Kurt Weill – Hommage an den Künstler und Menschen, Teil 7, 04.07.2020

Juli 4, 2020 by  
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Kurt Weil 1932 © Wikimedia Commons, the free media repository / Das Bundesarchiv

Kurt Weil 1932 © Wikimedia Commons / Das Bundesarchiv

KURT WEILL – VON DESSAU ZUM BROADWAY
Hommage an sein Leben und Wirken

von Peter M. Peters

Kurt Julian Weill wurde 1900, vor 120 Jahren in Dessau geboren. 1950, vor 70 Jahren starb Kurt Weill in New York. Zwei Gründe für Peter M. Peters, IOCO Korrespondent in Paris, an den großen Menschen und Komponisten zu erinnern: in der bei IOCO erscheinenden KURT WEILL – Folge, dessen abschließender siebter Teil heute hier erscheint.

Kurt Weill – Teil 1 – Berliner Jahre 
Kurt Weill – Teil 2 – Songstil und epische Oper
Kurt Weill – Teil 3 – Verteidigung der epischen Oper – Flucht aus Deutschland
Kurt Weill – Teil 4 – Interlude à Paris
Kurt Weill – Teil 5 – New York und die Erfolge am Broadway
Kurt Weill – Teil 6 –  Der amerikanische Orpheus

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 Teil 7  –  Die letzten Lebens- und Schaffensjahre in den USA
Kurt Weill – erwächst zu einem „American Composer“

Nur drei Wochen nach der Premiere von The Firebrand of Florence, siehe Teil 6 – einziger Misserfolg des Komponisten am Broadway – reist Kurt Weill wieder nach Hollywood. Dort verbrachte er die Monate April und Mai 1945, um aktiv an der Filmfassung von One Touch of Venus mitzuarbeiten (nachdem 1944 die Verfilmung von Knickerbocker Holiday und Lady in the Dark, siehe Teil 5, nur wenig von seiner musikdramatischen Konzeption übernommen hatte).

Es waren historische Monate, die Weill voll innerer Bewegung erlebte. Am 12. April 1945 verstarb Präsident Roosevelt. „Ich war im Studio, als die Nachricht kam – und nie habe Menschen so bewegt gesehen. Er kommt einem so sinnlos, so unsinnig vor, dieser Tod eines Großen in dem Augenblick, in dem wir alle auf den Tod Adolf Hitlers warten“.  Dann der 8. Mai 1945, die Kapitulation der deutschen Wehrmacht. An Lotte Lenya heißt es dazu: „Meinem Linnerl-Darling einen „Happy V-E Day“! („Victory in Europe“). Ich denke den ganzen Tag an Dich, weil es ja der Tag ist, auf den wir zwölf lange Jahre gewartet haben – seit jener Nacht im März 1933, in der wir per Auto nach München fuhren“.

Zurück in New York, erhielt Weill im Spätsommer 1945 den Auftrag für eine Reihe von Rundfunk-Kurzopern. Dafür gedachte er den Typ der alten englischen Ballad Opera aufzugreifen, nunmehr unter Verwendung amerikanischer Volkslieder und Balladen. Gemeinsam mit dem jungen Stückeschreiber Arnold Sundgaard (1909-2006) entstand zwischen August und November daraufhin als erstes, rund fünfundzwanzigminütiges Werk Down in the Valley. Weills Überlegungen dazu knüpften an die Rundfunk-Experimente der Jahre 1929/30 in Deutschland an: „ Wir entschieden uns, den Folksong in seiner natürlichsten Umgebung zu präsentieren: in Szenen aus dem amerikanischen Leben. Die Verbindung der drei Elemente Musik – Drama – Radio, die wir gefunden haben, ist das, was wir eine „natürliche“ nennen“. Im Dezember erfolgte durch CBC die Aufnahme der Kurz-Oper, die jedoch aus verschiedenen Gründen nicht ausgestrahlt wurde. Auch die Fortsetzung der Serie kam nicht zustande. Auf das Werk aber sollte Weill noch einmal zurückgreifen.

Street Scene – das Ice Cream Sextett – Kurt Weill
youtube Trailer Virginia Abrahamse – 1992
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Das ganze darauffolgende Jahr 1946 galt nunmehr der ersten praktischen Verwirklichung des Broadway-Oper-Konzepts. Als geeignete Vorlage schwebte ihm schon seit langem das erfolgreiche, 1929 entstandene Stück Street Scene von Elmer Rice vor, das er bereits 1930 in Berlin (in Hans Reisigers (1884-1968) Übertragung) gesehen hatte – Szenen aus dem Mikrokosmos eines heruntergekommenen New-Yorker Mietshauses. Bei einer ersten Begegnung mit dem Autor im Jahre 1936 hatte dieser auf Weills Vorschlag einer musikalischen Bearbeitung noch ablehnend reagiert und gemeint, es sei zu früh dafür. Jetzt, ein Jahrzehnt später, hielt Rice die Zeit für gekommen, willigte in Weills Plan ein und übernahm selbst die Arbeit am Textbuch. Für die Songtexte wurde Amerikas bedeutendster afro-amerikanischer Dichter, Langston Hughes (1902-1967), gewonnen. Er nahm Weill zu Milieustudien in die Armenviertel von New York mit, in einfache Vergnügungslokale, in die Slums. Unmittelbar danach begann im Frühjahr 1946 fast parallel die Arbeit an Buch und Musik. „Sobald ich über die Musik zu Street Scene nachzudenken begann, entdeckte ich, dass das Stück selbst nach einer großen Vielfalt von Musik verlangte, so wie die Straßen New Yorks ihrerseits die Musik vieler Länder und Völker aufnehmen. Hier hatte ich eine Gelegenheit, unterschiedliche musikalische Ausdrucksformen zu verwenden, vom populären Song bis zu Opernarien und Ensembles; Stimmungsmusik und dramatische Musik, Musik der Leidenschaft und des Todes – und, über allem, die Musik eines Sommerabends in New York“.

So stehen denn in der Partitur Songs im Blues-Stil, die die Atmosphäre konstituieren „Ain’t it Awful, the heat?“ neben solchen, die die ethnische Vielfalt der Figuren charakterisieren It’s the Irish; an Verdi und Puccini geschulte, doch gänzlich amerikanische Arien und Arioso: „Somehow I Never Could Believe, Lonely House“ neben grossen Ensembles Ice Cream Sextett:(siehe Trailer oben) Wrapped in a Ribbon; Songs im Musical-Stil: „Wouldn’t You Like to be on Broadway?“ neben der perfekten Song-and-Dance-Nummer des Broadway: „Moonfaced, Starry-eyed“. Auch musikalisch wird damit vollzogen, was das Buch vorgibt: „die dramaturgische Atomisierung der modernen amerikanischen Gesellschaft im typisierten Tableau einer beliebigen Straße“.

Kurt Weill arbeitete so intensiv wie lange nicht. Im September 1946 heißt es an die Eltern in Palästina: „Die Komposition ist ungefähr 80% beendet und seit 4 Wochen bin ich nun an der Orchestration und sitze an meinem Schreibtisch von 8 Uhr morgens bis spät in die Nacht und schreibe ungefähr 18 Seiten jeden Tag“. Ende November war die Partitur abgeschlossen, unmittelbar darauf begannen die Proben. Die „Playwrights‘ Company“ hatte die Produktion der ersten Broadway Opera übernommen. Bis zu den tryouts in Philadelphia ergaben sich noch diverse Änderungen und Kürzungen, dann folgte am 9. Januar 1947 im New Yorker Adelphi Theatre die Uraufführung von Street Scene. Am Schwarzen Brett hatte Weill einen Brief an das Ensemble ausgehängt, mit dem Schlusssatz: „ Nun liegt alles an Ihnen, und ich wünsche Ihnen, dass Sie heute Abend auf die Bühne gehen mit dem Bewusstsein, eine wichtige Schlacht zu schlagen“.

Street Scene – hier eine Coproduktion Der Theater von Monte Carlo, Madrid, Köln
youtube Trailer Monacoinfo
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Das Premierenpublikum war begeistert, es gab nicht wenige, die in Text und Musik eine Fortsetzung dessen sahen, was 1935 mit Gershwins Porgy and Bess begonnen hatte, zumal die Handlung sich ausnahm wie eine „weiße“ Paraphrase der Porgy-Tragödie. Auch die Reaktion der Presse bescheinigten Weills neuem Erfolg Ansatz. So schrieb etwa Olin Downes (1886-1955): „Wir hatten schon lange den Verdacht, dass eine amerikanische Oper, im vitalen, zeitgenössischen Sinne des Wortes eher aus unserem populären Theater erwachsen würde als aus den Tempeln der Opernkunst. Nach Ansehen und Anhören von Street Scene fühlen wir, dass dieser Verdacht voll und ganz gerechtfertigt war“ (New York Times 1947). Die Produktion erreichte schließlich eine Serie von 148 Vorstellungen – mittelmäßige Laufzeit für ein dramatisches Musical, doch eine noch nie dagewesene Ensuite-Serie für eine Oper am Broadway.

Nachdem im März der Bruder Hans gestorben war (er hatte seit 1938 in New York gelebt), reiste Weill im Mai 1947 zu seinen Eltern nach Palästina, die er seit 1935 nicht mehr gesehen hatte. Dabei machte er auf der Hin- und Rückreise jeweils für einige Tage Station in London, Paris, Rom, Zürich und Genf. Deutschland stand nicht auf seinem Plan. In Palästina, damals noch britisches Mandatsgebiet, wurde er als Berühmtheit empfangen, nicht nur in dem kleinen Ort Nahariya wo seine Eltern und der Bruder Nathan lebten, sondern danach auch in Tel Aviv (wo er eine Probe des Palestine Orchestra beiwohnte und danach von Chaim Weizmann (1874-1952), ein Jahr später erster Staatspräsident Israels, privat empfangen wurde). Zurückgekehrt nach New York, schrieb Weill an Maxwell Anderson: „Bei der Rückkehr in dieses Land hatte ich ein bisschen dasselbe Gefühl wie bei meiner Ankunft hier vor 12 Jahren. Bei all seinen Fehlern (und zum Teil gerade wegen der Fehler) ist es doch der beste Platz zum Leben“.

Kurz nach der Rückkehr gab es Ende Juni 1947 Grund zur Freude: Bei der in diesem Jahr erstmals erfolgenden Verleihung des Tony für die besten Theaterleistungen des vergangenen Jahres (analog zum Oscar für den Film) erhielt Weill für Street Scene den < Special Tony > für herausragende Beiträge zum Theater.

Im Frühjahr 1948 erreichte Weill eine Anfrage von Hans Busch (1909-1996), Leiter des  Opera Workshop – Ensembles der Universität Bloomington im Bundesstaat Indiana, ob er nicht ein geeignetes Werk für die Aufführung durch Studenten schreiben wolle. Weill sagte dem Sohn des ehemaligen Dresdner Opernchefs Fritz Busch (dem er Zustandekommen wie Aufführung seines Opernerstlings verdankte) umgehend zu. Daraufhin entstand im April 1948 eine Neufassung von Down in the Valley, gemeinsam mit Arnold Sundgaard. „Wir veränderten das ursprüngliche Radiostück in eine musikalische-dramatische Form, etwa zweimal so lang wie das Original, mit neuen Szenen, neuen Songtexten und neuer Musik sowie einer neuen Orchestration entsprechend den besonderen Erfordernissen von Schulorchestern“. Als Dramatisierung des alten Folksongs Down in the Valley erzählt die einaktige Folk Opera (wie Weill sie bezeichnete) die ebenso romantische wie dramatische und tragisch endende Liebesgeschichte zweier junger Leute. Das ursprüngliche musikalische Idiom wird in eindrucksvoller schlichter Textur ausgebreitet, neben dem Titelsong finden vier weitere alte Volkslieder Verwendung.

Love Song das populäre 1969 geschaffene Lied von Kurt Weill
youtube Trailer Larry DeMellier
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Der erfolgreichen Uraufführung von Down in the Valley am 15. Juli 1948 (Weill und Lenya waren dazu nach Bloomington gereist) folgten bis 1949 rasch hintereinander nicht weniger als 85 Produktionen vorwiegend an Colleges und Universitäten. Die Parallele der College Opera mit der „Schuloper“ von 1930 liegt auf der Hand. Im Juli 1949 erlebte Down in the Valley seine New Yorker Premiere durch ein engagiertes „Off-Broadway-Ensemble“. Wieder war Weills Name in Verbindung mit einem für Amerika neuartigen Opernprojekt in aller Munde. Stolz schrieb er den Eltern: „Der Kritiker der Times sagt, Down in the Valley wird in die Geschichte eingehen als Ursprung („Fountain Head „) der amerikanischen Oper. Ihr könnt euch denken, was das für mich bedeutet“.

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Kurt Weill Denkmal in Dessau © Ralf Schueler

Kurz nach Abschluss der Arbeit an der Folk Opera hatte sich Kurt Weill noch einmal, auf Anregung der Produzentin Cheryl Crawford, dem Genre des Musical Play zugewandt. Crawford feierte gerade einen nicht erwarteten Broadway-Triumph mit Brigadoon, geschrieben von dem damals noch wenig bekannten Team Frederick Loewe (1901-1988) /Alan Jay Lerner (1918-1986) (die Produktion sollte es am Ende auf 581 Vorstellungen bringen). Nun hatte sie Weill eine Zusammenarbeit mit Textautor Lerner vorgeschlagen. So entstand in intensiver Arbeit im Juli und August 1948 das Vaudeville, so die Bezeichnung, Love Life. Weills Musik demonstriert ein letztes Mal die perfekte Beherrschung des Musicals-Standards, erneut gelangen ihm einige Songs, die rasch die Hitparaden eroberten, etwa Green-up Time und Here I’ll Stay. Neu war die Verbindung von Musical Play mit der älteren Form des Vaudeville, den Autoren gelang damit „.. eine Art „episches Musical“, in welchem Vaudeville-Nummern die Folge der < Show-Songs > unterbrechen und damit deren Aussage kommentieren, verstärken oder relativieren“. Heute gilt Love Life als Modell für alle späteren Concept Musicals, als wichtige Anregung für die Arbeiten von Bob Fosse (1927-1987), Harold Prince (1928-2019) und Stephen Sondheim (1930 -).

Lost in the StarsKurt Weill – gesungen von Lotte Lenya
youtube Trailer Faustino Four
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Eine Schaffenspause für Weill trat danach nicht ein, denn er arbeitete bereits – erstmals wieder seit The Ballad of Magna Carta von 1940 und der Kriegs-Auftragsarbeit Your Navy von 1942 – mit dem Freund und Nachbarn Maxwell Anderson an einem neuen anspruchsvollen Projekt. Im Frühjahr hatte Anderson den eben erschienenen Roman Cry, the Beloved Country des Südafrikaners Alan Paton (1903-1988) gelesen, eine aufrüttelnde Anti-Apartheid-Geschichte „Ich rief sofort Kurt Weill an, um ihm zu sagen, dass ich endlich die Story gefunden hätte, nach der wir seit mehr als zehn Jahren (seit der abgebrochenen Arbeit an Ulysses Africanus suchten. Er las das Buch und stimmte mir sofort zu“ (Interview New York Herald Tribune 1949). Paton hatte keine Einwände gegen eine musikalische Bearbeitung, auch nicht gegen die Verwendung früheren Materials von Anderson/Weill. So entstand zwischen Februar und September in New City die „Musical Tragedy“ Lost in the Stars. Die Geschichte über Rassenkonflikte mochte für das Denken von 1949 noch reichlich utopisch erscheinen, doch, so Weill: „Das wirkliche Gute an dieser Geschichte ist, dass sie eine Botschaft der Hoffnung enthält, dass nämlich die Menschen durch persönliche Annäherungen in der Lage sind, existierende Rassenprobleme zu lösen“ (Interview von 1949). Heute erscheint Lost in the Stars wie ein vorweggenommenes Modell jenes Prozesses, den die von Präsident Nelson Mandela (1918-2013) initiierten Versöhnungskommissionen in Südafrika seit einigen Jahren leisten.

Lost in the Stars Kurt Weill – gesungen von Barbara Hannigan
youtube Trailer Faustino Four
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Die Musik vermeidet alle künstlichen Afrikanismen, dafür sind kräftige Elemente des Spiritual aufgenommen. Die Partitur ist bestimmt von zwei großen Ebenen: die Songs und Ensembles (Lost in the Stars, der Titelsong, stammt aus dem Ulysses Africanus – Material) und die der großen Chorszenen (im Stil des Spiritual mit Leader und Chorus, am beeindruckendsten realisiert in Cry, the Beloved Country). Aus der Verbindung beider Ebenen resultiert starke theatralische Wirkung. Es ist die Fortführung von Weills Konzept der Broadway- Oper, auch wenn er das Werk als Musical Tragedy bezeichnet (und damit für den Besucher die Barrierewirkung von „Oper“ vermeidet). In diesem Sinne äußerte er sich auch nach reichlich fünf Monaten Laufzeit der Produktion: „ Der wirkliche Erfolg des Stückes liegt für mich in der Tatsache, dass das Publikum dies ohne Zögern akzeptierte, dass es eine Menge sehr ernster, tragischer, ganz unbroadwayhafter Musik von Operndimensionen zugleich mit einigen Songs akzeptierte, die in vertrauterem Stil geschrieben waren“. Mit der Verpflichtung von Regisseur Rouben Mamoulian (1897-1987), der schon die Uraufführung von Gershwins Porgy and Bess 1935 in Szene gesetzt hatte, war eine adäquate theatralische Realisation des Stückes garantiert. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem geeigneten – natürlich schwarzen – Sänger für die zweite Hauptrolle. Es war Mamoulian, der schließlich den Porgy von 1935, Todd Duncan (1903-1998), vorschlug. Dieser befand sich gerade in Australien; als ihn das Angebot erreichte, sagte er sofort zu. Die Uraufführung von Lost in the Stars am 30. Oktober 1949 im Music Box Theatre (Dirigent: Maurice Levine (1918-1979)) geriet zu einem außergewöhnlichen Erfolg. Mit einer Serie von 273 Aufführungen war am Ende eindrucksvoll der Beweis erbracht, dass auch anspruchsvolle musikalische Werke durchaus ihren Platz am Broadway haben konnten.

River Chanty aus Huckleberry Finn Kurt Weill
youtube Trailer operamission
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Unmittelbar nach der Premiere hatten Kurt Weill und Maxwell Anderson bereits die nächste gemeinsame Arbeit vereinbart: der Klassiker Huckleberry Finn von Mark Twain sollte in musikalische Form gestaltet werden. Die ersten fünf Songs lagen bis zum Frühjahr des folgendes Jahres vor. Am 2. März 1950, Lost in the Stars lief mit unverändertem Publikumszuspruch, feierte Kurt Weill in New York City seinen 50. Geburtstag. Den Eltern hatte er nicht lange zuvor im Sinne einer ersten Bilanz des Erreichten geschrieben: „ Es sieht fast so aus, als ob ich nun eine Art Erntezeit nach 25 Jahren schwerer, unermüdlicher Arbeit haben würde, nicht im materiellen Sinne, sondern rein idealistisch“.

Weder die „Erntezeit“ zu genießen noch die Projekte zu verwirklichen, die ihn bereits bewegten (neben Huckleberry Finn eine neue Oper mit Arnold Sundgaard), war Kurt Weill noch vergönnt. Am 17. März 1950 erlitt er einen Herzanfall, zwei Tage später brachte ihn Lotte Lenya auf Anraten des Arztes ins New Yorker Flower Hospital. Dort starb er reichlich zwei Wochen später am 3. April  1950. Zwei Tage danach folgte von Brook House aus, wo Weill aufgebahrt war, die Beisetzung. „Um 3 Uhr warf Lenya einen letzten Blick auf Weill, der Sarg wurde geschlossen, und wir alle fuhren zum Friedhof“ (Tagebuch Maxwell Anderson) – dem Mount Repose Cemetery in Haverstraw, einem Ort nahe New York. Maxwell Anderson hielt die Grabrede, mit Lenya gaben u.a. Marc Blitzstein, Elmer Rice und Rouben Mamoulian das letzte Geleit.

Am 10. Juli1 950 fand zu Ehren des Verstorbenen in der riesigen Freilichtarena des New Yorker Lewisohn Stadium ein Kurt Weill Memorial Concert statt. Das New York Philharmonic Orchestra spielte unter Leitung von Maurice Levine. Ausschnitte aus seinen amerikanischen Werken, Maxwell Anderson hielt die Gedenkansprache. Über 10.000 Besucher erhoben sich am Schluss von ihren Plätzen und ehrten damit den „American composer“ Kurt Weill: denn als solcher wurde er inzwischen Augen der breiten amerikanischen Öffentlichkeit gesehen, geschätzt wurde

—| IOCO Portrait |—

Zürich, Tonhalle Maag, Adès – Beethoven – Nielsen, IOCO Kritik, 4.4.2019

Dezember 17, 2019 by  
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle-Orchester   Zürich

Thomas Adès – Beethoven – Carl Nielsen

von Julian Führer

Das Zürcher Tonhalle Orchester präsentierte mit dem Gastdirigenten Alan Gilbert ein abwechslungsreiches Programm. Gewissermaßen als Ouvertüre wurden die von Thomas Adès (* 1971) komponierten „Three Studies from Couperin“ geboten. François Couperin († 1733 in Paris) komponierte diverse Stücke für das Cembalo, von denen Adès drei für Orchester arrangierte und weiterentwickelte und 2006 in Basel als Auftragswerk zur Uraufführung brachte. Les Amusemens sind zunächst zwei oft nahezu parallel verlaufende Viertelketten in tieferer und mittlerer (Cembalo-)Lage, die in der Mittellage auf vielfältige Weisen verziert werden. Adès erweitert das Farbenspektrum erheblich, indem er das durchaus groß besetzte Orchester (konsequent piano oder pianissimo spielend) in den zahlreichen Wiederholungen einzelner Passagen immer wieder unterschiedlich zusammensetzt, gleichwohl ohne jeweils unbedingt Neues zu erzwingen und somit eine fast meditative Atmosphäre schaffend, die sich auf das konzentriert zuhörende Publikum übertrug. Les Tours de Passe-Passe sind wesentlich animierter angelegt, hier ist Adès‘ Erweiterung der Möglichkeiten des französischen Barockkomponisten auch am deutlichsten durch den manchmal auftrumpfenden Einsatz des Schlagzeugs. L’âme en peine schließlich besteht aus einem sehr langsamen Satz, der einerseits in seinem anmutig verzierten ¾-Takt etwas Menuettartiges hat, andererseits durch die grübelnden Dissonanzen und das getragene Tempo an einen Trauerkondukt gemahnt und am besten mit dem französischen Wort langueur charakterisiert wird.

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Konzerthaus Maag / Tonhalle Orchester © Paolo Dutto

Für Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur Opus 58 trat Inon Barnatan an den Flügel. Das Konzert beginnt mit dem Soloinstrument in G-Dur, das nach der Einleitung vom Orchester präsentierte Thema hingegen steht in a-Moll, wodurch sich eine harmonische Spannung ergibt, die dem Kopfsatz erhalten bleibt, auch wenn die Durstimmung insgesamt vorherrscht. Im Orchester gab es zu Beginn eine kurze Irritation, danach überzeugte die Darbietung voll und ganz. Besonders beeindruckend geriet die Präzision, mit der Celli und Bässe auch in schnellen Passagen glänzten. Oboe und Fagott hatten besonders klangschöne Momente. Beim Zusammenwirken von Solist, Dirigent und Orchester entstand der Eindruck eines allgemein guten Einvernehmens. Das von Alan Gilbert modellierte Klangbild war einerseits breitwandig, andererseits wurde das Orchester fast nie laut (im Ausweichquartier des Maag-Areals eine heikle und nicht leicht zu findende Balance) und schuf eine stellenweise kammermusikalische Atmosphäre. Der Dialog mit dem alert einsetzenden Pianisten war in jedem Satz ein echtes Zwiegespräch, auch wenn Beethoven mit diesem Konzert bereits in Richtung einer symphonischen Anlage geht. In den großen Solopassagen der zweiten Hälfte des ersten Satzes wurde die chronologische Nähe zu Opus 57 hörbar, der berühmten Appassionata-Sonate. Inon Barnatan verfügt über eine beeindruckende Bandbreite des Anschlags und konnte es sich aufgrund seiner hervorragenden Technik leisten, das Pedal nur sehr sparsam einzusetzen. Auf den fast mystischen Ausklang des zweiten Satzes (Andante con moto) folgte die übermütige Eruption des Rondo (Vivace), auf das Rondo begeisterter Applaus des Publikums.

Konzerthaus Maag / Tonhalle-Orchester © Priska Ketterer

Konzerthaus Maag / Tonhalle-Orchester © Priska Ketterer

Nach der Pause dirigierte Alan Gilbert die dritte Symphonie von Carl Nielsen, einem Komponisten, der ihm besonders am Herzen liegt. Die Symphonien des dänischen Komponisten hat Gilbert in seiner Zeit als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra eingespielt. Nielsen († 1931) vollendete das Werk im Jahr 1911. Der erste Satz geht zunächst stürmisch voran, bevor es in der Durchführung einen Walzer zu hören gibt. In diesem ersten Teil hatte das Blech in der Klangbalance etwas Übergewicht, der Schlussakkord allerdings beeindruckte mit langem Nachhall. Das Andante pastorale des zweiten Satzes beginnt sehr ruhig und erweitert erst nach und nach den Apparat der eingesetzten Instrumente. In den letzten drei Minuten des Andante mischen sich eine Männer- und eine Frauenstimme ins Orchester, das molto tranquillo (so die Partituranweisung) die Stimmen begleitet, die reine Vokalisen singen, also keinen Text haben. Benjamin Appl und Christina Landshamer fügten sich mit ihren Stimmen sehr harmonisch in das Orchester ein (in dem auch an dieser Stelle das Blech etwas zu sehr in den Vordergrund trat). Ganz zu Ende des Satzes steigert sich das Tempo etwas (adagio, dann wieder tranquillo). Nielsen wollte hier eine paradiesähnliche Stimmung schaffen – und das ist ihm zweifelsfrei gelungen. Das siebenminütige Allegretto verlangt von den Musikern technische Höchstleistungen in bezug auf Schnelligkeit, während der Finalsatz deutlich breiter daherkommt. Besonders in Streichern und Blech breit orchestrierte Passagen lassen an Sibelius denken.

Das Publikum, das nach Adès interessiert und nach Beethoven begeistert war, applaudierte nach Nielsen freundlich – und einige Plätze waren nach der Pause auf einmal frei. Es wäre wünschenswert, dass das Zürcher Publikum bei einem über hundert Jahre alten Werk künftig etwas neugieriger reagiert.

—| IOCO Kritik Tonhalle Zürich |—

Dresden, Semperoper,  Eröffnungskonzert – Sächsische Staatskapelle Dresden, IOCO Kritik, 04.09.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Eröffnungskonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

 Ein Höllenritt mit Yuja Wang und Myung-Whun Chung 

von Thomas Thielemann

Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 gehört zu den Rekordhaltern berüchtigter Musikstücke. Unspielbar und Elefantenkonzert sind die häufigsten dem Werk angehängten Bezeichnungen. Mit dem Konzert wird ein Niveau der erforderlichen pianistischen Virtuosität erreicht, das in der Folge sinnvoll kaum steigerungsfähig ist. Im Klavierpart hat das Rach. 3 von den großen Klavierkonzerten die meisten Noten pro Sekunde. Unter dem Druck des technisch hochkomplizierten Werkes soll der durch eine schizoaffektive Störung vorgeschädigte  australische Pianist David Helfgott 1970 sogar den Verstand verloren haben. Inzwischen spielt er zwar das Konzert wieder. Mit einem über Helfgotts Comeback gedrehtem Film:„Shine-Der Weg ins Licht“ gelangte  das 3. Klavierkonzert in die Lichtspielhäuser der Welt und damit auch zu breiter Popularität.

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der sechsunddreißig jährige Pianist Rachmaninow war 1909 zu einer Tournee in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Da sein 2. Klavierkonzert in den USA nur verhalten aufgenommen worden war, er aber auf einen finanziellen Erfolg des Gastspiels angewiesen war, beschloss er, mit einem neuen Konzert anzureisen. Im April 1909 verließ die Familie Dresden und zog sich auf das Familiengut der Rachmaninows Iwanowka zurück. Unter extremen Zeitdruck komponierte er sein d-Moll-Konzert, weil bereits im November Tourneebeginn vertraglich vereinbart war. Am 23. September war die Komposition soweit fertig, so dass der Komponist die Überfahrt nutzen konnte, auf einem stummen Klavier den Solopart des „Konzertes für einen Elefanten“ zu üben. Am 28. November 1909 fand dann in der Carnegie Hall die Uraufführung mit dem Solisten Rachmaninow und dem New York Symphony Orchestra  unter Walter Damrosch statt. Die Kritik bemängelte etwas ratlos, dass dem Konzert Rhythmus und harmonische Kontraste fehle. Erst die Aufführung des Konzertes mit dem New York Philharmonic unter Gustav Mahler  am 16. Januar 1910 brachte, allerdings nach intensiver Probenarbeit des Pianisten Rachmaninow, den Erfolg.

Im ersten Symphoniekonzert der Saison 2019/20  bot Yuja Wang das Konzert mit der Staatskapelle und deren ersten Gastdirigenten  Myung-Whun Chung. Die Pianistin haben wir inzwischen mehrfach als technisch auf höchstem Niveau agierende Virtuosin kennen gelernt. Aber mit philosophischem Tiefgang war sie zumindest mir bisher nicht aufgefallen. Mithin war sie mit ihrer extremen Leichtigkeit des Spieles und ihrer Intensität bei der Bewältigung des oft halsbrecherischen Tempos der Partitur die ideale Interpretin des Virtuosen-Stückes. Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Myung-Whun Chung  begleitete das ungestüme Klavierspiel mit den Musikern der Staatskapelle nuanciert, pünktlich und lebendig. Er rundete so die Interpretation in vollkommener Form ab und verschaffte uns damit einen lebendigen Saisonauftakt.

Im zweiten Konzert-Teil der Saisoneröffnung brachte Myung-Whun Chung mit der Staatskapelle die zweite Sinfonie von Johannes Brahms zu Gehör.

Während sich Johannes Brahms mit seiner ersten Symphonie von, der ersten Planung 1854 bis zur Uraufführung im November 1876, regelrecht herumgeplagt hatte, konzentriert sich, (zumindest nach unserem Wissen über die Arbeit an der zweiten Symphonie), die Entstehung auf das Jahr 1877. Weil Brahms keine Kompositionsskizzen hinterließ, ist die Entstehungsgeschichte nur von Briefen und Äußerungen des Komponisten abzuleiten. Danach entstand die Symphonie vor allem während eines Sommer-Aufenthalts im Juni 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Im September begab sich Brahms anschließend, wie seit1865 in jedem Jahr, nach Lichtenthal bei Baden –Baden.

Dort hatte 1862 Clara Schumann ein Haus gekauft, um sich zwischen ihren anstrengenden Konzert-Tourneen, die üblicherweise vom Oktober bis zum Mai dauerten, zu erholen und sich mit ihrer Familie sowie Freunden zu treffen. Für Brahms war im Haus unter dem Dach eine Wohnung mit zwei Zimmern eingerichtet. Nach Berichten der Schumann-Töchter sei Brahms 1877 recht mürrisch gewesen, was auf seine unglückliche Situation in der Hausgemeinschaft zurückgeführt werden könnte. Er gehörte zwar wie selbstverständlich zur Familie, nahm aber keine eindeutige Stellung, weder als Ehemann noch als Sohn, ein. „Wir Kinder hatten Brahms  alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich die Tochter Eugenie. Clara und Johannes musizieren zusammen, gehen spazieren und essen gemeinsam, fanden aber nicht mehr zueinander, nach dem sie beide bereits 1856 beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen.

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Am 24. September berichtet Clara Schumann, Brahms habe eine neue Symphonie fertig. Die Uraufführung des Werkes fand am 30. Dezember 1877 in Wien unter der Leitung von Hans Richter statt. Ab dem 10. Januar 1878 ging Brahms mit seiner Schöpfung von Leipzig auf eine erfolgreiche Tournee.

Die Symphonie D-Dur op. 73 wird häufig als heiter, natürlich und pastoral charakterisiert. Tiefere Analysen unterstellen aber Johannes Brahms eine ambivalente Haltung zur Naturpoesie. Er selbst berichtete von melancholischen Stimmungen, so dass der Begriff der „gebrochenen Idylle“ das Werk besser beschreibt. Auch zweifelt man inzwischen an, dass Brahms zunächst die Ecksätze und erst zum Schluss die Mittelsätze komponiert habe.

Intensiv führte Chung die Musiker im gesamten ersten Satz in einem großen Spannungsbogen durch die Partitur. Dabei entstand die Spannung vor allem durch ein ungewöhnlich strikt gleichmäßiges Tempo, ohne die kraftvolle Steigerung in der Durchführung des zweiten Themas zu vernachlässigen. Das Adagio non Troppo begann mit einer wehmütigen klangvollen Kantilene der wunderbaren Violoncelli-Gruppe der Staatskapelle. Chung formte in der Folge die brahmssche Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren als eine Naturidylle und bringt dabei die dunklen Farben und grüblerischen Momente auf das Eindrucksvollste zur Geltung.

Mit dem  dritten Satz „Allegro grazioso“ lockert Myung-Whun Chung die Bedeutungsschwere  der beiden ersten Sätze behutsam auf. Mit dem Finale betonte er aber wieder das brahmssche Grübeln und die Tiefsinnigkeit. Der Schluss wurde damit nicht zum Jubel, sondern eher zu einem fiebrigen Ausklang.

Wie schon so oft, begeisterte Myung-Whun Chungs Dirigat mit seiner Detailgenauigkeit, der Präzision und seiner Energie. Er hatte aber offenbar begriffen, dass nach dem Rachmaninow-Feuerwerk die Besucher eher etwas gedämpft waren und schickte sein Publikum mit einem fulminant vorgetragenen  „Ungarischen Tanz“ nach Hause.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Hamburg, Elbphilharmonie, New York Philharmonic – Alan Gilbert, IOCO Kritik, 10.4.2017

April 11, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

New York Philharmonic mit repetetiven Strukturen zum Licht

„Die Kraft der Minimal Music“

Von Sebastian Koik

Mit dem New York Philharmonic kommt am 4.4.2017 nach dem Chicago Symphony Orchestra das zweite US-amerikanische Orchester zu Gast in die Elbphilharmonie nach Hamburg. Es gehört ebenfalls zu den so genannten Big Five ihres Landes, ist ein Orchester der Superlative: Das älteste amerikanische Sinfonieorchester und eines der ältesten Orchester überhaupt. In der aktuellen Saison feiert es seinen 175. Geburtstag. Seit 1917 hat das New York Philharmonic mehr als 2000 Einspielungen veröffentlicht. Außerdem ist es bereits in 432 Städten in 63 Ländern aufgetreten. In der aktuellen Spielzeit erreicht das Orchester durch seine Konzerte in New York und weltweit, Downloads, internationale Fernseh-, Radio- und Internetauftritte und seine zahlreichen Bildungsprogramme bis zu 50 Millionen Musikliebhaber.

Der aktuelle Dirigent des renommierten Orchesters ist Alan Gilbert und steht damit in der Tradition musikalischer Giganten des 20. Jahrhunderts wie Gustav Mahler, Arturo Toscanini, Leonard Bernstein, Pierre Boulez und Kurt Masur. Außerdem dirigiert er regelmäßig andere führende Orchester der Welt und hat einen Direktorenposten an der renommierten New Yorker Juillard School. Übrigens war er ehemals Erster Gastdirigent des jetzigen NDR Elbphilharmonie Orchesters und beweist in der Einführung zum Konzert, dass er immer noch hervorragend Deutsch spricht.

Ganz passabel Deutsch scheint übrigens auch der Komponist der beiden Stücke des Abends, John Adams, zu sprechen. Er tut es jedenfalls ein paar Sätze lang in der Einführung, bevor er dann allerdings doch ins Englische wechselt. John Adams gehört zu den erfolgreichsten US-amerikanischen Komponisten überhaupt. Er gewann diverse Grammy-Auszeichnungen und besitzt mehrere Ehrendoktorwürden. Adams komponiert für die unterschiedlichsten Besetzungen und Formate, am liebsten aber groß angelegte Orchesterwerke.

 Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Außergewöhnlich früh fühlte sich John Adams zum Komponieren berufen. Schon mit elf Jahren nimmt er seinen ersten Kompositionsunterricht. Nicht interessiert an der Kompositionsweise Arnold Schönbergs, die man ihm beim Kompositionsstudium in Harvard vermitteln will und deren Klangergebnisse ihm nicht zusagen begibt er sich nach seinem Abschluss auf die Suche nach etwas anderem. Er findet die Minimal Music, die kleinste Motive unendlich lange wiederholt und variiert und feiert in diesem neuen Stil große Erfolge.

Er will sich allerdings nicht durch stilistische Strenge beschränken. Er will Musik schreiben, die einen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen hat, die die Menschen berührt und trotzdem etwas Neues beinhaltet. Anders als Kollegen, die ausschließlich im Feld der Neuen Musik arbeiten und sich nur im Bereich der so genannten Avantgarde, der unerschlossenen Welt des Neuen bewegen, hat Adams keine Probleme damit, sich auf vergangene Formen und Harmonien zu beziehen.

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Das erste Stück des Abends trägt den Titel Absolute Jest und basiert auf Fragmenten von diversen Stücken von Ludwig van Beethoven. Adams arbeitete und experimentierte für dieses Stück am Computer. Er wendete einen Algorithmus auf die Beethoven-Fragmente an und formte die Musik damit um. Er konnte sie spiegeln, in die Länge ziehen, neu anordnen oder sie übereinander schichten. Und mittels des Computers konnte er sofort überprüfen wie sich die Ergebnisse dieser Operationen anhörten.

Adams ergänzt das Orchester um ein Streichquartett, das in erster Linie die Fragmente aus den Beethoven-Quartetten spielt. Das Orchester wiederum ist im Wesentlichen für die am Computer neu entstandenen  Passagen verantwortlich. Das Streichquartett übernimmt in diesem Spiel immer mehr die Führung und treibt das Orchester vor sich her.  Im Ergebnis ist das schön und interessant. Die Komposition hat eine gute innere Spannung und ist lebendig pulsierend. Die Musiker setzen das Stück ganz hervorragend um. Sie spielen diese sehr energiereiche Musik spritzig, sehr präzise und musikalisch. Der erste Geiger der Solisten, Frank Huang, hat einige überzeugende, feurige Soli. Zwischendurch verliere ich ein wenig Interesse an der Komposition, bevor sie mich in dem letzten Minuten des Stückes wieder mitnimmt. Ganz zum Schluss entsteht durch die Überlagerung von verschiedenen übereinander geschichteten, sich wiederholenden Elementen ein sehr interessanter und angenehmer Eindruck von Chaos und Harmonie gleichzeitig.

Das zweite Stück des Abends Harmonielehre nennt sein Schöpfer den gelungenen „einmaligen Versuch die Chromatik des Fin de Siècle mit den rhythmischen und formalen Verfahren des Minimalismus zu verbinden.“ Es beginnt überzeugend und begeistert mit sehr luftig-leicht wirkenden Minimal Music-Wiederholungsschleifen und interessanten Schichtungen verschiedener Klang- und Rhythmus-Elemente. Es ist Spannung, Energie und ein großes Klangfarbenspektrum in der Musik. Danach wechseln sich sehr klassisch-sinfonische Passagen wiederholt mit minimalen Strukturen ab.

Nach dem sehr lauten und energiereichen Finale des ersten Satzes beginnt der 2. Satz mit warm wabernden Kontrabässen. Dann kommen die Celli dazu und lange Zeit wird das Orchester nur zu geringen Teilen verwendet, oft spielen nur ein oder zwei Sektionen gleichzeitig. Später wird das Orchester wieder etwas voluminöser eingesetzt, doch über weite Strecken vermag mich dieser zweite Satz nicht mitzunehmen.

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und John Adams rechts © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und John Adams rechts © Claudia Hoehne

Sehr spannend wird dann der dritte Satz! Er begeistert zunächst mit wunderbar feinen, luftigen Klängen enormer Leichtigkeit. Es klingt paradiesisch. Das Orchester spielt sehr feingeistig ätherisch wirkende repetetive Strukturen und elegante Modulationen. Es ist schöne, interessante, quirlige, sonnendurchflutete Musik! Danach legt sich wie ein Schatten eine gewisse Schwere und Düsterkeit auf die Musik. Sich unentwegt wiederholende Elemente brechen das dann wieder auf, bahnen sich neue Wege. Die Musik wird wieder fröhlicher, heller, lebendiger und energiereicher.

Das Spiel wiederholt sich noch einmal: Erst legen sich Schatten über die minimalen Strukturen, doch dann bahnt sich die Musik mit der Kraft der minimalen Wiederholung wieder Wege zum Licht. Nach einer weiteren Verdunklung existieren beide Seiten für eine Weile gleichwertig nebeneinander. Es wird lauter und mächtiger, unruhiger, nervöser. Viele verschiedene Klangflächen und Loops werden übereinander geschichtet. Die Pauken treiben voran. Die Musik zuckt und flimmert. Als es dann endet ist es als sei die Musik wie das Raumschiff Enterprise in Richtung irgendwelcher interessanten Orte des Universums entschwebt. Das klingt schön, bezaubernd, spannend und mitreißend. Und einzigartig. Es ist ein ganz besonderes musikalisches Erlebnis und eine wundervolle Minimal Music-Erfahrung.

Das New York Philharmonic unter Alan Gilbert hat sich als Weltklasse-Orchester präsentiert und einzigartige und spannende Musik aus ihrer Heimat mitgebracht. Herzlichen Dank!

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

 

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