenntnisse von Beethovens Partituren durchscheinen (die auch sonst belegt sind). Das Stück wird hier ohne Wiederholung der Exposition gespielt. Die Instrumentierung ist bemerkenswert, vor der Reprise der Introduktion spielen über 20 Takte lang nur Holzblasinstrumente. Der zweite Satz, ein Andante im 6/8-Takt, klingt manchmal schon sehr nach Schubert, ebenso das schnelle Menuett und das daneben gemütlich wirkende Trio. Carl Maria von Weber komponierte ähnlich, doch hört es sich ganz anders an. Das abschließende Allegro vivace beginnt wie ein schneller Satz von Joseph Haydn, enthält aber auch Anklänge an Wolfgang Amadeus Mozart, beispielsweise in den Mittelstimmen (Bratschen, Celli, später auch Violine II), die an die g-Moll-Symphonie KV 550 denken lassen. Nikolaus Harnoncourt betont diese Figuren, die sonst leicht als Begleitung untergehen. Trompetenstöße und eine Trübung nach Moll sind in der damaligen Symphonik und speziell bei Franz Schubert nichts Ungewöhnliches. Die Symphonie umfasst 100 Partiturseiten – eine ganz erstaunliche Leistung für einen Sechzehnjährigen!

Franz Schuberts zweite Symphonie (B-Dur D 125) entstand 1814/1815, der Komponist war 17 Jahre alt. Öffentlich uraufgeführt wurde sie erst 1877. Der erste Satz beeindruckt durch seine Länge – nicht weniger als 614 Takte (mehr haben bei Beethoven nur die Kopfsätze der ‚Eroica‘ und der Neunten). Das musikalische Material wird oft rekapituliert; wahrscheinlich wird aus diesem Grund in dieser Einspielung die Exposition nicht wiederholt. Abermals gibt es eine langsame Introduktion, einen folgenden Allegrosatz, an zu betonenden Stellen eine Häufung von fz- und sf-Markierungen. Das folgende Andante lässt stellenweise an Beethovens Rondo für Klavier op. 51,1 denken und besteht aus fünf Variationen des Kopfthemas, die mehr und mehr Bewegung bringen. Das folgende Menuett ist schnell (Allegro vivace) mit scharfen Akzenten von Hörnern und Trompeten, alles andere als ein Tanzstück – das hätte auch Beethoven so komponieren können, nicht hingegen das Trio, das wieder ganz Schubert ist. Das Finale hat ebenfalls einige Merkmale, wie sie Beethoven anzuwenden pflegte, einen fast stampfenden Rhythmus, eine (Takt 364-372) mächtige Basslinie, aber auch eine Zuspitzung zu einer dissonanten Klangzusammenballung (Takt 510), wie sie Schubert auch in späteren Werken immer wieder komponierte. Ein wildes Stück Musik.

Die dritte Symphonie (D-Dur, D 200), 1815 mit achtzehn Jahren in nur neun Tagen komponiert, wurde 1881 uraufgeführt. Im Kopfsatz spielen Klarinette und Oboe eine bedeutende Rolle, und Nikolaus Harnoncourt wiederholt diesmal die Exposition. Die Klarinette ist auch im Mittelteil des folgenden Allegretto das führende Melodieinstrument. Die rhythmische Faktur des Satzes wird vom Chamber Orchestra of Europe so kunstvoll umgesetzt, dass es sich auf höchst exakte Weise so anhört, als wäre eine Dorfkapelle ein kleines Bisschen aus dem Takt geraten – ein typischer Schubert, der eine gewisse musikalische Gemütlichkeit aufkommen lässt, allerdings nur beim Zuhörer und sicher nicht beim Orchester. Menuett und Trio stehen in einem Schubert gut liegenden Volksliedton. Das abschließende Presto vivace verlangt ein irrwitziges Tempo, dem dieses Orchester selbstverständlich gewachsen ist. Und auch wenn einmal ein Ton abrutscht, fällt das überhaupt nicht ins Gewicht. Dass die Musiker aufs Ganze gehen, ist zu hören, und das ist auch, was Harnoncourt immer forderte.

Franz Schubert: The Symphonies – Chamber Orchestra of Europe – Nikolaus Harnoncourt  –  ICA Classics –  Catalogue No: ICAC 5160 – 4 CD´s

Der Beiname „Tragische“ für die vierte Symphonie in c-Moll D 417 von 1816 (Schubert ist immer noch erst 19 Jahre alt) stammt vom Komponisten selbst. Das Orchester ist mit vier Hörnern etwas breiter besetzt als in den bisherigen Werken. Uraufgeführt wurde die Symphonie 1849. Nach bewährtem Muster folgt der Allegroteil des ersten Satzes einer langsamen Einleitung. In diesem Satz fällt noch mehr als bislang Schuberts Neigung zu vielen, vielen Wiederholungen auf. Der Jubelschluss in C-Dur kommt etwas unvermittelt. Nach dem Andante lässt das Menuett aufhorchen mit betont rauen Streichern, bevor der Ton etwas lieblicher wird. Das Finale zeigt Schubert dann auf dem Entwicklungsweg hin zum großen Symphoniker. Bereits Robert Schumann vermisste die angesichts des Titels zu erwartende existenzielle Tragik, doch ist bemerkenswert, dass neben dieser Symphonie nur noch die „Unvollendete“ in einer Molltonart steht. „Leichter Sinn, leichtes Herz. Zu leichter Sinn birgt meistens ein zu schweres Herz.“ (Franz Schubert, Tagebuch, 8. September 1816)

ICA Classics CD - Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

ICA Classics CD – Franz Schubert: The Symphonies © ICA Classics

Die fünfte Symphonie in B-Dur D 485 schrieb Schubert ebenfalls im Alter von 19 Jahren. Vermutlich hatte er einen Dilettantenverein im Sinn (das Wort „Dilettant“ bezeichnet zunächst einen „Liebhaber“ und ist positiv gemeint), und so wird in der Partitur auf Trompeten, Pauken und Klarinetten verzichtet. Die Partitur lässt an zahlreichen Stellen an Haydn und noch mehr an Mozart denken, erstmalig verzichtet Schubert auf eine langsame Einleitung zum Kopfsatz. Das Andante (wie bei Beethoven allerdings con moto bezeichnet) dauert mit fast zehn Minuten in etwa so lang wie Menuett und Finale zusammen.

Die erste Symphonie Schuberts, die das Publikum in einer öffentlichen Aufführung überhaupt zu hören bekam, ist die sechste Symphonie, die „kleine C-Dur-Symphonie“ D 589, die er mit 21 Jahren vollendete. Aufgeführt wurde sie im Dezember 1828, Schubert war da bereits seit einem Monat tot. Einiges ist hier neu im Vergleich zu den vorangegangenen Werken: Auf die hier wieder eingesetzte langsame Einleitung folgt ein Allegro, das im Laufe des Satzes (più moto) schon kurz vor Schluss noch wilder wird – eine neue Facette im Bild der Schubertschen Symphonik. Der zweite Satz beginnt volksliedhaft, doch mischen sich dann schnelle Figuren im Holz hinein, die an italienische Oper und ganz besonders an Rossini denken lassen, der zur Entstehungszeit dieser Sätze gerade seine ersten Erfolge in Wien feierte. Der dritte Satz ist nicht mehr als Menuett, sondern als Scherzo bezeichnet, doch wahrt Schubert die klassische Struktur, indem er den ersten Teil wiederholt, ein Trio folgen lässt und am Ende den ersten Teil ohne Wiederholungen da capo spielen lässt. Der Finalsatz ist nicht Allegro, sondern Allegro moderato überschrieben, und dieses moderato ist in der Interpretation von Nikolaus Harnoncourt auch deutlich zu hören. Volksliedhaftes, fast an eine Spieluhr erinnernd, wechselt mit neuen Anklängen an Rossini – vielleicht sollte man besser von einer ausgewachsenen Parodie sprechen. Erstaunlich ist dann, wie Schubert aus einer rossinihaften Passage heraus (ab Takt 130) eine dramatische Kulmination sucht (ab Takt 160), bevor er zum Ausgangsthema zurückkehrt. Einzelheiten der Instrumentierung, etwa die Parallelführung von Klarinette und Fagott, verweisen schon auf die große C-Dur-Symphonie, bevor das Stück in einem Jubelschluss endet.

Ist die „Unvollendete“ nun vollendet oder nicht? Sie ist es, meint Nikolaus Harnoncourt. Auch wenn man Entwürfe zu einem Scherzo gefunden hat, das nicht ausgeführt wurde, sei das Werk für Schubert doch in der Form, wie wir es heute kennen, so abgeschlossen gewesen; Schubert habe sich hier schon auf den Weg zu einer neuen Art Symphonik befunden und sich von der klassischen Form gelöst, wie er das auch in der ebenfalls 1822 entstandenen Wandererfantasie am Klavier getan habe. Die Partitur blieb lange unbekannt, 1865 erst sorgte Johann Herbeck, der sich auch um das Werk Anton Bruckners große Verdienste erworben hat, für die Uraufführung. Sechs Jahre lang hatte Schubert keine Symphonie vorangebracht, seit 1821 wuchs seine Bewunderung für Beethoven, bei dem er aber auch ‚Bizarres‘ entdeckte.

Die h-Moll-Symphonie, ob nun vollendet oder nicht, verlangt drei Posaunen. Eine von tiefen Streichern unisono vorgetragene langsame Einleitung mündet in ein Allegro moderato. Oboe und Klarinette wechseln sich mit einer klagenden Melodie ab, zu der düstere Hornstöße kommen. Ein zweites, ländlerartiges Motiv bringen dann die Celli. Die Wiederholung der Exposition ist bei Nikolaus Harnoncourt noch etwas zurückhaltender, das Ländlermotiv wirkt in den Violinen sehr zerbrechlich. Immer wieder kommt es zur Zusammenballung von Dissonanzen, hier noch durch die verstärkten Bläser zusätzlich aufgeladen, ein gänzlich anderer Schubert. Den Satz durchzieht gerade in dieser Interpretation eine besonders düstere, fahle, lastende Atmosphäre. Der Satz wird nach mehr als 15 Minuten abrupt und wie mit Gewalt zu Ende gebracht. Im Andante con moto setzen die Violinen äußerst zart im Pianissimo ein, während die Celli eine interessante Begleitfigur spielen (später übernimmt die Flöte den Violin- und das Fagott den Cellopart) – es ist kein einfacher Gesang, der hier angestimmt wird. Kurz scheint es, als würden Flöte und Oboe eine pastorale Stimmung aufkommen lassen, doch wird dies durch einen Fortissimo-Akkord des gesamten Orchesters unterbunden. Der Satz verklingt in zartem E-Dur, viel Schmerz und Dramatik steckt darin.

Berühmt ist Robert Schumanns begeisterte Kritik in der Neuen Zeitschrift für Musik, als er von der Uraufführung der 7./8./9. Symphonie (zur Zählung siehe oben) D 944 in C-Dur berichtete, die Felix Mendelssohn 1839 dirigierte. Schumann hatte die Partitur bei Schuberts Bruder Ferdinand entdeckt. In der Reihenfolge der Schubert-Symphonien ist dies die zweite, die die Öffentlichkeit überhaupt zu hören bekam. Je nachdem, wie das Tempo aufgefasst wird und ob alle notierten Wiederholungen auch gespielt werden (auf dieser CD wird die Exposition wiederholt), beträgt die Aufführungsdauer in etwa eine Stunde, Dimensionen, die im symphonischen Repertoire damals nur Beethovens neunte Symphonie erreichte. Die Einleitung (zwei Hörner unisono) wird in dieser Einspielung markant phrasiert (es wird mehrmals neu angesetzt). Als das Holz übernimmt, wird das Tempo von Nikolaus Harnoncourt gleich etwas angezogen, beim folgenden Streichersatz wird der Dialog von Celli und Bratschen hervorgehoben. Die Bläser ab Takt 29 werden dann im Tempo wieder etwas zurückgenommen. Im Allegro ma non troppo ab Takt 78 ist erstaunlich viel Piano zu hören, gerade in den Violinen – andere Dirigenten lassen es hier dröhnen. Die Triller der Oboen und Flöten werden auffallend weich ausgeführt. In der Durchführung machen sich um Takt 280 herum lange Töne von Hörnern und Posaunen bemerkbar, die sonst eher im Gesamtbild etwas untergehen, hier jedoch eigene Akzente setzen. Ab Takt 569 wird mit Più moto das Tempo beschleunigt; der Satzschluss erfolgt wie auch in anderen Symphonien etwas unvermittelt, erzwungen, ohne Ritardando (das andere Dirigenten hier manchmal setzen).

Das folgende Andante con moto des zweiten Satzes ist bei Harnoncourt durchaus kein Trauerkondukt, es wird wahrlich con moto gegeben. Ein marschartiges Liedthema (hier eben nicht als Marsch vorgetragen, sondern nur marschartig) wird wieder und wieder repetiert, wobei die Orchesterfarben aber durch Instrumentierung und rhythmische Begleitfiguren wechseln. In Takt 248 mündet diese sich letztlich im Kreis drehende Situation in einer musikalischen Katastrophe – das gesamte Orchester spielt auf fff einen dissonanten Akkord (verminderter Septakkkord), auf den zunächst einmal (Takt 250) nur Stille folgt. Danach ist mehr Fluss in der Musik. Nicht allein durch die Tonart a-Moll sind gewisse Parallelen zum Allegretto, dem zweiten Satz von Beethovens 7. Symphonie, erkennbar.

Im dritten Satz (Scherzo. Allegro vivace) wird energisch eine andere Stimmung hergestellt. Fast schwelgerisch jauchzen die Violinen, das Holz scheint freche Scherze zu treiben. Wie in der sechsten Symphonie enthält dieser Satz ein Trio, das als Ruhepol süßliche, aber durch zahlreiche Wendungen nach Moll auch leicht melancholische Klangfarben ausmalt. Das Finale (Allegro vivace) beginnt sofort auf Höchstgeschwindigkeit. Reichlich zehn Minuten dieser Musik erfordern 100 Partiturseiten, der Antrieb dafür erfolgt vor allem durch die sehr schnellen Achteltriolen der Streicher. Als es einmal bedrohlich scheint, wird einfach mit großem C-Dur-Akkord Schluss gemacht.

Schuberts Ruhm basierte zu Lebzeiten auf den Messen und den Liedern, weniger auf seinem Opernschaffen. Sein symphonisches Werk war zu Lebzeiten größtenteils unbekannt. Es zeigt Franz Schubert als einen Meister der Melodieführung und der im Notenbild wenig oder gar nicht modifizierenden Wiederholung. Bei der Interpretation ist das tückisch: eine zu flächige Wiedergabe lässt die repetitive Anlage möglicherweise langweilig erscheinen; es ist wohl ratsam, mit einer eher kleinen, gut durchhörbaren Formation zu spielen und genau auf Phrasierung und Stimmungswandel zu achten, wie es Nikolaus Harnoncourt hier insgesamt wohl tatsächlich besser als bei den späteren Gesamtaufnahmen gelungen ist. Manches klingt roh und rau, doch weckt dies bei heutigen Ohren vielleicht ein Gespür dafür, dass nicht nur Beethoven revolutionär war – auch Schubert brachte etliche Neuerungen in die Musik und war für damalige Orchestermusiker schwer zu spielen. Das Chamber Orchestra of Europe klingt ungemein frisch und bringt einen schlanken Orchesterklang. Nikolaus Harnoncourt feuert (manchmal hörbar) die Musiker an; immer wieder werden die Mittellagen der Streicher herausgearbeitet. Der Liveaufnahme sind kleinere Unebenheiten geschuldet, die aber nur zeigen, dass die Musik und ihr Dirigent hier für eine gelungene Umsetzung auch ein Risiko eingegangen sind. Eine Gesamtaufnahme, die beim konzentrierten Hören etliches an Neuem zu Franz Schuberts Symphonien beiträgt, auch wenn die Konzerte vor über 30 Jahren stattfanden. Sie ist uneingeschränkt zu empfehlen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Otello – Le Nozze di Figaro, Juni 2018

Juni 8, 2018 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Aleksandra Kurzak, Olga Peretyatko, Maite Beaumont

Zurück an der Staatsoper Hamburg

An der Dammtorstraße gibt es ein Wiedersehen mit Aleksandra Kurzak, Olga Peretyatko und Maite Beaumont. Alle drei Sängerinnen zählen mittlerweile zu den gefragtesten ihres Faches und waren einmal Mitglieder im Internationalen Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper. Aleksandra Kurzak wird ab 5. Juni 2018 in Giuseppe Verdis Oper Otello als Desdemona an der Seite von Carlo Ventre in der Titelpartie zu erleben sein. Ab 14. Juni steht Mozarts Le Nozze di Figaro wieder auf dem Spielplan. Olga Peretyatko wird die Contessa d’Almaviva und Maite Beaumont den Cherubino singen und spielen.


Giuseppe Verdi –  Otello

Musikalische Leitung: Paolo Carignani, Inszenierung: Calixto Bieito, Bühnenbild: Susanne Gschwender, Kostüme: Ingo Krügler, Licht: Michael Bauer, Chor: Eberhard Friedrich
Dramaturgie: Ute Vollmar

Otello Carlo Ventre, Jago Franco Vassallo, Cassio Oleksiy Palchykov, Rodrigo Jürgen Sacher, Lodovico Denis Velev, Montano Shin Yeo/Bruno Vargas (5. und 9.06.), Un Araldo Michael Kunze/Michael Reder (9. und 20.06.), Desdemona Aleksandra Kurzak, Emilia Nadezhda Karyazina, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Chor der Hamburgischen Staatsoper

Vorstellungen am 5., 9., 15. und 20. Juni 2018 jeweils um 19.00 Uhr


Wolfgang Amadeus Mozart  –  Le Nozze di Figaro

Musikalische Leitung: Nathan Brock/Alexander Joël (21.06.), Inszenierung: Stefan Herheim
Bühnenbild: Christof Hetzer, Kostüme: Gesine Völlm, Licht: Phoenix (Andreas Hofer)
Video: fettFilm, Chor: Eberhard Friedrich, Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach

Il Conte d’Almaviva Alexey Bogdanchikov, La Contessa d’Almaviva Olga Peretyatko, Susanna Hayoung Lee, Figaro Alin Anca, Cherubino Maite Beaumont, Marcellina Katharina Kammerloher, Don Basilio Thomas Ebenstein, Don Curzio Peter Galliard, Don Bartolo Alexander Roslavets, Antonio Roger Smeets, Barbarina Narea Son, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Chor der Hamburgischen Staatsoper

Vorstellungen am 14., 19. und 21. Juni 2018 jeweils um 19.00 Uhr sowie am 17. Juni um 18.00 Uhr


Biografien:

Aleksandra Kurzak
Die polnische Sängerin Aleksandra Kurzak studierte zunächst Violine, bevor sie in Breslau und Hamburg ihr Gesangsstudium absolvierte. Die mehrfache Preisträgerin debütierte 1999 an der Staatsoper in Breslau als Susanna in Mozarts „Le Nozze di Figaro“. 2001/02 wurde sie Mitglied des Internationalen Opernstudios an der Hamburgischen Staatsoper und sprang in ihrer ersten Spielzeit bereits als Gilda in „Rigoletto“ und als Königin der Nacht in „Die Zauberflöte“ ein. Von 2004 bis 2007 gehörte Aleksandra Kurzak zum Ensemble der Staatsoper und war hier in vielen Rollen zu erleben, darunter Susanna (Le Nozze di Figaro), Blonde (Die Entführung aus dem Serail), Musetta (La Bohème) und Fiorilla (Il Turco in Italia), Servilia, Marzelline (Fidelio), Nanetta (Falstaff), Ännchen (Der Freischütz), Adele, Gretel (Hänsel und Gretel), Maid (Powder her Face). Außerdem sang sie hier in den Neuinszenierungen von Giulio Cesare in Egitto die Cleopatra und von La Fille du Régiment die Marie.

Im Dezember 2004 feierte die Sängerin mit nur 27 Jahren ihren Einstand an der New Yorker Metropolitan Opera als Olympia in Les Contes d’Hoffmann und wurde umgehend für weitere Vorstellungen engagiert (unter anderem „Die Entführung aus dem Serail“, „Rigoletto“, „Die ägyptische Helena“). Im darauf folgenden Jahr debütierte Aleksandra Kurzak als Aspasia in Mozarts „Mitridate, Re di Ponte“ am Royal Opera House Covent Garden in London. Als Susanna, Norina (Don Pasquale), Adina (L’Elisir d’Amore) und Matilde (Matilde di Shabran) war sie dort seitdem zu erleben. 2010 debütierte Kurzak im Teatro alla Scala als Gilda in Verdi’s „Rigoletto“.

Gastauftritte führten die Sängerin zudem an die Staatsoper Unter den Linden Berlin (Königin der Nacht), das Teatro Regio in Parma und das Théâtre du Capitole in Toulouse (Gilda), die Bayerische Staatsoper (Cleopatra, Adele, Rosina, Donna Fiorilla, Adina und Rachel), die Wiener Staatsoper, Teatro Regio in Torino (Violetta), den Palau de les Arts in Valencia (Adina), die Wiener Staatsoper (Rosina, Adina, Susanna, Marie, Violetta, Gilda), das Teatro Real in Madrid (Susanna, Marie), das Teatro Massimo in Palermo (Norina), Teatro Massimo di Bellini in Catania, das Lyric Opera House in Chicago (Blonde) und zu den Salzburger Festspielen (Mozart-Matinee, Ännchen und Donna Anna), das Mozart Festival in A Coruña und an die Welsh National Opera in Cardiff (Aspasia), die National Oper in Helsinki (Gilda), National Oper in Warschau (Gilda, Violetta, Lucia), das Teatro La Fenice in Venedig (Donna Anna), das Theater an der Wien (Donna Anna und Amenaide), die Seattle Opera (Lucia), San Francisco Opera (Gilda), Los Angeles Opera (Fiordiligi), die Arena di Verona (Rosina, Juliette, Gilda, Verdi-Gala), das Opernhaus in Zürich (Gilda, Norina, Nedda), die Opera de Paris (Adina, Micaela), das Teatro alla Scala (Susanna, Adele in „Le Comte Ory“), die Staatsoper Berlin (Mimi) und die Deutsche Oper Berlin (Adina). Zudem kehrte sie wiederholt an die Metropolitan Opera (Blondchen, Gilda, Gretel und Adina) und das Royal Opera House (Norina, Adina, Susanna, Matilde, Donna, Fiorilla, Rosina, Gilda, Lucia und Liu) zurück. Im Konzertbereich arbeitete sie mit den Essener Philharmonikern, Hamburger Symphonikern, Hamburger Philharmonikern, mit dem NDR Orchester und der Accademia Nazionale di Santa Cecilia zusammen. Sie hat mit Dirigenten wie Ivor Bolton, Bruno Campanella, James Conlon, Sir Andrew Davis, Christoph von Dohnanyi, Riccardo Frizza, Rafael Frühbeck de Burgos, René Jacobs, Fabio Luisi, Nicola Luisotti, Sir Charles Mackerras, Ingo Metzmacher, Daniel Oren, Antonio Pappano, Carlo Rizzi, Ralf Weikert und Simone Young gearbeitet.

2006 wurde Aleksandra Kurzak mit dem Oberdörffer-Preis der Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper ausgezeichnet. Zudem war sie die Preisträgerin zweier Preise beim Francisco-Viñas-Wettbewerb in Barcelona und der Auszeichnung „Young Talent“ bei der Mirjam Helin International Singing Competition.

Olga Peretyatko
In St.Petersburg geboren, ist Olga Peretyatko heute eine der international gefragtesten Koloratur-Sopranistinnen. Nach Abschluss ihres Gesangsstudiums an der Hanns Eisler
Hochschule in Berlin, war sie zunächst Mitglied des Opernstudios der Hamburgischen Staatsoper und Gast der Staatsoper Wien, Metropolitan Oper in New York, Opéra Bastille in Paris, des Festivals in Aix-en-Provence der Mailänder Scala, der Deutschen Oper Berlin, Staatsoper Berlin, des Festpielhauses Baden-Baden, des Teatro Real in Madrid, New National Theatre Tokyo und beim Rossini Opera Festivals. Weitere Debüts erwarten sie unter anderem an der Opéra in Montecarlo, beim Festival des Chorégies in Orange sowie am Royal Opera House in London.

Ihr Repertoire umfasst neben vielen Rollen des Rossini-Repertoires, Donna Anna (Don Giovanni), Konstanze (Die Entführung aus dem Serail), Gilda (Rigoletto), Violetta (La Traviata), Elvira (I Puritani), Amina (La Sonnambula), Adina (L’Elisir d’amore), Lucia di Lammermoor, Leila in Bizets „Die Perlenfischer“, alle vier weiblichen Rollen in Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, aber auch Raritäten des russischen Repertoires wie Marfa (Die Zarenbraut) und Stravinsky’s „Le Rossignol“.

In den nächsten Spielzeiten stehen weitere Debüts als Contessa (Le Nozze di Figaro), Rosina (Il Barbiere di Siviglia), Norina (Don Pasquale), Mathilde (Guillaume Tell) sowie die Titelrolle in Donizettis „Anna Bolena“ und die Hauptrolle in Massenets „Manon“ auf dem Programm. Im Rahmen ihres Vertrags mit Sony Classical hat Olga Peretyatko bisher vier Solo-CDs veröffentlicht, von denen das dritte Album „Rossini!“ mit dem Echo Klassik ausgezeichnet wurde.

Maite Beaumont
Mit ihrem unverwechselbaren, warmen Timbre und ihrer großen Ausdrucksfähigkeit gehört die spanische Mezzosopranistin Maite Beaumont zu den wichtigen Sängerinnen ihres Fachs. Ihr künstlerischer Schwerpunkt liegt auf Partien des Barockrepertoires und der Wiener Klassik und reicht hin bis zu Rollen des französischen Repertoires und der Opern von Richard Strauss. Dazu gehören unter anderem Partien wie Ruggiero (Alcina), Sesto (Giulio Cesare in Egitto), Irene (Tamerlano) und Flavius (Flavius Bertardidus, König der Langobarden), Angelina (La Cenerentola), Dorabella (Così fan tutte) , Cherubino (Le Nozze di Figaro) und Oktavian (Der Rosenkavalier). Mit großem Erfolg interpretiert sie auch Partien wie Donna Elvira (Don Giovanni), Romeo (I Capuleti e I Montecchi), Siebel (Faust), Elisabetta (Maria Stuarda), Iphigénie (Iphigénie en Tauride), Margarethe (La Damnation de Faust), Didon (Les Troyens), Medée (Medée), Tancredi (Tancredi) und Komponist (Ariadne auf Naxos). Kommende Engagements umfassen Partien wie Isabella (L’Italina in Algeri) und Ariodante.

Jüngste Erfolge gelangen Maite Beaumont unter anderem als Ruggiero in der Neuproduktion von Alcina am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, als Romeo (I Capuleti e I Montecchi) und als Dorabella in einer Neuproduktion von „Così fan tutte“ am Gran Teatre del Liceu in Barcelona sowie in Tokio. Am Theater an der Wien sang sie Lisetta in Haydns „Il Mondo della Luna“, außerdem war sie als Melibea in „Il Viaggio a Reims“ an der Mailänder Scala und in der Titelpartie von Rossinis „La Cenerentola“ in einer Neuproduktion an der Hamburgischen Staatsoper zu erleben, eine Rolle, die sie auch an der Semperoper Dresden und an der Opéra National du Rhin interpretierte.

Hervorragende Kritiken erhielt sie auch für ihre gesangliche Leistung in der Titelpartie von Georg Philipp Telemanns „Flavius Bertaridus, König der Langobarden“ unter der Leitung von Alessandro De Marchi bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. 2005 debütierte Maite Beaumont bei den Salzburger Festspielen als Dorabella in „Così fan tutte“, später folgte eine Serie mit Mozart- Partien als Cherubino und Dorabella an der Nederlandse Opera in Amsterdam. Ihr Amerika-Debüt gab die Mezzosopranistin als Sesto (Giulio Cesare in Egitto) an der Lyric Opera of Chicago 2007.

Auch als Konzertsängerin ist Maite Beaumont international gefragt. Ihr Konzertrepertoire reicht von der Barockmusik bis hin zu zeitgenössischen Werken. Sie arbeitete unter anderem mit der Academy of Ancient Music, den Bamberger Symphonikern, der Camerata Salzburg, Il Complesso Barocco, dem Mozarteum Orchester, dem Ensemble Intercontemporain und mit Dirigenten wie Ivor Bolton, Christoph Eschenbach, Adam Fischer, Alessandro de Marchi, Michael Hofstetter, Christopher Hogwood, Ingo Metzmacher, Sir Roger Norrington, Christophe Rousset, Emmanuelle Haim und Nikolaus Harnoncourt zusammen.

Maite Beaumont wurde in Pamplona (Spanien) geboren, wo sie ein Gesangs- und Geigenstudium an der Musikhochschule Pablo Sarastre und parallel dazu ein Soziologiestudium an der Universität Navarra absolvierte. Im Anschluss studierte sie bei Hanna Schwarz und war von 2000 bis 2003 Mitglied im Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper. Internationales Aufsehen erregte sie 2002 mit einem Einspringer als Ruggiero in der Hamburger Neuproduktion von Händels „Alcina“ unter der Leitung von Ivor Bolton. Bei der Premiere hörte die Krimiautorin Donna Leon die junge Sängerin und empfahl sie kurz darauf für zwei CD-Einspielungen. Bis heute unterstützt und fördert Donna Leon, die eine große Verehrerin von Händels Musik ist, Maite Beaumont. Von 2003 bis 2006 war die Mezzosopranistin Mitglied im Ensemble der Hamburgischen Staatsoper, seither ist sie freischaffend tätig.

Von Maite Beaumont liegt eine umfangreiche Diskografie vor: 2003 erschien ihre erste CD mit Arien von Georg Friedrich Händel, „ La Maga Abbandonata“ (BMG). Außerdem liegen Einspielungen von Händels „Radamisto“ (Virgin Classics) und „Alcina“ (Deutsche
Grammophon), die Solo-CD „Dolce mio ben“ mit italienischen Kantaten und Opernarien um 1700, Vivaldis „Montezuma“ (deutsche harmonia mundi), Georg Philipp Telemanns „Flavius Bertaridus, König der Langboraden“ (deutsche harmonia mundi) und Jörn Arneckes „Das Fest im Meer“ (NCA) vor. Auf DVD sind mit ihr „L’Incoronazione di Poppea“ und „Giulio Cesare in Egitto“ aus dem Gran Teatro del Liceu Barcelona, „Il Mondo della Luna“ aus dem Theater an der Wien, Mozarts „Così fan tutte“, „Le Nozze di Figaro“ aus der Nederlandse Opera Amsterdam und „Alcina“ aus dem Théâtre de la
Monnaie in Brüssel erschienen.

 

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Halle, Händel – Festspiele, 2017 : Barocke Kriege in Oper und Oratorien, IOCO Aktuell, 02.07.2017

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Theater und Orchester Halle

Oper Halle © Falk Wenzel

Oper Halle © Falk Wenzel

Die Händel-Festspiele in Halle an der Saale

Barocke Kriege in Oper und Oratorium, dazu Händel-Pastete vom Feinsten

Von Guido Müller

Händel Logo © Händel Festspiele Halle

Händel Logo © Händel Festspiele Halle

Im Juni  2017 sind in Halle die Händel-Festspiele 2017 zu Ende gegangen. In über hundert Veranstaltungen widmeten sich diese Händel Festspiele dem Thema Original oder Fälschung mit einem besonderen Schwerpunkt auf Oratorien. Aber auch die Oper kam nicht zu kurz. Das letzte Händel-Oratorium Jephta wurde dann auch zur Eröffnung in der Oper von Halle szenisch aufgeführt. Eine Besprechung bei IOCO folgt zur Wiederaufnahme bei den kleinen Festspielen Händel im Herbst im November 2017 in der Saalestadt.

Zur bewährten Programmdramaturgie der Händel-Festspiele gehört auch, den Vorjahresbeitrag der Oper Halle nicht nur im Herbst sondern auch im folgenden Frühsommer aufzunehmen. Diesmal ist es die Inszenierung des eher selten aufgeführten königlichen Familiendramas Sosarme (1732) durch Philipp Harnoncourt, Sohn des kürzlich verstorbenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt. Dieser bringt schon von zu Hause den Sinn für historische Aufführungspraxis mit, den er hier mit einer frechen, behutsam aktualisierenden Inszenierung verbindet, die aber nie gewaltsam aufgesetzt wirkt. Bernhard Forck dirigiert das Händel-Festspielorchester Halle auf historischen Instrumenten nach leichten Unsicherheiten zu Anfang in der ersten von zwei Vorstellungen dann doch schnell frisch, lebendig und inspiriert. Bald verbreitet das Händel-Festspielorchester Halle eine geradezu prickelnde barocke Stimmung zwischen Orchestersolisten und Sängern.

Die Inszenierung von Harnoncourt bietet szenischen Spielwitz und Selbstironie, so daß das junge Sängersensemble sichtlich mit viel Spaß agiert. Geschickt werden auch die Wiederholungsteile der Dacapoarien mit immer neuen lebendigen Einfällen aufgepeppt, so dass nie Langeweile in dieser sprühenden Inszenierung aufkommt.
Auch in Sosarme steigert zudem Händel in der komplizierten königlichen Familiengeschichte im geschickten Wechsel der langsamen und schnellen Arien und der Stimmfarben der Protagonisten von Szene zu Szene die Dramatik. In dieser Oper geht es Händel schon deutlich weniger um die Demonstration der enormen stimmlichen barocken Verzierungsakrobatik wie in seinen frühen Heldenopern sondern um psychologischen Gefühlsausdruck, der auf Vorklassik und Klassik hindeutet.
Bei Händel spielt die Handlung im antiken Kleinasien. Für seine Zeitgenossen waren Parallelen der Handlung zum Konflikt zwischen dem englischen König und dem Prinzen von Wales deutlich erkennbar. Die Inszenierung in Halle verlegt das Ganze in eine leicht trostlose britische Vorstadtsiedlung, die nach Angriffen von Jugendbanden so bürgerkriegsmäßig herunter gekommen wirkt wie ein Londoner Vorort nach den gewalttätigen Jugend-Unruhen nach der Jahrtausendwende. Schließlich ist zu Beginn im Libretto auch von einer hungernden Bevölkerung in einer belagerten Stadt die Rede, die es zu befreien gilt.

Händel Festspiele Halle / Michael Taylor als Argone mit Komparsen © Falk Wenzel, Theater Oper und Orchester Halle

Händel Festspiele Halle / Michael Taylor als Argone mit Komparsen © Falk Wenzel, Theater Oper und Orchester Halle

Michael Taylor stellt mit seiner betörenden Countertenorstimme den aufsässig-revoltierenden Königssohn Argone in Lederjacke dar, der nach anfänglichem Zögern seine Jugendgang zum Krieg anstiftet. Ihm zur Seite stehen der Vater König Haliate, treffend tenoral durch Robert Sellier charakterisiert, und dessen engster Berater und Intrigant Altomaro, den David Ki Hyun Park mit betörendem tiefen und bedrohlichen Bass gestaltet. Die junge Altistin Julia Böhme verleiht dem unehelichen Sohn Haliates und Enkel Altomaros, Melo, ein edles tiefes und samtiges Timbre.
Auf der Gegenseite stehen die Braut Elmira und ihr leicht verträumt gezeichneter, edelmütiger und friedfertiger königlicher Geliebter Sosarme. Unterstützung findet das Paar bei der Gattin des Königs und Mutter des rebellischen Argone.
Henriette Gödde verkörpert für mich in dieser Aufführung diese Rolle der Erenice als leidende, mißhandelte Mutter und zugleich mutige Königin in besonders anrührender Weise. Stimmlich wie darstellerisch ist sie die eigentliche Hauptfigur der Oper. Ihr hat Händel besonders ausdruckstarke Arien gewidmet. Mein persönlicher Höhepunkt der Vorstellung war ihre stark berührende Darstellung in der tief traurigen Arie „Cuor di madre e cuor di moglie“ im dritten Akt mit konzertierender Solo-Violine. Darin schildert sie ihre innere Zerrissenheit vor einem Duell zwischen Sohn und Ehemann so wie es nur Händel schafft.

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner und Ines Lex © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester GmbH Halle

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner und Ines Lex © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester GmbH Halle

Ein weiterer Höhepunkt in der Aufführung ist das hinreißende Siciliano Andante-Duett im zweiten Akt zwischen Sosarme und seiner Braut Elmira. Der stilistisch wie in den Stimmfarben technisch perfekt seine Stimme nuancierende Countertenor Benno Schachtner und die gleichermaßen wunderbar lyrisch wie koloratursicher singende Ines Lex berühren dabei gesanglich ebenso stark wie sie das Publikum in glänzender Spiellaune immer wieder zu Szenenapplaus animieren. Sosarme wurde schließlich dem berühmten Kastraten Senesino in die Gurgel geschrieben und Elmira der großen Händel-Diva Anna Strada del Pò. Benno Schachtner und Ines Lex erweisen sich deren vollkommen würdig.
Der Regisseur lässt den im Kampfe fast tödlich verletzten Sosarme mit angehefteten Blutfetzen, den man je nach Bedarf abnehmen und wieder aufkleben kann, im Krankenbett mit Infusion im schmachtenden Liebesduett zur glucksenden Freude des Publikums auch mal mit seiner Braut unter die Bettdecke kriechen.

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner als Sosarme © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester Halle

Händel Festspiele Halle / Benno Schachtner als Sosarme © Falk Wenzel / Theater Oper und Orchester Halle

Insgesamt machte die Wiederaufnahme von Sosarme 2017 an der Oper Halle auch dem Publikum großes Vergnügen. Alle Sängerdarsteller wie das Händel-Festspielorchester Halle haben sich gegenüber 2016 noch einmalstark gesteigert.

Biblisches Kriegsdrama und zwei starke Frauen.

Neben Händels erstem Oratorium Esther und dem Messiah in der Dubliner und in der Londoner Fassung wurde in der voll besetzten Marktkirche von Halle Händels packendes Oratorium Deborah direkt an seinem Taufstein aufgeführt. Die zahlreichen Originalplätze der Händel-Zeit machen den großen Reiz der Festspiele in seiner Geburtsstadt aus. Händel komponierte das Werk 1733 ein Jahr nach Sosarme in großer Eile. So erlauben die Händel-Festspiele in Halle immer wieder interessante direkte Vergleiche zwischen seinen Werken. Auch nach seinen ersten Oratorien komponierte Händel nämlich auch noch weiter zwölf teilweise zu den wichtigsten seiner Opern zählende Werke wie Ariodante (1734), Alcina (1735) und Serse (1737).
Auch in Deborah standen Händel mit Anna Maria Strada del Po als Deborah und Senesino als Barak die Gesangstars seiner Operncompagnie zur Verfügung. Daher war die Neugier des Londoner Publikums auf dieses Werk so groß, daß der kaufmännisch versierte Händel zum Ärger der Subskribenden die Preise für die Uraufführung erhöhte. Die ersten Aufführungen fanden dann auch nicht in einer Kirche sondern im King’s Theatre am Haymarket statt. Das Oratorium wurde schon zu Händels Lebzeiten eines der beliebtesten in Großbritannien und noch Mendelssohn-Bartholdy schätzte das Werk sehr und führte es in einer eigenen Bearbeitung auf.

In Halle erleben wir einem zwanzigköpfigen Spitzenchor und ein Orchester aus Krakau, die Capella Cracoviensis, unter der dramatisch-bewegten musikalischen Leitung von Jan Tomasz Adamus mit durchgängig herausragenden Solisten. Für einen Händel-Liebhaber ist es faszinierend zu verfolgen, wie der Komponist eigene Chöre aus seinen Coronation Anthems oder Musik der Brockes-Passion nicht einfach nur recycelt sondern weiter entwickelt. Auch hier steht wie in vielen Oratorien Händels eine kriegerische Konfrontation aus dem Alten Testament – hier zwischen Israeliten und Kanaaiten – im Mittelpunkt. Im Zentrum der Handlung stehen aber zwei mutige Frauen: die Prophetin Deborah und die junge Jael.

Händel hatte mit seinem Librettisten Samuel Humphreys das englischsprachige Werk der englischen Königin Caroline gewidmet mit der Bemerkung, dass sie in dem Oratorium die alttestamentarische Heldin Deborah darstellten, wie sie für das Glück ihres israelitischen Volkes wirkte, sie würde jedoch von der Königin Großbritanniens übertroffen werden. Daher lobt das teilweise grausame Vorgänge schildernde Werk ganz besonders nachdrücklich und geradezu voremanzipatorisch den Heldenmut der Frauen. Der katalanische Countertenor Xavier Sabata singt wie gewohnt großartig den Barak und die Engländerin Rebecca Bottone die Deborah. Die Marokkanerin Hasnaa Bennani gestaltet mit glockenhellem Sopran die Jael. Diese junge Sängerin, die es in Zukunft zu beachten gilt, gewann 2011 den ersten Preis für Barockgesang im französischen Froville, eine der renommiertesten Auszeichnungen für Sänger im Bereich Alter Musik. Eine ebensolche äußerst positive Entdeckung war für mich der polnische Altist Micha Czerniawski als Bösewicht Sisera, der dem London Händel Festival besonders verbunden ist und gerade auf allen großen Alte-Musik-Festivals für Furore sorgt.

Der einzige Wermutstropfen für mich in diesem herrlichen Konzert war, dass zwischen der letzten Arie des Barak und dem großen auf Alleluja endenden Schlußchor das dramaturgisch äußerst wichtige Accompagnato-Rezitativ der Deborah gestrichen wurde. So etwas sollte bei einem Händel-Festival heutzutage vermieden werden, denn Händels Werke sind in allen Teilen musikalisch und dramaturgisch sehr bewusst so aufgebaut, dass nicht einfach Steine herausgebrochen werden können, ohne das Gleichgewicht zu zerstören.

Bukolisch-barocke Marionetten-Helden-Operette.

Im weiteren Verlauf der Händel-Festspiele gab es die Möglichkeit an drei Tagen Händels Dramma per musica Giustino von 1736 an einem besonderen Ort in einer einzigartigen Inszenierung und Atmosphäre zu erleben. Daher waren alle drei Vorstellungen schon lange im voraus ausverkauft.

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Goethe-Theater Bad Lauchstädt © Historische Kuranlagen und Goethe-Theater Bad Lauchstädt GmbH

Im von Goethe persönlich konzipierten und fast unversehrt erhaltenen, gerade im Prozess der behutsamen gründlichen Restaurierung befindlichen Goethe-Theater im Kurpark von Bad Lauchstädt südlich von Halle wurde die selten gespielte Oper Giustino von einer Mailänder Marionetten-Truppe unter Eugenio Monti Colla aufgeführt. Da es sich bei dieser Oper eher um eine bukolische barocke Helden-Operette als ein Musikdrama mit psychologischem Tiefgang handelt, wo ein Hirte wie im Märchen nach vielen Abenteuern mit Bären und Seemonstern Vizekaiser von Byzanz wird und die Kaisertochter bekommt, bietet sich das Werk für eine solche Umsetzung mit Puppen besonders an. Händel hatte das Werk zeitgleich in einer Trias mit Arminio (den es 2015 und 2016 in Halle zu sehen gab) und Berenice (die 2018 in Halle zu sehen sein wird) verfasst.

Bereits 2011 hatte dasselbe italienische Puppentheater Carlo Colla e Figli  Händels frühe Ritter-Abenteuer-Oper Rinaldo mit großem Erfolg auf die Bühne des Goethe-Theaters gebracht und auf Tourneen gezeigt. Das entspricht der Tradition dieser Puppentheater, die bereits im 18. Jahrhundert die großen Opern aus Neapel, Mailand oder Venedig mit den berühmtesten Kastraten und Sängerinnen in vereinfachter und verkürzter Version als Wanderbühne in kleinen Städtchen aufführten. Auch diese Giustino-Produktion wird zunächst nach Winterthur weiter ziehen.

Aufgespielt hat das die bereits 1984 gegründete Berliner Lautten Compagney um Wolfgang Katschner am Pult. Auch seinem Orchester auf historischem Instrumentarium eignet eine besondere spielerische und farbig-swingende Herangehensweise, indem z. B. im Schlagwerk des Basso Continuo der Perkussion-Virtuose Peter A. Bauer auch Kastagnetten, alle möglichen Arten von Rasseln und Landknechtstrommeln verwendet. Die Sänger singen von der Empore zur rechten und linken Seite zum Spiel der farbenfrohen Marionetten in buntesten barock-byzantinischen Bühnenbildern, die sich als Schiebekulissen leicht wechseln lassen. Die Marionetten und ihre wechselnden Kostüme sind mit viel Liebe bis ins kleinste Detail hergestellt. Wer sich einen Rest kindlicher Begeisterungsfähigkeit erhalten hat, wird restlos entzückt sein so wie das Publikum in den eng besetzten Sitzbänken und auf der Galerie im Goethe-Theater. Es reagierte zum Schluss dann auch wie eine entfesselte Rasselbande mit Getrampel, rhytmischem Klatschen, Bravorufen und Standing-Ovations, wie wenn im Kasperletheater am Ende alles gut ausgegangen ist.

So reizvoll die Idee und Umsetzung durch Marionetten mit ihren bunten optischen Reizen auch sind, so zeigen sich doch auch die Grenzen einer solchen Inszenierung. Gerade in den Dacapo-Arien sind wir es seit den Regietheater-Zeiten der 1980iger Jahre, für die ein Peter Konwitschny an der Oper Halle, ein Harry Kupfer, der einen legendären Giustino an der Komischen Oper Berlin inszenierte (aus dem die Mailänder im Auftritt des Hirten Giustino inmitten seiner Tiere sogar ehrfürchtig zitieren), oder auch der langjährige Intendant der Oper Halle und Countertenor Axel Köhler stehen, gewohnt, dass die Wiederholungen des A-Teils der Dacapo-Arie zu einer psychologischen Vertiefung der Personen oder Szenen verwendet. Hier stoßen Marionetten in Mimik und Gestik trotz aller handwerklich feinen Arbeit an ihre Grenzen. Auch das Repertoire der Arm- und Beinbewegungen ist trotz aller Akrobatik der Spieler durch die Fäden in immerhin gut drei Stunden schnell erschöpft. Hinsichtlich der musikalischen Seite gab es zum Glück aber auch kaum Kürzungen.

Es ist also der szenisch-optische Reiz, mit dem z.B. ein Bär, dem nach dem Erlegen durch Giustino der rote Stoffbauch aufklappt, ein großes Seeungeheuer oder an vielen Fäden schwebende Vöglein und Putten die Zuschauer auf geradezu naive Weise verzaubern. Die Truppe aus Mailand zeigt dabei eine unerschöpfliche Fantasie. Und dazu kommt der Reiz der Abstimmung zwischen menschlichen Stimmen und Puppen. Die herausragenden Sänger verliehen den Personen der komplizierten Intrigen und Wunder am Hof von Byzanz Profil und Tiefe. Besonders gefielen mir der vor allem im mittleren und unteren Register tonschön singende Countertenor Owen Willetts in der Titelrolle, und Helena Rasker mit profunder Altstimme. Fanie Antonelou verzauberte mit ihrem klaren Sopran, den sie vor allem in dem ohne Begleitung als purem Gesang mit Echos vorgetragenen Arioso „Per me dunque il ciel“ im 2. Akt zeigen konnte. Sylvia Rena Ziegler (Mezzosopran) verlieh dem Kaiser ein schönes stimmliches Profil. Auch Andreas Post (Tenor), Drew Satini (Bariton) und Shadi Torbey (Bass) standen dem in nichts nach.

Der musikalische Hauptakteur in dieser an raffiniertesten Bläserstimmen und instrumentalen Mischungen besonders reichen Hirten- und Naturoper war für mich aber die Lautten compagney Berlin unter Wolfgang Katschner mit makelloser Blockflöte, zwei Oboen, Fagott, zwei Hörnern und Trompete. Weit über jede Routine hinaus belebten sie die ganze Aufführung der Händel-Oper in diesem reizvollen historischen Theaterraum, in dem Goethe bereits Schiller inszeniert und der junge Richard Wagner Mozart-Opern dirigiert hat.

Eine Pasticcio-Oper oder eine Händel-Pastete mit fremden Zutaten

Am vorletzten Tag der Händelfestspiele gab es eine wirkliche Novität und Überraschung. Als konzertante deutsche Erstaufführung wurde ein Pasticcio aufgeführt, eventuell von Georg Friedrich Händel nach einem Hinweis seines englischen Agenten in Italien Owen Swiney in Kooperation mit den Sängerstars Senesino, Francesca Cuzzoni und Giuseppe Maria Boschi zusammen gestellt: Elpidia von 1725. Solche Zusammenstellungen von Arien verschiedener Komponisten in einem neuen inhaltlichen Zusammenhang gab es im 18. Jahrhundert nicht nur in Italien oder Deutschland sondern auch unter der musikalischen Leitung von Händel am Cembalo in London sehr häufig. So wie Händel in seinem Oratorium Deborah eigene, oft nur einmal für andere Zwecke aufgeführte Musik wieder verwandte, wurden wie in einer Pastete Reste von noch unbekannten Arien aus verschiedenen Werken meistens italienischer Erfolgskomponisten zusammengestellt. Händel stellte solche Opern-Pasteten auch aus eigenen Werken zusammen wie z.B. im Fall des Oreste, der 2018 in Halle aufgeführt wird.

Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabstätte in Westminster Abbey © IOCO

In diesen Fall wurden 1725 in zwei Aufführungsserien am Londoner King’s Theatre Haymarket unter dem Titel L’Elpidia, ogero li rivali generosi Stücke vor allem der jüngsten Opernsaison in Venedig 1724/25 zusammengestellt aus Leonardo Vincis Opern Ifigenia in Tauride und Rosmira fedele sowie von Giuseppe Maria Orlandini, Antonio Lotti, Domenico Sarri, Geminiano Giacomelli und Giovanni Maria Capelli.
Das Werk firmierte lange unter dem Namen von Leonardo Vinci, dessen Werke in den vergangenen Jahren auch durch szenische Aufführungen wieder größere Beachtung finden. Händel schätzte diesen 1725 in London noch fast unbekannten neapolitanischen Kollegen so sehr, dass er auch ganze Opern von ihm unter seiner Direktion aufführen ließ. In den letzten Jahren hat sich das Interesse auch den Pasticci zugewandt, die besonders bei den Händel-Festspielen Halle jährlich aufgeführt werden.
Elpidia kam nun zur Aufführung in den Franckeschen Stiftungen in Halle, das als Waisenhaus die Entsprechung zu dem von Händel besonders unterstützten Foundling Hospital in London ist und an denen der junge Händel wohl selber als Student unterrichtet hatte.

Das Opern-Konzert unter der grandiosen musikalischen Leitung des italienischen Oboisten Leo Duarte mit dem Orchester der Opera Settecento war ein Ereignis der Sonderklasse! Für mich war es der Höhepunkt der diesjährigen Händel-Festspiele.
Erst seit 2015 widmet sich das Ensemble in London unter Duartes Leitung mit wechselnden jungen Sängern der Spitzenklasse Ausgrabungen vor allem von Opern im neapolitanischen Stil z.B. von Pergolesi oder Hasse. Die weibliche Hauptpartie der Elpidia wurde von Erica Eloff mit großem stimmlichen Einsatz und Dramatik gestaltet, der Countertenor Tom Verney, der erst kurzfristig eingesprungen war, sang die Hauptpartie des Olindo in Perfektion. Ihnen zur Seite gestellt war der hinreißend singende und schauspielernde Tenor Rupert Charlesworth (Vitige). Der Countertenor Michael Taylor sang den Ormonte mit Schmelz und notwendiger Leidenschaft. Ciara Hendrick erströmte ihren jugendlichen süßen Sopran (Rosmilda) und Christopher Jacklin durfte als Belisario seine kunstvollen Bass-Koloraturen beisteuern. Alle bekommen sich gewaltig in die Haare. Und natürlich geht es darum, wer Elpidia am Ende gewinnt.

Es war wirklich toll und Händel oder das Teamwork haben 1725 eine gute Auswahl der Arien der Kollegen getroffen. Aber zum wirklichen Ereignis wird das Ganze erst, wenn man so erstklassige Sänger hat, wie in dieser Produktion aus London, die das Ganze unter einer so durchglühenden und tänzerisch beschwingten Leitung so hinreißend gut interpretieren! Es war sensationell gut gesungen und musiziert! Da freut man sich schon, wenn das Ensemble 2018 mit der Händel-Pastete, pardon Pasticcio, Ormisda zu den Händel-Festspielen 2018 in Halle zurück kehrt.

HändelFestspiele 2018  Halle –  25.05. bis 10.06.2018

Auch 2018 gibt es wieder einen bunten Strauß an Opern von Händel, wie Berenice, Parnasso in festa, Ormisda, Oreste, Muzio Scevola, Rinaldo und Arianna in Creta, außerdem die Oratorien Jephta (szenisch), Samson, Messiah, Chandos Te Deum sowie Festkonzerte mit Joyce DiDonato, Sophie Karthäuser, Magdalena Kožená, Nathalie Stutzmann, Julia Lezhneva und Max Emanuel Cencic. Das vollständige Programm findet sich demnächst auf www.haendelhaus.de .Der Vorverkauf beginnt am 24.11.2017.

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Berlin, Komische Oper Berlin, Premiere Neufassung Die Krönung der Poppea, 29.04.2017

April 25, 2017 by  
Filed under Komische Oper Berlin, Premieren, Pressemeldung

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Die Krönung der Poppea  von Claudio Monteverdi

Claudio Monteverdi / Elena Kats-Chernin

Premiere der Neufassung: Samstag, 29. Apr 2017, weitere Vorstellungen 6.5.2017, 19.5.2017, 26.5.2017, 3.7.2017

Mit der Monteverdi-Trilogie eröffnete Barrie Kosky 2012 seine Intendanz an der Komischen Oper Berlin und begeisterte Presse und Publikum. Der letzte Teil dieses Opern-Marathons, Die Krönung der Poppea, kehrt nun mit neuer Besetzung der Hauptpartien in einer musikalisch und szenisch überarbeiteten Fassung auf den Spielplan zurück. Die jungen Ensemblemitglieder Dominik Köninger und Alma Sadé verkörpern das in gefährlicher Leidenschaft füreinander entbrannte Liebespaar und beleuchten das Drama zwischen Liebe, Macht und Politik rund um den römischen Kaiser Nero und seine Geliebte Poppea darstellerisch und sängerisch aus neuer Perspektive. Komponistin Elena Kats-Chernin, die Claudio Monteverdis drei vollständig überlieferten Opern eigens für die Trilogie neu instrumentierte, überarbeitete ihre Instrumentierung für diese Wiederaufnahme und überrascht mehr als zuvor mit außergewöhnlichen Klangkombinationen. Regisseur Barrie Kosky arbeitete für die neue musikalische Struktur auch an der Szene, die zudem im Bühnenraum anders arrangiert sein wird als bei der Premiere 2012. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Matthew Toogood. Monteverdi macht seine Oper zu einer bitter-sarkastischen Parabel über Macht und Machtmissbrauch, über moralische Korruption, von der selbst die Liebe nicht verschont bleibt. Niemand lebt im Rom unter Kaiser Nero im Einklang mit irgendetwas, am wenigsten mit sich selbst. Es gilt das Recht des Stärkeren, und das ist am Ende immer der Kaiser, der sich obendrein an keinerlei Moral gebunden fühlt. Selbst die Prediger einer Moral sind zu Heuchlern geworden, die am Ende nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Die Unschuld der Liebe ist längst verloren und in ihr Gegenteil verkehrt. Liebe ist nichts als eine weitere Waffe im Kampf um Macht und Einfluss, Amor eine launische Diva, die sich dem Meistbietenden teuer verkauft. So ist es ausgerechnet die »amour fou« der beiden Hauptfiguren, die das Gleichgewicht der politischen Mächte zu gefährden droht. In weiteren Partien sind u. a. Karolina Gumos, Maria Fiselier, Talya Lieberman, Thomas Michael Allen sowie Peter Renz als Amor zu erleben. Bis zum 3. Juni steht Die Krönung der Poppea auf dem Spielplan, ab 23. Juni 2017 kehrt mit Orpheus – erneut mit Dominik Köninger in der Titelpartie – der erste Trilogie-Teil zurück.

Libretto von Giovanni Francesco Busenello, Deutsche Textfassung von Susanne Felicitas Wolf, Auftragswerk der Komischen Oper Berlin, Uraufführung L’incoronazione di Poppea im Winter 1642/43, im Teatro Santi Giovanni e Paolo, Venedig, Uraufführung Poppea im Rahmen der Monteverdi-Trilogie am 16. September 2012, Uraufführung der Überarbeitung Die Krönung der Poppea am 29. April 2017, Musikalische Leitung: Matthew Toogood, Inszenierung: Barrie Kosky, Bühnenbild/Kostüme: Katrin Lea Tag, Kostüme: Katharina Tasch, Dramaturgie: Ulrich Lenz, Licht: Alexander Koppelmann/Diego Leetz

Mit : Alma Sadé (Poppea), Dominik Köninger (Nero), Karolina Gumos (Octavia), Maria Fiselier (Otho), Julia Giebel (Drusilla), Jens Larsen (Seneca), Tansel Akzeybek (Valletto), Talya Lieberman (Damigella/Das Schicksal), Thomas Michael Allen (Arnalta), Tom Erik Lie (Amme), Peter Renz (Amor), Katarzyna Wodarczyk (Die Tugend), Adrian Strooper (Liberto) u. a.

Grabeskirche von Claudio Monteverdi in Venedig © IOCO

Grabeskirche von Claudio Monteverdi in Venedig © IOCO

Hintergrund : Claudio Monteverdi und Die Krönung der Poppea,  Cremona, Mantua, Venedig – in diesen drei so unterschiedlichen oberitalienischen Städten spielt sich das Leben von Claudio Monteverdi ab, der in die Musikgeschichte zu Recht als Urvater der Gattung Oper eingegangen ist. Nicht nur mit seinen Lebensdaten (1567-1643) steht er zwischen Renaissance und Barock. Auch sein künstlerisches Werk ist zwischen diesen beiden kunstgeschichtlichen Epochen aufgespannt: Mit seinen Madrigalkompositionen bringt er die Vokalpolyphonie der Renaissance zu einem letzten Höhepunkt, mit seinen Opern wird er richtungsweisend für die um 1600 aufkommende, neue, Kompositionsweise des so genannten monodischen Stils.

Historische Personen und historisch belegte Ereignisse rund um den römischen Kaiser Nero bilden die Grundlage für Monteverdis letzte Oper Die Krönung der Poppea: Doch Monteverdi geht es nicht um historische Authentizität. Vielmehr macht er seine Oper zu einer bitter-sarkastischen Parabel über Macht und Machtmissbrauch, über moralische Korruption, von der selbst die Liebe nicht verschont bleibt. Niemand lebt im Rom unter Kaiser Nero im Einklang mit irgendetwas, am wenigsten mit sich selbst. Weder die ehrgeizige Geliebte Poppea an der Seite des verliebten Machtmenschen Nero auf der einen Seite – noch Neros Lehrer und Mentor Seneca, der mit seinen Weisheiten die verstoßene Kaiserin Octavia zu trösten versucht, oder der von Poppea verschmähte Otho, der sein Schicksal bejammert und von Drusilla getröstet wird, auf der anderen Seite … Es gilt das Recht des Stärkeren, und das ist am Ende immer der Kaiser, der sich obendrein an keinerlei Moral gebunden fühlt. Liebe ist in diesem Ränkespiel nichts als eine weitere Waffe im Kampf um Macht und Einfluss, Amor eine launische Diva, die sich dem Meistbietenden teuer verkauft. Elena Kats-Chernin liest Claudio Monteverdi neu

Die uns überlieferten Handschriften der beiden letzten Opern Monteverdis lassen keinen Zweifel daran, dass es zwischen der notierten Form und der praktischen Ausführung eines größeren Anteils an ergänzender bzw. interpretierender Arbeit bedarf als bei einem Werk des 19. Jahrhunderts. Die Idee einer eindeutigen Festlegung im Sinne einer einzig gültigen Werkgestalt entstammt dem 18. und vor allem dem 19. Jahrhundert. Monteverdi und seinen Zeitgenossen wäre sie vollkommen fremd gewesen. Zahlreich sind die Bearbeiter*innen, die Monteverdis (heutigen Augen) fragmentarisch anmutende Opernwerke dem Publikum ihrer Zeit näher bringen wollten, darunter so bedeutende Namen wie Vincent d’Indy, Ottorino Respighi, Ernst Krenek, Luigi Dallapiccola, Nadia Boulanger, Luciano Berio, Bruno Maderna oder Hans Werner Henze. Von einer anderen Seite haben Musiker wie Nikolaus Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder Rene Jacobs versucht, die überlieferten Manuskripte mit den Augen von Monteverdis Zeitgenossen zu lesen und neu zu interpretieren.

Monteverdi gehörte zu den experimentierfreudigsten und offensten Komponisten der Musikgeschichte. Schließlich betrat er gerade mit seinen Opern völliges Neuland und besaß daher alle nur denkbaren Freiheiten. Nicht weniger experimentierfreudig ist das Schaffen der aus Usbekistan stammenden Komponistin Elena Kats-Chernin. Ähnlich wie Monteverdi zu seiner Zeit gehört auch sie nicht zu den Puristen. Als Grenzgängerin zwischen den unterschiedlichsten Kulturen (geboren in Taschkent, aufgewachsen in Moskau, Studium in Deutschland, lebt sie nun in Australien) eignet sie sich auf äußerst vitale Weise verschiedene Traditionen an, mit Hilfe derer sie auch populäre Quellen wie Jazz, Klezmer, Tango oder Ragtime in ihre Musik integriert. So findet in ihrer »Neuschöpfung« von Monteverdis letzter Oper neben traditionellen Instrumenten eines modernen Opernorchesters nicht nur ein barockes Instrument wie die Theorbe Verwendung, sondern auch für ein traditionelles Opernorchester eher ungewöhnliche Instrumente wie Saxophone, Banjos, eine Steel Guitar und ein Synthesizer. Ganz im frühbarocken Stil lässt sie – anders als die meisten Bearbeiter vor ihr – der Continuo-Gruppe Raum für improvisatorische Freiheiten.  Pressemeldung Komische Oper Berlin

Premiere der Neufassung: Samstag, 29. Apr 2017, weitere Vorstellungen 6.5.2017, 19.5.2017, 26.5.2017, 3.7.2017

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