Detmold, Landestheater Detmold, My fair Lady – Frederick Loewe, 02.11.2019

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

My fair Lady – Frederick Loewe

– Es grünt so grün, doch nur !!  wenn Detmolds Blüten blühen

von Karin Hasenstein

Man nehme eine anrührende Geschichte, würze sie mit ein paar unverwüstlichen Melodien, sorge für ein Happy-End – und schon hat man das erfolgreichste Musical aller Zeiten. My Fair Lady wurde allein am New Yorker Broadway über 2.700 mal gespielt. Wo dieses Musical von Frederick Loewe auf dem Spielplan steht, darf man mit ausverkauften Häusern rechen, so war es auch nahezu am Premierenabend im Landestheater Detmold.

My fair Lady Frederick Loewe
youtube Trailer Landestheater Detmold
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Regisseur Christian Poewe erzählt die Geschichte vom einfachen Blumenmädchen Eliza Doolittle schwungvoll und ganz klassisch, wie man sich eine My Fair Lady vorstellt.
Dankenswerterweise übersetzt er die Geschichte nicht in eine andere Zeit oder an einen anderen Ort, sondern belässt sie da, wo Alan Jay Learner sie angesiedelt hat. So öffnet sich der Vorhang nach der kurzen beschwingten Ouvertüre und gibt den Blick frei auf eine aufwändig und detailliert bebilderte Straßenszene. Dass Eliza ihre Veilchen vor der Londoner Oper Covent Garden verkauft, wird durch einen geschlossenen dunkelblauen Vorhang angedeutet, eine Bühne auf der Bühne. (Bühne: Markus Meyer)

Als die Besucher aus der Oper kommen und ein junger Mann, wir lernen ihn als Freddy Eynsford-Hill kennen, (Nando Zickgraf) Eliza im Gedränge anrempelt, ergießt sich eine Schimpftirade in übelstem Straßenjargon auf den armen Freddy. Das erregt die Aufmerksamkeit von Sprachforscher Henry Higgins (wunderbar steif: Andreas Jören), edlem Verfechter einer ehrlichen und reinen englischen Muttersprache. Eine derartige Beleidigung der Sprache ist ihm ein Gräuel und großspurig verkündet der Professor, dass er binnen sechs Monaten allein durch seinen Sprachunterricht aus dem einfachen Blumenmädchen eine feine Lady machen kann und damit sind wir auch schon beim ersten „Hit“ des Abends „Kann denn die Kinder keiner lehren, wie man spricht?“

Offenbar kann es keiner, denn kurz darauf schon erfahren wir, was Elizas sehnlichster Wunsch ist: „Nur ein Zimmerchen irjendwo, mit ’nem Sofa drin, sowieso, und Gasbeleuchtung, oh, oh wäre det nich‘ wundascheen?“ „Wundascheen“ ist vor allem der Background-Chor aus Obdachlosen, (Daniel Schliewa, Sebastian Schaffer, Ognjen Milivosja), die ungemein pittoresk und mit netter Choreografie Eliza auf einer riesigen Ratte reiten lassen. Alle sehen bereits ausgesprochen abgerissen aus, doch ein Schild, das einer von ihnen um den Hals trägt, verkündet „It’s going to get worse“.

 Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins). © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins). © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

In der drehbaren Wand öffnet sich die Kneipentür und Elizas Vater, der Müllkutscher Alfred P. Doolittle (herrlich rustikal: Rudi Reschke) stolpert heraus. Es folgt der Song „Der Herrgott schuf den Männerarm wie Eisen“ (Mit ’nem kleenen Stückchen Glück) und die hierzu getanzte Müllsack-Choreografie ist einfach großartig. Überhaupt ist dieses ganze „Arme-Leute-Viertel-Ambiente“ ganz entzückend mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt (Kostüme: Maren Steinebel, Choreografie: Kirsteen Mair).

In der nun folgenden Szene befinden wir uns im Haus von Professor Higgins. Hierfür wird geschwind die Wand erneut gedreht und „frisch tapeziert“ fügt sich diese in die Kulisse ein. Aus zwei Teilen wird ein riesiges Sofa, ein komfortabler Sechs-Sitzer, zusammengebaut, zwei große Grammophone runden das Bild ab. Begeistert lauscht Higgins seinen Aufnahmen von verschiedenen Dialekten, während sein Gast, der arme Oberst Pickering „Zuflucht“ unter einer Zeitung sucht. Bereits beim Song „Doch lass‘ ein Weib an dich heran – kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ begeistern Andreas Jören und Hannes Fischer mit wunderbarer Bühnenpräsenz und hinreißender Mimik in dieser Hymne auf das Junggesellendasein.

Die Haushälterin Mrs. Pearce (herrlich trocken: Brigitte Bauma) kündigt Besuch an. Eliza hat ihr Erspartes genommen, um bei Professor Higgins Sprachunterricht zu nehmen. Schließlich habe er gesagt, er könne eine Lady aus ihr machen und das will sie sein, eine Lady in einem Blumenladen. Higgins‘ Empfindung für den Eindringling ist irgendwo zwischen Abgestoßensein und Faszination über die Dreistigkeit und den Mut von Eliza. Diese hat es schließlich Pickering zu verdanken, dass Higgins einwilligt, ihr Sprech- und Benimmunterricht zu erteilen. So wird Eliza Gegenstand einer Wette zwischen den beiden Männern.

Während Eliza nun mit endlosen Übungen „gequält“ wird, hat es sich auch zu ihrem Vater herumgesprochen, dass seine Tochter bei einem piekfeinen Herrn wohnt. Es gibt eine Liste mit Dingen, die man ihr nachschicken soll, ihre Kleider brauche sie jedoch nicht. Was soll Alfred P. Doolittle davon halten?! Er sucht den Professor auf und versucht noch etwas Kapital aus der Sache zu schlagen.

Aus der wunderbar wandelbaren Wand wird das Wohnzimmer, wird die Straße, wird das Wohnzimmer…  Zu Elizas Song „Wart’s nur ab, Henry Higgins!“ tanzt die Queen mit drei Soldaten und schon geht der Sprechunterricht weiter. Als schließlich beim gefühlt 100. Mal „es grient so grien“ endlich der Knoten platzt, hängt das Publikum vor Lachen auf der Sesselkante und Hannes Fischer alias Oberst Pickering hat endgültig sämtliche Sympathien auf seiner Seite.  Aber auch der Chor, (Foto unen), der hinter den sich öffnenden und schließenden Fenstern in gelben Kostümen und schwarzen Pottschnitt-Perücken ein graßartig absurdes Bild abgibt, treibt dem Publikum die Lachtränen in die Augen.

Elizas Begeisterung über ihre Fortschritte drückt sich in den Songs „Es grünt so grün“ und „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ aus. Die Herren sind sich einig: Eliza ist bald so weit, dass sie sich in der feinen Gesellschaft bewegen kann, doch vorher soll es sozusagen eine Generalprobe geben. Und was würde sich da besser anbieten als das Pferderennen in Ascot?

 Landestheater Detmold / My fair Lady - hier Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins) © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier Nando Zickgraf (Freddy Eynsford-Hill), Caterina Maier (Eliza Doolittle), Kerstin Klinder (Mrs. Higgins), Hannes Fischer (Oberst Pickering), Jan Friedrich Eggers (Prof. Henry Higgins) © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Für den nun folgenden Chorauftritt („Jeder Duke und Earl und Peer ist hier“) hat die Kostümabteilung des Landestheaters alles gegeben. Die Herren erscheinen in Frack und Zylinder, die Damen in wunderschönen farbenfrohen Kleidern mit großen Schleifen und riesigen phantasievollen Hüten, Handschuhen und Handtaschen, eine wahre Kostümschlacht und Augenweide.

Auch hier wieder ein liebevolles Detail: eine Krankenschwester schnappt sich einen Besucher, der ohnmächtig geworden ist. Ob die Ursache das aufregende Pferderennen war oder Elizas verbaler Rückfall in ihre alten sprachlichen Gewohnheiten: “Lauf, Dover, lauf! Sonst streu ick dir Pfeffer in den Arsch!” sei hier dahingestellt. Der etwas tollpatschige Freddy Eynsford-Hill jedenfalls ist spätestens jetzt hoffnungslos verliebt in die schöne Fremde.

Die nächste Szene spielt vor dem Haus von Professor Higgins, und während eine Straßenlaterne kopfüber aus dem Schnürboden baumelt, tanzt Freddy vor der Tür auf und ab und singt sein berühmtes „Ging die Straße schon oft hinunter hier und das Pflaster lag gewöhnlich ruhig unter mir“. Der Position der Laterne nach zu urteilen, liegt es jetzt wohl über ihm.

Schließlich ist der Tag des Balls gekommen. Mittels eines Prospekts mit wunderbarer Tiefenwirkung verwandelt sich die Bühne in einen Ballsaal.  Higgins und Pickering sind bereits im Smoking und warten auf Eliza. Als diese schließlich erscheint, sind die beiden Herren überwältigt von ihrer Anmut. In ihrem langen weißen Kleid mit Schleppe wirkt Eliza wie ein Braut. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass Pickering ihr die Schleppe richtet und sie am Arm der beiden Herren zum Ball geführt wird. Auch hier ist wieder eine relativ kurze Szene wunderschön und aufwändig ausgestattet. Drei Paare tanzen, doch als Eliza auftaucht, haben alle Herren nur noch Augen für sie.

Wieder zurück im heimischen Wohnzimmer feiern Higgins und Pickering ausgelassen ihren Erfolg: „Sie sind’s, der es geschafft hat!“ Der Chor tanzt – nun wieder in gelben Dienstboten-Uniformen – und stimmt an „Wir gratulieren, Professor Higgins! und sorgt somit wieder für Lachtränen beim Zuschauer.  Eliza ist bei all dem nur enttäuscht, da von ihr niemand Notiz zu nehmen scheint und die Herren nur sich selber feiern. Wütend stimmt sie ihr „Wart’s nur ab, Henry Higgins, wart’s nur ab“ an.

Eliza kehrt nach Hause zurück. Auf der Straße sehen wir wieder die großartige Ratte und den Trupp der Verlierer, diesmal verkündet das Schild „Let’s join EU!“ was wieder für allgemeine Erheiterung im Publikum sorgt. Ähnlichkeiten mit aktuellen politischen Ereignissen wären rein zufällig! Die Gang der Obdachlosen stimmt am Ende übrigens für “Remain”.  Elizas Vater hat es offenbar durch Reden bei der Gesellschaft für moralische Erneuerung zu einem bescheiden Vermögen gebracht und schmiedet Hochzeitspläne. Statt des blauen Opern-Vorhangs dominiert nun ein Glitzer-Vorhang die Szene und zum Song „Hei, heute Morgen mach‘ ich Hochzeit!“ gibt es wieder eine rauschende Chorszene mit Tanzeinlage.

Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : Caterina Maier als Eliza Doolittle, Rudi Reschke als Alfred P. Doolittle © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : Caterina Maier als Eliza Doolittle, Rudi Reschke als Alfred P. Doolittle © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Mittlerweile hat man auch im Hause Higgins entdeckt, dass Eliza ausgerückt ist. Ein schauspielerisches Highlight des Abends ist die wiederholte Feststellung Pickerings „Ich bin platt!“ Niemand sagt das so schön fassungslos erstaunt wie Hannes Fischer ! In der Reprise von „Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ gelangt Higgins zu der Frage „Kann eine Frau nicht sein wie… Sie?!“ Die Szene zwischen Andreas Jören und Hannes Fischer ist einfach wunderbar mit großer Spielfreude, Schwung und Witz dargeboten und die beiden ernten zu Recht Szenenapplaus.

Eliza sucht Trost und Rat bei Higgins‘ Mutter. Ein Prospekt versetzt uns in eine üppige Orangerie. Eine „lebende Pflanze“ verhindert, dass diese Szene allzu ernst werden kann.
Higgins stürmt herein und will sich bei seiner Mutter darüber beklagen, dass Eliza verschwunden ist und gerät im Verlauf der Szene immer wieder in die „Reichweite“ der Grünpflanze. Eliza macht ihm deutlich, es geht auch „Ohne dich!“, während Higgins immer noch darauf beharrt „Ich bin’s, der das geschafft hat!“ Als Eliza nun endgültig gehen will, erkennt der Professor „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“. Jören singt diesen Song alleine vor dem geschlossenen Vorhang, nachdenklich und mit dem Ausdruck von aufrichtigem Bedauern und Verlust.

Mit Elizas Ruf „Henry, wo zum Teufel sind meine Pantoffeln?“ fällt der Vorhang. Und so findet zu guter Letzt doch noch zusammen, was zusammengehört.

Das Landestheater Detmold bringt mit dieser Produktion eine My Fair Lady heraus, wie man sie sich vorstellt. Mathias Mönius leitet das Symphonische Orchester und den Chor des Landestheater Detmold sowie die Solisten mit sicherer Hand und gutem Gespür für Atmosphäre und Stimmungen durch den Abend. Das Tempo ist schwungvoll und lebendig. Obwohl die Dynamik der Größe des Hauses angemessen ist, hat die Sängerin der Eliza, Caterina Maier (seit 2015/16 Ensemblemitglied des Nationaltheater Weimar) hin und wieder Schwierigkeiten, mit ihrem leichten Sopran über das Orchester zu kommen. Schauspielerisch vollzieht sie die Wandlung vom Blumenmädchen zur feinen Lady überzeugend. Allerdings hätte man sich anfangs noch etwas mehr „Gosse“ gewünscht, denn so „entzückend ordinär, so schauerlich schmutzig“ wie Higgins sie beschreibt, zeichnet sie die Eliza gar nicht. Dafür gerät die zarte zerbrechliche junge Frau, die auf dem Ball alle Blicke auf sich zieht, sehr authentisch.

Freddy, der so für Eliza schwärmt und doch nie eine Chance bei ihr hat, wird von Nando Zickgraf liebenswert und charmant porträtiert. Der Tenor gestaltet seine Songs mit sicherem Gespür für die Rolle und viel Leichtigkeit. Andreas Jören (seit 2005 Ensemblemitglied des Landestheater Detmold) gibt den steifen Professor und eingefleischten Junggesellen sehr routiniert. Seine wandlungsfähige Stimme ermöglicht ihm den raschen Wechsel zwischen gesprochenem Text und Gesangspassagen, was für Opernsänger eher ungewohnt ist und deshalb das Singen von Operetten und Musicals so anspruchsvoll macht.

Landestheater Detmold / My fair Lady - hier : der Damenchor © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / My fair Lady – hier : der Damenchor © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Rolle des Oberst Pickering ist bei Hannes Fischer in den besten Händen. Der Schauspieler war an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland zuhause und ist auch als Fernsehschauspieler einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Seit seinem 65. Lebensjahr gastiert er freischaffend und es ist ein großer Glücksfall, dass das Landestheater Detmold Hannes Fischer für die Rolle des Pickering gewinnen konnte. Er gibt den Freund und Partner Higgins‘ in der Wette um Eliza so liebenswürdig-kauzig und überzeugt auch in den kleinen Choreografien und Gesangseinlagen mit seiner einzigartigen Bühnenpräsenz, dass ihm an diesem Premierenabend dafür verdient üppiger Applaus gespendet wird. Eine Traumbesetzung!

Sehr gut besetzt waren auch die Rollen der Mrs. Pearce mit Brigitte Bauma, die eine in jeder Situation souveräne Hausdame gab, die den Junggesellen-Haushalt inklusive der weiteren dienstbaren Geister (Chor und Tänzerinnen) bestens im Griff hatte sowie der Mrs. Higgins mit Kerstin Klinder. Elizas Vater Alfred P. Doolittle wurde von Rudi Reschke mit rustikal-derbem Müllkutscher-Charme passgenau verkörpert. Der Sänger, Tänzer und Schauspieler ist in zahlreichen Musicalproduktionen und verschiedenen Fernsehrollen aufgetreten.

Auch Jürgen Strohschein und Steven Armin Novak als Harry und Jamie konnten in den Ensemblestellen positiv zum Gesamteindruck der Produktion beitragen. Die beiden Musical-Darsteller sorgten für viel Schwung mit rasanten, bisweilen akrobatischen Tanzszenen. Davon hätte man gerne noch mehr gesehen! Ebenso der Background-Chor der Obdachlosen! Daniel Schliewa, Sebastian Schaffer und Ognjen Milivosja sangen und spielten sich mit Charme und Mut zur Hässlichkeit gepaart mit sehr viel Spielfreude in die Herzen des Publikums.

Abgerundet wird das positive Bild durch den wunderbar beweglich singenden und agierenden Chor und die Statisterie des Landestheaters Detmold. Diese Ensembleleistung aller Beteiligten auf, neben und hinter der Bühne belohnte das begeisterte Premierenpublikum mit lang anhaltendem Beifall, zahlreichen Bravi und standing ovations.

Wer also Lust hat, sich in bester Musical-Manier einen Abend lang mit den nicht totzukriegenden Evergreens, die man am liebsten alle mitsingen würde, unterhalten zu lassen, dem sei der Weg ins Landestheater Detmold wärmstens empfohlen.

My fair Lady am Landestheater Detmold; die weiteren Termine 10.11.; 13.11.; 15.11.; 17.11.; 20.11.; 22.11.; 23.11.; 8.12.; 14.12.; 19.12.2019 und mehr..

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, My Fair Lady – Frederick Loewe, IOCO Kritik, 30.10.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  My Fair Lady  – Musical von Frederick Loewe

– Uwe Eric Laufenberg ist Higgins – Mira Benser ist Eliza Doolittle –

von Ingrid Freiberg

My Fair Lady ist die Urmutter, das Schmuckstück aller Musicals – ein Dauerbrenner voller Evergreens, den fast jeder mindestens einmal gesehen hat. Es soll eines der meistgespielten Stücke aller Zeiten sein. Insbesondere im deutschsprachigen Raum bedeutete sein Erfolg den Durchbruch dieser Musikgattung. Die Songs wurden zu Ohrwürmern und sind unverwechselbare musikalische Charakterporträts der Figuren. Der Sprachwitz des Stückes hat an szenischer Schwungkraft und pointiertem Humor wenig eingebüßt.

Nobelpreisträger erhält Oscar 

Für den Dramatiker und Nobelpreisträger George Bernard Shaw war Professor Henry Higgins ein Zyniker und Frauenfeind. Das 1913 mit großem Erfolg in London uraufgeführte Stück verursachte allerdings einen Skandal, weil Eliza exzessive Schimpfwörter benutzte. Für die Verfilmung Pygmalion – Der Roman eines Blumenmädchens mit Leslie Howard und Wendy Hiller in den Hauptrollen wurde Shaw als Drehbuchautor mit dem Oscar ausgezeichnet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins und Mira Benser als Eliza Doolittle © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins und Mira Benser als Eliza Doolittle © Monika Forster

Doch hat die erst nach seinem Tod entstandene Musical-Version My Fair Lady von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner, mit gesellschaftssatirischem Grundton und menschlicheren Zügen, hat den Stoff weltberühmt gemacht. Grundlage ist ein alter Mythos: Ein Mann schafft sich ein weibliches Idealbild nach seinen Vorstellungen…  Die Uraufführung von My Fair Lady fand 1956 in einer Produktion von Herman Levin unter der Regie von Moss Hart in New York statt und brachte es auf insgesamt 2.717 Vorstellungen in den ersten sechs Jahren. Die unvergessene deutschsprachige Erstaufführung fand 1961 im Theater des Westens in Berlin statt.

Vorzüglich gelungene Regiearbeit

Die 30er Jahre-Inszenierung von Beka Savic lässt das England der literarischen Vorlage aufleben und wählt für das Londoner Cockney den bewährten Berliner Dialekt. Das lässt das breitgefächerte Großstadtmilieu mit Proletariat, Mittel- und Oberschicht aufleben. Tänzer als Straßenartisten und Gaukler verstärken die Emotionen und bilden einen bezaubernden Farbtupfer.

Während Professor Higgins seine Logier-Schülerin Eliza stundenlang mit Vokal-Konsonant-Übungen und Grammatik-Drill quält, ist Oberst Pickering Ruhepol und vollendeter Gentleman im Dauer-Tornado. Die Rinnstein-Göre Eliza reift zu einem zauberhaften Geschöpf, zu einer Dame mit korrekter Ausdrucksweise und Selbstvertrauen. Erst als sie sich enttäuscht und tränenüberströmt entschließt, ihren selbstverliebten Lehrer zu verlassen, erkennt dieser seine Zuneigung zu ihr und versucht, sie zurückzugewinnen. Das Zauberwesen  kommt zurück, nicht ganz nachvollziehbar, und erhört den eitlen Schnösel.

Wenn Eliza in Ascot der feinen Gesellschaft erzählt, dass ihre Tante abgemurkst worden sei, und sie einem lahmen Gaul Pfeffer in’nen Arsch streuen will, flieht die blasierte Hautevolee schockiert über Bühne und Zuschauerraum dem Ausgang entgegen… Die gelungene Regiearbeit  lässt der Musik Raum und trägt liebevoll die DarstellerInnen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins, rechts, Mira Benser als Eliza Doolittle und Margit Schulte-Tigges als Mrs. Higgins © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Uwe Eric Laufenberg als Henry Higgins, rechts, Mira Benser als Eliza Doolittle und Margit Schulte-Tigges als Mrs. Higgins © Monika Forster

Finessenreiches Bühnenbild mit genre-genauen Kostümen

Die Bühnenbilder von Bettina Neuhaus greifen mit allen Finessen der Bühnenkunst fugenlos ineinander – prachtvoll die Variationen der sich schnell wandelnden Bühne. Statisten in Livree verändern völlig unaufgeregt die Szenerie. Wie selbstverständlich werden sie in die Handlung mit einbezogen. Gelungene Farbvariationen, ein romantischer Sternenhimmel, Häuser, die nach oben entschwinden, Bibliothekswände, die nach unten zu schweben scheinen, die Kneipe Mad Rabbit – mit einem hessisch babbelnden Wirt Thomas Braun und ein wunderschön ausgeleuchtetes Straßenbild ergänzen kongenial die Inszenierung. Selbst das Kino am Blumenmarkt wechselt im Verlauf des Abends sein Programm: von Secret Agent zu Pygmalion Cinema bis hin zu Gone With The Wind. Besonders eindrucksvoll gelungen sind das Pferderennen in Ascot und der Diplomatenball im Buckingham Palace mit schwungvollen Tanzeinlagen des Chores, die durch die fast scherenschnittartig gestalteten Videos von Gerard Naziri zu The Embassy Waltz eindrucksvoll ergänzt und von der Choreografin Myriam Lifka bezaubernd arrangiert werden.

Die genre-genauen herrlichen Kostüme von Claudia Jenatsch – schmutzstarrende Lumpen der Unterschicht und farbenfrohe bis üppige Garderobe der Upper Class – beleben das klassische Bühnenbild. Zusammen mit den außergewöhnlichen Hutkreationen für die Damen in Ascot sind sie auch eine hervorragende Referenz der Theater-Werkstätten.

Musikalisch hält Christoph Stiller die Fäden zusammen. Mit dynamischer, dabei äußerst differenzierter Klangsprache, gleicht er Fallhöhen aus. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden pariert das vorzüglich. Die Schauspieler-Sänger werden mit viel Einfühlungsvermögen bisweilen nur von  einer Geige begleitet. Dabei kommt auch das Hochpulsige der Partitur nicht zu kurz. Souverän und mit Schmiss gelingt ihm eine sehr persönliche Interpretation.

Der Intendant des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden Uwe Eric Laufenberg schenkt sich die Rolle des kauzigen Professor Henry Higgins. Dem Schauspieler-Sänger gelingt es nicht immer, dessen vielschichtigen Charakter herauszuschälen. Seiner Interpretation fehlt es an der arroganten, britischen Blasiertheit der englischen Oberschicht. Stattdessen gibt er den Choleriker. Nicht zu überzeugen wissen seine sprachlichen und gesanglichen Unverfrorenheiten, beispielsweise in Sie ist so entzückend ordinär, so schauerlich schmutzig…. Besser gelingen Kann eine Frau nicht sein wie ein Mann, kann eine Frau nicht sein wie ich? und Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht… Wenn sich seine sprachlastige Weltanschauung süffisant über Oberst Pickering, Eliza oder seine Bediensteten ergießt, gewinnt seine Figur mehr an Kontur. Fast liebenswert sind sein Versprecher Lohengrün und der Hilfeschrei nach seiner Mutter…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady - hier : Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle, Jochen Elbert, John Holyoke © Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / May fair Lady – hier : Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle, Jochen Elbert, John Holyoke © Monika Forster

Die junge aparte Schauspielerin Mira Benser als Eliza Doolittle entwickelt sich zu einer selbstbewussten Frau, die Higgins schließlich den Marsch bläst. Eine linguistisch schier unlösbare Aufgabe und nicht leicht auf einer deutschen Bühne darzustellen. Als Zuschauer hat man immer noch Audrey Hepburn und Karin Hübner im Ohr. Sie kämpft sich mutig durch den Berliner Slang und interpretiert die Evergreens von Frederick Loewe auf ihre ganz eigene Weise. Darstellerisch überzeugt sie. Es bleibt dennoch zwiespältig, die Rolle einer Schauspielerin anzuvertrauen. Gesanglich kann Mira Benser nur in den leisen Partien, in denen sie ihre zarte empfindsame Seele offenbart, gewinnen, in hohen Lagen vermag sie nicht sauber zu intonieren.

Der singspielende Michael Birnbaum als Alfred P. Doolittle ist eine grundsympathische Rampensau, aufgedreht und übervoll mit Energie. Als arbeitsscheuer trinkfreudiger Vater von Eliza begeistert er sinnlich Gin-trinkend mit elastischen Hüften – ansteckend zum Mitsingen vorgetragen: Mit ’nem kleenen Stückchen Glück… und Bringt mich pünktlich zum Altar… Hier springt der musikalische Funke über!

Uwe Kraus als Oberst Pickering ist der distinguiert altmodische Kollege und Freund Higgins. Köstlich eloquent sind seine Bemerkungen über den Charakter von Beziehungen zwischen Mann und Frau und die moralischen Verpflichtungen eines Vaters. Von Anfang an behandelt er Eliza als liebenswertes Geschöpf, ist sogar ein wenig verliebt in sie. Der tüchtigen Hausdame Mrs. Pearce macht er den Hof und spricht sie ab und zu – recht verräterisch – mit Eleanor an, was an seiner vorgegebenen Diskretion ein wenig zweifeln lässt.

Der smarte strahlende Björn Breckheimer singt Freddy Eynsford-Hill. Jugendfrisch, verzaubert von der jungen Frau mit dem unkonventionellen Auftreten, mit Schwüren voller Schmelz schreibt er täglich Liebesbriefe, schickt Blumen und wartet auf der Straße vor dem Haus in der Hoffnung, seine Angebetete zu treffen: In der Straße, mein Schatz, wo du lebst (Dabei bewährt sich der Einsatz eines Mikroports mit natürlichem Klang, der in diesem großen Opernhaus auch für die schwierigen Gesangspartien der Hauptprotagonisten ratsam wäre. Hier ist etwas Luft nach oben…)

Die zarte Margit Schulte-Tigges ist eine resolute Mrs. Higgins, unkonventionell und aufgeschlossen. Mit ausgleichender Diplomatie repräsentiert sie während der Ascot Gavotte. Ihren Sohn hält sie für einen Stoffel und unterstützt mit Augenzwinkern Elizas Bestrebungen zur Eigenständigkeit. Contenance in allen Lebenslagen bewahrt Petra Weiteroth als Mrs. Pearce. Liebevoll-streng umsorgt sie Eliza, managt bravourös den Junggesellen-Haushalt und steht der Dienerschaft vor. Ab und zu versüßt ihr das heimliche Techtelmechtel mit Oberst Pickering diese turbulente Aufgabe. Klaus Krückemeyer spielt den Phonetik-Detektiv Zoltan Karpathy als öligen windigen Meisterschüler von Higgins und versucht vergeblich, die Herkunft von Eliza herauszufinden. Zur Erbauung aller lautet – im Hinblick auf ihre gewählte Aussprache – seine Diagnose, sie sei eine ungarische Prinzessin.

Chor und Chorsolisten des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden trägt es nie aus der Kurve, obwohl ihnen eine Menge abverlangt wird. Von Albert Horne gesangs- und spielfreudig einstudiert entsteht temporeiche Unterhaltung. Als Proletenvölkchen, das ausgelassen Blumenmarkt und Straßen bevölkert, als Mitglieder der Gesellschaft beim Pferderennen und als Popcorn-naschende, Wettschein-schwenkende Kleinbürger sowie in Higgins Haus – The Servant’s Chorus -spielen sie sich in die Herzen des Publikums.

Das Premierenpublikum feiert die Ensembleleistung mit herzlichem Applaus

My fair Lady am Hessischen Staatstheater Wiesbaden: die weiteren Termine 2.11.; 11.11.; 16.11.; 17.11.; 24.11.; 30.11.; 5.12.; 7.12.; 9.12.2018 und mehr

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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