Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Schwanda der Dudelsackpfeifer – Jaromir Weinberger, IOCO Kritik, 19.06.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Schwanda der Dudelsackpfeifer – Jaromir Weinberger

Robin Hood trifft auf tschechischen Troubadix: Der Räuber Babinsky versteckt im Haus des musikalischen Bauernhelden Schwanda…..

von Ingo Hamacher

Teuflisch gut! Schwanda im MiR Gelsenkirchen: Mit tosendem Applaus in gut besetztem Haus, wurde eine großartige Premiere im MiR bejubelt, die auf allen Ebenen überzeugte.

Die Handlung von Schwanda ist eher unbekannt: Schwanda der Dudelsackpfeifer, verheiratet mit Dorota erhält Besuch von einem gewissen Babinsky, der Schwanda mit seinen Berichten von einem freien, abenteuerlichen Leben Lust macht, sein beschauliches Heim zu verlassen. Als Schwanda von einer melancholischen Königin hört, beschließt er, sie mit dem Spiels seines Dudelsacks zu heilen, und schleicht sich von zu Hause fort.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Piotr Prochera als Schwanda © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Piotr Prochera als Schwanda © Forster

Mit einer fröhlichen Polka befreit er die Königin von ihrer Schwermut – aber als sie ihren Retter heiraten will, erscheint Dorota, Schwandas Frau. Der böse Magier, unter dessen Einfluss sich die Königin bis dahin befand, lässt Schwandas Dudelsack verschwinden und nimmt ihm damit seine Macht. Nun soll Schwanda sogar hingerichtet werden – aber im letzten Augenblick ist Babinsky als Retter da. Als Dorota dem Gatten Vorwürfe wegen seiner Untreue macht, schwört Schwanda – und,  der Teufel soll in holen, wenn es nicht wahr ist! -, dass… und der Teufel holt ihn wirklich.

Schwanda hockt in der Hölle, aber auch hier taucht Babinsky auf. Babinsky gewinnt dem Teufel beim Kartenspiel Schwandas Seele ab und bringt den Dudelsackpfeifer seiner treuen Dorota zurück.

Dass dies heitere und in seinen sinfonischen Passagen ungewöhnlich brillante Musikwerk Schwanda der Dudelsackpfeifer so selten gespielt wird, liegt keinesfalls an einer fehlenden Repertoirefähigkeit des Stückes, wie die aktuell im MiR in  Gelsenkirchen zur Diskussion gestellte Aufführung beweist, sondern ist eher mit der tragischen Biographie des Komponisten verbunden. So wie die Stärke des Textbuches in der ansprechenden Verarbeitung von Volkssagen liegt, zieht auch die Musik ihre größte Wirkungen aus einer glänzenden Verwendung der slawischen Folklore. Weinberger gibt zahlreiche eigene Ideen dazu und zeigt sich in der Verarbeitung als ausgezeichneter Musiker, einfallsreich in Harmonie und Orchestrierung, melodiös in der Führung der Singstimmen.

Jaromir Weinberger, der jüdische Tscheche mit dem deutschen Nachnamen, wurde am 08. Januar 1896 in Prag geboren, studierte in seiner Heimatstadt sowie in Leipzig bei Reger. Schon 1922 wurde er Professor für Komposition in Ithaka, USA, kehrte 1936 nochmals in die Heimat zurück, aus der ihn dann die deutsche Invasion drei Jahre später endgültig vertrieb. Weinberger konnte mit seiner Frau Hansi in die USA fliehen, wogegen seine Mutter und Schwester nach Treblinka deportiert und ermordet wurden. Seine Oper konnte sich zwar noch auf den Spielplänen halten, aber die ihm zustehenden Tantiemen wurden ihm nicht ausbezahlt, so dass Weinberger in den USA mittellos und vergessen lebte. Zwei weitere Opern, Die geliebte Stimme (1931) und Wallenstein (1937) konnten den Erfolg von Schwanda nicht wiederholen. In Nordamerika, wo er sich nach der Auswanderung niederließ, schuf er u.a. eine Lincoln-Sinfonie sowie mehrere Musicals. In der Seele verwundet nahm er sich am 09. August 1967 in St. Petersburg/NY, USA das Leben.

Das Textbuch der zweiaktigen Volksoper Schwanda der Dudelsackpfeifer stammt von dem tschechischen Schriftsteller Milos Kares, der auf Weinbergers Anregung alte slawische Märchen verarbeitet, darunter jenes von edlen Räuber Babinsky und das des Dudelsackpfeifers und Aufschneiders Schwanda aus Strakonitz. Nach der noch mit Zurückhaltung aufgenommenen Uraufführung am 27.April 1927 in Prag (im gleichen Jahr haben Kreneks Jonny spielt auf, Schoecks Penthesilea und Hindemiths Hin und zurück Premiere) geht Schwanda nach der Übersetzung und Veränderungsberatung von Max Brod erfolgreich über 300 Bühnen in der ganzen Welt.

Eine charmante Begrüßungsidee: Auf den geschlossenen Vorhang werden zwei Lehrbuchzeichnungen projiziert. Die Skizze eines Dudelsacks und eines menschlichen Herzens. Neben den erstaunlich ähnlichen Umrissen wird damit auch das Thema des Abends vorgestellt: Musik und die menschliche Seele sind im Grunde eins.

Ort und Zeit: Schwandas Bauernhof im tschechischen Dorf Strakonice, das für seine Dudelsackspieler berühmt und sprichwörtlich war; der Hof der Königin zur Märchenzeit, d.h. zur Zeit des legendären Volkshelden Babinsky. Die Hölle.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Schwanda und Babinsky © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Schwanda und Babinsky © Forster

Erstes Bild: DAHEIM

Der Vorhang hebt sich über einem böhmischen Bauernhausgarten, Teil des Heims von Schwanda, dem lustigen Dudelsackspieler und seiner Frau Dorota. Mit wenigen Elementen farbenprächtig angedeutet, strahlt die Szene vor einem dem den ganzen Abend schwarzen Hintergrund. Ilia Papandreou, die die Partie der Dorota singt, überzeugt mit einem stimmstarken Sopran, den man sich zwar auch lyrischer hätte vorstellen können, der jedoch zur burschikos inszenierten Rolle sehr gut passt.

Zwei Landsknechte erscheinen und fragen die allein anwesenden Dorota, ob sie nicht einen Fremden gesehen habe, den zu verhaften sie ausgeschickt wurden. Als die Frau verneint, eilen sie weiter. Da springt ein Mann aus der Krone eines Baumes auf die Erde nieder und beginnt ein liebenswürdiges galantes Gespräch mit Dorota, die vor Verlegenheit kaum weiß, wie sie ihn behandeln soll. Der Fremde, der sich später als Räuber Babinski vorstellen wird, wird von Uwe Stickert mit glasklarem hohen Tenor gesungen, eine starke Leistung!

Schwanda (Piotr Prochera) Bariton, der sich nach anfänglichen Unsicherheiten im zweiten Teil der Partie vollumfänglich gewachsen zeigt) kommt von seinen Feldern heim, und der Fremde weiß sofort seine Neugierde zu wecken. Er gibt ein Lied über den berühmten Räuber Babinsky zum besten, der vom ganzen Volk mehr geliebt als gefürchtet wird, da er die Reichen plündert, um die Armen zu beschenken. Der Fremde erzählt, daß Babinsky stets, wohin er komme, eine ausgefranste Manschette als Kennzeichen zurücklasse.

Ja, wer solch ein Leben führen könne, frei, in der weiten Welt! Schwandas Wunsch, andere Gegenden und Menschen kennen zu lernen, wird immer größer. Vergebens sucht Dorota ihn mit einer herzlichen Melodie (die zu einem mehrfach wiederkehrenden Motiv des friedlichen Lebens auf dem Bauernhof wird) zurückzuhalten. Als Schwanda auch noch hört, daß eine Königin in Melancholie verfallen sei, aus der sei Dudelsack sie erlösen könne, hat er seinen Entschluss gefaßt. Während Dorota in die Küche geht, um das Mahl zu bereiten, schleichen die beiden Männer davon.

Der Fremde lässt eine zerfranzte Manschette auf dem Tisch zurück. Als Dorota sie findet, zögert sei keinen Augenblick. Sie eilt Schwanda nach, um ihn wieder für sich zu gewinnen.

Zweites Bild: BEI DER EISKÖNIGIN

Das zweite Bild spielt am Hof der Königin (Petra Schmidt, Mezzosopran), die, nachdem sie von einem Zauberer viel Schmuck, aber auch ein Herz aus Eis statt ihres eigenen erhalten hat, melancholisch geworden ist. Dichter Schnee fällt auf eine grausige Szene: Wir sehen ein Schafot, auf dem die Leiche eines enthaupteten Prinzen liegt, der es gewagt hatte um die Hand der Königin zu werben. Erstarrt verharren Königin und Hofstaat in operettenhaften Roben.

Plötzlich hallt der Palast von einer Polka wieder, die den seit langem erstarrten Hofstaat aufweckt. Schwanda tritt mit seinem Dudelsack auf und stellt sich als Retter vor, den die Königin natürlich sofort heiraten will. Schwanda sieht sich bereits als König, doch im Augenblick, da er seiner künftigen Gattin den ersten Kuss geben will, erscheint Dorota. Große Verwirrung am Hof. Die Königin will Dorota töten lassen, doch Schwanda versucht, sie zu schützen.

Beide werden festgenommen, während der Magier (Michael Heine, Bass, mit leichten Intonations- und Artikulationsschwächen) den Dudelsack verschwinden läßt. Sein Triumph scheint nun sicher, die Königin befindet sich neuerlich in seiner Gewalt. Die mächtige Waffe seines Feindes ist in den tiefsten Keller gesperrt. Statt Dorota soll nun Schwanda hingerichtet worden soll. Als letzte Gnade erbittet er seinen Dudelsack. Unverrichteter Dinge kehren die Diener zurück, der Dudelsack ist verschwunden. Die Königin ordnet die Hinrichtung an.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Petra Schmidt als Königin Eisherz, Michael Heine © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Petra Schmidt als Königin Eisherz, Michael Heine © Forster

Der Henker will Schwanda mit dem Beil den Kopf abschlagen, aber ein Lachsturm folgt seinem Versuch: Heimlich wurde von Babinsky das Beil mit einem Besen vertauscht, der Schwanda auch noch sein Instrument bringt. Mit voller Kraft legt der Musikant los, Hof und Volk tanzen in immer wilder werdenden Verrenkungen davon.

Dorota macht ihrem Gatten Vorwürfe über seine Untreue. Babinsky unterstützt sie darin und heizt den Konflikt weiter an, denn er hat schon längst ein Aufge auf die schöne Bäuerin geworfen. Schwanda schwört, er habe die Königin nicht geküßt, na nicht die Hälfte eines Kusses habe er ihr gegeben, nicht ein mal ein Viertel … und wenn es nicht wahr sei, so möge ihn der Teufel holen!

Kaum gesagt, ist Schwanda schon unter Flammen und Rauch im Bühnenboden versunken: der Teufel hat ihn wirklich geholt. Dorota ist untröstlich, und Babinsky, dem edlen Räuber, bleibt nicht anderes übrig, als Schwanda aus der Hölle zu befreien.

Drittes Bild: IN DER HÖLLE

Spontaner Beifall für die Bühne, wenn sich der Vorhang hebt: Pyramidenartig erhebt sich ein bis zur Bühnendecke reichender Turm aus wilden, rotgewandeten teuflischen Höllenknechten, in deren Mitte auf einem Thron der Teufel selbst sitzt. Farbenprächtig und strahlend; ein Augenschmaus!

Der Teufel (Joachim G. Maaß, Bass, stimmlich vereinzelt etwas unsicher aber großartig in seiner Spielfreude) ist mißgelaunt und gelangweilt, weil niemand mit ihm Karten spielen will. Vergeblich sucht er Schwanda dazu zu bringen, mit seinem Dudelsack die düstere Höllenatmosphäre aufzuheitern. Der sehnt sich jedoch nur nach Dorota. Schließlich zaubert der Teufel ihm das Bild der Geliebten vor Augen und verspricht ihm, sie wieder zusammen zu bringen, wenn Schwanda ihm ein Schriftstück unterzeichnet.

Schwanda unterzeichnet es, ohne viel auf den Inhalt zu achten. Damit hat er dem Teufel seine Seele verschrieben, so dass dieser ihn zwingen kann, Dudelsack zu spielen. Als Schwanda sich immer noch weigert, werden die Marterwerkzeuge für ihn bereitet. Da, große Überraschung in der Hölle: der berühmte Räuber Babinsky kommt persönlich zu Besuch! Man bereitet ihm einen würdigen Empfang. Babinsky schlägt dem Teufel eine Kartenpartie vor, begeistert stimmt dieser zu.

Als Einsatz zieht Babinsky Schätze aus seiner Tasche, die er vorher dem Teufel aus dessen Tresor geraubt hat. Was setzt der Teufel gegen diese herrlichen Juwelen? Die Hälfte der Hölle! „Zu wenig“, meint Babinsky und verlangt außerdem noch Schwandas Seele. Satan versucht zu handeln, stimmt aber schließlich ein, da er sich seines Sieges sicher glaubt. Alles scheint auch nach seinem Wunsch zu gehen. Dann jedoch zeigt sich, dass Babinsky noch besser schwindeln kann als der Teufel und dadurch gewinnt. Großer Jammer bricht in der Hölle aus, am meisten weint der Teufel, der nun wirklich ein armer Teufel geworden ist. Zum Trost schenkt Babinsky dem besiegten Gegner alles, was er ihm abgewann, mit Ausnahme der Seele Schwandas.

Schwanda beginnt überglücklich auf seinem Dudelsack zu spielen, und die ganze Hölle tanzt. Der Räuber nimmt rührenden Abschied von seinem neuen Freund, dem Teufel, und bald ist er mit Schwanda wieder auf der Erde angelangt

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Piotr Prochera als Schwanda, Joachim G. Maaß als Teufel, Tobias Glagau als des Teufels Famulus, Jiyuan Qiu als Höllenhauptmann © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Piotr Prochera als Schwanda, Joachim G. Maaß als Teufel, Tobias Glagau als des Teufels Famulus, Jiyuan Qiu als Höllenhauptmann © Forster

Viertes Bild: DAHEIM

Vergeblich versucht Babinsky noch einmal Schwanda zu weiteren Abenteuern in der Welt zu verführen. Schwanda will nur noch nach Hause zu seiner Dorota.

Der stimmgewaltige, von Alexander Eberle ausgezeichnet geführte Chor betritt in Alltagskleidung die Bühne und singt zusammen mit Schwanda und Dorota das Heimatlob: „Auf unserem Hofe daheim hört man die Gänse schrein…“, während im Hintergrund Stadtansichten von Gelsenkirchen bühnenfüllend eingeblendet werden. Große Begeisterung; tosender Applaus. Lobenswert: Obwohl auf Deutsch gesungen wird, wird auf eine Übertitelung nicht verzichtet, was das Text- und Handlungsverständnis nachhaltig unterstützt.

In den kleineren Rollen: Jiyuan Qiu und John Lim,  Opern und Extrachor und Statisterie des MiR. Es spielt die Neue Philharmonie Westfalen unter der wunderbaren Leitung von Giuliano Betta, der mit großer Leidenschaft gerade in den ausgiebigen orchestralen Teilen jede Feinheit der Partitur auslotet. Inszenierung und Bühne: Michiel Dijkema, Kostüme: Jula Reindell, Licht: Thomas Ratzinger, Choreografie: Denis Untila,  Dramaturgie: Anna Chernomordik

Schwanda der Dudelsackpfeifer  im MiR, weitere Vorstellungen am 22.6.; 27.6.; 5.7.; 7.7.2019

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Leipzig, Oper Leipzig, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 02.04.2019

April 1, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

Auf den Spuren von Heines „Memoiren des Herrn von Schnabelewopski“

von Thomas Thielemann

Einer Vielzahl der Leipziger Opernfreunde dürfte noch das Debakel der Holländer- Inszenierung im Jahre 2008 des damals 29-jährigen Michael von zur Mühlen im Gedächtnis sein. Nach den Tumulten in und den verheerenden Reaktionen nach der Premiere vom 11. Oktober 2008 konnte sich die Leitung des Hauses nur in eine „Rücksetzung der Inszenierung auf den Stand der Generalprobe“ retten, um den Aufwand der Vorbereitungsarbeiten zu rechtfertigen.

Die Diskussionen um eine Verletzung der Urheberrechte erübrigten sich, weil von zur Mühlen seiner vorgestellten Arbeit ohne Absprache zur Premiere verstörende subtile Video-Einblendungen zugefügt hatte. Blieben die „Verletzungen seiner künstlerischen Freiheit“, die aber gegen die Schadensersatzansprüche des Hauses wegen der geplatzten zweiten Aufführung und der Umbesetzung der Titelpartie aufgewogen werden konnten.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer 2019 © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer 2019 © Tom Schulze

Angenehmere Erinnerungen an Leipziger Holländer-Produktionen reichen vor allem auf das Jahr 1964 zurück, als Joachim Herz mit dem Leipziger Ensemble eine gelungene Opern-Verfilmung vorlegte. Damals nahezu revolutionär, hatte sich der Felsenstein-Jünger von Wagners Grundgedanken des Zusammenstoßes von Menschenwelt und Geisterwelt gelöst und seiner Interpretation eine realistische Idee hinterlegt. Senta durfte dem im Nebel verschwindenden Geisterschiff hinterher blicken. Um Richard Wagners für Leipzig unverzichtbare romantische Oper Der fliegende Holländer wieder würdig im Spielplan implantieren zu können, hatte man den holländischen Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema für diese Neuinszenierung gewonnen. Er hat an der Oper Leipzig schon mehrfach gearbeitet; 2013 lieferte er im Hessischen Staatstheater Wiesbaden eine hochgelobte Holländer – Inszenierung ab. Für die Oper Leipzig gestaltetete er nun seinen Holländer an der Oper Leipzig; die elfte Inszenierung in Leipzig seit ihrer Uraufführung in Dresden 1843.

Vor jedem Besuch von Konzert- und Opernaufführungen beschäftige ich mich mit den Hintergründen der Werke. So war vor der Leipziger Neuinszenierung des Holländers der Griff in den zweiten Band der Heinrich-Heine-Gesamtausgabe das Naheliegende: denn im Kapitel VII des Romanfragments Memoiren des Herrn von Schnabelewopski  findet sich, wenn man von einer erotischen Abweichung absieht, das komplette Vorbild für Wagners Libretto.

Der fliegende Holländer – Richard Wagner
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Deshalb war ich auch nicht überrascht, als während Ulf Schirmer mit der Gewandhauskapelle die Ouvertüre der Oper intonierte auf der Bühne eine Zitatenreihe aus dem Heine-Fragment auf eine Bildwand projiziert wurde, die sich ausgerechnet auf das erotische Abenteuer des Herrn von Schabelewopski bezogen. Die Annäherung an Heines Beschreibung einer Theateraufführung im Amsterdam des Jahres 1831 behielt dann die Regie über den Abend konsequent bei, wenn man von einigen Anleihen an die Erzählungen der Großmuhme des Protagonisten absieht.

Somit war logischerweise für den zum Teil aufwendigen Bühnenaufbau von Michiel Dijkema und die opulenten Kostüme von Jula Reindell der historische Zeitbezug vorgegeben. So spielte der erste Akt auf dem Ufer, an dem nicht nur die Schiffe gestrandet, sondern auch verendete Wale angespült waren. Ein Kunstgriff der Regie hatte eines der Wal-Kadaver zum Schatz-Lager des Holländers gemacht, aufgelockert durch Kupferstiche vom Zuschauerraum eines zeitgenössischen Theaters.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Die konsequente Orientierung an Zeit und Ort ermöglichte auch eine schlüssige Gestaltung des Zweiten Aktes, denn das holländische Leiden war zu dieser Zeit ein Zentrum der europäischen Textilindustrie, so dass Dijkema die Spinnstuben –Szene in eine Werkhalle einer Spinnerei verorten konnte. Oben rotierten die Spinnrocken und der mit Wolle be- und verarbeitender singender Mädchenchor verhinderte die in anderen Holländer-Inszenierungen oft peinlichen Notlösungen der Montage von Tischlüftern, der Umgestaltung zum Kreißsaal oder der Formierung einer Fußboden-Wischerinnengruppe.
Die bei den meisten Holländer-Inszenierungen gestrichenen Akt-Schlüsse hatte der Regisseur be-wusst beibehalten, so dass es nach dem zweiten Akt zu einer Pause kam. Eine eigentlich problematische Entscheidung, die vor allem der Hausgastronomie zu Gute gekommen war.

Auch akzeptierte Michiel Dijkema für seine Arbeit die für uns heute schwer vorstellbare Gepflogenheit, dass die Väter im Norwegen der früheren Zeiten die Töchter nach dem Umfang der gebotenen Mitgift dem Höchstbietenden verheirateten und die Mädchen das auch akzeptierten. Nachdem Senta und der Holländer aus einem gemeinsamen Lager aufgestanden und Erik seinen letzten Versuch, Senta zurück zu gewinnen abgebrochen hatte, schien die Bühnenhandlung mit der vergeblichen Einbeziehung der Holländermannschaft in das Dorfleben abzuflachen. Aus der Verspottung der „untoten Matrosen“ entwickelte sich ob deren Wut eine spontane Bewegung ihres Schiffes. Auf der Bühne erschien das massiv aus Holz und Stahl erbaute Holländerschiff mit seinen blutroten Segeln. Ein Monstrum von 20 Metern Länge, sechs Meter Breite und 12 Metern Höhe schob sich über den Bühnenrand mit seiner Galion-Spitze bis über den Zuschauerbereich der siebten Reihe und schwenkte über die Köpfe der begeisterten Besucher.

Blieben nur noch die Zweifel des Holländers an Sentas Treue und ihr Treuebeweis: Senta fuhr in den Himmel und ihre Leiche fand sich auf dem Bühnenboden. Allerdings ließ die musikalische Ausführung einige Wünsche offen. Senta wurde von Christiane Libor mit farbenreicher, forcierter Stimme und einfühlsamen Tongebung gesungen. Besonders mit der Ballade erreicht sie eine phantastische Wirkung, wenn sie von Strophe zu Strophe an Intensität zulegte. Frau Libor war die den Abend bestimmende Sängerin. Auch mit ihrer Darstellung zeigte sie ihre hervorragende Bühnenpräsenz.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer - hier : Senta und die Spinnerinnen © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer – hier : Senta und die Spinnerinnen © Tom Schulze

Iain Paterson singt mit wohltemperierter etwas nasaler Stimme einen teilweise wohlklingenden Holländer mit guter Ausdrucksweise und Textverständlichkeit. Plastisch gestaltet er den großen Monolog „Die Frist ist um“ und den Beginn des Duetts „Wie aus der Ferne längst vergangener Zeit“. Einen kernigen überzeugenden Daland mit überzeugenden musikalischen Momenten bringt mit körperbetontem Bass Randall Jakobsh auf die Bühne. Für den satten Mezzosopran der Karin Lovelius als die Vorarbeiterin Mary sind in der Partitur leider nur wenige Möglichkeiten vorgesehen. Von ihr hätten wir gern noch mehr gehört. Selbstbewusster als in vielen anderen Inszenierungen beeindruckte der Erik, von Ladislav Elgr, der mit furchtlosem Gesang gefiel.

Für das Lied des Steuermannes bietet Dan Karlström eine helle lyrische Stimme, aber ohne rechte Wirkung. Damit blieb eigentlich einer der Ohrwürmer der Oper auf der Strecke.

Mit Ulf Schirmer stand ein profilierter Wagner-Dirigent vor den kraftvoll aufspielenden Musikern des Gewandhausorchesters, der weitestgehend auf eine transparente Sängerbegleitung achtete, aber auch die Partitur mit wechselvollen Farben füllte. Eins greift ins andere und beweist, dass es Schirmer gelungen ist, das Orchester der Heimatstadt des Komponisten wieder zu einem sehr guten Wagner-Klangkörper zu erziehen. Der fabelhafte Chor, die Sängerdarsteller sowie das Gewandhausorchester und vor allem die Ausstattung könnten dafür sorgen, dass die Oper Leipzig mit der seit 1862 elften Inszenierung des Fliegenden Holländers ein weiteres Zugpferd im Spielplan erhält.

Der fliegende Holländer an der Oper Leipzig; die Folgevorstellungen: 22. April; 12., 17., 30. Mai; 10. Juni; 17. Oktober; 2. Und 24. November 2019

—| IOCO Kritik Oper Leipzig |—

Leipzig, Oper Leipzig, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, 30.03.2019

März 27, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

 Der fliegende Holländer – Richard Wagner

– Hisst die Segel auf! –

Premiere Freitag, 30. März 2019, 19 Uhr

»Traft ihr das Schiff im Meer an, blutrot die Segel, schwarz der Mast?« – Die Neuinszenierung von Richard Wagners Der fliegende Holländer feiert am 30. März 2019 an der Oper Leipzig Premiere. Sie markiert einen weiteren Meilenstein in Vorbereitung auf die Opernfesttage Wagner 22 der Musikstadt Leipzig im Sommer 2022. Die Oper verfolgt unter der Leitung von Intendant und Generalmusikdirektor Prof. Ulf Schirmer das ehrgeizige Ziel, bis dahin alle Opern Richard Wagners – inklusive seiner Frühwerke – im Repertoire zu führen und sie im Juni/Juli desselbigen Jahres in der Reihenfolge ihrer Entstehung innerhalb von dreieinhalb Wochen zur Aufführung zu bringen.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Zahlreiche Legenden ranken sich um die Gestalt des bleichen Seemanns: Bis in alle Ewigkeit ist der fliegende Holländer – gesungen von Iain Paterson, der in der vergangenen Saison u.a. als Wotan im Leipziger »Ring« auf der Bühne stand –  dazu verdammt, auf seinem Geisterschiff die Weltmeere zu durchsegeln, ohne Rast, ohne Ziel. Nur einmal alle sieben Jahre darf er an Land, um dort Erlösung zu suchen: in einem »Weib, das bis in den Tod getreu ihm auf Erden«. Die Kapitänstochter Senta – interpretiert von Christiane Libor, gefeierte Wagner-Interpretin und häufiger Gast der Oper Leipzig – glaubt sich auserkoren, diesen Fluch zu brechen. Als ihr Vater Daland (Randall Jakobsh) mit einem geheimnisvollen Fremden an seiner Seite von See zurückkehrt, erkennt sie sofort den Verdammten aus jener düsteren Seemannsballade, die ihr schon die Amme Mary (Karin Lovelius) vorsang, und bricht auch die letzten Brücken zum vorgezeichneten Leben mit ihrem Verehrer Erik (Ladislav Elgr) ab.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Mit dem Einbruch des Übersinnlichen und der dämonischen Naturgewalten in die Realität knüpfte Richard Wagner in seinem 1843 uraufgeführten Der fliegende Holländer an die Tradition der schauerromantischen Oper an und beschritt mit dem Erlösungsmotiv einen Weg, der für seine folgenden Musikdramen bestimmend werden sollte. Das stürmische Wogen des Meeres, wilde Seemannschöre und die zentrale Ballade Sentas verdichtet Wagner zu einem atmosphärischen Thriller, der vom ersten Ton an in Bann zieht. Regisseur Michiel Dijkema, der bereits mit seinen bewegenden Arbeiten an Tosca, Faust und Rusalka das Leipziger Publikum begeisterte, erzählt in seiner Inszenierung der romantischen Oper von zwei Außenstehenden, von der Suche nach Heimat, aber auch von der drängenden Sehnsucht nach dem Anderen, die selbst den Tod nicht scheut. Wagner wurde in Heinrich Heines Memoiren des Herren von Schnabelewopski zum ersten Mal 1837/38 auf die Sage vom »Fiegenden Holländer aufmerksam. Dijkema integriert Auszüge dieses Werks in seine Regie und erzählt seinen Holländer als ausstattungsgewaltige Geschichte in einem imposanten Bühnenbild, das sichtbar vor dem offenen Bühnenhintergrund installiert ist. Die Kostüme, die sowohl Entstehungszeit der Oper widerspiegeln, als auch der Geisterwelt eindrucksvoll Kontur verleihen, stammen von Jula Reindell. Am Pult des Gewandhausorchesters steht Intendant und Generalmusikdirektor Prof. Ulf Schirmer.

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze

Oper Leipzig / Der fliegende Holländer © Tom Schulze


Premiere: Freitag, 30. März 2019, 19 Uhr,  weitere Aufführungen: 22. April / 12., 17. & 30. Mai / 10. Juni 2019 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

Richard Wagner – Der fliegende Holländer
Romantische Oper in drei Aufzügen | Text vom Komponisten | In deutscher Sprache mit Übertiteln

Leitung:   Musikalische Leitung Ulf Schirmer, Inszenierung, Bühne Michiel Dijkema, Kostüme Jula Reindell, Licht Michael Fischer, Choreinstudierung Thomas Eitler-de Lint, Dramaturgie Elisabeth Kühne

Besetzung:  Senta Christiane Libor | Der Holländer Iain Paterson | Mary Karin Lovelius | Daland Randall Jakobsh | Erik Ladislav Elgr | Der Steuermann Dan Karlström

Chor der Oper Leipzig | Zusatzchor | Gewandhausorchester | Komparserie

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Koblenz, Theater Koblenz, Faust – Oper von Louis Spohr, IOCO Kritik, 29.01.2019

Januar 29, 2019 by  
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Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

Theater Koblenz © Matthias Baus für das Theater Koblenz

FAUST  –  Romantische Oper von Louis Spohr

– Röschen gibt sich Faust hin – Kunigunde wartet auf ihre Rettung –

von Ingo Hamacher

Mit großer Liebe und Aufmerksamkeit für das kleinste Detail hat das Theater Koblenz einen wunderschönen FAUST des eher unbekannten Komponisten Louis Spohr auf die Bühne gebracht und damit ein äußerst lobenswertes Ergebnis erzielt.

Der 1784 geborene Louis Spohr zählte zu den bedeutendsten deutschen Komponisten und gefragtesten Geigenvirtuosen seiner Zeit. Nach seinem Tod 1859 geriet er rasch in Vergessenheit. Bekannt ist Spohr nur noch für sein Nonett für Streicher und Bläser op. 31 – das zum Standartrepertoire gehört. Seine zahlreichen weiteren Kompositionen hingegen, darunter 18 Violinkonzerte, zehn Sinfonien und zehn Opern, werden nur noch selten aufgeführt.

Als Spohr seinen Faust komponierte, war Goethes Faust I zwar schon erschienen, jedoch orientierte sich sein Librettist nicht an diesem Text, sondern an den sehr viel älteren Volkserzählungen zu diesem Stoff, so dass wir einen so ganz anderen Faust erleben, als wir ihn durch Goethe vor Augen haben. Kein alter Mann; kein ungelebtes Leben; kein Weisheitsstreben. Faust hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, und scheint selbst nicht zu wissen wozu. Sinnenlust und Völlerei, die Mephistopheles ihm anbietet, befriedigt ihn jedenfalls nicht.

Es scheint eher die von Mephisto ausgesprochene Kränkung als „Erdenwurm“ zu sein, die ihm die Richtung seines zukünftigen Handelns vorgibt: „Es soll mir Wonne schaffen, Euch zu schlagen mit den Waffen, die mir bietet Eure Macht!

Mit diesen Worten zieht er in einen Kampf gegen den Teufel, den er natürlich am Ende nur verlieren kann. Faust will der Hölle ein Schnippchen schlagen, in dem er die diabolische Macht seines federhütigen Dieners dazu einsetzt, möglichst viel Gutes in der Welt zu bewirken und Mephisto damit eine lange Nase zu drehen. Und zu erledigen hat er eine Menge: Da müssen die Armen beschenkt werden. Da ist noch Röschen zu trösten, die sich nach dem Tod ihrer Mutter ganz Faust hingegeben hat. (Später erfahren wir, dass Faust am Tod der Mutter nicht ganz unschuldig ist.) Und schließlich harrt da auch noch die von einem Ritter namens Gulf geraubte Kunigunde der Rettung, die befreit und ihrem versprochenen Hugo zugeführt werden muss.

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr - Hier : Hana Lee als Kunigunde, Nico Wouterse als Mephisto, Christoph Plessers als Faus © Matthias Baus / Theater Koblenz

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr – Hier : Hana Lee als Kunigunde, Nico Wouterse als Mephisto, Christoph Plessers als Faus © Matthias Baus / Theater Koblenz

Wie in romantischen Singspielen üblich, wird aber erst einmal gesellig Platz genommen und ein herziges Trinklied gesungen: „Der Wein erfreut des Menschen Herz“. Das kennt man aus dem Wunschkonzert… Als weitere Komplikation kommt der Goldschmied Franz dazu, der ebenfalls ein Auge auf Röschen geworfen und Fausts durchtriebenes Spiel durchschaut hat: Mit seinen Getreuen stürzt er heran, um Röschen zu befreien.

Faust hat inzwischen seinen eigentlichen Lebenszweck gefunden: Die Liebe und die Ehe mit Röschen! Dumm nur, dass ihm sein Teufelspakt jede Ehe verbietet. „Zerissen sei der schnöde Bund!“, mit diesen Worten löst er die mit Mephisto getroffene Vereinbarung auf, was dieser überraschenderweise auch sofort anzunehmen bereit ist.

Nur hat Faust eben jetzt auch keinerlei übernatürliche Macht mehr, und draußen tobt das Volk heran, den Muttermörder zur Verantwortung zu ziehen. Der Pakt wird also schnell erneuert: „Ich schwör‘ es bei der Hölle ew‘gen Qualen“, und so gelingt die Flucht durch den Schornstein. („Lichter, verlöscht! Mantel, breite dich aus! Haltet euch fest! Oben fahren wir ’naus!“) Die in Gulfs Burg gefangene Kunigunde beweint ihr Schicksal, kann jedoch aus der Gewissheit ihrer treuen Liebe zu Hugo neue Kraft schöpfen.

Den nahenden Gulf, der ihr Freiheit gegen Liebe bietet, weist sie standhaft zurück. Doch Hugo ist nicht fern! Mit seinen Mannen liedertafelt er sich mit „Die Rettung naht, die Rache wacht!“ schon mal in Stimmung. In Begleitung von Faust, der sich seiner Zauberkräfte bedient, gelingt es ihm, Gulf zu überwinden und ihn den Teufeln der Hölle auszuliefern. Kunigunde ist gerettet und erlebt „namenloses Glück“. Fidelio hatte 8 Jahre vorher bei seiner Befreiung noch „namenlose Freude“ empfunden.

Zweiter Akt

Auf dem Blocksberg tanzen die Hexen. Mephisto führt Faust zur Hexe Sycorax, die ihn mit einem Zaubertrank versorgt, der ihn bei den Frauen unwiderstehlich macht. Faust hat einen erneuten Sinneswandel durchlaufen und schreckt vor nichts zurück, um Kunigunde für sich zu gewinnen. Auf Kunigundes Hochzeit mit Hugo treffen alle wieder aufeinander. Röschen, von Franz begleitet, begegnet auf der Suche nach Faust ihre alten Nachbarn.

Gemeinsam sehen sie den Trauungszug von Hugo und Kunigunde, der auch von Faust beobachtet wird. Beim Zusammentreffen schwankt Faust kurz zwischen beiden Geliebten; entscheidet sich dann jedoch für die gerade erst vermählte Kunigunde, die sich dann aufgrund Fausts Zaubertrank auch sofort willenlos in ihn verliebt. Röschen ist schockiert. Hugo fordert zum Duell, dass er natürlich gegen den mit teuflischer Macht ausgestatteten Faust tödlich verliert.

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr - Hier : Christoph Plessers, Sieglinde Karges_Eva Krumme, Nico Wouterse, Ulrike Scholz, Christiane Thomas © Matthias Baus / Theater Koblenz

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr – Hier : Christoph Plessers, Sieglinde Karges_Eva Krumme, Nico Wouterse, Ulrike Scholz, Christiane Thomas © Matthias Baus / Theater Koblenz

Dritter Akt

Mephistopheles, dem Erdenleben überdrüssig, sehnt sich in die Hölle zurück, in die er Faust als Beute mitnehmen will. Dank der Kraft der Hexen ist es Faust gelungen, die Braut des erschlagenen Hugos in der Hochzeitsnacht in sein Bett zu bekommen. Statt Liebesglück musste er jedoch Albtraum-artige Höllenqualen erleiden. Erneut will er den Teufelspakt durchbrechen; Röschen als reines Opfer scheint ihm da als Mittel gerade Recht, für seine Taten einzustehen.

Die vom Liebesbann befreite Kunigunde schwört Rache! Verzweifelt geht Röschen ins Wasser. Sich vor den Konsequenzen seines Handelns fürchtend verweist Faust auf seine guten Taten; wird jedoch vom Teufel an seine „Morde, Gräu‘l und Freveltaten“ erinnert.

Dem Chor der Geister gehören die letzten Worte:

„Die Zeit ist verronnen, dein Maß ist voll!
Der Hölle bezahlst du den Sündenzoll!
Im sausenden Reigen, wirbelnd voran,
Schaffen wir Bahn.
Hölle, frohlocke, wir nahen, wir nah‘n!“

Musikalisch ist die Oper oft triviales Singspiel, klingt jedoch über weite Strecken auch nach Mozart. So hören wir einerseits starke Anklänge an den Steinernen Gast des Don Giovanni, als auch sehr viel Zauberflöte. Nicht nur im Libretto, sondern auch in der Musik begegnet uns manches wieder, was uns an den 14 Jahre älteren Beethoven erinnert. Trotzdem ist die Oper musikalisch interessant, weil Spohr hier bereits ausgeklügelte Leitmotivtechniken, die von Richard Wagner dann weiter verfeinert wurden, verwendet.

Eine rasche Sechzehntelfigur z.B. charakterisiert Faust, sein unstetes, vorwärts strebendes Wesen. Das „Höllenmotiv“ wird gekennzeichnet durch die chromatische Umspielung des Molldreiklanges.

Spohr geht im Faust über die schlichte Verwendung und Wiederkehr von thematischem Material hinaus und leuchtet Motive in unterschiedlichen harmonischen Zusammenhängen aus. Die Uraufführung wurde denn auch von niemand geringerem als Carl Maria von Weber geleitet, der sich später in seinem Freischütz ausdrücklich auf die dramatischen Passagen der Oper Faust von Spohr beruft. Lobend schreibt er zur Prager Uraufführung 1816: „Glücklich und richtig berechnet gehen einige Melodien wie leise Fäden durch das Ganze und halten es geistig zusammen.“

Über ein halbes Jahrhundert konnte sich Faust auf der Bühne behaupten, verschwand jedoch danach rasch aus dem Repertoire. Dennoch bleibt das Werk ein Meilenstein in der Geschichte des Musiktheaters und gilt, neben E.T.A. Hoffmanns Undine und Carl Maria von Webers Freischütz, als erste deutsche romantische Oper.

Die Koblenzer Inszenierung nimmt  mit

Inszenierung und Bühne: Michiel Dijkema, Kostüme: Alexandra Pitz, Dramaturgie: Rüdiger Schillig

Sie beschränkt sich darauf, eine schöne Inszenierung zu zeigen, wie sie auch vor fast 200 Jahren hätte aussehen können. Vor nachtschwarzem Rundhorizont mit angedeuteten Wolken wird auf leerer Einheitsbühne mit nur wenigen Möbeln und Gegenständen der jeweilige Handlungsort der häufig wechselnden Szenen angedeutet. In erfrischender Schlichtheit wird das Stück zur Diskussion gestellt; die wunderschönen Kostüme bilden das mittelalterliche Handlungsgeschehen entsprechend ab.

Die bonbonfarbenen Gewänder unterstreichen das Märchenhafte der Handlung: Faust ist von Kopf bis Fuß rot, Mephisto grün. Röschen hell- und Franz dunkelblau. Kunigunde gelb (zur Hochzeit weis wie Hugo), Gulf schwarz und die Hexen lila (mit jeweils 12 Brüsten). Und ein über 40 Köpfe zählender Chor trägt dunkle Gewänder und schreckerregende Teufelsmasken.

Da es sich um eine deutschsprachige Oper handelt, wurde auf eine Übertitelung des Textes verzichtet. Die Sänger orientierten sich jedoch leider eher an der Melodielinie als an der Artikulation, so dass der Text über weite Passagen nicht zu verstehen war. Glücklicherweise wurde im Programmheft das vollständige Libretto abgedruckt, so dass man sich wenigstens im Nachgang einzelne Handlungszusammenhänge erschließen kann.

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr - Hier : Sebastian Haake, Peter Rembold, Christoph Plessers, Marco Kilian, Junho Lee © Matthias Baus / Theater Koblenz

Theater Koblenz / Faust von Louis Spohr – Hier : Sebastian Haake, Peter Rembold, Christoph Plessers, Marco Kilian, Junho Lee © Matthias Baus / Theater Koblenz

Von Daniel Spogis, der die musikalische Leitung des Abends hatte, hätte man sich etwas mehr Mut zur Interpretation des Stückes gewünscht. Ohne erkennbare Leidenschaft arbeitet er sich taktschlagend durch die Partitur. Eher nicht geglückt waren die Umbaupausen zu den häufigen Szenenwechseln innerhalb der einzelnen Akten.

Da die verschiedenen Handlungsorte der dreizehn verschiedenen Bilder nur durch zwei bis drei Gegenstände angedeutet wurden, hätte man besser fliegende Umbauten bei offenem Vorhang vorgenommen, als jedes Mal den Vorhang zu senken, das Saallicht einzuschalten, nach 30 sekündigen Umbauten das Saallicht wieder zu löschen, die Musik nach Freigabe durch den Inspizienten erneut zu beginnen und den Vorhang wieder aufzuziehen. In dem doch etwas handlungsarmen und manchmal auch etwas blutleeren Stück entstanden dadurch weitere Längen, die vermeidbar gewesen wären.

Gesanglich überzeugten alle Sänger, wobei die beiden Soprane Hana Lee und Anna Karmasin die stärksten Stimmen des Abends waren. Die männlichen Hauptrollen, Mephistopheles und Faust, waren etwas ungleich besetzt, da Christoph Plessers als Faust nicht ganz an Kraft und Stimmstärke seines niederländischen Kollegen Nico Wouterse als Mephitopheles heran reichte.

Insgesamt ist dem Theater Koblenz mit FAUST vom Louis Spohr ein sehr interessanter und gelungener Abend geglückt, der mit entsprechend großem Beifall gewürdigt wurde. Ovationen für die Hauptpartien und das Produktionsteam.

Vollständige Besetzung: Mephistopheles: Nico Wouterse, niederländischer Bassbariton, sei 2016 festes Ensemblemitglied, Faust: Christoph Plessers, belgischer Bariton, Graf Hugo: Tobias Haaks, Tenor und neues Ensemblemitglied, Kunigunde: Hana Lee, koreanischer Sopran, seit 2009 in Kolenz, Röschen: Anna Karmasin, Sopran aus München und Gast für diese Produktion, Gulf: Jongmin Lim, koreanischer Bass, ebenfalls seit 2009 im Haus, Franz: Junho Lee, koreanischer Tenor, seit 2012 Ensemblemitglied, Wohlhaldt: Sebastian Haake, der aus Karlsruhe stammende Tenor ist häufiger Gast in Koblenz Wagner: Dirk Eicher ist seit 2002 am Theater Koblenz als erster Chortenor engagiert Moor: Marco Kilian, seit 1992 erster Chorbass mit Soloverpflichtung, Kaylinger: Peter Rembold, Bariton im Opernchor des Theaters Koblenz, Sycorax: Christiane Thomas, seit 2002 Sopran im Opernchor, Drei Hexen: Eva Krumme, Sieglinde Karges, Ulrike Scholz, Ein Knappe Hugos: Samuel Kremer

Faust von Louis Spohr am Theater Koblenz; die weiteren Vorstellungen 26.1.; 31.1.; 4.2.; 6.2.; 13.2.; 17.2.; 19.3.2019

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