Dresden, Semperoper, Skandalstücke – Mussorgski, Prokofjew, Strawinsky, IOCO Kritik, 13.06.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Modest Mussorgski, Sergej Prokofjew, Igor Strawinsky

  – Staatskapelle Dresden mit russischen Skandalstücken –

Modest Mussorgski (1839-1881) gehört zu den faszinierenden musikalischen Außenseitern des 19. Jahrhunderts. Als autodidaktisches Genie hat er wie kaum ein anderer Komponist die Musik Russlands erneuert und andererseits derart viele unvollendete Werke hinterlassen.

Die symphonische Dichtung Johannisnacht auf dem Kahlen Berge entstand im Juni 1867 innerhalb weniger Tage und bezieht sich auf die Sage, dass „in der Nacht zum Johannistag die Hexen auf dem Kahlen Berg bei Kiew den Teufel treffen“.

Zunächst wollte Mussorgski die Komposition in seiner Oper Mlada als Ballett verwenden. Als die Arbeit stockte und unvollendet blieb, sollte die Skizze in die Oper Der Jahrmarkt von Sorotschinzy als eine Traumsequenz eingebaut werden. Nach seinem frühen Tod nahm sich sein Freund Rimskij-Korsakow die „Johannisnacht auf dem Kahlen Berge“ vor und glättete das Geschehen von der größtmöglichen Schroffheit und Wildheit, dämpfte die starke Chromatik und die Dissonanzen der beiden Opernentwürfe. Vor allem verfeinerte er die Instrumentierung und versah diese Fassung mit einem versöhnlichen Schluss.

Sächsische Staatskapelle Dresden / zum Gedenkkonzert 13. Februar 1945 © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / zum Gedenkkonzert 13. Februar 1945 © Matthias Creutziger

Nach einem fulminanten Auftakt lässt Andrés Orozco-Estrada die Staatskapelle Dresden rhythmisch und flexibel eher tänzerisch spielen. Die Phrasierungen erscheinen  musikalisch sinnvoll, so dass noch die angedachte Ballett Verwendung durchscheint.

Sergej Prokofjews Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 16 gehört zu den schwierigsten Klavierkonzerten des Repertoires. Die 1912 bis 1913 entstandene Erstfassung war dem Freund des Komponisten Maximilian Schmidthof gewidmet, der sich im April 1913 das Leben genommen hatte. Während des ersten Weltkrieges war die Partitur verloren gegangen, so dass Prokofjew eine Rekonstruktion des Werkes vornehmen musste.

Für die Interpretation im 11. Symphoniekonzert  war die russische Pianistin Anna Vinnitskaya für ihr Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle gewonnen worden. Bereits im ersten Satz zeigt sie im gedämpften Streicherbeginn ihre melodische Linie und verschärfte im Verlaufe des ersten Satzes ihre intensive Interpretation. Selbst mit ihrer Kadenz entwickelt sie Prokofjews Harmonien zu gleißenden Farben. Die langsamen Passagen werden zu regelrechten Treibern. Dass unerbittlich dahinrasende Scherzo verhindert beim Zuhörer jede Beschaulichkeit. Zwischen Traumverlorenheit und Bedrohlichkeit ist auch ihr dritter Satz Allegro moderato, von Orozco-Estrade mit dem Orchester auf das feinste verzahnt, angesiedelt. Fast spukhaft ihr mehrfaches Hakenschlagen zu Beginn des Finales, das auch kaum Gelegenheit zu lyrischen Augenblicken gewährt. Bei ihr vergisst man das Technische und ist hingerissen von der empfindsamen Gestaltung und der Kraft ihres Spiels.

Diese Diktion wäre ohne den Maestro am Pult kaum möglich geworden, der die Musiker der Staatskapelle Dresden regelrecht symbiotisch mitgezogen hat. Immer wieder finden die Solistin und das Orchester lyrische Inseln, von denen aus die gewaltige Steigerung zum erhitzten Finale entwickelt werden konnte. Bleibt die Hoffnung, dass wir die noch junge Sibirerin noch häufig im Hause erleben dürfen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Orozco-Estrada © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Orozco-Estrada © Matthias Creutziger

Igor Strawinskys Ballettmusik Le sacre du printemps (Das Frühlingsopfer) – Bilder aus dem heimischen Russland, 1913 vom damals 31-jährigen komponiert und aufgeführt, gilt wegen seiner die Elementarkräfte des Rhythmus entfesselnden maßlosen Musik für Viele heute als der „Urknall“ der Moderne“ in der Musik. Enthält die Musik doch gleichsam hypnotische, hysterische, brutale, panische und manische Elemente. Führte die Uraufführung am 29. Mai 1913 mit der Djagilews-Ballett-Truppe in Paris noch zu einem handfesten Skandal, so hatte das Werk, wie kaum ein anderes der musikalischen Moderne, so schnell ein breiteres Publikum erreicht und sich weltweit im Konzertleben durchgesetzt. Passiert es doch selten, dass der ästhetische Rang und die historische Bedeutung eines Kunstwerkes zeitlich in Übereinstimmung sind. Andrés Orozco-Estrada, mit den Musikern der Staatskapelle Dresden aus den Vorjahren bestens bekannt, trieb das Orchester mit viel Körpereinsatz und sichtlicher Musizierfreude in etwa vierzig Minuten durch die Partitur. Es war nicht zu übersehen, dass diese Komposition zu den Lieblingswerken des Kolumbianers gehört.

Die Schwierigkeiten, aus der musikalischen Struktur des Stückes das Intelligente, Logische sowie Intensive zu erkennen und mit dem Orchester umzusetzen, war ihm auf das Eindrucksvollste gelungen. Den Konflikt, dass hier ein Ballett als ein reines Orchesterstück geboten wurde, löste der Dirigent mit dem Orchester, so dass eine regelrechte Orchesterchoreographie die Tanzpartien ersetzte. Die hohe Qualität der Staatskapelle war für Orozco-Estrada ein sicherer Garant für ein wunderbares Konzert.

Beglückend für den aufgeschlossenen Teil der Konzertbesucher, diese drei Meilensteine russischer Musik so komprimiert an einem Abend zu erleben

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Essen, Philharmonie Essen, Lisa Batiashvili und Sir Antonio Pappano, 24.05.2019

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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Lisa Batiashvili © Sammy Hart/DG

Philharmonie Essen / Lisa Batiashvili © Sammy Hart/DG

Lisa Batiashvili und Sir Antonio Pappano –  Zu Gast

Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia spielt am Freitag, 24. Mai 2019, um 19:30 Uhr in der Philharmonie Essen

„Mein Ton besitzt Zärtlichkeit, Wärme und Nostalgie.“ So beschreibt die Geigerin Lisa Batiashvili selbst ihre musikalische Persönlichkeit. In der Philharmonie Essen kann man sich nun von ihrem außergewöhnlichen Violinspiel verzaubern lassen: Am Freitag, 24. Mai 2019, um 19:30 Uhr (19:30 Uhr „Die Kunst der Hörens“, 20:00 Uhr Konzertbeginn) spielt die Georgierin gemeinsam mit Italiens Spitzenorchester, dem von Sir Antonio Pappano geleiteten Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia aus Rom, bei dem sie in der vergangenen Saison Artist in Residence war. Interpretieren wird sie Béla Bartóks erstes Violinkonzert. Außerdem spielt das Orchester Modest Mussorgskis Eine Nacht auf dem kahlen Berge und Nikolai Rimski-Korsakows Sinfonische Suite Scheherazade.

Philharmonie Essen / Antonio Pappano © Musacchio & Ianniello

Philharmonie Essen / Antonio Pappano © Musacchio & Ianniello

Sir Antonio Pappano ist seit Oktober 2005 musikalischer Direktor der Accademia Nazionale di Santa Cecilia, nachdem er bereits im September 2002 musikalischer Direktor des Royal Opera House Covent Garden in London wurde. Pappano dirigierte viele international bedeutende Orchester, darunter das New York Philharmonic, das Chicago Symphony Orchestra, das Philadelphia Orchestra, die Berliner Philharmoniker, die Wiener Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Staatskapelle Dresden, die Staatskapelle Berlin, das Royal Concertgebouw Orchestra und das London Symphony Orchestra. Die in München lebende Lisa Batiashvili veröffentlichte als Exklusivkünstlerin der Deutschen Grammophon zuletzt das Album „Visions of Prokofiev“ mit dem Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin, das mit dem Opus Klassik Award 2018 ausgezeichnet und für die Gramophon Awards 2018 nominiert wurde.

Für Kinder ab 10 Jahren bietet die Philharmonie während des ersten Konzertteils eine separate Einführung an. Im zweiten Teil können sie Rimski-Korsakows „Scheherazade“ dann gut vorbereitet live erleben. Für Kinder und Eltern gibt es ermäßigte Karten (€ 10,00 für Erwachsene; € 6,60 für Kinder; Reservierung erforderlich unter education@tup-online.de, T 02 01 81 22-826).

[ Von Lisa Batiashvili wurden verschiedene Aufnahmen bei der deutschen Grammophon veröffentlicht.]

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Mönchengladbach, Theater Krefeld Mönchengladbach, Boris Godunow – Modest Mussorgskij, 23.03.2019

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Boris Godunow von Modest Mussorgskij

Premiere am 23. März  um 19.30 Uhr

Das Werk, dessen Handlung auf den historischen Tatsachen um die Thronnachfolge Ivans „des Schrecklichen“ Ende des 16. Jahrhunderts basiert, wurde bisher nur in der Saison 1994/95 am Theater Krefeld und Mönchengladbach gespielt.

Theater krefeld Mönchengladbach / Agnessa Nefjodov © privat

Theater krefeld Mönchengladbach / Agnessa Nefjodov © privat

Mit dieser Neuinszenierung stellt sich die junge Nachwuchsregisseurin Agnessa Nefjodov erstmals am Gemeinschaftstheater vor.

In der großen Choroper stehen neben dem hauseigenen Opernchor auch der Extra-Chor und zusätzliche Gastchoristen auf der Bühne. Insgesamt begleiten 70 Sängerinnen und Sänger die Solisten des Musiktheaters. Die Titelrolle übernimmt Johannes Schwärsky, der damit einmal mehr seine kraftvolle Bühnenpräsenz und sein Talent für starke Charaktere unter Beweis stellen kann. Die Niederrheinischen Sinfoniker spielen unter der Leitung von GMD Mihkel Kütson.

—| Pressemeldung Krefeld Mönchengladbach |—

Wien, Wiener Staatsoper, Il Trovatore – Start der Spielzeit 2017/2018, 04.09.2017

August 30, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wiener Staatsoper: Start in die Spielzeit 2017/2018

Il trovatore: Mit Anna Netrebko und Ehemann Yusif Eyvazov

Mit dem beliebten Tag der offenen Tür startet die Wiener Staatsoper am Sonntag, 3. September 2017 in die Spielzeit 2017/2018. Geboten werden spannende Einblicke hinter die Kulissen des Opern- und Ballettbetriebs mit u. a. Proben, einer Technikshow, der Ausstellung von Kostümen und Requisiten. Für die zwei Termine (14.00 und 17.30 Uhr) werden seit Anfang August kostenlose Zählkarten an den Bundestheaterkassen ausgegeben.


Gleich am darauffolgenden Tag steht die erste Vorstellung der neuen Saison auf dem Programm: In der Wiederaufnahme von Verdis Il trovatore am Montag, 4.* September 2017 kehrt Anna Netrebko, die die Partie bereits bei der Premiere der Produktion von Daniele Abbado im Februar 2017 verkörpert hat, als Leonora zurück auf die Bühne des Hauses am Ring. Marcelo Álvarez musste seine Auftritte soeben krankheitsbedingt absagen, an seiner Stelle gibt Yusif Eyvazov (!) sein Rollendebüt als Manrico an der Wiener Staatsoper. George Petean verkörpert erstmals am Haus den Conte di Luna, Luciana D’Intino ist wieder als Azucena zu erleben. Am Dirigentenpult: Marco Armiliato. In der letzten Vorstellung der Serie (Reprisen am 7., 10. und 13. September) am 13. September gibt Carmen Giannattasio ihr Rollendebüt am Haus als Leonora.


Mozarts Le nozze di Figaro ist wieder ab Dienstag, 5. September 2017 zu erleben: Adam Plachetka singt den Figaro, KS Carlos Álvarez den Conte d’Almaviva (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper) und Dorothea Röschmann die Contessa d’Almaviva. Ihre Rollendebüts am Haus geben Andrea Carroll als Susanna, Margarita Gritskova als Cherubino und Ryan Speedo Green als Bartolo. Es dirigiert: Adam Fischer. Reprisen: 9.*, 12.* und 15.*° September


Am Mittwoch, 6.* September 2017 steht eine Vorstellung von Rossinis Il barbiere di Siviglia auf dem Spielplan: Marco Caria singt die Titelpartie, Ioan Hotea den Conte d’Almaviva, Rachel Frenkel die Rosina, Paolo Rumetz den Bartolo und Sorin Coliban den Basilio. Es dirigiert: Marco Armiliato.

In Mussorgskis Chowanschtschina ab Freitag, 8.* September 2017 sind KS Ferruccio Furlanetto als Iwan Chowanski, Christopher Ventris als Andrei Chowanski, Herbert Lippert als Golizyn, Andrzej Dobber als Schaklowity, Ain Anger als Dossifei und Elena Maximova als Marfa zu erleben. Ihre Rollendebüts am Haus geben Thomas Ebenstein als Schreiber, Carlos Osuna als Kuska und Ayk Martirossian als 2. Strelitze. Michael Güttler dirigiert erstmals Chowanschschtina an der Wiener Staatsoper. Reprisen: 11.*°, 14.* und 17. September 2017.

* Live-Übertragung auf den Herbert von Karajan-Platz im Rahmen von
„Oper live am Platz“
° weltweite Live-Übertragung in HD über www.staatsoperlive.com

 

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