München, Residenztheater, Richard III von William Shakespeare, IOCO Kritik, 02.02.2018

Februar 2, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Residenztheater, Schauspiel

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Richard III von William S. Shakespeare

Ich bin ich“

Von Hans-Günter Melchior

Das ist nicht einfach die Nacht. Das ist in sich gefärbtes Schwarz, ein Schwarz wie eine Gemütskrankheit, das von der Bühne aus auf den Zuschauer eindringt und als schwerer Schatten auf seiner Seele zu lasten beginnt. Und ganz hinten, aus der Tiefe des Bühnenraums auftauchend, glimmt näherkommend das Blutrot einer Plastiktüte, mit der Richards Opfer erstickt werden. Dazu eine düstere Musik (Bert Wrede), die Leid ins Leiden träufelt, atonal, dunkel und schwebend das Schwarz grundierend.

Was für ein brillanter Einfall. Man spürt sofort: hier wird das menschlich Abgründige in der Gestalt eines – vor allem seelisch – Verkrüppelten verhandelt, einem Scheusal, das sich am Ende vor sich selbst zu fürchten scheint. Erst als Richard erledigt ist, wird es ein wenig heller.

Residenztheater München / Richard III - hier v.l. Charlotte Schwab als Herzogin von York, Hanna Scheibe als Königin Elisabeth, Norman Hacker Richard III, Sibylle Canonica als Margaret © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III – hier v.l. Charlotte Schwab als Herzogin von York, Hanna Scheibe als Königin Elisabeth, Norman Hacker Richard III, Sibylle Canonica als Margaret © Matthias Horn

Shakespeares bluttriefendes Drama. Sein Pessimismus. Der Verstand, so kann man herauslesen, ist moralisch neutral. Nichts weiter als eine Funktion, die sich auf die Methode der Logik stützt. Wenn der Mord aus rationalen Gründen vorteilhaft ist, dann wird eben gemordet, so die beängstigende Lehre, die sich an die Erkenntnisse der vernunftkritischen modernen Philosphie hält.

Unter Michael Thalheimers Regie ist die von Olaf Altmann arrangierte Bühne eine Hauptdarstellerin. Der Boden ist mit einem zerstückelten Material bedeckt, Papierfetzen oder was auch immer, mehr Müll als sicherer Untergrund. Auf ihm wandeln geisterhaft, marionettenähnlich die Darsteller, ihrem Grauen ausgeliefert und wie von den Scheinwerfern aufs Schwarz gezeichnete Lemuren. Zuweilen wirken sie auch wie aus einer schwarzen Folie herausgeschnitten, in Schreckensstarre stehengebliebene Fotografien, eindringlich, symbolhaft…

Ein insgesamt großer Abend. Die negative Kritik der großen Zeitungen wirkt mäkelig, oberflächlich und ist unberechtigt:  Als hätte man sich abgesprochen.

Widerspruch gegen diese Kritik ist veranlasst: Thalheimer ist ein großer Regisseur. Und er hat in Norman Hacker einen großen Schauspieler für die Titelfigur ausgewählt, einen Mimen, der alle Schattierungen der Seelenzustände beherrscht, vom Aufbegehren und Zynismus bis zum Wahnsinn, oft in einem Satz abrupt die Stimmung wechselnd, vom Hochmut in die Depression und von der Depression in das manische Irresein verfallend.

Residenztheater München / Richard III - hier v.l. v.l. Norman Hacker als Richard III und Thomas Schmauser als Herzog von Buckingham © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III – hier v.l. v.l. Norman Hacker als Richard III und Thomas Schmauser als Herzog von Buckingham © Matthias Horn

Vielleicht ist der Ton ein wenig zu forciert, zu hoch angelegt, dass man an einigen – wenigen – Stellen den Text vor Geschrei kaum noch versteht. Die flüsternden und taktierenden und intrigierenden Scheusale sind vielleicht gefährlicher. Jedoch selten. Machten etwa Stalin und Hitler, besonders letzterer ein Schreihals, aus ihrem Machtwahn einen Hehl? Und was ist mit Erdogan und diesem unsäglichen Kim aus Nordkorea? Schreier allesamt, die die eigenen Einwände überschrien bzw. überschreien.

Die Inszenierung hält sich freilich mit aktuellen politischen Anspielungen zurück. Platte Bezugnahmen auf die Tagespolitik sind auch nicht nötig. Ein gedämpfterer Tonfall wäre vielleicht – für den örer – HHHH Hörer – hilfreich gewesen, geboten oder gar von der Thematik erzwungen ist er indessen nicht. Shakespeares Stück ist nunmal eine einzige Allegorie fiebriger Machtbesessenheit und triebhafter Egomanie. So konsequent, dass sie sogar Unwahrscheinlichkeiten in Kauf nimmt. Welchem Machthaber, mag er noch so unangefochten sein, gelänge es schon, die Frau oder die Schwester der von ihm Ermordeten zu heiraten? Das überstiege selbst die unverschämtesten Erwartungen eines Tyrannen.

In der – insoweit von Thalheimer freilich gekürzten – shakespeare´schen Originalfassung verliert die Realität zum Schluss folgerichtig ihre Konturen, die Linien verwischen sich ins Traumhaft-Irreale: z.B. wenn Richard III und seinem gegen ihn vorrückenden Feind Richmond vor der entscheidenden Schlacht Geister erscheinen, die das Ende, Richards Untergang und Richmonds Sieg, seherisch vorwegnehmen.

Ein Wort des Einwands freilich gegen Schluss der Inszenierung: er ist deren einzig wirkliche Schwäche, einmal abgesehen davon, das die Übersetzung von Thomas Brasch hinter dem tiefsinnigen und literarisch eleganten Deutsch von August Schlegel zurückbleibt. Enttäuschend ist vor allem der Umstand, dass Richard das berühmte Zitat „Ein Pferd! ein Pferd! mein Königreich für´n Pferd!“ ohne Zusammenhang mit dem konkreten Kampfgeschehen herunterleiert, als sage er sich: das muss unbedingt noch kommen, sonst sind die Zuschauer beleidigt. Man versteht zwar den Regisseur: was soll die Zitatenhuberei will er uns sagen. Dennoch steht dieser Ausspruch für die kreatürliche Not eines besiegten Wahnsinnigen, den die Realität wie mit einem Würgegriff überfällt.

Residenztheater München / Richard III © Matthias Horn

Residenztheater München / Richard III © Matthias Horn

Ich bin ich“.  Bin ich denn so?, fragt man sich. In einem irren Wort- und Gedankenwirbel lässt Thalheimer seinen Richard diesen und inhaltlich ähnliche Sätze formelhaft in Kopf und Mund hin und her drehen und herunterrasseln –; und es kommt immer das Selbe heraus: ich bin der, der ich bin. Nichts weiter. Ich bin das nicht erfolgreich gezähmte Tier im Kampf aller gegen alle (Thomas Hobbes: bellum omnium contra omnes).

Eine sehr feine Pointe der Inszenierung. Selbst Richards großspuriges Projekt der – negativen – Charakterbildung ist kläglich gescheitert. Will er doch am Anfang wenigstens dies sein: ein Bösewicht (in Schlegels Übersetzung: „Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter/ Kann kürzen diese fein beredten Tage/ Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden“). Ein Charakter, mit Eigenständigkeit und inhaltlicher Originalität ausgestattet, wenngleich auch ein schlechter, abgründiger Charakter, wäre nach Kant der Freiheit wenigstens näher gewesen als ein Charakterloser. Dieser Richard aber hat nicht einmal einen schlechten Charakter. Er kommt, konzeptionslos, wie er ist, über die Leerformel „Ich bin ich“ nicht hinaus, seine Pläne drehen in sturer Wiederholung, im Ausgeliefertsein an die Bestiennatur durch. So ist er nichts weiter als ein böser Maniker, der sich um die eigene Achse dreht.

Ein hoffnungsloser Befund.

Glaubwürdiger als von Norman Hackers Richard in der Inszenierung von Michael Thalheimer kann das kaum vermittelt werden. Das übrige Ensemble assistiert in gewohnter Bravour, hervozuheben wäre der Catesby von Marcel Heuermann.

Dankbarer Beifall – zu Recht.

Richard III im Residenztheater München, weitere Vorstellungen:  So  25. Feb 18, 19:00 Uhr, Mo 26. Feb 18, 19:00 Uhr, Di 20. Mär 18, 19:00 Uhr, Mi 21. Mär 18, 19:00 Uhr, Di 27. Mär 18, 19:00 Uhr, Mi 28. Mär 18, 19:00 Uhr

Residenz Theater München – Karten Hier
Karten Kaufen

Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck, 08.12.2017

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Nach vielen Jahren – Hänsel und Gretel an der Lindenoper

8. Dezember 2017: Nach 54 Jahren gibt es erstmals wieder eine Neuproduktion von Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel an der Staatsoper Unter den Linden – in einer Inszenierung von Achim Freyer und unter der musikalischen Leitung von Sebastian Weigle

Regisseur Achim Freyer © Monika Rittershaus

Regisseur Achim Freyer © Monika Rittershaus

Am 8. Dezember steht mit Engelbert Humperdincks Märchenspiel in drei Bildern Hänsel und Gretel in der Regie von Achim Freyer die zweite Premiere der Spielzeit an der Staatsoper Unter den Linden auf dem Programm. Die musikalische Leitung der Staatskapelle Berlin übernimmt Sebastian Weigle. In den Titelpartien sind Katrin Wundsam und Elsa Dreisig zu erleben. Die letzte Neuproduktion von Hänsel und Gretel, eine Inszenierung von Erich-Alexander Winds, feierte am 23. November 1963 Premiere an der Staatsoper Unter den Linden. Die 234. und letzte Vorstellung fand 33 Jahre später am 23. Dezember 1996 statt – seitdem wurde das Stück an der Staatsoper nicht mehr aufgeführt.

Humperdincks Werk überführt das bekannte Märchen in eine humorvolle Erzählung, die auch dank ihres kompositorischen Tiefgangs weit über die Ansprüche einer einfachen Kinderoper hinaus geht. Mit großer Poesie thematisiert sie die Ängste und Wünsche einer in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie, deren jüngste Mitglieder den Verlockungen der bösen Hexe widerstehen. Ein Stoff, der für den großen Künstler Achim Freyer geradezu wie gemacht scheint: In seiner kunstvoll-bunten Inszenierung für alle Altersklassen zeichnet er phantasiereich und mit Humor die Charaktere nach – nicht ohne darin auch Querverweise für die Erwachsenen zu verstecken und u. a. die Verführung von Kindern zum Konsum durch weltumspannende Konzerne zu thematisieren.

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Figurinenentwurf der Knusperhexe zu Hänsel und Gretel © Achim Freyer

Staatsoper Unter den Linden Berlin / Figurinenentwurf der Knusperhexe zu Hänsel und Gretel © Achim Freyer

Achim Freyer ist Maler, Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner. Als Schauspielregisseur arbeitete Achim Freyer u. a. am Berliner Schlossparktheater, am Schiller Theater, am Berliner Ensemble sowie am Wiener Burgtheater. 1988 gründete er das Freyer-Ensemble, mit dem er eine vollkommen eigenständige Theatersprache entwickelte und zahlreiche eigene Stücke realisierte. Darüber hinaus wurden ihm u. a. der Nestroy Theaterpreis, der Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Mit seinem bildnerischen Werk ist er regelmäßig auf internationalen Ausstellungen vertreten, dazu zählten u. a. die documenta 6 und 8 in Kassel. An der Staatsoper Unter den Linden führte Achim Freyer u. a. 2008 Regie bei Peter Tschaikowskys Eugen Onegin sowie 2012 bei Rappresentatione di Anima et di Corpo von Emilio de’ Cavalieri. Bei der Inszenierung von »Il barbiere di Siviglia« von Ruth Berghaus, die 1968 Premiere an der Staatsoper feierte, bis heute auf dem Spielplan steht und im April 2018 wieder aufgenommen wird, zeichnete Achim Freyer für das genial-einfache Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich. Auch bei der Neuproduktion von »Hänsel und Gretel« ist Achim Freyer nicht nur als Regisseur, sondern auch für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich.

Sebastian Weigle studierte Horn, Klavier und Dirigieren an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. 1982 wurde er zum 1. Solohornisten der Staatskapelle Berlin ernannt. Nach 15 Jahren als Orchestermitglied war er von 1997 bis 2002 Staatskapellmeister an der Berliner Staatsoper. Von 2004 bis 2009 war er als Chefdirigent am Gran Teatre del Liceu in Barcelona tätig.Nach mehreren erfolgreichen Produktionen an der Oper Frankfurt wurde Sebastian Weigle mit Beginn der Spielzeit 2008/09 dort zum Generalmusikdirektor berufen. An der Staatsoper Unter den Linden dirigierte Sebastian Weigle zuletzt 2015 die Premiere von Der Freischütz in der Regie von Michael Thalheimer.

Die Rolle des Hänsel übernimmt die österreichische Mezzosopranistin Katrin Wundsam, als Gretel ist Elsa Dreisig zu erleben, die seit dieser Spielzeit fest zum Ensemble der Staatsoper Unter den Linden gehört und in der Saisoneröffnungspremiere »Zum Augenblicke verweile doch! Szenen aus Goethes Faust« als Gretchen auf der Bühne stand. Zum weiteren Ensemble zählen in wechselnder Besetzung  Natalia Skrycka, Evelin Novak sowie Roman Trekel, Arttu Kataja, Marina Prudenskaya, Anna Samuil, Jürgen Sacher, Stephan Rügamer, Corinna Scheurle und Sarah Aristidou. Es singt darüber hinaus der Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden (Einstudierung: Vinzenz Weissenburger).

Zur Einstimmung auf die Premiere findet am Sonntag, den 26. November um 11 Uhr im Apollosaal der Staatsoper Unter den Linden ein Künstlergespräch statt – mit Achim Freyer, Sebastian Weigle und Elena Garcia Fernandez (Dramaturgie). Katrin Wundsam und Elsa Dreisig werden einen musikalischen Einblick in das Werk geben, begleitet von Pianist Markus Appelt. Die Matinee wird moderiert von der Dramaturgin Larissa Wieczorek. Der Eintritt ist frei.

Am 16. Dezember veranstaltet die Junge Staatsoper um 14 Uhr anlässlich der Premiere einen Familienworkshop, bei dem sich Kinder von 8 bis 14 Jahren und ihre Eltern (bzw. Großeltern oder Paten) gemeinsam auf den Besuch einer Vorstellung vorbereiten können. Am 23. und 29. Dezember finden jeweils um 15 Uhr zwei Familienvorstellungen von Hänsel und Gretel statt, bei denen Kinder und junge Erwachsene unter 18 Jahren auf allen Plätzen nur 10 Euro zahlen, für die Eltern gilt der Originalpreis. PMStUdL

Hänsel und Gretel an der Staatsoper Unter den Linden: Premiere 8.12.2017, weitere Vorstellungen 11.12.2017, 12.12.2017, 23.12.2017, 25.122.2017, 29.12.2017

 Staatsoper Unter den Linden – Karten Hier :
Karten Kaufen

Berlin, Komische Oper Berlin, Premiere: Der Jahrmarkt von Sorotschinzi, 02.04.2017

März 10, 2017 by  
Filed under Komische Oper Berlin, Oper, Premieren, Pressemeldung

Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

 
Der Jahrmarkt von Sorotschinzi  von Modest Mussorgski

Premiere: Sonntag, 2. April 2017 | 19 Uhr | Livestream auf theoperaplatform.eu

Die Komische Oper Berlin entdeckt Modest P. Mussorgskis letzte unvollendete Oper wieder: Der Jahrmarkt von Sorotschinzi erzählt im Kern von der kollektiven Angst einer abergläubischen Dorfgemeinschaft, aber auch von Liebe und Lebenslust. Ab April ist das selten gespielte Werk in einer Neuproduktion von Barrie Kosky zu erleben. Der Intendant und Chefregisseur inszeniert den Jahrmarkt als pralles, bisweilen groteskes Volksstück, in dessen Mittelpunkt das ausschweifende Leben und Treiben der verschworenen Dorfgemeinschaft mit all seinen Späßen und Derbheiten steht. Die Ausstattung von Katrin Lea Tag lässt das bunte und genussvolle Jahrmarkttreiben in einem zeitlos-minimalistischen Bühnenraum lebendig werden. Dirigent Henrik Nánási leitet mit dem Jahrmarkt seine letzte Neuproduktion als Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin.

Basierend auf einer Erzählung von Nicolai W. Gogol erzählt der Jahrmarkt von Sorotschinzi eine zeitlose Geschichte über Gemeinschaft und Außenseitertum, Aberglauben, kollektive Angst und Manipulation – aber eben auch über die Liebe, die Lust und das Leben. Trinklieder, Tänze, Volksgesänge und ein wilder Hexensabbat: Das Volk als überschäumende Quelle der Energie steht im Mittelpunkt von Mussorgskis temporeicher und in der Sprunghaftigkeit ihrer Handlung überaus eigenwilliger Oper. Vom Komponisten nur in Fragmenten hinterlassen, konnte dieses komisch-groteske Meisterstück erst viele Jahre nach Mussorgskis Tod uraufgeführt werden. Zuletzt war es 1948 in Berlin zu sehen, in der ersten Spielzeit der Komischen Oper unter Walter Felsenstein.

Im Zentrum der Oper steht der Chor: Die Chorsolisten der Komischen Oper Berlin werden wie schon bei Moses und Aron unterstützt vom Vocalconsort Berlin. Die Solopartien übernehmen die Ensemblemitglieder Mirka Wagner, Jens Larsen,
Tom Erik Lie, Carsten Sabrowski und Ivan Turši sowie Agnes Zwierko, Alexander Lewis und Hans Groning als Gast.

Die Premiere wird auf theoperaplatform.eu live gestreamt.


Modest P. Mussorgski:    Der Jahrmarkt von Sorotschinzi
Oper in drei Akten [1880/1932], Libretto vom Komponisten nach der Erzählung von Nikolai W. Gogol, nach dem Autograf des Komponisten rekonstruiert von Pawel Lamm, vervollständigt, und instrumentiert von Wissarion J. Schebalin, In russischer Sprache

Stab: Musikalische Leitung: Henrik Nánási, Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild und Kostüme: Katrin Lea Tag, Dramaturgie: Ulrich Lenz, Chöre: David Cavelius, Licht: Diego Leetz

Besetzung: Tscherewik, ein Bauer: Jens Larsen | Chiwrja, seine Frau: Agnes Zwierko | Parasja,, Tochter des Tscherewik: Mirka Wagner | Gevatter: Tom Erik Lie | Grizko,
Bauernbursche: Alexander Lewis | Afanassi Iwanowitsch: Ivan Turši? | Zigeuner:
Hans Groning | Tschernobog, Oberteufel: Carsten Sabrowski | Orchester und
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin sowie Vocalconsort Berlin u.a.

Premiere: Sonntag, 2. April 2017, 19 Uhr (live auf theoperaplatform.eu), Weitere Vorstellungen: 9. / 14. / 22. Apr; 13. Mai / 10. Jun / 16. Jul 2017, Einführungsmatinee: So, 19. Mrz, 12 Uhr (ab 10 Uhr Opernfrühstück)


Zur Handlung
Die Geschichte spielt in einem ukrainischen Dorf – Sorotschinzi, dem Geburtsort von Nikolai Gogol. Hier treibt ein Teufel sein Unwesen: Aus der Hölle vertrieben, habe er, so erzählt man sich, aus Langeweile einst das Saufen begonnen und seinen blutroten Kittel beim Schankwirt von Sorotschinzi versetzt, um ihn nach Jahresfrist wieder einzulösen. Der Schankwirt aber verkaufte den Kittel, weswegen der Teufel ihn bis heute sucht und Bewohner und Durchreisende in Sorotschinzi immer wieder aufs Neue in Angst und Schrecken versetzt. So auch den Bauern Tscherewik, dessen Tochter Parasja den Bauernburschen Grizko liebt, ihn aber nicht heiraten darf, weil die streitsüchtige, ihren Mann Tscherewik fortwährend schikanierende Stiefmutter Chiwrja einen einfachen Bauernburschen für eine schlechte Partie hält. Es ist kein Zufall, dass es ausgerechnet der nicht voll zur Gemeinschaft gehörende Zigeuner ist, der die Ängste der abergläubischen Dorfbewohner geschickt zu nutzen weiß, um den beiden Liebenden zu ihrem Glück zu verhelfen…

Über Werk, Fassung, Komponist und musikalische Aspekte Modest P. Mussorgski (1839-1881), ein wahrhafter Querschläger der russischen Musikszene seiner Zeit, vollendete die wenigsten seiner Werke, hinterließ aber geniale Fragmente, denen oft der finale Feinschliff noch fehlt. Der Jahrmarkt von Sorotschinzi, seine letzte Oper, ist ein extremes Beispiel dafür: Das 1874 begonnene Werk bearbeitete der alkoholkranke Komponist bis fast zu seinem Tod. Gezeichnet von Halluzinationen schaffte er es aber nicht mehr, es zu vollenden. Unter den unterschiedlichen Fassungen, die spätere Komponisten vollendeten, wählte Barrie Kosky die fünfte und letzte Fassung von Pawel Lamm und Wissarion J. Schebalin (1932), da sie den Absichten des Komponisten am nächsten zu kommen scheint und der ungehobelten, kraftvoll-zupackenden Kompositionsweise Mussorgskis Rechnung trägt. Kosky reichert die Fassung zudem mit vier auf Liedern Mussorgskis basierenden A-cappella-Chören für den auf 80 Sängerinnen und Sänger erweiterten Chor an. Walter Felsenstein setzte die Oper 1948 in der ersten Spielzeit der Komischen Oper in der Fassung von Nikolai Tscherepnin auf den Spielplan.

»Ochsen, Säcke, Heu, Zigeuner, Töpfe, Weiber, Lebkuchen, Mützen – alles ist so leuchtend bunt und schwirrt vor den Augen!« – so beschreibt Gogol das aufgeregte Treiben auf dem Jahrmarkt in Sorotschinzi. Und mitten in diesem lärmenden Getümmel spielt Mussorgskis Oper, in der sich Märchenhaftigkeit der russischen Schule mit einer ordentlichen Portion derber Trinklust mischt. Doch der Stoff des Stücks ist tiefgründiger: Im Mittelpunkt der Handlung steht das Volk als Kollektiv – es geht um geteilte Angst, geteilten Aberglauben. Angst wird nicht weniger, wenn man sie teilt – sondern kann sich gar unkontrollierbar vervielfachen. Dies passiert in großen Nationen ebenso wie im kleinen Dorf Sorotschinzi.

Inspiriert durch Gogols Erzählung, schrieb Mussorgski das Libretto zu seiner Oper selbst. Er verknüpfte die Handlung mit Volksliedern, choralartigen Gesängen, wilden Tänzen und Trinkliedern. Der bekannteste Teil der Oper ist dabei die zum Chorstück erweiterte Nacht auf dem kahlen Berge als Traum des Bauernburschen Grizko. Für die Vertonung alter heidnischer Bräuche wählte Mussorgski exzessive Ausbrüche in musikalische Grenzbereiche. Auf einem Fest der entfesselten Sinne ist keine Spur von spießiger Beschaulichkeit oder dumpfer Gemütlichkeit mehr zu spüren: Wo der Teufel tanzt, darf es ruhig schrill und hysterisch zugehen. Als Gegenbild zur täglich geordneten Routine bricht die Nacht des Hexensabbats mit allen Regeln, auch den musikalischen. Das Fehlen von Symmetrie und Form wurde Mussorgski immer wieder zum Vorwurf gemacht. Sein strenger Lehrer Mili Balakirew beispielsweise versah ihm harmonisch kühne Stellen gar mit der Anmerkung »unsinnig«.

Dass Mussorgski den volkstümlichen Ton so gut traf, war wohl kein Zufall. Ihm fehlte in seinem Leben quasi durchgehend der heitere Teil einer exzessiven Feier, nicht aber der destruktive. Obwohl die schon in seinen Zwanzigern beginnende Trunksucht ihm zunehmend das Komponieren erschwerte, schuf er mit seiner höchst eigenwilligen Tonsprache Arbeiten, die zu den wahrhaftigsten Momenten auf der Opernbühne gehören. Seine größten Werke – Boris Godunow und Chowanschtschina – gehören der Gattung »Musikalisches Volksdrama« an und wie beim Jahrmarkt spielt die Gemeinschaft auch hier eine entscheidende Rolle.

Über das Inszenierungsteam

Barrie Kosky ist seit der Spielzeit 2012/13 Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin. Am Ende seiner ersten Spielzeit wurde die Komische Oper Berlin in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt zum Opernhaus des Jahres gewählt, 2016 wurde er in derselben Umfrage zum Regisseur des Jahres ernannt. 2014 erhielt er den International Opera Award als Regisseur des Jahres, im darauffolgenden Jahr wurde die Komische Oper Berlin mit dem International Opera Award in der Kategorie Ensemble des Jahres ausgezeichnet.

Zu seinen jüngsten Arbeiten an der Komischen Oper Berlin zählen Die Zauberflöte (zusammen mit »1927«), deren Vorstellungen inzwischen weltweit von mehr als 250.000 Zuschauer*innen auf drei Kontinenten besucht wurden, Die Monteverdi- Trilogie, Ball im Savoy, West Side Story, Moses und Aron, Les Contes d’Hoffmann, Jewgeni Onegin sowie seine Inszenierung von Castor et Pollux (Koproduktion mit der English National Opera), die 2012 mit dem Laurence Olivier Award als beste neue Opernproduktion ausgezeichnet wurde. Engagements als Opernregisseur führten Barrie Kosky unter anderem an die Bayerische Staatsoper München (Die schweigsame Frau und Der feurige Engel), zum

Glyndebourne Festival (Saul), an die Oper Frankfurt (Dido and Aeneas/Herzog Blaubarts Burg und Carmen), De Nationale Opera Amsterdam (Armide) sowie ans Opernhaus Zürich (La fancuilla del West und Macbeth). Seine Inszenierungen waren außerdem an der Los Angeles Opera, am Teatro Real Madrid, an der English National Opera in London, an der Wiener Staatsoper, an der Oper Graz, am Theater Basel, am Aalto Theater Essen, an der Staatsoper Hannover, am Deutschen Theater Berlin sowie am Schauspielhaus Frankfurt zu erleben.

Barrie Kosky war 1996 Künstlerischer Leiter des Adelaide Festivals in Australien und inszenierte an der Opera Australia, der Sydney Theatre Company, der Melbourne Theatre Company und bei den internationalen Festivals in Sidney und Melbourne. Von 2001 bis 2005 war er Ko-Intendant des Schauspielhauses Wien. Im Oktober 2016 debütierte er mit großem Erfolg mit Die Nase am Royal Opera House Covent Garden in London. In der Spielzeit 2016/17 inszenierte er an der Komischen Oper Berlin bereits Die Perlen der Cleopatra, nun folgt Der Jahrmarkt von Sorotschinzi. Seine Produktion von Saul für das Glyndebourne Festival eröffnete das Adelaide Festival 2017. Im Juli 2017 debütiert er außerdem mit Die Meistersinger von Nürnberg bei den Bayreuther Festspielen. Zukünftige Pläne umfassen unter anderem erneute Engagements an der Bayerischen Staatsoper, der Oper Frankfurt, der Los Angeles Opera sowie beim Glyndebourne Festival.

Henrik Nánási stammt aus Pécs, Ungarn. Seine musikalische Ausbildung erhielt er am Béla-Bartók-Konservatorium in Budapest und an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Nach ersten Engagements am Stadttheater Klagenfurt und am Theater Augsburg wurde er 2007 Erster Kapellmeister und Stellvertretender Chefdirigent am Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Er hat zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien erhalten, so unter anderem die Würdigung der Bayreuther Richard-Wagner-Stiftung, das Stipendium des Bundesministeriums für Wissenschaft, Verkehr und Kunst sowie die Anerkennung der Dr. Martha Sobotka- Charlotte Janeczek-Stiftung für außerordentliche künstlerische Begabung.

Heute ist Henrik Nánási ein international gefragter Künstler an zahlreichen Opernhäusern. Er leitete Turandot am Royal Opera House Covent Garden in London, La traviata an der Bayerischen Staatsoper und Carmen in der Arena di Verona. Weitere Aufgaben führten ihn an die Hamburgische Staatsoper, an die Oper Frankfurt sowie an die Dresdner Semperoper. Zuletzt gab er sein Debüt am Opernhaus Zürich, am Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia und an der Lyric Opera of Chicago. Er arbeitet mit namhaften internationalen Orchestern zusammen, darunter das Radio-Symphonieorchester Wien, das Bruckner Orchester Linz, die Essener Philharmoniker, das Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino, das Orchestra del Teatro di San Carlo di Napoli und das Orchestra del Teatro Massimo Palermo.

Seit der Spielzeit 2012/13 ist Henrik Nánási Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin. Dort verantwortete er die musikalische Leitung der Neuproduktionen von Die Zauberflöte, Mazeppa, Così fan tutte, Der feurige Engel, Die schöne Helena, Don Giovanni, Gianni Schicchi/Herzog Blaubarts Burg, Jewgeni Onegin sowie im Sommer 2016 Cendrillon. In der Spielzeit 2016/17 gab er neben seinen Aufgaben an der Komischen Oper Berlin sein Debüt an der Opéra National de Paris mit Mozarts Die Zauberflöte. Darüber hinaus kehrte er mit Rossinis Il barbiere di Siviglia an das Royal Opera House Covent Garden in London zurück. Auf dem Konzertpodium gab Nánási sein Debüt beim Orchestra del Teatro La Fenice di Venezia. Im Mai 2017 kehrt er mit einer Neuproduktion von Massenets Werther an das Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia zurück. Im September 2017 folgt sein Debüt an der San Francisco Oper mit Strauss’ Elektra.

Die Berlinerin Katrin Lea Tag studierte von 1993 bis 1999 Bühnenbild, Malerei und Graphik an der Akademie der bildenden Künste Wien. 1997 gewann sie den 1. Preis beim Internationalen Wettbewerb für Regie und Bühnengestaltung in Graz. Es folgten mehrfache Assistenzen bei Katrin Brack. Sie entwarf Kostüme für Inszenierungen von Dimiter Gotscheff (darunter Iwanow, eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2006). Seit 2006 arbeitet sie regelmäßig mit Michael Thalheimer (Kostüme u. a. am Deutschen Theater Berlin, am Thalia Theater Hamburg, am Burgtheater Wien, an der Staatsoper Berlin, am Königlich Dramatischen Theater in Stockholm, am Schauspiel Frankfurt), mit Barrie Kosky (Bühne und Kostüme u. a. an der Oper Frankfurt, an der Staatsoper Hannover, an der English National Opera in London, an der Komischen Oper Berlin und an der LA Opera), mit Christiane Pohle (u. a. bei der Ruhrtriennale 2005 und am Akademietheater Wien) und Hans Neuenfels (Ariadne auf Naxos, Staatsoper Berlin) zusammen. An der Komischen Oper Berlin zeichnete sie zuletzt 2015 für die Bühnenbild und Kostüme vonvon Jacques Offenbachs Les Contes d’Hoffmann verantwortlich. PMKOB

Komische Oper Berlin – Alle Karten Hier :
Karten Kaufen

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere Otello von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 11.10.2016

Oktober 12, 2016 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Otello an der Rheinoper Düsseldorf: Ein Sturm, eine brutale Äußerung der Natur, leitet das Drama ein, und es schließt mit einem Kuss, dem innigsten Liebeszeichen des Menschen. Dazwischen richtet Jago, als nahezu mephistophelisches Modell eine Spottgeburt (Goethe) aus Neid und Hass, mittels einer ba­nalen Intrige die von einem Paar als Erfüllung empfundene Verbindung zu­grunde. Der Mann, Otello, von der afrikanischen Abstammung her…….

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

„Frauenmord auf Zypern“

Giuseppe Verdis OTELLO an der DEUTSCHEN OPER AM RHEIN

Von Albrecht Schneider

Ein Sturm, eine brutale Äußerung der Natur, leitet das Drama ein, und es schließt mit einem Kuss, dem innigsten Liebeszeichen des Menschen. Dazwischen richtet Jago, als nahezu mephistophelisches Modell eine Spottgeburt (Goethe) aus Neid und Hass, mittels einer ba­nalen Intrige die von einem Paar als Erfüllung empfundene Verbindung zu­grunde. Der Mann, Otello, von der afrikanischen Abstammung her in der Gesellschaft ein Außenseiter, der er trotz seiner militärischen Erfolge und seines Prestiges geblieben ist, zerbricht an dem Liebesverlust, der in der scheinbaren Untreue seiner ihn geradezu anbetenden Gattin Desdemona gründet. Er tötet die Frau.

Deutsche Oper am Rhein / Otello - Zoran Todorovich als Otello © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Otello – Zoran Todorovich als Otello © Hans Jörg Michel

Otello, der sieghafte General in Diensten Venedigs, bezwingt zwar dessen Feinde, allein die Strategie seines Fähnrichs und Verleumders Jago, eines Fürsten der Lüge, vermag er nicht zu durchschauen. Über die eigene Blindheit erst nach dem Mord aufgeklärt, will und kann er nicht weiterleben und ersticht sich. Sterbend küsst er die Geliebte ein letztes Mal.

Beginnend mit den ff. Tuttischlägen des Orchesters und in einem Ungestüm, das sich im Verlauf der vier Akte verflüchtigt, rauscht die Handlung gleich einem Unwetter vorüber. Mit einem in die Stille des Todes ausklingenden p. F-Dur Akkord kommt sie zu ihrem Ende.

In Michael Thalheimers Inszenierung an der Rheinoper zu Düsseldorf geschieht das alles in einem schwarzen Kubus. Nirgendwo leuchtet ein Farbfleck, nirgendwo haftet ein Zeichen, das Zeit und Ort des Geschehens, den Rang von Mann und Frau verrät. Alle sind schwarz gekleidet. Otellos Gesicht trägt Schwarz als Maske. Vielleicht auch als Stigma. Das anfangs den Vernichter der feindlichen Flotte begrüßende Volk von Zypern suggeriert als ein mächtiger schwarzer Menschenhaufen im Hintergrund eher Drohung denn Jubelgesang. Eingegrenzt von vier hohen, dunklen Wänden agieren die Figuren lediglich in einem schmalen Lichtkegel, und der erlaubt ihnen nicht immer einen Schatten zu werfen. In dem Milieu gedeiht die schwarze Seele des Jago, der die Beziehungen aller Personen um ihn herum erfolgreich zu demolieren unternimmt.

„Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?“, fragt Danton in Georg Büchners Theaterstück bereits 1835. Eine Frage, die zeitlos ist. Und auf die es unendlich viele Antworten gibt.

Deutsche Oper am Rhein/ Otello - Vorne Statsenko, Todorovich, Purcel, hinten Jaqueline Wagner © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein/ Otello – Vorne Statsenko, Todorovich, Purcel, hinten Jaqueline Wagner © Hans Jörg Michel

Als Kopfgeburten des labilen Otello, als Kreaturen von dessen Wesens dunkler Seite, präsentiert der Regisseur die Akteure. Jago (Boris Statsenko), ein amoralischer Nihilist, Cassio (Ovidiu Purcel) ein ehrpusseliger, blasser Hauptmann, Roderigo (Florian Simson) ein manipulierbarer, triebgesteuerter Edelmann, Emilia (Sarah Ferede), Jagos Gattin, eine gedemütigte und sich zu spät befreiende Frau. Begreiflich werden sie durch die Herkunft des erfolgreichen Generals, dessen zwar hervorgehobenen, gleichwohl allzeit sturzbedrohten Rang in einer intriganten Umgebung, die ihn als exotischen Fremdling und Emporkömmling wie ein körperfremdes Implantat eher abstoßen als würdigen möchte. Von solcher Fraktion affektgesteuerter Dunkelmänner muss sich Desdemona (Jacquelyn Wagner) in einer unbedingten Hingabe an ihren Helden, wenngleich nicht sichtbar, leuchtend abheben. Bar jeder Dekoration und in dem kargen Licht gerät in Michael Thalheimers Exegese die Geschichte absoluter, unerbittlicher. Nichts lenkt ab, niemandem wird ein Moment der Besinnung erlaubt.

Deutsche Oper am Rhein / Otello - Jaqueline Wagner als Desdemona © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Otello – Jaqueline Wagner als Desdemona © Hans Jörg Michel

 

Das Orchester (Dirigent Axel Kober) bleibt der Partitur nichts schuldig. Niemals scheppern die Blechbläser, (was bei Verdi  schnell passiert), das Englischhorn wird wohl sogar weinen können, und auch den Streichern ist die Musik hörbar wie auf die Instrumente geschrieben. Die Gemeinschaft der Musikanten äußert sich gleich stürmisch, heroisch, jubelnd, seufzend, klagend und endlich verklingend wie die stimmlich perfekten Sängerschauspielerinnen und -spieler über ihr.

Das Scheitern an den eigenen Ichs: Das Drama des Untergangs eines Menschen zwingend in Szene zu setzen, das ist auf der Bühne der Rheinoper überzeugend gelungen. William Shakespeare, der Otello 1622 in das Theater brachte, Arrigi Boito, der nach ihm das Textbuch verfasste, und Giuseppe Verdi wären vermutlich mit dieser Aufführung ebenso einverstanden gewesen   wie das Düsseldorfer Publikum, welches mit großem Beifall nicht geizte. IOCO / Albrecht Schneider / 11.10.2016

Otello in der Deutschen Oper am Rhein:  Weitere Termine 13.10.2016, 16.10.2016, 19.10.2016, 22.10.2016, 29.10.2016, 1.11.2016, 4.11.2016, 10.11.2016, 12.11.2016.

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf –  Karten Hier:
Karten Kaufen

Nächste Seite »