München, Bayerische Staatsoper, La Fanciulla del West – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 25.03.2019

März 25, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

La Fanciulla del West  –  Giacomo Puccini

– Puccinis Sieg –

von Hans-Günter Melchior

Am Anfang will die Handlung keine Handlung sein. Sie kommt nicht vom Fleck. Die Musik reißt und zerrt an ihr und manchmal stößt sie das Geschehen ein wenig nach vorne, kleinteilig, fast abstrakt, funktional und stakkatohaft irrlichtert sie durch das soziale Milieu einer Goldgräberstadt, in der die Bar Polka so etwas wie eine Ersatzheimat darstellt. Die Arbeiter sitzen an einem runden, sehr niedrigen Tisch und spielen Karten, den Bühnenraum begrenzt links eine Bar. Man kommt über eine Art Empore, von der eine Treppe nach unten führt, in den schmucklosen Raum, der geradezu bevölkert ist von der Arbeitermenge, einfachen Leuten, ärmlich gekleidet und arm, einsam unter vielen Ihresgleichen, die ihre Familien schmerzlich entbehren.

La fanciulla del West  –  Giacomo Puccini
youtube Trailer der Bayerischen Staatsoper München – Einführung
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Das ist sehr treffend und genau vom Regisseur Andreas Dresen und seinem Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau arrangiert. Unter Verzicht auf den üblichen Schnick-Schnack und Klamauk ihrer allzu oft intellektuell überforderten Kollegen, die glauben, die ganze Welt auf einmal erfassen und alle Welträtsel lösen zu müssen. Von Anfang an wird klar: dies hier ist keine Cowboy-Klamotte und federgeschmückte Indianer kommen auch nicht vor; und schon gar nicht wird wild herumgeballert, dass einem das Sehen und vor allem das Hören vergeht. Hier wird vielmehr ein Schlaglicht auf einen sozialen Sachverhalt geworfen, auf die Not von Männern, die um ihrer und ihrer Familien Existenz willen Entbehrungen auf sich nehmen und sich durchs Leben schlagen. Arme Teufel eben, wie Minnie, Barfrau und Herrscherin über Männer sagt. Und die sich, wie sich zeigen wird, ins Menschliche-Allzumenschliche und insbesondere auch ins Rechtliche verstricken, in den Konflikt zwischen Recht und Gerechtigkeit, dem sie letztlich nicht gewachsen sind (nebenbei: auch das Libretto nicht, das ins allzu Beliebige taumelt, damit die Sache ihren Fortgang nimmt. Was auch mit humanitärem Tiefsinn nicht zu retten ist, wie dies von manchen Kommentaren und Interpreten zuweilen versucht wird).

Beherrscht wird die Bar von der großartigen Anja Kampe als Minnie. Die einzige Frau unter vielen Männern, von diesen heimlich begehrt, aber unnahbar, kein Vamp, sondern eine Frau, die ihre Identität verteidigt, eine Art fürsorglicher Mutter, die die Kranken unter den Männern pflegt, und den Bedrückten Trost zuspricht. Und sie vor allem unter Zuhilfenahme der Bibel über die immer wieder einzufordernde Menschlichkeit unter den Menschen belehrt und ihnen diese beispielhaft vor Augen hält. Sie liest aus der Heiligen Schrift vor und fragt die Männer ab, wer war David und was hat er getan…, und so weiter, und wenn die Auskünfte unvollständig oder falsch sind, rügt sie mit einem milden Verweis ihren Schüler.

Bayerische Staatsoper / La fanciulla del West - hier : Anja Kampe als Minnie und Brandon Jovanovich als Johnson © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper / La fanciulla del West – hier : Anja Kampe als Minnie und Brandon Jovanovich als Johnson © W. Hoesl

Von wegen Anja Kampes Sopran erreiche nur noch mit Mühe die Höhenlagen –; wie in einer Rezension stand. Das ist so falsch wie ungerecht. Diese Künstlerin ist hochpräsent und glaubwürdig, ihrer Partie mühelos gewachsen, schauspielerisch ist es ein Ereignis, wie sie über die Männerwelt herrscht, ohne sich auf die üblichen Machtmittel und Gewaltmaßnahmen stützen zu müssen. Wer könnte das besser? Anja Harteros könnte es genauso gut.

Minnie hat eine Menge zu schlichten und zu beschwichtigen. Einer der Männer zerfließt vor Heimweh, ein anderer (Sid: Alexander Milev) spielt falsch und kann vom Sheriff gerade noch vor der Lynchjustiz gerettet werden – und überhaupt: fast jeder der Männer stellt ihr heimlich oder durch Gebärden nach oder träumt zumindest von ihr.

Besonders der Sheriff Jack Rance (ein hervorragend kerniger Bariton ist John Lundgren, zuweilen dämonisch, manchmal, – rollengemäß – unbedarft und nicht auf der rechtlichen Höhe des Geschehens) macht sich Hoffnungen. Er ist zwar verheiratet, jedoch jederzeit bereit, seine Frau zu verlassen, wenn Minnie seinem Werben nachgibt.

Das geht so eine Weile hin und her im ersten Akt –, bis die Rede auf den Banditenanführer Ramerrez kommt. Er treibt sein Unwesen in der Gegend, es wird nach ihm gefahndet, bringt er doch das fragile soziale Gefüge in Unordnung, nicht zuletzt deshalb, weil er es auf das mühsam genug geschürfte Gold der armen Männer abgesehen hat. Der Sheriff ist schon lange hinter ihm her, hat aber keinen Erfolg.

Mitten in die Unruhe und den Fragenwirrwarr hinein tritt Brandon Jovanovich als Johnson auf: wie der Ritter im Lohengrin aus dem Nichts. Ein Fremdling, der langsam und jeden Schritt abmessend die Treppe herunterkommt – und Rätsel aufgibt. Von den ängstlichen, psychisch aneinander ausgelieferten Männern reflexartig wie ein die Ordnung ins Wanken Bringender abgelehnt und nur kraft Minnies Einfluss geduldet. Ein gut aussehender Mann. Dem die Frau sofort erliegt, ohne es zunächst zugeben zu können. Brandon Jovanovichs Tenor ist von geradezu überrumpelnder Strahlkraft.

Johnson darf Minnie als erster Mann in ihrem Leben küssen. Dass sich hinter ihm der Banditenführer Ramerrez verbirgt, erfährt man erst im zweiten Akt. Aber da ist es bereits zu spät, jedenfalls für Minni, ihre Liebe ist stärker als all die auf der Hand liegenden Einwände es sein können. Sie nimmt ihn in ihrem Haus auf, einem einfachen Holzgebäude, eine Art Hütte. Hier dienen radebrechend die Haushälterin Wowkie (Noa Beinart) und Billy Jackrabbit (Oleg Davydov), die in einer einzigen Anspielung auf den „wilden Westen“ als Indianer auftreten.

Ein Opernsteckbrief zu La fanciulla del West
youtube Trailer der Bayerischen Staatsoper München
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Indessen bleibt der Regisseur Dresen seiner Idee treu: er verzichtet auf jeden Pomp, auf jede Wild-West-Romantik, auf die Idylle des unechten und ständig gefährdeten und die Spannung unnötig aufladenden Heimeligen, die in so manchen Western mit ihren wattierten Plüschwohnungen stört. Minnie ist eine einfache Frau wie die Männer einfache Männer sind, arm, jedoch nach den höheren Weihen der Bildung und zivilisatorischen Ordnung strebend, die eine Gesellschaft erst zur menschlichen machen.

Als der Sheriff Rance, unterstützt von dem Goldgräber Sonora (Tim Kuypers) und anderen nach dem Banditenchef in Minnies Haus sucht, verbirgt sie den Geliebten. Ach ja –, und dann kommt dieses unsägliche Kartenspiel: Minnie schlägt dem Sheriff vor, mit ihr um das Leben des Banditen zu spielen. Gewinnt er, soll ihm nicht nur Ramerrez, sondern auch sie gehören. Sie betrügt den Sheriff und gewinnt. Dieser verzichtet – pflichtwidrig – auf die Festnahme des Banditen und zieht ab.

Man muss das einfach mal hinnehmen, so unglaubwürdig und überdies albern wie es auch ist. Von juristischer Korrektheit soll hier gar nicht die Rede sein. Irgendwie muss es ja weitergehen, werden sich wohl die Librettisten Guelfo Civinini und Carlo Zangarini in Anlehnung an das Schauspiel The Girl of the Golden West von David Belasco gedacht haben, als sie sich in so einen allzu künstlichen Kunstgriff verstiegen.

Bayerische Staatsoper / La fanciulla del West - hier : Ensemble © W. Hoesl

Bayerische Staatsoper / La fanciulla del West – hier : Ensemble © W. Hoesl

Die Handlung schleppt sich dann ein wenig beschwert von fantastischen Schlauheiten in den dritten Akt. Ramerrez, alias Johnson, wird nun doch gefangen genommen. Die Bühne ist fast vollkommen dunkel. Schemenhaft ragt im Vordergrund ein Telegrafenmast auf, an dem der Bandit aufgehängt werden soll. Schon ist ihm die Schlinge um den Hals gelegt –, als Minnie wie eine dea ex machina auftaucht. Mit ihrer ganzen emotionalen Kraft stemmt sie sich dem Gewaltakt der Lynchjustiz entgegen. Sie wendet sich jedem einzelnen der Goldgräber zu, hält diesen vor Augen, was sie Gutes an ihm gewirkt hat. Und droht damit, diese zu verlassen, sollten sie ihren, Minnies, Geliebten aufhängen.

Die Drohung verfehlt nicht ihre Wirkung. Das Risiko, Minnie um der Exekution an einem Banditen willen zu verlieren, erscheint den Männern zu groß, untragbar. Sie geben Ramerrez / Dick Johnson frei und in die Arme der Geliebten fallen. Schwamm drüber. Das gesetzte Recht wird hier zweifelsfrei verletzt. Das Libretto schert sich nicht um solche Kleinigkeiten. Wie auch immer: freilassen durften die Arbeiter einen Tatverdächtigen jedenfalls nicht. Ausgerechnet auch noch in Anwesenheit des Ordnungshüters, des Sheriffs.

Aber wir befinden uns ja nicht in einem juristischen Seminar. Wir befinden uns in der Traumfabrik Oper, wo Wunder geschehen.

Die Musik emanzipiert sich immerhin, besonders am Ende des zweiten und dann im dritten Akt vom Dienst an der Handlung, wirft die Fesseln der Funktionalität ab. Wunderschön schwingt sie sich zu jenen melodischen Höhen auf, die man von Puccini kennt, stürzt jedoch keineswegs ins Kitschige ab wie zuweilen in den Reißern, die diesen Komponisten als Belcanto-Meister berühmt machten. Hier ist ein wahrer Könner am Werk: Puccinis Sieg! Über manche Ungereimtheiten der Handlung. Die Komposition übernimmt die Führung, steht über dem Text.

Das Publikum dankt am Ende mit begeistertem Beifall, feiert das riesige Ensemble. Der Bericht muss sich jedoch mit Hervorhebungen einzelner Namen begnügen.

Aber das wahrhaft großartige, bis in die Nuancen hochsensible Orchester unter der Leitung von James Gaffigan darf keinesfalls vergessen werden. Der Dirigent hatte Partitur und Orchester meisterhaft im Griff. Mit Feuer und wahrer Leidenschaft überzeugte er selbst in manchen ziemlich lautstarken Steigerungen, die die Grenzen des schmerzfrei Hörbaren ausloteten.

Eine mehr als empfehlenswerte Aufführung, inszenatorisch und musikalisch bereichernd

La fanciulla del West am Nationaltheater München; die weiteren Termine 26.3.; 30.3.; 2.4.; 26.7.; 27.7.2019 und mehr

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

 

München, Bayerische Staatsoper München, La fanciulla del West – Giacomo Puccini, 16.03.2019

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

  La fanciulla del West – Giacomo Puiccini

Premiere Samstag, 16. März 2019

Bei der nächsten Premiere an der Bayerischen Staatsoper steht ein selten gespieltes Stück auf dem Programm: Giacomo Puccinis La fanciulla del West wurde in München 1934 erstmals gespielt und stand nach dem Zweiten Weltkrieg nie wieder auf dem Spielplan. Jetzt kommt das Stück erstmals in italienischer Sprache an die Staatsoper – Anja Kampe singt die Titelpartie. Filmregisseur Andreas Dresen führt zum vierten Mal bei einer Opern-Inszenierung Regie. Der aus New York stammende Dirigent James Gaffigan gab 2016 sein Staatsopern-Debüt mit Don Giovanni und leitet nun seine erste Münchner Premiere.

Zum Werk und zum Komponisten

Nach der Uraufführung von Madama Butterfly (1904) vergingen fast sieben Jahre, bevor Puccinis nächste Oper La fanciulla del West aus der Taufe gehoben wurde. Als er sich 1907 anlässlich der Met-Premieren von Manon Lescaut und Madama Butterfly in New York aufhielt, lernte er David Belasco kennen, der mit seinem Schauspiel The Girl of the Golden West (1905) die textliche Grundlage für die Oper in drei Akten lieferte. Erst 1909 fand Puccini die nötige Ruhe, sich kontinuierlich La fanciulla del West zu widmen. Am 6. August 1910 teilte er schließlich seinem Musikverleger Tito Ricordi die Vollendung der Oper mit: La fanciulla del West ist mir von allen Opern am besten gelungen.“ Die lyrische Arie mit ihrer gefühlsbetonten Melodik lässt er völlig in den Hintergrund treten – und spitzt mit avancierter, hochemotionaler Klangdramaturgie die Oper auf die Frage zu, was stärker ist: Recht oder Liebe?

Mit dieser Oper betrat Puccini, sowohl was Schauplatz als auch soziologische Perspektive betrifft, ein vollkommen neues Terrain: Der Stoff ist in den Jahren des größten amerikanischen Goldrausches in der Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt. In einer Reihe von Genreszenen wird ein außerordentlich farbiges und kontrastreiches Bild vom Leben im Lager entworfen. Die dramaturgische Grundkonstellation, eine „klassische“ Dreiecksbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau, erinnert dabei an Puccinis Tosca (1895): Die beiden männlichen Protagonisten sind nicht nur Rivalen, sondern vertreten auch gegensätzliche Positionen in der Gesellschaft. La fanciulla del West allerdings nimmt ein glückliches Ende.

Inszenierung

Andreas Dresen gehört zu den renommiertesten deutschen Filmregisseuren der Gegenwart mit Filmen wie Halbe Treppe, Sommer vorm Balkon oder Halt auf freier Strecke. Im Juli 2015 eröffnete seine Inszenierung von Richard Strauss´ Arabella die Münchner Opernfestspiele.

Dresen sieht viele Parallelen zum heutigen Weltgeschehen: „Menschen aus armen Regionen der Welt suchen in wohlhabenden Regionen Arbeit und Glück, um ihrer Familie zu Hause ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Goldgräbercamps der Neuzeit sind die Baustellen von Katar oder die Bergwerke in Südafrika.“ Aus diesem Grund entschied sich Dresen für eine soziale Sicht jenseits von „Cowboyromantik und Folklore“ und verortet das Bühnengeschehen in der heutigen Arbeitswelt der Bergleute. Minnie wirkt dabei wie eine Lichtgestalt inmitten der zwischen Melancholie, Verzweiflung und Aggression schwankenden Arbeitergestalten und Glückssuchenden. Ihre Hoffnung nährt sich aus dem Glauben und der Sehnsucht nach ewiger, romantischer, alles errettender Liebe – eine Utopie, die auf knallharte Realität prallt.

Hauptpartien

Nach ihren Auftritten in Fidelio, Die Walküre, Der fliegende Holländer und Lady Macbeth von Mzensk kehrt Anja Kampe in der Rolle der Minnie zurück an die Bayerische Staatsoper. Neben ihr vervollständigen der Tenor Brandon Jovanovich als Dick Johnson sowie der Bariton John Lundgren als Jack Rance das klassische „Liebes- und Eifersuchtsdreieck“.

Premierenmatinee zu La fanciulla del West, So, 10. März 2019, 11.00 Uhr, Nationaltheater: In der Premierenmatinee geben Intendant Nikolaus Bachler und Mitwirkende der Produktion Einblicke in Motive und Hintergründe der Inszenierung.

 

—| Pressemeldung Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper, 2017/18 – Zeig mir Deine Wunde, IOCO Aktuell, 24.04.2017

April 22, 2017 by  
Filed under Ballett, Bayerische Staatsoper, IOCO Aktuell, Oper

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper – Spielzeit 2017/18  – Überblick

„Zeig mir deine Wunde“

 

 Bayerische Staatsoper / Intendant Bachler - GMD Petrenko © Joachim Baldauf

Bayerische Staatsoper / Intendant Bachler – GMD Petrenko © Joachim Baldauf

Nikolaus Bachler:  Die Aufforderung „Zeig mir deine Wunde“ ist in mancherlei Sinne eine Zumutung. Sie überschreitet die Grenzen der Privatheit und Intimität. Sie fordert heraus, noch ohne nach den Folgen zu fragen, ohne Verantwortlichkeit.

Genau das macht die Kunst, wenn sie Bedeutung erlangt. Kunst kennt weder Tabus noch Grenzen. Sie trifft ins Innere der Menschen, mit Wohl oder Weh, mit Lust oder Schmerz! Wer sich in die Kunst begibt, übernimmt selbst die Verantwortung für die Folgen an Geist und Seele.

Wer nicht verwundbar ist, ist nicht am und nicht im Leben, denn Schmerzvermeidung bedeutet Glücksverhinderung. Die offene Wunde ist ein Zeichen des Mutes zur Welt und zu den Mitmenschen, weil sie das Gegenüber zur empathischen Auseinandersetzung herausfordert. Doch unsere Welt ist nicht gnädig im Umgang mit Wunden. Wer sie offen zugibt, der zeigt Schwäche, begibt sich in Gefahr, noch stärker verletzt zu werden. Daher steckt der Mensch viel Kraft und Energie in die Verheimlichung oder Verdeckung der eigenen Wunden. Jeder hat Wunden, um die er weiß, die zu zeigen ihm aber schwerfällt.

„Zeig mir deine Wunde“ heißt auch „Vertrau mir, ich möchte mich mit dir beschäftigen, ich möchte dir nahe kommen“. Es ist eine Einladung zu einem Stück gemeinsamen Weges. Auch das tut die Kunst.

Parsifal kann sich der Wunde des Amfortas nicht entziehen. Er muss erkennen, dass die Wunde des Gralskönigs zugleich die Wunden der gesamten Menschheit bedeutet oder schlichtweg eine Metapher für eine verwundete Welt an sich ist. Die Verletzungen der Gräfin in Le nozze di Figaro betreffen alle Beteiligten. Giorgetta und Michele können in Il tabarro in ihrer Beziehung den Verlust des früh verstorbenen Kindes nicht verwinden, weil sie den Schmerz darüber verdrängen. Suor Angelica sucht die Verwundungen ihrer Vergangenheit im Freitod zu lösen. Und Janáceks Aus einem Totenhaus ist ein Hort verletzter Seelen in ihrer inneren und äußeren Gefangenschaft, ebenso wie sie die unterdrückten Sizilianer in Les Vêpres siciliennes erfahren. Und Orlandos Liebeswerben zeigt ihn in aller belächelten Verletzlichkeit.

Das Theater ist ein Ort, an dem die Wunden der Welt gezeigt und erlebt werden können. Das ganze Metier Oper handelt von Wunden – und letzten Endes ist „Zeig mir deine Wunde“ auch eine grundlegende Beschreibung von Kunst an sich.

Parsifal hat eine Erkenntnis: „Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug.“ Erst als er um die Ursache der Wunde weiß, kann er das nötige Mitleid aufbringen, ohne das keine Heilung werden kann – weder uns noch unseren Mitmenschen.

PREMIEREN

  1. Premiere Il trittico (17. Dezember 2017)

Stückdebüt für K. Petrenko, Hausdebüt für Regisseurin Lotte de Beer, Mit Wolfgang Koch, Eva-Maria Westbroek, Ermonela Jaho, Ambrogio Maestri

  1. Premiere Parsifal (28. Juni 2018 – Münchner Opernfestspiele)

Stückdebüt für K. Petrenko, Pierre Audi inszeniert im Bühnenbild von Georg Baselitz, Mit Christian Gerhaher, René Pape, Jonas Kaufmann, Wolfgang Koch, Nina Stemme

  1. Premiere Le nozze di Figaro (26. Oktober 2017)

Musikalische Leitung: Constantinos Carydis, Inszenierung: Christof Loy, Mit Christian Gerhaher, Federica Lombardi, Anett Fritsch, Alex Esposito, Olga Kulchynska

  1. Premiere Les Vêpres siciliennes (11. März 2018)

Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber, Inszenierung: Antù Romero Nunes, Mit Carmen Giannattasio, Bryan Hymel, George Petean, Erwin Schrott

  1. Premiere Der Diktator / Der zerbrochene Krug, Opernstudio (13. April 2018)

Opernstudio-Neuzugänge 17/18: Long Long (Tenor, China), Boris Prýgl (Bariton, Tschechien) Oleg Davydov (Bass, Russland)

  1. Premiere Aus einem Totenhaus (21. Mai 2018)

Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Frank Castorf, Mit Peter Rose, Aleš Briscein, Charles Workman, Bo Skovhus

  1. Premiere Orlando Paladino (23. Juli 2018 – Münchner Opernfestspiele)

Musikalische Leitung: Ivor Bolton, Inszenierung: Axel Ranisch, Mit Sofia Fomina, Edwin Crossley-Mercer, Mathias Vidal, Guy de Mey, Tara Erraught

DER RING DES NIBELUNGEN

Drei Zyklen unter der musikalischen Leitung von Kirill PetrenkoJanuar / Februar und Münchner Opernfestspiele 2018

Inszenierung: Andreas Kriegenburg, Mit Wolfgang Koch, Markus Eiche, John Lundgren, Ain Anger, Ekaterina Gubanova, Okka von der Damerau, Simon O`Neill/Jonas Kaufmann, Anja Kampe, Nina Stemme, Stefan Vinke, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Hans-Peter König, Anna Gabler

REPERTOIRE

 Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier - Jonas Kaufmann - Nai Bridges © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Andrea Chenier – Jonas Kaufmann – JNai Bridges © Wilfried Hösl

Der Ring des Nibelungen: Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung,  Der Rosenkavalier

Insgesamt 43 Werke in der Saison 2017/18, Wiederaufnahmen von unter ander Andrea Chénier, Arabella, Un ballo in maschera, La Calisto, La Favorite, Der fliegende Holländer, Die Gezeichneten, Lady Macbeth von Mzensk, Mefistofele, Die schweigsame Frau, Semiramide, Simon Boccanegra, Il turco in Italia

Sechs Akademiekonzerte Musikalische Leitung: Kirill Petrenko (1., 4. & 6. Akademie-konzert), Cristian Macelaru (Hausdebüt), Lahav Shani (Hausdebüt), Daniele Rustioni

BAYERISCHES STAATSBALLETT

  1. Premiere Anna Karenina  (19. November 2017)

Ballett von Christian Spuck, Musik von Sergej W. Rachmaninow & Witold Lutos?awski, Musikalische Leitung: Robertas Šervenikas

  • Premiere Portrait Wayne McGregor (14. April 2018)

Dreiteiliger Abend: zwei Münchner Erstaufführungen (Borderlands und Kairos) und eine Uraufführung von Wayne McGregor; Eröffnung der Ballett Festwoche 2018

Bayerisches Staatsballett / Romeo und Julia © Wilfried Hösl

Bayerisches Staatsballett / Romeo und Julia © Wilfried Hösl

Premiere Ballettabend Junge Choreographen (4. Juli 2018), Cranko-Fest im Februar 2018 Anlässlich des 90. Jubiläums von John Cranko auf dem Spielplan: Romeo und Julia, Onegin und  Der Widerspenstigen Zähmung

Repertoire 2017/18

Wiederaufnahmen: Raymonda, Don Quijote, Außerdem zu sehen: Alice im Wunderland, La Bayadère, La Fille mal gardée, Giselle, Ein Sommernachtstraum, Spartacus

—| IOCO Aktuell Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper, Premieren Spielzeit 2017 / 2018

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

  Premieren in der Spielzeit 2017 / 18

Das Spielzeitthema der kommenden Saison lautet Zeig mir deine Wunde. Staatsintendant Nikolaus Bachler betont: „Ob positives Wagnis, sich in seiner Verletzlichkeit zu zeigen, oder zweifelnde Wahrheitssuche: Verschiedene Interpretationen liefern den Stoff für unsere sieben Opern-Premieren.“

Opern-Premieren:

26.10.2017 – Le nozze di Figaro
Musikalische Leitung: Constantinos Carydis, Inszenierung: Christof Loy
Mit Christian Gerhaher, Federica Lombardi, Anett Fritsch, Alex Esposito, Olga Kulchynska

17.12.2017 – Il trittico
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko, Inszenierung: Lotte de Beer
Mit Wolfgang Koch, Yonghoon Lee, Ermonela Jaho, Ermonela Jaho, Ambrogio Maestri, Rosa Feola, Pavol Breslik

11.3.2018 – Les Vêpres siciliennes
Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber, Inszenierung: Antú Romero Nunes
Mit Carmen Giannattasio, Erwin Schrott, George Petean

21.5.2018 – Aus einem Totenhaus von Fjodor M. Dostojewski
Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Frank Castorf
Mit Peter Rose, Evgeniya Sotnikova, Aleš Briscein, Bo Skovhus

28.6.2018 –  Parsifal von Richard Wagner
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko, Inszenierung: Pierre Audi
Mit Jonas Kaufmann, Christian Gerhaher, Nina Stemme, René Pape

23.7.2018 –  Orlando Paladino von Joseph Haydn 1732 — 1809
Musikalische Leitung: Ivor Bolton, Inszenierung: Axel Ranisch
Mit Sofia Fomina, Mathias Vidal, Edwin Crossley-Mercer, Tara Erraught


Ballett-Premieren:

19.11.2017 – Anna Karenina 
Choreographie: Christian Spuck, Komponist: Sergej W. Rachmaninow, Witold Lutoslawski, Sulkhan Tsintsadze und Josef Bardanashvili

14.4.2018 – Portrait Wayne McGregor
Choreographie: Wayne McGregor, Musik: Joel Cadbury, Paul Stoney, Max Richter

4.7.2018 –  Ballettabend – Junge Choreographen
Junge Nachwuchschoreographen kreieren für das Ensemble des Bayerischen Staatsballetts zeitgenössische Werke, 

—| Pressemeldung Bayerische Staatsoper München |—

 

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