Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, IOCO Kritik, 26.05.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg –  Richard Wagner

– Gefangen im Spannungsfeld der Extreme –

Von Uschi Reifenberg

Die Tannhäuser Aufführung am Nationaltheater Mannheim (NTM) machte wieder einmal deutlich, welch außerordentlichen Rang das Haus am Goetheplatz in der Wagner-Rezeption einnimmt.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner, Bayreuth und Mannheim stehen seit etwa 150 Jahren in enger Verbindung, erfolgte doch bekanntlich die Gründung des ersten Wagner Verbandes 1871 durch den Mannheimer Musikalienhändler und glühenden Wagner Anhänger Emil Heckel (1831-1908). Bis  heute ist der Wagner Verband Mannheim-Kurpfalz einer der größten weltweit.

Aber auch als Wagner Talentschmiede ist das NTM an vorderster Stelle zu nennen, denn regelmäßig wirken Dirigenten, Sänger oder Orchestermusiker bei den Bayreuther Festspielen als unverzichtbarer Bestandteil der dortigen Besetzung mit und starten oftmals internationale Karrieren.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg ist Richard Wagners fünftes Werk und sollte  – bedingt durch vielfache  Umarbeitungen – sein Sorgenkind bleiben, denn wenige Wochen vor seinem Tod 1883 bekannte Wagner, dass er „der Welt noch den Tannhäuser schuldig“ sei.

Uraufgeführt in Dresden 1845, beschreitet Wagner mit dem Tannhäuser konsequent den Weg zum Musikdrama, auch wenn Arien und Ensembles als geschlossene Form noch erkennbar sind, aber  die dramaturgische und musikalische Verbindung der einzelnen Teile bereits auf die durchkomponierte Form hinweisen. Neben der Urfassung und der späteren Wiener- sind die Dresdner – und die Pariser Fassung von 1861 die am häufigsten gespielten Fassungen.

Die Wiederaufnahme der Inszenierung von Chris Alexander aus dem Jahre 1996 zeigt die Pariser Fassung mit der nachkomponierten Bacchanal- Musik und der Venusberg Szene von 1861. Das Walther Lied im 2. Akt der Dresdner Fassung wurde beibehalten.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Die Figur des Tannhäuser stellt sicher eine der komplexesten Charaktere im Wagnerschen Figuren Kompendium dar und ist in seiner Ambivalenz und psychologischen Vieldeutigkeit von äußerster Aktualität. Tannhäuser, der Künstler, der wie ein Getriebener sich nirgends zugehörig fühlt, der Rebell, der das eine will, aber das andere nicht lassen kann. Der die Gesellschaft der Wartburg und ihre Regeln verachtet und sich hemmungsloser Selbstverwirklichung im Venusberg hingibt, auf der Suche nach der eigenen Identität, der künstlerischen Wahrheit, der allumfassenden konkreten Liebesutopie. Der, zwischen den extremen Polen der körperlichen und vergeistigten Liebe zerrieben, als Außenseiter zum Scheitern verurteilt wird, aber am Ende durch die wahre Liebe einer opferbereiten Frau Erlösung im Tod findet.

So betrachtet steckt viel Autobiografisches in Tannhäuser – Wagner, dem Revolutionär von 1848, dem in Paris gescheiterten Musiker Wagner, dessen Hauptthema der Erlösung durch die Liebe sich durch sein Leben wie durch das gesamte Schaffen vom Holländer bis zum Parsifal zieht.

Die Inszenierung von Chris Alexander hat auch nach mehr als zwanzig Jahren nichts von ihrer Lebendigkeit und Allgemeingültigkeit eingebüßt und besticht durch ihre überzeugende Personenführung sowie der räumlichen Fokussierung auf das Wesentliche.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Der 1. Akt im Venusberg ist ein weiter, klar strukturierter, dunkel gehaltener Raum (Bühnenbild: Maren Christensen), in dessen hinterem Bereich sich die Venusberg Gesellschaft in historisch vielgestaltigen Kostümen (Susanne Hubrich) in reizvollen choreografischen Formationen (Jaqueline Davenport)  erotischem Treiben hingibt. Schemenhaft ist im hinteren Raum eine Statue erkennbar, Venus – Maria? Im vorderen Teil der Bühne ist ein Bett aufgestellt, von welchem aus der Künstler Tannhäuser das dionysische Treiben unbeteiligt beobachtet. Die femme Fatale Venus gesellt sich zu ihm, wo sich vor schwarzem Vorhang ein typischer Wagnerscher Geschlechter Diskurs über Tannhäusers Freiheitsbestrebungen entspinnt. Auch unter Aufbietung ihrer sämtlichen Reize gelingt es Venus nicht, Tannhäuser zu halten. Sie verliert, er entscheidet sich gegen sie und ihre Welt. Nach seiner Flucht aus dem künstlichen Paradies des Venusbergs, findet er sich in einem frühlingshaften Tal wieder, die Statue wird nun als Marienstatue sichtbar und der Bühnenraum ist in hellem grün ausgeleuchtet (Licht: Eduard Roth).

Tannhäuser ist in der Realität angekommen. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn der junge Hirt als Mutter mit Baby dargestellt wird und im Kreis ihrer Familie von Erneuerung und Glück singt.

Die Jagdgesellschaft um den Landgraf Hermann ist eine honorige Gruppe von Künstlern mit der  charismatischen Figur des Wolfram von Eschenbach an der Spitze. Mit der Erinnerung an Elisabeth überredet er freudig Tannhäuser zum Bleiben und die ehemaligen Sangeskollegen nehmen ihn gern wieder in die Reihen der Wartburggesellschaft auf.

Die Sängerhalle auf der Wartburg des 2. Aktes ist ganz in leuchtendem rot gehalten, seitlich sind zwei Tribünen mit ansteigenden Sitzreihen zu sehen, auf welchem die Gäste im Lauf ihres Einzugs Platz nehmen und von dort aus den Sängerwettstreit um das Thema „Liebe“ kommentieren. Diese Gesellschaft ist im Hier und Jetzt angekommen, amüsierfreudig,  und in feine Abendrobe gewandet. Chris Alexander spiegelt das Theaterpublikum, indem er die noble Abendgesellschaft den Theaterbesuchern gegenüber positioniert. Wenn Tannhäuser seinen Skandal provoziert, bewerfen sie ihn dann empört mit Programmheften.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Die hingebungsvolle und aufrichtige Elisabeth – Gegenpol zur Venus -, ist eine kompromisslos liebende junge Frau, die Inkarnation des christlichen Ideals der Nächstenliebe, unverrückbar eingegliedert in das Regelwerk der Wartburgwelt. Die Demütigung, die Elisabeth durch Tannhäusers Geständnis seiner Venusbergerfahrung und der hemmungslosen Hinwendung zu Eros und Sexus erfährt, verwandelt sie gegen jeden Widerstand der Wartburggesellschaft in  Opferbereitschaft für Tannhäuser. Fortan weiht sie ihr Leben diesem selbstgewählten Erlösungsauftrag und hofft mit Tannhäuser auf Vergebung seiner Schuld durch den Papst in Rom.

Im 3. Akt sieht man Elisabeth betend an die Marienstatue angeschmiegt, „dahingestreckt in brünst‘gen Schmerzen“ wie Wolfram von Eschenbach aus schützender Distanz und wissendem Mitleid kommentiert.

Als Elisabeth klar wird, dass Tannhäuser nicht unter den heimkehrenden und erlösten Pilgern ist und sie sich für den Opfergang bereit macht, legt sich Wolfram zu ihr auf die Erde – ein schönes Bild der Entsagung und der Liebesutopie. Im Lied an den Abendstern hüllt er sich zärtlich in den Schleier  Elisabeths ein. Zum ergreifenden Höhepunkt wird die Romerzählung Tannhäusers, in welcher er das Trauma seiner Pilgerfahrt nach Rom noch einmal durchlebt. Bei der Anrufung der Venus steigen aus „milden Lüften“ rote Nebel auf und Venus erscheint in der Marienstatue aus deren Sockel sich eine Tür zum Venusberg öffnet. Wolfram kann Tannhäusers erneutes Eintauchen in die  Sinnenwelt  gerade noch verhindern, Elisabeth wird als Heiligenfigur über die Bühne getragen, Tannhäuser ist erlöst und die Pilger mit ergrüntem Bischofsstab und leuchtenden  Kerzen künden von Gnade und Erlösung in einem beeindruckenden Schlusstableau.

Frank van Aken bewältigte die extrem anspruchsvolle Partie des Tannhäuser mehr als beachtlich. Sein baritonal gefärbter Tenor ist zu groß angelegten heldischen Aufschwüngen wie zu lyrischer Verhaltenheit fähig. Er zeichnet die psychologische Zerrissenheit der Figur mit schonungsloser Emphase, geht bis an die Grenzen des Ausdrucks und findet – trotz leichter Ermüdungserscheinungen in den „Erbarm dich mein“– Rufen im 2. Akt, in der Romerzählung zu glaubhafter plastischer Darstellung und großer Intensität.

Astrid Kessler beschreitet mit der Partie der Elisabeth konsequent den Weg ins jugendlich-dramatische Sopranfach und ist in dieser Rolle eine Offenbarung. Ihr heller Sopran strahlt in der Hallenarie mühelos in jubilierende Höhen, überzeugt am Ende des 2. Aktes mit unforcierter Dramatik und besticht im Gebet mit beseelten piani und zu Herzen gehender Innerlichkeit. Ihre Rollengestaltung ist darüberhinaus durch jugendliche Natürlichkeit geprägt.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Wolfram von Eschenbachs Haltung zu Tannhäuser ist die eines verstehenden und mitfühlenden Freundes. Thomas Berau gibt dieser Figur genau jenes „mitleidvoll entsagende Wissen“, was Wolfram als reifen intellektuellen Künstler ausmacht. Sein weicher, voluminöser Bariton besticht im Minnelied des 2. Aktes durch unprätentiöse und anrührende Darstellung. Das „Lied an den Abendstern“ ist frei von Manierismen und beeindruckt durch gelungene Balance zwischen liedhafter Einfachheit und arioser Entfaltung.

Die edle Liebesgöttin von  Heike Wessels weiß mit erotisch aufgeladenen Mezzo- Tiefen und strahlenden Spitzentönen zu verführen.  Berührend ist, wenn sie im Duett mit Tannhäuser als Verzweifelte vergeblich versucht, den Geliebten an sich zu binden.

Patrik Zielke mit  wohlklingender Bass wirkt als Landgraf Hermann allerdings etwas zu distanziert. Joshua Whitener ist ein hell auftrumpfender Walther von der Vogelweide, Joachim Goltz gestaltet den Biterolf mit viel  Ausstrahlung und Kampfgeist. Ebenso glänzend besetzt sind Raphael Wittmer als Heinrich der Schreiber und Philiop Alexander Mehr als Reinmar von Zweter. Auffallend schön singt Amelia Scicolone den jungen Hirt. Gerda Maria Knauer, Angelika Krieger, Regina Kruszynski und Rica Westenberger gefallen in den Rollen der Edeldamen.

Mit seiner Interpretation des Tannhäuser hat sich Generalmusikdirektor Alexander Soddy als hervorragender Wagner Dirigent unter Beweis gestellt. Er versteht es, das Potenzial des Nationaltheater – Orchesters zu entfalten und Spielfreude und Begeisterung der Musiker zu entfesseln. In der Ouvertüre erklingt das Pilgerthema feinsinnig und introvertiert, Holzbläser und Hörner phrasieren wunderbar homogen, strukturell klar und ideal balanciert. Die Gegenwelt der Venus – Sphäre mit ihrem Klangfarbenreichtum, der Chromatik und der vorwärtsdrängenden thematischen Verdichtung, entlädt sich im hymnischen Loblied auf Venus, von  Soddy in eindrucksvoller Weise umgesetzt, ebenso das Duett Venus – Tannhäuser, welches in der Pariser Fassung deutlich Züge der Tristan Komposition trägt. Hervorzuheben sind die bestens disponierten Hörner und die elegisch zart gestaltenden Oboen.

Chor, Extrachor und Bewegungschor waren in Hochform zu erleben, lediglich der Chor der  Sirenen im 1. Akt war nicht ganz auf diesem Level.

Das Publikum im voll besetzten Opernhaus spendete nach jedem Akt heftigen Beifall und entließ am Schluss Sänger und Dirigent erst nach langen Ovationen.

Nationaltheater Mannheim – Tannhäuser: letzte Vorstellung der Spielzeit  14.6.2018

 

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere Die Krönung der Poppea, 12.04.2016

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Die Krönung der Poppea – Claudio Monteverdi

Monteverdi-Zyklus

Der Monteverdi-Zyklus geht weiter: Nach der äußerst erfolgreichen Produktion Die Heimkehr des Odysseus in der vergangenen Spielzeit feiert am Donnerstag, 12. April um 19 Uhr als nächstes Monteverdi-Werk Die Krönung der Poppea in der Inszenierung von Lorenzo Fioroni Premiere.

1607 schreibt Monteverdi in Mantua seine erste Oper und setzt damit Maßstäbe, die bis heute gelten. Dennoch verlässt er 1613 den herzoglichen Hof und wird Kapellmeister des Markusdoms in Venedig. Über dreißig Jahre schreibt er keine Opern mehr, obwohl die Oper als öffentliches Spektakel in Venedig blüht wie nirgends sonst.

In seinen letzten Lebensjahren packt Monteverdi dann doch noch der Schaffensrausch. In schneller Folge entstehen die Heimkehr des Odysseus (1640), die heute verlorene Hochzeit des Aeneas (1641) und die Krönung der Poppea (1643).

Claudio Monteverdi Grabplatte in der Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig © IOCO

Claudio Monteverdi Grabplatte in der Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig © IOCO

Zum allerersten Mal wird hier eine Episode aus der Geschichte zum Gegenstand einer Oper. Gegen den Willen seines Lehrers Seneca heiratet Kaiser Nero die schöne Kurtisane Poppea. Das traurige Ende: Der Philosoph geht in den Selbstmord, Neros Frau Ottavia in die Verbannung. Doch Monteverdi findet für alle Figuren den richtigen Ton. Die Leidenschaft der Liebenden geht einem ebenso nahe wie die Trauer der Verstoßenen und die lustigen Dienerfiguren bringen einen immer wieder zum befreienden Lachen.

Um die Sprengkraft des musikalischen Revolutionärs Monteverdi hörbar zu machen, wurde schon die Heimkehr des Odysseus in der Spielzeit 2016/2017 gemeinsam mit dem Spezialensemble »il Gusto Barocco« erarbeitet. Unter der Leitung von Jörg Halubek musizierten die Spieler auf historischen Instrumenten. Mit der Krönung der Poppea wird diese fruchtbare Zusammenarbeit nun fortgesetzt.

Nikola Hillebrand singt die Titelpartie der Poppea, in die sich Kaiser Nero verliebt hat, gesungen von Magnus Staveland. Nero beabsichtigt, seine Frau Ottavia (Marie-Belle Sandis) zu verstoßen, um Poppea heiraten zu können, und vergeblich versucht der Philosoph Seneca (Bartosz Urbanowicz), ihn davon abzuhalten – Poppea ist als künftige Kaiserin und Frau des Nero an ihrem Ziel.

In weiteren Rollen sind Terry Wey, Uwe Eikötter, Amelia Scicolone, Julia Faylenbogen, Raphael Wittmer, Christopher Diffey, Maria Markina, Pascal Herington (Opernstudio), Valentin Anikin und Laura Verena Incko zu erleben.

Unter der Leitung von Jörg Halubek musiziert erneut das Spezialensemble »il Gusto Barocco«.  Ebenfalls beteilitg ist an der szenischen und musikalischen Umsetzung das Laienensemble »Alphabet-Chor« des NTM unter der Leitung von Joe Völker.

Die Krönung der Poppea:  Weitere Aufführungen am 19., 27., 28. April, am 5., 6. Mai sowie am 5. und 6. Juni statt.

Die Monteverdi-Tetralogie am Nationaltheater Mannheim wird unterstützt von der Baden-Württemberg Stiftung. Das Nationaltheater Mannheim, Eigenbetrieb der Stadt Mannheim, wird gefördert durch die Stadt Mannheim und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. 

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

 

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Der Rosenkavalier von Richard Strauss, IOCO Kritik, 21.02.2018

Februar 21, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Der Rosenkavalier von Richard Strauss

„Im Reich der Klangfarben“

Von Uschi Reifenberg

Zu einem Opernabend der Superlative geriet der Rosenkavalier am Nationaltheater Mannheim in der Wiederaufnahme von Olivier Tambosi aus dem Jahre 1997. Nicht nur das herausragende Dirigat von Alexander Soddy, das beglückend aufspielende Orchester, sondern auch das in nahezu allen Rollen exzellent gestaltende hauseigene Ensemble ließ die “Komödie für Musik“ zu einem „ festlichen Opernabend“ werden.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier vl Maria Markina als Octavian und Astrid Kessler als Marschallin © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier vl Maria Markina als Octavian und Astrid Kessler als Marschallin © Hans Jörg Michel

Der Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal ist eines der meist gespielten Werke der Opernliteratur und eine der genialsten musikalischen Komödien überhaupt. Nach den eher düsteren antiken Stoffen von Salome und Elektra drängte es Strauss zu einem heiteren, leichten Stoff nach mozartschem Vorbild. Die von Hofmannsthal 1909 erfundene Komödienhandlung vermittelt ein lebendiges Wiener Sittenbild aus der Zeit Maria Theresias um 1740. Stilmittel der opera buffa wie Verkleidung, Verwechslung und Intrigen fehlen ebenso wenig wie die Typencharaktere von Zofe, Notar oder Medicus. Auch die Hosenrolle des Octavian verweist auf Mozarts berühmtes Vorbild, den Cherubino in Figaros Hochzeit.
Beschritt Strauss in den Opern Salome und Elektra den Weg in die musikalische Avantgarde mit hochexpressiven Dissonanzverbindungen, die bis an die Grenzen der Tonalität führten, so wandte er sich im Rosenkavalier wieder der traditionellen Kompositionsästhetik des 19. Jahrhunderts zu. 1909 komponierte Arnold Schönberg die Klavierstücke op. 11, die in ihrer Atonalität als ein Fundament der modernen Musik gelten. In diesem Kontext fungiert der Rosenkavalier – 1911 in Dresden uraufgeführt – mit seiner Rokoko- Verspieltheit, Walzerseligkeit und Maskerade auch als Gegenentwurf einer kunstvoll verklärten Epoche zu den konsequenten Entwicklungen der Moderne.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier vl Thomas Berau, Estelle Kruger, Patrick Zielke als Baron Ochs auf Lerchenau und Nikola Hillebrand als Sophie © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier vl Thomas Berau, Estelle Kruger, Patrick Zielke als Baron Ochs auf Lerchenau und Nikola Hillebrand als Sophie © Hans Jörg Michel

Die Vergänglichkeit, das unausweichliche Verrinnen der Zeit, das von der Marschallin in ihrem Monolog melancholisch reflektiert wird, durchzieht wie ein Leitfaden das gesamte Werk: „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie.“ Die Resignation angesichts ihres nahenden Alters verwandelt die Marschallin am Ende der Oper in weisen Verzicht und Altersmilde, ähnlich dem Hans Sachs in Wagners Meistersingern. Wahre Größe beweist sie, wenn Sie ihren jungen Liebhaber Octavian seiner gleichaltrigen geliebten Sophie zuführt.

  Inszenierung von Olivier Tambosi – 1997

Die Inszenierung von Olivier Tambosi von 1997 verzichtet konsequent auf historisierendes Ambiente und lässt durch Reduktion der Bühnenbilder und ausladende farbige Räume viel Platz für eine differenzierte Personenführung. Frank Philipp Schlössmann zeichnet verantwortlich für die Bühne und die farbenprächtigen Kostüme. Den 1. Akt prägt ein blauer Innenraum mit großem Wandspiegel, dessen Boden mit Silberpapier ausgekleidet, Wasser und Wellen symbolisiert. In der Mitte steht ein Boot, das dem Liebespaar Marschallin – Octavian als Bett dient. Faninals Palast erstrahlt in gleißendem Weiß, an dessen Wänden zahlreiche kleine Kanonen angebracht sind, was der Szene einen surrealen Charakter verleiht. Das Bühnenbild des 3. Aktes ist in leuchtendem rot gehalten, bestückt mit einem geneigten Holzgehäuse als „Beisel“, welches am Ende entrümpelt wird und auseinander driftet. Zurück bleibt ein einsames Bett vor blauem Hintergrund, anknüpfend an das erste Bild, in welchem nun die jungen Liebenden ihr Schlussduett singen.

Astrid Kessler gestaltet eine fragile, jugendliche Marschallin mit höhensicherem, in allen Lagen ausgeglichenem lyrischen Sopran und findet in ihrem Zeitmonolog zu sensiblen Zwischentönen, beseelten piani und anrührender Melancholie im Bewusstsein des Alterns, der Verwandlung und des Abschieds. Beeindruckende Leuchtkraft entwickelt ihr Sopran im ausdrucksstarken Schlussterzett. Patrik Zielke stattet den bäurisch-dionysischen Baron Ochs auf Lerchenau mit machohaftem Dünkel aus, vor dessen handgreiflichen Avancen kein weibliches Wesen sicher ist. Mit seinem höhensicherem Bass und viel Sinn für den hintergründigem Humor der Hofmannsthalschen Dichtung lässt er auch in puncto Textverständlichkeit keine Wünsche offen.

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier - hier Ensemble © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Der Rosenkavalier – hier Ensemble © Hans Jörg Michel

Maria Markina als Octavian schlüpft virtuos in die verschiedenen Verkleidungen und überzeugt sowohl als feinsinniger Aristokrat und Überbringer der silbernen Rose wie als unbedarftes Mariandl vom Land. Ihr voluminöser Mezzo weist deutlich ins dramatische Fach und besticht mit schöner Phrasierung der weit geschwungenen Strauss‘schen Bögen.  Nikola Hillebrand ist als Sophie das perfekte Wiener Madl. Glaubhaft gestaltet sie die Entwicklung vom Aufkeimen ihrer ersten Liebe zur selbstbewussten jungen Frau.
Ihr heller Sopran schwingt sich in silberne Höhen und scheint nach oben keine Grenzen zu kennen. Im magischen Moment des gegenseitigen Sich- Erkennens scheint die Zeit still zu stehen und man möchte „zum Augenblicke sagen: verweile doch, du bist so schön.“

Thomas Berau als neureicher Waffenhändler Faninal, der seine Tochter Sophie an Ochs verschachern möchte, beeindruckt mit großer Stimme und heldischem Aplomb. Als Valzacchi überzeugt Christoph Diffey mit klarem hellen Tenor und Marie-Belle Sandis gibt seiner Mitstreiterin Annina mit volltönendem und tragfähigem Mezzo Charakterschärfe. Als vorzügliche Leitmetzerin gefällt Estelle Kruger mit strahlenden Spitzentönen. Andreas Hermann verströmt als Sänger üppigen Belcanto -Wohlklang und als Wirt erfreut Uwe Eikötter mit markantem Charaktertenor. Tibor Brouwer gestaltet sowohl den Notar als auch den Polizeikommissar mit schön timbriertem Bariton. Des Weiteren runden Jung-Woo Hong, Markus Grassmann, Lara Brust, Leah Weisbrodt und Aglaia Ast das hervorragende Ensemble ab.
Alexander Soddy und das Nationaltheater Orchester liefern ein wahres Feuerwerk an Klangfarben und ziehen alle Register ihres Könnens. In den kammermusikalisch intimen Momenten mit Detailausformung, feiner Präzisierung, wunderbar austariertem Holzbläsersoli, perfekt balanciertem Blech, expressiv wogenden Klangschichtungen mit dramatischen Zugriff bis zum orgiastischen Walzertaumel leuchtet Soddy alle Facetten der Strauss‘schen Tonsprache aus. Tadellos auch Chor und Kinderchor des Nationaltheaters.

Das begeisterte Publikum im ausverkauften Opernhaus entließ alle Mitwirkenden erst nach langem Beifall.

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere Ernani von Giuseppe Verdi, 24.02.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

  Ernani von Giuseppe Verdi

Premiere Samstag, 24. Februar um 19 Uhr

Das Operngenie Giuseppe Verdi setzte von Beginn seiner Karriere an eigene Akzente. An seinem 1844 in Venedig uraufgeführten Frühwerk Ernani lässt sich das gut beobachten. Die Vorlage stammt von einem »jungen Wilden« der französischen Literatur: In Victor Hugos skandalumwittertem Hernani findet eine junge Generation zu einer eigenen Sprache – das Extreme, Überzeichnete interessiert sie mehr als die Helden der traditionellen Tragödie.

Und dieser Ernani ist in der Tat eine extreme Figur: Um den ermordeten Vater zu rächen, setzt er das eigene Leben aufs Spiel und findet, gefangen in abstrusen und unmenschlichen Vorstellungen von Ehre und Moral, auch in der Liebe zur schönen Elvira keine Ruhe. Wie üblich sollte der männliche Titelheld 1844 von einer Sopranistin dargestellt werden. Verdi setzte jedoch durch, dass sein Ernani von einem Tenor gesungen wurde – im Sinne der dramatischen Wahrhaftigkeit und szenischen Glaubwürdigkeit.

Natürlich verbindet Verdi diese Glaubwürdigkeit mit den schönsten Melodien: Ernani strotzt nur so von Ohrwürmern. Die Hauptrolle wird der georgische Tenor Irakli Kakhidze singen, der ab der Spielzeit 2017/2018 festes Mitglied des Mannheimer Solistenensembles wird. Regie führt Yona Kim, die mit ihrer Deutung der Genoveva von Robert Schumann in der Spielzeit 2016/2017 bewiesen hat, wie tief sie in die Psyche ihrer Figuren vordringen kann.

Als eine Auseinandersetzung zwischen den Generationen, zwischen Revolution und Konterrevolution inszeniert Yona Kim Giuseppe Verdis Frühwerk Ernani – auf den Gräbern der Väter, über denen Heike Scheele die Bühne errichtete, und in den historisierenden Kostümen von Falk Bauer. Mit der Vorlage, dem Schauspiel Hernani, folgte Victor Hugo einer neuen Strömung in der französischen Literatur, in der junge Autoren die Extreme und das Überzeichnete suchten und sich weniger für die traditionellen Helden interessierten. Ein solcher Mann der Extreme ist auch Verdis Ernani, der den Tod seines Vaters rächen will und Erfüllung in der Liebe zu Elvira sucht, die zum Spielball und zur Trophäe seiner Rivalen und Widersacher zu werden droht.

Der georgische Tenor Irakli Kakhidze aus dem Ensemble singt die Titelpartie des Ernani, Miriam Clark, in dieser Saison eine herausragende Norma und Aida am NTM, gibt hier die Elvira. In weitere Rollen sind Evez Abdulla, Sung Ha, Raphael Wittmer und Philipp Alexander Mehr zu erleben. Dani Juris studiert den Chor des Nationaltheaters ein, Benjamin Reiners dirigiert das Nationaltheater-Orchester.

Premeire Ernani am Theater Mannhaim am 24.2.2018; weitere Aufführungen am 4., 9. und 29. März; am 6. und 11. April, am 16. und 19. Juni und am 1. Juli 2018

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Nächste Seite »