Giuseppe Sinopoli und Dresden – Gedenkband, IOCO Buch-Rezension, 06.05.2021

Mai 6, 2021 by  
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Giuseppe Sinopoli und Dresden - Gedenkband Sax Verlag © Sax Verlag

Giuseppe Sinopoli und Dresden – Gedenkband Sax Verlag © Sax Verlag

Giuseppe Sinopoli und Dresden  –  Gedenkband – Sax Verlag
Erinnerungen an den zwanzigsten Todestag von Maestro Sinopoli

Sax Verlag –   Bestell-Nr 29-264   –   ISBN 978-3-86729-264-1  –  €19,80

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von Michael Stange

Giuseppe Sinopoli, Dirigent, Ausnahmemusiker, Universalgenie und eine vielgeliebter Künstler verstarb am 21. April 2001 tragisch und unerwartet mit 54 Jahren am Dirigentenpult während einer AidaAufführung in Berlin. Geblieben sind Tonaufnahmen, Schriften und Erinnerungen. Sein Interpretationsansatz war sehr individuell. Von sanft über zupackend, forschend, tiefgründig, leuchtend und farbenreich lassen sich seine Interpretationen näherungsweise beschreiben. Ihm ging es weder in Konzert noch in der Oper um das runde Narrativ sondern die Entdeckung der Seele in und zwischen den Noten. Zumindest seine Verdi (Nabucco, Macbeth), Puccini (Madame Butterfly, Manon Lescaut), Bruckner-, Mahler-Aufnahmen sind auch heute noch beeindruckende Hörerlebnisse und gelten als Referenzaufnahmen.

Die Rienzi Ouvertüre im Festkonzert zum vierhundertfünfzigsten Bestehen der Staatskapelle Dresden, YouTube Video folgt hier, gibt einen Eindruck seines Interpretationsansatzes.

Giuseppe Sinopoli und die Sächsische Staatskapelle spielen die RIENZI Ouvertüre
Youtube Trailer EuroArtsChannel
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Dirigenten werden seit Hector Berlioz und Richard Wagner als Garanten gelungener Aufführungen von Sinfonien und Opern wahrgenommen. Mythos Taktstock, Macht und Zauber des Dirigenten, Tyrannen mit Taktstock oder Magier, diese Begriffe und wie es großen Dirigenten gelingt, aus Orchestern wie Zauberer Beglückendes und Berührendes hervorheben sind Gegenstand unzähliger Betrachtungen. Einer dieser faszinierenden Maestri jüngerer Zeit war Giuseppe Sinopoli.

Der Sammelband des Dresdner Sax Verlages zum zwanzigsten Todestag von Sinopoli, Herausgeber Matthias Herrmann,, beleuchtet Sinopolis Dresdner Jahre. Beiträge des Konzertdramaturgen Eberhard Steindorf, damals auch persönlicher Referent Sinopolis, Interviews, Vorträge und die abgedruckten Reaktionen auf seinen Tod lassen ein lebendiges Portrait des Menschen und Interpreten Giuseppe Sinopoli in seiner Dresdener Zeit erstehen. Der hundertsechzigseitige kleine Band hebt den Schleier des Vergessend. Zugleich offenbart er Sinopolis Seelentiefe, die eine Erklärung seines glutvollen Musizierens war.

Giuseppe Sinopoli war der Weg zum gefeierten Pultstar nicht in die Wiege gelegt. Die Jugend in Venedig und Sizilien, ein Studium der Medizin, der Komposition und des Dirigierens bei Hans Swarowsky in Wien machten ihn zu einem Odysseus, der durch viele Welten wanderte und in ihnen zu Hause war. Kurz vor seinem Tod gesellte sich dazu eine Promotion in Archäologie, für die er gleichfalls ein anerkannter Experte war.

Giuseppe Sinopoli und Dresden Sax Verlag –   Bestell-Nr 29-264   –   ISBN 978-3-86729-264-1  –  €19,80

Sinopoli war nie unangefochten. Als Leiter des Philharmonia Orchestra in London wurde er vom Publikum gefeiert, aber von vielen Kritikern verrissen. In zwei Stationen in Rom bei der Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia und später Teatro dell‘Opera di Roma zermahlten in die Mühlräder von Politik und Gewerkschaften. Er war kein Diktator mit Taktstock, sondern ein feinsinniger Künstler, der gemeinsam mit seinen Ensembles in Harmonie Musik machen und ihren Geheimnissen auf den Grund gehen wollte. Allein die Bösartigkeit, mit der Norman Leberecht in seinen Büchern Der Mythos vom Maestro und Ausgespielt, Aufstieg und Fall der Klassikindustrie den Stab über ihn bricht, lässt erahnen, welchen Anfeindungen er zeitlebend ausgesetzt war. Davon war er in Dresden frei. Hier konnte und wollte er nur Musizieren. Deshalb war er dort so glücklich.

Der Blick der Begleiter auf das Wesen Sinopolis und was ihn ausmachte, bezeugen Wegbegleiter und Selbstzeugnisse aus seiner glücklichsten Zeit, der Dresdner Perspektive.

Sein erstes Erscheinen in Dresden 1987 bescherte ihm der Plattenvertrag mit der Deutschen Grammophon, für die er dort Bruckners 4. Sinfonie aufnahm. Eberhard Steindorf erinnert sich an diese Begegnungen. Sinopolis erste Wahrnehmung der Staatskapelle Dresden war, dass das Orchester zu diesem Zeitpunkt in sein Leben getreten sei, weil er in Dresden die Musik als verloren geglaubte Insel wahrnahm, die dort bewahrt werde. Verhandlungen, die seit 1988 geführt wurden kamen 1990 zum Abschluss. Auf einer Pressekonferenz in München gefragt, ob er mit diesem Schritt den Ausbau des Westgeschäftes sichern wolle entgegnete er, dass bei einem Orchester, das mit solcher Innigkeit spiele, Geld keine Rolle spiele. Er habe sein Herz dem Orchester gegeben, das Geld verdiene er dann eben in München.

Liebe und gegenseitige Bewunderung wuchsen über die Jahre. Enthalten in dem Band sind weitere Interviews, Einführungsvorträge Sinopolis, Schriften sowie Reden Sinopolis und die Reaktionen auf seinen frühen Tod. Eine chronologische Aufstellung sämtlicher Aufnahmen mit der Staatskapelle Dresden bei der Deutschen Grammophon und der Profil Edition Günther Hänssler am Ende des Buches erleichtern die Orientierung und laden zum Hören ein.

Ein besonderes Kapitel ist seine Verbeugung vor Fritz Busch. Die Liebe zu den Dirigenten der Vergangenheit, Mitgefühl und Schmerz über angetanes Unrecht, seine tiefe Seele, verströmen seine Ansprache über Fritz Busch und die von Eberhard Steindorf erzählte Vorgeschichte. Sie ist einer der berührendsten Teile des Buches und seine Ansprache ist im folgenden YouTube Video nachzuhören.

Willkommen daheim! Fritz Busch“: Giuseppe Sinopolis Dresdner „Kniefall“
Youtube Semperoper Edition
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Biografisches, Momentaufnahmen wie die Freude darüber, als Musiker 1995 über die von ihm dirigierte Elektra sagten nun hätten sie die von Böhm dirigierten Schallplatten – Ikonen seiner Jugend – vergessen machen das Buch so kostbar. Künstlerisches und Menschliches zerfließen ineinander.

Den Besten stand er nahe als er starb, und doch war er kaum noch auf der Hälfte seiner Bahn. Grillparzers Satz auf Schuberts Grabstein gilt insbesondere auch für Giuseppe Sinopoli.

Er war ein Titan, ein Liebender aber auch Löwe und Kämpfer. Mit diesem Gedenkband, wurden wertvolle Erinnerungen verewigt, neue Betrachtungen angestellt und wichtige verstreute Dokumente vereint. Allein die enthaltenen Reaktionen auf seinen Tod zeigen, wer er war, wie er wahrgenommen wurde und welche Lücke er gerissen hat. Ein wichtiges Buch für Verehrer von Maestro Sinopoli und an den Geheimnissen der Interpretation interessierten Musikfreunden.

Überaus Lesenswert, eine große Leistung von Herausgeber, Autoren und Verlag was Inhalt, Auswahl und Zusammenstellung betrifft.

—| IOCO Buchbesprechung |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Der Zwerg – Das Wunder der Heliane – Stream on Demand, IOCO Aktuell,

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

  Der Zwerg  /  Das Wunder der Heliane

www.deutscheoperberlin.de – Streams on Demand – kostenlos abrufbare Produktionen

28. bis 31. Januar 2021: DER ZWERG von Alexander von Zemlinsky, musikalische Leitung Sir Donald Runnicles,  Regie von Tobias Kratzer

18. bis 21. Februar 2021:  DAS WUNDER DER HELIANE von Erich Wolfgang Korngold,  Marc Albrecht am Pult, Regie von Christof Loy

Die Premiere von Zemlinskys DER ZWERG mit David Butt Philip in der Titelpartie und Mick Morris Mehnert als sein darstellerisches Alter Ego löste im März 2019 bei Presse und Publikum große Begeisterung aus. „Wie die Sänger und das Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Donald Runnicles daraus an diesem Abend ein rundum geglücktes Ganzes machten, war beeindruckend“ – so nur eine der jubelnden Stimmen. Umso erfreulicher, dass die Aufnahme der viel gerühmten Inszenierung von Tobias Kratzer bei NAXOS als DVD erschienen ist und in der Kategorie „Best Opera Recording“ für den GRAMMY nominiert wurde. Die Verleihung der renommierten GRAMMY-Awards wurde Pandemie bedingt vom 31. Januar auf den 14. März 2021 verschoben.

Der Zwerg – Alexander von Zemlinsky
youtube Deutsche Oper Berlin
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Vom 28. Januar um 15 Uhr bis zum 31. Januar um 15 Uhr ist diese Aufzeichnung in der Videoregie von Götz Filenius auf der Website abrufbar, sie bietet frei wählbar deutsche und englische Untertitel:

www.deutscheoperberlin.de

Auch die Texte des Programmhefts dieser Produktion stehen auf der Landing Page in Deutsch und Englisch zur Verfügung. Viel Spaß beim Schauen, Hören und Lesen!

18. bis 21. Februar 2021:  DAS WUNDER DER HELIANE von Erich Wolfgang Korngold,  Marc Albrecht am Pult, Regie von Christof Loy

Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold
youtube Deutsche Oper Berlin
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Schon heute sei darauf hingewiesen, dass auch die herausragende Produktion von Korngolds DAS WUNDER DER HELIANE in der Regie von Christof Loy und mit Marc Albrecht am Pult vom 18. bis 21. Februar als Stream on Demand zur Verfügung steht. Auch diese Arbeit erschien bei Naxos als DVD. Die US-amerikanische Sopranistin Sara Jakubiak überzeugt uneingeschränkt in der Titelpartie von Korngolds selten gespielter Oper. Ab Februar probt sie, abermals mit Christof Loy, die Partie der Francesca da Rimini in Riccardo Zandonais gleichnamiger Musiktheater-Rarität.

Das Wunder der Heliane der Deutschen Oper Berlin ist bei NAXOS auch als DVD erhältlich.  Michael Stange beschrieb diese DVD Produktion für IOCO  –  LINK HIER! 

Das Wunder der Heliane DVD © 2012-2019 Naxos Deutschland Musik und Video Vertriebs-GmbH

Das Wunder der Heliane DVD © 2012-2019 Naxos Deutschland Musik und Video Vertriebs-GmbH

Das Wunder der Heliane – Deutsche Oper Berlin
– Rauschhaftes auf neuer NAXOS DVD –

Michael Stange schreibt dazu bei IOCO:  Das Wunder der Heliane von Erich Wolfgang Korngold ist nun Dank des für musikalisches Gespür und Entdeckerfreude bekannten Labels NAXOS in ausgezeichneter Bild- und Tonqualität als DVD erhältlich.

Bild, Regie und die hohe musikalische Qualität der Aufführung erleichtern so das Eintauchen in dieses durch lange, statische und mythische Szenen geprägte Werk. So leistet die NAXOS DVD auch einen wichtigen Beitrag zu größeren Verbreitung dieser teilweise verkannten und unterschätzten Oper.

Musikalisch kommt die Aufführung einem Wunder nahe. Marc Albrecht und das Orchester der Deutschen Oper Berlin bieten einen flirrenden Klang, der die Sinnlichkeit und die reiche Instrumentation der Oper offenbart. Die dramatischen, aber auch die sirrenden sowie die gleichsam sakralen Passagen werden in umwerfenden Klangfülle und -schönheit dargeboten….Die vollständige Rezension finden Sie auch HIER!

—| IOCO Aktuell Deutsche Oper Berlin |—

Karel Burian, Tenorlegende – zum 150. Geburtstag, IOCO CD-Rezension, 14.12.2020

Dezember 13, 2020 by  
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KAREL BURIAN - Tenorlegende zum 150sten Geburtstag - CD Supraphon © Supraphon

KAREL BURIAN – Tenorlegende zum 150sten Geburtstag – CD Supraphon © Supraphon

150. Geburtstag,

Karel Burian – Tenorlegende – zum 150 Geburtstag

 Supraphon – Karel Burian – Complete Recordings 1906-1913

Supraphon –  Bestellnummer 10325310, 3 CD´s

von Michael Stange

Das Prager Label Supraphon pflegt seit 88 Jahren die Tradition der tschechischen Musik und ihrer Interpreten. Neuaufnahmen punkten mit spannendem Repertoire in exzellenter Klangqualität. Der historische Katalog ist gefüllt mit Raritäten aus den Archiven. Zu finden sind beispielweise die Dirigenten Karel Ancerl, Vaclav Talich, tschechische Opernraritäten und vieles mehr.

Nun hat sich das Label an nahezu archäologische Ausgrabungen aus der Anfangszeit der Schallaufzeichnung gewagt. Alle Aufnahmen Karel Burians aus den Jahren zwischen 1905 und 1912 wurden in der korrekten Tonhöhe transferiert und klanglich hochwertig restauriert.

Hört man hundertzehn Jahre alte Grammophonlatten erinnert dies ein wenig an den Blick durch eine Nebelwand. Die Schönheit von Burians Stimme verbirgt sich hinter abenteuerlichen akustischen Schleiern des Plattenrauschens und paart sich oft mit dem Quäken der Instrumente. Die Höchstspieldauer der Platten betrug etwa 3 1/2 Minuten, so dass oft in absurd gehetzten Tempi eingespielt werden musste. Daher begegnen wir diesen Dokumenten zunächst mit Staunen und Befremden. Diese Platten sind aber die Wiege des heutigen Konsums von Tonaufzeichnungen, mit denen Verbreitung von Schallaufnahmen ihren Lauf nahm. Dies verlangt den Hörern einiges ab. Einen übertriebenen, aber auch anschaulichen Einblick, was sich damals in den Tonstudios ereignete zeigt das folgende YouTube-Video aus einem amerikanischen Spielfilm mit dem Wagnertenor

Lauritz Melchior und das Preislied aus Tannhäuser
youtube Video gracevilleMN
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Aufnahmen von Opernarien hatten damals an der raschen Verbreitung von Grammophonlatten einen wesentlichen Anteil. Initiator dieser Entwicklung waren der Tonpionier Fred Gaisberg und sein Team. Sie mieteten sich 1902 in einem Mailänder Hotel ein, um Tenorarien aufzunehmen. Aus einem Quartett möglicher Kandidaten wurde Enrico Caruso ausgewählt. Seine Platten machten weltweit Furore und wurden damals zu Bestsellern wie später die Singles der Beatles oder Rolling Stones.

Diese Platten begründeten den Ruhm Enrico Caruso und des Grammophons. Schellackplatten wurden nach der Veröffentlichung seiner Aufnahmen in wohlhabenden Kreisen so populär, dass eine Vielzahl von Plattenfirmen entstand, um den Hunger nach ihnen zu bedienen. So erklärt sich auch die Fülle der aus den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts erhaltenen Arienplatten. Von dieser Begeisterung und der kommerziellen Nachfrage nach Schallplatten profitierten auch die damaligen tschechischen Weltstars Emmy Destinn und Karel Burian. Sie erhielten die Möglichkeit, eine Vielzahl von Titeln einzuspielen. Unterschiedliche Label haben ihre Stimmen bis zum Beginn des 1. Weltkriegs festgehalten.

Supraphon hat Aufnahmen vieler tschechischer Opernstars publiziert. Von Emmy Destinn erschien vor langem eine hörenswerte Edition, The Complete Destinn, Supraphon, Bestell.Nr. 11 2136-2600.   Nun hat auch Karel Burian, der bedeutendsten tschechische Tenor des letzten Jahrhunderts, seine Gesamtausgabe erhalten.

 Karel Burian - hier als Werther © Hahn

Karel Burian – hier als Werther © Hahn

Wer war Karel Burian (1870 – 1924)

Karel Burian, 1870 geboren in Rousinov – im damaligen Österreich-Ungarn, im heutigen Tschechien – gilt Kennern als der bedeutendste Wagnertenor der Jahrhundertwende und einer der herausragendsten Tenöre jener Jahre bekannt. Umjubelt und gefeiert in der Dresden, Paris, London, Budapest, Hamburg, bei den Bayreuther Festspielen und in der Metropolitan Opera in New York war er in der Uraufführung Richard Strauss Salome der Herodes. Gustav Mahler äußerte sich über ihn folgendermaßen: „Und wie bedacht und tiefempfunden ist seine Kunst. Welch ein Schöpfen der Töne. Kein einziger ist darunter, der nicht von echter Farbe wäre, wir hören kein Forte, das nicht aufs feinste ausgefeilt.“

Der erste Weltkrieg, Burians Liebe zu Frauen und Alkohol, eine gewisse Nachlässigkeit und zahlreiche Schicksalsschläge verkürzten seine Karriere. So verblasste die Erinnerung an ihn. Der Musikwissenschaftler Ferenc János Szabó hat jüngst in seiner bisher nur in Ungarisch erhältlichen Dissertation – link HierKarel Burian und Ungarn viele biografische Details ans Licht gebracht.

Burians durchgebildete und durchschlagskräftige Stimme erklingt auch von den alten Platten mit bronzenem, bestrickendem Ton und Timbre. Die tiefe Lage geht in eine prächtig tönende Mittellage über und in der Höhe gelingen ihm schwingende leuchtende strahlende und klare Töne. Sein Bühnenrepertoire reichte über Giordano, Puccini, Tschaikovsky, Verdi bis zu Wagner. Der von Wagner für die Interpretation seiner Werke geforderte Belcanto lag ihm, anders als vielen Zeitgenossen, in der Kehle. Er paart Geschmack, gleitend verbundene Töne, flexible, dramatisch akzentuierte Rhythmik, und in den guten Aufnahmen eine immense emotionale Teilnahme und starke Rollenidentifikation.

Gerade bei Wohin nun Tristan scheidet“ (Track 13, CD 1) gelingt ihm ein ungemein dichtes Rollenportrait. Durch seine stimmliche Modulation und fesselnde, dramatische Spannungsbögen lässt sich ein wenig erahnen, dass er in der Rolle phänomenal gewirkt haben muss. Sein Bayreuther Parsifal muss ein Ereignis gewesen sein. Vergleicht man seine Aufnahme der Winterstürme wichen dem Wonnemond…” (Track 7, 8 und 9, CD 1) mit Bayreuther Tenören von damals wie beispielsweise Ernst Kraus oder Wilhelm Grüning, offenbart sich, dass Wagner heute wie vor mehr als hundert Jahren unterschiedlich gesungen wurde. Kraus und Grüning folgen der von George Bernhard Shaw ersonnenen Beschreibung des „Bayreuth barkening“ (zu hören auf: 100 Jahre Bayreuth auf Schallplatte, Url.: https://bayern-online.de/bayreuth/erleben/kultur/richard-wagner-festspiele/wagnerportal/cd/saenger-sammelprogramme/100-jahre-bayreuth/). Sie sangen den Monolog akkurat, mit strengem Rhythmus, aber auch in bellendem Ton. Hört man sie, meint man heute fast, man stände auf dem Kasernenhof im „Hab Acht“ vor einem wilhelminischen Feldwebel.

Dieser Titel ist auf der Edition dreimal vorhanden, so dass sich seine Interpretationsansätze und die Schwierigkeiten bei den Aufnahmen in den einzelnen Takes nachhören lassen. Den Max im Freischütz portraitiert er düster mit dramatischer Attacke. Hinreißend, glutvoll und poetisch gelingen „O soave fanciulla“ und „Sono andati“ aus La Boheme mit Minnie Nast.

Viele weitere Arien wie die Aufnahmen aus Pagliacci und Eugen Onegin offenbaren die große Bandbreite und Wandlungsfähigkeit des Tenors. Selbst die Schnulze „Selig sind die Verfolgung leiden“ aus Kienzls Evangelienmann wird subtil gesungen und emotional verhalten entwickelt. Einige Aufnahmen wieder sind lieblos heruntergeleiert wie die Fra Diavolo Arie und das Duett aus La Forza del destino mit dem wichtigen Dresdner Kollegen Friedrich Plaschke. Bei Fra Diavolo paart sich schleppender Gesang mit einigen gepressten Spitzentönen.

Die dritte CD fasst die Liedaufnahmen des Sängers zusammen. Hier gelingen dem großen Heldentenor warme Piani, subtile Modulation und innige Töne auch bei Frantisek Neumans „Du gleichst dem jungen Lindenzweig“. Die übrigen tschechischen Lieder werden musikalisch und berührend interpretiert. Wertvoll sind diese Aufnahmen auch, weil sie für die meisten Hörer lohnenswerte Novitäten sein dürften.

Musikalisch humorvoll klingt die Edition aus. Burian hat Gus Edwards Couplet „My cousin Caruso” übersetzt und zum Teil mit neuem Text versehen. Bei ihm wird daraus „Ein Mangel an Tenören (Mein Kollege Caruso)“. Mit hörbarem Vergnügen sendete er dem Freund und Kollegen einen klingenden Gruß über den Atlantik.

Der Ausflug in die Vergangenheit mit Karel Burian beginnt mit großen akustischen Herausforderungen. Geduldige Hörer lernen eine der eindrucksvollsten Tenorstimmen der Vergangenheit kennen, der auch in seinen Aufnahmen phänomenale, mitreißende Interpretationen geschaffen hat. Eine wichtige Neuausgabe, die Sammlung aller Gesangsliebhaber bereichert.

Neben dem Label Supraphon haben diese Edition zahlreiche Sammlern und Enthusiasten ermöglicht. Zu nennen sind der unermüdliche Herausgeber des record collector, Larry Lustig, Michael Seil und Axel Weggen, die schon viele andere Veröffentlichungen begleitet haben und viele Andere.

Wen nach dem Hören das Schellackfieber gepackt hat,der kann auf Spotify oder Youtube viele Titel anderer Sängerinnen und Sänger der Epoche erkunden. Wer lieber zu CDs greift, dem seien insbesondere die Labels Marston Records  truesoundtransfers  und Preiser Records empfohlen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Burgas, State Opera Burgas, Il Trovatore – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 30.07.2020

Juli 29, 2020 by  
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State Opera Burgas Bulgarien @ State Opera Burgas

Bulgarien @ State Opera Burgas

State Opera Burgas

Il Trovatore  –  Giuseppe Verdi

Glanzvolles Sommerfestspiel in  Burgas am Schwarzen Meer

 von Michael Stange

Kennern ist Bulgarien als Land großer Stimmen geläufig; auch in der am Schwarzen Meer gelegenen Hafenstadt Burgas wird in der dortigen Oper ganzjährig auf hohem Niveau musiziert. Burgas ist mit über 200.000 Einwohnern viertgrößte Stadt Bulgariens.  Einen guten Einstieg in die bulgarische Oper und ihre Geschichte bietet die Internetseite der Universität Pittsburgh die auch viele Tondokumente enthält, link HIER!

 State Opera Burgas / Il Trovatore - hier : Maria Tsvetkova Madzharova als Leonora, Kamen Chanev als Manrico @ State Opera Burgas

State Opera Burgas / Il Trovatore – hier : Maria Tsvetkova Madzharova als Leonora, Kamen Chanev als Manrico @ State Opera Burgas

Die Stadt Burgas verfügt neben seinen benachbarten Stränden wie dem Sonnenstrand auch über einen großen Hafen, einen herrlichen Park am Meer und einem interessanten Stadtkern auch über ein modernes Opernhaus, Foto oben. Dort wird ein vielfaltiges Theater-Repertoire auf hohem Niveau gepflegt.

Im Sommer wird das Open Air-Theater im pittoresken Park am Meer für Oper und, Konzerte und andere Kulturveranstaltungen genutzt. Mit reduzierter Zuschauerzahl stand in diesem Sommer Giuseppe Verdis Il Trovatore auf dem Programm.

In einer traditionell farbigen und blutvollen Inszenierung des Il Trovatore entfaltete sich sein Drama mit Energie und Schwung und packender Intensität.

Il Trovatore – Giuseppe Verdi
youtube Trailer State Opera Burgas
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Mit einem sich wandelnden Mond im Hintergrund wurden Schloss, Zigeunerlager und Kerker pittoresk gestaltet und historisch nachempfunden. Auch die zahlreich anwesenden Kinder wurden so von Musik und Inszenierung wie von einem Märchen eingefangen.

Im Zentrum der Aufführung war Kamen Chanev als Manrico angekündigt. International bekannt war er ein stimmmächtiger Troubadour mit strahlender Höhe und dramatischer Wucht. Seine zentralen Szenen füllte er mit Applomb und gelebten virilen Emotionen. Gleichzeitig konnte er sich in den lyrischen Momenten sanft zurücknehmen und durch lyrische Kantilenen überzeugen. Eine Ausnahmestimme, die packte und mitriss.

Maria Tsvetkova-Madzharova setze dem Abend die Krone auf. Sie war eine Leonora, die schon in ihrem Rollendebut eine große interpretatorische Leistung ablieferte. Ihr Stimme nahm durch Wärme und Intensität schon in den ersten Minuten der Arie Tacea la notte gefangen. Bestickende Tonfarben und leuchtenden Spitzentöne paarten sich mit koloraturbeseeltem Gesang. Sowohl in den lyrischen Momenten als auch den dramatischen Ausbrüchen überzeugte sie vollends.

State Opera Burgas / Il Trovatore - hier: der Chor @ State Opera Burgas

State Opera Burgas / Il Trovatore – hier: der Chor @ State Opera Burgas

Daniela Dyakova war eine Azucena mit ausladender Stimme von großem Volumen und Stimmumfang. Schon das Stride la vampa war von machtvoller Dramatik und Intensität. Glutvoll ließ sie ihren prächtigen Mezzosopran leuchten und begeisterte das Publikum.  Alexander Krunev war ein etwas rauhbeiniger Luna mit Wucht und Intensität. Das Orchester musiziert auf hohem Niveau unter der Leitung von Ivan Kozhuharov. Abgerundet wurde die Aufführung durch den optpsch, Foto oben, wie stimmlich prächtigen Chor.

Letztlich ist war auch in dieser Aufführung noch die Gesangstradition des Espressivo der fünfziger Jahre Italiens spürbar. Seelische Intensität und ein Musizieren aus vollen Herzen und Kehlen riss da Publikum beim Schlussapplaus von den Sitzen.

—| IOCO Kritik State Opera Burgas |—

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