Lilienfeld, Stift Lilienfeld, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 09.06.2019

 

 Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld

La Traviata – Giuseppe Verdi

Große Oper im Dormitorium des Stift Lilienfeld

von Marcus Haimerl

Oper in der Krypta gastierte mit Giuseppe Verdis zur Erfolgstrias von 1851/53 zählender Oper La Traviata im Stift Lilienfeld. Das in Österreich zwischen St. Pölten und dem Wallfahrtsort Mariazell liegende Zisterzienserstift, eine Stiftung von Herzog Leopold VI. (1176 – 1230) aus der Familie der Babenberger – heute die größte erhaltene zisterziensische Klosteranlage in Mitteleuropa – beherbergt eine kostbare Kreuzesreliquie.

Der Orden selbst geht auf das Kloster Cîteaux (lat.: Cistercium) zurück, das 1098 in Burgund gegründet wurde. Die zwischen 1202 und 1263 errichtete romanisch-gotische Kirche gilt mit ihren 83 Metern Länge als größte Kirche Niederösterreichs. Die heutige Inneneinrichtung stammt aus der Barockzeit. Da das Stift an der Via Sacra, dem traditionellen Wallfahrerweg zwischen Wien und Mariazell, liegt, wurde das Hauptschiff als heilige Straße gestaltet, die in Richtung Hochaltar mehr und mehr an Goldglanz zunimmt.

Stift Lilienfeld / La Traviata - v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / La Traviata – v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Im unglaublich beeindruckenden, mittlerweile als Veranstaltungsraum genutzten Dormitorium, konnte das Publikum Giuseppe Verdis Meisterwerk erleben, welches in derselben Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel A. Wolcott, rund ein Jahr zuvor seine Premiere erlebte. Das Publikum in Lilienfeld erlebte die Geschichte um die schwindsüchtige Kurtisane Violetta Valéry in der der gleichen Frische wie die Wiener ein Jahr zuvor. Für die Umsetzung der Handlung benötigt Joel A. Wolcott wenig Ausstattung und konzentriert sich dabei stark auf die hervorragenden Singschauspieler: Ein Tisch, ein Sofa und zwei Sessel sind ausreichend, um das Liebesdrama von Violetta und Alfredo glaubhaft auf die Bühne zu bringen.

Ergänzt wird das Bühnenbild um Projektionen an die Rückwand des Dormitoriums, die den jeweiligen Handlungsort veranschaulichen. Ein besonders starkes Bild ist die Projektion im dritten Akt: Man sieht eine Taschenuhr, die inmitten abgefallener Blütenblätter fünf Minuten vor 12 Uhr anzeigt; man versteht die Anspielung auf die im Sterben liegende Kameliendame, jenes Romans Alexandre Dumas d.J., der den Rahmen der Handlung für Giuseppe Verdis Meisterwerk bildete.

Joel A. Wolcott lässt bereits in der Ouvertüre, die von der japanischen Pianistin Mami Tsukio hervorragend am Klavier interpretiert wird, drei Protagonisten auftreten. Violetta Valéry wird hintereinander von Gastone und vom Barone Douphol zum Tanz aufgefordert. Dieser Kreis wird sich im Vorspiel zum dritten Akt schließen, wenn sich Violetta, im Fiebertraum und dem Tode nahe, noch einmal von unsichtbaren Herren der Gesellschaft zum Tanzen auffordern lässt.

Père Lachaise / Alphonsine Plessis - Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Père Lachaise / Alphonsine Plessis – Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Die amerikanische Sopranistin Dana Hammett debütierte 2018 bei Oper in der Krypta als ebenso leidenschaftlich liebende wie leidende Kurtisane Violetta und überzeugte mit ihrem wunderschönen, höhensicheren Sopran und starker Mittellage nunmehr auch das niederösterreichische Publikum. Sie berührt intensiv in den lyrischen Passagen der Partie, weiß aber auch in den dramatischen Ausbrüchen die innere Zerrissenheit der Figur musikalisch zu gestalten. Ihre leidenschaftliche Verkörperung dieser tragischen Frauengestalt hinterlässt beim Publikum tiefen Eindruck.

Als ihr leidenschaftlicher Liebhaber Alfredo Germont überzeugt der russische Tenor Pavel Kvashnin, der mit der intensiven Strahlkraft seines kräftigen Tenors das Dormitorium mühelos füllen konnte. Neben der Leichtigkeit, mit der der junge Künstler die Höhen seiner Partie meisterte, war auch die leidenschaftliche schauspielerische Leistung enorm. So konnte man Pavel Kvashnin die Tragik seiner Figur zum Teil schon im Gesicht ablesen.

Als sittenstrenger Vater Giorgio Germont erlebt man den österreichische Bassbariton Florian Pejrimovsky. Durch zahlreiche Auftritte als Scarpia (Puccini Tosca), Rigoletto (Verdi Rigoletto), Colline (Puccini La Bohème) oder als Gefängnisdirektor Frank (Strauss Die Fledermaus), ist er beim Publikum der Krypta in der Wiener Peterskirche ebenso bekannt wie beliebt. Auch in Lilienfeld ist er kein Unbekannter, ist er dort doch Chorleiter des Stiftschores. Florian Pejrimovsky versteht es, mit seinem großen, intensiven Bassbariton Eindruck zu hinterlassen und dominiert mit seiner Stimme ebenso problemlos den Saal. Aus den gemeinsamen Szenen zwischen Bassbariton und Tenor wird hier beinahe ein Kampf der Giganten. Aber auch die leisen Töne sind dem Ausnahmekünstler nicht fremd. Und gerade diese leisen Szenen sind es auch, die Florian Pejrimovsky unglaublich stark darzustellen vermag: Die Zerrissenheit zwischen der harten Schale und dem weichen Kern, zwischen gesellschaftlichen Konventionen und Verständnis für die über gesellschaftliche Zwänge hinausgehende, ehrliche Liebe.

Ebenso erstklassig – um nicht zu sagen luxuriös – sind die kleineren Partien besetzt:
Die französische Sopranistin Alexandra Matloka singt nicht nur die Rolle von Violettas Freundin Flora Bervoix, sondern ist auch jene der Vertrauten und Dienerin Annina. Beide Rollen werden von Alexandra Matloka mit ihrem schönen lyrischen Sopran und ihrer mitfühlenden Darstellung exzellent verkörpert.

Stift Lilienfeld / Traviata - hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / Traviata – hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Um einer kleinen Partie große Bedeutung zu verleihen, braucht man den österreichischen Tenor Calon Danner. Mit seinem schön geführten Tenor und seinem sympathischen, manchmal fast spitzbübischen Charme, lässt Calon Danner in der Partie des Gastone musikalisch und darstellerisch keinerlei Wünsche offen. Auf gleich hohem Niveau erlebt man den jungen mexikanischen Bariton Daniel Valero in der Rolle des Barone Douphol. Mit schönem, vollklingenden Bariton und intensivem Spiel konnte Daniel Valero das Publikum für sich einnehmen. Zum Chor, bestehend aus den beiden wohl disponierten Sopranistinnen Baharan Baniasadi und Natalia Leal, gesellten sich für den ersten Akt auch Statisten aus dem Publikum, die die Bühne als Gäste von Violetta Valérys Fest bereichern.

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen der bereits zuvor erwähnten japanischen Pianistin Mami Tsukio. Mit ihrem leidenschaftlichen, sehr differenzierten Klavierspiel weiß sich die Künstlerin als hervorragende Begleiterin, die die Stimmen der Sänger mühelos trägt und kann außerdem auch in den Vorspielen zum ersten und dritten Akt ihre Qualitäten als Solistin unter Beweis stellen.

Unter den rund 200 Gästen in Lilienfeld befanden sich als Vertreter des Stiftes Frater, Dr. Michael Vurglics, der gastfreundliche, sympathische Vertreter der Stadt, Bürgermeister Wolfgang Labenbacher mit Gattin, und die Titular-Stiftsorganistin der Stiftsbasilika, Karen de Pastel. Erfreut bedachten sie alle die Künstler für die wirklich gelungene Vorstellung mit Standing Ovations und langanhaltendem Applaus. Dank des großen Erfolges dieses Gastspiels wird Oper in der Krypta im kommenden Jahr mit der Erfolgsproduktion Tosca von Giacomo Puccini ins Stift Lilienfeld zurückkehren.

Kulturbegeisterte müssen aber keineswegs solange warten: Der Traviata folgt bereits am 30. Juni 2019 das Eröffnungskonzert der 38. Sommerakademie Lilienfeld: Karen de Pastel, ihres Zeichens nicht nur Stiftsorganistin, sondern auch Präsidentin der Sommerakademie und Leiterin des Internationalen Kultursommers Lilienfeld wird Ein deutsches Requiem, op. 45, von Johannes Brahms, präsentieren. Das interessierte Publikum kommt also in jedem Fall in Lilienfeld, das unglaublich viele musikalische Höhepunkte präsentieren kann, niemals zu kurz.

—| IOCO Kritik Stift Lilienfeld |—

Retz – Niederösterreich, Der Hexer im Erlebniskeller Retz, IOCO Kritik, 12.05.2018

Mai 12, 2018 by  
Filed under IOCO Aktuell, Schauspiel

Im Erlebniskeller Retz / Der Hexer © Weinfranz

Im Erlebniskeller Retz / Der Hexer © Weinfranz

Erlebniskeller Retz

 Erlebniskeller Retz  in  Niederösterreich

Der Hexer  –  Edgar Wallace

Von Marcus Haimerl

Eine Besonderheit der niederösterreichischen Weinstadt Retz ist der Retzer Erlebniskeller, ein Jahrhunderte altes Bauwerk aus Röhren, Nischen und Stollen. Mit einer Gesamtlänge von 20 km wesentlich dichter und weiter ausgebaut als das oberirdische Straßenverkehrsnetz. Diese Keller sind bis zu 20 Meter tief in reinen Meeressand gegraben und bis zu dreigeschossig angelegt.

Die Stadt Retz wurde Ende des 13. Jhdt. am Kreuzungspunkt zweier mittelalterlicher Handelswege, im Norden Niederösterreichs, drei Kilometer von der Grenze zu Tschechien (Mähren) entfernt, gegründet. Die Stadt wurde 1425 durch Hussiten (Taboriten) eingeäschert. Überbrachte Berichte sagen, daß die Hussiten die südliche Stadtmauer untergruben und so die Stadt eroberten. Das sagt auch, daß damals schon ausgedehnte Kelleranlagen unter der Stadt waren, die bis in die Nähe der Stadtbefestigung reichten. Es muß somit damals auch schon einen weitreichenden Weinhandel gegeben haben.

Seit 2013 dient der Erlebniskeller Retz aber auch als Spielort für Theaterstücke, unter anderem für Der Name der Rose, Jack the Ripper und Führerbunker.

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hier Regis Mainka_Ursula Leitner ©  Matthias Karasek

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hier Regis Mainka_Ursula Leitner © Matthias Karasek

Der Hexer von Edgar Wallace, die erste Produktion des Theaterkollektiv handikapped unicorns im Erlebniskeller Retz, schlägt eine neue, humorvolle Richtung ein. Bekannter noch als die Romane des britischen Schriftstellers sind im deutschsprachigen Raum wohl die in Deutschland produzierten Verfilmungen der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Im Stile dieser Filme begibt sich der Zuschauer in diesem Kellerlabyrinth auf die Straßen Londons der 60er Jahre und wird von den Schauspielern von einem Schauplatz zum nächsten geführt. Der Hexer, ein Meister der Verkleidung, kehrt nach London zurück, um Rache am zwielichtigen Rechtsanwalt Maurice Messer zu nehmen, jenem Mann, dem er seine Schwester anvertraut hatte, die jüngst tot in der Themse gefunden wurde. Inspektor Wembury wird mit der Suche nach dem Hexer betraut und Mary Lenley befindet sich als Sekretärin des Rechtsanwalts mitten in der Gefahrenzone. Bald schon stellt sich der Zuschauer die Frage, wer der Hexer denn nun ist. Der undurchsichtige Hauptkriminalkommissar Bliss oder der allzu freundliche Polizeiarzt Dr. Lomond?  Welche Rollen spielen Cora Ann Milton, die Ehefrau des Hexers oder Marys Bruder Johnny Lenley? Fragen, die erst beim großen Showdown beantwortet werden.

Mit leicht psychedelischen Wandverkleidungen, Straßenlaternen und einigen wenigen Requisiten wird der Besucher in das London der 60er Jahre versetzt. Musik dieser Periode (u.a. „Paint it black“ der Rolling Stones, „As tears go by“ von Marianne Faithfull und „This boots are made for walking“ von Nancy Sinatra) oder beispielsweise die Geräusche einer fahrenden U-Bahn, welche das Publikum am Londoner Embankment – authentische Beschilderung inklusive – für die weitere Reise benutzt, machen diese Krimikomödie zu einem ganz speziellen Erlebnis. Mit dieser unglaublichen Detailverliebtheit sorgt das Produktionsteam (Bühnenbild: Kristof und Florian Kepler, Technik: Martin Kerschbaum, Patrick Wildhofner-Schmidt) für eine unglaubliche Stimmung.

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hierLeopold Seliger  und Ursula Leitner ©  Matthias Karasek

Erlebniskeller Retz / Der Hexer_ hierLeopold Seliger und Ursula Leitner © Matthias Karasek

Die Regisseure Ursula Leitner und Nikolaus Stich beweisen, dass man auch auf engstem Raum spannendes und überzeugendes Theater zur Aufführung bringen kann, müssen doch die Akteure sich auch immer wieder durch das Publikum kämpfen um auf verschlungenen Gängen an anderen Handlungsorten wieder auftauchen zu können. Neben der hervorragenden Personenführung zeichnen sich die beiden für die vorliegende Fassung verantwortlich und überzeugen außerdem auch als Darsteller. Ursula Leitner überzeugt als an der Schreibmaschine etwas unbeholfene Sekretärin Mary Lenley und überrascht durch raschen Kostümwechsel. Hervorragend aber auch das restliche Ensemble: Großartig Leopold Selinger als Maurice Messer und J-D Schwarzmann als Dr. Lomond. Claudia Marold als respekteinflößende Cora Ann Milton, Régis Mainka (Inspektor Wembury), Johannes Sautner (Johnny Lenley), Max Kolodej (Inspektor Bliss), Matti Melchinger (Sir John) und Daniel Ghidel (Sam Hackitt) komplettieren das mit Leidenschaft und hoher Professionalität agierende Ensemble.

Die spannende Krimikomödie erfreut sich nicht nur bei den Einheimischen größter Beliebtheit und die Leistung aller Darsteller wurde vom Publikum verdient bejubelt.

Der Hexer im Erlebniskeller Retz: Weitere Aufführungen 11., 12., 13., 17.-.21. und 24.-27. Mai 2018 im Erlebniskeller Retz.

—| IOCO Kritik Erlebniskeller Retz |—