München, Münchner Kammerspiele, Passing – It´s so easy, was schwer zu machen ist, IOCO Kritik, 05.03.2020

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Passing  –  It´s so easy, was schwer zu machen ist  – –  René Pollesch

Passing – nicht Pasing  – Furioses Gedankenkarussell

von Hans-Günter Melchior

Hui, das geht aber ab, gleich zu Beginn nimmt eine Riesenspinne, zusammengeschraubt wie im Kinderbaukasten und dennoch bedrohlich Besitz von der gesamten Bühne, achtarmig und glotzend und einer mit Hut (Thomas Schmauser) tritt auf und erklärt, das alles „mit mir nichts zu tun hat, sondern mit euch“.

Und ein anderer der siebenköpfigen Mannschaft, die sich die „Glorreichen Sieben“ nennt, verheddert sich zuweilen, spricht das Passing wie Pasing, muss sich erklären lassen: also, mein Junge, es geht um Passing und nicht Pasing. Damit das mal klar ist im grundsätzlich Unklaren, denn Pasing ist ein Stadtteil (nicht ein Vorort) von München und Passing, ja, was ist Passing?, ein Vorübergehen, eine Vorläufigkeit, ein Synonym für Veränderung –, weil eben nichts Bestand hat und alles sich ständig verändert, verändern muss, um die Verhältnisse menschlich zu gestalten. Die Personen zuvörderst, aber vor allem die Gesellschaft, die aufgebrochen werden muss, weil sie im Zustand sozialer Ungerechtigkeit zementiert ist.

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy  -  was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele / Passing – It´s so easy – was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Warum, wird gefragt (Kathrin Angerer), ist Theater also nicht ein Flugblatt, eine Art Mitteilung im Vorübergehen, zu einem Flugblatt am Boden muss man sich tief herabbeugen, womöglich noch in den Dreck hinein, wo die Armen kriechen und ihr Leben fristen –, und so, eben in gebückter Haltung, kann man lesen, was zu sagen ist: zu der Zeit und den Zuständen und den schreienden sozialen Ungerechtigkeiten.

René Pollesch ist bekennender Linker, ob das parteipolitisch zu verstehen ist, sei dahingestellt, jedenfalls einer in der Tradition von Bert Brecht – und insbesondere Erwin Piscator, der im Berlin der 20-er Jahre mit den Begriffen episches und proletarisches Theater Furore machte. Das Theater als quasi-politische Institution, die auf die Zustände aufmerksam macht, das Bewusstsein der Unterdrückten schärft und eben das Passing einleitet.

Auf Polleschs Bühne wuseln unter der Spinne die Ideen nur so hin und her, eine Handlung gibt es nicht (es fehlt bewusst die Benennung eines Autors, alles ist Inszenierung, erschöpft sich darin), nur eben – warum auch nicht?! –  Gedankenanstöße und kritische Anmerkungen, dass den chronischen Lachern eigentlich der Humor vergehen müsste. Figuren und Handlungen „sind nicht zu greifen. Wohl aber die Schauspieler“, heißt es an einer Stelle. Eben allein das Konkrete, Fassbare, „die Normalität ist das Geilste. Aber sie muss natürlich jedem zustehen.“

Quod erat demonstrandum. Die Leute wollen sehen, wie es mit ihnen abwärts geht. Oder wie es ihnen gut geht. Und was sich verändern muss. Das Passing als Zustand.

Münchner Kammerspiele / Passing - It´s so easy - was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele / Passing – It´s so easy – was schwer zu machen ist © Thomas Aurin

Da braucht es keine Vorne und Hinten, keine Geschichte, die sich entwickelt und zu einem Ende kommt wie im traditionellen Theater. Das Denken und Mitdenken ist die Geschichte selbst. Avantgarde pur.

Vor allem also: keine Fantasien, die eine Realität nur vorspiegeln und Lüge sind. Ein Video wird eingeblendet, verdrängt für kurze Zeit die Spinne. Einige der Schauspieler in einer himmelstrebenden Gebirgslandschaft. Einer tritt an den Rand eines Felsens, unten gähnt der filmische Abgrund. Noch einen Schritt, denken die Zuschauer, und er stürzt in die Tiefe. Und er tut den Schritt –, stürzt aber keineswegs in die Tiefe, sondern tritt auf die Leinwand, die sich eindellt. Man merkt: allein die Realität zu zeigen, ist die Absicht, es gilt, die Illusion des Theaters zu desillusionieren, das Gemachte als gemacht zu entlarven. Weil die gesellschaftliche Lüge allgegenwärtig ist und die Masken heruntergerissen werden müssen. Danke René Pollesch. Wir haben es freilich schon immer gewusst. Aber es wird so selten gesagt – und fast nie gezeigt. Bewusst verschwiegen.

Oder noch so ein Gedanke im Bewegungspiel, hingeworfen und aufgegriffen und durch die Mangel gedreht an diesem im Grunde recht schwierigen Abend, der einem als Zuschauer ganz schön was auflädt an Nachdenklichem: „Wir brauchen keine Abgründe. Stattdessen in die Abgründe der Begriffe blicken!“ Da drängt sich doch dem Rezensenten der Gedanke an Adornos Negative Dialektik auf: „Kein Sein ohne Seiendes“.  Die das sogenannte Nicht-Identische (gemeint ist das konkrete Leben, das sich nur schwer zusammenfassen lässt) schluckenden, unterjochenden Begriffe sind das Erzübel unter der Herrschaft des Diktators Vernunft, in Sonderheit der „ökonomischen Vernunft“, die schlechthin alles verdinglicht und zur Ware macht. „Theorien bringen gar nichts, außer im Angesicht des Bodenlosen“, heißt es an einer Stelle. Die wahren Abgründe –, das sind die Begriffe.

Und dann wieder die Spinne mit ihren kalten blinkenden Augen. Wie wäre folgender Gedanke, lieber René Pollesch?: die Spinne webt und webt und wirft ihr Gedankennetz über das ganze Land. Und dann zerreißt ein einziger Windstoß das gesamte Konstrukt.  Weg ist es. Wie unter Umständen das ganze Leben. Man geht vom Theater zum Marienplatz in die überfüllte  U-3. Und einer, den das Corona-Virus im Griff hat, hustet einen an. In vier Wochen bist du weg. Passing.           Nachdenklicher Beifall

„Die Glorreichen Sieben“  – Darsteller:  Kathrin Angerer,  Max Bretschneider, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz, Thomas Schmauser

Passing in den Münchner Kammerspielen; die nächsten Vorstellungen 7.3.; 24.3.; 30.3.; 12.4.; 19.4.; 30.4.2020

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

München, Münchner Kammerspiele, #Genesis – der Schöpfungsmythos, die Genesis, IOCO Kritik, 03.02.2020

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

#Genesis  –  Der paradiesische Migrationshintergrund

Inszenierung: Yael Ronen, Bühne: Wolfgang Menardi, Licht: Jürgen Tulzer

von Hans-Günter Melchior

Am Anfang steht Damian Rebgetz allein da: vor einer Wand und salbadert auf Englisch allerlei daher, ich gehe, ich bleibe, fucking bavaria, I love bavaria, die Musik fällt aus und so weiter, die Immer-Lacher hat er auf seiner Seite, bis er sich verabschiedet, wirklich geht und losgehen kann, was eigentlich gemeint ist. Ein eher verzichtbarer Anfang, das übrige Ensemble steht am Bühnenrand und bemüht sich ein wenig gestisch um Teilnahme. Na ja, ein Versuch.

Münchner Kammerspiele / Genesis - v.l.n.r.: Wiebke Puls, Zeynep Bozbay, Jeff Wilbusch © David Baltzer

Münchner Kammerspiele / Genesis – v.l.n.r.: Wiebke Puls, Zeynep Bozbay, Jeff Wilbusch © David Baltzer

Der Vorhang öffnet sich dann endlich unter den Anfangsklängen aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie, der wunderbaren Trompetenfanfare in Moll, die auf Schwergewichtiges einstimmt.

Die Bühne ist geradezu überwältigend gestaltet, ein das Kosmische darstellender Lichtring. Im Kreisinneren wechseln sich mythische Bilder ab, Michelangelo u. A., auch das Bühnengeschehen wiederspiegelnd, klein sind die Figuren auf der Bühne ins Kosmischen integriert, das ist wunderbar gemacht und nimmt gefangen, ist sehr gelungen –, der Schöpfungsmythos, eben die Genesis.

Für lange Minuten glaubt man wirklich in der Welt des Anfangs zu sein.

Abgesehen von ein paar zotigen und zuweilen gewollt witzigen Aberrationen geht es dann auf höchstem intellektuellem Niveau weiter. Debattiert wird auf allen philosophischen Ebenen über den Schöpfungsmythos, wie er dem 1. Buch Mose, also dem ersten Buch des jüdischen Tanach sowie der christlichen Bibel zugrundeliegt.

Da werden gewaltige Fragengeschütze aufgefahren. Wer ist Gott, wie ist Gott zu begreifen?

In der Tat ist Gott eine Antinomie im kant´schen Sinne, ein ens a se, also, ein Sein aus sich selbst heraus und von sich selbst, eine Selbstzeugung ohne kausalen Anfang, also ohne im menschlich verständlichen Sinne gezeugt worden zu sein. Ein Wesen also, das seine eigene Ursache ist. Was unserem Verständnis von Ursache und Wirkung, von dem Umstand also, dass alles Bestehende die Wirkung einer Ursache sein muss, und diese, die Ursache nämlich, wiederum Wirkung einer anderen Ursache ist und so fort, elementar widerstreitet. Gott ist einfach nur, und: er muss, nach diesem Verständnis in allem sein, im Guten wie im Bösen, selbst in den Lebensmitteln, so dass er sich am Ende selbst isst.

Das alles wird freilich höchst vergnüglich ausgebreitet und teilweise in unserer Alltagssprache, die den Alltagssorgen aufsitzt, erörtert, von der Schlange ist die Rede, die sich in den Schwanz beißt und vom Mann, dem es gelingt, sein Glied in den eigenen Mund zu stecken, gleichsam in einem Akt der Selbstbefruchtung. Man lacht über den Mann, der das versucht oder andeutet, lacht und begreift.

Adam und Eva treten auf – und Lilith, an die sich Adam partout nicht erinnern kann. Sie hätten sich im Paradies paradiesisch einrichten können, Adam und Eva, meint Gott, wären sie nicht so eigensinnig, habgierig und geil gewesen– und so verstandesgesteuert.

Münchner Kammerspiele / Genesis - vl Zeynep Bozbay, Damian Rebgetz © David Baltzer

Münchner Kammerspiele / Genesis – vl Zeynep Bozbay, Damian Rebgetz © David Baltzer

Überhaupt: Eva. Die Benachteiligte. Die Frau. Sie führt bewegte Klage darüber, dass sie ihre Existenz nicht einem eigenem Schöpfungsakt Gottes verdankt, sondern eher als Nebenprodukt aus einer Rippe Adams entstanden ist. Und schon sind wir bei der Sprache, einem anderen, gewichtigen Mythos, dem Wort, das nicht nur Gedanken tradiert, sondern ganze Gesellschaften formt und geschichtliche Auswirkungen hat, die bis heute Anlass von heftigen Debatten sind. Etwa was die Benachteiligung der Frauen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft angeht, denen also ungerechterweise bereits im Mythos eine gewisse Minderwertigkeit, ein untergeordnetes Dasein, bescheinigt wird. Rippe des Mannes –, dass ich nicht lache. Männerhochmut. Und so wechselt schon mal Gott aus der Männergestalt in eine Frauengestalt, man amüsiert sich bei aller Nachdenklichkeit, wenn die Gottesattrappe von einem Mann zur Frau wechselt und der liebe Gott vom Stehaufmännchen zum Stehauffrauchen wird.

Und dann wieder das höchst gewichtige Problem nach der selbstverschuldeten Vertreibung aus dem Paradies: wie kam das Böse in die Welt, überhaupt die Differenzierung in Gut und Böse? Genau: durch die Ratio, den aufspaltenden, unterscheidenden, abwägenden Logos.

Kain tritt auf, beklagt sich im Jargon unserer Alltagsbesorgnis darüber, dass sich die Eltern kaum um ihn gekümmert haben. Und dass er zum Straftäter geworden ist, zum Mörder am Bruder, ein Ausgestoßener mit „paradiesischem Migrationshintergrund“. Das ist köstlich dargestellt und formuliert und auf der Bühne und im Bühnenhintergrund rotieren die Geschehnisse auf der kosmischen Scheibe, man lacht und bedenkt zugleich das Problem. Denn in der Tat ist der Verstand der Aufspalter und Begriffsdiktator und Verdinglicher von allem (s. Adornos Nicht-Identisches), zuletzt auch Verdinglicher des Menschen selbst durch den Menschen, die moderne Philosophie weiß das seit längerem und nennt sich Vernunftkritik. Warum man erst in der Neuzeit auf diesen Umstand aufmerksam wurde, ist ohnehin ein Rätsel. Ist doch der Mensch, als Subjekt, das einzige Wesen, das sich selbst und über sich selbst denken kann, also sich zum Objekt zu machen in der Lage ist, Subjekt und Objekt zugleich.

Und wie er das macht. Oder ist das etwa keine Verdinglichung, wenn wir zu bloßen Konsumenten degradiert werden, fast willenlose Opfer der Werbung, reine Produktionsgrößen im maschinellen Ablauf der Arbeitsprozesse, manipulierte Objekte einer undurchschaubaren Organisation der verwalteten Lebenswelt? Und so weiter…

Das alles kommt, wie gesagt, in dieser Aufführung jedoch nicht so schwer philosophisch daher wie es da steht, sondern eher flockig und mit Humor –, einem Humor freilich, der unter die Haut geht und manchem leichtfertigen Lacher von hinten ans Genick greift, he, Junge, denk erstmal nach, bevor du dich ausschüttest.

Kurzum: der Abend wurde nach etwas schleppendem Anfang zu einem intellektuellen Vergnügen, zu einer Aufführung mit Tiefgang, der auf den Wellen gescheiten Witzes ins Schweben geriet. Mehr kann man wirklich nicht verlangen. Bravo.

Bleibt noch die Erwähnung des hervorragenden Ensembles. Es hatte sichtlich Spaß an der eigenen Darbietung. Und es bestand aus Zeynep Bozbay, Daniel Lommatzsch, Wiebke Puls, Damian Rebgetz, Samouil Stoyanov und Jeff Wilbusch. Zum Teil agierten sie in wechselnden Rollen, einzelne hervorzuheben, vertrüge sich nicht mit der Gerechtigkeit. Ein Team, das auf die Zuschauer eine Wolke hob, von der aus die Welt sich ein wenig kleiner ausnahm als wir sie gewöhnlich nehmen.      Großer Beifall – Zu Recht.

#Genesis – an den Münchner Kammerspielen; die weiteren Termine

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

Verfehlungen – Roman von Hans-Günter Melchior, IOCO Buch-Rezension, 16.01.2020

Januar 17, 2020 by  
Filed under Buchbesprechung, Hervorheben

Verfehlungen / Buch von Hans-Günter Melchior © Dorothee Melchior

Verfehlungen / Buch von Hans-Günter Melchior © Dorothee Melchior

Verfehlungen –  Roman von Hans-Günter Melchior

 ISBN 9781713259169 – erschienen am 1.12.2019 – Amazon  € 9.50

Bemerkungen zum AutorHans-Günter Melchior ist in Mainz geboren, studierte Jura in Würzburg, München, Berlin und – ohne Abschluss – Philosophie. In Berlin zum Dr. jur. promoviert war Vorsitzender Richter am Landgericht München und leitete eine große Strafkammer.Zudem ist Melchior Korrespondent bei IOCO und berichtet regelmäßig von Produktionen der Bayerischen Staatsoper, den Münchner Kammerspielen und anderen Kulturinstituten.

Seit 40 Jahren schreibt Melchior Erzählungen und Romane. Im Vordergrund seiner Arbeiten steht die Kritik an einer profitorientierten (ökonomischen) Vernunft und ihren Widersprüchen. Dieser Vernunft opfert der heutige Mensch oft moralische und ethische Prinzipien und, so Hans-Günter Melchior, gefährdet damit natürliche Lebensgrundlagen.

Verfehlungen  – Rezension von  Albrecht Schneider

Wenn dieser Tage einer der reichsten Männer unserer Republik per Zeitung verkündet, er werde sofort das Land verlassen, sofern hier die Vermögenssteuer Gesetz würde, dann vermag man sich nur an den Kopf zu fassen und zu fragen: was hat es denn mit den vielen schönen öffentlichen Reden von Politik, Großkapital und sonstigen Großsprechern auf sich, die überlaufen von Begriffen wie Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Verantwortung, Nachhaltigkeit, Empathie und so fort und so fort?

Die Antwort ist schlicht: sie sind zum Fenster hinaus gehalten, sie bedeuten nichts. Die Sozialverpflichtung des Eigentums ist ein trefflicher Grundgesetzartikel, aber offenbar möchte der Eigentümer keinesfalls auch nur ein Prozent seines Eigentums missen. “Kein schöner Land in dieser Zeit als hier das unsre“, ist man geneigt zu singen, und das voll Hohn, und Bitterkeit, voller Gift und Galle, und letztlich voller Trauer und Resignation ob einer kalten Wirklichkeit mit ihrer Verwahrlosung des Denkens, des Handelns und des Sprechens allgemein.

Denjenigen, die zuvor obiges Buch gelesen haben, und denen diese Äußerung bekannt wurde, müsste es vorkommen, als wäre eine der Figuren des Hans-Günter Melchior aus ihrer literarischen Existenz heraus hinein ins wirkliche Leben gesprungen. Denn dieser Autor ist keiner, der in seiner Stube am Schreibtisch sitzend zum Fenster hinaus über eine Buschwindröschenhecke hinweg auf das Treiben der Welt schaut und gedämpft ihrem Lust- oder Wehgeschrei lauscht, um dann nach langem Sinnen das Geschaute und Gehörte auf die poetischste Weise in raunende und rätselhafte, sogar Realismus simulierende Romane und Geschichten zu verwandeln.

Nein, es tummeln sich bei ihm Gestalten, wie sie auf der Vorderbühne und im Hintergrund unserer Gesellschaft in Tat und Wort zum allgemeinen Nutzen, und nicht zuletzt zum eigenen, unterwegs sind. Es sind ja beileibe nicht lauter schwarze Charaktere, die des Autors finsteres Weltbild bevölkern, sondern er bringt uns unerbittlich und exakt mit Menschen aus ungleichen Milieus zusammen, mit vermögenden, ärmeren und solchen dazwischen. Denen, sagen wir es einmal auf fast lyrische Weise, geht das einstmals reine Herz verloren, sie widerstehen dem Reiz der Macht, des Geldes, des Sex und selbst der Liebe irgendwann nicht länger. Und sie sind es, die letztlich die Gesellschaft formen, in der zum Beispiel ein Milliardär dem Staat nichts abzugeben willens ist.

Es braucht nicht eine Menge Verstand zum Erkenntnisgewinn, wie die Abstände zwischen den Erdenbewohnern mit unterschiedlicher materieller Ausstattung, sei es Platz, Nahrung, Wasser, Geld, Medizin und persönlicher Zuwendung, täglich weiter werden. Und man muss kein reinblütiger marxistischer Revolutionär sein, um darin metaphorisch einen noch schlafenden Vulkan zu sehen. Der geweissagte Untergang der konkreten Welt mag für das skeptische Bürgertum seinen Grund in der Umweltzerstörung haben, ihm voraus geht jedenfalls die Negation der Haftung für destruktive praktische und verbale Akte. Das globale Fatum ist kein vom Himmel verordnetes, es ist ein von der Menschen Seite durch Tat und Wort heraufbeschworenes.

Melchiors Kampfzone ist ein mittelalterliches Provinzstädtchen, in der die individuellen Fata sich begeben, um sich, mit sieben Milliarden weiterer zusammengefügt, am Gedeihen oder Ruinieren der Erdkugel zu beteiligen. Ein Gelehrter will den historischen Teil dieses Ortes N. sanieren und bewahren, ahnend, dass neuerlich das Alte dem Neuen, den sozialen und ökonomischen Forderungen von Politik und Industrie, im Wege steht. Beide Institutionen werden von Personen repräsentiert, die das Allgemeinwohl betreiben, wobei sie die Kommerzialisierung der Natur und das Schleifen ihnen hinderlicher Quartiere nicht kümmert.

Der Schauplatz N. wandelt sich zu einem Standort der Rüstungsindustrie, dessen unabwendbar martialische Aura zugleich der Aufstieg zur Festspielstadt parieren soll. Daran wirkt zuvorderst ein Mann, der aufgrund einer feudalen Herkunft, einer blendenden Erscheinung, des intellektuellen Potentials und einer Härte zum Minister aufsteigt, und alle und alles, was seinem politischen Ruf, seiner Macht und seinem Triebleben dient, zu manipulieren versteht: eine Figur, die den Bau von Fabrik, Konzertsaal, Hotels und Häuser befördert, doch zu dem Zwecke zugleich die alten, geerbten Zeichen löschen lässt. Mit ihnen verderben Freunde und Willige wie Unwillige langsam im Sog eines bedenkenlosen Machers.

Dergleichen allenthalben zu beobachtende Veränderungen werden in der Regel unter dem Begriff des Fortschritts, oder klangvoller: Aufbruch in die Moderne, subsumiert. An ihnen haftet der Ruf, allein die Daseinsbedingungen rundum zum Angenehmeren hin korrigieren zu können. Im Streit mit den Zweiflern an derlei Gewissheiten hat der Fortschritt die besseren Argumente für sich. Wer schon will etwas hören vom Fortschritt in der Entwicklung der Menschenfolter, seit ihrer Erfindung bald nach Adam und Eva?

Die Organisation des altertümlichen Städtchens N. zu einer Stadt von wirtschaftlicher Potenz wie kulturellem Glanz, und eine daraus herrührende mal rasende, mal schleichende Depravation des das Ganze steuernden und ihm unterworfenen Personals, das ist die Thematik des Romans. Keinem unabwendbaren Schicksal sind Männer wie Frauen ausgeliefert, sondern sie sind Teilnehmer an einem ständig profitabler werdenden Spiel, ohne dass ihnen a priori eine besondere Schamlosigkeit eignete. In ihr bislang harmloses Dasein drängen sich die Offerten einer unerbittlich betriebenen Ökonomisierung, deren Verheißungen sie locken, deren Versuchungen sie unterschätzen. Und woran sie zerspringen können. Dem gesellschaftlichen System, das sie beherbergt, sind sie nicht hilflos ausgeliefert, denn dessen moralische Standards hat jedes Individuum zu setzen, und dann ebenso zu garantieren wie deren Verfall zu verantworten.

Die Romanhandlung, auf welchem Wege der bürgerliche Anstand in N. zerbröselt und mit welchem Ende, ist nicht ein Akt auktorialen Erzählens; die Menschen erzählen sich selbst wie sie sich gegenseitig erzählen. Insofern verliert der Roman das Romanhafte, eher sind es Seiten mit einem Befund aus der Krankengeschichte unserer Republik. Inwieweit er zutrifft, das Urteil erlaubt ein rascher Griff zu diesem Buch.

—| IOCO Buchbesprechung |—

München, Münchner Kammerspiele, KILL THE AUDIENCE – Ein ver-rückter Abend, IOCO Kritik, 30.11.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

KILL THE AUDIENCE  –  Rabih Mroué

– Der Zuschauer als Schauspieler – ein Seitenwechsel –

von Hans-Günter Melchior

Es fängt vergleichsweise konventionell an. Es wird dunkel, auf einer Leinwand läuft ein kurzer Film ab, der Szenen aus dem Vietnam-Krieg zeigt, in den die USA 1965 mit Bombardements u.a. unter Einsatz der berüchtigten Napalm-Bomben (die Opfer gingen mit schwersten Verbrennungen buchstäblich zugrunde) eingriffen.

Der ver-rückte Abend

Eva Löbau, Foto unten, erläutert dann mit gespielter Sachlichkeit die Funktionsweise der Beretta unter Verwendung einer Plastikausgabe der Handfeuerwaffe. Danach zeigt sie den Zuschauern das in Militärkreisen berühmte Maschinengewehr 42, MG 42, das die Schützen in die Lage versetzte, 1200 Schuss in der Minute abzufeuern und noch in den Anfängen der Bundeswehr zur Waffenausstattung gehörte.

Zeynep Bozbay schaltet sich erklärend und ergänzend ein. Gleichsam Folie der Aufführung ist die legendäre Aufführung des Stückes Vietnam-Diskurs von Peter Weiss im Jahre 1968, also vor 50 Jahren, an gleicher Stelle, nämlich in dem damaligen Werkraumtheater. Regie führten 1968 Wolfgang Schwiedrzik und Peter Stein. Die Schauspieler forderten die Zuschauer zu Spenden für den von Hò Chi Minh angeführten Vietcong auf, der schließlich Südvietnams Hauptstadt Saigon eroberte und in dem mit größten Verlusten geführten Krieg (ca. 5 Mio. Opfer auf vietnamesischer Seite, 58 000 US-Soldaten fielen) obsiegte. Die damalige Inszenierung, besonders die Spendenaktion, führte zu einem handfesten Theaterskandal in München. Die geplanten weiteren Aufführungen mussten abgesetzt werden.

In einem relativ kurzen Abschnitt werden die Geschichte des Stücks und die historischen Hintergründe dargestellt.

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience - hier :  Eva Löbau, Zeynep Bozbay © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience – hier : Eva Löbau, Zeynep Bozbay © Judith Buss

Lebhafte Erinnerungen der Zeitzeugen werden aufgerührt. Bilder und Eindrücke von der Teilnahme an der Studentenrevolte der Jahre 1967 ff, den Schah-Besuch in Berlin, die Erschießung von Benno Ohnesorge, die Demonstrationen und den Theorienstreit, eben all die Erinnerungen an Vorgänge, die in bewegter Zeit die gesellschaftliche Diskussion bestimmte und die Staatsorgane auf das Äußerste herausforderten, werden wach. Gedankliche Nachforschungen in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno.

Dem libanesischen Regisseur Rabih Mroué geht es aber in Wahrheit nicht um ganz bestimmte theoretische oder gar ideologische  Inhalte. Sein Anliegen ist formaler Natur: die radikale Umkehrung der Rollen. Er macht die Zuschauer zu den eigentlichen Akteuren. Der passive Zuschauer, der sich zurücklehnt und die auf der Bühne mal machen lässt, ist ihm suspekt:

– Eine die Zuschauerschaft als gesellschaftliche und still rezipierende Reihe von Pappfiguren, die die Zuschauerschaft imitiert, wird mit Beilhieben brutal zerstört, gleichsam ausgerottet.

– Während der Verlesung einer Abhandlung über die vergangenen Ereignisse und die Geschichte der Aufführung wird filmisch eine Zuschauermenge auf die Bühne projiziert. Die Damen und Herren scheinen dem Vortrag zuzuhören, benehmen sich jedoch gelinde gesagt unernst, wenn nicht läppisch, stilisierte Figuren, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Auch sie verschwinden.

Die beiden Schauspielerinnen, die zuvor – sozusagen performatorisch agierend, nämlich die Distanz zwischen Bühne und Zuschauerraum aufhebend – bereits die Bühne verlassen hatten, um die Zuschauer per Handschlag zu begrüßen und nach ihrem Befinden zu befragen, und die die enorme Bedeutung der Zuschauer für das Theater, ja ihre schlechthin maßgebende, stilbildende Rolle, priesen, verlassen ebenfalls und nun endgültig die Bühne, verschwinden einfach und werden nicht mehr gesehen. Irgendwie allein gelassen sitzen die Zuschauer da.

Doch dann werden sie regelrecht aus dem Theaterschlaf gerüttelt. Auf der Bühne sind nun Sitzreihen aufgestellt, es ist ein echter Zuschauerraum eingerichtet. Es nehmen dort, nicht anders als im richtigen Zuschauerraum, Frauen und Männer Platz, die den „eigentlichen“ (Eintritt zahlenden) Zuschauern gegenübersitzen und diese erwartungsfroh anschauen.

So sind unversehens aus den von den professionellen Schauspielern verlassenen Zuschauern die Akteure, die eigentlichen Schauspieler geworden, denen passive Zuschauer gegenübersitzen. Als hätte das Blatt sich gewendet, als sei der „Spieß“ umgedreht worden.

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience - hier : Marja Burchard, Maasl Maier © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Kill the Audience – hier : Marja Burchard, Maasl Maier © Judith Buss

Zunächst herrscht beiderseitiges Schweigen. Es ist klar, dass von den „Bühnenzuschauern“ nichts weiter als das Zuschauen zu erwarten ist, während die eigentlichen Zuschauer irgendetwas tun müssen, wenn sie nicht in einem eher peinlichen und stoischen Nichtstun verharren wollen, angestarrt wie Schauspieler, denen es die Sprache verschlagen hat.

Die Situation ist dem Stück 4´33“ von John Cage ähnlich. Es ist in drei Sätze gegliedert, wobei jeder Satz mit Tacet (er, sie schweigt) überschrieben ist. Der Pianist hebt die Hände über der Tastatur und lässt sie nach 4 Minuten und 33 Sekunden sinken, ohne einen einzigen Ton gespielt zu haben.

Regelmäßig entsteht dabei im Zuhörerraum zunächst Ratlosigkeit, danach Unruhe, Scharren, Räuspern, verlegenes Lachen u.s.w. Die eigentliche Komposition stellen diese provozierten Geräusche dar.

Mroués Inszenierung provoziert hingegen keine Geräusche, sondern eine zunehmend lebhafter werdende Diskussion: über die damalige Zeit, über das, was von ihr geblieben ist, über Widerstand und die Frage, ob es heute Zustände gibt, die dem Imperialismus der beschriebenen Zeit ähneln. Zeitzeugen äußern sich, aber auch junge und jüngere Leute, es werden unterschiedliche Auffassungen ausgetauscht.

Das geht etwa eine halbe Stunde so, wird immer engagierter und interessanter –, bis (fast) alles gesagt ist. Schließlich stehen diejenigen Personen, die die Zuschauer auf der Bühne spielen, auf und applaudieren –, zum Zeichen, dass die Vorstellung der Zuschauer, die – diskutierend – die Rolle der Schauspieler übernommen haben, zu Ende ist.

Ein verdammt raffinierter Trick. Die formale Umkehrung der Rollen, die die Zuschauer in eine ungewohnte Aktivität gleichsam hineinstößt und sie das Schwimmen lehrt, sie dazu zwingt zu spielen, wo sie doch gekommen sind, sich zurückzulehnen und das Geschehen schweigend zu verfolgen (vielleicht übermüdet auch nur über sich ergehen zu lassen).

Auf die inhaltliche Seite kommt es nicht an. Niemand, so der Regisseur, soll auf eine bestimmte Meinung festgelegt werden. Aber jeder soll eben spielen, dem Basiliskenblick der schweigenden Zuhörerschaft ausgesetzt ein Schauspieler sein, der seinen Text im Spielen spontan erfindet.

Eine gelungene, geradezu teuflische Idee, die in ihrer Radikalität ihresgleichen sucht. Man verlässt das Theater in dem Bewusstsein, etwas geleistet zu haben und zugleich ein wenig beschädigt zu sein. Wie ein Darsteller, der die Erwartungen der Zuschauer nicht ganz erfüllt hat, dem zu seiner Rolle die Realität fehlt oder diese ihm gar abhanden gekommen ist, weil er sich in einer reinen, nicht vom wirklichen Leben beschmutzten Ästhetik verliert. Ein wenig beschädigt auch, weil er, der Akteur, der Schauspieler, nicht vollständig ausgefüllt hat: weil ihm nicht alles zu ihr eingefallen ist oder weil das Wichtigste zu sagen vergessen hat.

Und auf jeden Fall verlässt man um eine völlig neue eine Theatererfahrung bereichert die Aufführung, bei der man auf die Bühne gesetzt wurde und agieren musste/durfte. Herausforderungen können mehr als nur aufregend sein.

Beim anschließenden Glas Wein geht die Diskussion weiter und immer weiter – in eine Zeit zurück, die als vergangene immer noch Gegenwart ist

KILL THE AUDIENCE an den Münchner Kammerspielen; die weiteren Vorstellungen 17.12.; 19.12.2019

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