München, Bayerische Staatsoper, Die Zauberflöte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 06.09.2020

September 5, 2020 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Die Zauberflöte  – Wolfgang Amadeus Mozart

– Ein tastender Versuch –

von Hans-Günter Melchior

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Wolfgang A Mozart in Salzburg vor dem Festspielhaus © IOCO DZimmermann

Mit der Kultur ist wie mit dem Wald. Regnet es nicht, verdursten die Bäume und es entsteht eine Wüste.

Auch die Kultur kann nicht lange entbehren, worin sie besteht: der Aktualität, der lebendigen Betätigung. Da helfen auch nicht die Konserven der Plattenindustrie. Und vom allzu langen Bücherlesen beginnen die Augen zu tränen. Raus in die Wirklichkeit, das ist die Sehnsucht der Künstler.

Und nicht minder der Kunstkonsumenten. Wird die Kultur nicht aktuell betätigt, wird nicht gesungen, gespielt, gemalt und angeschaut und zugehört, tritt zuerst dieser ziehende Schmerz der Entbehrung auf –, und danach macht sich eine innere Leere breit, die Dumpfheit bleibenden Verlustes und schließlich díe Abtötung des Begehrens, ja des Interesses überhaupt: in einer Lethargie des Verzichts. Soweit darf es nicht kommen. Der Verlust wäre weit stärker als der etwaige Gewinn in einem Pandemie-Programm.

Ehrlich gesagt: ich hielt ihn nicht mehr aus, nicht diesen Schmerz, den ich noch nicht kannte, der ich doch mein Leben lang ins Theater, in die Konzerte und in die Oper ging.

Bayerische Staatsoper / Die Zauberflöte © W Hoesl

Bayerische Staatsoper / Die Zauberflöte © W Hoesl

Freudig begrüßte ich daher das Angebot der Bayerischen Staatsoper (zugegeben: ein Pandemie-Angebot unter der Fuchtel des Infektionsschutzgesetzes). Ich ging in die Zauberflöte in der uralten, von Helmut Lehberger etwas aufpolierten Inszenierung von August Everding aus dem Jahr 1983, die ich schon mehrfach gesehen habe.

Mit betritt das gewaltige Hause, ein Palast der Musik, wie ein Bankräuber: mit Maske. Weil ich die Maske trug, sah man mir die Freude nicht an. Freude spielt um die Mundpartie, das Lächeln, der missbilligend verzogene Mund, das breite, lärmende Lachen, ja, selbst dieses kommt hinter der Maske wie ein gefährliches Grunzen hervor.

Nur 500 Zuschauer sind zugelassen –, in München sagt man zu diesen Gelegenheiten: 500 Hanseln. Auch sie offenbar vorfreudig, mit wässrigen Augen, was man im Zweifel als Vorfreude deuten sollte, wenn es nicht allzu offensichtlich vom aufsteigenden Dampf des Atems herrührt.

Um es vorweg zu nehmen: es war ein schönes, erfrischendes Erlebnis, das das fast schon ausgetrocknete Reservoir der Kultur in mir etwas auffüllte. Es war ein Dreiviertelgenuss.

Die Zauberflöte – München – August Everding Inszenierung von 1983
youtube Trailer wolframtismer
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Um zum vollen Genuss werden zu können, hätte es der gewohnten Perfektion bedurft. Der Eindruck des Behelfsmäßigen drängte sich allenthalben auf. Oder genauer: das Provisorische verschaffte sich Geltung: der Orchestergraben, in dem etwa 50 Musiker unter der Wahrung der Abstandsregel Platz fanden, war beträchtlich vergrößert. Und die in der doch sehr großen Oper sich verlierenden, weit auseinander sitzenden 500 Zuschauer vermochten nicht diese typische, nervöse Spannung zu vermitteln, die einer Opernaufführung den Charakter des Ereignishaften, Einmaligen zu verleihen pflegt. Kein Nachbar, mit dem man sich austauschen könnte. Zu wenig dankbare Blicke zur Bühne. Eben nichtt dieses pralle Gefühl gemeinsamen Genusses.

Dennoch: geboten wurde solide Kunst, vom Orchester sogar große. Zwar dirigierte Jordan de Souza weitgehend fast emotionslos, zeichenhaft andeutend, ohne Feuer ins Orchester zu übertragen. Dessen bedurfte es freilich bei diesen exzellenten Musiker/innen keinesfalls. Was dieses von der Personenzahl relativ schwach besetzte Orchester an diesem Abend bot, war exemplarisch. Schlechthin perfekt.

Die sängerischen Leistungen hielten sich im guten Mittelmaß. Einzig der Sarastro von Mika Kares stach hervor, er bot neben dem kernigen Papageno von Michael Nagy eine Sängerleistung von internationalem Niveau. Die Königin der Nacht von Sabine Devieihle hatte in der Höhe ein wenig Mühe, wenn sie auch die extrem hohen Töne traf. Schön der Sopran der Pamina von Hanna-Elisabeth Müller, auch sie musste freilich  die Stimme ein wenig in die Höhe stemmen, während sich der Tamino von Benjamin Bruns der Partie durchaus stimmlich gewachsen zeigte. Wunderbar die drei Knaben des Tölzer Knabenchors und der – wie immer – archaisch anmutende Vortrag der beiden Geharnischten von Vincent Wolfsteiner und Markus Suihkonen.

Nun ja, die Inszenierung von August Everding ist – auch von Helmut Lehberger als ein wenig aufgefrischte Einstudierung – für Opernverhältnisse uralt. Märchenhaft. Da treiben sich Bären und Affen herum und zu Beginn jagt ein Riesenreptil dem armen Tamino einen Schrecken ein. Und die den Treppenaufgang zu dem etwas verstaubten Palast Sarastros flankierenden Löwen heben zum warnenden Donnerschlag, der Papageno einschüchtern soll, lustigerweise jeweils ein Bein. Und aus ihren Mäulern spritzt der Wein. Huch. Da hätten eben die Kinder ihre helle Freude gehabt. Ingmar Bergmann hat es so ähnlich versucht, nur tiefsinniger.

Kurzum: eine rechte Erfrischung war dieser Abend am Ende doch, auch wenn es an einem Buffet mit Erfrischungen fehlte. Aber die Pfälzer Weinstuben sind ja in der Nähe. In der warmen Sommernacht im Innenhof der Residenz stellte sich bei einem Glas Wein ein rechtes Glücksgefühl ein. Endlich wieder einmal in der Oper gewesen. Danke Staatsoper! Ein vorsichtiger, aber gelungener Versuch zur Normalität der unentbehrlichen Kultur.

Musikalische Leitung: Jordan de Souza, Inszenierung 1983 : August Everding, Neueinstudierung: Helmut Lehberger, Bühne: Jürgen Rose

Die Zauberflöte am Nationaltheater, München; die weiteren Vorstellungen: 7.9.; 10.9.; 12.9.; 23.9.; 25.9; 27.9.2020 und mehr

 

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper, kostenlose Livestream Angebote ab 23.03.2020

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Live und kostenlos: Weitere Montagskonzerte ab 23. März

Jeweils ab 20.15 Uhr auf STAATSOPER.TV, live und kostenlos: Das Programm der Montagskonzerte wird sich aus Liedgesang, Solo-Instrumentalisten sowie kammermusikalischen und tänzerischen Darbietungen zusammensetzen.

Mit dabei sind über die kommenden Montage verteilt Musikerinnen und Musiker des Bayerischen Staatsorchesters, Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Staatsballetts sowie der Staatsoper eng verbundene Künstlerinnen und Künstler wie Geigerin Julia Fischer, Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller, Bariton Christian Gerhaher, Pianist Gerold Huber, Tenor Jonas Kaufmann, Bariton Michael Nagy und Bass Tareq Nazmi. Das detaillierte Programm sowie die Verfügbarkeit eine on demand werden zu einem späteren Zeitpunkt auf unserer Homepage bekannt gegeben.


Die nächsten Video-on-Demand-Angebote


George Balanchines JEWELS

Ab dem kommenden Samstag, 21. März, präsentiert das Bayerische Staatsballett George Balanchines Jewels (2019).

28 Stunden Video-on-Demand
Vom Sa, 21. März 2020, 19.30 Uhr bis 22. März 2020, 23.59 Uhr kostenlos verfügbar


LUCIA DI LAMMERMOOR

Am 25. März folgt Donizettis Lucia di Lammermoor mit Diana Damrau in der Titelpartie und Pavol Breslik als Edgardo, in einer Inszenierung von Barbara Wysocka aus dem Jahr 2015. Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht Generalmusikdirektor Kirill Petrenko.

14 Tage Video-on-Demand
Vom 25. März 2020, 12.00 Uhr bis 8. April 2020, 11.59 Uhr kostenlos verfügbar


Weitere kostenlose Online-Angebote bis zum 19. April


Verlängert bis 26.3. | Video-on-Demand: JUDITH 

https://operlive.de/judith/


14.3. bis 28.3. | Video-on-Demand: IL TROVATORE 

mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros

https://operlive.de/trovatore/


17.3. bis 31.3. | Video-on-Demand: 1. Montagskonzert

u. a. mit Igor Levit und Christian Gerhaher

https://operlive.de/akademiekonzert19-20/

 

—| Pressemeldung Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper, Alceste – Christoph Willibald Gluck, IOCO Kritik, 26.07.2019

Juli 26, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Alceste  –  Christoph Willibald Gluck

 Aufrechnung: Einer muss sterben, damit ein anderer leben kann

von Hans-Günter Melchior

Was für eine Zumutung. Da haben sich die Götter etwas Grausames ausgedacht: der sterbenskranke und vom Volk geliebte König Admète kann nur überleben, wenn ein anderer Mensch für ihn stirbt. Mensch gegen Mensch; eine Aufrechnung: einer muss sterben, damit ein anderer leben kann.

Aber obwaltet da nicht ein höheres Gesetz, eine Weisheit?: wenn diejenigen Menschen, für die die Zeit reif ist, nicht Platz machen, ist für die Nachfolgenden kein Raum. Es ist ein Lebensgesetz überhaupt. Und so unerbittlich es einerseits ist, so einsichtig ist es andererseits. Einsichten der Mythologie.

ALCESTE Christoph Willibald Gluck
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Dass es freilich Alceste sein sollte, die vom König geliebte Gattin und Mutter seiner Kinder, die sich zu opfern entschlossen ist, widerstreitet den innersten Gefühlen des Herrschers bis zur Verzweiflung. Lieber will er sterben, als dieses Opfer annehmen. So ist es fast immer: in den Grundfragen des Lebens kann man es sich nicht aussuchen, das Leben ist reduziert auf die Naturgesetze.

Zunächst weiß der König freilich nicht, welche Entscheidung ihm bevorsteht. Das Volk jubelt und ermuntert ihn zum Weiterleben. Als gebe es dies: ein Leben grundsätzlich höher zu bewerten als ein anderes. Als Alceste idem Ehemann freilich gesteht, für ihn sterben zu wollen, ist er entschlossen, sich dem Willen des Volkes zu versagen. Staatsräson gegen Liebe. Der König entscheidet sich für die Liebe.

Bayerische Staatsoper München / Alceste - hier : Dorothea Röschmann als Alceste, Charles Castronovo als Admète, Compagnie Eastman © Bayerische Staatsoper / Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper München / Alceste – hier : Dorothea Röschmann als Alceste, Charles Castronovo als Admète, Compagnie Eastman © Bayerische Staatsoper / Wilfried Hoesl

Da erscheint Hercule, sozusagen als deus ex machina, und wird von Évandre, einem Vertreter des Volkes, von der ausweglosen Lage unterrichtet. Am Ende würden beide sterben: der König, der den Tod der Gattin aus Gram nicht überlebt und diese selbst, die sich umsonst opferte. Eine für Hercule unannehmbare Vorstellung. Die Ehegatten erscheinen bereits vor dem Eingang zur Unterwelt, bereit und darauf beharrend, jeweils für den anderen zu sterben.

Hercule greift entschlossen ein. Er holt die beiden ins Leben zurück, indem er den Göttern der Unterwelt den Zugriff auf das Paar verweigert und die Totenwächter zurücktreibt. Glücklich vereint kehren die Eheleute, vom Volk gefeiert, ins Leben zurück und huldigen Apollon, der die Tat des Hercule preist.

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Christoph Willibald Gluck © IOCO

Ein originärer Stoff für eine Oper. Geradezu opernhaft. Christoph Willibald Gluck (1714 – 1787) hat 1767 dazu eine elegische Musik komponiert, die sich fein zurückhält, sich nur stellenweise zu emotionalen Aufschwüngen entschließt, insbesondere in der Partie der Alceste. Dem Stoff angemessen fließt sie wie ein Trauergesang durch die Handlung und verzichtet auf jedes auftrumpfende Getöse.

Der Regie ist dies offenbar zu wenig. Das im Innern Aufwühlende, die eigentlich ins Innere verlegte Handlung, wird auf einer zunächst –, nämlich in den ersten beiden Akten –, abstrakt wirkenden und hohe Tempel mit gradlinigen Säulen andeutenden Bühne in äußere, tänzerische Bewegung umgesetzt. Soll wohl den Kampf der Seelen versinnbildlichen. Da wuselt es (Foto, Trailer) choreographisch um die Akteure herum, Tanzeinlagen jede Menge rund um die Protagonisten, wie sie beschwörend, schlangenartige Verrenkungen, manche an akrobatische Zirkusnummern erinnernd.

So bewundernswert tänzerisch dies auch sein mag: es bringt Unruhe in den schwergewichtigen Stoff und lenkt vom inneren Drama ab, ohne ihm wirklich etwas hinzuzufügen. Man versteht ja auch, was gemeint ist. Und es nimmt der Musik die Tiefe.

Sinnvoll und wirklich nachhaltigen Eindruck hinterlassend sind die Tanzeinlagen lediglich im dritten Akt, wo übergroße, auf Stelzen sich bewegende schwarze Gestalten in flatternden Gewändern die Schrecken der Unterwelt darstellen. Sie dringen auf die schicksalhaft verstrickten Personen wie grotesk verzerrte Ungeheuer ein, bald von oben aus kabinenartigen Abteilen, bald auf gleicher Ebene, gespenstig, polypenartig, diese vereinnahmend. Das wirkt beklemmend und nimmt den Stoff inhaltlich unmittelbar auf. Ein bezwingender Einfall, zumal die Überhöhung der Gestalten, ihre Schwärze das Schicksalhafte des Geschehens verdeutlicht.

Einmal mehr bewährt sich das großartige Orchester unter der Leitung von Antonello Manacorda. Ruhig fließt die Musik, der Dirigent versagt sich jedem Seelenpomp.

Opernsteckbrief zu ALCESTE, Oper von Christoph Willibald Gluck
youtube Trailer des Bayerischen Staatsoper
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Auch das Ensemble auf der Bühne ist seiner nicht leichten Aufgabe gewachsen. Die Alceste von Dorothea Röschmann hat es da am schwersten. In der Höhe merkt man ihren Sopran ein wenig die Kraftanstrengung an. Der Admète des Charles Castronovo beeindruckt durch die makellose Reinheit seiner hohen Stimmlage, ebenso wie der markige Bass des von Michael Nagy verkörperten Hercule. Der Évandre des Manuel Günther beeindruckte durch stimmliche Reinheit. Die Leistung des Ballett, der Tänzer der Compagnie Eastman, Antwerpen steht außer Kritik. Ob sie sich sinnvoll dem dramatischen Stoff fügt, bleibt offen.

So bleibt zur Münchner Inszenierung der Alceste letztlich ein etwas zwiespältiger Eindruck. Dem Publikum jedenfalls hat die Aufführung gefallen. Stürmischer Beifall belohnte das Orchester mit seinem Dirigenten sowie das gesamte Ensemble.

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper, Tannhäuser – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.05.2019

Mai 14, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Tannhäuser –  Richard Wagner

– Die Falle des Dualismus –

von Hans-Günter Melchior

Also der Regisseur Romeo Castellucci hat das Senkblei seines Denkens ganz tief fallen lassen. Er hat Tannhäuser attestiert, dass er sich immer am falschen Ort befindet.

Gut so. Dass der Denker am Ende doch ein wenig in der pseudophilosophischen Kaffeesatzleserei ankommt, mag manche Zuschauer irritieren, manche sogar ärgern, sie werden aber als Zuhörer mehr als entschädigt.

Tannhäuser   –   Richard Wagner
youtube Trailer Bayerische Staatsoper München
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Mystisches und Mysteriöses. Schon bei der Ouvertüre zielen Amazonen mit Pfeil und Bogen auf ein Auge, das durch die Pfeile verdunkelt und zu einem Ohr mutiert, dann zu einem Gesicht – und so weiter. Soll einem da schon die Sinnlichkeit, der Voyeurismus ausgetrieben werden?

Aber von vorne: Castellucci sieht das Zentrum der Lust nicht im Venusberg verortet, sondern auf der Wartburg, wo Elisabeth die Männer verwirrt und in die schiere Verzweiflung treibt. Angeblich umgibt Elisabeth „eine erotische Spannung“. Von Dualismus zwischen Venusberg und Wartburg, von Lust und moralischer Zucht, keine Spur.

Folglich ist der Venusberg nichts weiter als eine Ansammlung von amorphem Fleisch, ungestalte, ja widerwärtige Brocken und Klumpen mit angedeuteten Köpfen, die sich manchmal bewegen, manchmal nur dräuend die Venus bedrängen. Unerotischer geht es nicht mehr. Souverän kämpft sich mit starker Stimme die Venus der Elena Pankratova durch die Fleischberge.

Bayerische Staatsoper München / TANNHÄUSER - Elena Pankratova als Venus, Klaus Florian Vogt als Tannhäuser Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / TANNHÄUSER – Elena Pankratova als Venus, Klaus Florian Vogt als Tannhäuser Ensemble © Wilfried Hösl

Kein Wunder, dass dem Tannhäuser (große Klasse: Klaus Florian Vogt, ein perfekter Bayreuther Wagner-Erprobter) die Lust vergeht. „Zuviel! Zu viel!“, ruft er aus. Auf den Gedanken, dass die Menschen jeder Überfluss, jede Reizüberflutung im Überdruss landen lässt und es auch des Guten manchmal zuviel sein, auf diese Binsenwahrheit kommt Castellucci nicht. Er leitet aus diesem Zuviel eine ganze Theorie voll von Skurrilitäten ab, die im Libretto keinen Halt finden. Denn dieses stellt aus reiner Zweckhaftigkeit die Gegensätze schroff in den Raum, Gut und Böse sind säuberlich getrennt und Tannhäuser ist ein Zerrissener, einer, der die Lust genießt und sich zugleich mit moralischen Bedenken, ja mit Gewissenbissen quält. Ob das noch zeitnah ist, spielt im Grunde keine Rolle.

Die theoretische Konstellation ist jedenfalls das Tableau, auf dem die Musik ihre sublimen Feinheiten austrägt und die Dramaturgie des Werkes sich entfaltet. Eine Oper ist kein Roman und auch kein Theaterstück, schon gar nicht ein Essay über die Zeitgeschichte oder über kulturelle Entwicklungen und gewandelte Moralanschauungen. Letztlich dient alles der Musik. Dass heute die Lust nicht verteufelt wird wie von den Rittern der Wartburg, ja dass überhaupt kein Gegensatz zwischen Lust und Moral gesehen wird… –, vergessen wir es, der Tannhäuser ist im letzten Grund ein rein musikalisches Phänomen, das sich den Text untertan, dienstbar macht. Und das die Gegensätze braucht. Nehmen wir also den Text hin, wie er dasteht.

Im zweiten Akt gibt es einen Raum oder Räume aus Stoff. Die Wände bewegen sich. Sie sollen, so Castellucci, an drapierte Nymphen erinnern. Der Raum, so Castellucci in einem Interview mit Pietro Bianchi (abgedruckt im sehr instruktiven Programmheft), soll selbst „sexualisiert“ sein.

Nun ja, auch da wird die Phantasie gehörig strapaziert. Erregt werden die wehenden Fahnen wohl niemanden haben. Eher – Castellucci sei Dank – die recht ansehnlichen, unbekleideten Nymphen (Foto), die vor dem Chor herumtanzten und offenbar die wabernde Lust verdeutlichen sollten.

Und: ach ja, die Ritter auf der Wartburg haben keine Schwerter, sondern Pfeil und Bogen. Denn sie sind Jäger. Weit in die Anfänge der Menschheit hinein denkt der Regisseur.

Bayerische Staatsoper Muenchen / Tannhäuser - hier : Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper Muenchen / Tannhäuser – hier : Ensemble © Wilfried Hösl

Und im dritten Akt befinden sich auf der Bühne Steingräber mit eingravierten Namen. Es werden angeblich sieben Verwesungsphasen des Körpers gezeigt, während die Zeit ins Unendliche verrinnt, von der Sekunde, über die Minute, die Stunde, den Tag – und so weiter, bis ins Milliardenfache. Der Tod ist unendlich, so Castellucci,er wird in die Zeit projiziert, über die Zeit hinaus, auf fast kindliche Weise in Abermilliarden Jahre geworfen.“

Aha. Und was ist mit Tannhäuser? Er kommt unverrichteter dinge, unerlöst und vom Papst verstoßen, aus Rom zurück und beklagt sein Schicksal. Zuerst stirbt Elisabeth, woran bleibt offen, aus einer Art moralischer Erschöpfung vielleicht. Ebenso Tannhäuser. Das freilich geht auf Wagners Kappe. Das Drama hat einfach ein Ende.

Leichen liegen auf den Steingräbern, die zunächst angezogenen Personen werden abgelöst von grotesk verzerrten, nackten Körper mit aufgedunsenen Bäuchen, am Ende von Skeletten. Endzeit in der Zeitlosigkeit. Da hat sich der Regisseur gewaltig ins Phantastische und Abseitig-Schreckliche hineingeträumt. Wäre nicht die Musik…

Denn was solls. Auch an Wagners ewigem Kampf zwischen banaler Lust und Eros, zwischen sexueller Hingabe und Zügellosigkeit und bürgerlich-christlicher Askese ließe sich, wie schon erwähnt, herumkritteln (s. Parsifal, Tristan). Vor dem Thron der Musik gelten andere Maßstäbe.

Bayerische Staatsoper München / Tannhäuser - hier : Davidsen als Elisabeth, Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Tannhäuser – hier : Davidsen als Elisabeth, Ensemble © Wilfried Hösl

Letztlich siegt also die überwältigend schöne Musik. Sie schwemmt umstandslos alle Einwände und alle Aufdringlichkeiten und Pseudotiefsinnigkeiten der Regie hinweg. Ein Rat: einfach mal wegschauen, das Störende beiseite lassen und nur zuhören. Es lohnt sich.

Der musikalischen Darbietung wegen ist der Abend ein voller Erfolg. In der Premieren – Besetzung traten Kirill Petrenko, als Dirigent, Anja Harteros als Elisabeth und Christian Gerhaher als Wolfram von Eschenbach auf. Sicher ein Spitzenensemble. Aber auch die jetzige Besetzung überzeugt. Stephen Milling als Landgraf, natürlich Klaus Florian Vogt als Tannhäuser und – mit leichten Einschränkungen – Lise Davidsen als Elisabeth. Besonders beeindruckend die Leistung von Michael Nagy, der für den erkrankten Ludovic Tézler als Wolfram von Eschenbach einsprang und sich wunderbar einfügte.

Großartig das Orchester unter der geradezu atemberaubend inspirierten, leidenschaftlich ihre Musiker vorantreibenden Leitung der genialischen Simone Young. Da ging keine Nuance verloren, kein Übergang vom Diatonischen ins Chromatische, keine schon im Tannhäuser ins Leitmotivische tendierende musikalische Erinnerungstechnik, wie sie den später Wagner auszeichnete. Eine schlechthin brillante musikalische Aufführung, die manche Aufdringlichkeiten einer sich in den Vordergrund drängenden Regie einfach hinwegschwemmte und – noch einmal sei es gesagt – deutlich machte, worauf es ankommt: vor allem auf die Musik. Der Einspruch der Musik gegen die lastende Ratio und den ins Leere grabenden Tiefsinn, betörend komponiert und betörend interpretiert. Nicht zu vergessen der Chor! Der ging unter die Haut. Wunderbar. Danke.

Wohlgemerkt: man muss auch mal wegschauen können. Und so wurde es doch ein großer Abend. Uneingeschränkter Beifall des begeisterten Publikums

Tannhäuser an der Bayerischen Staatsoper; keine weiteren  Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

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