Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Schwanda der Dudelsackpfeifer – Jaromir Weinberger, IOCO Kritik, 19.06.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Schwanda der Dudelsackpfeifer – Jaromir Weinberger

Robin Hood trifft auf tschechischen Troubadix: Der Räuber Babinsky versteckt im Haus des musikalischen Bauernhelden Schwanda…..

von Ingo Hamacher

Teuflisch gut! Schwanda im MiR Gelsenkirchen: Mit tosendem Applaus in gut besetztem Haus, wurde eine großartige Premiere im MiR bejubelt, die auf allen Ebenen überzeugte.

Die Handlung von Schwanda ist eher unbekannt: Schwanda der Dudelsackpfeifer, verheiratet mit Dorota erhält Besuch von einem gewissen Babinsky, der Schwanda mit seinen Berichten von einem freien, abenteuerlichen Leben Lust macht, sein beschauliches Heim zu verlassen. Als Schwanda von einer melancholischen Königin hört, beschließt er, sie mit dem Spiels seines Dudelsacks zu heilen, und schleicht sich von zu Hause fort.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Piotr Prochera als Schwanda © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Piotr Prochera als Schwanda © Forster

Mit einer fröhlichen Polka befreit er die Königin von ihrer Schwermut – aber als sie ihren Retter heiraten will, erscheint Dorota, Schwandas Frau. Der böse Magier, unter dessen Einfluss sich die Königin bis dahin befand, lässt Schwandas Dudelsack verschwinden und nimmt ihm damit seine Macht. Nun soll Schwanda sogar hingerichtet werden – aber im letzten Augenblick ist Babinsky als Retter da. Als Dorota dem Gatten Vorwürfe wegen seiner Untreue macht, schwört Schwanda – und,  der Teufel soll in holen, wenn es nicht wahr ist! -, dass… und der Teufel holt ihn wirklich.

Schwanda hockt in der Hölle, aber auch hier taucht Babinsky auf. Babinsky gewinnt dem Teufel beim Kartenspiel Schwandas Seele ab und bringt den Dudelsackpfeifer seiner treuen Dorota zurück.

Dass dies heitere und in seinen sinfonischen Passagen ungewöhnlich brillante Musikwerk Schwanda der Dudelsackpfeifer so selten gespielt wird, liegt keinesfalls an einer fehlenden Repertoirefähigkeit des Stückes, wie die aktuell im MiR in  Gelsenkirchen zur Diskussion gestellte Aufführung beweist, sondern ist eher mit der tragischen Biographie des Komponisten verbunden. So wie die Stärke des Textbuches in der ansprechenden Verarbeitung von Volkssagen liegt, zieht auch die Musik ihre größte Wirkungen aus einer glänzenden Verwendung der slawischen Folklore. Weinberger gibt zahlreiche eigene Ideen dazu und zeigt sich in der Verarbeitung als ausgezeichneter Musiker, einfallsreich in Harmonie und Orchestrierung, melodiös in der Führung der Singstimmen.

Jaromir Weinberger, der jüdische Tscheche mit dem deutschen Nachnamen, wurde am 08. Januar 1896 in Prag geboren, studierte in seiner Heimatstadt sowie in Leipzig bei Reger. Schon 1922 wurde er Professor für Komposition in Ithaka, USA, kehrte 1936 nochmals in die Heimat zurück, aus der ihn dann die deutsche Invasion drei Jahre später endgültig vertrieb. Weinberger konnte mit seiner Frau Hansi in die USA fliehen, wogegen seine Mutter und Schwester nach Treblinka deportiert und ermordet wurden. Seine Oper konnte sich zwar noch auf den Spielplänen halten, aber die ihm zustehenden Tantiemen wurden ihm nicht ausbezahlt, so dass Weinberger in den USA mittellos und vergessen lebte. Zwei weitere Opern, Die geliebte Stimme (1931) und Wallenstein (1937) konnten den Erfolg von Schwanda nicht wiederholen. In Nordamerika, wo er sich nach der Auswanderung niederließ, schuf er u.a. eine Lincoln-Sinfonie sowie mehrere Musicals. In der Seele verwundet nahm er sich am 09. August 1967 in St. Petersburg/NY, USA das Leben.

Das Textbuch der zweiaktigen Volksoper Schwanda der Dudelsackpfeifer stammt von dem tschechischen Schriftsteller Milos Kares, der auf Weinbergers Anregung alte slawische Märchen verarbeitet, darunter jenes von edlen Räuber Babinsky und das des Dudelsackpfeifers und Aufschneiders Schwanda aus Strakonitz. Nach der noch mit Zurückhaltung aufgenommenen Uraufführung am 27.April 1927 in Prag (im gleichen Jahr haben Kreneks Jonny spielt auf, Schoecks Penthesilea und Hindemiths Hin und zurück Premiere) geht Schwanda nach der Übersetzung und Veränderungsberatung von Max Brod erfolgreich über 300 Bühnen in der ganzen Welt.

Eine charmante Begrüßungsidee: Auf den geschlossenen Vorhang werden zwei Lehrbuchzeichnungen projiziert. Die Skizze eines Dudelsacks und eines menschlichen Herzens. Neben den erstaunlich ähnlichen Umrissen wird damit auch das Thema des Abends vorgestellt: Musik und die menschliche Seele sind im Grunde eins.

Ort und Zeit: Schwandas Bauernhof im tschechischen Dorf Strakonice, das für seine Dudelsackspieler berühmt und sprichwörtlich war; der Hof der Königin zur Märchenzeit, d.h. zur Zeit des legendären Volkshelden Babinsky. Die Hölle.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Schwanda und Babinsky © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Schwanda und Babinsky © Forster

Erstes Bild: DAHEIM

Der Vorhang hebt sich über einem böhmischen Bauernhausgarten, Teil des Heims von Schwanda, dem lustigen Dudelsackspieler und seiner Frau Dorota. Mit wenigen Elementen farbenprächtig angedeutet, strahlt die Szene vor einem dem den ganzen Abend schwarzen Hintergrund. Ilia Papandreou, die die Partie der Dorota singt, überzeugt mit einem stimmstarken Sopran, den man sich zwar auch lyrischer hätte vorstellen können, der jedoch zur burschikos inszenierten Rolle sehr gut passt.

Zwei Landsknechte erscheinen und fragen die allein anwesenden Dorota, ob sie nicht einen Fremden gesehen habe, den zu verhaften sie ausgeschickt wurden. Als die Frau verneint, eilen sie weiter. Da springt ein Mann aus der Krone eines Baumes auf die Erde nieder und beginnt ein liebenswürdiges galantes Gespräch mit Dorota, die vor Verlegenheit kaum weiß, wie sie ihn behandeln soll. Der Fremde, der sich später als Räuber Babinski vorstellen wird, wird von Uwe Stickert mit glasklarem hohen Tenor gesungen, eine starke Leistung!

Schwanda (Piotr Prochera) Bariton, der sich nach anfänglichen Unsicherheiten im zweiten Teil der Partie vollumfänglich gewachsen zeigt) kommt von seinen Feldern heim, und der Fremde weiß sofort seine Neugierde zu wecken. Er gibt ein Lied über den berühmten Räuber Babinsky zum besten, der vom ganzen Volk mehr geliebt als gefürchtet wird, da er die Reichen plündert, um die Armen zu beschenken. Der Fremde erzählt, daß Babinsky stets, wohin er komme, eine ausgefranste Manschette als Kennzeichen zurücklasse.

Ja, wer solch ein Leben führen könne, frei, in der weiten Welt! Schwandas Wunsch, andere Gegenden und Menschen kennen zu lernen, wird immer größer. Vergebens sucht Dorota ihn mit einer herzlichen Melodie (die zu einem mehrfach wiederkehrenden Motiv des friedlichen Lebens auf dem Bauernhof wird) zurückzuhalten. Als Schwanda auch noch hört, daß eine Königin in Melancholie verfallen sei, aus der sei Dudelsack sie erlösen könne, hat er seinen Entschluss gefaßt. Während Dorota in die Küche geht, um das Mahl zu bereiten, schleichen die beiden Männer davon.

Der Fremde lässt eine zerfranzte Manschette auf dem Tisch zurück. Als Dorota sie findet, zögert sei keinen Augenblick. Sie eilt Schwanda nach, um ihn wieder für sich zu gewinnen.

Zweites Bild: BEI DER EISKÖNIGIN

Das zweite Bild spielt am Hof der Königin (Petra Schmidt, Mezzosopran), die, nachdem sie von einem Zauberer viel Schmuck, aber auch ein Herz aus Eis statt ihres eigenen erhalten hat, melancholisch geworden ist. Dichter Schnee fällt auf eine grausige Szene: Wir sehen ein Schafot, auf dem die Leiche eines enthaupteten Prinzen liegt, der es gewagt hatte um die Hand der Königin zu werben. Erstarrt verharren Königin und Hofstaat in operettenhaften Roben.

Plötzlich hallt der Palast von einer Polka wieder, die den seit langem erstarrten Hofstaat aufweckt. Schwanda tritt mit seinem Dudelsack auf und stellt sich als Retter vor, den die Königin natürlich sofort heiraten will. Schwanda sieht sich bereits als König, doch im Augenblick, da er seiner künftigen Gattin den ersten Kuss geben will, erscheint Dorota. Große Verwirrung am Hof. Die Königin will Dorota töten lassen, doch Schwanda versucht, sie zu schützen.

Beide werden festgenommen, während der Magier (Michael Heine, Bass, mit leichten Intonations- und Artikulationsschwächen) den Dudelsack verschwinden läßt. Sein Triumph scheint nun sicher, die Königin befindet sich neuerlich in seiner Gewalt. Die mächtige Waffe seines Feindes ist in den tiefsten Keller gesperrt. Statt Dorota soll nun Schwanda hingerichtet worden soll. Als letzte Gnade erbittet er seinen Dudelsack. Unverrichteter Dinge kehren die Diener zurück, der Dudelsack ist verschwunden. Die Königin ordnet die Hinrichtung an.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Petra Schmidt als Königin Eisherz, Michael Heine © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Petra Schmidt als Königin Eisherz, Michael Heine © Forster

Der Henker will Schwanda mit dem Beil den Kopf abschlagen, aber ein Lachsturm folgt seinem Versuch: Heimlich wurde von Babinsky das Beil mit einem Besen vertauscht, der Schwanda auch noch sein Instrument bringt. Mit voller Kraft legt der Musikant los, Hof und Volk tanzen in immer wilder werdenden Verrenkungen davon.

Dorota macht ihrem Gatten Vorwürfe über seine Untreue. Babinsky unterstützt sie darin und heizt den Konflikt weiter an, denn er hat schon längst ein Aufge auf die schöne Bäuerin geworfen. Schwanda schwört, er habe die Königin nicht geküßt, na nicht die Hälfte eines Kusses habe er ihr gegeben, nicht ein mal ein Viertel … und wenn es nicht wahr sei, so möge ihn der Teufel holen!

Kaum gesagt, ist Schwanda schon unter Flammen und Rauch im Bühnenboden versunken: der Teufel hat ihn wirklich geholt. Dorota ist untröstlich, und Babinsky, dem edlen Räuber, bleibt nicht anderes übrig, als Schwanda aus der Hölle zu befreien.

Drittes Bild: IN DER HÖLLE

Spontaner Beifall für die Bühne, wenn sich der Vorhang hebt: Pyramidenartig erhebt sich ein bis zur Bühnendecke reichender Turm aus wilden, rotgewandeten teuflischen Höllenknechten, in deren Mitte auf einem Thron der Teufel selbst sitzt. Farbenprächtig und strahlend; ein Augenschmaus!

Der Teufel (Joachim G. Maaß, Bass, stimmlich vereinzelt etwas unsicher aber großartig in seiner Spielfreude) ist mißgelaunt und gelangweilt, weil niemand mit ihm Karten spielen will. Vergeblich sucht er Schwanda dazu zu bringen, mit seinem Dudelsack die düstere Höllenatmosphäre aufzuheitern. Der sehnt sich jedoch nur nach Dorota. Schließlich zaubert der Teufel ihm das Bild der Geliebten vor Augen und verspricht ihm, sie wieder zusammen zu bringen, wenn Schwanda ihm ein Schriftstück unterzeichnet.

Schwanda unterzeichnet es, ohne viel auf den Inhalt zu achten. Damit hat er dem Teufel seine Seele verschrieben, so dass dieser ihn zwingen kann, Dudelsack zu spielen. Als Schwanda sich immer noch weigert, werden die Marterwerkzeuge für ihn bereitet. Da, große Überraschung in der Hölle: der berühmte Räuber Babinsky kommt persönlich zu Besuch! Man bereitet ihm einen würdigen Empfang. Babinsky schlägt dem Teufel eine Kartenpartie vor, begeistert stimmt dieser zu.

Als Einsatz zieht Babinsky Schätze aus seiner Tasche, die er vorher dem Teufel aus dessen Tresor geraubt hat. Was setzt der Teufel gegen diese herrlichen Juwelen? Die Hälfte der Hölle! „Zu wenig“, meint Babinsky und verlangt außerdem noch Schwandas Seele. Satan versucht zu handeln, stimmt aber schließlich ein, da er sich seines Sieges sicher glaubt. Alles scheint auch nach seinem Wunsch zu gehen. Dann jedoch zeigt sich, dass Babinsky noch besser schwindeln kann als der Teufel und dadurch gewinnt. Großer Jammer bricht in der Hölle aus, am meisten weint der Teufel, der nun wirklich ein armer Teufel geworden ist. Zum Trost schenkt Babinsky dem besiegten Gegner alles, was er ihm abgewann, mit Ausnahme der Seele Schwandas.

Schwanda beginnt überglücklich auf seinem Dudelsack zu spielen, und die ganze Hölle tanzt. Der Räuber nimmt rührenden Abschied von seinem neuen Freund, dem Teufel, und bald ist er mit Schwanda wieder auf der Erde angelangt

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Piotr Prochera als Schwanda, Joachim G. Maaß als Teufel, Tobias Glagau als des Teufels Famulus, Jiyuan Qiu als Höllenhauptmann © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Piotr Prochera als Schwanda, Joachim G. Maaß als Teufel, Tobias Glagau als des Teufels Famulus, Jiyuan Qiu als Höllenhauptmann © Forster

Viertes Bild: DAHEIM

Vergeblich versucht Babinsky noch einmal Schwanda zu weiteren Abenteuern in der Welt zu verführen. Schwanda will nur noch nach Hause zu seiner Dorota.

Der stimmgewaltige, von Alexander Eberle ausgezeichnet geführte Chor betritt in Alltagskleidung die Bühne und singt zusammen mit Schwanda und Dorota das Heimatlob: „Auf unserem Hofe daheim hört man die Gänse schrein…“, während im Hintergrund Stadtansichten von Gelsenkirchen bühnenfüllend eingeblendet werden. Große Begeisterung; tosender Applaus. Lobenswert: Obwohl auf Deutsch gesungen wird, wird auf eine Übertitelung nicht verzichtet, was das Text- und Handlungsverständnis nachhaltig unterstützt.

In den kleineren Rollen: Jiyuan Qiu und John Lim,  Opern und Extrachor und Statisterie des MiR. Es spielt die Neue Philharmonie Westfalen unter der wunderbaren Leitung von Giuliano Betta, der mit großer Leidenschaft gerade in den ausgiebigen orchestralen Teilen jede Feinheit der Partitur auslotet. Inszenierung und Bühne: Michiel Dijkema, Kostüme: Jula Reindell, Licht: Thomas Ratzinger, Choreografie: Denis Untila,  Dramaturgie: Anna Chernomordik

Schwanda der Dudelsackpfeifer  im MiR, weitere Vorstellungen am 22.6.; 27.6.; 5.7.; 7.7.2019

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 30.05.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Das Rheingold – Richard Wagner

– Raub und Verschwörung –  Im Rheingold-Express und Untertage –

von Viktor Jarosch

Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Die Götterdämmerung bilden ein zeit- und grenzenloses Gesamtkunstwerk der Menschheit: Der Ring des Nibelungen, von seinem Schöpfer Richard Wagner als „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“ beschrieben. Zwist und Streit, in welche Götter, Riesen, Naturwesen oder Zwerge in dem Vorabend, in Rheingold, nach wenigen Takten verfallen, begleiten Rheingold auch „auf Erden“: So vollzog Ludwig II die Uraufführung des Rheingold 1869 im Königlichen Hof- und Nationaltheater in München. Gegen den Wunsch Richard Wagners, der weit entfernt in der Schweiz wohnte und nicht anwesend war. In bitteren Versen zeichnet Wagner 1869 seinen Frust über diese, allein von Ludwig II betriebene Uraufführung des Rheingold:

Das Rheingold – Richard Wagner

Spielt nur, ihr Nebelzwerge, mit dem Ringe,
wohl dien‘ es euch zu eurer Torheit Sold;
doch habet ach; euch wird der Reif zur Schlinge;
ihr kennt den Fluch; seht, ob er Schächern hold!
……..
doch euer ängstlich Spiel mit Leim und Pappe
bedeckt gar bald des Niblungs Nebelkappe!

Richard Wagners wahre, seine Uraufführung des Rheingold fand in Bayreuth, am 13. August 1876 statt: zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele, als Vorabend des Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen, hier erstmals zyklisch aufgeführt.

So schwebt seither über jeder Rheingold Inszenierung auch der Geist des Regisseurs: inszeniert er Rheingold als Teil des Ring oder das Einzelkunstwerk. Zwar tauchen in Rheingold erstmals die großen Leitmotive auf, welche das Beziehungsgeflecht in Wagners Bühnenfestspiel symbolisieren, doch die Leitmotivik in Rheingold ist noch spielerisch, nicht dicht geflochten. Rheingold kann so auch Satyrspiel empfunden werden, in welchem, in musikalischem Konversationston, Götter, naive Naturwesen, Riesen, Zwerge, Rheintöchter oder, wie im MiR, verschlagene, brutale, liebevolle oder zickige Menschen handeln und  kommunizieren.

Im Musiktheater im Revier wird Rheingold nicht als MiR-Ring, nicht als zyklische Parabel inszeniert. Michael Schulz, Wagner-erfahrener Regisseur und Intendant des MiR beschließt mit seinem Rheingold eine Reihe von Inszenierungen, welche sich mit Irdischem, dem Ruhrgebiet, dem Bergbau, mit dem Thema „Arbeit“ auseinandersetzen. So zuvor bereits in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Mythos oder Götter schweben in seiner Inszenierung von Rheingold kaum spürbar mit, dafür aber Bergbau, Maloche, Grubenlampen, Loren und ein Zug.

Das Rheingold – Richard Wagner
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Projektionen begleiten im MiR das vier-minütige Rheingold- Vorspiel: sonnendurchflutete lichte Gewässer schimmern auf dem Prospekt des Theaters, deuten Mythisches an. Doch aller Mythos wird verdrängt, alles wird sehr irdisch, wenn sich zum ersten Bild der Vorhang hebt und das Innere eines langgezogenen Speisewagen mit Abteilen und Speisetheke (Bühnenbild: Heike Scheele) zeigt. Der Speisewagen im Rheingold-Express dominiert, irdisch wie profan, den langen ersten und zweiten Auftritt der Inszenierung; macht alle, Götter, Zwerge, Rheintöchter und Riesen zu menschlichen Wesen, liebende, grobe, tanzende wie hinterhältige. Das Diktum von Regisseur Schulz wird im ersten Bild brutal deutlich: Das Ruhrgebiet ist sichtbar nah; alles ist menschlich in dieser Inszenierung! Götter sind auch nur Menschen!

So lümmelt sich denn Alberich, in altbackener Kleidung und mit Pudelmütze (Kostüme Renée Listerdal) auf einer Sitzbank des Zuges. Die Rheintöchter tauchen nicht aus dem Rhein auf, sondern in knappem sexy Outfit hinter der Theke hervor: „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Waglaweia!“ Ein Tabledance, von Woglinde lasziv an einer X-Pole-Stange vollzogen und mehr sollen den aus seinem Zugabteil herüber gekommenen Alberich („He, he! Ihr Nicker! Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk“) verführen; alle verschwinden sie dann durch die Zugfenster, erscheinen wieder durch die Waggontüren. Zum Finale des 1. Auftritts, zum Raub des Goldes und den Klagen der Rheintöchter, „Haltet den Räuber! Rettet das Gold“, verfärben sich die projizierten lichten Gewässer im Hintergrund, werden trübe, verschmutzt; deuten den Mythos an, den Untergang von Göttern, Zwergen und Riesen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

So erscheint dann auch Wotan, männlich menschlich in elegantem Anzug mit Krawatte, im Rheingold-Express, Walhall besingend („Der Wonne seligen Saal bewache mit Tür und Tor …“).. um dann, ein gelungener Regieeinfall, mit den Riesen Fasolt und Fafner („Sanft schloß schlaf dein Auge..“) zunächst „aus dem Off“ zu kommunizieren. Dann erscheinen die Riesen als irdische muskelbepackte Riesen auf den Bühne, um ihren Lohn für den Bau von Walhall einzufordern. Die sich zickig sträubende Freia wird mit Grubenhelm versehen in einen Grubenaufzug gepresst.

Mit dem 3. Auftritt, Loge führt Wotan in das Halbdunkel des unterweltlichen Nibelheim. Der Rheingold – Mythos, Richard Wagners wunderbare Komposition scheinen nun ein wenig auf. werden vom Bühnenbild gestützt; auch wenn Mime dort mit einem Putzeimer herum läuft und auf seinem Plakat „Gold macht Lust“ irdische Genüsse propagiert. Wotan fährt in einer Lore in das Halbdunkel von Walhall ein, wo (das MiR – Thema „Arbeit“, Ruhrgebiet), stöhnende Erdlinge schuften, frühindustrielle Stahlproduktion andeuten. Kinder weihen Walhall fröhlich ein, irdisch Friedensfahnen winkend: Loges düstere Prophezeiungen kontrastierend. So bleibt Rheingold im MiR beständig irdisch, gutmenschlich wie böse: wenn dann Wotan den an Händen gefesselten Alberich mit einem Dolch ersticht, wenn Fasolt  Fafner mit eine Knüppel erschlägt, wenn Erda – in schickem Kostüm ganz Partylike – Wotan vor „. des Ringes Fluch ..“ warnt. Nicht mehr so irdisch verwebt sich das Bühnenbild in Projektionen, wenn zu Wagners wunderbar romantischer Dichtung „Abendlich strahlt der Sonne Auge; in prächt´ger Glut prangt glänzend die Burg..“ im Bühnenhintergrund Walhall in vielschichtiger Farbenglut andeuten und Wotan und Fricka, nun doch ein wenig göttlich, dort friedlich einziehen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Trotz Speisewagen, Loren, Ruhrgebiets-Realität und anderem Irdischen auf der Bühne: Richard Wagner verzaubernde Dichtung, seine Komposition brachte das Ensemble mit stimmlicher Vielfalt wie Pracht und gut lesbaren Übertexten zum Leuchten; Bastiaan Evering, von Beginn an ein bleibend souveräner Wotan, ist mit souverän wohltimbrierten Bass-Bariton und eleganter Erscheinung ein sympathischer Mensch.  Wotan im MiR ist kein Göttervater, der widerwillig auf den Ring verzichtet; er möchte seiner Ehefrau Fricka mit der neuen Wohnung in Walhall gefallen. Cornel Frey festigt als Loge in seiner großen Partie das Irdische der Inszenierung: mit darstellerischem Facettenreichtum und wohlverständlichem Charaktertenor ist Frey als Loge steuerndes, gestaltendes Element der Inszenierung. Urban Malmberg ist als Alberich in profane Kleidung mit Pudelmütze ein herzlos kleingeistiger Kapitalist, beständig und laut schimpfend. Während sich Khanyiso Gwenxane mit elegantem Belcanto als Froh und Piotr Prochera als stimmlich gut aufgelegtem Donner (immer mit schwerem Hammer bewehrt) wunderbar ergänzen. Petra Schmidt ist die zickige Freia, Lohn für die körperlich breit ausstaffierten und stimmlich ebenso sicheren Riesen Fasolt (Joachim Gabriel Maaß und Fafner (Michael Heine). Stark, bewundernswert Almuth Herbst mit sicherem Mezzo in ihren Partien als Fricka und Erda: mit wohltimbrierter Gelassenheit, Persönlichkeit eigenen Charakter verleihend.

Giuliano Betta und die Neue Philharmonie Westfalen lassen Richard Wagners klangliche Momente des Rheingold lyrisch leben. Die wagnersche Dichtung, seine packenden Konversationspassagen kommen durch das sensible Dirigat und ein gut eingestelltes Ensemble wohltuend zur Geltung. So könnte man ein wenig glauben, daß im MiR das Irdische der Inszenierung und der Weltgeist der Komposition verschmitzt miteinander kokettieren.

Das Gelsenkirchener Publikum des MiR, in der Mitte des Ruhrgebiets gelegen, feierte diese Sicht des  Rheingold, ihren Rheingold-Express, ihr Ensemble, ihren Regisseur.

Das Rheingold am Musiktheater im Revier; die weiteren Vorstellungen: 30.5.; 2.6.; 9.6.; 20.6.; 30.6.2019

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Spielplan – März 2019

Februar 12, 2019 by  
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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

 


Romeo und Julia, Königskinder, Big Fish, Perlenfischer und mehr

Sa, 02.03.     14.00 Uhr  –  Theaterführung  –  Karten 6- €

19.30 Uhr – 22.00 Uhr
Romeo und Julia  –  Ballett von Bridget Breiner
Musik von Sergej Prokofjew
Karten 12,- bis 42,- €


So, 03.03.     17.30 Uhr
Einführung

18.00 Uhr – 21.00 Uhr
Königskinder  –  Oper von Engelbert Humperdinck
Karten 12,- bis 42,- €
Hör.Oper (Audiodeskription)

Sa, 09.03.     19.30 Uhr
Premiere  Big Fish  –  Musical von Andrew Lippa und John August
Karten 13,- bis 50,- €
Anschließend Premierenfeier im Foyer


So, 10.03.     17.30 Uhr
Einführung

18.00 Uhr – 20.30 Uhr
Die Perlenfischer  –  Oper von Georges Bizet
Karten 12,- bis 42,- €


Mo, 11.03.     19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
7. Sinfoniekonzert  –  Aus Böhmen und Mähren
Werke von Bedrrich Smetana, Antonín Dvorak,
Josef Suk, Leoš Janácek
Karten 12,- bis 32,- €

Fr, 15.03.      19.30 Uhr
Big Fish  –  Musical von Andrew Lippa und John August
Karten 13,- bis 50,- €

Sa, 16.03.     19.30 Uhr
Big Fish  –  Musical von Andrew Lippa und John August
Karten 13,- bis 50,- €


So, 17.03.     17.30 Uhr
Einführung

18.00 Uhr
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny  –  Oper von Kurt Weill, Bertholt Brecht
Karten 12- bis 42,- €

Mi, 20.03.      18.00 Uhr
Premierenfieber  –  Ein Sommernachtstraum  –  Ballett von Bridget Breiner
Eintritt frei. Einlasskarten erhalten Sie an der Abendkasse.


Fr, 22.03.      19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny  –  Oper von Kurt Weill und Bertholt Brecht
Karten 12,- bis 42,- €


Sa, 23.03.     19.30 Uhr
MiR Goes Film: Winnetou meets Alien
Karten 12,- bis 42,- €

So, 24.03.     11.00 Uhr
Musikbrunch  Karten 28,- €

18.00 Uhr
Die Perlenfischer  –  Oper von Georges Bizet
Karten 12,- bis 41,- €
Hör.Oper (Audiodeskription)

So, 31.03.     18.00 Uhr
Premiere  Sommernachtstraum  –  Ballett von Bridget Breiner
Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy u.a.
Karten 13,- bis 48,- €
Anschließend Premierenfeier im Foyer


Kleines Haus / Kleines Haus Foyer

Fr, 01.03.      19.30 Uhr
Premiere  Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In einer Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €


Sa, 09.03.     19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In einer Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €


Do, 14.03.     19 .00 Uhr
UPDATE .3.1.
Theaterstück von und mit den Jugendlichen
Der Musiktheaterwerkstatt
Karten 3,- €

Sa, 16.03.     10.00 Uhr
Ballett.Hautnah  –  Öffentliches Training im Ballettsaal mit dem Ballett im Revier
Ausverkauft

19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In einer Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €

Do, 21.03.     11.00 Uhr
Schulvorstellung  –  Oper.Kurz.Gefasst
Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In einer Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €


Fr, 29.03.      19.00 Uhr
Einführung

19.30 Uhr
Eugen Onegin  –  Oper von Peter I. Tschaikowski
In der Kammerfassung von André Kassel
Karten 24,50 €

Sa, 30.03.     19.30 Uhr – 21.30 Uhr
Fifty-Fifty Vol. 2  –  Die Wunschkonzert Show
Mit Joachim G. Maaß, Christa Platzer,
Sebastian Schiller und Anke Sieloff
Karten 24,50 €

So, 31.03.     11.00 Uhr
Hör.Genuss  –  Mit Dongmin Lee (Sopran)
Karten 8,- €

18.00 Uhr-  20.00 Uhr
Fifty-Fifty Vol. 2  –  Die Wunschkonzert Show
Mit Joachim G. Maaß, Christa Platzer,
Sebastian Schiller und Anke Sieloff
Karten 24,50 €


—| Pressemeldung Musiktheater im Revier |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Michael Schulz – Giuseppe Spota, IOCO Aktuell, 26.01.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

 Michael Schulz am MiR bis 2023

Musiktheater im Revier / Intendant Michael Schulz © PEDRO MALINOWSKI

Musiktheater im Revier / Intendant Michael Schulz © PEDRO MALINOWSKI

Michael Schulz hat seinen Vertrag als Generalintendant am Gelsenkirchener Opernhaus verlängert. Die Unterzeichnung des neuen Vertrages erfolgte am 24.  Januar 2019 zusammen mit Oberbürgermeister Frank Baranowski im Gelsenkirchener Rathaus, dem Hans-Sachs-Haus. In der Spielzeit 2008.09 war Schulz nach Gelsenkirchen gekommen,  eine erste Vertragsverlängerung erfolgte 2010.11, eine zweite dann 2014.15. Unter seiner  Leitung hat nicht nur die gesellschaftspolitische Verankerung des Hauses in der Stadtgesellschaft, sondern auch die überregionale, künstlerische Bedeutung stetig zugenommen. Zuletzt wurde das Haus zweimal in Folge zum besten Opernhaus in NRW gewählt.* Michael Schulz freut sich auf für weitere vier Spielzeiten mit vielen neuen Impulsen. Sein jetziger Vertrag gilt bis zum Jahr 2023.

 Ballettdirektor Giuseppe Spota vorgestellt

Musiktheater im Revier / Giuseppe Spota © Christian Kleiner

Musiktheater im Revier / Giuseppe Spota © Christian Kleiner

Außerdem hat sich bei dieser Gelegenheit der designierte Ballettdirektor Giuseppe Spota in Gelsenkirchen vorgestellt. Er tritt im August 2019 die Nachfolge von Bridget Breiner an, die das Staatsballett  Karlsruhe übernehmen wird. Der gebürtige Italiener –derzeit noch choreografischer Assistent am Nationaltheater Mannheim – ist wie Breiner im klassischen Tanz verwurzelt, will aber neue ästhetische Impulse setzten. Unter anderem ist auch die Nutzung digitaler Elemente im Tanz vorgesehen. Spota will die großen Ballettabende mit Orchesterbegleitung aber genauso fortsetzen. Der 35jährige wird in seiner Gelsenkirchener Company wie seine Vorgängerin mit 14 Tänzerinnen und Tänzer arbeiten. Spota ist ebenfall bis 2023 am MiR verpflichtet.

—| Pressemeldung Musiktheater im Revier |—

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