München, Münchner Kammerspiele, König Lear – William Shakespeare / Thomas Melle, IOCO Kritik, 05.10.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

König Lear –  William Shakespeare / Thomas Melle

„Alter! Jahrhunderte hast du gewütet und geschrien, jetzt wirst du schweigen!“

von Hans-Günter Melchior

Endlich mal kein Mitleid haben zu müssen mit diesem weinerlichen alten Sack, der nicht von der Macht lassen kann und auf seine Privilegien pocht –, was für eine Wohltat. Lear, der Repräsentant der alten Ordnung, der sich mit einer halben Streitmacht prügelnder und besoffener Gesellen bei seiner Tochter Goneril einnistete und nach sofortiger Bedienung schreit: „wo bleibt mein Essen?!“

Grandiose König Lear-Adaption in den Münchner Kammerspielen

Der zu alt, zu starrköpfig und ideologisch zu verknöchert ist, um aus seinen Machtgewohnheiten herauszufinden. Ein Mann im Käfig der überkommenen Herrschaftsallüren, der nicht mehr begreifen kann, dass sich die Zeiten geändert haben und die herrschenden Zustände dringend geändert/verändert werden müssen.

Münchner Kammerspiele / König Lear - hier : v.l. Thomas Schmauser, Anna Seidel, Samouil Stoyanov © Arno Declair

Münchner Kammerspiele / König Lear – hier : v.l. Thomas Schmauser, Anna Seidel, Samouil Stoyanov © Arno Declair

So beginnt und so endet das erfrischend neue Spiel, das Stefan Pucher und Thomas Melle auf die Bühne der Münchner Kammerspiele bringen. Letztlich mehr ein Appell als wirklich praktische Umsetzung im Gesamtgesellschaftlichen. Der Protest verbleibt auf der Ebene des Privaten. Die Töchter schmeißen den Alten raus, alles andere bleibt offen.

Gleichwohl: was für eine Erholung, den Alten auch mal verachten zu dürfen. Eine Erholung nicht nur für die Zuschauer, sondern ersichtlich auch für das hochmotivierte Ensemble, das ersichtlich Spaß an dem Spiel hat. Bravo, bravissimo für das Theater des Jahres! Frischer Wind fegt über die Bühne. Umstritten ist freilich, ob er für eine gründliche Sauberkeit sorgt.

Die alten Zeiten sind jedenfalls vorbei. Nachdem die Töchter Goneril (Julia Windischbauer) und Regan (Gro Swantje Kohlhof) trickreich dem alten König (Thomas Schmauser) geschmeichelt und sich dadurch jeweils die Hälfte des Königreichs des abdankenden Lear erschlichen haben, machen sie Schluss mit den alten Machtverhältnissen und rufen die neue Zeit aus. Die angeblich gute Tochter Cordelia (Jelena Kuljic) begnügt sich indessen mit den einfachen Wahrheiten, sie liebt ihren Vater wie Kinder eben die Eltern lieben, nicht mehr und nicht weniger –, und sie geht deshalb leer aus. Wird kurzerhand mit dem König von Frankreich vermählt (was nebenbei gesagt auch nicht das abgründigste Schicksal ist) und zieht von dannen.

Thomas Melle hat den König Lear radikal umgeschrieben. Und Stefan Pucher hat die entsprechenden Bilder dazu geliefert, im Verein mit der für die Bühne verantwortlichen Nina Peller, der überwältigend Eindrucksvolles (dieser Himmel!) dazu einfiel.

Regisseur und Autor haben den Stoff in die Neuzeit übersetzt.  Das ist nicht nur legitim, sondern dringend notwendig. Und hellsichtig wahr. Weg mit den tausend traditionellen Inszenierungen, in denen die Jammertiraden des verstoßenen Alten ans Herz greifen sollten und die Zuschauer mit Depressionen über die Vergänglichkeit von Macht und Herrlichkeit und die Herzlosigkeit der Kinder zurückließen. Lear hat das nicht verdient.

Ständige Wechsel zwischen Videos und realem Bühnengeschehen. Schwergewichtige, sehr bedenkenswerte und prägnante Aussagen des Autors Melle, dazwischen Kalauer. So wird der hohe Ton heruntergefahren auf die reale Situation unserer Tage, die nach Veränderungen geradezu schreit. Das Pathos der Machthaber wird als hohl, ja sogar als pure Heuchelei entlarvt. Melles und Pucher legen konsequent die Finger auf die Wunden. Der Tenor: so darf und kann es nicht weitergehen.

Und die bald ruhig, bald schrill vorgetragene Aussage: Veränderungen, nicht nur an den Kleinigkeiten, sondern des Systems selbst sind erforderlich. Das ist die Lehre des Abends.

Münchner Kammerspiele / König Lear - hier : v.l. Thomas Schmauser als Koenig Lear © Arno Declair

Münchner Kammerspiele / König Lear – hier : v.l. Thomas Schmauser als Koenig Lear © Arno Declair

Die verkrusteten Macht- und Herrschaftsverhältnisse schaffen das indessen nicht mehr. Da fehlt es nicht nur am Willen, sondern auch an Einsichten. Diese neuen Einsichten kommen von der nachfolgenden Generation. Den Töchtern und Söhnen. Assoziationen zum Protest der heutigen Jugend drängen sich auf. Sie sind der politisch-intellektuelle Hintergrund der in zumindest insoweit überzeugend präzisen Aufführung.

Am Beginn der neuen Zeit steht die Sprache. Dem unflätig fluchenden und sich beschwerenden König hält Gloucester –, hier von einer Frau (Wiebke Puls) dargestellt – , den markanten und zurechtweisenden Ausspruch entgegen: „Unsere Worte schaffen Wirklichkeiten, Lear!“

In die aktuelle Politik übersetzt und positiv gewendet heißt das: am Anfang stehen die Parolen, die den Übelstand auf den Punkt bringen. Widerstand wird zuerst formuliert, bevor die Taten folgen.

Das komplexe Stück hat zwei Teile: der Konflikt zwischen dem König und seinen Töchtern auf der einen und das Familiendrama im Hause Gloucester auf der anderen. Edmund, der außereheliche Sohn der Gräfin, denunziert den ehelichen Sohn Edgar als Finsterling, der der Mutter nach dem Leben trachtet. Er verschafft sich dadurch die Herrschaft über das Erbe und veranlasst den von der Inhaftierung bedrohten Edgar zur Flucht aus dem Elternhaus.

Die beiden Handlungsteile werden später durch die politischen Verbindungen der Töchter Goneril und Regan mit dem Hause Gloucester einerseits und durch die Begegnung Edgars mit dem vertriebenen König Lear und seinem Diener (und Narr, die Inszenierung legt beide Rollen zusammen) Kent (Samouil Stoyanov) andererseits dramaturgisch verbunden.

Die um Ausgleich bemühte Gloucester wird später von den Schwestern Goneril und Regan als Verräterin an die französischen Truppen, die kampfbereit in Dover ankommen, geblendet.

Edmund (Thomas Hauser), der Intrigant, wird hingegen von Pucher und Melle als zentrale Figur begriffen. Der aufbegehrende Unterprivilegierte, der sich nicht mehr um die die alten Machtverhältnisse zementierende Moral schert, sondern skrupellos die Herrschaft an sich reißt: „Ja, wie denn anders? Wieso Bastard? Was heißt da prekär?“

Das gelungen umgeschriebene Stück lässt freilich die Frage offen, wie im Einzelnen die Veränderung des verkrusteten Systems erfolgen soll. Mehrfach wird die Frage der unausweichlichen Gewalt aufgeworfen: „Kein Paradies ohne Höllenritt.“ Aber wo endet die Gewalt? Welche neuen Verhältnisse soll sie herbeiführen?

Am Ende, das die Protagonisten in einem Handlungsstrang vereint (während der König Frankreichs sich aus dem Kampf zurückzieht), sterben alle bis auf Goneril und Regan. Sie stehen auf einer Art Empore und lassen den etwas zynischen Spruch auf die Zuschauer herab: „Alles ist möglich.“

 Münchner Kammerspiele / König Lear - hier :  v.l. Gro Swantje Kohlhof, Julia Windischbauer, Thomas Hauser, Christian Löber Projektion, Wiebke Puls © Arno Declair

Münchner Kammerspiele / König Lear – hier : v.l. Gro Swantje Kohlhof, Julia Windischbauer, Thomas Hauser, Christian Löber Projektion, Wiebke Puls © Arno Declair

Das klingt nach immerhin möglicher neuer Ungerechtigkeit. Nach möglichen neuen unterdrückenden Strukturen. Nach neuen Lears, die sich auf überkommende Privilegien und auf ein Mehrheit ausbeutendes Recht berufen. Aber muss denn wirklich die Geschichte bei der Zerstörung der alten Ordnung stehenbleiben? Muss die Frage nach einer neuen Gesellschaft tatsächlich offen bleiben?

Den letzten Schritt wagen Melles und Pucher eben doch nicht. Wie wäre es denn mit der Kontrolle und Verwaltung der vom Volk erarbeiteten Güter durch das Volk? Und deren gerechte Verteilung? Privilegien sind ja vor allem wirtschaftlicher und sozialer Natur. Und Gerechtigkeit ist keineswegs so diffus, dass sie sich einer Definition entzieht.

Autor und Regisseur stehen zuletzt achselzuckend vor dem Chaos und lassen der Entwicklung ihren Lauf. Wohin auch immer. Die Lehre scheint zu sein: alles kann sich zum Guten, aber auch zum Schlechten wenden. Da bleibt ein Stachel der Unzufriedenheit, des Ungenügens beim Zuschauer. Immerhin: man sucht am Ende nach Antworten und gönnt sich keine Ruhe.

Vielleicht ist es auch zuviel von einem Theaterabend verlangt, der Politik oder der Gesellschaft auch noch praktische Anleitungen zur Bewerkstelligung der Veränderungen zu liefern. Das Privileg der Kunst ist es, die richtigen Fragen im Lichte der neuen Zeit zu stellen.

In diesem Sinne ist der Abend mehr als gelungen. Er ist grandios. Das Nachdenken beflügelnd, Diskussionen anstachelnd. Überhaupt: die Aufführung kommt so schwergewichtig-intellektuell daher, dass man sich fragt, ob man das Ganze noch einmal sehen und Melles Text wiederholt lesen muss, um all das Vorgetragene und Gespielte würdigen und verstehen zu können. Das ist mehr als genug.

Das Publikum war zu Recht begeistert. Einzelne Darsteller aus dem großartigen Ensemble hervorzuheben, wäre ungerecht gegenüber den anderen. Das war insgesamt starke Leistung in einem starken, herausfordernden, sehr modernen alten Stück.

P.S.: Es lohnt sich übrigens, den hervorragenden Aufsatz von Elisa Leroy, abgedruckt im Programmheft, zu lesen.

König Lear in den Münchner Kammerspielen; die nächsten Vorstellungen 12.10.; 14.10.; 20.10.; 17.11.; 25.11.2019 und mehr…

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

München, Münchner Kammerspiele, Melancholia – Lars von Trier, IOCO Kritik, 22.06.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Melancholia  –  Lars von Trier

– Im kosmischen Nihilismus der Endzeit –

von Hans-Günter Melchior

Unter der Voraussetzung, dass die Erde demnächst untergeht, etwa an einem auf sie zurasenden Planeten zerschellt, gibt es keinen definierbaren Sinn mehr. Heirat, eheliche Treue, beruflicher Erfolg, ein gelungenes Fest und die kleinen Wichtigkeiten des Alltags, überhaupt das organisierte Leben –, alles ist auf einmal Schall und Rauch, zersplittert in diesem kosmischen Ereignis, es löst sich auf wie das Geschwätz im täglichen Redefluss. In den Münchner Kammerspielen erfand Lars von Trier in Melancholia dafür eindrucksvolle Bilder. Und er unterlegte das Geschehen mit den Klängen des Tristan-Vorspiels, dessen zweiter Takt, mit seinem aus vier Tönen bestehenden Akkord bis heute Rätsel aufgibt. Weil er unauflösbar ist, keiner Tonart zugeordnet werden kann, erratisch und sich einer Ordnung verweigernd im Tongebirge steht. Und damit für die Unauflösbarkeit des Lebensrätsels überhaupt genommen werden kann –, sofern der Deutungsmut sich weit genug vorwagt…

Der Regisseur Felix Rothenhäusler lehnt sich an Lars von Triers Vorlage an, ohne sie vollständig zu übernehmen. Und er verzichtet auf Wagners musikalische Verrätselung. Sein Befund ist indessen eindeutig: die Sinnfrage muss angesichts der Bedrohung radikal gestellt werden –; und der Mensch ist es allein, der sie stellen kann, und er ist allein gelassen damit. Am Ende sitzen die Darsteller einträchtig am Bühnenrand, lassen die Beine in den Zuschauerraum hinein baumeln und werfen sich im Grunde Nebensächlichkeiten zu, Wortbeiträge ohne eigentlichen Zusammenhang, jedenfalls keinen Sinn erzeugenden. Ratlos, abwartend, auf ein sie verschonendes Ende hoffend, auf eine Zukunft, die nach Heidegger das schlechthin Unverfügbare ist. Das der menschlichen Macht wie der je eigene Tod Entzogene.

Münchner Kammerspiele / Melancholia © Armin Smailovic

Münchner Kammerspiele / Melancholia © Armin Smailovic

Aber vielleicht geht es dieses Mal gut aus, das mit dem Planeten, der der Erde näher kommt, möglicherweise aber vorbeizieht. Aber vielleicht auch nicht. Und dann sind alle Fragen offen. Die menschliche Existenz steht ständig auf der Kippe. Ständig kommt ein Planet näher und näher. Und ständig ein Aufatmen, wenn er vorbeizieht. Das Stück in den Kammerspielen bringt uns dieser Erkenntnis näher. Rothenhäusler hat ein Denkspiel inszeniert.

Ich lasse mir nicht einreden, dass diese Inszenierung misslungen sei. Sie ist im Gegenteil höchst gelungen –, freilich für Zuschauer, die sich nicht bequem zurücklehnen und die Bilder auf sich wirken lassen, sondern die sich mit gespanntem Oberkörper nach vorne beugen und versuchen, sich mit den Gedanken ins Bühnengeschehen hineinzubohren, weiterzukommen darin, zum Kern vorzudringen. Eben: ein einziges Gedankenspiel ist es, das bis in die letzte Minute hinein zur Teilnahme auffordert. Eines, das den Zuschauer als Mitdenkenden ernst nimmt, ihn nicht mit dem Firlefanz und Schnickschnack inszenatorischer Einfälle zu betören oder gar einzufangen versucht. Auf das Unwesentliche verzichtet und sich mit Gebärden und Zeichen begnügt.

Da irrlichtert die Justine der bravourös aufspielenden Julia Riedler über eine Bühne, die aus nichts als zwölf Scheinwerfern und einem die Personen auf den Kopf stellenden Boden aus Glas besteht. Justine kommt ver-spätet zum eigens für sie ausgerichteten Hochzeitsfest mit Michael (den Thomas Hauser duldsam, nachsichtig und zuweilen lasziv verkörpert) auf den Landsitz ihrer reichen Schwester Claire, die von Eva Löbau äußerst überzeugend, bald lustig verspielt, bald ängstlich, bald mit sich selbst überredendem Optimismus dargestellt wird. Sie ist mit John, dem Chef einer Werbeagentur, verheiratet. Majd Feddahs John spricht ausschließlich englisch (mit arabischem Akzent?), er agiert souverän und mit Herrschaftswillen –, und tötet sich dennoch am Ende selbst. Wohl aus Angst vor dem nahenden Ende, das er konstant leugnet? Oder aus Verzweiflung über den Zusammenbruch seiner Geschäftsidee, die nichts mehr gilt. Eine widersprüchliche Figur. John macht Justine sofort nach ihrer Ankunft zum Art Director seines Unternehmens. Und er macht ganz nebenbei keinen Hehl daraus, dass ihn die Ausrichtung der Hochzeit Justines und Michaels ein Vermögen gekos-tet hat. Als käme es angesichts der Gefahr noch aufs Geld an.

Aller Glanz verblasst vor der Aussicht des möglicherweise nahenden Endes. Alle Rücksichten und Sitten werden obsolet. Justine entzieht sich just in der Hochzeitsnacht dem Ehemann. Sie bittet darum, er möge ihr Zeit lassen. Andererseits lässt sie sich jedoch mit einer Zufallsbekanntschaft, einem gewissen, nie auftretenden Tim, ein, mit dem auf einem nahen Golfplatz den Geschlechtsverkehr ausübt.

Alles ist auf einmal Widerspruch und Uneindeutigkeit. Langsam löst sich alles im bloßen Gerede auf. Nichts bietet Halt im unfrohen, gänzlich misslingenden Fest. In zunehmender Angst vor dem der Erde nahenden Planeten, flüchtet sich Justine gegen Ende des Stücks in den Zuschauerraum, wo sie geraume Zeit still und untätig verharrt, bis sie zum Schluss an den Bühnenrand zurückgerufen wird.

Die einzige Bezugsperson ist für sie im ganzen Stück der geliebte Leo, Claires und Johns Sohn, der von Gro Swantje Kohlhof höchst anmutig. teils bubenhaft, teils altklug und doch mit gekonnter Zurückhaltung gespielt wird. Wie überhaupt die schauspielerische Leistung der Akteure höchst beachtlich ist. Rothenhäusler lässt sie überwiegend im Erzählton reden. Auch dort, wo Handlungen eine Rolle spielen, werden diese erzählt, be-schrieben, statt gespielt. Dies ist unter dem Aspekt der Bedrohung verzweifelt einsichtig. Durch die Befürchtung des nahenden Endes findet eine Entpersönlichung statt, die die Personen ihrer Fähigkeit beraubt, Agierende zu sein. Wie der Bühnenboden die Darsteller verdoppelt und auf den Kopf stellt, so ist ihr Handeln nichts als eine Verdoppelung des Bewusstseins, ohne wirkliches Handeln sein zu können. Der Mensch als tönende Hülse spricht als spreche – vereinzelt – nur noch zu sich selbst.

Dazu passt die über weite Strecken des Bühnengeschehens im Hinter-grund dröhnende Geräuschkulisse, ein stetiger, wummernder, manchmal freilich ein etwas zu lauter und die Stimmen überdeckender, sich ins Bewusstsein bohrender Ton. Er verdeutlicht die existentielle Gefahr, die das gesamte Geschehen durchherrscht und nervös macht. Die Erde als durchs Weltall leer tönender Planet, kreisend und kreisend, gefährdet und endlich durch einen Zusammenprall erlöst werdend. Am Ende verstummt der Ton. Als wären die Menschen auf einmal im Weltall allein.

Wo bleibt dieser Ton, fragt man sich. Ist jetzt Friede oder absolute Ratlosigkeit? Der plötzliche Friede, durch die Geräuschlosigkeit verdeutlicht, mutet falsch an. Er ist eher Schicksalsergebenheit als selbstgewisse Ruhe. Allenfalls noch bange Hoffnung auf Rettung.

 Münchner Kammerspiele / Melancholia - hier :  Julia Riedler, Thomas Hauser © Armin Smailovic

Münchner Kammerspiele / Melancholia – hier : Julia Riedler, Thomas Hauser © Armin Smailovic

Justine fügt sich in ihr Schicksal. Ihr nervöser Zustand ist vieldeutig. Es könnte eine Art Schizophrenie sein, ein manisches Irresein. Oder einfach Ergebenheit ins Unausweichliche. Oder ist es die kranke Freude an der Selbstzerstörung? Während Claire in der Angst verharrt – und, wie gesagt, John sich bereits davongemacht hat. Dies alles wirkt höchst durchdacht und fordert zur intensiven intellektuellen Beteiligung auf. Freilich ist es auch schwierig. Ja zuweilen anstrengend.

Doch warum soll es nicht das Recht eines Regisseurs sein, seine Zuschauer intellektuell ernst zu nehmen, statt sie flach zu unterhalten? Ich bleibe dabei: das Projekt (ein solches ist es vielleicht mehr als ein bloß die Zeit vertreibendes Schauspiel) ist gelungen. Ein fordernder, jedoch bereichernder Abend. Respektvoller Beifall des Publikums.

Melancholia an den Münchner Kammerspielen; die weiteren Vorstellugnen am 23.6.; 7.7.; 12.7.; 16.7.; 26.7.2019

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

München, Münchner Kammerspiele, Drei Schwestern – Anton Tschechow, IOCO Kritik, 24.05.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Drei Schwestern – Susanne Kennedy, nach Anton Tschechow

 Der Kreislauf des Immergleichen

von Hans-Günter Melchior

Susanne Kennedy hat etwas gegen nackte und ungeschützte Gesichter. Sie lässt ihre Schauspieler nicht nur Gesichtsmasken tragen, sondern stülpt ihnen Gummigesichter mit starrem Einheitsausdruck über den ganzen Kopf, bevor sie sich manieristisch gerieren und versuchen, die Welt abzubilden.

Das hat etwas von höherer Vernunft. Luigi Pirandello hat sich in seinem Roman Einer, keiner, hunderttausend darüber bereits Gedenken gemacht. Wir sind nicht die, die wir sind, sondern die, als die wir gesehen werden. So hat der Zuschauer eine Chance, sich in eine leere Maske hineinzudenken. Und es entsteht überdies eine geradezu gespenstische Atmosphäre, in der neun Gestalten, Männer und Frauen, unterscheidbar als Mann oder Frau an der Kleidung oder dem sich abzeichnenden Busen in abgezirkelten eher statischen Posen aufeinander einwirken.

Münchner Kammerspiele / Drei Schwestern - Anton Tschechow © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Drei Schwestern – Anton Tschechow © Judith Buss

Sie haben auch keine eigenen Stimmen. Diese werden ihnen von insgesamt 19 Schauspielerinnen und Schauspielern über unsichtbare Lautsprecher in den Mund gelegt: gleichsam verliehen.

Die Akteure sollen, so die Regisseurin in einem Interview, „ihr Gesicht wie eine Maske tragen. So, dass man nicht alles bebildert und zeigt.“ Sie nimmt sich Buster Keaton zum Vorbild, der spielt und zugleich nichts zeigt. Und für den Zuschauer sind die in der Maskenhaftigkeit erstarrten Mienen oder genauer: die Köpfe, eine Art, so Kennedy, „Projektionsfläche“. Ferner sind Assoziationen zur alemannischen Fastnacht und zur Tradition des Theaters, das schon immer mit Masken arbeitet, für die aus Baden-Württemberg stammende Susanne Kennedy naheliegend. Also ein ganzes Tableau von Überlegungen ist eröffnet. Gut so, im Sessel zurücklehnen kann man sich zu Hause.

Gespielt wird in einem umrahmten Rechteck, das gleichsam aus dem Bühnenkosmos herausgeschnitten ist. Eine wesentlich kleinere Welt in der großen. Pars pro toto. Dabei geht es durchaus ums große Ganze. Den ewigen Kreislauf des Lebens, ein ständiges Wiederholen im Neuen. Nietzsche ist Zeuge. Seine Schreckensvision: das Leben wie man es gerade lebt muss noch unzählige Male gelebt werden, gleichsam unerlöst und wie von einem Fluch beladen, öde und leer und unglücklich und immer auf die selbe Weise, so überdrüssig man auch des Abgelebten sein mag.

Münchner Kammerspiele / Drei Schwestern - Anton Tschechow © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Drei Schwestern – Anton Tschechow © Judith Buss

Konsequent wiederholen in Wortschleifen die Protagonisten Szene für Szene die gerade gesprochenen Worte, so dass das Geschehen auf der Stelle tritt. Wie die Schwestern im Stück. Der Diskurs ist von philosophischer Tiefe. Er reflektiert das ganze Elend des menschlichen Lebens, das im Grunde nicht vorankommt. Und er bildet eben die Situation der drei Schwestern exakt ab, indem er die Aussichtslosigkeit ihres Bestrebens, endlich der Provinz nach Moskau zu entfliehen, verdeutlicht.

Dazu gelingen der Regisseurin Bilder von bezwingender Kraft und foto-technischer Raffinesse. Pixelbilder, Verschwommenes, ein Fluss wälzt sich plötzlich vor der ausgeschnittenen Bühne – und immer wieder, stereotyp, die abrupten Wechsel ins völlige Dunkel, ja Schwarz, das von einem Stöhnen erfüllt ist. Da fasst einem „der Menschheit ganzer Jammer“ an. Irgendwas rührt den Brei des Elementaren um. Ein Glück, dass alsbald das Licht wieder angeht.

Dass bei allem so eine richtige Geschichte nicht zustande kommt, sei verziehen. Ist wohl auch nicht beabsichtigt. Es darf eben vor allem nachgedacht werden. Wo bin ich gerade? Welche Aussichtslosigkeit ist bildhaft angesonnen? Das ist mehr als genug. Den Verstand in Bewegung bringen –, wäre das nicht eine Aufgabe des Theaters?

Die Aufführung wirkt gerade infolge ihrer philosophischen Dimension und ihrer hochklassig künstlerischen Ausstattung mit Bildern dicht und erfreulich abwechslungsreich, ja spannend. Und sie strapaziert die fasziniert dem Geschehen folgenden und in erstaunlicher großer Zahl erschienenen Zuschauer keineswegs über die Maßen. In 1 ½ Stunden ist alles gesagt und keine Frage bleibt offen. Das Leben ist nicht anders als es ist. Das Rad dreht sich – und es dreht sich nunmal im Kreis. Die drei Schwestern bleiben, wo sie sind. Moskau, Moskau – und so weiter: ein Echo im Nichts.

Großer Beifall für die Akteure (die in ihrer Vielzahl namentlich aufzu-führen den Rahmen einer Rezension sprengen würde). Nietzsche und Kennedy sei Dank.

Drei Schwestern,  Münchner Kammerspiele; die weiteren Termine 1.6.; 26.6.2019

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München, Münchner Kammerspiele, Das Feld – Lesung von Robert Seethaler, IOCO Kritik, 17.02.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Robert Seethaler liest aus dem  Roman – Das Feld

– Die Melancholie des Abgelebten –

von Hans-Günter Melchior

Robert Seethaler ist ein sehr sympathischer Mann. Groß und schüchtern oder ein wenig mit der Schüchternheit kokettierend betritt er die Bühne der Münchner Kammerspiele und ringt ein wenig um Fassung. Es ist so, als wolle er den Zuhörern, darunter offenbar richtige Fans von ihm, versichern: nehmt mich und das was folgt, nicht allzu ernst.

Hier in den Münchner Kammerspielen hat er vor vielen Jahren gerade von der Schauspielakademie kommend an einem Hintereingang seine Bewerbungsunterlagen abgegeben – „vielleicht war es der Pförtner, der sie entgegennahm“ – und nie wieder etwas gehört. „Und jetzt bin ich hier“, sagt er voller Verwunderung über seine Karriere, an einem Podium sitzend und die Manuskriptseiten ordnend wie nach den Worten suchend, die er bereits geschrieben hat.

Er wird die Hörer nicht überfordern, „nichts Schlimmeres als zu lange Lesungen“, sagt er im Verlaufe der ca. 1 ¼ Stunden, Martin Wuttke hat in Berlin aus Seethalers inzwischen auch verfilmtem Erfolgsroman Der Trafikant in Berlin gelesen, brillant, wie Seethaler versichert, „aber 3 Stunden!“. Das wird jetzt nicht passieren.

Einen Roman nennt er sein Buch Das Feld (Hanser, 239 S.), das in Wahrheit eine Geschichtensammlung ist, die strukturell locker zusammengehalten von der Fiktion, dass ein Mann in mittleren Jahren auf einer Bank im Friedhof einer kleinen Stadt (Paulstadt) sitzt und sich ausmalt „wie es wäre, wenn jede der Stimmen (Anm.: der Toten, die aus den Gräbern heraus reden) noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter scih gebracht hatte.“

Eine schöne, eine wunderbare Idee. Von hier aus öffnet sich ein Kosmos des kleinen Lebens, das nicht mehr sein will als ein anständiges und erträgliches Überleben. Alle Geschichten sind milde ironisch eingefasst von der leisen Melancholie der Vergänglichkeit. Seethaler ist ein Meister dieses Zwischenspiels –, es ist eben so und es ist nicht anders, was will man machen, so klingt die lyrische Melodie aus den Lebenserzählungen der Gestorbenen, dass man manchmal nicht weiß, ob man eine Träne verdrücken oder lächeln soll über diese aus den Schatten ins Licht und wieder in die Schatten torkelnden toten Lebendigen. Keine Hallen sind diese Gräber, kein Pathos tönt aus ihnen. Stille Kämmerlein, Bibliotheken der Selbstbesinnung, der Selbstironie und des Bedauerns über verpasste Gelegenheiten  vielmehr, von Seethalers literarischem Kaminfeuer geheizt.

In der Erzählung Hanna Heim hält der Ehemann die verkrüppelte Hand seiner sterbenden Frau. Sie erinnert sich, wie sie ihm an ihrem ersten Tag als Lehrerin in einer fremden Schule begegnete und ein Leben lang bei ihm blieb. “Du warst kein schöner Mann, aber du warst mein Mann.“ Er sitzt an ihrem Bett. Legt schließlich ihre Hand auf dem Kissen ab. „Habe ich dir gesagt, dass ich dich liebe? Erinnerst du dich?“  Das sind ihre letzten Worte.

Ein Meisterstück. Allein diese Erzählung ist die Lektüre des Buches wert.

Münchner Kammerspiele / Robert Seethaler © Urban Zintel

Münchner Kammerspiele / Robert Seethaler © Urban Zintel

In der Erzählung Herm Leydicke erteilt der Tote dem Zuhörer Ratschläge für das richtige Leben. Sie sind voll zarter Resignation, die an keiner Stelle in eine Verzweiflung mündet. Ratschläge die Frauen, Gott („Vermutlich gibt es keinen Gott“), die Mutter und die Liebe betreffend, humorvoll und voller Bescheidenheit im bescheidenen Leben sich bescheidend.

Anrührend die Geschichte Susan Tessler. Zwei alte Damen im Heim, kurz hintereinander sterbend. Sie kommen sich in den letzten Wochen ihres Lebens so nahe wie sich Menschen nur nahe kommen können. Hervorragend wie es Seethaler gelingt, die Seelenschwingungen in Sprache umzusetzen. Wie er aus Hinwendung Zuneigung, ja Liebe macht. Die Worte gehen vom Kopf ins Herz.

Muss so Literatur sein? Vielleicht –, nein sicher. Kunst ist immer doppelbödig, untergründig und im Glücksfall eine einzige Schwingung.

Seethalers mit Abstand bestes Werk. Lebensweise und unprätentiös. Sprachlich gekonnt die Abgründe streifend, ohne die Farben zu dick aufzutragen –, eine Kunst, die sich wie alle echte Kunst auf dem Weg macht, ohne jemals anzukommen, eine Suche ohne letztes Finden, die sich gerade in dieser Beschränkung vollendet, in dem Wissen nämlich, nicht mehr sein zu können als dies: Ahnung.

Ein großes Buch. Besser als seine Vorgänger. Ein Angekommensein. Werden doch manchmal in den gefeierten Romanen Der Trafikant und Die weiteren Aussichten die recht jungen und unbedarften Protagonisten nach dem Geschmack des Rezensenten mit allzu altklugen Tiefeneinsichten befrachtet.

Aus diesem Werk lesend könnte man dem Autor indessen stundenlang zuhören. Ein bedauerndes „Ooh, wie schade“, erklingt im gut besetzten Theater, als Seethaler die Lesung kurzerhand beendet. Ein kluger Entschluss, bevor die von ihm in Schwingung versetzten Seelenregungen sich zu überlagern und undeutlich zu werden drohen.

Ein kurzer, großer Abend

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