La Tragédie de Salomé – Florent Schmitt – NAXOS, IOCO CD-Rezension, 10.01.2021

Januar 10, 2021 by  
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Florent Schmitt - La Tragédie de Salomé - CD © NAXOS

Florent Schmitt – La Tragédie de Salomé – CD © NAXOS

La Tragédie de Salomé – Florent Schmitt

NAXOS – DDD, 2019/2020 – Bestellnr  10308223 – erschienen 13.11.2020

Florent Schmitt: La Tragédie de Salomé – Symphonic Poem, Op. 50 (1910), Musique sur l’eau (version for voice and orchestra), Op. 33 (1898), Oriane et le Prince d’Amour – Suite, Op. 83bis (1934-1937), Légende (version for violin and orchestra), Op. 66 (1918), Susan Platts (Mezzosopran), Nikki Chooi (Violine), Women’s Choir of Buffalo, Buffalo Philharmonic Orchestra, JoAnn Falletta. Naxos 8.574138, 2020.

von  Julian Führer

Der französische Richard Strauss? Meisterliche Klangfarben-Malereien von Florent Schmitt  – auf NAXOS – CD

Florent Schmitt um 1900 © Wikipedia

Florent Schmitt um 1900 © Wikipedia

Florent Schmitt (1870-1958) hat in seinem langen Leben ein vielfältiges Werk hinterlassen. Nach dem Studium am Konservatorium in Paris, unter anderem beim das Werk Richard Wagners verehrenden Albert Lavignac und dann bei Jules Massenet und Gabriel Fauré, wurde er im Jahr 1900 Preisträger des prestigeträchtigen Prix de Rome, den vor ihm Georges Bizet, Camille Saint-Saëns, Jules Massenet, Claude Debussy und Paul Dukas gewonnen hatten. Abgesehen von der Oper hat er die meisten musikalischen Genres der Zeit mit eigenen Kompositionen bedient. Eine Aufnahme aus Buffalo ruft nun einigermaßen Bekanntes in Erinnerung, wartet aber auch mit zwei Ersteinspielungen auf.

Die symphonische Dichtung La Tragédie de Salomé Opus 50 gehört zu Schmitts bekannteren Werken. Ganz im Geist des Fin de siècle, als Salome ein bevorzugtes Thema der Künste war (man denke nur an Oscar Wilde und Richard Strauss), komponierte Schmitt 1907 ein umfangreiches Werk für kleines Orchester, das er 1910 im Umfang reduzierte, aber für großes Orchester umarbeitete. Die Skandaloper von Richard Strauss war Ende 1905 uraufgeführt worden und hatte rasch Berühmtheit erlangt; Schmitt scheint die Partitur gekannt zu haben (er hatte Strauss selbst bereits 1899 getroffen), zumindest lassen einige Klangfarben und die Mischung von scharfer Rhythmik und orientalisierendem Gestus dies vermuten. Gewidmet wurde diese Partitur allerdings Igor Stravinsky, der 1910 in Paris war. Die textliche Grundlage für das Tongedicht lieferte Robert d’Humières. Das Orchester nun ist spätromantisch-breit besetzt, das Englischhorn übernimmt eine wichtige Funktion, gerade in der Einleitung (Prélude). Schmitt beherrscht die Kunst, ein sehr großes Orchester im stetigen Wechsel der Klangfarben über weite Strecken so zurückhaltend zu instrumentieren, dass dem Hörer ein Breitwandpianissimo aufgefächert wird, insgesamt schwerer als bei Debussy, doch unverkennbar französisch, mit vielen Dämpfern in den Streichern und rhythmischen Reizen (Triolen, 32tel-Verzierungen, Wechsel in den 5/4-Takt). Die auf das Prélude folgende Danse des Perles illustriert, wie erst Herodias und dann Salome selbst sich schmücken und diese dann ihren ersten Tanz vollführt. Noch mehr als im Prélude werden die Harfen eingesetzt, ein Glockenspiel kommt dazu. Die Streicher treiben die Bewegung an, in der Tanzpassage steht das Schlagwerk mehr im Vordergrund.

La Tragédie de Salomé von Florent Schmitt – hier mit dem Orchestre de Paris
youtube Florent Schmitt
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Der folgende zweite Teil der Klangdichtung wird wieder langsam eingeleitet. Florent Schmitt fordert hier den Einsatz eines Sarrusophons, eines Rohrblattinstruments, das in der französischen Militärmusik vereinzelt Verwendung findet und Eigenschaften eines tiefen Holzblasinstruments mit denen eines mittleren Blechs vermischt (Schmitt hatte seinen Wehrdienst unter anderem in einer Musikkompanie abgeleistet). Dieses Sarrusophon alterniert hier mit der Bassklarinette. Im folgenden, Les enchantements de la mer betitelten Abschnitt erinnern die Flöten sehr an Debussy, abermals werden oft die Harfen eingesetzt, und zwischen Oboe und Horn entspinnt sich ein Dialog, während Herodes, so der Begleittext, auf das wabernde Meer schaut und sich im Dunst langsam die Silhouette der Salome abhebt… An dieser Stelle hat Schmitt Vokalisen komponiert, erst solistisch (Susan Platts), dann von insgesamt sechs Chordamen. Die Farben sind üppig, die Stimmen berückend, die Stimmung schwül – und dann folgt die Danse des éclairs, notiert „avec frénésie“. Gemäß der Vorgabe von d’Humières ist die Szenerie nur durch Blitze ab und an erhellt, schemenhaft erkennt man die nackt tanzende Salome, den gierigen Tetrarchen Herodes und Johannes den Täufer,dessen abgeschlagener Kopf dann Salome auf dem Tablett dargeboten wird. Passagen mit scharfer Rhythmik wechseln auch hier wieder mit leisen Passagen, in denen Bratsche und Oboe solistisch auftreten, während gedämpfte Violinen und gestopfte Hörner begleiten – es wäre wahrlich sehr erstaunlich, wenn sich Schmitt hier nicht von Salomes Tanz bei Richard Strauss hätte inspirieren lassen. Diese Szene mündet in die Danse de l’effroi (den Tanz des Grauens), der eine sich gegen Salome entfesselnde Natur evoziert und der Igor Stravinsky bis hin zur Musik von Le Sacre du Printemps beeinflusste. Strauss und Schmitt sind sich zeitlich, vom Thema und von den Kompositionstechniken her sehr nahe.

Florent Schmitt - La Tragédie de Salomé - CD © NAXOS

Florent Schmitt – La Tragédie de Salomé – CD © NAXOS

Auf der CD folgt die Musique sur l’eau Opus 33 in der erstmalig aufgenommenen Fassung für Gesang und Orchester von 1898. Der Text ist ein Gedicht des symbolistischen Dichters Albert Samain, der auch Vorlagen für Camille Saint-Saëns und Gabriel Fauré geliefert hat – „Oh, écoute la symphonie / Rien n’est doux comme une agonie / Dans la musique indéfinie / Qu’exhale un lointain vaporeux“. Als Musikkritiker hat sich Florent Schmitt mitunter über solche Dünste lustiggemacht, er war auch mit Erik Satie befreundet, aber als Komponist war ihm derlei doch nicht fremd, wie deutlich zu hören ist; doch verrät die Faktur auch den Könner, wie in einem Orchesterlied von Richard Strauss wird die Stimme von Harfen umgarnt, und ein breiter Streicherapparat wird soweit gezügelt, dass der Teppich zwar sehr warm, aber noch nicht zu dick ist. Susan Platts als Solistin artikuliert den französischen Text sehr klar und formt die Töne so, dass das Hören wirklich ein ästhetisches Vergnügen bereitet.

Schmitt war produktiv, lange nach den bislang besprochenen Stücken schrieb er 1934-1937 eine Ballettmusik Oriane et le Prince d’Amour Opus 83, aus der er die Suite Opus 83bis formte. Bemerkenswert, wie sich Schmitt selbst treu blieb, seine Kompositionen blieben vom parfümierten spätromantischen Klangideal geprägt, raffiniert sind sie auf jeden Fall: die ruhigen Rahmenteile (jeweils „Calme“ überschrieben) variieren Orientalismen wie die Salome-Dichtung, während die mittleren Passagen (die schmachtende Danse d’Amour und vor allem die Danse des Mongols) doch eigene Farben entwickeln. In der Behandlung des Schlagwerks und den rhythmisch stärker akzentuierten Passagen ist Stravinskys Einfluss doch zu ahnen (vor allem aus Petruschka), doch bestünde auch bei einer musikalischen Blindprobe kaum ein Zweifel, dass es sich um durch und durch französische Ballettmusik handelt.

Abschließend ist die Légende Opus 66 von 1918 zu hören in der hier erstmalig eingespielten Fassung für Violine und Orchester. Die erste Fassung war ein Auftragswerk von Elise Hall aus Boston, die sich Kompositionen für Altsaxophon gewünscht hatte – Debussy komponierte eine Rhapsodie für sie, Schmitt die technisch deutlich anspruchsvollere Légende, von der er dann noch Fassungen für Bratsche und für Violine herstellte. Nikki Chooi präsentiert den Solopart mustergültig, während das begleitende Orchester eher ruhig bleibt. Auffallend sind einige Passagen für die Flöten sowie Schmitts auf dieser CD immer wieder durchscheinende Vorliebe für die Harfe. Ein Interview mit Nikki Chooi und anderen Musikern über die verschiedenen Fassungen und ihre jeweiligen Charakteristika ist in diesem link – HIER ! _ hier zu finden:

Das Buffalo Philharmonic Orchestra ist ein Klangkörper, der die zahlreichen von Florent Schmitt in der Partitur vorgenommenen Anweisungen zu Tempi und Dynamik stets flexibel umsetzt. JoAnn Falletta als Dirigentin hat hier hörbar gute und gründliche Arbeit geleistet. Die Aufnahmequalität ist beispielhaft, und die Kommentare im Booklet (in englischer und französischer Sprache beigegeben) von Edward Yadzinski setzen Maßstäbe. Dem Label Naxos ist zu danken, dass solche Aufnahmen zur Verfügung stehen, und es ist zu wünschen, dass dieser Komponist, dem eine eigene Website gewidmet ist, www.florentschmitt.com  als Vertreter der französischen Spätromantik wieder etwas bekannter wird.

—| IOCO CD-Rezension |—

Jules Massenet – Visions / Brumaire / Espada / Les Érinnyes, IOCO CD-Rezension, 18.11.2020

November 18, 2020 by  
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Naxos CD 8.574178, 2020 - Jules Massenet

Naxos CD 8.574178, 2020 – Jules Massenet

Jules Massenet  – Royal Scottish National Orchestra – Jean-Luc Tingaud

Visions – Symphonic Poem, Brumaire – Overture, Espada  – Suite,  Les Érinnyes – Incidental Music,  Phèdre – Overture

Jules Massenet Naxos CD 8.574178 – 2020

von Julian Führer

Jules Massenet Grab in d'Égreville - Seine-et-Marne -Paris © Wikimedia Commons - Gegeours

Jules Massenet Grab in d’Égreville – Seine-et-Marne -Paris © Wikimedia Commons – Gegeours

Jules Massenet (1942-1912) war ein ausgesprochener Vielschreiber. 27 Opern, 200 Lieder, dazu Ballette und diverse Schauspielmusiken zeugen von seiner ungebremsten Schaffenskraft. Heute sind nur noch die Opern Manon und Werther bekannt (beide zuletzt am Opernhaus Zürich – siehe Trailer unten –  zu erleben), allenfalls noch Thaïs. Vorliegende Aufnahme präsentiert weniger bekannte oder auch ganz vergessene Werke des französischen Komponisten. Mit Jean-Luc Tingaud steht ein ausgewiesener Spezialist für das französische (Opern-) Repertoire des Fin de Siècle am Pult. Aufgenommen wurden diese Stücke am 27. und 28. August 2019 im New Auditorium der Glasgow Royal Concert Hall.

Werther von Jules Massenet mit Diego Florez in Zürich
youtube Trailer Opernhaus Zürich
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1899 veröffentlichte Édouard Noël das weitschweifige Schauspiel Brumaire, das den damals genau ein Jahrhundert zurückliegenden Staatsstreich Bonapartes am 18. Brumaire des Jahres VIII (= 9. November 1799) zum Thema hatte. Massenet komponierte hierzu eine 1901 aufgeführte mitreißende Ouvertüre. Zunächst dräuen Bläser und Pauke, dann folgt in den Streichern ein Seitenthema in Moll, gestopfte Hörner und brummende Bässe künden von drohendem Unheil. Punktierte Rhythmen vor allem der Celli künden von Rastlosigkeit – ein effektvolles Stück Gebrauchsmusik, sicher nicht für die Ewigkeit komponiert. Nach gut der Hälfte des Stückes hört man die kleine Trommel und Trompetenfanfaren aus der Marseillaise („Aux armes, citoyens!“), die von Glocken, Flöten und Harfen abgelöst werden (eine Apotheose von Gounodschem Format kündigt sich an). Die Bläsersätze werden üppiger, von Becken und Trommel untermalt, und münden in einen wahrhaft großen Schluss. So kam Napoleon musikalisch in der Rückschau an die Macht – die Marseillaise freilich ließ er nach seiner Kaiserkrönung 1804 verbieten. Ein effektvoller, gelungener Auftakt.

 Visions - poëme symphonique - Handschriftliche Aufzeichnungen von Jules Massenet © Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Visions – poëme symphonique – Handschriftliche Aufzeichnungen von Jules Massenet © Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Massenet : Die Wiederentdeckung eines vielseitigen Vielschreibers
Massenet mit unbekannten Stücken auf neuer Naxos CD

Es folgt die symphonische Dichtung Visions von 1891, die eigenhändige Reinschrift der Partitur Foto links. Über lange Zeit dominieren Streicher, besonders im hohen Register (ein Hauch von Brünnhildenfelsen im dritten Akt Siegfried weht über das Orchester), eine rhythmische Flötenmelodie kommt hinzu, von Oboen und Klarinetten übernommen (eine recht deutliche Reverenz an Wagners Waldvogel). Nach sechs Minuten lösen Solovioline, Harfe und Harmonium das Orchester ab (mit viel Nachhall aufgenommen). Erst zweieinhalb Minuten später setzt mit einem ppp-Schlag des Tamtam das Orchester wieder ein, das in den nächsten Takten zu großem Volumen findet, bevor es wieder zur friedlichen Anfangsstimmung zurückfindet. Massenet hat noch einmal eine Solovioline vorgesehen („Ce solo sera choisi par le chef d’orchestre parmi les meilleurs artistes des seconds violons“), eine Sopranstimme (Poppy Shotts) mischt sich mit Vokalisen in die musikalische Stimmung, die den Mittelteil wiederaufnimmt, diesmal aber mit Stützakkorden der Posaunen im pppp, natürlich eine sehr effektvolle Mischung. In den Passagen mit vollem Orchester ist der Einfluss von Franz Liszts symphonischen Dichtungen unüberhörbar.

Die folgenden vier kurzen Stücke sind Auszüge aus der Ballettmusik Espada von 1908 – wie andere Werke Massenets auch von einem spanischen Sujet inspiriert. Instrumentierung (Englischhorn, Kastagnetten) und Molltonleitern erinnern je nach musikalischem Hintergrund entweder an Spanien oder an Bizets Carmen, wobei Massenet bei diesem Handlungsballett natürlich auf illustrative und ‚tanzbare‘ Musik geachtet hat. Toreador und Andalusierin tanzen einen aus der französischen Balletttradition kommenden Pas de deux, Giselles (Ur-)Enkelin hat eine schöne Orchesterpartie – Harfen und Violintriller lassen es erahnen: „Ils se donnent un long baiser.“ Die vier Stücke der Suite enden mit dem Tanz der Mercedes – Schellen, Harfenakkorde, Dreivierteltakt, alles leicht orientalisierend parfümiert. Vielleicht sollte man das ganze Ballett einmal wieder zur Aufführung bringen, das mehr als eine musikalische Kostbarkeit zu enthalten scheint.

Naxos CD 8.574178, 2020 - Jules Massenet

Naxos CD 8.574178, 2020 – Jules Massenet

Charles Marie René Leconte de Lisle (1818-1894) war einmal Schulautor – diese Zeiten sind vorüber, seine Werke wohl vergessen. Er gehörte zu den Parnassiens, einer französischen Schule, zu der auch Théodore de Banville und der Wagner-Verehrer Théophile Gautier gehörten. Seine Werke waren von formaler Strenge geprägt und behandelten oft antike Stoffe, so auch Les furies, von Massenet als Les Érinnyes in Musik gesetzt. Die Erinnyen (bei Aischylos und anderen auch Eumeniden) sind drei Rachegöttinnen der Antike. Massenet schrieb zunächst eine Version für Streicher, die er 1876 für volles Orchester erweiterte. Das Vorspiel quasi alla funebre schreitet im Marschtempo voran. Ein Mittelteil Allegro con fuoco mit Tamtam geht einer Reprise des Trauerkonduktmotivs im ppp voran. Mit relativ einfachen musikalischen Mitteln ist Massenet hier ein sehr stimmungsvolles Stück gelungen. Die folgende Invocation beginnt sehr ruhig mit Harfen und Flöten. Dem kultischen Charakter des Bühnengeschehens angemessen, bleibt die Musik in einem ruhig fließenden Tempo, bis ein Solocello einen elegischen Gesang anstimmt (während auf der Bühne Elektra ihr Opfer darbringt). Danach wird die musikalische Anfangsstimmung der Stimmung wiederholt. Es folgt ein ebenfalls sehr elegisch gehaltener Entr’acte, in dem einzig ein Unisono der Violinen etwas hellere Färbungen aufkommen lässt. Diese Zwischenmusik klingt in düsterem Moll mit Posaunen aus. Die folgenden drei Divertissements hingegen sind deutlich lebendiger, das erste (Allegro) mit Terzenketten der Flöten, die jeweils unterschiedlichen Stimmungen des restlichen Orchesters gegenübergestellt werden. Das zweite Divertissement im Andante, in den Noten mit „La Troyenne regrettant la patrie perdue“ überschrieben, verwendet wieder Molltonleitern, die uns fremd oder alt vorkommen. Recht üppige Harfenarpeggien werden einer repetitiven Taktstruktur vorangestellt (vier Achtel – Sechzehnteltriole – punktierte Viertelnote). Abschließend (Allegro très décidé) ein letztes Divertissement, wieder über die Molltonleiter Fremdheit herstellend, doch mit dem spätromantischen Orchester und viel Einsatz der Harfen liebliche und schnellere Passagen gegenüberstellend. Der effektvolle Schluss ist nicht alles, was Massenet hierzu geschrieben hat – auf dieser CD ist die Bühnenmusik zu Les Érinnyes mit ca. 30 Minuten das längste Stück, es sind aber noch mehr Stellen dieses teilweise als Melodram komponierten Werks in Musik gesetzt worden, vor allem große Chorpassagen.

Das letzte Stück auf dieser CD ist die Ouvertüre zu Jean Racines Tragödie Phèdre von 1873. Die Atmosphäre ist von Anfang an lastend, die knapp zehn Minuten lange Ouvertüre setzt Motive in Beziehung, aber es bleibt der Eindruck, dass Massenet hier nicht seine ganze kompositorische Energie eingesetzt hat und dass in diesem Fall das Schauspiel doch profunder ist als die vorangestellte Musik. Es mag auch an der Aufnahmetechnik liegen, dass dieses Stück nicht sehr differenziert wirkt; technisch sind Espada und Erinnyen besser gelungen.

Die vorgestellten Stücke, vor allem die Musik zu Les Érinnyes, verdienen mehr Aufmerksamkeit. Massenet sollte nicht nur auf der Opernbühne, sondern auch im Konzertsaal – und im Ballett! – wiederentdeckt werden. Diese CD leistet ihren Beitrag dazu.

—| IOCO CD-Rezension |—

Hans Pfitzner – Complete Lieder, IOCO CD-Rezension, 29.09.2019

September 29, 2019 by  
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Hans Pfitzner - Complete Lieder - Naxos CD © NAXOS

Hans Pfitzner – Complete Lieder – Naxos CD © NAXOS

Hans Pfitzner – Complete Lieder – Naxos 8572603

Ist der Himmel darum im Lenz so blau, Zweifelnde Liebe, Lockung, Die Nachtigallen.

von Julian Führer

Hans Pfitzner (1869-1949) hatte zu Lebzeiten erheblichen Erfolg. Bekannt ist vor allem seine Oper Palestrina, die über viele Jahre hinweg einen Stammplatz im Repertoire hatte, heute jedoch nur noch selten zu erleben ist. Zu seinem 125. Geburtstag im Jahr 1994 erschien noch eine Briefmarke der Deutschen Bundespost. Zu seinem 150. Geburtstag im Jahr 2019 gab es nur wenige Veröffentlichungen, die vor allem die politische Haltung des Komponisten thematisierten; in Trier wurde bei einem für Ende September geplanten Konzert sogar das Programm geändert, weil Pfitzner inzwischen in Teilen der Öffentlichkeit als untragbar gilt.

Hans Pfitzner, Wien © IOCO

Hans Pfitzner, Wien © IOCO

Pfitzner komponierte in spätromantischer Tradition, entwickelte diese jedoch deutlich weiter. Seine Melodien sind oft grüblerisch, seine musikalischen Gedanken manchmal verstiegen, es fehlt ihm die Süffigkeit eines Richard Strauss – und doch gilt er vielen auch musikalisch als rückwärtsgewandt, weil er die neuen Strömungen wie etwa die Musik Arnold Schönbergs und ihre Verteidiger wie Paul Bekker publizistisch bekämpfte. Dennoch haben seine Kompositionen viel Neues. Sein Komponistenkollege Gustav Mahler, der Schriftsteller Thomas Mann und der Dirigent Bruno Walter hielten seine Werke gleichermaßen für bedeutend. Über ein halbes Jahrhundert hinweg komponierte Pfitzner über hundert Lieder, von denen es eine 2001 auf 5 CDs erschienene Gesamteinspielung bei CPO gibt. Bei Naxos ist nun die zweite CD einer neuen Gesamtaufnahme erschienen. Anders als beim Vorgängerunternehmen von 2001 werden die Lieder hier nicht in rein chronologischer Reihenfolge geboten. Von den Sieben Liedern Opus 2 finden sich hier beispielsweise nur vier; die Gruppierung der Stücke ist eher künstlerisch motiviert als dem Gedanken eines systematischen Werkkatalogs verpflichtet.

Der CD ist leider (anders als bei CPO) im Booklet kein Text beigegeben, doch sind die gesungenen Texte (auch mit englischer Übersetzung) auf https://www.naxos.com/sungtext/pdf/8.572603_sungtext.pdf  zu finden. Bei CPO wechseln die Sängerinnen und Sänger, die Pianisten ebenfalls. Auf der vorliegenden CD sind der Tenor Colin Balzer und am Klavier Klaus Simon zu hören. Der Klavierpart ist hier oft deutlich überzeugender präsentiert und besser aufgenommen als bei der etwas älteren Gesamteinspielung. Aufgenommen wurden die Lieder bereits im Jahr 2010, nun sind sie im Jahr des 150. Geburtstages und des 70. Todestages Pfitzners erschienen.

Die 26 Stücke der CD umfassen Lieder der Jahre 1884 bis 1916; es ist deutlich hörbar, dass sich Pfitzners Stil im Laufe dieser drei Jahrzehnte massiv gewandelt hat. Nicht ganz nachvollziehbar ist, dass die Jugendwerke (WoO 9, 6, 5 und 12) am Ende und nicht bei den frühen Liedern Opus 2/6/7 stehen.

Die ersten vier Stücke der Sieben Lieder Opus 2 von 1888/1889 eröffnen den Zyklus. „In der Früh, wenn die Sonne kommen will“ nach einem Text von Richard Leander thematisiert recht kurz die Erwartung des Liebenden. Das Lied beginnt wie bei Schubert, mündet dann aber in eine fragende Linie nach oben, die schmerzhaft dissonant endet. Opus 2,2 „Ist der Himmel darum im Lenz so blau“ ist eines der bekanntesten Lieder Pfitzners. Die ersten Takte lassen bereits das Kyrie eleison im ersten Akt der Oper Palestrina vorausahnen. Melodisch ist das Stück sehr schwelgerisch und reichhaltig, obwohl es zweistrophig angelegt ist und nur eine reichliche Minute umfasst. Am Ende wird die Tonika vermieden. Opus 2,3 („Kalt und schneidend weht der Wind“ nach Hermann Lingg) hingegen hat bei unregelmäßiger Länge der musikalischen Phrasen eine düstere, fahle Atmosphäre, dissonante Haltetöne, und die Singstimme geht weit nach unten, um dann auf einem schwer zu fassenden hohen Ton zu enden: „Was sind Rosen ohne dich?“ Opus 2,4 („Im tiefen Wald verborgen“) ist eine Naturschilderung mit Sextenketten als Begleitung und einem Tonfall, den man auch bei Flotow und Brahms findet. Die Männer auf der Jagd treffen das Wild im Herzen, die Frauen treffen dort die Männer.

Im ersten Stück der Sechs Lieder Opus 6 (1888/1889) komponiert Pfitzner eine Barcarole, die bei den Worten „Feucht und kühl der Wasserfluten licht Geflimmer“ den dritten Akt von Wagners Tristan aufscheinen lässt und diesen Anklang bei der Frage „Liebst du mich?“ auf einem nicht aufgelösten Akkord mit folgender Generalpause noch einmal aufnimmt. Auch in Opus 6,3 (nach dem Text „Zugvogel“ von James Grun) ist Wagner gegenwärtig, als die Perspektive eines Zugvogels über dem endlosen Meer geschildert wird. Düstere Momente wie der tote Schwan im ersten Akt des Parsifal und Brünnhildes Grübeln im zweiten Akt der Walküre sind zu erahnen. Colin Balzer gestaltet dieses Stück mustergültig, die Stimme ist nie zu eng geführt und verfügt über die nötigen Höhen und Tiefen, um den Kompositionen gerecht zu werden. Sehr anspruchsvoll ist die Kontrolle der Stimme bei der Fermate auf „und das Land, die Rast noch so weit, so weit“. Deutlich üppiger ist die „Wasserfahrt“ (Opus 6,6) nach einem Text von Heinrich Heine, die auch von Mendelssohn vertont wurde.

„Hast du von den Fischerkindern das alte Märchen vernommen?“ von Wolfgang Müller von Königswinter lieferte den Text für Opus 7,1. Aus einer düsteren Grundstimmung entwickelt sich am Schluss ein mächtiger Ausbruch. Hier wie fast durchgehend schreibt Pfitzner gemächliche, oft langsame, mitunter stockende Tempi vor. Ganz anders ist der rasend schnell vorgetragene „Nachtwanderer“ nach Joseph von Eichendorff, der hörbar Schuberts Erlkönig-Komposition nachempfunden ist. Ein im Bass atemlos vorwärtstreibendes Klavier, das Motiv des Unheimlichen und des bedrohten Kindes sind deutlich. Das buchstäbliche Hämmern auf der Basslinie gibt es auch bei Ludwig van Beethoven (Sonate Nr. 1 Opus 2 sowie die „Appassionata“ Opus 57, beide in f-Moll). Dieses Gedicht wurde auch von Erich Wolfgang Korngold vertont. Zu Opus 7,4 („Lockung“, ebenfalls nach Eichendorff) gibt es ebenfalls eine weitere Vertonung, diesmal von Fanny Hensel. Pfitzner lässt vier Takte mit Gesang und fast nur Stützakkorden im Klavier mit zwei Takten Piano solo mit Verzierungen alternieren. Es folgen im Bass des Klaviers Arpeggien und im oberen Register spannende Harmoniewechsel, die den Gesang begleiten. Hier und auch in Opus 7,5 begleitet Klaus Simon am Klavier sehr orchestral, passend zur Stimmung des Liedes fast opernhaft.

Aus den Fünf Liedern für eine Singstimme und Klavier Opus 11 von 1901 ist auf dieser CD nur Eichendorffs recht bekannte „Studentenfahrt“ Opus 11,3 vertreten. Die musikalischen Stimmungen wechseln sehr stark, Pfitzner löst sich hier hörbar von seinen Vorläufern. Das „Herbstbild“ nach Friedrich Hebbel Opus 21,1 von 1907 markiert einen deutlichen Wandel in den kompositorischen Mitteln. Der Beginn („Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah“) ist sehr dissonant, erst gegen Ende beruhigt sich die harmonische Situation. In Opus 21,2 gibt es einen dissonanten und recht hohen Schlusston, der wieder einen sicheren Sänger erfordert. Petrarcas Sonett 92 liefert den Text für Opus 24,3. Die unterschiedlich langen Phrasen und die polyphone Struktur, vor allem das Zwischenspiel weisen auf den 1915 vollendeten Palestrina voraus.

Aus den Fünf Liedern Opus 26 von 1916 findet sich Opus 26,3 („Neue Liebe“ von Joseph von Eichendorff) mit vielen Wechseln in den Klangfarben. In der zweiten und vierten Strophe hämmert das Pedal etwas (ebenfalls im „Kuckuckslied“ WoO 6) – dies ist aber die einzige Kritik, die am sonst prachtvoll ausgeleuchteten Klavierpart zu äußern ist. Im „Mailied“ (nach Goethe) Opus 26,5 klingt Walther von Stolzings Preislied aus den Meistersingern von Nürnberg an.

Heinrich Heine Paris © IOCO

Heinrich Heine Paris © IOCO

Die abschließenden Stücke aus dem Frühwerk zeigen abermals die große Bandbreite der kompositorischen Mittel, über die Pfitzner bereits als junger Mann verfügte. „Naturfreiheit“ WoO 9,3 nach Ludwig Uhland baut sehr langsame, düstere Stützakkorde auf bei zunächst langsamem Gesang, der sich bei der dritten (von sechs) Strophen dann deutlich belebt. Die „Kuriose Geschichte“ von Robert Reinick WoO 9,6 hingegen ist volksliedhaft gehalten. Dreimal zwei kurze Strophen bilden eine Struktur, der leicht zu folgen ist, wobei musikalisch immer wieder variiert wird. Das „Kuckuckslied“ WoO 6 von 1885 wurde erst ein Jahrhundert später erstmalig vollständig herausgegeben und fehlt im 1998 durch Richard Mercier publizierten Katalog der Lieder. Die fallende Kuckucksterz steht für einen fröhlichen Beginn. Als es im Lied um Menschenkinder geht, düstert sich die Stimmung auf einmal drastisch ein. In diesem Lied ist ausnahmsweise ein hoher Ton der Gesangsstimme nicht optimal aufgenommen (er reißt etwas ab). Die CD endet mit „Ein Fichtenbaum steht einsam“ WoO 12 nach Heinrich Heine. Einmal mehr ist das Klavier sehr düster gehalten, die Stimme bewegt sich in einer recht hohen Lage und steuert auf Dissonanzen mit der Begleitung zu – ein Vorgehen, wie es in dieser Zusammenstellung mehrmals zu erleben ist.

Im Jahr 2019 Werke von Hans Pfitzner publizieren – kein ganz einfaches Unterfangen, wie man an der Absage eines Konzertes in diesem doppelten Jubiläumsjahr sehen kann. Seltene, aus politischen Gründen oft umstrittene Aufführungen, aus dem Repertoire inzwischen fast verschwundene Werke – und doch lohnt sich die Auseinandersetzung auf jeden Fall. Pfitzner hat eine ganz eigene Klangsprache, die ihn manchmal moderner sein lässt als sein Zeitgenosse Strauss. Das Unterfangen, das Gesamtcorpus der Lieder in einer aktuellen Aufnahme zu präsentieren, ist auf jeden Fall zu begrüßen. Bei der vorliegenden CD kommt hinzu, dass Colin Balzer und Klaus Simon der anspruchsvollen Aufgabe voll und ganz gerecht werden und somit Werbung für die (Wieder-)Entdeckung eines bereits zu Lebzeiten oft angegriffenen und manchmal auch diffamierten Komponisten machen. Der ausgesprochen preiswerten Aufnahme ist eine breite Rezeption, dem Gesamtunternehmen weiter gutes Gelingen zu wünschen. Pfitzners Musik ist anspruchsvoll, sie verknüpft viele Fäden der Tradition und spinnt sie auf ganz eigene Art weiter. Möge sie häufiger zu hören sein!

—| IOCO CD-Rezension |—

Augsburg, Theater Augsburg, Ariadne auf Naxos – Richard Strauss, 29.09.2019

September 23, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Theater Augsburg

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Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Theater Augsburg / Außenansicht © Theater Augsburg

Ariadne auf Naxos – Richard Strauss
Libretto von Hugo von Hofmannsthal

Premiere am 29.09.2019, 18 Uhr im martini-Park

Die Operngeschichte kennt nur wenige weitere kongeniale Zusammenarbeiten wie die des Komponisten Richard Strauss und des Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal. Besonders eindrücklich zeigt sich dies bei der Zusammenarbeit zu ihrer dritten Oper Ariadne auf Naxos. Ein Jahr nach dem überwältigenden Erfolg ihres Rosenkavalier kam sie 1912 in Stuttgart im Anschluss an Molières Schauspiel Der Bürger als Edelmann zur Uraufführung. Aus dem Doppelabend herausgelöst ergänzten die Autoren 1916 für die Wiener Erstaufführung die Oper um das heute das Werk vervollständigende Vorspiel.

Die gekonnte, modern anmutende Verschmelzung von Opera ­seria und Commedia dell’arte in Strauss’ ganz eigenem Parlando-­Stil wird inszeniert von Dirk Schmeding, der derzeit an zahlreichen Theatern im deutschsprachigen Raum mit seinen Arbeiten gefeiert wird und in Augsburg bereits mit der Deutschen Erstaufführung von Dai Fujikuras »Solaris« bei Presse und Publikum einen großen Erfolg landete. Diese erste Musiktheaterpremiere der Spielzeit wird vom GMD Domonkos Héja dirigiert.

Neben Sally du Randt in der Rolle der Primadonna, ist in dieser Inszenierung auch der schon mehrfach ausgezeichnete Tenor Jacques le Roux (als Bacchus) zu erleben, der ab dieser Spielzeit Ensemblemitglied am Staatstheater Augsburg ist und schon mit weltweit renommierten Dirigenten wie Simon Rattle oder Teodor Currentzis zusammengearbeitet hat. Außerdem ist die gefeierte ARD-Preisträgerin (2018) Natalya Boeva in der Rolle des Komponisten zu erleben, die seit einem Jahr am Staatstheater Augsburg unter Vertrag ist.

Auch im Konzert! Richard Strauss im 1. Sinfoniekonzert »Lebenszyklen«  des Staatstheaters Augsburg am 7./8.10.2019 im Kongress am Park.

—| Pressemeldung Theater Augsburg |—

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