München, Residenztheater, Die Möwe – Anton Tschechow, IOCO Kritik, 23.01.2019

Januar 24, 2019 by  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Die Möwe  –  Anton Tschechow

– Die Kerze der Zeit –

von Hans-Günter Melchior

Langsam brennt die Kerze der Zeit herunter. Unendlich langsam und unerbittlich. Im geschriebenen und gespielten Stück gleichermaßen. Existentielle Langeweile flutet von der Bühne herab den Theaterraum. Sie steigt nach oben und verjagt in den früher wohl dem Gesinde vorbehaltenen Logen (wo man in den oberen Etagen – zugegeben – schlecht sieht und hört) in der Pause vor allem die jüngeren Zuschauer.

Alvis Hermans, der Regisseur, hat es gewagt, Anton Tschechow, den Propheten zeitloser Hoffnungslosigkeit, beim Wort zu nehmen. Er verbraucht über 3 Stunden Zeit, das vom Autor als Komödie bezeichnete Drama, werk- und wortgetreu und mit psychologischer Sorgfalt zu entwickeln. Die Seelenfäden zu verwickeln…

Er verzichtet dabei auf jeden sich modern aufplusternden Firlefanz. Die Bühne ist zunächst als relativ kahler Quasi-Theaterraum eingerichtet, genau 13 Stühle, vorne wird eine Leinwand entrollt, die das Gemälde eines Seeausschnitts zeigt, das als Kulisse für ein an einem See aufgeführtes Theaterstück dienen soll. Dessen Autor ist der von Marcel Heupermann überzeugend verkörperte Konstantin Gawrilowitsch Trepijew, Sohn der wunderbaren Sophie von Kessel, die die berühmte ältere und verblassendem Ruhm nachtrauernde Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina so eindringlich und schnörkellos-nüchtern darstellt als spiele sie sich selbst.

 

Residenztheater München / DIE MÖWE - hier : Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina, Marcel Heuperman als Konstantin Gawrilowitsch Trepljow © Federico Pedrotti

Residenztheater München / DIE MÖWE – hier : Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina, Marcel Heuperman als Konstantin Gawrilowitsch Trepljow © Federico Pedrotti

In den folgenden Akten besteht die Bühne aus einem Zimmer, das im Stil der gehobenen Klasse im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts eingerichtet ist und erst im letzten Akt einen gewissen Luxus mit Möbeln, Klavier und einem Schreitisch aufweist.

DIE MÖWE:  Eine Aufführung, die der Schwierigkeit des Stückes nicht ausweicht, sondern sich ihr stellt

Ort des Geschehens ist das Landgut des ehemals bei Gericht arbeitenden und todkranken Pensionärs Pjotr Nikolajewitsch Sorin (sehr eindrucksvoll in seiner illusionslosen Weltsicht René Dumont), der humpelt und Schmerzen hat und von dem zynisch-gelassenen Thomas Huber als Arzt Jewgenij Sergejewitsch Dorn im Wesentlichen mit Baldrian wie nur so obenhin behandelt wird (ut aliquid fiat – damit etwas geschehe).

Auch die Kostüme entsprechen der Mode der Zeit, in der das Stück spielt. Die Frauen tragen bodenlange Kleider und sich stilgerecht ins Lockenhafte werfende Haartrachten. Recht so. Ein Stück, das das zeitlose menschliche Drama so gültig entfaltet, kann gut auf die Luftschlangen der Moderne verzichten. Auch auf die sprachlichen Extravaganzen der Perfomance-Fanatiker.

Die von Hermans verwendete Zeit ist auch keine verschwendete Zeit. Um glaubwürdig zu sein, braucht die angebliche Komödie, die nichts als Tragödien beschreibt, Zeit. Viel Zeit. Sie dehnt sich geradezu in die Zeit hinein – grübelt in ihr und erleidet sie. Als fräße sich die Zeit in die Personen hinein und höhle sie aus. Bereits Schopenhauer machte zwei Grundleiden der Menschen aus: die Langeweile und den Schmerz. Nur wer Schmerzen hat, langweilt sich nicht. Aber die Langeweile ist der größere Schmerz. Die Langeweile als existentielles Schicksal. Typisch nicht nur für die Zeit Tschechows, über diese hinausreichend und allgemein.

Konstantins Ausbruchsversuch aus der bleiernen Langeweile ist zugleich die Vorwegnahme des eigenen Todes: er erschießt, ohne damit einen Sinn zu verfolgen, eine Möwe, das Symbol für Freiheit und Lebensgier, und legt sie der geliebten Nina vor die Füße. „Nicht lange, und ich werde auf die gleiche Weise mich selber töten.“

Im seelischen Haushalt der Menschen dieses handlungsarmen – fast – ereignislosen und dennoch höchst komplexen Stücks stimmt überhaupt nichts zusammen. Schon die erhofften und scheiternden Liebesbeziehungen:  Konstantin liebt Nina, Tochter eines Gutsbesitzers (anmutig, hübsch und tragisch: Mathilde Bundschuh). Diese wiederum liebt den berühmten Schriftsteller Boris Alexejewitsch Trigorin, den Michele Cuciuffo mit eleganter Resignation, vom Ruhm unbeeindruckt, in die ihn bewundernde Gesellschaft einbringt. Trigorin ist indessen der aktuelle Liebhaber oder Lebensgefährte der Arkadina.

Residenztheater München / Die Möwe hier Mathilde Bundschuh als Nina Michailowna Saretschnaja, Michele Cuciuffo als Boris Alexejewitsch Trigorin © Federico Pedrotti

Residenztheater München / Die Möwe hier Mathilde Bundschuh als Nina Michailowna Saretschnaja, Michele Cuciuffo als Boris Alexejewitsch Trigorin © Federico Pedrotti

Auch das übrige Personal liebt sich erfolglos kreuz und quer. Die Frau des Gutverwalters Schamrajew (herrlich raubeinig Wolfram Rupperti) stellt Katharina Pichler dar. Ihre Polina Andrejewna ist leichtsinnig und hübsch, sie schert sich wenig um Konventionen und treibt es –wie zum Zeitvertreib – mit dem Arzt Dorn, der nicht müde wird, sich mit seinem Alter, 55 Jahre, zu schützen. Nicht minder unglücklich als die anderen ist Mascha (herrlich unkonventionell Anna Graenzer), die Tochter des Gutverwalters. Sie trinkt aus Unglück, Langeweile und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Sie liebt zwar Konstantin, der jedoch keinen Gefallen an ihr findet, schließlich heiratet sie – nur mal so – den spießigen Lehrer Semjon Semjonowitsch Medwedenko (Tim Werths), den sie erklärtermaßen nicht liebt und von dem sie ein Kind bekommt. Tim Werths zeichnet die Figur des bedauernswerten armen Teufels, den man nur so als Notlösung akzeptiert, ergreifend genau.

Am Ende des Sommers trennt sich die Gesellschaft, zieht nach Moskau, kommt aber danach wieder auf das Gut zurück, wo Sorin inzwischen im Rollstuhl sitzt oder im Bett liegt. Konstantin ist inzwischen ein bekannter Schriftsteller geworden, der allerdings nicht an sich und sein Werk glaubt. Einzig für Nina erfüllen sich – vorübergehend – die Wünsche. Sie heiratet den berühmten und geliebten Dichter Trigorin, bekommt einen Sohn von ihm, der jedoch stirbt. Trigorin verlässt sie jedoch – oder er hat sie einfach vergessen. Sie ist eine schlechte Schauspielerin geworden, schlägt sich durch, kehrt vorübergehend aufs Land zurück, gleichsam auf der Durchreise, um ein neues Leben zu beginnen: in die Nähe der übrigen Gesellschaft, die sie allerdings meidet. Von den anderen unbemerkt besucht sie auf Sorins Gut den unglücklichen Konstantin, der sich Hoffnungen auf seine alte Liebe macht. Nina gesteht ihm aber, dass sie nicht ihn, sondernTrigorin immer noch liebt und eine Karriere als Schauspielerin in einer anderen Stadt anstrebt. Erneut verlässt sie Konstantin. Dieser erlebt gerade noch, wie sich der todkranke Sorin im Hintergrund vom Bett erhebt und tot zusammenbricht. Auf dem Tiefpunkt all seiner Hoffnungen angelangt, vernichtet er alle seine Manuskripte und erschießt sich, während die übrige Gesellschaft beim Essen ist.

Residenztheater München / DIE MÖWE - hier : Thomas Huber als Jewgenij Sergejewitsch Dorn, Michele Cuciuffo als Boris Alexejewitsch Trigorin, Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina © Federico Pedrotti

Residenztheater München / DIE MÖWE – hier : Thomas Huber als Jewgenij Sergejewitsch Dorn, Michele Cuciuffo als Boris Alexejewitsch Trigorin, Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina © Federico Pedrotti

Die inneren Handlungsstränge vertreten die eigentlichen Ereignisse des Stücks. Tschechow hat in die Seelen seiner Personen geschaut und dort nichts als Unordnung und Chaos gefunden.

Die unglücklichen Liebessehnsüchte vor allem. Das andere sind die die gescheiterten Hoffnungen auf künstlerischen Ruhm oder beruflichen Erfolg. Konstantin verzweifelt an seiner Unfähigkeit, glaubwürdige Figuren darzustellen. Selbst der berühmte Schriftsteller Trigorin hat ein völlig illusionsloses Verhältnis zu seiner Arbeit: „Es gibt Zwangsvorstellungen, so zum Beispiel, wenn ein Mensch Tag und Nacht immerzu an den Mond denkt, und auch ich besitze einen solchen Mond. Tags und nachts beherrscht mich ein unabweisbarer Gedanke: Schreiben muss ich, ich muss schreiben, ich muss… Kaum habe ich eine Erzählung beendet, so muss ich bereits eine andere schreiben, hierauf eine dritte, nach der dritten die vierte…“ „Und somit frage ich Sie, was ist daran Schönes und Lichtes?“ Und: „Sobald ich eine Arbeit beendet habe, laufe ich ins Theater oder laufe Fische fangen; wie gut wäre es, dabei zu rasten, sich zu vergessen, aber es geht nicht, schon kreist im Kopf eine schwere Eisenkugel – ein neues Sujet, und schon reißt es mich gewaltsam zum Schreibtisch und ich beeile mich, aufs neue zu schreiben und zu schreiben.“  Er klagt, „dass ich mein eigenes Leben verzehre…“

Schwerer geworden –, von dem Stück beschwert, verlässt man das Theater. Konventioneller, höflicher Beifall zunächst, heftig werdend, als die großartigen Schauspieler auftreten. Eine Aufführung, die der Schwierigkeit des Stückes nicht ausweicht, sondern sich ihr stellt. Vielleicht merken die meisten erst später, welche gewinnbringende Last ihnen der Abend aufbürdete…

DIE MÖWE des Residenztheater, im Cuvilliéstheater, München aufgeführt; die weiteren Vorstellungen: 30.1.; 5.2.; 7.2.; 13.2.2019

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München, Residenztheater, Junk – Schauspiel Ayad Akhtar, IOCO Kritik, 27.04.2018

April 27, 2018 by  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Junk  – Schauspiel von Ayad Akhtar

Die Geldreligion

Von Hans-Günter Melchior

Da wuseln und wimmeln sie im Höchsttempo aus einem meist dunklen Hintergrund und einem aus Stahlverstrebungen, Längs- und Querkonstruktionen wie symbolische Verwirrungen bestehenden Raum, ein aufgebrochenes Schwein hängt von der Decke, die Bühne dreht sich, Wörter fliegen vorbei. Die geschlachtete und ausgeweidete Kreatur (die Opfer der Börse?, des Systems?), quiekt und schreit in der Gestalt von ihrer Gier ausgelieferten Maklern und Managern und Spekulanten, du meine Güte, wer will hier wen betören oder überreden? Wow, möchte man neudeutsch ausrufen, wenn ich da nur irgendwie hinterherkomme, hinter all den Gedankenkonstrukten und Einfällen.

Was läuft hier, was läuft sich hier selbst davon, fragt man sich. Die Handelnden reden und stolpern fast über die eigenen Worte und Gedanken, gestikulieren und argumentieren, verhaspeln sich wie unter Drogeneinfluss und wissen kaum wohin mit der Profitsucht. Selbst ein Gericht brauchte da mehr als zwei Stunden.

Gott ist tot, es lebe der neue Gott, das Geld, das große Geld, das hier auch noch bewusst in Widersprüche verwickelt wird – vom Autor, der Regisseurin, den konstruierten Umständen – und gar nicht mehr herausfinden will aus dem Urwald von Spitzfindigkeiten.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Till Firit als Robert Merkin, Katrin Röver als Amy Merkin © Thomas Aurin

Aber von vorne: Robert Merkin (Till Firit), Jude mit Identitätsproblemen, eine Figur, die an den König der sogenannten Junk-Bonds Michael Milken erinnert, betreibt das zweifelhafte Geschäft der feindlichen Übernahmen (ein Geschäft übrigens, das völlig „legal“ im deutschen Wirtschaftsleben Karriere machte: UniCredit/ HypoVereinsbank, Vadofone/ Mannesmann u.v.a.) Er bietet im Verein mit hektischen Investoren – nicht anders als weiland Michael Milken, der daraus ein System entwickelte und sagenhaft reich wurde – den Aktionären seines Widersachers Thomas Everson Jr. (Oliver Nägele), Firmeneigner mit Familientradition, Traumkurse auf die Aktien und Anleihen an, um sie auf seine Seite zu ziehen. Hat er auf diese Weise die Firma an sich gerissen und ist hochverschuldet, kümmert ihn das wenig, denn Schulden sind gut, weil die Schuldner von den Gläubigern gehätschelt werden, um irgendwann doch noch zahlen zu können. Die Firma wird, ebenso irgendwann, nach bewährtem Rezept verscherbelt, zur Kreditschöpfung verwendet, demontiert, was auch immer. Jedenfalls rentiert es sich am Ende, man braucht nur einen langen Atem, 50 Jahre etwa, irgendwann ermüden selbst die gläubigsten Gläubiger. Flankiert wird die Heuschrecke im Stück von seiner rührigen Frau Any Merkin (Katrin Röver), die noch weniger Skrupel als er hat. Trump hat das angeblich so gemacht und macht es noch immer, und er ist dabei reich und mächtig geworden. Ein bißchen Lieschen Müller, vielleicht Dr. Lieschen Müller ist dabei anwesend, sie flüstert den Zuschauern Märchen ins ungläubige Ohr.

Der Firmeneigner jedoch, ein Konservativer, der an die Verantwortung der Eigentümer und deren Initiative glaubt, bleibt verzweifelt zurück: auf dem Müllhaufen der ökonomischen Vernunft, die sich als neue Religion etabliert hat. Er erschießt sich, von allen guten Geistern der alten ausbeuterischen, kapitalistischen Ordnung verlassen. Mitleid muss man mit ihm nicht haben. Hat er doch seinen Reibach gemacht.

Residenztheater München / Junk - hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Residenztheater München / Junk – hier: vl Arnulf Schumacher als Jerry der Gewerkschafter, Oliver Nägele als Thomas Everson Jr. © Thomas Aurin

Wie das alles aber ganz genau vor sich geht? So differenziert aufgedröselt, dass man die Methoden etwa zur Grundlage eines Strafprozesses machen könnte? Oder auch nur einigermaßen mit juristischer Akribie verstehen, nachvollziehen könnte? So, dass ein Staatsanwalt einen Akt mit der Überschrift Betrug anlegt?

Ach was. Darum schert sich dieses Stück wenig. Es wird eine beträchtliche Menge an Personal aufgeboten (unter ihnen solche Könner wie Manfred Zapatka als Leo Tresler, als vorteilsanfälliger Finanzfachmann, Philipp Dechamps als Kevin Walsh u.a.), die vom feindlichen Übernehmer angeworbenen oder vom Profit angelockten Investoren und Spekulanten treten in hektischen Diskussionen auf, sie gieren nach Anleihen wie am Verhungern.

Es wird viel geredet in Akhtars und Tina Laniks Stück, furchtbar schnell, die Stimmen überschlagen sich, dass man als Zuhörer und Zuschauer kaum mitkommt vor lauter Geschwurbel und findiger Argumentation. Listen und Finten, die von hinten durch die Brust ins linke Auge gehen sollen, auf Aha-Effekte zielen. Man weiß schließlich nur: da ist etwas faul, furchtbar faul und verdammungswürdig und es kennzeichnet den Zustand einer, unserer, Gesellschaft, eines Systems, das moralisch verkommen dem Untergang zutreiben muss.

Auf der Strecke bleiben dabei – nicht zu Unrecht – die alten und ausbeuterischen Firmeneigentümer, vor allem aber – diese freilich zu Unrecht – die Arbeiter (Arnulf Schumacher, als Gewerkschafter Jerry, der die bittere Klage der Benachteiligten vorträgt), die Malocher, die in die Röhre schauen und schäbig genung scheinentschädigt werden. Dass sich der Everson, Eigentümer des von den Heuschrecken zerfledderten Unternehmens, am Ende erschießt, nimmt man noch hin, nicht aber die Niederlage der unschuldigen Beschäftigten.

Residenztheater München / Junk - hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Residenztheater München / Junk – hier : Ensemble © Thomas Dashuber

Ein Staatsanwalt (Michele Cuciuffo als Guiseppe Addesso) greift immerhin den Falles auf, wie ja auch Milken ein lauwarmer Prozess ohne eigentliche Folgen gemacht wurde. Im Stück bleibt höchst unbestimmt die Frage offen, was eigentlich von strafrechtlicher Relevanz sein soll, weswegen genau ermittelt wird, das, was jedenfalls in atemberaubendem Tempo dahergeschwätzt wird, reicht nicht einmal zur Eröffnung irgendeines Hauptverfahrens aus. So ist die Inhaftierung Merkins nicht mehr als eine Behauptung. Herauskommen wird nichts, das weiß man von vornherein.

Die Journalistin Judy Chen (Cynthia Micas) will aus dem turbulenten Geschehen eine spannende und erhellende Geschichte machen. Aber sie wird gekauft, von einem Millionenbetrag korrumpiert, verzichtet sie auf ihre hochfliegenden Pläne.

Leider erkennt man den zu Recht hochgeschätzten Autor von „Geächtet“ kaum wieder. Dieses mehrfach ausgezeichnete Stück entwickelte dramaturgisch überzeugend einen Konflikt mit logischer Konsequenz. In Junk aber hat alles Dahergesagte etwas Deklamatorisches, sich Überschlagendes, es wird so eilig und überhitzt vorgetragen, als fürchteten Autor und Regisseurin die Einwände der Zuschauer, als wollten sie für Nachfragen erst gar keine Zeit lassen, Gegenargumente abwürgen, wo es gar keine gibt. Das Thema ist hochkomplex, es handelt von einem Kapitel der Wirtschaftskriminalität und ist pure Systemkritik, ihm ist nur mit der kalten Analyse einer strafrechtlichen und gesellschaftsrelevanten Beurteilung kompetent beizukommen.

Der Kopf schwirrt einem nach diesem Abend. Aber keine Klarheit vertreibt die Wortwolken. Das Thema ist einfach zu schwierig, man hat sich überhoben. In zwei Stunden lässt sich so ein Thema nicht über die Bühne jagen.

Junk – Residenztheater München, weitere Termine: 28.4.; 2.5.; 13.5.; 22.5.; 3.6.; 17.6.2018

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München, Residenztheater, Heilig Abend – Daniel Kehlmann, IOCO Kritik, 27.01.2018

Januar 29, 2018 by  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn 

Heilig Abend  –  Daniel Kehlmann

 „Ein Stück für zwei Schauspieler und eine Uhr“

Von Hans-Günter Melchior

Da hat sich Daniel Kehlmann sehr viel vorgenommen. Aber nicht alles eingelöst.

Der Polizist Thomas (Michele Cuciuffo), Opfer und Täter des Systems, dem er dient, nimmt die Philosophieprofessorin Judith (Sophie von Kessel) aus einem Taxi heraus unter dem Verdacht fest, zusammen mit dem von ihr geschiedenen Ehemann Peter einen terroristischen Anschlag zu planen. Er weiß so ziemlich alles über das Paar, insbesondere, dass auf Judiths Computer Baupläne über Bomben gefunden wurden und dass die Beschuldigte, Inhaberin eines Lehrstuhls, sich mit dem Theoretiker der „Entkolonialisierung“ Frantz Fanon beschäftigt. Frantz Fanon (geb. 1925 in Martinique, gest. 1961 in Maryland/USA; „Die Verdammten dieser Erde“ u.a.) rief als Aktivist im Algerienkrieg die kolonisierten Völker zu Befreiungsaktionen auf, wobei er „alle Mittel, die Gewalt natürlich eingeschlossen“ einzusetzen forderte.

Residenztheater München / Heilig Abend - hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thomas Aurin

Residenztheater München / Heilig Abend – hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thomas Aurin

Das von Thomas Birkmeir inszenierte Stück findet auf einer Bühne statt, die einen Raum zeigt, der einer abriss-reifen Baustelle gleicht. Die Wände bestehen aus halb zerrissenen und herabhängenden Plastikplanen. In dem Vernehmungszimmer befinden sich außer einem Waschbecken noch einige Stühle. Über der Bühne hängt eine Digitaluhr, die zu Beginn die Zeit 22:30 Uhr anzeigt. Das Stück spielt an Heilig Abend, es dauert genau 90 Minuten, endet in der gespielten Zeit also um 24.00 Uhr. Nach dem Gesetz soll dies offenbar der vom Autor intendierte Zeitpunkt sein, an dem die vorläufige Festnahme durch die Polizei endet und die Beschuldigte einem Richter vorzuführen ist. Mehr noch: es ist die zur möglichen Katastrophe hin laufende/ablaufende Zeit.

Die Vernehmung gestaltet sich schwierig. Die Beschuldigte Judith wehrt sich gegen die Festnahme, verlangt mehrfach nach einem Rechtsanwalt. Der Polizist Thomas ignoriert lange ihren Wunsch. Überhaupt muss er sich mehrere schwerwiegende Gesetzesverstöße vorwerfen lassen:

– er belehrt die Beschuldigte nicht über ihre Rechte, insbesondere nicht darüber, dass sie nicht verpflichtet ist, eine Aussage zur Sache zu machen.

– erst nach und nach und keineswegs am Anfang teilt er ihr, und dies auch eher mittelbar, den Gegenstand der Vernehmung mit. Lange ist sie sich im Unklaren darüber, was ihr eigentlich konkret vorgeworfen wird.

– er wird im Laufe der Vernehmung tätlich, schlägt die Beschuldigte zu Boden.

– er versucht, sie zu einem Geständnis zu nötigen, indem er ihr ankündigt, ohne dieses käme sie nie aus dem abgeschlossenen Raum. Er stellt das Geständnis geradezu wie eine Verpflichtung dar. Außerdem erklärt er ihr, im Nebenraum werde ihr ehemaliger Ehemann Peter vernommen. Seinen Äußerungen kann entnommen werden, dass dieser bereits ein Geständnis oder ein weitgehendes Geständnis, das die Beschuldigte mitbelastet, abgegeben hat. Damit wird das sogenannte Gefangenendilemma strapaziert: zwei Mitbeschuldigte werden einer Sache getrennt vernommen, keiner weiß, was der andere sagen wird, ob der ihn belastet, ob er selbst gestehen soll, um sich einen Strafbonus zu verschaffen oder leugnen usw.

– er stützt sich auf Erkenntnisse, die offenbar Ergebnis eines Lauschangriffs sind, von dem man nicht weiß, ob dabei die gesetzlichen Vorschriften beachtet wurden.

Nun ist ein Theaterstück kein juristisches Seminar. Es wäre beckmesserisch, sich mit den rechtlichen Einzelheiten zu beschäftigen, diese der literarischen Qualität des Stücks überzuordnen, beschäftigte sich das Stück selbst nicht lange, viel zu lange gerade mit den Rechtsfragen (da ist der Autor ohnehin auf juristischem Eis ein wenig ausgerutscht). Immer wieder kommt die Beschuldigte Judith auf ihre Rechte zu sprechen, immer wieder verlangt sie einen Rechtsanwalt, lange macht sie zu dem klarer werdenden Vorwurf keine konkreten Angaben.

Nun muss man wissen, dass die Polizei berechtigt ist, einen Tatverdächtigen vorläufig festzunehmen. Nach Ablauf von 24 Stunden ist dieser dem Ermittlungsrichter vorzuführen, der auf Grund der ihm von der Polizei vorgelegten Unterlagen, als der bisherigen Ermittlungsergebnisse, über die Haftfrage zu entscheiden hat. Erst bei der richterlichen Einvernahme hat der Beschuldigte Anspruch auf Anwesenheit eines Rechtsanwalts. Der aber ist an Heilig Abend schwer zu erreichen.

Die Kernfrage, nämlich die Anwendung von Gewalt im Rahmen der Verwirklichung revolutionärer Pläne, streift das Stück lediglich. Die Beschuldigte Judith führt die Zustände im afrikanischen Niger in den Streit mit dem Polizisten ein. Dort, so ihr Argument, werde durch den ausbeuterischen Uranabbau das Grundwasser verseucht, was die Einwohner zwinge, ihr Land zu verlassen. Hier wäre eigentlich ein theoretischer Ansatz, sich vertiefende Gedanken über das Recht zur Anwendung von Gewalt und die humanitären Grenzen des Widerstands zu machen. Und über die Frage der sozialen Gerechtigkeit, das Problem der gerechten Verteilung der Güter, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Ein weites Feld. Da hält sich Kehlmann – bewusst, wie er im Programmheft behauptet – heraus.

Residenztheater München / Heilig Abend hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thoma

Residenztheater München / Heilig Abend hier Michele Cuciuffo als Polizist Thomas und Sophie von Kessel als Judith © Thoma

In einer kurzen Nebenbemerkung weist zwar die Beschuldigte – entgegen Fanon – Gewaltanwendung zurück, wenn es dabei zu Menschenopfern kommt. Es könnte dies eine taktische Einlassung sein. Die Frage bleibt offen. Denn gleich darauf schweift das Gespräch in private Dinge ab, wendet sich der Frage zu, ob die Beschuldigte ihren ehemaligen Mann noch immer liebt und dergleichen.

Erst am Schluss rückt Judith ziemlich unvermittelt und überraschend mit einem umfassenden Geständnis heraus, wobei sie die Hauptschuld übernimmt. Danach zieht sie aus ihrer Hose eine Pistole (ein völlig unwahrscheinlicher Waffenbesitz, da Festgenommene gründlich durchsucht zu werden pflegen) und tötet sich, genau um 24.00 Uhr, mit einem Schuss in den Mund…

Der Eindruck, den dieser Abend hinterlässt, ist bei aller Meisterschaft der schauspielerischen Darstellung durchaus zwiespältig. Man geht mit dem Gefühl aus dem Theater, dass hier eine Chance vertan wurde, so sehr auch manche sprachlichen Wendungen literarisch zu überzeugen vermögen.

Wollte Kehlmann beweisen, dass die Vernehmungsmethoden schlimmer sind als der mögliche Terror selbst? Dann hätte er freilich weit übertrieben.

Schön ist allerdings die Idee mit der auf der sichtbar platzierten großen Uhr ablaufenden Zeit. Eine High Noon -Assoziation. Es ist unsere aktuelle Zeit, aber auf welche Katastrophe bewegt sie sich konkret zu? Das wäre ein nahezu unerschöpfliches Thema. Frantz Fanon wusste bereits ganz genau, was getan werden sollte.

Heilig Abend  von Daniel Kehlmann, weitere Vorstellungen am Residenztheater: 2.2.2018; 16.2.2018;3.3.2018; 14.3.2018

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