Wien, Wiener Staatsoper, Zum Tod von Theo Adam, 10.01.2019

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Zum Tod von Theo Adam

Die Wiener Staatsoper trauert um den großen deutschen Opernsänger Theo Adam, der am gestrigen Donnerstag, 10. Jänner 2019 in seiner Heimatstadt Dresden im Alter von 92 Jahren verstorben ist.

Wiener Staatsoper / Theo Adam als Musiklehrer in Ariadne auf Naxos an der Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper / Axel Zeininger

Wiener Staatsoper / Theo Adam als Musiklehrer in Ariadne auf Naxos an der Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper / Axel Zeininger

Theo Adam war zweifelsohne einer der bedeutendsten Interpreten des 20. Jahrhunderts, ein seiner Heimatstadt stets verbundener kosmopolitischer Sängergigant in vielerlei Hinsicht: eine beeindruckende Erscheinung mit einer sehr edlen Stimme, unzählige Auftritte an den wichtigsten Opernbühnen und Konzertpodien der Welt, über hundert verschiedene Partien quer durch die Musikgeschichte, wobei vor allem die großen Wagner- und Straussrollen seine Glanzpartien waren, so auch an der Wiener Staatsoper. Auch für mich persönlich war Theo Adam ein wichtiger Sänger: In der allerersten Opernvorstellung meines Lebens war er der Amfortas an der Pariser Oper, er war mein erster Wotan – mit Christa Ludwig an seiner Seite und unter Georg Solti –, in meiner ersten Vorstellung in Bayreuth war er der Gurnemanz. Theo Adam wird ein Fixstern am Opernhimmel bleiben“, so Staatsoperndirektor Dominique Meyer.

Theo Adam wurde am 1. August 1926 in Dresden geboren, wo er auch seine musikalische Ausbildung erhielt. Nach seinem Debüt an der Dresdner Semperoper 1949 folgten bald Engagements bei den Bayreuther Festspielen, in Berlin, Frankfurt, an der Wiener Staatsoper, am Londoner Royal Opera House, an der New Yorker Met und bei den Salzburger Festspielen.

THEO ADAM – hier 1990 im Interview mit August Everding
Youtube Trailer von 3sat
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Sein Staatsoperndebüt gab er am 4. März 1954 als Sarastro (Die Zauberflöte) im Theater an der Wien, wo auch Sparafucile (Rigoletto), König Heinrich (Lohengrin) und Don Pizarro (Fidelio) folgten. In der wiedereröffneten Wiener Staatsoper sang er dann ab 1967 u. a. die Titelpartie von Der fliegende Holländer (34 Mal – die meistgesungene Partie), Wotan (Die Walküre) und Don Giovanni (jeweils 24 Mal). Wichtige Wiener Premieren waren u. a. Der Fliegende Holländer 1967 (Dirigent: Heinrich Hollreiser; Inszenierung: Wieland Wagner), Don Pizarro in Fidelio 1970 (Dirigent: Leonard Bernstein; Inszenierung: Otto Schenk – im Theater an der Wien), Dr. Schön/Jack the Ripper in Lulu 1983 (Dirigent: Lorin Maazel; Inszenierung: Wolfgang Weber), die Titelpartie in der Wiener Erstaufführung von Friedrich Cerhas Baal 1981 (Dirigent: Christoph von Dohnányi; Inszenierung: Otto Schenk), Hermann in Tannhäuser (Dirigent: Lorin Maazel; Inszenierung. Otto Schenk).

Bis zu seinem letzten Auftritt am 12. Mai 1997 als Musiklehrer (Ariadne auf Naxos) war er in insgesamt 29 Partien in 253 Vorstellungen zu erleben.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Dresden, Semperoper, Ariadne auf Naxos – Richard Strauss, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 11, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

semperoper_neu_2.jpg
Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ariadne auf Naxos – Richard Wagner

Gelungenes Debut für Regisseur David Hermann in Dresden

Von Thomas Thielemann

Nicht wenige Opernfreunde schätzen die Kammeroper Ariadne auf Naxos als das schönste und vor allem das gelungenste Bühnenwerk des Richard Strauss. Wenn dann noch David Hermann eine klare und direkte Inszenierung mit ausgefeilter Personenregie und raffinierten Verbindungslinien zwischen den heterogenen Teilen der Oper beisteuert, dann sind alle Voraussetzungen für einen gelungenen Premieren-Abend gegeben.

Mit dieser Verbindung aus musikalischer Komödie und „richtiger“ Oper, dem Gemenge aus Kunst und „wahrem Künstler-„ Leben bietet Hermann einen Cocktail aus mehreren Stilformen: Das Vorspiel als konkrete witzige dramatische Komödie mit scharfen Pointen.

Ariadne auf Naxos – Richard Strauss
Youtube Trailer der Semperoper – Einführung in Ariadne Produktion
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Dabei hatte David Hermann eine Anleihe bei Michael Frayn aufgenommen: An der Wand eines kahlen Ganges sind drei Türen angeordnet, die sich ständig öffnen und schließen. Und jedes Mal, wenn sich eine der Türen öffnet, passiert auch etwas, gibt es eine Überraschung. Gleichsam im Stil des „nackten Wahnsinns“ wird mit derber Komik die Tragik des Geschehens vorangetrieben. In der Oper trifft dann die etwas oberflächliche Welt der Zerbinetta auf die leidenschaftliche spritzig-schwitzende griechische Tragödie der Ariadne.

Todesangst und Todessehnsucht stehen gegenüber und versuchen mit einem opulenten, der Tragik der Situation eigentlich wiedersprechenden musikalischen Rokoko-Gemälde eine Annäherung. Das Bühnenbild von Paul Zoller und die Kostüme von Michaela Barth stützen das Konzept der kom-plexen Umsetzung des Librettos des Hugo von Hofmannsthal in die Musik von Richard Strauss.

Unterhaltsam und überraschend, wie die recht kleine Besetzung der Staatskapellen-Musiker unter Leitung Christian Thielemanns die Orchesterklänge opulent verströmen ließ, pointiert und schlank, aber immer Sänger-freundlich. Die Musiker folgten dem Dirigenten vom ersten Ton der Ouvertüre hingebungsvoll mit dem durchsichtigen und geschmeidigem Dresdner Klang. Dabei nahm sich der Musikalische Leiter ausreichend Zeit, um jede Nuance der Komposition auszu-kosten, jede Silbe, jede Kleinigkeit des Textes verwandelte sich in Klänge und gab damit der exquisiten Sängerbesetzung ein stabiles Gerüst.

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos - hier :  Krassimira Stoyanova (Ariadne), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos – hier : Krassimira Stoyanova (Ariadne), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Als Primadonna brillierte mit makellosem Deutsch die Bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova (Foto). Eine der prachtvollsten Sopranstimmen unserer Zeit gab der Titelrolle ein vokales und darstellerisch kräftiges Profil. Die grandiose Kombination von Klangkultur und Gestaltungsvermögen machte den Premierenabend zu einem unvergesslichen Abend.
Gegenüber diesem Schwergewicht konnte der Bacchus von Stephen Gould mit seinem heldisch inzwischen etwas schwerer gewordenen Tenor mühelos insbesondere in den lyrischen Passagen bestehen und sich dem belkantesken Anspruch der Sopranistin anpassen.

Dass Daniela Fally mit ihrem immensen Bühnentemperament und ihrer tollen Koloraturstimme eine außergewöhnliche Zerbinetta bieten kann, ist spätestens seit der Wiener Bechtolf-Inszenierung bekannt. Ohne diese ihre hervorragenden Möglichkeiten zu vernachlässigen, wurde ihr Temperament von der Regie stilisiert und schlüssig zur Entwicklung ihrer Nachdenklichkeit geführt. Der idealistische Komponist war von der klangprächtigen Mezzosopranistin Daniela Sindram, abseits von oft kabarettistischen Ausdeutungen, als sympathische und leidenschaftliche Person geboten.

Eine Überraschung war, dass der Haushofmeister am Premierenabend vom Intendanten des Skala Alexander Pereira übernommen worden war. Das Trio , das die Trauer der Ariadne und die Ankunft des Gottes auf Naxos kommentiert, war mit den Sopranistinnen Evelin Novak (Najade), Tuuli Takala (Echo) und der Altistin Simone Schröder (Dryade) stimmlich sowie darstellerisch sehr ordentlich aufeinander abgestimmt , so dass ihre Passagen eindringlich, gefühlvoll vom Orchester unterstützt, gestaltet worden waren.

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos - hier :  Joseph Dennis (Brighella), Torben Jürgens (Truffaldin), Daniela Fally (Zerbinetta), Carlos Osuna (Scaramuccio), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Ariadne auf Naxos – hier : Joseph Dennis (Brighella), Torben Jürgens (Truffaldin), Daniela Fally (Zerbinetta), Carlos Osuna (Scaramuccio), Rafael Fingerlos (Harlekin) © Ludwig Olah

Albert Dohmen gefiel vor allem mit seiner Bühnenpräsenz als Musiklehrer. Mit schönen Höhen gefiel der Harlekin des Österreicher Bariton Rafael Fingerlos. Nach mehrfachen Gastauftritten an der Wiener Staatsoper bestritt der mexikanische Tenor Carlos Osuna mit der Partie des Scaramuccio sein Hausdebüt an der Semperoper. Der Bassist Torben Jürgens, ansonsten seit Saisonbeginn als Don Fernando im Fidelio eingesetzt, hatte die Partie des Truffaldin übernommen.

In den weiteren Rollen demonstrierten Sänger aus dem Ensemble und dem Jungen Ensemble der Semperoper die Leistungsfähigkeit der Haussänger: Der amerikanische Tenor Aaron Pegram, seit 2009 im Haus und in der bisherigen Inszenierung als Brighella, nunmehr als Tanzmeister eingesetzt; der Tenor Joseph Dennis als neuer Brighella; der tschechische Bariton Jiri Rajniš (seit 2017 im Jungen Ensemble) als Perückenmacher; der koreanische Tenor Beomjin Kim (seit 2018 im Jungen Ensemble) als Offizier und der Bariton Bernhard Hansky (2017/18 im Ensemble) als Lakai.

Die Regie wäre unvollkommen, wenn sie das Publikum mit dem Klangrausch entlassen würde: Bereits vor dem Beginn der Vorstellung waren hinter dem ersten Rang die Besucher von einer hochmütigen Tischgesellschaft inclusive Tafelmusik empfangen worden. Und diese „Mäzen- Gesellschaft“ zerstörte mit ihrem Huschen über die Bühne in den letzten Takten der Musik, führte zur Selbstreflexion der Schöpfer der Oper zurück und zwingt damit zu einem nachdenklichen Schluss.

Eine gelungene, schlüssige Regiearbeit von David Hermann und eine durchweg gelungene Aufführung mit Gesang und Orchestermusik auf höchstem Niveau. Der frenetische langanhaltende Beifall bestätigten die Besonderheit des Abends.

Ariadne auf Naxos an der Semperoper; weitere Vorstellungen 12.12.; 14.12.2018

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Verona, Arena di Verona, Il Barbiere di Siviglia, 04. – 30.08.2018

August 3, 2018 by  
Filed under Arena di Verona, Oper, Pressemeldung

arena.gif

Arena di Verona

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

Verona / Arena di Verona Vorplatz © IOCO

Il Barbiere di Siviglia

Vom Samstag 4. August bis am 30. August wird an fünf  Abenden Gioachino Rossinis Il Barbiere di Siviglia aufgeführt, nochmals in der Inszenierung aus dem Jahr 2007 von Hugo de Ana, mit der stimmungsvollen Choreographien von Leda Lojodice. Am Pult stehen Daniel Oren and Andrea Battistoni und in der Rolle von Figaro singt in der ersten zwei Abenden  Leo Nucci.

Musikalische Leitung
Daniel Oren (4, 8/8)
Andrea Battistoni (17, 24, 30/8)
Regie, Bühnenbild, Kostüme und Licht Hugo de Ana
Choreographie Leda Lojodice
Orchester, Chor, Balletkorps und Techniker der Arena di Verona

1. Akt 97′ – Intervall – 2. Akt 58′
Zuschauer sind eingeladen, weit im Voraus zu kommen, um die Sicherheitskontrollen zu erleichtern.


Besetzung :


Il Conte d’Almaviva
Dmitry Korchak (4, 8, 24, 30/8)
Leonardo Ferrando (17/8)

Bartolo
Carlo Lepore (4, 8, 17/8)
Luca Dall’Amico (24, 30/8)

Rosina
Nino Machaidze (4, 8, 17/8)
Ruth Iniesta (24, 30/8)

Figaro
Leo Nucci (4, 8/8)
Mario Cassi (17, 24, 30/8)

Basilio
Ferruccio Furlanetto (4, 8/8)
Roberto Tagliavini (17, 24, 30/8)

Berta
Manuela Custer

Fiorello/Ambrogio
Nicolò Ceriani

Ein Offizier
Gocha Abuladze


Handlung :


ERSTER AKT

Das Morgengrauen ist im Anbrechen. Auf einem Platz in Sevilla ordnet ein junger Adelsmann, der Graf Almaviva, eine Serenade für ein junges Mädchen an, dem er kurze Zeit vorher im Prado in Madrid begegnet ist, aber deren Identität ihm unbekannt ist. Der alte Mann in ihrer Begleitung – wahrscheinlich ihr Vater – hatte jeglichen Kontakt verhindert. Das Mädchen zeigt sich aber nicht am Fenster und nach dem Abgang der Musiker bleibt dem Grafen nichts anderes übrig als sein Herz bei seinem Diener Fiorello auszuschütten.

Es nähert sich eine singende Stimme. Vorsichtshalber versteckt sich Almaviva, aber der Ungelegene ist ein alter Bekannter von ihm, Figaro, der Barbier, der sich auch als eine Art von “Mädchen für alles” ausgibt. Der Graf erklärt ihm seine Situation und natürlich bietet sich Figaro sofort an, ihm zu helfen. Er kenne das Mädchen sehr gut, denn als Barbier gehe er in ihrem Haus täglich aus und ein. Rosina sei nicht die Tochter von Dr. Bartolo, sondern sein Mündel. Aber Rosinas Vormund sei eifersüchtig und sehr umsichtig, er halte sie unter Schloss und Riegel, denn er beabsichtige, sie zu ehelichen und ihre Mitgift einzustecken.

In diesem Augenblick öffnet sich die Balkontür und Rosina lässt einen Zettel hinunterfallen, den Don Bartolo erfolglos versucht aufzufangen. Das Mädchen lässt ihren Verehrer wissen, dass sie neugierig sei und wissen möchte, wer er sei und welche seine Absichten seien. Auf Figaros Rat singt Almaviva ein weiteres Ständchen und erzählt, ein armer Student namens Lindoro zu sein. Er will, dass sie ihn unabhängig von seiner gesellschaftlichen Position liebe. Rosina treibt das Spiel mit und der begeisterte Graf verspricht Figaro eine großzügige Belohnung für seine Hilfe. Die Idee eines Goldklumpens spornt die Phantasie des Barbiers an; er überredet Almaviva, sich als Soldat zu verkleiden. Ein Regiment wird in Sevilla erwartet: mit einer falschen Unterkunftsgenehmigung könne der Graf im Hause von Don Bartolo Unterkunft finden und endlich mit dem Mädchen sprechen.

Im Haus von Don Bartolo. Rosina, schlau und unternehmungslustig, ist entschlossen ihren Willen durchzusetzen; sie hat dem jungen Verehrer einen Brief geschrieben und möchte diesen mit Hilfe Figaros zustellen. Der Barbier tritt bald darauf ins Haus, muss sich aber sofort verstecken, denn es treten Don Bartolo und Don Basilio, der Singlehrer ein. Der Vormund hat verstanden, dass es einen Heiratsanwärter gibt und möchte die Hochzeit beschleunigen. Basilio, heuchlerischer Quertreiber und Betrüger, hat erfahren, dass Graf Almaviva, Rosinas Verehrer, in der Stadt eingetroffen ist, und rät Don Bartolo, Verleumdungen über ihn zu verbreiten und ihn außer Spiel zu setzen.

Die beiden entfernen sich, um den Ehevertrag vorzubereiten, aber Figaro hat alles mitgehört. Er setzt Rosina über die Intrigen der beiden in Kenntnis, versichert ihr Lindoros Liebe, den er als seinen Vetter ausgibt und teilt ihr mit, dass der junge Mann versuchen wird, sich ins Haus einzuschleichen. Er rät ihr auch, dem Verliebten ein Zeichen der Ermutigung zu geben. Gesagt, getan: Rosina händigt dem Barbier den Brief aus, den sie bereits vorbereitet hatte.

Figaro geht ab, Don Bartolo tritt ein. Dem argwöhnischen Alten entgeht nichts: er bemerkt sehr schnell, dass Rosina Papier und Feder benützt hat und tadelt sie. In diesem Augenblick klopft es an der Tür und der als Soldat verkleidete Graf, der sich betrunken stellt, tritt ein. Erfolglos versucht Don Bartolo ihn weg zu schicken. Als Rosina dazu kommt, gibt sich Graf Almaviva ihr zu erkennen und versucht, ihr ein Zettelchen zuzustecken, aber der Vormund bemerkt es und dem Mädchen gelingt es um ein Haar, den Zettel mit der Wäscheliste auszutauschen. Inmitten der Verwirrung klopft es wiederum an der Tür: es sind die Wachen. Dem Offizier, der befiehlt, ihn festzunehmen, enthüllt der Graf heimlich seine wahre Identität und unter allgemeiner Verwunderung wird er freigelassen. Keiner versteht mehr, was hier vor sich geht.

ZWEITER AKT

Don Bartolo ist gerade nach Hause gekommen. Er war beim Regiment, um Informationen über den Soldaten einzuholen, aber erfolglos. Bei ihm schleicht sich nun der Verdacht ein, dass dieser komische Kautz ein Spion Almavivas sei. In dem Augenblick stellt sich aber der Graf in Person in der Verkleidung eines Musiklehrers ein. Er begrüßt Don Bartolo mehrmals mit einer schnulzigen Leier und verkündet, Don Alonso und ein Schüler von Don Basilio zu sein. Er sei gekommen, um den kranken Lehrer beim Gesangsunterricht für Rosina zu vertreten. Um den argwöhnischen Vormund zu überzeugen, händigt er ihm den von Rosina geschriebenen Zettel aus, und beteuert, diesen zufällig im Gasthof des Grafen gefunden zu haben: er werde ihn dem Mädchen zeigen, und ihr zu verstehen geben, diesen Zettel von einer Geliebten Almavivas erhalten zu haben. Don Bartolo überzeugt sich: dieser Alonso ist ein Betrüger, ein würdiger Schüler seines Lehrers Basilio. Der Unterricht kann beginnen und die beiden jungen Leute können sich nun verständigen, auch wenn unter der Aufsicht des Vormunds.

Nun kommt Figaro hinzu, der im Einverständnis mit dem Grafen gekommen ist, um Don Bartolo zu rasieren; er nutzt die Gelegenheit, um heimlich den Schlüssel des Balkons einzustecken, über den Rosina mit ihrem Verliebten fliehen kann. Alles scheint sich bestens abzuspielen, aber unvorhergesehenerweise kommt Don Basilio dazu und bringt die Pläne durcheinander. Dem Grafen gelingt es, den Eindringling abzuwehren, indem er ihm heimlich eine Tasche voller Geld zusteckt, und endlich können die beiden jungen Verliebten sich für die Flucht um Mitternacht verabreden, während Figaro Don Bartolo rasiert. Ein unvorsichtiges Wort des Grafen Almaviva erweckt aber erneut den Argwohn Don Bartolos, der die List entdeckt und alle wegschickt. Allein geblieben, denkt die Zofe Berta über die Torheiten nach, die in diesem Haus die Oberhand haben und über die Liebe, die Jung und Alt , einschließlich sie, hinreißt und begeistert.

Don Basilio bestätigt, nicht zu wissen, wer Don Alonso sei. Angesichts der x-ten Intrige des Grafen, entscheidet Don Bartolo, einen Notar zu suchen, um innerhalb abends den Ehevertrag zu unterzeichnen. Er zeigt dann Rosina den Zettel, den er vom falschen Musiklehrer erhalten hat und überzeugt sie davon, dass dieser und Figaro sie entführen wollen, um sie in die Hände des Grafen Almaviva auszuliefern. Rosina sagt aus Rache und Trotz zu, den alten Vormund zu heiraten und enthüllt ihm den Fluchtplan. Don Bartolo eilt hinweg, um die Gendarmen zu rufen.

Es ist bereits Nacht und über Sevilla tobt ein Gewitter. Pünktlich zum Stelldichein erscheinen der Graf und Figaro, steigen über die an den Balkon gelehnte Leiter ein, finden aber eine wütende Rosina vor. Das Mißverständnis wird aber sofort geklärt: Lindoro und der Graf sind in der Wirklichkeit ein und dieselbe Person. Glücklich und verliebt wie noch nie zuvor, entfernen sich die beiden jungen Leute, gefolgt von Figaro, aber die Flucht ist nicht mehr möglich. Don Bartolo hat die Leiter vom Balkon entfernt. Um die Situation noch weiter zu komplizieren, trifft Don Basilio mit dem Notar ein. Aber nochmals findet der listige Figaro eine Lösung. Er tut so als ob er der Hausherr sei, stellt Rosina dem Notar als seine Nichte vor und lässt sie mit dem Grafen verehelichen. Don Basilio wird überredet, als Zeuge zu fungieren.

Als der Vormund mit den Gendarmen eintrifft, um die Eindringlinge zu verhaften, sind die Würfel bereits gefallen. Der Graf enthüllt seine wahre Identität und seinen Stand. Er fordert Don Bartolo auf, seine Entrüstung nicht noch zu verstärken und schließlich beschwichtigt er ihn, indem er verkündet, auf Rosinas Mitgift zu verzichten. Der Alte fügt sich, während alle Umstehenden dem Paar ewige Liebe wünschen.

 

—| Pressemeldung Fondazione Arena di Verona |—

München, Bayerische Staatsoper, Ariadne auf Naxos – Richard Straus, IOCO Kritik, 12.04.2018

April 14, 2018 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Ariadne auf Naxos – Richard Strauss

Dichtung – Hugo von Hofmannsthal

Von Hans-Günter Melchior

„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in     das Reich Gottes gelangt“  (Markus 10,25; Lukas 18,25; Mathäus 19,24)

Es ist aber auch möglich, dass ein Reicher das Kamel ist, das durch das Nadelöhr eines musikalischen Kniffs ins Himmelreich der Kunst gelangt.

– Das Nadelöhr der Kunst –

So ereignet es sich in Richard Strauss´ Meisterwerk Ariadne auf Naxos. Dem reichen Hausherrn, der sich das Leichte und Unproblematische zum Tragischen wünscht, wird unversehens gerade im vermeintlich Oberflächlichen etwas Hochkomplexes, äußerste Kunstansprüche Erfüllendes gleichsam untergejubelt. So gelangt er, der für das Höhere im Grunde Ungeeignete und Oberflächliche,  ungewollt ins Himmelreich der Kunst.

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

Grabstaette Hugo von Hofmannsthal © IOCO

Die von Hugo von Hofmannsthal erdichtete Handlung spielt im 17. Jahrhundert, einer Zeit, in der die Musik allenfalls Dekor bei gesellschaftlichen Veranstaltungen war. Man plauderte nebenbei, aß und trank, lief herum und begrüßte sich, während gleichzeitig bedeutende Werke der Musikliteratur so gut wie ungehört als Hintergrundskulisse erklangen. Erst als Joseph Haydn später in seinen Quartetten ganz am Anfang bereits die dynamische Vorschrift piano oder gar pianissimo anbrachte, war man gezwungen aufzuhorchen…,

„Moment mal, da war doch gerade was, seid mal still“

(Leider, dies nur nebenbei, feiert die Unsitte der rein dekorativen Musik heute wieder unfröhliche Urständ. Wenn auch ein wenig abgewandelt. Wieviele Steinreiche räkeln sich in den ersten Reihen der Festspielstädte, ohne die geringste Ahnung von dem zu haben, was sich vor ihren Augen und Ohren abspielt. Sie sind nur da, weil sie es sich leisten können und sich zeigen wollen, spielen Kultur, ohne ihrer je habhaft geworden zu sein. Wer aber redet noch von den Reichen, die sich aufplustern wie für die Ewigkeit. Während der Ruhm der zu Lebzeiten verachteten Künstler Jahrhunderte überdauert).

 Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: Gun-Brit Barkmin als Ariadne © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos – hier: Gun-Brit Barkmin als Ariadne © Wilfried Hösl

Strauss´ Oper besteht aus einem Vorspiel und der eigentlichen Oper. Es handelt sich um eine Oper in der Oper.

Der reichste Mann Wiens bestellt zu einer Abendveranstaltung eine Opera seria: Ariadne auf Naxos. Diese Aufführung wird im Vorspiel vorbereitet. Nun fällt  aber dem kulturfernen Pfeffersack ein, dass ein Drama seinen mit einem frugalen Mahl gemästeten Gästen zuviel abverlangt. Er ordnet an, dem Drama müsse ein Lustspiel mit Tänzen und allerlei Tingeltangel folgen, um den Tiefsinn aufzulösen und die Gäste zu erheitern. Gun-Brit Barkmin stellte die Ariadne mit dunkler Wärme stimmlich eindrucksvoll und darstellerisch mit tragischer Schönheit vor.  Der Komponist (Angela Brower, die mit Bravour für die erkrankte Daniela Sindram einsprang) empört sich über die seinem Jahrhundertwerk angesonnene Konkurrenz mit einem Werk der leichten Muse. Was hält uns noch hier?, fragt er den Musiklehrer (Martin Gantner) und der zuckt mit den Schultern: was uns hier hält, fragst du? Nun: die 50 Dukaten, von denen wir ein halbes Jahr leben können.

Aber nicht genug damit: der reiche Veranstalter gerät in Zeitnot. Um genau 21.00 Uhr soll ein Feuerwerk stattfinden. Er ordnet deshalb über seinen Haushofmeister (Markus Meyer, eine Sprechrolle) an, dass Opera seria und Lustspiel gleichzeitig aufgeführt werden müssen, um die Einhaltung des Zeitplans zu gewährleisten. Was die Empörung der wahren Künstler steigert, aber letztlich nichts nützt. Wer das Geld hat, hat die Macht. Auch über die Kunst. Schließlich fügt sich der Komponist. Zerbinetta (Brenda Rae), die leichtlebige, nur sich selbst spielende Protagonistin der Lustspiel- und Gauklertruppe überzeugt ihn einigermaßen, dass sich Freude und Leid, Komödie und Drama durchaus in einem Werk vereinen lassen. Wie überhuapt das Komische nahe beim Tragischen steht.

Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: das Ensemble als Schauspieltruppe © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos – hier: das Ensemble als Schauspieltruppe © Wilfried Hösl

In der eigentlichen Oper beklagt nun Ariadne  auf einer „wüsten Insel“, von ihrem Geliebten Theseus verlassen, ihr Leid. Zergrübelt wünscht sie sich den Tod und erwartet Hermes als Todesboten, der sie abholen soll, assistiert von den drei Nymphen Najade, Dryade und Echo (Siobhan Stagg, Rachael Wilson, Laura Tatulesen), die an die Rheintöchter Wagners gemahnen. Statt Hermes erscheint jedoch Bacchus, den sie zunächst mit Hermes verwechselt, ihn schließlich aber in seiner Göttlichkeit erkennt. Die beiden verlieben sich, Ariadne wird dem Leben zurückgewonnen.

Dies alles wird umrahmt von Zerbinettas ständige Versuche, Ariadne davon zu überzeugen, dass Liebe und Treue viel zu schwergewichtige Begriffe für die Menschen sind, den Menschen gemäßer sei der Wechsel von einem Liebhaber zum anderen. Wie um das zu beweisen, wird sie ständig umschwärmt von vier Herren, vor denen sie ein ganzes Arsenal erotischer Kunstgriffe darbietet…

Die Besonderheit des Werks besteht darin, dass die Idee des oberflächlichen Lustspiels durch die Komposition von Strauss unterlaufen wird. Das Lustspiel ist ein durchkomponiertes, hochkomplexes Werk eigenen und dem Drama ebenbürtigen Charakters, das in der langen Koloraturarie Zerbinettas seinen Höhepunkt findet. Diese stellt höchste sängerische Anforderungen an einen Sopran. Brenda Rae stemmt tapfer ihre Stimme in die Höhe bis an den Rand des Schreiens – voilà geschafft!, die Höhe gewonnen –, man merkt ihr die Mühe an. Und die Erleichterung nach dem Gelingen. Aber sie macht dies alles mehr als wett durch ihre Ausstrahlung. Wunderbar ihre erotischen Tanzschritte, Drehungen und Gesten, ihre umschmeichelnden und aufreizenden Gebärden, mit denen sie Männer verrückt macht.

Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos - hier: das Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Ariadne auf Naxos – hier: das Ensemble © Wilfried Hösl

Die Regieleistung Robert Carsens verdient hervorgehoben zu werden. Schon der Anfang. Die Zuschauer kommen herein und sehen das Ensemble bei der Arbeit. Werkstattatmosphäre. Eine Ballettgruppe probt in Straßenkleidern, lange bleibt das Licht im Zuschauerraum an. Man begreift: das Vorspiel ist eine Probe, in der um die Aufführung gerungen wird. Das Bühnenbild in der nachfolgenden Oper hat psychologische Tiefe. Die Bühne ist vorwiegend dunkel, nur bestimmte Personen werden vor weißem Hintergrund hervorgehoben. Die mythologische Bedeutung gewinnt dadurch an Einsichtigkeit. Im Schlussbild umarmen sich Ariadne und Bacchus vor grellhellem Hintergrund, der die Gestalten wie Scherenschnitte hervorhebt und dem zeitbedingten Kontext ins Zeitlose und Exemplarische hinein transponiert. Das alles ist einsichtig, klar und schnörkellos genau und ordnet sich sinnvoll dem musikalischen Werk unter.

Über das Bayerische Staatsorchester zu schreiben, ist müßig. Ein brillantes Orchester unter der kundigen Leitung von Lothar Koenigs, das dem Werk bis in die Nuancen hinein gewachsen ist.

Warum nur gibt es in München keine Strauss-Festspiele, die nur dem umfangreichen Werk dieses Komponisten gewidmet sind, wie etwa die Bayreuther Festspiele dem Werk Wagners?

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Nächste Seite »