Burgas, State Opera Burgas, Il Trovatore – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 30.07.2020

Juli 29, 2020 by  
Filed under Kritiken, Oper, Pressemeldung, State Opera Burgas

State Opera Burgas Bulgarien @ State Opera Burgas

Bulgarien @ State Opera Burgas

State Opera Burgas

Il Trovatore  –  Giuseppe Verdi

Glanzvolles Sommerfestspiel in  Burgas am Schwarzen Meer

 von Michael Stange

Kennern ist Bulgarien als Land großer Stimmen geläufig; auch in der am Schwarzen Meer gelegenen Hafenstadt Burgas wird in der dortigen Oper ganzjährig auf hohem Niveau musiziert. Burgas ist mit über 200.000 Einwohnern viertgrößte Stadt Bulgariens.  Einen guten Einstieg in die bulgarische Oper und ihre Geschichte bietet die Internetseite der Universität Pittsburgh die auch viele Tondokumente enthält, link HIER!

 State Opera Burgas / Il Trovatore - hier : Maria Tsvetkova Madzharova als Leonora, Kamen Chanev als Manrico @ State Opera Burgas

State Opera Burgas / Il Trovatore – hier : Maria Tsvetkova Madzharova als Leonora, Kamen Chanev als Manrico @ State Opera Burgas

Die Stadt Burgas verfügt neben seinen benachbarten Stränden wie dem Sonnenstrand auch über einen großen Hafen, einen herrlichen Park am Meer und einem interessanten Stadtkern auch über ein modernes Opernhaus, Foto oben. Dort wird ein vielfaltiges Theater-Repertoire auf hohem Niveau gepflegt.

Im Sommer wird das Open Air-Theater im pittoresken Park am Meer für Oper und, Konzerte und andere Kulturveranstaltungen genutzt. Mit reduzierter Zuschauerzahl stand in diesem Sommer Giuseppe Verdis Il Trovatore auf dem Programm.

In einer traditionell farbigen und blutvollen Inszenierung des Il Trovatore entfaltete sich sein Drama mit Energie und Schwung und packender Intensität.

Il Trovatore – Giuseppe Verdi
youtube Trailer State Opera Burgas
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Mit einem sich wandelnden Mond im Hintergrund wurden Schloss, Zigeunerlager und Kerker pittoresk gestaltet und historisch nachempfunden. Auch die zahlreich anwesenden Kinder wurden so von Musik und Inszenierung wie von einem Märchen eingefangen.

Im Zentrum der Aufführung war Kamen Chanev als Manrico angekündigt. International bekannt war er ein stimmmächtiger Troubadour mit strahlender Höhe und dramatischer Wucht. Seine zentralen Szenen füllte er mit Applomb und gelebten virilen Emotionen. Gleichzeitig konnte er sich in den lyrischen Momenten sanft zurücknehmen und durch lyrische Kantilenen überzeugen. Eine Ausnahmestimme, die packte und mitriss.

Maria Tsvetkova-Madzharova setze dem Abend die Krone auf. Sie war eine Leonora, die schon in ihrem Rollendebut eine große interpretatorische Leistung ablieferte. Ihr Stimme nahm durch Wärme und Intensität schon in den ersten Minuten der Arie Tacea la notte gefangen. Bestickende Tonfarben und leuchtenden Spitzentöne paarten sich mit koloraturbeseeltem Gesang. Sowohl in den lyrischen Momenten als auch den dramatischen Ausbrüchen überzeugte sie vollends.

State Opera Burgas / Il Trovatore - hier: der Chor @ State Opera Burgas

State Opera Burgas / Il Trovatore – hier: der Chor @ State Opera Burgas

Daniela Dyakova war eine Azucena mit ausladender Stimme von großem Volumen und Stimmumfang. Schon das Stride la vampa war von machtvoller Dramatik und Intensität. Glutvoll ließ sie ihren prächtigen Mezzosopran leuchten und begeisterte das Publikum.  Alexander Krunev war ein etwas rauhbeiniger Luna mit Wucht und Intensität. Das Orchester musiziert auf hohem Niveau unter der Leitung von Ivan Kozhuharov. Abgerundet wurde die Aufführung durch den optpsch, Foto oben, wie stimmlich prächtigen Chor.

Letztlich ist war auch in dieser Aufführung noch die Gesangstradition des Espressivo der fünfziger Jahre Italiens spürbar. Seelische Intensität und ein Musizieren aus vollen Herzen und Kehlen riss da Publikum beim Schlussapplaus von den Sitzen.

—| IOCO Kritik State Opera Burgas |—

Berlin, Berliner Dom, Missa Solemnis – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 21.05,2020

Berliner Dom © IOCO

Berliner Dom © IOCO

Junge Philharmonie Berlin

Ludwig van Beethoven – furios im Berliner Dom

 Missa Solemnis – Überwältigende Klangfluten – kurz vor Corona-Aus

von Michael Stange

Mit der Missa solemnis erklang am 7. März 2020 einer der letzten konzertanten Geburtstagsgrüße im Berliner Dom zu Beethovens 250 jährigem Geburtstag. Mit Wucht und Intensität starteten alle Beteiligten ins Beethoven-Jahr.

Beethoven hat mit der Missa solemnis wohl auch sein individuelles Glaubensbekenntnis geschaffen. Kirchenmusikalische Tradition in verschiedenen Formen verquickte er mit eigener Gestaltung, Erfindungskraft und Individualität. So trägt das Autograph die Widmung „Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen“.

Die textlichen Veränderungen der tradierten Vorlage für eine Messe und die zahlreichen musikalischen Novitäten prägen die zukunftsweisende Komposition. Durch Wiederholung des Credo (Ich glaube) vor jedem neuen Bekenntnis, verstärkt er die jeweiligen Rufe. Die Textstelle „de Spiritu Sancto“ wird musikalisch von einer zwitschernd einsetzenden Flöte als Tonbild des Heiligen Geistes begleitet. Viele weitere musikalisch illustrative Figuren wie aufstrebenden Läufe zur Himmelfahrt Jesu, Posaunenklange und Violintremoli im Jüngsten Gericht und vieles mehr kombinieren biblische Ereignissen mit bewegenden, gewaltigen orchestralen Einfällen. Im Sanctus zeichnet die Solo-Violine in hoher Tonlage das Symbol des Heiligen Geistes nach, der in Christus zur Erde hinabsteigt. Dieser an ein Violinkonzert erinnernde Einfall, die feurigen Ausbrüche, der Naturalismus und insbesondere die bedrohliche Militärmusik im Finale haben zu viel Begeisterung aber auch Kritik, Unverständnis und Ablehnung der Komposition geführt.

Wilhelm Furtwänglers Wertschätzung des Werkes ging so weit, dass er es nach seinem vierundvierzigsten Geburtstag nicht mehr dirigierte, weil er es zu großartig für eine Aufführung in dieser Welt befand. Zuzugeben ist Furtwängler, dass die Missa solemnis in Form und Wirkung so herausragend ist, dass sie nur in sehr starken Aufführungen ihre ganze Wirkung entfaltet. Dies war am Konzertabend der Fall.

Mozart Gala – Berliner Staatsoper
youtube Trailer Berliner Staatsoper
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Die musikalische Leitung hatte Julien Salemkour. Einem internationalen Fernsehpublikum wurde er bei der auch durch die Übertragung der Berliner Gala zu Mozarts 250. Geburtstag bekannt. Zehn Minuten vor Beginn des Konzerts sprang er für den kurzfristig indisponierten Daniel Barenboim als Dirigent und Pianist ein. Damals leitete er den ungemein strahlenden Festabend mit immenser Musikalität und einer Präsenz, als ob er stets dafür vorgesehen gewesen war. 

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Julien Salemkour bewies auch in diesem Konzert erneut, sein musikalisches Gespür. Seine Fähigkeit, durch einen architektonisch strukturierten Aufbau einen spannungsgeladenen Klangteppich auszurollen, war Grundlage dieser in jedem Detail fesselnden Darbietung. Gemeinsam mit allen Beteiligten gelang ihm ein fein gesponnenes und glänzend auf das Finale zusteuerndes Konzert.

Dramatik, Fürbitten, Kontraste und symphonischen Elemente fügte er zu einem fulminanten Gesamterlebnis zusammen. Mit immenser klanglicher Einfühlsamkeit und rhythmischer Präzision lotete er die mit dem Ensemble dynamische Raffinessen und Klangentwicklungen aus. Durch Steigerungen des Ausruckes und Veränderungen der Tempi im Verlauf der Sätze wurden Beethovens Dynamik, die große klanglichen Wendungen und die Kulmination zum Schluss eingelöst. Flexibilität von Tempo und Dynamik und die dadurch erreichte Spannung hielten das Publikum stets im Bann.

Die Solovioline im Benedictus spielte Konzertmeister Sebastian Câsleanu sanft, ruhig aber mit pulsierenden Strömen und virtuosem Können. Zurzeit am Staatstheater Nürnberg engagiert und fügte sich mit seinem innig verhaltenen Vortrag organisch in den Gesamtfluss ein. Durch die Schlichtheit und Zartheit des Violinsolos wurde keine Erinnerung an ein auftrumpfendes Violinkonzert wach und die Brüchen und Schockmomente des Agnus Dei noch besser vorbereitet. Grollend die Anlehnungen an Militärmusik, die an Schrecken des Krieges erinnert, während der Chor um Frieden bat. So geriet Salemkours Konzept ungemein suggestiv.

Eine weitere große Leistung war der Zusammenhalt von Orchester, Chor und Solisten, der im akustisch schwierigen Berliner Dom mit seinem langen Nachhall keine Leichtigkeit ist.

Die Junge Philharmonie Berlin besteht aus jungen, erfahrenen und hochtalentierten Musikern. Das Orchester spielte eine fein abgestufte Missa mit prächtigen Farben und von großer Schönheit. Ihm gelangen innige, berührende aber auch lebendig auftrumpfende Momente. Ihre Virtuosität und Spielfreude waren ein wesentlicher Motor dieser überragenden Aufführung. Hört man das Orchester, glaubt man nicht, dass es ein privater Verein ist, der 2013 vom heute überwiegend in Graz tätigen Dirigenten Marcus Merkel gegründet wurde.

Die Herausforderungen des Werkes – insbesondere für den Chor – liegen in der Polyphonie der Chöre, dynamischen Sprüngen in den Chornoten, den häufigen Tempiwechseln und dem Klangrausch des Orchesters. Hier bewährte sich der Ernst Senff Chor unter Steffen Schubert und zeigte, dass er diesem anspruchsvollen Stück vollends gewachsen war.

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Berliner Dom / Missa solemnis im Berliner Dom © Christian Fritsch

Beethovens Idee des Zusammenwirkens von Chor, Orchester und Solisten lässt die Solisten ohne Arien und Soli. Solistische Brillanz müssen sie so in den Ensembles zeigen, was die Klangeinheit stärkt. Unbeschadet dessen sind die Partien ungemein fordernd und verlangen von den Sängerinnen und Sängern große Leistungen und eine immense Ausdruckspalette. Dies meisterte das Solistenquartett bravourös.

Bucharest National Radio Orchestra
youtube Trailer Michael Bergemann
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Barbara Krieger setzte mit ihrem individuellen, samtweich timbrierten und strahlenden Sopran bewegende Akzente. Bei immenser Dynamik gelangen dramatische Ausbrüche neben bestrickend warmen, innigen Tönen. Ihre leuchtende, völlig frei klingende Höhe strömte mit Glut und Schwung in den Saal. Tragfähig, gelöst und frei und erklang die Stimme mit betörende Schönheit in künstlerischer Vollendung unter die Domkuppel. Sicher eine der wandlungsfähigsten Sängerinnen dieser Tage. Fulminant auch, wie sie die Isolde interpretiert.

Anna Lapkowskaja füllte mit warmem, opulentem und strahlendem Mezzosopran die Altpartie aus. Ihr immenser Stimmumfang, der Wohlklang der Stimme und die seelische Emphase, mit der sie in die Partie eintauchte kombinierten betörende Stimmtechnik mit Schönheit und beseelter Meisterschaft.

Stefan Heibach bestach mit perfekt sitzenden Tenor durch baritonalen Klang, eine profunde Mittellage, ein exzellentes Legato und seine geschmeidige Höhe. Seine Stimme machte schon in Schwerin in Rollen wie Gounods Romeo Furore. Erneut ließ er aufhorchen und bewies, wie großartig er sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Eine immense Tenorhoffnung.  Tobias Schabel überzeugte mit profundem, wohltönendem und sonorem Bass.

Ein bewegtes Publikum dankte den Künstlern mit lang anhaltendem Applaus

Im Nachklang hofft man in den Corona Zeiten, dass solche durch ihre Wucht und die künstlerische Intensität packenden Konzerte bald wieder möglich sein werden. Das wunderbare Konzert Missa Solemnis in Berliner Dom kann man hier auf dem folgenden Video nachhören:

Missa Solemnis im Berliner Dom
youtube Trailer Michael Bergemann
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—| IOCO Kritik Junge Philharmonie Berlin |—

Bremen, Theater Bremen, Alcina – Georg Friedrich Händel, IOCO Kritik, 14.02.2020

Februar 14, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bremen

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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Alcina  –  Georg Friedrich Händel

– Liebeszauber inmitten von Machtverlust und Untergang –

von Michael Stange

Georg Friedrich Händel - der Schöpfer von Alcina © IOCO

Georg Friedrich Händel – der Schöpfer von Alcina © IOCO

Regisseur Michael Talke erzählt am Theater Bremen Alcinas Geschichte als Wanderung zwischen realer und kunstvoll bebilderter Märchenwelt. Alcina selbst ist unsterblich in Ruggiero verliebt. Ihren vorigen Liebhabern verwandelte Alcina in Tiere und Steine, nachdem sie genug von ihnen hatte. Nun lebt sie mit Ruggiero auf ihrer Insel. Bei ihm liegt die Sache anders. Seine Liebe erwidert sie mit leidenschaftlicher Glut. Auch weil sie sich von ihren Gefühlen statt von kalter Herrschsucht leiten lässt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Ruggerios ursprüngliche Verlobte Bradamante will ihn nicht aufgeben. Gemeinsam mit Melisso, einem Freund von Ruggiero und ihr, reist sie – als Mann verkleidet – auf Alcinas Insel. Von dort will sie Ruggerio nach Hause holen. Nun entspinnt sich ein Beziehungsreigen in den auch Alcinas Schwester Morgana verwickelt ist. Sie verliebt sich in Bradamante, trennt sich von ihrem Verlobten Oronte, der nun auf Rache sinnt. Nun ist auf einmal Bradamante die treibende Kraft. In Beziehungsgeflechten, Kampf um Ruggerio und Rache endet von Alcinas Herrschaft.

Diesen Wandel einer kalten Zauberin hin zur liebenden Frau, ihren Machtverlust und ihren Untergang begleitet Michael Talke prägnant mit plastischen Bildern. Zu Beginn erscheinen Alcina und die Geister bzw. ihre Ahnen als Vamps mit Bubiköpfen aus den zwanziger Jahren. Die Geister produzieren die Tierköpfe für Alcinas Verzauberungen. Sie entreißen ihr aber auch die jugendliche Frisur und ersetzen sie durch eine graue Altersperücke, als sie nicht mehr gnadenlos straft. Die Menschenwelt symbolisiert das grau schwarze Einfamilienhaus vor dem Melisso und Bradamante zu Beginn sitzen und das mausgraue Fluchtbot, mit dem sie auf die Insel gelangen und mit Ruggeriero entfliehen wollen. Alcinas Zauberwelt hingegen ist durch farbenfrohe Blumen und Tiere geprägt. So werden die Welten in einer Weise gegenübergestellt, die es dem Zuschauer ermögliche, für eine Partei zu entscheiden.

Packend ist die Spielfreude aller Portagonisten die in einer sadistischen Gewaltorgie von Bradamante, Ruggeriero und Oronte bei Alcinas Untergang gipfelt.

Theater Bremen / Alcina - hier : Marysol Schalit, rechts, als Alcina © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Alcina – hier : Marysol Schalit, rechts, als Alcina © Joerg Landsberg

Gerade in dieser Aufführung wird auch deutlich, dass die Musik von Georg Friedrich Händel weit über das Barockzeitalter hinausweist. Der freskohafte, plastische, emotionale Musikstil wird mit ungemeinen Schwung präsentiert und erreicht dadurch eine fesselnde Kraft. Allein Alcinas Arie am Schluss des ersten Aktes mit ihren strengen Dominantenwendungen bereitet schon Gluck und Beethoven vor. Motive und Figuren aus Alcina haben noch Wagner inspiriert. Die Zauberin Alcina findet sich in der Venus wieder und auch viele andere dramatische Motive der Oper hat Wagner für seine Werke aufgesaugt und fortentwickelt.

Marco Comin und die Bremer Philharmoniker bringen Händels Werk als packendes Drama zum Klingen. Dynamik, Spielfreude und vorwärtsdrängende Rhythmen zünden ein brennendes Feuer. Spielfreudig wird vom tastenden Beginn bis zum dramatischen Finale ein musikalischer Bogen geschlagen. Die Musik füllt den Zuschauerraum und zieht das Publikum in den Bann. Gerade die feinen Nuancen und die Spannung die Marco Comin und das Orchester hervorbringen, erwecken den Eindruck, dass ihrer Interpretation die Vorstellung des ganzen Werkes als ein architektonisches Gebilde zu Grunde liegt. So wird die Oper auch musikalisch zum sich zuspitzenden Drama und nicht zu einer perlenkettenartigen Aneinanderreihung von Arien.

Marysol Schalit als Alcina leuchtet die Hauptfigur bis in die letzten Winkel menschlicher Zerbrechlichkeit aus. Über die strahlende Liebe und sprühende Lebensfreude gestaltet sie die Partie mit immenser gesanglicher Meisterschaft. Stimmlich entfaltet sie in der koloraturgespickten Partie ein Feuerwerk an Freude, Leidenschaft und Tragik. Mit immensem Atem gelingen ihr die Koloraturen. Mit prachtvollen Stimmfarben trifft sie in jedem Moment die emotionale Befindlichkeit Alcinas. Marysol Schalit ist eine wahre Ausnahmesängerin. Nach ihrer magischen Bremer Lulu gelingt ihr erneut in einem völlig anderen Fach ein dichtes, berückendes und eindringlich unter die Haut gehendes Portrait.

Theater Bremen / Alcina - hier : vl. Marysol Schalit als Alcina, Candida Guida als Bradamante © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Alcina – hier : vl. Marysol Schalit als Alcina, Candida Guida als Bradamante © Joerg Landsberg

Candida Guida als Bradamante ist ihr ein gefährlicher Widerpart und kostet ihren Triumph über Alcina mit warmer Stimme aus. Stimmlich brillant gestaltete sie die schwierige Altpartie mit sonorer Wärme, leuchtenden Höhen und gefährlicher Attacke. Nerita Pokvytyte war Alcinas quirlige, koloraturbeseelte Schwester Morgana mit glockenhellem Ton und leuchtender Gestaltung.

Melina Meschkat sprang kurzfristig als Ruggiero ein und sang die anspruchsvolle Partie musikalisch betörend und intensiv mit ihrem zauberhaft timbrierten Mezzosopran von der Seitenbühne. Josef Zschornack fasste seine Rolle als passiv Getriebener auf und überzeugt durch eine charakterlich fein abgestimmte Darstellung.

Stephen Clark sang einen durchgebildeten, kultivierten und klangschönen Melisso. Luis Olivares Sandoval war Oronte. Seinen baritonal gefärbten Tenor führte er mit einer sehr schlanken Stimmführung, weichen Piani und blühenden Höhen.

Die Bremer Philharmoniker bewiesen mit ihrer immensen Musikalität und technischen Meisterschaft ein Gespür für Händel. Dank Marco Comins musikalischer Leitung, dem prachtvollen Ensemble und der stimmigen Inszenierung war dies eine Aufführung, die selbst Händel-Skeptiker vom Stuhl riss.

So geht packendes Theater. Die Zuschauer wurden auf eine fulminante musikalische Reise mitgenommen, der sie gebannt und atemlos folgten. Allen Sängerinnen und Sängern gelang herausragend großartige Leistungen, die über eine Repertoirevorstellung hinaus geradezu Festspielqualität hatten. Überaus sehenswert. Nicht verpassen!

Alcina am Theater Bremen, weitere Vorstellungen Donnerstag, 27. Februar, Freitag, 06. März,  Samstag, 04. April,  Sonntag, 26. April, Donnerstag, 30. April 2020,

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev, IOCO kritik, 23.01.2020

Januar 23, 2020 by  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Münchner Philharmoniker – Valery Gergiev

Martyrium versus Liebesrausch

von Michael Stange

Mit Deutschlands Norden verbindet Valery Gergiev seit dem Auftritt beim Schleswig-Holstein Musikfestival 1989 ein enges Band. Seine regelmäßigen Gastspiele mit den Münchner Philharmonikern sind Höhepunkte der Saison und teilweise auf dem YouTube Kanal der Elbphilharmonie verfügbar.

Münchner Philharmoniker – fulminant – Debussy und Wagner

Zum Jahreseinstand 2020 wählten Orchester und Chef zwei Kompositionen, die die Themen Sehnsucht, Liebe, Sehnsucht und Tod umkreisen.

Valery Gergiev demonstrierte auch an diesem Abend, warum er einen der weltweit gefragtesten Dirigenten ist. Sein immenses Konzert und Opernrepertoire präsentiert er stets außerhalb jeglicher Routine. Seine Interpretationen wandeln sich auch bei häufig musizierten Werken. Immenses Einfühlungsvermögen paart er mit der Fähigkeit, dem Orchester seine Visionen zu vermitteln, so dass gemeinsam faszinierende Interpretationen entstehenden, deren Ausdruckspalette und Tiefe konventionelle Konzert- und Opernerlebnisse weit überstrahlen. So unterschiedlichen Komponisten wie Wagner, Verdi, Mahler, Strauss, Berlioz, Beethoven, Bruckner und die russischen Tonsetzer gestaltet er in Oper und Konzert mit immensem Musikalität und berstender Energie.

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker - hier die Solisten © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker – hier die Solisten © Daniel Dittus

Im ersten Teil erklangen Kompositionen Claude Debussys zu Gabriele d’Annunzios Theaterstück Le martyre de Saint Sébastien. Es stellt die Geschichte des römischen Zenturios und Christen Sebastian dar, der vom römischen Kaisers Diokletian begehrt wird und Kämpfer für den christlichen Glauben ist. Da er den Verführungsversuchen des Kaisers widersteht, wird Sebastian von ihm zum Tode verurteilt, an einen Lorbeerbaum gebunden und mit Pfeilen getötet.

Zur Ausgestaltung des Lebens des Protagonisten der – wie Wagners Parsifal – dem Glauben durch seine Aufopferung stärken will, hat sich Debussy auch in dieser Komposition völlig von Wagners Klangbild gelöst und eine eigene Tonsprache entwickelt. Neben der Verwendung von Elementen alter Kirchenmusik setzte er impressionistische Farben und leuchtende Töne. Poetische Prosa, Reinheit und Intimität des religiösen Gefühls verschmelzen zu einer musikalischen Ausleuchtung von d’Annuzios Drama. Die Orchesterstücke gehen in ihrer Wirkung weit über eine die Handlung begleitende Bühnenmusik hinaus. Vier Sätze untermalen die Handlung des Dramas. Im ersten Satz „La cour des lys“ (Der Lilienhof) wird die Folterung von zwei Christen mit glühenden Kohlen behandelt. Dort dominieren die Holzbläser und an gregorianische Gesänge Akkordbündel. Der zweite Satz „Danse extatique“ (Ekstatischer Tanz) untermalt das göttliche Wunder des Tanzes Sebastians auf glühenden Kohlen und beschreibt auch einen nicht wieder herunterfallenden Bogenpfeil, der in den Himmel geschossen wurde. Ekstatisch verkündete eine Trompetenhymne die Erscheinung von sieben Engeln. La passion (Die Passion Christi) schildert Sebastians Schmerz und das Todesurteil des Kaisers und vereint Dramatik und schmerzverzerrte Dissonanzen. Le bon pasteur (Der gute Hirte) beschreibt den Vollzug des Urteils. Den von Pfeilen durchbohrten Sebastian überkommt bei der Erscheinung Christis die Vision seiner selbst als guter Hirte. Der bebende Orchestergrund wird im Finale zum flirrenden Klang furchtloser Erlösung.

Debussys fein strukturierte Komposition ist voll sehnender Instrumentenführung ohne Orchesterwogen Drama, Spannung, So beschreibt er Leid, Entrückung und Tod. Sein Werk beschreibt Sebastians Weg mit dynamischen, rauschhaften Spannungen ohne Pathos. Delikate, subtile Momente stehen neben verhaltenen Ausbrüchen.

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker - hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker – hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Den Münchner Philharmonikern ist Debussy nicht fremd. Schon die Dirigentenlegende Sergiu Celibidache setzte ihn vor drei Jahrzehnten häufig auf seine Programme und gerade er war ein Meister der Orchesterfarben. Dieses Erbe und die Tradition eines auf gegenseitigem Zuhören basierenden Orchesterspiels machen die Münchner Philharmoniker zu idealen Interpreten dieser selten gehörten Komposition. Den Streichern gelingt ein mit emotional, brillanter Klang aus einem Guss. Gemischt mit der schwelgerischen Dichte der Holbläser und den oft markerschütternden Klängen der Blechbläser entspann sich im ganzen Stück eine Atmosphäre von fröhlicher Leichtigkeit bis zu größtem Leid

Die orchestral wechselnden Höhepunkte und die wirkungsvollen Kontraste der Komposition wurden so bestechend herausgestellt. Gergiev und die Musiker sponnen die Elbphilharmonie mit Debussys Mischung aus Barock, mittelalterlicher Mysterien und impressionistischen Klangfarben ein. Mit subtiler Feinsinnigkeit und dramatischem Aplomb legten sie die musikalischen Strukturen und die klangliche Raffinesse Debussy offen.

Der zweite Teil brachte den 2. Akt von Wagners Tristan und Isolde. Valery Gergiev ist in seinen Opernaufführungen oft ein Stürmer, der die Handlung mit raschen Tempi und packenden Momenten vorantreibt. Im Hamburger Konzert präsentierte eine tiefere Auslotung der lyrischen Momente und des symphonischen. Überbordende Dramatik und Leidenschaft erklang in wogenden Orchesterfluten mit atemberaubender Wucht. Schon im Vorspiel offenbarte er, dass manches von Debussys Instrumentation eine Weiterentwicklung von Wagners Tonsprache war.

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker - hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Elbphilharmonie Hamburg / Münchner Philharmoniker – hier : Valery Gergiev © Daniel Dittus

Bei der Umsetzung dieser Klangvision spielte neben Orchester und Ensemble auch die ausgezeichnete Akustik der Elbphilharmonie gestaltende Karten.

Richard Wagner Denkmal in ..... © IOCO / TThielemann

Riesiges Richard Wagner Denkmal in . © IOCO / TThielemann

Andreas Schager bewies, dass er der heute führende Interpret des Tristan ist. Bei seinem Eintreten kostete Gergiev die gesamte Orchestermacht aus. Dem blieb der Sänger nichts schuldig. Sein Ruf „Isolde, Geliebte…“ kam vollklingend metallisch mit glänzender Höhe kometenhaft in den Saal. Das Liebesduett kostete er mit zarten Piani und schwelgerischen Stimmfarben aus. Die belcantesce Textbehandlung und die Fähigkeit, seine Stimme mit einer das Gesungene mit einer Stimmfarbe zu unterlegen, die im Ausdruck koloriert ohne an Klangschönheit einzubüßen, ist eine einzigartige Gabe. Als er bei „Wohin nun Tristan scheidet“ Isolde auffordert ihm ins Totenreich zu folgen verschattet er die Stimme derart, dass man meint, er Stünde dort bereits. Selten, dass stimmliche Meisterschaft und Rollenidentifikation in so glückhafter Weise zusammenklingen. Martina Serafins Isolde paarte Aplomb mit Attacke. Yulia Matochkina sang eine Brangäne von stimmschöner Eindringlichkeit und Poesie. Auf ihre sonore Tiefe schloss sich eine prächtige Mittellage an, die in eine leuchtende, glühende und ungemein klangschöne Höhe gipfelte. Mikhail Petrenko war ein ausdrucksstarker König Marke mit kernig, klangvollem Bass und prachtvoller Gestaltung. Miljenko Turk gab einen stimmgewaltigen Kurwenal mit strahlendem Bariton und dramatischem Einsatz.

Der seidige Glanz der Streicher, die Farben der Holzbläser und die zwischen verhaltener Begleitung und auftrumpfenden Tosen variierenden Blechbläser boten einen Wagner der Extraklasse. Wie ein Maler auf seiner Palette mischt Gergiev raffinierteste Farben, ließ die Musik fein abgestuft ineinander übergehen und hob Melodielinien filigran hervor.

Eine Wagner Sternstunde in Hamburg

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

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