Osnabrück, Theater Osnabrück, Nathan der Weise von G. E. Lessing, IOCO Kritik, 10.03.2017

März 11, 2017 by  
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Theater Osnabrück

Nathan der Weise, das dramatische Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing von 1879, ist das Vorzeigestück der Aufklärungs-Epoche. Der heutige Sprachgebrauch von „westlichen Werten“ meint immer auch Aufklärung und mit ihr das Toleranzgebot. Im Theater am Domhof opfert Dominique Schnizer die Aussage des Stücks der Aktualität des Bühnenbildes.

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Das Licht der Aufklärung erlischt

Pessimistischer „Nathan der Weise“ im Theater am Domhof

Von Hanns Butterhof

Lessings Dramatisches Gedicht Nathan der Weise von 1879 ist das Vorzeigestück der Aufklärungs-Epoche. Der heutige Sprachgebrauch von „westlichen Werten“ meint immer auch Aufklärung und mit ihr das Toleranzgebot. Im Theater am Domhof opfert Dominique Schnizer die Aussage des Stücks der Aktualität des Bühnenbildes.

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise - Moslems, Christen, Juden dicht zusammen © Marek Kruszewski

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise – Moslems, Christen, Juden dicht zusammen © Marek Kruszewski

Regisseur Schnizer und seine Ausstatterin Christin Treunert lassen das Stück in einem Flüchtlingslager spielen. Die Moslems beten mitten auf dem Platz, in einer Hütte hinten singen die Juden, während daneben die Katholiken versuchen, alle übrigen mit penetranten Bekenntnissen ihres Glaubens zu übertönen; Toleranz sieht anders aus.

Welche Aufgabe für die Regie, szenisch glaubhaft zu machen, dass gerade in einer so beengten, explosiven Lage nur Toleranz eine Chance zum menschlichen Miteinander eröffnet! Schnizer inszeniert stattdessen pessimistisch deren Chancenlosigkeit.

Das nur einer oberflächlichen Aktualisierung geschuldete Bühnenbild macht es schwer, an die Figuren und ihre Geschichte zu glauben. Da kehrt der reiche Kaufmann Nathan (Ronald Funke) mit seinen Waren ausgerechnet in ein Flüchtlingslager zurück. Der Sultan Saladin (Andreas Möckel) hat noch nicht gemerkt, dass er jetzt im Zelt und auf Kosten seiner Schwester Sittah (Marie Bauer) lebt; er interessiert sich mehr für religiöse Themen. Und wessen Gefangener kann der junge Tempelherr (Niklas Bruhn) in diesem Niemandsland sein?

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise - Nathan die Parabel von den drei Ringen © Marek Kruszewski

Theater am Domhof Osnabrück / Nathan der Weise – Nathan die Parabel von den drei Ringen © Marek Kruszewski

Selbsterhaltung, Eigeninteresse und religiöse Scheuklappen bestimmen die Handlungen im Camp, überdeutlich beim christlichen Patriarchen (Klaus Fischer) und Daja (Cornelia Kempers), der katholischen Erzieherin Rechas (Elaine Cameron), der Ziehtochter Nathans. Auch Nathan ist so aufbrausend wie vorsichtig, wenn er dem forschen, großsprecherischen Saladin seine Ringparabel erzählt; weise erscheint er nie. Und der Tempelherr bringt für seine Liebe zur kindlich aufgedrehten Recha ihren Ziehvater Nathan in Lebensgefahr. Wenn am Ende alle schreiend ihren je eigenen Gott loben und im Theater das Licht ausgeht, erlischt auch das Licht der Aufklärung.

Wegen der mit den Zelten des Camps zugestellte Bühne müssen die Schauspieler viele unmotivierte Wege gehen, um an den schmalen Streifen an der Rampe anzukommen, von wo sie dann szenisch unlebendig ins Publikum reden müssen. Trotzdem berühren in alldem einige Szenen unmittelbar. Etwa wenn der dankbare Nathan die Brandflecken auf der Uniformjacke des Tempelherrn küsst, die von der Rettung Rechas aus Nathans brennendem Haus stammen. Da empfindet man mit Nathan Dankbarkeit und leidet mit ihm daran, dass der junge Krieger diese Geste aus Judenverachtung zurückweist. Hier spricht die Aufführung ein Gefühl für allgemeine Menschlichkeit an und macht erfahrbar, wie sich Intoleranz und Vorurteil zerstörerisch darauf auswirken. Dieses Gefühl zu befördern, nicht mit Verweis auf Aktualität „realistisch“ zu dekonstruieren, wäre im Sinn von Lessings „Nathan“.

Nathan der Weise in Osnabrück: Die nächsten Termine: 14. , 30.3. und 5.4.2017  jeweils 19.30 Uhr, am 30.4.2017 15.00 Uhr im Theater am Domhof.

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