Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Start in die Spielzeit 2020/21

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein für alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Start in die Spielzeit 2020/21
Oper und Ballett am Rhein präsentieren das Programm der ersten vier Monate (Sept.-Dez. 2020)

Am 11. September 2020 startet die Deutsche Oper am Rhein in die neue Spielzeit – aufgrund der Corona-Epidemie allerdings ganz anders als ursprünglich geplant. Innerhalb weniger Wochen hat Generalintendant Christoph Meyer mit seinem künstlerischen Team ein Programm kreiert, das verantwortungsvoll und zugleich mit großer künstlerischer Lust und Neugier mit den aktuellen Anforderungen umgeht. Auch der neue Ballettdirektor Demis Volpi war gezwungen, seine sorgfältig konzipierte erste Saison mit dem Ballett am Rhein noch einmal ganz neu zu denken. Fast jede der 13 Produktionen feiert sowohl in Düsseldorf als auch in Duisburg Premiere. Allein in den ersten vier Monaten der Spielzeit stehen rund 150 Vorstellungen auf dem Spielplan – knapp 100 im Opernhaus Düsseldorf, rund 50 im Theater Duisburg.

Den komplexen Abstands- und Sicherheitsbestimmungen, denen speziell das Musiktheater durch COVID-19 unterworfen ist, will die Deutsche Oper am Rhein mit Kunst begegnen, die sinnlich, überraschend, intensiv ist. Die 23 kompakten Programme in Oper und Ballett – jeweils nicht länger als 90 Minuten –stehen deshalb bewusst nicht unter dem Vorzeichen der reinen Reduktion, sondern – im Gegenteil – für neue Erzähl­formen, Stücke und Formate. So versteht sich der szenisch-musikalische Abend „Vissi d’Arte“ von Johannes Erath als poetische Wiedereroberung des Bühnen­raums. Angesichts der erlebten Fragilität lotet er die unmöglichen Möglichkeiten der Bühnenkunst aus und konzipiert mit Musik von Puccini, Verdi, Wagner, Strauss, Offen­bach und Nat King Cole eine vielstimmige Liebeserklärung an die Oper. Unter musikalischer Leitung von Wolfgang Wiechert kommt sie am 2. Oktober in Düsseldorf und am 26. November in Duisburg zur Premiere.

Opernbesucher treffen in der kommenden Spielzeit auf Protagonisten, die Nähe suchen und doch nicht zueinander finden können: Die Essenz der großen Liebesgeschichte von „Romeo und Julia“ kommt in einer Kammeroper von Boris Blacher auf die Bühnen in Duisburg (6. November) und Düsseldorf (19. Dezember). Richard WagnersTristan und Isolde“ lässt sich in einer intimen Bearbeitung von Eberhard Kloke für die Deutsche Oper am Rhein realisieren. Mit Weltklasse-Solisten wie Michael Weinius (Tristan), Linda Watson (Isolde) und Hans-Peter König (König Marke) bringen Generalmusikdirektor Axel Kober und Regisseur Dorian Dreher das große Liebesepos an drei aufeinanderfolgenden Abenden zur Premiere in Düsseldorf (3.?6. Dez.) und Duisburg (17.–19. Dez.).

Für Bühnenkunst, die unter widrigsten Umständen entstanden ist, steht „Der Kaiser von Atlantis“, Victor Ullmanns vielschichtige Parabel über absolute Macht, Todesangst und ihre Überwindung. Ilaria Lanzino inszeniert den 1943-44 im Konzentrationslager Theresienstadt entstandenen Einakter. Generalmusikdirektor Axel Kober führt durch die Partitur, die als eindringliches Zeugnis des engagierten künstlerischen Widerstands gegen ein tyrannisches Unrechtsregime erhalten geblieben ist.

Die Musik des 20. Jahrhunderts ist im Spielplan stark vertreten: Der jüdisch-polnische Komponist Mieczys?aw Weinberg spielt in seiner komischen Oper „Masel Tov! Wir gratulieren!“ bissig-humorvoll mit seinen musikalischen Wurzeln. Als Reminiszenz an die großen Stars des Close-Harmony-Gesangs eröffnet der moderierte Konzertabend „Comedian Harmonists in Concert“ in beiden Städten die Opernsaison. Und für Familien mit Kindern ab 6 Jahren tut sich die Deutsche Oper am Rhein mit dem Düsseldorfer Marionetten­theater zusammen: Manuel de Fallas Kammeroper „Meister Pedros Puppenspiel“ kommt als hinreißendes Stück „Theater auf dem Theater“ in einer Live-Video-Inszenierung von Torge Möller (fettFilm) auf die Bühnen in Düsseldorf (7. November) und Duisburg (4. Dezember).

Überraschende Begegnungen mit dem Ensemble der Deutschen Oper am Rhein versprechen Chorkonzerte und musikalische Blind Dates, die konzertante Offenbach-Operette „Salon Pitzelberger“, der Belcanto-Abend „Viva l’italianità!“ und ein Silvester-Überraschungskonzert.


Ballett am Rhein


Demis Volpi übernimmt ab der kommenden Spielzeit als Ballettdirektor die Leitung des Balletts am Rhein von Martin Schläpfer. Mit seinem Team aus Ballettmeister*innen und Dramaturg*innen stellt er ein Programm vor, das eine Brücke schlägt zwischen Kontinuität und Erneuerung, vertraute Fäden aufnimmt und eigene Sichtweisen zeigt. Auch die Compagnie mischt sich neu: Gut ein Drittel der derzeitigen Tänzer*innen begibt sich mit Demis Volpi auf neue Wege, hinzu kommen 27 Tänzer*innen aus anderen großen Compagnien und erstklassigen Schulen.

Demis Volpis erstes Programm heißt „A First Date“ und ist – wie der Titel verrät – dem gegenseitigen Kennenlernen gewidmet. In drei inhaltlich eigenständigen Episoden tanzt die Compagnie Ausschnitte aus Volpis bisherigen Arbeiten und präsentiert dessen erste Miniatur-Uraufführung mit dem Ballett am Rhein. Mario Galizzi und José Limón stellen ebenso wie Aszure Barton und Andrey Kaydanovskiy mit kurzen Kreationen weitere Handschriften vor, die das künstlerische Profil des Ballett am Rhein prägen werden. Die erste Episode aus „A First Date“ hat in Düsseldorf am 11. September und in Duisburg am 18. September Premiere.

Um das oft unsichtbare Phänomen der Vereinsamung in einer medial eng vernetzten Welt geht es in „Far and near are all around“ – übersetzt etwa „Umgeben von Ferne und Nähe“. Juanjo Arqués, seit 2016 als Young Creative Associate für das Het Nationale Ballet Amsterdam tätig, wagt mit seiner ersten Kreation für das Ballett am Rhein einen Blick hinter scheinbar schützende Fassaden. Die zweite Uraufführung des Abends choreografiert Demis Volpi zu Caroline ShawsPartita for 8 Voices“. Premiere in Düsseldorf ist am 15. Oktober, am 30. Oktober kommt das Programm auf die Duisburger Bühne.

Als „Entfernte Verwandte“ offenbaren sich Hans van Manen und Sharon Eyal erst auf den zweiten Blick. Es ist nicht ihr Stil, sondern ihr Bekenntnis zur Präzision, zur akkuraten, kompromisslosen Geste und ihre Verwurzelung im klassischen Ballett, die sie teilen. Mit „Dances for Piano“ und „Solo“ kommt Vertrautes auf die Bühnen in Düsseldorf und Duisburg, „Salt Womb“ indes ist das erste Stück der renommierten israelischen Choreografin, das vom Ballett am Rhein gezeigt wird. Am 13. November hat der Abend in Duisburg Premiere, am 20. November in Düsseldorf.

Die erste abendfüllende Uraufführung von Demis Volpi steht am 12. Dezember im Opernhaus auf dem Spielplan. Volpi ist ein Künstler, der von Erzählungen fasziniert ist und der in seinen Balletten mit Körpern und mit Bewegungen Geschichten erzählt. Für sein erstes Handlungsballett mit dem Ballett am Rhein setzt er sich mit einem Schauspiel auseinander.

Über Grenzen – Prometheus aus Licht“ heißt die Kooperation des Ballett am Rhein mit der Tonhalle Düsseldorf, die den Grundstein legt für weitere Zusammenarbeiten mit verschiedenen Kulturinstitutionen. Zu Beethovens „Die Geschöpfe des Prometheus“ entwickelt mit der jungen aufstrebenden Choreographin Virginia Segarra Vidal eine Künstlerin aus den eigenen Reihen ein Stück, zu dem die Medienkünstler Nick und Clemens Prokop (Trust Your Ears) den Raum mit einer spektakulären Lichtinszenierung bespielen.

Als weiteres Novum präsentiert sich der Vermittlungsbereich B*alle*tt am Rhein. Er lädt mit kreativen Angeboten Interessierte jeden Alters dazu ein, die Arbeit der Compagnie aktiv kennen zu lernen.


Das Spielzeitheft mit dem Programm von September bis Dezember 2020 ist ab 24. Juni im wiedereröffneten Opernshop Düsseldorf und an der Theaterkasse Duisburg erhältlich und online auf www.operamrhein.de zu finden (siehe https://www.operamrhein.de/de_DE/spielzeit-2020-21).

Für alle Vorstellungen sind schriftliche, telefonische und Online-Reservierungen möglich, die erst zu späteren Zeitpunkten in Buchungen umgewandelt werden können. So schafft die Deutsche Oper am Rhein die Voraussetzung, die Platzkapazität den jeweils geltenden Abstandsregelungen anzupassen.

Weitere Informationen: Opernshop Düsseldorf (Tel. 0211-89 25 211), Theaterkasse Duisburg (Tel. 0203-283 62-100), www.operamrhein.de.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Essen, Philharmonie Essen, Fidelio – Ludwig van Beethoven, 29.02.2020

Februar 17, 2020 by  
Filed under Konzert, Philharmonie Essen, Pressemeldung

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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Nina Stemme © Tanja Niemann

Philharmonie Essen / Nina Stemme © Tanja Niemann

  Fidelio – Ludwig van Beethoven

 Samstag, 29. Februar, um 20 Uhr in der Philharmonie Essen

Ludwig van Beethovens einzige Oper Fidelio ist jetzt mit prominenter Besetzung in der Philharmonie Essen zu erleben: Die schwedische Star-Sopranistin Nina Stemme singt die Titelpartie in der halbszenischen Aufführung am Samstag, 29. Februar 2020, um 20 Uhr im Alfried Krupp Saal. Nina Stemme gilt seit Jahren als führende Interpretin im dramatischen Stimmfach. So wird sie etwa als Brünnhilde an der Wiener Staatsoper und am Royal Opera House in London, als Turandot an der Metropolitan Opera in New York und als Elektra an der Bayerischen und Wiener Staatsoper regelmäßig gefeiert. Zu den weiteren Gesangssolisten gehören unter anderem Michael Weinius als Florestan, John Lundgren als Don Pizarro, Johan Schinkler als Rocco und Malin Christensen als Marzelline. Thomas Dausgaard leitet das Swedish Chamber Orcherstra und den Swedish Radio Choir. Regie führt der Engländer Sam Brown.

Die Oper spielt zur Zeit der Französischen Revolution: Leonore, der Frau des politischen Häftlings Florestan, gelingt es, als Mann verkleidet – unter dem Namen Fidelio – in das Gefängnis einzudringen, in dem Jakobiner Florestan gefangen halten. Sie versteht es, das Vertrauen des Kerkermeisters zu gewinnen und ihren Gatten zu befreien. Über die Titelfigur sagt Nina Stemme: „Leonore ist eine sehr starke und mutige Frau. Und es gibt Momente in Beethovens Musik, die einfach magisch sind. Wobei die Partie der Leonore fast schwieriger zu singen ist als die der Isolde.“

Karten (€ 30,00-65,00) und Infos unter T 02 01 81 22-200 und www.philharmonie-essen.de.

Eine Koproduktion der Philharmonie Essen mit dem Swedish Chamber Orchestra und dem BOZAR in Brüssel

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Götterdämmerung – Ring des Nibelungen, 17.11.2019

November 11, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Oper, Premieren, Pressemeldung

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Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO

Theater Duisburg © IOCO

Götterdämmerung –  Szenische Premiere in Duisburg

 Premiere 17. November 2019

Innerhalb von sechs Tagen den ganzen Ring erleben: Am Dienstag, 12. November 2019, beginnt mit Das Rheingold die erste zyklische Aufführung von Richard Wagners  Ring des Nibelungen im Theater Duisburg.

Endlich ist es soweit: Vom 12. bis 17. November 2019 ist der gesamte Ring des Nibelungen von Richard Wagner  erstmals szenisch im Theater Duisburg zu erleben. Er schließt am Sonntag, 17. November 2019, mit der szenischen Premiere der Götterdämmerung, dem letzten Teil des vierteiligen Zyklus. In opulenten Bildern entfalten Regisseur Dietrich W. Hilsdorf und sein Team den Nieder­gang einer göttlichen Herrscherdynastie vor dem Hintergrund der politischen, industriellen und sozia­len Entwick­lungen des 19. Jahrhunderts.


Götterdämmerung – Hilsdorf – Inszenierung – hier in Düsseldorf
Youtube Trailer der Deutschen Oper am Rhein
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In musikalischer Hinsicht geriet der vierteilige Ring bereits in der vergangenen Spielzeit zu einem umjubelten Triumph für das Sänger­ensemble und die Duisburger Philharmoniker unter Generalmusik­direktor Axel Kober: Infolge des großen Wasserschadens im Theater Duisburg diente die benachbarte Mercatorhalle im Mai 2019 als Ausweichquartier für vier konzertante Aufführungen.

Auf der Bühne des Duisburger Theaters stellen jetzt erneut zahlreiche Ensemblemitglieder der Deutschen Oper am Rhein und hochkarätige Gäste ihre Wagner-Kompetenz unter Beweis. Die Partien gestalten u. a. James Rutherford (Wotan), Linda Watson (Brünnhilde), Raymond Very (Loge), Michael Weinius (Siegmund), Sarah Ferede (Sieglinde und Waltraute), Corby Welch (Siegfried), Florian Simson und Cornel Frey (Mime), Stefan Heidemann (Alberich), Sami Luttinen (Hunding und Hagen), Bogdan Baciu (Gunther) und Sylvia Hamvasi (Gutrune). Orchestral begleitet werden sie von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Axel Kober.

Der Ring des Nibelungen  im Theater Duisburg:
Dienstag, 12. November, 19.30 Uhr: Das Rheingold
Mittwoch, 13. November, 18.00 Uhr: Die Walküre
Freitag, 15. November, 18.00 Uhr: Siegfried
Sonntag, 17. November, 17.00 Uhr: Götterdämmerung (Szenische Premiere)

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Samson et Dalila – Camille Saint-Saens, IOCO Kritik, 29.10.2019

Oktober 29, 2019 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 Samson und Dalila  –  Camille Saint-Saëns

– Mon coeur s’ouvre – mein Herz öffnet sich –

von  A. Schneider

Camille Saint-Saens Familiengrab in Paris © IOCO

Camille Saint-Saens Familiengrab in Paris © IOCO

Allenthalben ertönt auf unserem Planeten die Klage über dessen universale Vermüllung mit Plastik oder, um einiges lauter weil noch bedrohlicher, die Korrosion des Leibes durch das allgegenwärtige CO2. Diesem Faktum adäquat ist der Auspuff an Musik, dem man wehrlos ausgesetzt ist. Vor ihrem Angriff schützt allenfalls das traute Heim, vorausgesetzt, seine Mauern sind widerständig genug. Dass Kaufhäuser, Restaurants, Fahrstühle, Cafèhaustoiletten und viele Plätze mehr des Glaubens sind, mittels Beschallung den Besucher zugänglicher für ihre Angebote zu stimmen oder einen Aufenthalt minder lästig zu gestalten, dergleichen Taktik dürfte ihnen die Verkaufspsychologie eingeredet haben. Damit aber nicht genug: auch Filme, Theater, Szenerien jeder Sorte werden fast ausnahmslos mehr oder weniger in Musiken aller Arten getaucht, als könne auf dem Wege schwache Dramaturgie, einfallslose Kameraführung und fade Texte konterkariert werden. Die Postmoderne (gar bereits die Postpostmoderne?) hat sich der Musik bemächtigt, auf dass sie die Banalität ihrer Gedanken und Phänomene mit Tönen einnebele. Zudem möchte die nie endende Zahl der Musikmacher und Songschreiber ihre Arbeit, gleich ob gelungen oder dilettantisch, an Frau und Mann gebracht hören, worunter dann das Menschenohr zu leiden hat.

Samson et Dalila Camille Saint-Saens
youtube Trailer der Deutschen Oper am Rhein
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Die Frage ist, inwieweit durch das invasive Dudeln unsere Sinne für komplizierteres Musizieren, wobei Qualität und Bedeutung des populären unbestreitbar bleiben, à la longue abstumpfen, und daher die heutigen Theaterbesucher der Ästhetik einer Oper des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit ihrer scheinbar gemäßigten Intensität kaum etwas abzugewinnen vermögen.

Einem Auditorium des vorletzten Jahrhunderts bedeutete ein Opern- oder Konzerthausbesuch, ein Ereignis zu sein: ein erhebendes, ein missfallendes oder eines, das gleichgültig ließ. Musik war noch nicht vorwiegend zum Dekorationsstoff von Ware, Bild und Aktion gediehen, sie war kein Umweltrauschen, sondern blieb singulär, bildete die Ausnahme. Die in Klänge gefassten Botschaften der Instrumente und Stimmbänder waren elementar und einmalig genug, um nicht im Ohr stecken zu bleiben, vielmehr um tiefer im Inneren Herz und Hirn zu touchieren.

Mit Camille Saint-Saëns Oper Samson und Dalila, uraufgeführt in Weimar 1877, französische Premiere in Rouen 1890, und erst 1892 an die Opéra in Paris gelangt, wurde der französischen Zuhörerschaft neuerlich bewusst, dass auf den alten Opernhelden, den Ritter vom Hohen C, nicht länger das hellste Bühnenlicht fiel. Gleichsam in den Schatten stellte ihn immer häufiger die Frau, die weibliche Stimme, und besonders dem Mezzosopran lieferte sich neuerlich der Tenor zum eigenen Verhängnis aus. Als ein solcher den Mann zerstörender Mezzo hatte sich George Bizets Carmen gezeigt, eine gegen Männerzwang revoltierende eigensinnige Person, die für ihr Freiheit sogar über die eigene Leiche ging, und auch die Schicksal spielende, hassliebende Dalila trat vor den Vorhang der französischen Oper als gleichsam aus dem Geiste des Feminismus geborenes Geschöpf. Ähnlich ambitionierte Schwestern hatten ihren Auftritt mit Jacques Offenbachs Helena, danach Jules Massenets Manon und Gustave Charpentiers Louise, allesamt letztlich fatale Damen, die schwachen Männern gefährlich wurden. Das von der Bühne signalisierte weibliche Emanzipationsbestreben widersprach freilich der einer Frau in der Belle Epoque zugedachten Rolle, der zu entkommen die konservative Gesellschaft nicht vorsah, und fügte sich zudem ganz und gar nicht den traditionellen Männerphantasien.

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Ramona Zaharia als Dalila © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Ramona Zaharia als Dalila © Jochen Quast

Saint-Saens Sirene ist Dalila, deren Gesang Samson ebenso erliegt, wie er bis auf den heutigen Tag im Repertoire jeden Mezzosoprans zu finden ist. Die Arie: Mon coeur s’ouvre – Mein Herz öffnet sich bleibt für immer in den Kanon großer Arien eingeschrieben. Der Oper ist anzumerken, dass ihr Sujet, die biblische Erzählung von Samson und Dalia aus dem Buch der Richter, anfänglich die Vorlage für ein Oratorium bilden sollte. Ein paar Stücke wurden komponiert, wanderten in die Schublade, und wurden Jahre später, als der Komponist die Absicht geändert hatte, in die Oper eingebracht. Deren religiöser und statischer Charakter war mithin vorgezeichnet, und ihre wesentlichen Protagonisten, die Chöre, sind getragen von alttestamentarischer Klage, göttlicher Verheißung und Gotteszorn. Auf der Bühne tut sich nicht viel; die Konflikte zwischen Hebräern und Philistern wie zwischen Samson und Dalila werden handgreiflich backstage entschieden, vorne befehden sich Chor und die wenigen Figuren vorwiegend verbal, getragen von einer Musik, die der Thematik angepasst auf barocke Form wie Fugato oder Kirchentonarten zurückgreift, und die hin und wieder pseudoorientalisches Lokalkolorit mittels Fünftonreihen und ein erotisches Flair auch durch ausgefalleneres Instrumentarium wie Kastagnetten und Tamburin beschwören will.

Der komponierte Mythos handelt von dem von Gott erleuchteten und von ihm mit Riesenkräften ausgestatteten Samson, der die Hebräer von der Knechtschaft der Philister befreit, der jedoch Dalilas genialen Verführungskünsten auf Dauer nicht widersteht, und von ihr mittels Haarschnitt seiner Stärke beraubt, also gleichsam entmannt, sein Volk und sich selbst wieder ins Unglück der Philistertyrannei stürzt. Halbtot geschlagen, blind und zutiefst gedemütigt, legt er in einem letzten Anflug alter Kraft den Tempel der Feinde in Trümmer, unter denen sie nun begraben liegen.

Das ist eine alte Geschichte oder fromme Legende, wie man will, aus der, in Form einer ziemlich bejahrten Oper präsentiert, heutzutage wohl kaum ein Kassenschlager hervorgehen dürfte Ein Publikum des 21. Jahrhunderts mit einem Kopf voller optischem und akustischem Larifari, benötigt eine auffällige, eine unerhörte Darstellung, um zum Schluss davon angetan oder befremdet zu sein.

Regisseur Joan Anton Rechi macht aus Samson und Dalila, von deren Partitur die Dramaturgie (Anna Grundmeier) anderswo selten den Staub wischen will, ein zeitnahes wie zeitloses Theater. Theater im allerrealsten Sinn. Bei ihm wird aus dem theologisch induzierten Kreuzzug für den richtigen Gott, aus dem Herrschaft und Knechtschaft herrühren, ein klassischer Klassenkampf zwischen Ausbeutern, den Gold(?) -minenbesitzern, und den Ausgebeuteten, die als Heloten untertage die Erde auszubeuten haben. Die Spiegelung einer sich in Besitzende und Besitzlose spaltenden Gesellschaft.

Im ersten der drei Akte wandelt die Inszenierung den im Original lediglich kommentierenden, jammernden und erst zuletzt enthusiasmierten Chor (Ltg. Gerhard Michalski) zu einer Front von Minenarbeitern die nun mittels Bewegung und Gesten die vorwiegend aus Rhetorik bestehende handlungsarme Handlung verlebendigt. Zu Aktionen kommt es erst, wenn das Proletariat den Aufstand wagt, und wenn nach dessen Gelingen Samson den gotteslästernden Oberaufseher Abimélech (Luke Stocker) erschlägt. Dass die Arbeiter den Leichnam pietätvoll begraben, erinnert an die eigentliche religiöse Intention der Oper; dass indessen hier ein anderer Geist wirkt, wird schlüssig, wenn gleich hinterher die siegesfrohen Revoluzzer sich mit einer Schar aufgekratzter Liebesdienerinnen unter Leitung der Freudenhausdirektrice Dalila vergnügen. In wessen Händen immer die Macht gelangt, sie gibt sich nicht unbedingt moralisch.

 Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Michael Weinius als Samson mit Minenarbeitern © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Michael Weinius als Samson mit Minenarbeitern © Jochen Quast

Saint-Saens im Grunde gottesfürchtige Musik verträgt sich mit der Evolution der zweifellos nicht sittenstrengen Philisterfrauen zu fröhlichen Freudenmädchen gleichermaßen wie mit der  Modulation des Gotteshaders zum klassenkämpferischen Impetus. Die Bühne (Gabriel Insignares) ist frei von vieldeutigem Inventar, ein paar Versatzstücke wie farbige Wände, Stufen, ein Tafeltisch  reichen aus, das Auge muss nicht über die Symbolik des Inventars spekulieren. Die optische Reduktion tut den Ganzen keinen Abbruch.

Inwieweit die Entscheidung des Menschen für Gut und Böse auf einem freien Willen beruht, darüber grübelt die Philosophie. Für ein Libretto taugte die Thematik bislang vernehmbar nicht, ihre Daseinsberechtigung verschaffen der Oper große Gefühle und ebensolche Taten, gleich ob sie von der Macht, der Gier, dem Freiheitsdrang, oder von Caritas, Eros oder dem Himmel selber gestiftet werden.

Derartige Gefühle rasen jetzt im zweiten Akt. Der willensstarke Powermann Samson (Michael Weinius), der doch zuvor mit solch metallischem Timbre die Kollegen zum Aufstand und die Gegner in den Staub sang, ergibt sich, zuerst widerstrebend, doch dann von Liebeswahn enthemmt, der fürwahr verführerischen Erscheinung der Dalila (Ramona Zaharia). Deren in der Tat unwiderstehlich betörende Töne sind allerdings vergiftet, die Frau steckt voller Rachsucht wegen seines vormals geübten Liebesentzugs. Ihre Zerstörungslust will zudem der kaltgestellte und enteignete Minenboss (Simon Neal) zwecks Rückeroberung der verlorenen Goldgruben nutzen. Zu den Zwecken muss Samson das Geheimnis seine Stärke preisgeben, und der geeignete Ort dafür ist Dalilas Bett. Es sind schon böse Szenen, wenn die Vernunft abdankt und Eros, Hass, Profitgier die drei Figuren umtreiben, indem sie sich umkreisen, abtasten, an die Wäsche gehen und endlich gewalttätig werden. Dalilas parfümierte Liebesworte schweben gleichsam auf gedämpften Bläserwolken, bei dem Wort l`amour perlt dazu die Harfe, Samsons Leidenschaft- und Selbsthassbeichte zerschneiden Streicherskalen. Saint-Saens hat für die triebsatte Sphäre eine Musik geschrieben, mit der das formidable Orchester (GMD Axel Kober) den unheilschwangeren Raum füllt.

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila - hier : Michael Weinius als Samson, Ramona Zaharia als Dalila, Simon Neal als Oberpriester des Dagon und das Establihment © Jochen Quast

Deutsche Oper am Rhein / Samson et Dalila – hier : Michael Weinius als Samson, Ramona Zaharia als Dalila, Simon Neal als Oberpriester des Dagon und das Establihment © Jochen Quast

Der liebestolle Held ist im Boudoir der Dame seiner Haare und mithin seiner Stärke ledig geworden, und folgerichtig befindet er sich im 3. Akt gefoltert und blind wieder in der Gewalt der alten Herrschaften, seinetwegen haben auch die Genossen ihre junge Freiheit eingebüßt. Sie grollen ihrem Anführer und beklagen die neue unselige Lage, indessen Samson heftig mit seine Willens- und Körperschwäche hadert.

Das Kartell der siegreichen Minenbesitzer feiert mit Dalila in einer skurrilen Choreografie ihren Gott Mammon. An die Stelle des in der Partitur vorgesehenes Ballett-Bacchanal der Philister/Innen ist passend und listig der verzückte Reigen der Bosse um ihre Geldkisten ob des geglückten Putschs: hat die Revolution doch neuerlich ihre Kinder gefressen, sind die alten Zustände zurückgekehrt. Samson gerät ob der Demütigung und Schmähung seiner Ideale in einen heiligen(?) Zorn, aus dem ihm noch einmal solche Kraft zuwächst, dass, so wie er mit den Kumpels im ersten Bild des ersten Aktes aus der Erde ans Tageslicht fuhr, jetzt die gesamte Kapitalistenclique im Boden versinkt. Ein Menetekel?

Eine Oper, die einen Märtyrermythos einbindet, in reiner Form einer nicht durchgängig religionsnahen Zuhörerschaft anzubieten, dürfte bei ihr kaum Resonanz finden. Allein die Passionsgeschichte der Israeliten für ihren Glauben verträgt die Umdeutung in eine Erzählung von Arm und Reich oder Macht und Ohnmacht. Und zudem eine der Interdependenz von Frau und Mann: der einfache, von seinen Leidenschaften zerrissene, aber baumstarke Samson konfrontiert mit Eva, der Schlange. Oder gar dem Vamp, der Femme Fatal, dem ihm überlegenen Weib? Und erst recht eine Erzählung von der Steuerung der Menschen…. ja durch wen und was?

Die Mythen der Geschichte sind zeitlos. Indem die Düsseldorfer Inszenierung den von Samson und Dalila zu einem Gesellschaftskonflikt aufbereitet und zur Schau stellt als ein augenfälliges Theater, das den Menschen anfasst, beleidigt sie damit keineswegs die hehren Ideen dahinter. Puristen mögen mäkeln, das Ganze sei zu realistisch geschminkt, allein es schadet selbst der absichtsvollsten Oper nicht, sollte sie ein bisschen als Spektakel daherkommen.

So fügt sich auch die Musik Camille Saint-Saens ohne Bruch der neuen Deutung. Die Solisten singen und spielen sich zu verständlichen Figuren, der Chor – S.+D. ist im Grunde eine Choroper – lamentiert, droht und jubelt meisterlich als Herrschaft wie als Knechtschaft, die Musikalisierung des agonalen wie emotionalen Dramas von hörbar französischem Charakter liegt bei den Düsseldorfer Symphonikern in allerbesten Händen.

Alles Anlass für das Publikum, nach dem zwar finsteren, das Gerechtigkeitsempfinden immerhin beruhigende Finale mit lautem Beifall nicht zu geizen. Zweieinhalb Stunden Zustandsschilderung als rundherum vortreffliches Theater dargeboten, Opernfreundinnen und Opernfreunde, was wollt Ihr mehr?

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