München, Staatstheater am Gärtnerplatz, BAROCKKONZERT La petite mort, 28.06.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

BAROCKKONZERT  –  La petite mort

28. Juni um 20.00 Uhr

Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz präsentiert unter der musikalischen Leitung von Andreas Kowalewitz am 28. Juni das BAROCKKONZERT La petite mort mit Werken von Jean-Baptiste Lully, Marin Marais, Jean-Féry Rebel und François Couperin. Als Solistin wird Sophie Mitterhuber gemeinsam mit dem Orchester auf der Bühne stehen. Die Moderation des Abends übernimmt Erwin Windegger.

Das Zeitalter des Barock erfuhr in sämtlichen Bereichen der Schönen Künste seine individuellen Ausprägungen und war mit seiner überbordenden, lebensfrohen Prunkentfaltung stilbildend. Unter dem verheißungsvollen Motto La petite mort entführt Sie das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz in diese besonders prachtvolle Epoche und setzt damit die beliebte Reihe der BAROCKKONZERTE fort.

Staatstheater am Gärtnerplatz / Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Christian POGO Zach

Staatstheater am Gärtnerplatz / Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Christian POGO Zach

BESETZUNG
Musikalische Leitung  Andreas Kowalewitz
Moderation  –  Erwin Windegger

Solistin  –  Sophie Mitterhuber
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

INHALT
Mit Werken der französischen Meister Jean-Baptiste Lully, Marin Marais, Jean-Féry Rebel und François Couperin kehrt die beliebte Barockreihe zurück ans Staatstheater am Gärtnerplatz. Unsere Musiker/innen präsentieren unter der Leitung von Andreas Kowalewitz die virtuose Kunst dieser prachtvollen, sinnesfrohen aber auch morbiden Epoche.

François Couperin   –   Passacaille   –   Le Tic Toc Choc   –   L‘Apothéose de M. Lully
Usquequo domine

Marin  Marais   –   Tombeau de Lully

Jean-Féry Rebel   –  Tombeau de Lully

Jean- Baptiste Lully  –  Le Bourgeois Gentilhomme

Maurice Ravel  –   Le Tombeau de Couperin

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

München, Residenztheater, ELEKTRA – Hugo von Hofmannsthal, IOCO Kritik, 09.04.2019

April 9, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

ELEKTRA –  Hugo von Hofmannsthal

 – Die Eifersucht der Toten –

von Hans-Günter Melchior

Elektra zu Orest:  „Verstehst du Bruder! diese süßen Schauder/hab ich dem Vater opfern müssen. Meinst du,/ wenn ich an meinem Leib mich freute, drangen/ nicht seine Seufzer, drang sein Stöhnen nicht/ bis an mein Bette? Eifersüchtig sind/ die Toten: und er schickte mir den Haß,/ den hohläugigen Haß als Bräutigam.“

Da wird Agamemnon, dem König von Mykene von den Troiern eine schöne Frau namens Helena geraubt und er zögert nicht, gegen Troja in den Krieg zu ziehen. Viele Jahre bleibt sein Reich verwaist und Klytämnestra, seine Frau, zunächst allein, und als er endlich mit einer anderen Frau im Gefolge zurückkehrt und die Herrschaft zurückverlangt, ist es zu spät. Klytämnestra hat einen anderen Mann erwählt, Ägisth, und die Machtverhältnisse haben sich verändert. Klytämnestra und Ägisth machen kurzen Prozess: sie erschlagen den Zurückgekehrten im Bad, wobei sich Klytämnestra eines Beiles bedient und den tödlichen Schlag ausführt.    Und da fängt das Drama Elektra erst an.

 Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannthal © Thomas Aurin

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin

Agamemnon und Klytämnestra haben drei Kinder: Elektra, Chrysothemis und Orest. Orest gilt als verschollen, man hält ihn für tot. Chrysothemis findet sich mit den neuen Verhältnissen ab und erstrebt ein bürgerliches Leben mit Ehemann und Kindern. In Elektra indessen wühlt der Hass auf die Mörder des Vaters und richtet geradezu seelische Verheerungen in ihr an.

Sie sinnt auf Rache. Und sie hofft auf die Rückkehr des Bruders Orest. Als die – falsche, taktisch ausgestreute – Nachricht am Hof Klytämnestras ankommt, Orest sei tot, ist Elektra entschlossen, ihren Rachedurst auf eigene Faust zu befriedigen.
Dann aber die Wende: Orest erscheint, zunächst als Fremdling getarnt, sich dann aber Elektra offenbarend, am Hof und vollbringt, von Elektra über die Ereignisse in Kenntnis gesetzt, die Tat: er erschlägt die Mutter und ihren Liebhaber Ägisth.

Über die Psychopathologie Elektras ist viel Kluges und Spekulatives geschrieben worden. Fest steht, dass Hugo von Hofmannsthal sich mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds auseinandergesetzt hat. Insbesondere mit seinen Forschungen über die Hysterie. So halten die meisten Kommentatoren Elektra für eine Hysterikerin, für eine Frau, die den Verlust des geliebten Vaters nicht verwindet und den Verlustschmerz in geradezu fana-tischen Racheplänen ausagiert (s. das Zitat am Anfang dieses Kommentars). Man könnte ihr Verhalten auch, eben gerade auf den Fanatismus abstellend, nach heutigen Erkenntnissen dem Bereich der Soziopathie zuordnen.

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal - hier : Katja Buerkle als Elektra © Thomas Aurin

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal – hier : Katja Buerkle als Elektra © Thomas Aurin

Letztlich ist dies ohne Belang, entscheidend ist, dass die zentrale Figur des Stückes, Elektra, in ihrem unbedingten Verfolgungsdrang pathologi-sche Züge trägt (s. Sigmund Freud: Hysterie und Angst, Studienausgabe, S. 117: „Die psychischen Vorgänge bei allen Psychoneurosen sind eine ganze Strecke weit die gleichen, dann erst kommt das ´somatische Entge-genkommen` in Betracht, welches den unbewussten psychischen Vorgän-gen einen Ausweg ins Körperliche verschafft. Wo dieses Moment nicht zu haben ist, wird aus dem ganzen Zustand etwas anderes als ein hysteri-sches Symptom…, eine Phobie etwa oder eine Zwangsidee…“).

In Ulrich Rasche höchst beeindruckender Inszenierung steht das Menschheitsdrama im Vordergrund. Das Persönliche wird ins Allgemeine transponiert und dieses wiederum als unabänderlich begriffen. Das Immergleiche des Allzumenschlichen ist den gesellschaftlichen Zuständen verordnet wie eine Gravur.

Die Protagonisten bewegen sich auf einer kreisrunden Drehscheibe, über der ein riesiger Zylinder hängt. Eine architektonische Besonderheit. Rätselhaft groß und auf fremdartige Einflüsse hinweisend. So entsteht der Eindruck kosmischer Schicksalhaftigkeit, etwas ins Weltall Geweitetes, was der das Einzelschicksal sprengenden Komplexität des Stücks durchaus gerecht wird. Die Darsteller laufen auf der sich bewegenden Scheibe in der Gegenrichtung, so dass sie nicht weiterkommen, sondern sich im Wortsinne auf der Stelle bewegen. Und selbst wenn sie einmal der Kreisbahn folgen, kommen sie auf den Ausgangspunkt zurück. Eben nicht voran.

Hugo von Hofmannsthal in Wien © IOCO

Hugo von Hofmannsthal in Wien © IOCO

Anders als Hofmannsthal hat Rasche auf einen Chor nicht verzichtet. Mit vollem Recht. Denn was hier verhandelt wird, ist von öffentlichem Interesse. Das Volk beansprucht eine Stimme. Der Chor übernimmt streckenweise bestimmte Textstellen, indem er, der Kreisbewegung der Scheibe folgend, rundläuft und in einem harten Stakkato mit Verkünderpathos deklamiert. Begleitet wird das Bühnengeschehen von einer Musik, die ebenfalls gleichsam auf der Stelle tritt: einem Schlagzeug rechts (vom Zuschauer aus gesehen) und zwei Geigen und einem Cello links. Winzige Tonpassagen, kleine Intervalle, thematisch sehr sparsam auf die Emotionen setzend. Aufwühlend zuweilen.

Manchmal senkt sich der Zylinder aus Gaze über die Scheibe, schließt sie ab, meist aber schwebt er in einem Abstand über ihr und sendet Dämpfe aus, blutrote zum Beispiel, als Orest seine Mordtat vollbringt. Die Darsteller sprechen laut und abgehackt, jedes Wort betonend, bitter, anklagend, wie aus der Höhe einer allgemeingültigen Erkenntnis herunter, oft wie im Selbstgespräch, im Versuch, den sich nicht fügenden Problemen Worte zu verleihen.

 Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin

Residenztheater München / ELEKTRA von Hugo von Hofmannsthal © Thomas Aurin

Was für ein überwältigender Eindruck! Die Aufführung ist so intensiv, dass man als Zuschauer streckenweise glaubt, das „Nur-Gespielte“ sei das Wirkliche, es vollziehe sich in der Jetztzeit, gerade im Augenblick, dass man versucht ist, einzugreifen. Dies liegt nicht zuletzt an den brillanten Darstellern. Man hat Mühe, einen hervorzuheben. Vielleicht doch Katja Bürkle. Ihre Elektra geht unter die Haut. Man fröstelt. Wenn sie geduckt voranschreitet, zum blutrünstigen Tier denaturiert. ihre Schwester Chrysothemis argumentativ in die Enge treibend, Recht behalten wollend im Unrecht, zwanghaft und seelisch verkümmert. Eben auf der Stelle tretend und nicht weiterkommend, während ihre Schwester mit mehr Überzeugung den Fortschritt, nämlich den Standpunkt des konkreten Lebens vertritt. Lilith Häßle verkörpert diese im Grunde innerlich Schwankende, nach außen aber Entschlossene Chrysothemis ideal.

Souverän die Klytämnestra der Julian Köhler, scheu verhalten zunächst, dann entschlossen der Orest von Thomas Lettow.  Ein Spitzenensemble.

Zuweilen wie eine Folie des Unheils: der markige Chor, Wörter wie Hammerschläge. Wo gäbe es da Gegenargumente. Archaische Figuren allesamt, aus denen ganz unversehens das Leben zu quellen scheint. Überhaupt ist dies ein bemerkenswertes Verdienst dieser Inszenierung. Es gelingt, die Statuarik des Archaischen, des Symbolischen ins Mensch-liche aufzulösen, ohne den Charakter des Allgemeingültigen aufzugeben. Allein schon in der stilisierten Kleidung –, die gegürtete Elektra, die schwarz gekleidete, dem verlorenen Leben nachtrauernde Chrysothemis, die eher grell auftretende Klytämnestra, der auf das Einfachste reduzierte Chor – bringt dies zum Ausdruck.

Man ist zwei Stunden gebannt, kommt fast ins Schwitzen. Und am Ende ist man ein wenig froh, aus dem Klammergriff des Stücks entlassen zu werden. Großer dankbarer Beifall des Publikums.

Elektra am Münchner Residenztheater; die weiteren Termine 21.4.; 22.4.; 24.4.; 4.5.; 5.5.; 13.5.; 14.5.2019

—| IOCO Kritik Residenztheater München |—

München, Münchner Kammerspiele, Die Attentäterin – Yasmina Khadra, IOCO Kritik, 1.12.2018

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Die Attentäterin  –  Yasmina Khadra

– Wahrheiten statt Wahrheit –

Von Hans-Günter Melchior

Der im Iran geborene Regisseur Amir Reza Koohestani hat sich eines bemerkenswerten Buches angenommen und daraus ein Theaterstück gemacht: Die Attentäterin von Yasmina Khadra (Pseudonym des in Frankreich lebenden, in Algerien im Jahre 1955 geborenen Autors Mohammed Moulessehoul).

Man tut gut daran, vor dem Besuch des Stücks den Roman zu lesen. Man hat mehr von dem streckenweise leider allzu hastig und im akustisch schwer verständlichen Umgangstonfall heruntergesprochenen hochbrisanten Text, der letztlich deutlich hinter dem Roman zurückbleibt. Dabei geht es gleichsam um alles: um den Frieden – und man greift nicht zu hoch, wenn man sich für das Wort Weltfrieden entscheidet

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : Mahin Sadri als Sihem, Samouil Stoyanov als Moshe, Thomas Wodianka als Amin © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : Mahin Sadri als Sihem, Samouil Stoyanov als Moshe, Thomas Wodianka als Amin © Judith Buss

Amin Jaafari (Thomas Wodianka) ist Araber. Er besitzt die israelische Staatsangehörigkeit und arbeitet als erfolgreicher Chirurg in einem Krankenhaus in Tel Aviv. Er ist mit Sihem (Mahin Sadri), einer Palästinenserin, verheiratet. Die Ehe ist – jedenfalls aus der Sicht Amins – sehr glücklich, Amin liebt Sihem und diese, folgt man seiner Darstellung des Ehelebens, kann sich nicht genug tun, ihn auch ihrer Liebe zu versichern. Das Ehepaar lebt im Wohlstand, Amin erhielt Auszeichnungen für seine ärztlichen Leistungen, genießt stadtweit Anerkennung. Die Eheleute bewohnen ein eigenes Haus, sie bewegen sich in einem stadtbekannten Freundeskreis der oberen Schicht.

Zu dem Zeitpunkt, in dem das Stück spielt, ist Amin allein. Sihem ist vor drei Tagen verreist, angeblich will sie ihre Großmutter besuchen. Amin erwartet stündlich ihre Rückkehr, ruft zu Hause an. Sihem meldet sich nicht. Amin wird von seiner Freundin und Kollegin Kim (Maja Beckmann) beruhigt: die Verkehrsverhältnisse, Ferienbeginn und so weiter (In Wahrheit war Sihem, wie sich freilich erst später herausstellt, nicht bei der Großmutter).

In der Klinik trifft eine Alarmmeldung ein: in einem nahegelegenen Restaurant wurde ein Selbstmordattentat verübt: mindestens 11 Tote (später erhöht sich die Zahl auf 17), zahlreiche Verletzte, zum Teil schwer. Unter den Opfern sind mehrere Kinder, die sich zu einer Geburtstagsfeier im Restaurant befanden. Die noch lebenden Opfer werden in der Klinik eingeliefert. Amin operiert bis zur Erschöpfung, fährt in der Nacht, mit den Kräften am Ende, nach Hause. Sihem ist immer noch nicht zurück. Kaum hat er sich zum Schlafen niedergelegt, als ein Anruf aus der Klinik kommt: er müsse unbedingt sofort erscheinen, es sei sehr wichtig. In der Klinik wird ihm kaum mehr als ein fast unversehrter Kopf einer toten Frau zur Identifizierung vorgelegt. Es ist der Kopf seiner Ehefrau Sihem, der Körper ist völlig zerfetzt.

Die ersten Untersuchungen führen zu einem Ergebnis, das Amins Leben fundamental verändern wird, ihn gleichsam aus der Bahn wirft: dem Zustandsbild des Körpers nach muss es sich bei Sihem um die Attentäterin handeln, die einen Sprengstoffsatz gezündet hat. Amin steht am Anfang einer langen Reise, die dem Ziel dienen soll, die wahre Identität seiner Ehefrau zu erforschen…

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : vl Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : vl Lena Hilsdorf, Benjamin Radjaipour, Thomas Wodianka, Samouil Stoyanov, Clara Liepsch © Judith Buss

Das Stück beginnt in den Minuten, die der Attentatsmeldung vorausgehen. Amin führt an einem langen Tisch eine eher etwas läppische Diskussion mit seiner Kollegin Kim über die Länge der Penisse in verschiedenen Ethnien, wobei die Araber im Vorteil sein sollen. Über dem Tisch flimmer in Videoaufnahmen die übergroßen Köpfe der Protagonisten. Dann trifft die Attentatsmeldung ein. Amin zählt Sihem zunächst zu den unschuldigen Opfern des Attentats. Erst als ihm ein Brief Sehims, in dem diese sich zu dem Attentat bekennt, übergeben wird, fällt er aus seiner bisherigen Ordnung. Es beginnt die Odyssee, die zu der Sihem führen soll, die sie wirklich war.

Es ist zugleich die Konfrontation mit verschiedenen Wahrheiten und Lebenseinstellungen. Palästinensische Wahrheit gegen israelisch-westliche Wahrheit. Opfertod und pathetische Verklärung des Freiheitskampfes auf der einen Seite, Lebensglück, Lebensfeier, westliche Hedonie auf der anderen.

Zunächst aber wird Amin vom Kommissar Moshe (Samouil Stoyanow) inhaftiert, weil er dem palästinensischen Terrorismus zugerechnet wird. Sein jüdischer Freund und Polizeichef Naveed (Benjamin Radjaipur) erreicht seine Freilassung. Amin zieht vorübergehend zu Kim, weil seine Nachbarn die Fensterscheiben seines Hauses einwerfen und die Hauswände mit Zeitungsartikeln und Fotos der Attentäterin drapieren.

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin - hier : Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka, Mahin Sadri © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Attentäterin – hier : Samouil Stoyanov, Thomas Wodianka, Mahin Sadri © Judith Buss

Eindrucksvoll der lange Monolog von Kims jüdischem Großvater Yehuda (Walter Hess), dessen Vater ein reicher Arzt in Berlin war als Opfer der nazistischen Judenverfolgung ermordet wurde.

Amin sucht Verwandte in Bethlehem auf, reist nach Jerusalem, immer mit dem Ziel: Sihems wahre Identität zu erforschen, zu jenen arabischen Kreisen vorzudringen, die ihm Aufschluss über die Hintergründe von Sihems Tat verschaffen können. Schließlich fährt er auch nach Palästina, trifft seinen Neffen Adel (in einer Doppelrolle Benjamin Radjaipour; wie überhaupt außer Amin und Sihem jede Rolle doppelt besetzt ist, was offenbar der großen Verwandtenzahl geschuldet ist), der ihm die ganze Wahrheit offenbart: sein Haus in Tel Aviv war ein konspirativer Treffpunkt des palästinensischen Widerstands. Als Handwerker verkleidet kamen Palästinenser dorthin und trafen dort ohne Wissen Amins mit Sihem zusammen, von der sie heimlich finanziell unterstützt wurden.

Der lange Tisch. Er wird in jedem neuen Schauplatz geschwenkt, mal am Strand, mal dient er als Esstisch in der Familienrunde, mal steht er längs, mal quer. Mehr Requisiten gibt es nicht, braucht es auch nicht. Und immer wieder taucht Sihem (Mahin Sadri) in Videos über dem Geschehen oder als durch die Szene wandelndes Phantom auf. Über die Videos erklärt sie auf Farsi (Übersetzung in Übertiteln) ihren Standpunkt: sie hat sich entschlossen, ihr Leben in den Dienst einer höheren Sache zu stellen – der Gerechtigkeit und Freiheit, die jedes Opfer wert sind.

Während der Roman die verschiedenen Lebenshaltungen als unvereinbare Wahrheiten gegenüberstellt und sich konsequenterweise unentschieden verhält (weil eben Wahrheiten nicht austauschbar sind und es die eine Wahrheit nicht gibt), tendiert das Stück am Ende deutlich zum arabisch-palästinensischen Standpunkt. Amin, der Arzt, der sich als Lebenserhalter, ja Lebensretter versteht, wird er von den Verwandten geradezu niedergeredet. Die Israelis stehen als Landräuber da, die ein unterlegenes Volk mit Panzern und unschlagbaren Waffen (Steinschleuder gegen hochmoderne waffentechnische Ausrüstung) niederwalzen. Das verstimmt dann doch in seiner Einseitigkeit. Die politische Wirklichkeit ist viel komplexer.

Und die allzu hastig vorgetragenen Diskussionen ermüden. Als wolle man keine Gelegenheit zur Erwiderung zulassen. Es wird zum Schluss zuviel geredet und zu wenig Ambivalenz zugelassen. Der Regie fällt außer dem Austausch von Meinungen leider nicht mehr viel ein. So rettet sich der Abend zum Schluss doch etwas mühsam über die Runden. Ganz im Gegensatz zum Roman.

Aber es ist ein Abend, der danach unter den Besuchern zu heißen Diskussionen führt. Immerhin.

Die Attentäterin an den Münchner Kammerspielen; weitere Vorstellungen 22.12.2018

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

München, Bayerische Staatsoper, Münchner Opernfestspiele 2018, IOCO Aktuell, 03.08.2018

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE  2018

Am 31.7.2018 gingen die Münchner Opernfestspiele 2018 mit Richard Wagners Parsifal zu Ende. Generalmusikdirektor Kirill Petrenko dirigierte die Neuinszenierung. Unter seiner Leitung standen außerdem Der Ring des Nibelungen und Il trittico. Mit dem Ende der Münchner Opernfestspiele verabschiedet sich das Pressebüro der Bayerischen Staatsoper in die Sommerpause. Dennoch blicken wir schon voraus auf den Herbst und die neue Saison.

Ab Beginn der Theaterferien gibt es das Angebot, die Virtual-Reality-Experience GELIEBT GEHASST UND 360° auch via eigenem Mobiltelefon anzusehen.

Die Münchner Opernfestspiele in Zahlen

Intendant Nikolaus Bachler beschließt die Festspiele in seiner zehnten Saison mit einer Gesamtauslastung von 98,04 Prozent. Die Auslastung bei den Opern- und Ballettvorstellungen im National- und Prinzregententheater betrugen dabei 99,52 Prozent. Insgesamt standen an 38 Tagen 70 Veranstaltungen auf dem Spielplan. Neben den Vorstellungen im Nationaltheater, dem Prinzregententheater und dem Cuvilliés-Theater bespielte die Bayerische Staatsoper im Rahmen der Festspiel-Werkstatt auch die Reithalle mit vier Produktionen (Auslastung 96,57%). Insgesamt wurden in dem Zeitraum vom 24. Juni bis 31. Juli über 83.500 Karten verkauft. Über 1.500 Karten gingen davon zum Preis von 10 Euro an Studierende und Schüler.

 Höhepunkte der Münchner Opernfestspiele 2018

Premieren

Bayerische Staatsoper / Orlando Paladino hier Mathias Vidal als Orlando und das Opernballett der Baerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Orlando Paladino hier Mathias Vidal als Orlando und das Opernballett der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Das Musiktheaterkollektiv HAUEN • UND • STECHEN interpretierte bei der ersten Festspiel-Werkstatt-Premiere Zeig mir deine Wunder die Oper Snegurotschka von Nikolai Rimski-Korsakow. Den nächsten Höhepunkt stellte die Premiere von Richard Wagners Parsifal in der Inszenierung von Pierre Audi und unter der musikalischen Leitung von Kirill Petrenko dar. Das Bühnenbild entwarf mit Georg Baselitz einer der wichtigsten bildenden Künstler der Gegenwart. Nach der Premiere des szenischen Konzerts Match! mit Musik von u.a. Mauricio Kagel feierte Nikolaus Brass’ Die Vorübergehenden Uraufführung in der Reithalle. Salvatore Sciarrinos Vanitas war die vierte Premiere der Festspiel-Werkstatt. Zum Abschluss der Festspiele inszenierte der Filmemacher Axel Ranisch im Prinzregententheater Joseph Haydns Orlando Paladino.

Prinzregententheater München / Günther Groissböck gestaltete hier mit Gerold Huber seinen gefeierten Liederabend, Rezension unten © Felix Loechner

Prinzregententheater München / Günther Groissböck gestaltete hier mit Gerold Huber seinen gefeierten Liederabend, Rezension unten © Felix Loechner

Festspiel-Opernabende

Zusätzlich zu den sechs Neuinszenierungen der aktuellen Saison – Le nozze di Figaro, Il trittico, Les Vêpres siciliennes, Aus einem Totenhaus, Parsifal und Orlando Paladino gelangte Der Ring des Nibelungen unter der Leitung von Kirill Petrenko sowie fünf weitere Opernproduktionen zur Aufführung, darunter Der fliegende Holländer mit Wolfgang Koch in der Titelpartie. Als Arabella war Anja Harteros unter der musikalischen Leitung von Constantin Trinks zu hören. Joseph Calleja, Thomas Hampson und Angela Gheorghiu verkörperten in Tosca die Hauptpartien. Gaetano Donizettis L’elisir d’amore wurde mit Olga Kulchynska und Vittorio Grigòlo auf die Bühne gebracht. Diana Damrau gab in Verdis La traviata die verzweifelt Liebende.

Liederabende
Bei insgesamt sechs Liederabenden sangen Anja Harteros, Elisabeth Kulman, Christian Gerhaher, Günther Groissböck, Krassimira Stoyanova und Rolando Villazón. Darüber hinaus trat Edita Gruberova bei einem Gala-Abend auf.

Ballett
Das Bayerische Staatsballett zeigte neben der Festspiel-Premiere Junge Choreographen die Neuinszenierung der aktuellen Saison: Anna Karenina und Portrait Wayne McGregor.

—| IOCO Aktuell Bayerische Staatsoper München |—

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