Ludwig van Beethoven – Die neun Sinfonien, IOCO CD-Rezension, 22.01.2021

Januar 22, 2021 by  
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Ludwig van Beethoven - an einer Pariser Hausfassade © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven – an einer Pariser Hausfassade © Peter M. Peters

Beethoven Gedenkjahr – Die neun Sinfonien

Vorstellung von zwei Gesamtaufnahmen – Menuet  – DGG

von Albrecht Schneider

Weil das Corona-Virus die Kunst nicht im Mindesten respektiert, musste auch das Beethovenjahr 2020 als Feier des zweihundertfünfzigsten Geburtstages des Komponisten Ludwig van Beethoven sich der weltweiten Diktatur der Pandemie beugen. Infolge des Ausfalls mancher Festlichkeit sollen allerdings, wie zu hören ist, die Gedächtnisfeiern ins Neue Jahr 2021 prolongiert werden. Eine gute Nachricht, auf der die Hoffnung gründet, oben im Olymp, wo die Genies wohnen, würde der große Musiker, ob der defizitären Huldigung nachvollziehbar missmutig geworden, sich letztlich doch hinreichend geehrt fühlen und wieder einigermaßen zufrieden auf die Welt herabschauen.

Nichtsdestotrotz muss bedacht werden, dass es den Ton-Titan neuerlich verdrießlich stimmen könnte, sofern gerade bei unserem mancher Muse huldigendem Kulturportal aus solchem Anlass seiner zu wenig Erwähnung getan würde. Damit es nicht dazu kommt, wollen wir ihm jetzt zumindest ein Lorbeerkränzchen flechten, und zwar ohne jede Imitation jener kundigen, im beethovenschen Oeuvre geradezu bibelfesten Rezensenten. An dieser Stelle wird ohne Anspruch auf neue Erkenntnis oder neue Einschätzung schlicht und absolut subjektiv auf zwei Gesamtaufnahmen seiner Sinfonien, die vor rund sechzig Jahren entstanden sind, aufmerksam gemacht. Vorgestellt werden folgende Sets:

  • 1  –  DGG – Sinfonien 1-9 + Ouvertüren, Orchester der Wiener Staatsoper, Dirigent Hermann Scherchen,  aufgenommen 1951 bis 1958,  7 CD’s + 1 Bonus CD erschienen bei der Deutsche Grammophon, DGG 2021, zur Zeit erhältlich
  • 2 –  Menuet – Sinfonien 1-9 + Ouvertüre zu EGMONT, Royal Philharmonic Orchestra London, Dirigent René Leibowitz, aufgenommen 1961 -1962, 5 CD’s erschienen u.a. beim Label MENUET um 1990, dort zur Zeit vergriffen; aber bei anderen Labels (u.a. Amazon) problemlos erhältlich

Die oben genannten Dirigenten fügen sich nicht recht ein in den Reigen seliger oder noch nicht ganz seliggesprochener Orchesterpäbste. An diesem Habitus mangelt es beiden, gemeinsam ist ihnen indessen die Hingabe an die Musik des Zwanzigsten Jahrhunderts, zentral an die der Zweiten Wiener Schule. (Schönberg, Berg, von Webern). Die Begegnung mit Arnold Schönbergs nicht länger tonartgebundenen Methode der Komposition mit zwölf Tönen und seinen auf dieser Basis beruhenden Arbeiten war für beide Musiker essentiell.

 Deutsche Grammophon / Beethoven - Die neun Symphonien - Hermann Scherchen © DGG

Deutsche Grammophon / Beethoven – Die neun Symphonien – Hermann Scherchen © DGG

Hermann Scherchen, 1891-1966, begann als Bratschist im Orchester, legte bald das Instrument zugunsten des Taktstocks beiseite. Bereits 1912 begleitete er Schönbergs Gastspielreise mit dessen Monodram Pierrot Lunaire und leitete sie ohne ihn zu Ende. Auf den Positionen eines Chefdirigenten, Orchesterleiters und GMD’s dirigierte er vielerorts und lebenslang den ganzen Kanon der im Konzertsaal heimischen Titel, ohne jemals das Amt eines hellhörigen Agenten der Musica Viva, der Werke seiner Zeitgenossen, zu vernachlässigen. Dass er stabil im Schatten hochgerühmter und hochgeredeter Kollegen stand, dürfte ihn kaum bekümmert haben; mit seiner Auffassung von akkurater Arbeit an und für die Musik, mit seinem Standort hinter und nicht vor dem Werk, war eine Platznahme in der Starparade der Pultlöwen aussichtslos. Etwas fabulierend ließe sich von beiden Künstlern sagen, dass die Heilige Cäcilia Gefallen an ihnen Gefallen gefunden haben dürfte, vorausgesetzt, die himmlische Chorleiterin pflegte an ihrer Orgel Kompositionen des 20. Jahrhunderts zu spielen.

Menuet - Beethoven Symphonien mit René Leibowitz © Menuet

Menuet – Beethoven Symphonien mit René Leibowitz © Menuet

Dem älteren Kollegen ähnelte der jüngere René Leibowitz, 1913-1972, was Auftreten und Denken anbelangt, in mancherlei Hinsicht. Aus einer osteuropäischen jüdischen Familie stammend, emigrierte er 1926 nach Paris und machte es zu seiner neuen Heimat. Wenn auch die Nachrichten von ihm allgemein dürftig ausfallen, ist immerhin bekannt, wie eindrucksvoll und wichtig für ihn 1931 die erste Bekanntschaft ebenfalls mit Schönbergs Pierrot Lunaire gewesen sein muss. Demgemäß zielte der Werdegang des Kunsteleven auf das Dasein eines Komponisten, dessen Werkverzeichnis am Lebensende an die hundert Nummern aufwies: Bühnenstücke, Konzerte, Kammermusik. Alle sind sie, den Begriff erfand Leibowitz, der musique serielle, einer Weiterentwicklung der Zwölftonkompositionsmethode, verpflichtet, und nahezu alle blieben sie unaufgeführt und mithin weitestgehend unbekannt.

Auf dem Markt sind zwei CD’s mit dem jüngst verstorbenen Geiger Ivry Gitlis als Protagonisten, die nebst vielem anderen das Violinkonzert des René Leibowitz anbieten. Leider ist es dem Autor bis heute missglückt, ihrer habhaft zu werden.

Während der Deutschen Besetzung von Paris 1940-1944 musste Leibowitz als Jude untertauchen, manche seiner Familienmitglieder ermordeten die Nazis, er entging ihrem Ausrottungsfuror. Wie er nach dem Krieg auf sein Idol Arnold Schönberg traf und aus dem Particell von dessen Kantate op.46 Ein Überlebender aus Warschau die Partitur erstellte, empfand er dieses Monodram als eine eigene Schicksalsbeschreibung. Hinter die Arbeit an Kompositionen hatte die Tätigkeit des Dirigenten stets zurückzutreten, letztere ist auf Tonträgern bloß in kärglicher Zahl dokumentiert. Allein sein Name als großartiger Künstler wird kraft seines Dirigats der Beethovensinfonien die Zeiten überdauern.

Von denen sollen nicht alle neun Beachtung finden, greifen wir drei repräsentative heraus und beginnen mit der:

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 3 Es – Dur – Herrmann Scherchen
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Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op.46  – Eroica

von den zwei Einspielungen von 1951 und 1958 mit dem Orchester der Wiener Staatsoper unter Hermann Scherchens Leitung vorliegen. Der Dirigent hatte die Partitur samt Metronomzahlen genau studiert, und exakt das, was dort gedruckt steht, gemäß seiner eigenen Maxime: >alles hörbar zu machen< mit dem Orchester erarbeitet. Besonders in der jüngeren Aufnahme, deren Ruf unter Musikkäuzen geradezu legendär ist, artikuliert sich eine werkgetreue Wiedergabephilosophie, die seine interpretatorischen Freiheiten niemals beengt. Mit beiden Tuttischlägen zu Beginn und dem von den Streichern angestimmten, im Crescendo zum Fortissimo im 37. Takt hin drängenden Kopfthema wissen offene Ohren, welche Stunde ihnen geschlagen hat. Scherchen liest die Vehemenz aus den Noten und zwingt sie ihnen nicht auf. Heroisch ist zunächst die Kühnheit, mit der er alle Grob- und Feinheiten der Musik dem Orchester entlockt und sie dem Hörer auf den Leib rücken lässt. In seiner Eroica (der Beiname diente damals wohl mit dem Bemühen, das Neue, Unerhörte dieser Sinfonie irgendwie zu etikettieren) galoppieren gleichsam die drei idealistischen Parolen der französischen Revolution durch die Weltgeschichte. Dergleichen Metaphorik hat für die Sprache, die oftmals bei der Beschreibung musikalischer Phänomene versagt, einzustehen! Im Trauermarsch zügeln die Reiter ihre Pferde, gemessen wie im Dressurviereck schreiten sie einher, im Scherzo tänzeln sie, schnauben geräuschvoll und schlagen mit dem Schweif, um im Allegro molto-Presto schließlich furios und in mächtigen Sprüngen zurück in den Stall zu preschen.

Ja, es sei gestanden, Scherchens klare, präzise, gleichwohl hitzige, Flammen schlagende Gestaltung verführt zu derartiger verbaler Posiererei. Nicht viel anders handelte René Leibowitz.

Mit nämlicher Achtung vor den Partiturangaben hat er sich des Werks angenommen, indessen klingen dessen Impetus und Energie gebändigter, die Form droht nicht zu zerspringen, kein Feuer lodert wie beim Kollegen Scherchen. Doch strahlt die Musik, sie glüht und reißt mit. Eine Einspielung, die jener Scherchens nahezu adäquat ist.

Beide Interpreten scheuen keineswegs Emotionen, die sie freilich nicht dazu anstiften, die vier Sätze weiter, als die Partitur vorgibt, heroisch aufzublasen: Ein Heros des Achtzehnten im Anzug eines Helden des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Die klassischen Tempovorschriften, wie Adagio, Andante, Allegro con brio und Presto erweisen sich gleich den Metronomvorschriften auf Beethovens Partituren Bernd Alois Zimmermanns als ein weites Feld, auf dem man um ihre Deutung heftig streitet, also viele Schlachten geschlagen wurden, geschlagen werden, und die auch künftig nicht fehlen dürften. Jenen Vorgaben folgend, modellierten die zwei Maestri die Werke, ohne sich deshalb als gefesselt zu betrachten, und das Resultat ihrer philologischen wie interpretatorischen Verfahrensweise beeindruckt und überzeugt bis heute.

Die 5. Sinfonie c-moll op.67, wohl das Zentralgestirn in Beethovens sinfonischem Kosmos, bleibt trotzdem abwesend. Selbst wenn solche oder ähnliche Äußerungen von ihrer Seite nicht verbürgt sind: sie möchte definitiv eine Zeitlang in Ruhe gelassen werden. Dass ihr diese Ruhe zu gönnen ist, diese Meinung dürfte die Schicksalssinfonieverehrungsgemeinde vorbehaltlos teilen. Wurde doch das wehrlose Stück bis zur Erschöpfung durch Lautsprecher und Konzertsäle getrieben, weshalb ihr eigentlich von einem musikalischmedizinischen Konsortium ein Sanatoriumsaufenthalt an geheimem Ort zwecks Regeneration zu verordnen wäre. Nicht länger würde das Schicksal in den ersten Takten des op.67 DADADA DAA an die Pforte klopfen, vielmehr rechts daneben den Klingelknopf drücken.

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 6 – Rene Leibowitz
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Vielmehr als die von der Macht des Schicksals gezeichnete Fünfte und von heroischem Geist durchwehte Dritte Sinfonie lädt die

Sinfonie Nr. 6 F-Dur op.68  – Pastorale

dazu ein, zu ihrem Beginn die heiteren Empfindungen auf dem Lande mit größerer Gaudi erwachen, zum Schluss den Hirtengesang mit noch fröhlicheren Gefühlen dank des abgezogenen Sturms anstimmen und mittendrin das Gewitter mit mächtigerem Blitz und Donner hereinbrechen zu lassen. Davor sind unbestritten beide Herren gefeit. Die Pastorale unter Scherchen ist ebenfalls mit zwei Aufnahmen vertreten: 1951 und 1958. Von Beethoven selbst stammen jene oben sinngemäß zitierten Charakteristika der fünf Sätze, überdies wünschte er, um nur keine falschen Vorstellungen zu wecken, auf dem Titelblatt neben der Bezeichnung Pastoralsinfonie den Hinweis: „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ gedruckt zu sehen. Außermusikalisches mittels Notenschrift zu schildern lag gewiss nicht in der Absicht des Meisters,  aber ein paar Farbstifte hat er bei der Komposition, wennschon sparsam, benutzt. Im Sog der gelösten Musik mit ihren F-Dur und B-Dur Tonarten mitsamt den 3/4, 6/8 und 12/8 Takten entwirft unser Kopf bisweilen Szenen von gutgelaunten, unbeschwerten Landleuten in schlichtbunter Kleidung, die vor einer unvergiftet grünenden Natur säen, ernten, plaudern, tanzen und sich gelegentlich vor dem Unwetter eine Weile wegducken. Wen betören denn nicht schöne Heileweltbilder, woher immer sie stammen mögen? Um dergleichen zu imaginieren wurde die Pastorale sicherlich ebenso wenig geschrieben, wie weder Scherchen noch Leibowitz sich obigem Programm unterwerfen. Das notierte erst nachträglich, was die Musik ohnehin erzählen will, und was beide Chefs ohne sonderliche Betonung des Bukolischen und Idyllischen die Orchester erzählen lassen. Der ältere der Zwei brauchte 1951 von der Ankunft auf dem Lande bis zum Ende der Hirtenmelodeien knapp vierzig Minuten, indem er 1958 dem Landleben lediglich derer fünfunddreißig einräumte. Bauersleuten wie Instrumentalisten hat er Beine gemacht, was dem Klang gut tut, der sich ob der Rasanz geschmeidiger anhört als jener infolge des gemächlicheren Tempos und der minderen Tonqualität rauere der früheren Aufnahme. Leibowitz wiederum gestattet seiner Pastorale zweiundvierzig Minuten, sein Landvolk walzt nicht ungestüm über den Bretterboden, sondern tanzt taktgenau wie schwungvoll auf dem Rasen und kommt unterdessen kaum ins Schwitzen. Die Dirigenten bürgen für eine hellwache und vitale Wiedergabe einer weitgehend unbeschwerten, zweifellos auch von den Erscheinungen der Natur inspirierten Musik.

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 9 – René Leibowitz
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Beleuchtet wird zu guter Letzt die

Sinfonie Nr.9. c-moll op.125  – Choralsinfonie

Ludwig van Beethoven in Wien © IOCO

Ludwig van Beethoven in Wien © IOCO

die im Katalog seiner Orchesterwerke neben der Missa Solemnis als das prominenteste, wenngleich wegen seiner Kündigung der traditionellen sinfonischen Form wiederkehrend konträr verhandelte Opus Beethovens rangiert. Man ist geneigt zu sagen, dessen erste drei Sätze seien lediglich Stationen auf dem Wege zu dieses Stückes höherem Zweck, nämlich dem Chorfinale. Andererseits scheint das den Freudenhymnus einleitende Bassrezitativ: „O Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen“ die bisherige Musik als gewissermaßen vorläufig in Frage zu stellen. Lassen wir sie offen, über deren Beantwortung mögen sich dazu berufenere Köpfe die eigenen zerbrechen. An dieser Stelle hingegen wird lediglich darüber geredet, wie Scherchen und Leibowitz das nicht bloß ob des komplexen Finalsatzes sinfonische Schwergewicht stemmen.

Das Werk zu dirigieren und dabei dessen Stöhnen unter der Last ästhetischer, ideologischer oder sonstiger Debatten über sein Existenzrecht zu ignorieren, das bringen beide fertig, während sie in den ersten drei Sätze Klarheit und klassische Strenge mit dem Sinnlich-Musikalischen verbinden, deren Aggression und Pathos in Maßen zulassen, aber jederzeit die klassische Form wahren. Das gilt ebenso für die Gestaltung von Satz vier. Insofern wird nicht unbedingt offenbart, inwieweit dem einen, dem anderen oder sogar beiden Beethovens sinfonischer Entwurf (Zukunftsmusik wird Richard Wagner darin entdecken) dem eigenen Verständnis von einem klassisch-traditionellen Sinfoniemodell derart widerstrebt, um die unterschiedliche Konstitution von Choralsatz hier und den drei instrumentalen Brüdern dort als Bruch, sogar als ein das Opus.125 insgesamt denunzierendes Schisma zu empfinden. Genau besehen ist das reichlich unwahrscheinlich im Hinblick auf beider Musiker intensive Beziehung zur „Zukunftsmusik“ der Zweiten Wiener Schule, die historisch-ästhetische Formproblematikdebatten über die Sinfonie schlechthin weniger interessiert haben dürfte.

Hermann Scherchen, der sonst mit „Drive“ zu Werke geht, bewegt sich ungewohnt gemessen durch die drei ersten Sätze, so als wolle er den Einsatz zum gesungenen vierten ein bisschen länger hinausschieben. Von Anfang an jedoch gibt er dem pathossatten, hymnischen, in Musik gebetteten Gedicht des Friedrich Schiller das, was einem derartigen Text gebührt, und das bar aller Exaltation. Leider beeinträchtigt jetzt das eingeschränkte Klangbild der Aufnahme insbesondere den Part der Solisten wie des Chores. Bass und Bässe wirken mulmig und brummig, Sopran und Sopranistinnen klingen bisweilen, salopp gesagt, eine Spur hysterisch, drohen mitunter fast überzuschnappen. (Allerdings sei bloß beiläufig eine Spur gebeckmessert!) Anfangs der Fünfzigerjahre verfügten die Tontechniker halt nicht über die Möglichkeiten, die später der Aufnahme mit René Leibowitz 1962 zugute kamen. Zudem waren und sind die Meister des Remastering nicht ewig Zauberkünstler.

Für Leibowitz ist wohl das Chorfinale die raison d’ être des sinfonischen Dramas in d-moll. Hörbar zielstrebiger denn sein Kollege durchmisst er in angezogenem Tempo und mit Verve den ersten Satz, demonstriert dessen zerklüftetes Terrain mit den Tonsäulen der Bläser und flirrenden Streichern, ihren gemeinsamen Stürzen in die Tiefe und wieder hochsteigenden Skalen. Noch vorwärtsdrängender geht es zu im zweiten Satz mit den heftigen Dialogen zwischen den Instrumentengruppen, alle Aspekte der Partitur werden aufgedeckt auf dem schier unaufhaltsam forschen Marsch zum Freudenhymnus. Doch dann im dritten Satz entspannt sich die Musik, holt Atem, der Dirigent lässt dem B-Dur Adagio der Streicher ebenso alle Ruhe wie dem eingeschobenen, im Dreiertakt schwingenden nächsten Thema. Erst viele Takte danach durchbricht eine Tuttifanfare die harmonische Kontemplation und bereitet auf das Finale vor, dessen Einsatz ein schneidender Bläser- und Paukenakkord markiert. Solisten mitsamt Chor jubeln sich durch die Ode, dass es wirklich eine wahre Freude ist. Mit Contenance beschwört Leibowitz Wucht und Feuer dieses überschäumenden Gesangs, unvorstellbar, davon nicht berührt zu werden.

Gearbeitet hat Scherchen bei seinen Einspielungen ausschließlich mit Chor und Orchester der Wiener Staatsoper. Unter dem Namen wirken bekanntlich die Wiener Philharmoniker im Opernhaus am Ring. Und anderswo ebenfalls. Aus welchen Gründen sie nicht als Philharmoniker bei der Gesamtaufnahme erscheinen, erlaubt Spekulationen. Hat der Dirigent sie zu arg gepiesackt, weil er mit seinem Begehren nach Tempo, Stringenz und Dynamik die Musiker aus der Trägheit der Tradition >so hammers immer gmacht< derart peinigend aufscheuchte, um mittels Verweigerung des glorreichen Titels dem Pultdiktator den Schmerz heimzuzahlen? Dessen Anspruch brachte bei der Eroica 1958 die Wiener Musiker – Frauen wurden seinerzeit bei ihnen nicht geduldet – gelegentlich ins Stolpern, an der Brillanz und Einmaligkeit der Aufnahme indessen ändert sich deswegen nicht das Geringste.

Mit ihnen verglichen ist das Royal Philharmonic Orchestra London ein um Etliches jüngeres Ensemble, 1946 von Sir Thomas Beecham ins Leben gerufen. Seinen Rang, seine Qualität hat es unter Leibowitz perfekt unter Beweis gestellt, wer Ohren hat zu hören, der wird es hören.

Konklusion: Mit der Vorstellung obiger Gesamtaufnahmen von Beethovens Sinfonien soll der Rang der anderen bald dreißig auf dem Markt präsenten Boxen nicht infrage gestellt werden. Die subjektive Auswahl der beiden geschah, da nach des Autors Ansicht deren Meriten hervorzuheben die hierfür Verantwortlichen allemal verdient haben.

—| IOCO CD-Rezension |—

Baden-Baden, Museum Frieder Burda, Schumann Quartett – Beethoven, 25. & 26.07.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

„Doch noch Beethoven“

Schumann Quartett gastiert im Museum Frieder Burda

Samstag 25 Juli 2020 und Sonntag 26. Juli 2020, jeweils 19.30 Uhr
Im Museum Frieder Burda in Kooperation mit dem Hotel Der kleine Prinz

Vom Jagdvergnügen zum philosophischen Manifest: So ließe sich die Entwicklung des klassischen Streichquartetts beschreiben, die das Schumann-Quartett in seinen zwei „En Suite“-Konzerten nachvollziehen wird. Auf dem Programm stehen am Samstag, 25. Juli 2020 zwei Streichquartette von Beethoven und am Sonntag, 26. Juli 2020 jeweils ein Streichquartett von Ludwig van Beethoven und eines von Joseph Haydn. Die Konzerte im Museum Frieder Burda in Kooperation mit dem Hotel Der kleine Prinz beginnen jeweils um 19.30 Uhr.

Festspielhaus Baden-Baden / Schumann-Quartett @ Kaupo-Kikkas

Festspielhaus Baden-Baden /
Schumann-Quartett @ Kaupo-Kikkas

Nachdem das Schumann Quartett im Festspielhaus im Januar das Baden- Badener Publikum begeisterte, stehen seine Konzerte beim „En Suite“-Festival ganz im Zeichen des Jubilars des Musikjahres 2020: Ludwig van Beethoven. Spannend ergänzt wird das exklusiv für Baden-Baden zusammengestellte Beethoven-Programm durch den am Sonntag zu hörenden Beitrag von Joseph Haydn: Haydns Opus 1 Nr. 1 – sein allererstes Quartett und auch das erste Streichquartett überhaupt. Zusammen mit Beethovens erstem Quartett markiert es den Anfang einer ganzen Entwicklung. Beethovens sogenanntes Razumovsky-Quartett und das späte cis-Moll-Quartett des Komponisten stehen für die gesamte Spannweite des Streichquartetts in der Tradition der Wiener Klassik von seinen Anfängen bis zur Überwindung. Am Samstag, dem 25. Juli spielt das Schumann Quartett Beethovens Op. 18 Nr. 3 und das monumentale,  zum Spätwerk zählende Streichquartett Op. 131. Am Sonntag, den 26.Juli folgen dann das erste aller Streichquartett, Haydns Op. 1 Nr. 1 und Beethovens Op. 59. Nr. 1.

Zu den Werken selbst:
Ganz in der Tradition seiner Vorgänger Haydn und Mozart hat Beethoven seine ersten Quartette in einer Sechser-Sammlung herausgegeben. Die sechs Quartette Op. 18 wurden 1801 veröffentlicht. Das dritte Werk der Sammlung entstand dabei als erstes bereits zwischen 1798 und 1799. Es steht in D-Dur und beginnt mit einem lieblichen Thema, dessen sinnliche Septimen und weibliche Anfangskadenzen noch bewusst an die Rokoko-Welt Mozarts erinnern.

Und dann: Seine Neunte Sinfonie, die Missa solemnis und das cis-Moll Quartett – diese drei Werke des Spätwerks Beethovens sprengen alle Maßstäbe. Beethovens cis-Moll-Quartett Op. 131 von 1826 ist gigantisch: Mit seinen sieben ineinander übergehenden Sätzen spreng es alles bis dahin Dagewesene und sollte erst im zwanzigsten Jahrhundert noch übertroffen werden. Der zentrale Satz ist das Adagio, das als Quartett im Quartett angelegt wurde. Die einzelnen Variationen des Satzes ergeben dabei zusammen die vier klassischen Quartettsätze. Hier wird eine Klassizität zitiert, die das Quartett aber als Ganzes überwindet. Seine Fuge im ersten Satz geht auf Bach und Palestrina zurück. Vom ersten Ton an verdeutlicht das Werk eine philosophische Grundhaltung, ein Von-den-letzten-Dingen-Sprechen, das charakteristisch für das gesamte Spätwerk Beethovens ist.

Die späten Quartette Beethovens sind auch deshalb so allumfassend, weil sie die bis dahin übliche Viersätzigkeit erweitern. Den mit seinen fast 400 Takten längsten ersten Satz aller Beethovenquartette findet man jedoch in seinem Op. 59. Nr. 1 – dem ersten der drei Razumovsky-Quartette von 1806, welches Sonntag auf dem Programm steht. Diese Quartette stehen für den von Beethoven so genannten „neuen Weg“. Der Komponist stellte alle musikalischen  Parameter auf den Prüfstand gelegt – im Op. 59 Nr. 1 die Länge. Solche Experimente konnte sich Beethoven auch deshalb leisten, weil er sich von dem russischen Diplomaten Andrei Kirillowitsch Rasumowski finanziell unterstützt wusste, einem großen Bewunderer des Komponisten, der zum Widmungsträger der Quartette Op. 59 wurde. Ihm zu Ehren hat Beethoven in seinen Quartetten Op. 59 russische Volksmelodien verarbeitet, so findet sich im ersten Quartett
eine russische Volksmelodie im Finale.

Würde man das riesige cis-Moll-Quartett mit einem gewaltigen Baum vergleichen, dann gliche Haydns Op.1 Nr. 1 in B-Dur einem Samen. In diesem kleinen fünfsätzigen Werk von 1755 ist schon vieles en-miniature erhalten: etwa der Beginn des langsamen Satzes im Kirchenstil, der an ähnliche Übernahmen in Beethovens Op. 131 denken lässt. Haydns Quartett beginnt mit einem Jagdthema – Mozart und auch noch Brahms werden bewundernd daran anknüpfen.

Festspielhaus Baden-Baden / Schumann-Quartett @ Kaupo-Kikkas

Festspielhaus Baden-Baden /
Schumann-Quartett @ Kaupo-Kikkas

Zu den Künstlern:
Seit ihrer frühesten Kindheit spielen die drei im Rheinland großgewordenen Brüder Mark, Erik und Ken Schumann zusammen. 2012 ist die in Tallinn geborene und in Karlsruhe aufgewachsene Liisa Randalu als Bratschistin dazu gekommen. Die Vier genießen die nonverbale Kommunikation beim Musizieren: Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten treten dabei deutlicher hervor, und gleichzeitig entsteht mit jedem Werk, das sie interpretieren, ein gemeinsamer musikalischer Raum, findet eine geistige Metamorphose statt. Vielleicht sind diese Offenheit und Neugierde die entscheidenden Einflüsse von Lehrern wie Eberhard Feltz, dem Alban Berg Quartett oder Partnern wie Menahem Pressler, Sabine Meyer und Andreas Ottensamer. Ihre Leistung wurde mit dem ersten Preis beim renommierten Streichquartett- Wettbewerb 2013 in Bordeaux und mit einem ersten Preis beim Internationalen Wettbewerb „Schubert und die Musik der Moderne“ 2012 in Graz honoriert.

Ihre Einspielungen sind mehrfach preisgekrönt, so wurde etwa ihr aktuelles  Album „Intermezzo“ mit dem OPUS Klassik 2019 in der Kategorie „Kammermusikeinspielung des Jahres“ ausgezeichnet. Lehrer, musikalische Partner, Preise, Veröffentlichungen – gerne werden Stufen konstruiert um herzuleiten, warum viele das Schumann Quartett heute zu den besten überhaupt zählen. Versuche, ihnen einen Klang, eine Position, eine Spielweise zuzuordnen, hebeln die vier Musiker gleichwohl charmant aus,
lassen allein die Konzerte für sich sprechen.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Berlin, Berliner Dom, Missa Solemnis – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 21.05,2020

Berliner Dom © IOCO

Berliner Dom © IOCO

Junge Philharmonie Berlin

Ludwig van Beethoven – furios im Berliner Dom

 Missa Solemnis – Überwältigende Klangfluten – kurz vor Corona-Aus

von Michael Stange

Mit der Missa solemnis erklang am 7. März 2020 einer der letzten konzertanten Geburtstagsgrüße im Berliner Dom zu Beethovens 250 jährigem Geburtstag. Mit Wucht und Intensität starteten alle Beteiligten ins Beethoven-Jahr.

Beethoven hat mit der Missa solemnis wohl auch sein individuelles Glaubensbekenntnis geschaffen. Kirchenmusikalische Tradition in verschiedenen Formen verquickte er mit eigener Gestaltung, Erfindungskraft und Individualität. So trägt das Autograph die Widmung „Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen“.

Die textlichen Veränderungen der tradierten Vorlage für eine Messe und die zahlreichen musikalischen Novitäten prägen die zukunftsweisende Komposition. Durch Wiederholung des Credo (Ich glaube) vor jedem neuen Bekenntnis, verstärkt er die jeweiligen Rufe. Die Textstelle „de Spiritu Sancto“ wird musikalisch von einer zwitschernd einsetzenden Flöte als Tonbild des Heiligen Geistes begleitet. Viele weitere musikalisch illustrative Figuren wie aufstrebenden Läufe zur Himmelfahrt Jesu, Posaunenklange und Violintremoli im Jüngsten Gericht und vieles mehr kombinieren biblische Ereignissen mit bewegenden, gewaltigen orchestralen Einfällen. Im Sanctus zeichnet die Solo-Violine in hoher Tonlage das Symbol des Heiligen Geistes nach, der in Christus zur Erde hinabsteigt. Dieser an ein Violinkonzert erinnernde Einfall, die feurigen Ausbrüche, der Naturalismus und insbesondere die bedrohliche Militärmusik im Finale haben zu viel Begeisterung aber auch Kritik, Unverständnis und Ablehnung der Komposition geführt.

Wilhelm Furtwänglers Wertschätzung des Werkes ging so weit, dass er es nach seinem vierundvierzigsten Geburtstag nicht mehr dirigierte, weil er es zu großartig für eine Aufführung in dieser Welt befand. Zuzugeben ist Furtwängler, dass die Missa solemnis in Form und Wirkung so herausragend ist, dass sie nur in sehr starken Aufführungen ihre ganze Wirkung entfaltet. Dies war am Konzertabend der Fall.

Mozart Gala – Berliner Staatsoper
youtube Trailer Berliner Staatsoper
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Die musikalische Leitung hatte Julien Salemkour. Einem internationalen Fernsehpublikum wurde er bei der auch durch die Übertragung der Berliner Gala zu Mozarts 250. Geburtstag bekannt. Zehn Minuten vor Beginn des Konzerts sprang er für den kurzfristig indisponierten Daniel Barenboim als Dirigent und Pianist ein. Damals leitete er den ungemein strahlenden Festabend mit immenser Musikalität und einer Präsenz, als ob er stets dafür vorgesehen gewesen war. 

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Julien Salemkour bewies auch in diesem Konzert erneut, sein musikalisches Gespür. Seine Fähigkeit, durch einen architektonisch strukturierten Aufbau einen spannungsgeladenen Klangteppich auszurollen, war Grundlage dieser in jedem Detail fesselnden Darbietung. Gemeinsam mit allen Beteiligten gelang ihm ein fein gesponnenes und glänzend auf das Finale zusteuerndes Konzert.

Dramatik, Fürbitten, Kontraste und symphonischen Elemente fügte er zu einem fulminanten Gesamterlebnis zusammen. Mit immenser klanglicher Einfühlsamkeit und rhythmischer Präzision lotete er die mit dem Ensemble dynamische Raffinessen und Klangentwicklungen aus. Durch Steigerungen des Ausruckes und Veränderungen der Tempi im Verlauf der Sätze wurden Beethovens Dynamik, die große klanglichen Wendungen und die Kulmination zum Schluss eingelöst. Flexibilität von Tempo und Dynamik und die dadurch erreichte Spannung hielten das Publikum stets im Bann.

Die Solovioline im Benedictus spielte Konzertmeister Sebastian Câsleanu sanft, ruhig aber mit pulsierenden Strömen und virtuosem Können. Zurzeit am Staatstheater Nürnberg engagiert und fügte sich mit seinem innig verhaltenen Vortrag organisch in den Gesamtfluss ein. Durch die Schlichtheit und Zartheit des Violinsolos wurde keine Erinnerung an ein auftrumpfendes Violinkonzert wach und die Brüchen und Schockmomente des Agnus Dei noch besser vorbereitet. Grollend die Anlehnungen an Militärmusik, die an Schrecken des Krieges erinnert, während der Chor um Frieden bat. So geriet Salemkours Konzept ungemein suggestiv.

Eine weitere große Leistung war der Zusammenhalt von Orchester, Chor und Solisten, der im akustisch schwierigen Berliner Dom mit seinem langen Nachhall keine Leichtigkeit ist.

Die Junge Philharmonie Berlin besteht aus jungen, erfahrenen und hochtalentierten Musikern. Das Orchester spielte eine fein abgestufte Missa mit prächtigen Farben und von großer Schönheit. Ihm gelangen innige, berührende aber auch lebendig auftrumpfende Momente. Ihre Virtuosität und Spielfreude waren ein wesentlicher Motor dieser überragenden Aufführung. Hört man das Orchester, glaubt man nicht, dass es ein privater Verein ist, der 2013 vom heute überwiegend in Graz tätigen Dirigenten Marcus Merkel gegründet wurde.

Die Herausforderungen des Werkes – insbesondere für den Chor – liegen in der Polyphonie der Chöre, dynamischen Sprüngen in den Chornoten, den häufigen Tempiwechseln und dem Klangrausch des Orchesters. Hier bewährte sich der Ernst Senff Chor unter Steffen Schubert und zeigte, dass er diesem anspruchsvollen Stück vollends gewachsen war.

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Beethovens Idee des Zusammenwirkens von Chor, Orchester und Solisten lässt die Solisten ohne Arien und Soli. Solistische Brillanz müssen sie so in den Ensembles zeigen, was die Klangeinheit stärkt. Unbeschadet dessen sind die Partien ungemein fordernd und verlangen von den Sängerinnen und Sängern große Leistungen und eine immense Ausdruckspalette. Dies meisterte das Solistenquartett bravourös.

Bucharest National Radio Orchestra
youtube Trailer Michael Bergemann
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Barbara Krieger setzte mit ihrem individuellen, samtweich timbrierten und strahlenden Sopran bewegende Akzente. Bei immenser Dynamik gelangen dramatische Ausbrüche neben bestrickend warmen, innigen Tönen. Ihre leuchtende, völlig frei klingende Höhe strömte mit Glut und Schwung in den Saal. Tragfähig, gelöst und frei und erklang die Stimme mit betörende Schönheit in künstlerischer Vollendung unter die Domkuppel. Sicher eine der wandlungsfähigsten Sängerinnen dieser Tage. Fulminant auch, wie sie die Isolde interpretiert.

Anna Lapkowskaja füllte mit warmem, opulentem und strahlendem Mezzosopran die Altpartie aus. Ihr immenser Stimmumfang, der Wohlklang der Stimme und die seelische Emphase, mit der sie in die Partie eintauchte kombinierten betörende Stimmtechnik mit Schönheit und beseelter Meisterschaft.

Stefan Heibach bestach mit perfekt sitzenden Tenor durch baritonalen Klang, eine profunde Mittellage, ein exzellentes Legato und seine geschmeidige Höhe. Seine Stimme machte schon in Schwerin in Rollen wie Gounods Romeo Furore. Erneut ließ er aufhorchen und bewies, wie großartig er sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Eine immense Tenorhoffnung.  Tobias Schabel überzeugte mit profundem, wohltönendem und sonorem Bass.

Ein bewegtes Publikum dankte den Künstlern mit lang anhaltendem Applaus

Im Nachklang hofft man in den Corona Zeiten, dass solche durch ihre Wucht und die künstlerische Intensität packenden Konzerte bald wieder möglich sein werden. Das wunderbare Konzert Missa Solemnis in Berliner Dom kann man hier auf dem folgenden Video nachhören:

Missa Solemnis im Berliner Dom
youtube Trailer Michael Bergemann
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—| IOCO Kritik Junge Philharmonie Berlin |—

Berlin, Sopranistin Barbara Krieger im Gespräch, IOCO Interview, 04.08.2019

August 5, 2019 by  
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Barbara Krieger - Sopranistin © Ildiko Kürty

Barbara Krieger – Sopranistin © Ildiko Kürty

Barbara Krieger

Barbara Krieger – Sopranistin 

im Gespräch mit IOCO / Michael Stange:  Gesang, Interpretation, Freude an der Musik, Organisation von Kulturevents

Barbara Krieger, in Wiesbaden geboren und aufgewachsen, ist eine charmante, leidenschaftliche, kluge und zugewandte Künstlerin. Fulminant bewältigt sie italienisches und deutsches Repertoire mit Rollen wie Leonore (Fidelio) Aida, Amelia (Maskenball) Salome, Arabella und Isolde. Hinzu kommt ein umfangreiches Konzert- und Liedrepertoire. Ferner organisiert sie Konzerte, engagiert sich in karitativen Projekten und ist eine profunde Musikkennerin. Breite Medienaufmerksamkeit errang sie unter anderem durch eine CD-Veröffentlichung von Werken gefallener Komponisten des 1. Weltkrieges. In Liedern des englischen Komponisten Cecil Coles überzeugte sie mit lyrischem Klang und inniger Interpretation. Ein großes Ereignis war im vergangenen Jahr ihre Isolde, in einer konzertanten Aufführung des 2. Aktes in Bukarest mit Marius Vlad und Aura Twarowska unter der Leitung Julien Salemkours; ihre Stimme verströmte in der Rundfunkübertragung  unglaubliche Ruhe und Wärme verströmte. Barbara Krieger nahm die Höhen der Begrüßungsszene mit leuchtendem, strahlendem und voluminösem Klang. In allen dramatischen Momenten ruhte die an sich lyrische Stimme in sich. Klangschönheit paarte sich mit brennender Intensität. Barbara Krieger kehrt auch nach ihren dramatischen Ausflügen selbstverständlich in das Konzertrepertoire zurück. So sang sie im Berliner Dom jüngst eine umjubelte Mozart c-Moll Messe.

Im Gespräch  mit IOCO offenbarte Barbara Krieger  ihre bisherige Karriere und künftige Pläne.

  1. Was waren ihre ersten Berührungspunkte mit Musik in der Kindheit und welche musikalischen Erfahrungen haben Sie als Jugendliche gesammelt?

BK: Mein Vater stammt aus einer sehr musikalischen Familie. Obwohl er kein Berufsmusiker ist, spielt er fünf Instrumente. Als kleines Kind hat er gemeinsam mit mir häufig die Zauberflöte für Kinder unter Karl Böhm gehört. Als ich bei meinem ersten Opernbesuch in der Zauberflöte in Wiesbaden die Arie der Königin der Nacht hörte, bin ich dann peinlicherweise aufgesprungen und habe mitgesungen (ein frühes, peinliches Rollendebüt). Mein Musiklehrer im Gymnasium war auch Kantor in unserer Kantorei. Dort habe ich viel in Messen und Oratorien gesungen, was mir einen Einblick in die Musik der Renaissance bis hin zur Romantik gegeben hat. In der 5. Klasse haben wir die Meistersinger von Nürnberg durchgenommen mit allen Themen und Motiven. Gekrönt wurde das mit einem Opernbesuch und seitdem war mir klar, dass ich Sängerin werden will.

Barbara Krieger - Sopranistin © Chrisian Fritsch

Barbara Krieger – Sopranistin © Chrisian Fritsch

  1. Vor dem Gesangsstudium haben Sie Germanistik, Anglistik und Musikwissenschaften studiert. Welchen Einfluss hatte das für Sie, wie haben Sie das Studium und erste Schritte in den Beruf erlebt und was hat sich im Karriereverlauf geändert?

BK: Natürlich sagen alle Eltern erst einmal, man müsse etwas vernünftiges Lernen. Das habe ich dann auch gemacht. Mir war aber immer klar, dass ich danach Sängerin werden wollte. Beworben hatte ich mich für das Studium in Paris, Wien und Salzburg und bekam auch von überall Zusagen. Nach meinem ersten Studium fühlte ich mich mit meinen 22 Jahren steinalt, so dass ich mich entschied, nach Salzburg zu gehen. Grund war, dass ich davon ausging, dass dort um 7 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt würden und ich mich dadurch auf das Studium konzentrieren könne und nicht von einer Stadt mit ihren mannigfaltigen Angeboten abgelenkt würde. Mein Gesangsprofessor war Bariton KS Rudolf Knoll, ein sehr guter Lehrer. Für die Vorbereitung auf die Praxis waren die stimmliche Ausbildung und die übrigen Komponente wie Darstellung und derartige Fächer eine gute Grundlage.

Gewünscht hätte ich mir rückblickend allerdings einen größeren musiktheoretischen Teil, weil mir das Wissen um Struktur und Musiktheorie die Vorbereitung auf die Musik und die Rollen ungemein erleichtert. Das gilt übrigens nicht nur für Sänger. Mein Sohn, zum Beispiel, hat großes Talent für Musik. In der Schule wurde ihm aber nicht einmal vermittelt, was ein Sonatenhauptsatz ist. Gerade die Grundlagen über Werke klassischer Musik und beispielweise die Kenntnis von Liederzyklen wie Schöne Müllerin oder der Winterreise und den theoretischen Aufbau finde ich nicht nur musikalisch, sondern auch sprachgeschichtlich eminent wichtig. Wenn man als Kind diesen Zugang zu den Wurzeln der klassischen Literatur und Musik nicht bekommt, dann wird es schwierig, sich später mit der sogenannten ernsten Musik zu identifizieren und hinein zu finden. Konzerthörer, die wissen, dass beispielsweise in der Exposition das thematische Material vorgestellt wird, können das Wechselspiel der Haupt- und Seitenthemen viel besser verfolgen. Die Konzerterfahrungen können so anhand bekannter Muster besser miterlebt und intensiver genossen werden. Diese Grundlagen kommen mir im heutigen Lehrplan zu kurz.

Nach dem Studium wollte ich dann in die Welt hinaus. Mir schien sinnvoll, mich bei einem Gesangswettbewerb in Mailand, dem renommierten AS.LI.CO. Gesangswettbewerb der Mailänder Scala, anzumelden. Mir war klar, dass die Konkurrenz im italienischen Fach zu groß war und um mich von den Mitbewerberinnen abzusetzen. Deshalb habe ich mich auf Strauss und Wagner konzentriert und dafür einen Preis erhalten. In Folge dessen wurde ich an die Wiener Staatsoper engagiert, was eine große Erfahrung war, weil ich mit phantastischen Kolleginnen wie zum Beispiel Hildegard Behrens oder Rolando Panerai auf der Bühne stand.

Natürlich passieren jungen Sängern die seltsamsten Dinge. Als ich mit 27 für Aida vorsang, bot man mir Elektra an. Das ist selbstverständlich Selbstmord, weil man bei derartigen Experimenten froh sein, kann, wenn man mit 30 Jahren überhaupt noch sprechen kann.

Eine weitere wichtige Erfahrung schon zu Beginn des Studiums war auch, was schief gehen kann und wie wichtig Umsicht und gute Vorbereitung sind. Im ersten Semester war ich für Mozarts C-Dur Messe engagiert und es fand vor dem Konzert nur eine kurze Probe statt. Dort stellte ich dann fest, dass ich die falsche C-Dur Messe gelernt hatte. Das führte natürlich zu einem jämmerlichen Auftritt. Seitdem bin ich immer übervorbereitet und lege großen Wert auf die Rückversicherung durch beispielsweise Werknummern. Ich glaube auch, dass stimmliche Sicherheit und eine intensive Beschäftigung mit und Vorbereitung auf das Werk Grundlage für eine inwendige Gestaltung sind. Zudem bin ich dadurch weitgehend von Lampenfieber verschont, weil ich vor Auftritten durch die Vertrautheit mit der Rolle nicht unsicher bin.

Heute ist eine extrem gute Vorbereitung für die Karriere noch wichtiger. Die Zeiten, in denen Studium und die Fortentwicklung der Partien noch in den Proben stattfanden, sind nach meinem Eindruck wegen den immer knapperen Finanzmitteln vorbei. Bei meiner ersten Salome begann die Probe damit, dass wir gemeinsam mit dem Regisseur den Text der Oper aus einem lasen und uns dann über 8 Wochen das Werk aneigneten. Heute sind wegen des knappen Budgets viel weniger Proben möglich, so dass Sänger und Orchester extrem perfekt vorbereitet sein müssen.

Mir kommt das entgegen, da ich bei Proben häufig ungeduldig bin aber gerade für junge Kolleginnen und Kollegen wäre eine Unterstützung bei Rollenstudium während der Probenzeiten sehr hilfreich für ihre Entwicklung.

Berliner Dom  / hier sang Barbara Krieger Mozarts c-Moll Messe © IOCO

Berliner Dom / hier sang Barbara Krieger Mozarts c-Moll Messe © IOCO

  1. Sowohl im letzten Berliner Konzert mit Mozarts c-Moll Messe als auch in Ihrer Bukarester Isolde wurden Sie für Ihr silbernes, jugendliches Timbre, ihre solide Tiefe, die runde Mittellage und Ihre sicheren Höhen gelobt. Sie verfügen über eine sehr runde ausgeglichene und in allen Registern ansprechende Stimme, die in ihrer technischen Beherrschung an große Sängerinnen der Vergangenheit erinnert. Wie haben Sie das erreicht, hören Sie z. B. alte Platten, wie entwickeln Sie sich weiter und wie haben Sie zum Beispiel die Isolde studiert?

BK: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Der Gesangscoach! Als etwas erfahrenerer Sänger weiß man sofort, welcher Coach passt und welcher eher nicht. Und das sowohl bei Gesangslehrern, als auch bei Korrepetitoren. Für mich ist das Arbeiten mit Reiner Goldberg perfekt. Nach seiner großen Tenorkarriere ist er heute noch als Lehrer tätig und ist ein begnadeter und liebevoller Pädagoge. Seine technischen Tipps und das Auflockern und Entspannen der Stimme selbst in den kleinsten Pausen und seine übrigen Hinweise haben meine Entwicklung quasi beflügelt. Natürlich lernt man schon früh auf der Atemsäule zu singen und andere technische Grundlagen, aber daran muss man ständig arbeiten und sich fortentwickeln. Deshalb bin ich über die Begegnung mit ihm und seinen Unterricht sehr glücklich. Außerdem verstehen wir uns auch auf menschlicher Ebene sehr gut, lachen viel miteinander und nehmen das Leben nicht zu ernst.

Meine Rollen habe ich immer gut vorbereitet und bin seit den Verwirrungen bei Mozarts C-Dur Messe noch vorsichtiger geworden. Das hat den Vorteil, dass die Rollen tief sitzen und haften bleiben. Salome habe ich länger nicht gesungen, aber als ich vor kurzem in einem Konzert den Schlussgesang sang, war die Rolle sofort wieder präsent. Ich bin lieber übervorbereitet, als etwas dem Zufall zu überlassen und auf der Bühne die Nerven zu verlieren.

Letztes Jahr kam eine Anfrage für eine Isolde in Venezuela. Daraufhin habe ich mich sofort an das Rollenstudium gemacht und mir die Partie in fünf Monaten erarbeitet. Die unglaubliche Vielfalt und Tiefe der Musik hat sich mir beim Rollenstudium noch mehr offenbart und dadurch konnte ich die Rolle in mir fließen lassen. Ich habe mich jeden Tag 2 Stunden gelernt und mit meinem Korrepetitor studiert.

Erst wenn die Partie für mein Empfinden sitzt, höre ich mir zur Abrundung Aufnahmen an. Ansonsten neige ich dazu sowohl Interpretation als such Fehler zu übernehmen. Zur Isolde in Venezuela ist es dann aufgrund politischer Umstände nicht gekommen. So war ich sehr froh über das Angebot aus Bukarest. Der Konzertsaal des Rundfunks ist wie es Rundfunksäle eben sind akustisch sehr trocken aufgebaut und für die Sänger ist es unglaublich schwer sich selbst zu hören, da die Akustikwände den Schall absorbieren. Das war ein tüchtiger Schreck und eine immense Herausforderung für. Mit Ruhe und absoluter Fokussierung auf technische Details ließ sich das aber dann gut bewältigen. In so einer Situation, ist es wichtig, sich stark zu konzentrieren und über die nötige innere Ruhe zu verfügen. Genau dann ist kein Spielraum für Angst und Panik.

Ein wichtiger Punkt ist auch, wenn es im Leben allgemein mal nicht so gut läuft, sich selbst am Schopf zu packen uns seinem Spiegelbild zuzulächeln, Schwierigkeiten optimistisch anzugehen und mit positiver Energie zu meistern. In meinem Freundeskreis habe ich Menschen, die trotz schwerster Schicksalsschläge eine sprühende Energie und Lebensfreude versprühen, die mich staunen macht und die für mich vorbildlich ist.

Diese Paarung von Disziplin, Konzentration, seriösem Studium, Lebensfreude und das Meistern von Lebenskrisen sind für mich sowohl wichtige Komponenten für das Leben als auch für eine erfüllte Gesangslaufbahn.

Barbara Krieger - Sopranistin hier mit José Cura © Chrisian Fritsch

Barbara Krieger – Sopranistin hier mit José Cura © Chrisian Fritsch

  1. Sie sind auch findig im Erschließen von Unbekanntem. Auf CD haben sie Lieder des im 1. Weltkrieg Gefallenen Cecil Coles eingesungen. Entdecken Sie gern musikalische versunkene Schätze und machen Neues?

BK: Ich bin schon immer wissbegierig und neugierig gewesen und hatte vielfältige Interessen. Meine Urgroßmutter, die 101 wurde, hat mir noch von den Zeiten des Kaiserreichs erzählt. Der 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs war mir auch wegen der heutigen politischen Lage wichtig, die große Parallelen zur damaligen Situation in Europa hat.

In Großbritannien und Frankreich wird seinem Ende anders gedacht, als in Deutschland. Für England und Frankreich war der erste Weltkrieg „The Great War“, in Deutschland sind während des zweiten Weltkriegs solch ungeheuerlichen Schrecken passiert, dass die Gräuel des ersten Weltkrieges in unseren Erinnerungen dagegen verblasst sind. England gedenkt der vielen Opfer beider Weltkriege und der umgekommenen Soldaten mit dem Remembrance Day. Als Zeichen dafür wird am 11. November – also dem Tag des Kriegsendes – eine Mohnblume am Revers getragen. Für mich war der hundertste Jahrestag des Beginns des 1. Weltkriegs ein wichtiger Anlass, auch einiger dort umgekommener großer Musiker zu gedenken. Das Besondere bei Cecil Coles ist zudem, dass er zutiefst deutsch sozialisiert war. Ab 1908 studierte er Komposition in Stuttgart, war dort an der Oper tätig und kehrte 1914 nach England zurück, um gegen die Deutschen zu kämpfen; und in diesem Krieg umzukommen. Gerade sein Schicksal zeigt die Sinnlosigkeit und Tragik des Krieges. Manche seiner Kompositionen sind völlig vergessen. Vieles sandte er seinem Lehrer Gustav Holst, der es in seinem Büro in Edinburgh auf seinem Aktenschrank verwahrte. Diese Arbeiten sind dann erst vor wenigen Jahren bei Renovierungsarbeiten des Konservatoriums in Edinburgh gefunden worden. So auch die fünf Lieder nach Gedichten von Paul Verlaine. Julien Salemkour hat das dann orchestriert und die Aufnahmen und die Konzerte waren tolle Erfahrungen. Eine vertiefte Entdeckungsreise zu verlorenen Komponisten ist immer interessant aber auch zeitintensiv. Nicht alles ist verlorengegangen, weil es eben des Weitergebens nicht wert war, sondern auch aus anderen, häufig tragischen Gründen.

Eine andere zeitintensive Beschäftigung mit Musik ist der Liedgesang, der mir sehr viel bedeutet, weil man in dem kleineren Rahmen dem Publikum viel näher ist als auf der Opernbühne. Auch diese absolute transparente Form des Musizierens mag ich sehr.

Geht man aus den üblichen Kulturstätten heraus erschließt sich auch ein neues Publikum.

Viel Spaß hat mir die Wiederentdeckung des Zehlendorfer Primus-Saales gemacht, wo ich einige Jahre Konzerte veranstaltet habe und ich tolle Erfahrungen gesammelt habe.

Barbara Krieger © Martin Lengemann

Barbara Krieger © Martin Lengemann

  1. Sie sind stark engagiert in gemeinnützigen und Kulturprojekten. Zu nennen sind u. a. die Beethoven Aufführungen die Sie ab 2016 mit dem Syrian Expat Philharmonic Orchestra realisiert haben. Ihre Berliner Kammerkonzerte haben Sie ja bereits erwähnt. Was waren das für Erfahrungen und welche Tipps können Sie für derartige Initiativen geben?

BK: Als die Menschen aus dem syrischen Bürgerkrieg flüchteten, war mir klar, dass unter den Geflüchteten natürlich nicht nur Klempner, Schreiner, Ärzte und andere Akademiker waren, sondern auch Musiker. Mit Julien Salemkour entwickelte ich die Idee, sie zu unterstützen und mit dem hiesigen Kulturleben zu vernetzen, d. h. die geflüchteten Musiker beim Abschluss neuer Engagements zu unterstützen, um hier Fuß fassen zu können. Bei vielen ist das gelungen, einige sind sogar Professoren an europäischen Hochschulen geworden. Um die geflüchteten Musiker aufzuspüren, haben wir teilweise mit Hilfe von Musikern des East West Divan Orchesters u. a. über facebook entsprechende Kontakte bekommen und ein Orchester auf die Beine gestellt. Die Idee waren Aufführungen von Beethovens Fidelio und der 9. Sinfonie mit der „Ode an die Freude“, die an Brüderlichkeit beziehungsweise Solidarität gemahnt.

Höhepunkt waren zwei Fidelio Aufführungen im European Solidarity Centre in Gdansk während des Solidarity of Arts Festivals. Polen ist ja nicht gerade dafür berühmt, Flüchtlinge mit offenen Armen aufzunehmen. Mir waren diese Auftritte daher wichtig. Das alles zu organisieren war anstrengend aber es war und ist ein gelungenes, fröhliches Projekt.

Es war eine tolle Stimmung auf der Werft, wo Solidarnosc und auch die Freiheit Polens begonnnen haben. Toll war auch, dass Lech Walesa beim Konzert war.

Der Saal in Zehlendorf ist so, dass er mit Sofabestuhlung Platz für 450 Menschen bietet. Die Besucher konnten während den Konzerten in lockerer Atmosphäre auch etwas trinken. Um selbst so etwas zu veranstalten braucht einen gut mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichbaren Raum. In jedem Fall ist ein starker Werbepartner notwendig, um Publikum anzuziehen. Entscheidend sind Darbietungen von hoher Qualität, damit die Besucher Konzerte und Atmosphäre und genießen und wiederkommen. Dafür bedarf es eines Netzwerks von Künstlern, um ein Programm zu erstellen oder man muss sich vorher entsprechend umtun. Dieses Herzensprojekt musste ich leider aufgeben, da es so viel Zeit in Anspruch genommen hat, dass ich selbst kaum noch zum Musizieren kam.

So etwas selbst zu organisieren ist ein großer Kraftakt, aber auch ungemein erfüllend. Daher kann ich nur jeden dazu ermuntern – besser im Team – so etwas auf die Beine zu stellen.

  1. Was sind Ihre nächsten Pläne und Projekte und welche Erfahrungen haben Sie noch mit und durch die Musik gemacht?

BK: Besonders große Freude bereitet es mir Menschen durch Musik direkt anzusprechen, ihre Emotionen zu wecken. Bei der von Ihnen angesprochenen Mozart c-Moll Messe beispielsweise war es nach dem Verklingen des letzten Akkordes lange Zeit völlig still, bis dann nach einer gefühlten Ewigkeit der Applaus aufbrandete. In diesem Moment der großen Spannung war mir bewusst, dass wir das Publikum erreicht hatten und zwar mitten ins Herz nicht nur oberflächlich. Ich habe durch die Musik international viele Freunde gewonnen, nicht nur im Kollegenkreis, sondern auch beim Publikum. So habe ich zum Beispiel vor Jahren ein Ehepaar aus Bonn kennengelernt, mit dem ich jetzt gut befreundet bin und die mir zu fast jedem Konzert nachreisen. Ich freue mich immer ungemein, wenn ich die beiden im Zuschauerraum sehe und weiß, dass sie den Abend genießen.

Meine nächsten Pläne sind breit gefächert:  Die Isolde in Bukarest war ein großer Erfolg und nächstes Jahr werden wir dort Schönbergs Erwartung machen. Demnächst steht ein Abend mit Grieg Liedern an. Im Sommer, d. h. am 31. August 2019 nehme ich an einem Open-Air-Konzert in Dresden mit René Pape und Peter Seiffert teil. Im Herbst mache in Stuttgart ein Mozart Requiem, in Berlin ein Verdi Requiem, eine Missa Solemnis und bin auch in Verhandlungen für eine Fidelio Leonore im Beethoven Jahr 2020.

—| IOCO Interview |—

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