Hagen, Theater Hagen, Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 07.12.2019

Dezember 7, 2019 by  
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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach

– Aufgeklärte Frauen der Jetzt-Zeit auf einer Zeitreise in das Jahr 1907 –

von Viktor Jarosch

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Orpheus in der Unterwelt (1855), Die schöne Helena (1864) mit der umworbenen exzentrischen Diva Hortense Schneider und andere Operetten machten Jacques Offenbach (1819-1880) im französischen Kaiserreich um 1860 zu einem Star.  Für Gioacchino Rossini war Offenbach der „Mozart der Champs-Elysées“. Giacomo Meyerbeer besuchte  Offenbachs satirisch frivole Operetten französischer Prägung in dessen Theatre des Bouffes Parisiennes. Bezüge zur griechischen Antike persiflierten die Mittelschicht, Neureiche oder Emporkömmlinge. Der deutsch-französische Krieg 1870-71 und seine nun kritisch gesehene deutsche Herkunft beendeten in Paris die Popularität von Jacques Offenbach; er war nun nur noch berühmt. Noch schlimmer für ihn: Nach 1871 gab es in Paris keinen Platz mehr für seine prallen, lebensfrohen Operetten; so fand Offenbach in späten Jahren mit Hoffmanns Erzählungen zu ganz neuen Ufern.

Die Autoren von Hoffmanns Erzählungen (Les Contes D´Hoffmann), die Franzosen Jules Barbier und Michel Carré, waren große Bewunderer von E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) und dessen Karikaturen, Erzählungen, Satiren. In ihrem populären Drama Les Contes D´Hoffmann integrieren sie den Menschen E.T.A. Hoffmann in dessen Erzählungen Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Serapionsbrüder. Offenbach wiederum komponierte 1877 aus diesem 1851 in Frankreich entstandenen, fantastischen Drama eine Oper. Die Komposition der Oper gestaltete sich mühsam:. Offenbach war bereits krank, dürr, hinfällig; seinen baldigen Tod ahnend schreibt er Léon Carvalho, Direktor der Opéra-Comique, „Beeilen Sie sich, mein Stück herauszubringen; ich habe es eilig und hege nur den einzigen Wunsch, die Premiere zu sehen.“ Offenbach starb 1880; den Erfolg seiner 1881 uraufgeführten Oper erlebte er nicht mehr. Die zum Tod Offenbachs nur weitgehend fertige Komposition wurde in den Folgejahren immer wieder überarbeitet. Am Theater Hagen wurde die bekannteste, die Guiraud-Choudens-Fassung von 1907 gespielt.

 Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : moderne Frauen der Jetzt-Zeit begeben sich auf die Zeitreise in das Jahr 1907 © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : moderne Frauen der Jetzt-Zeit begeben sich auf die Zeitreise in das Jahr 1907 © Klaus Lefebvre

Hoffmanns Erzählungen ist ein ohnehin komplexes Werk, es spielt auf verschiedenen Ebenen und Wahrnehmungen. Regisseur (und Intendant des Theater Hagen) Francis Hüsers verwandelt Offenbachs klassische Komposition zusätzlich. In einem Spiel der Realitätsebenen der Jahre 2019  und 1907 geht es ihm besonders um die Wahrnehmung von Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft.  Hüsers nimmt den Besucher so mit auf eine Zeitreise: Olympia, Antonia und Giulietta (als Prostituierte) sind moderne Frauen der Jetzt-Zeit, welche in die Welt des Jahres 1907 eintauchen und dort entstressten Umgang mit Liebe, Erotik, Männern, Sex leben. Es sind aktiv gestaltende, gleichberechtigte Frauen, welche Hoffmann auch verführen wollen. Warum gerade 1907? Hüsers sieht 1907 als ein besonderes Jahr, von großen Umbrüchen in der Kunst, in dem die „frühe Moderne“ aufblühte, in dem auch die Drucklegung der in Hagen gespielten Hoffmann – Fassung erfolgte.

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : Cristina Piccardi als Olympia, Boris Leisenheimer als Spalanzani © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : Cristina Piccardi als Olympia, Boris Leisenheimer als Spalanzani © Klaus Lefebvre

Olympia, Antonia und Giulietta werden auf der Zeitreise in das Jahr 1907 von Nicklausse, die Muse, begleitet, gestützt von ihrem Freund und Hoffmanns Gegenspieler Lindorf, welcher in der Welt von 1907 als Sinnbild des Bösen, als Coppelius, Miracle und Dapertutto, auch Hoffmann bekämpft. Hoffmanns Erzählungen wird in Hagen auch zu einem spannendem Plädoyer für Aufklärung, für Gleichberechtigung. #MeToo scheint auch ein wenig durch. Ein ungewöhnlich reizvoller Regieansatz, welcher auf der Bühne zu einer packender Produktion mutiert.

Lindorf (Dong-Won Seo) sitzt schon vor Beginn der Vorstellung an einem Tisch an der Bühnenrampe, die „Westfälische Rundschau“ lesend. Zu den ersten Klängen des Chors der Studenten („Wir vertreiben Leid und Sorgen …“) erscheinen Antonia, Giulietta und Olympia, klassisch wie lasziv gekleidet, setzten sich zu Lindorf, trinken Bier, spielen Karten: modern, gelassen, selbstbewusst.

Mit dem ersten Bild, dem Öffnen des Vorhangs, beginnt ihre Zeitreise in das Jahr 1907: Lutters Weinkeller, ein bedeutendes MUSS jeder Hoffmann-Inszenierung (ehemals auch Stammkneipe von E.T.A. Hoffmann), ist in Hagen ein weites, hohes Lokal mit gepflegten Kellnern und vornehm tanzenden Gästen in der Kleidung aus 1907. Im Hintergrund des Bühne unterlegen Bilder, Projektionen, Filme die Handlung der Protagonisten. Hoffmann erscheint und singt, von seinen Kumpels gedrängt – nicht verloren schwach, sondern selbstsicher auf einem Tisch und mitten im Leben stehend – das Lied von Klein-Zack: die vier aus der Jetzt-Zeit abgestiegenen Frauen mischen sich lässig unter die Gäste, geben durch ihre moderne Erscheinung der „Zeitreise 2019-1907“ Bild und Ausdruck. Das ungebrochene Französisch der SängerInnen verleiht der Produktion zusätzlichen Charme und Harmonie.

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen - hier : Thomas Paul als Hoffmann, Netta Or als Giulietta filmt ihn, um so sein Spiegelbild zu rauben © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Hoffmanns Erzählungen – hier : Thomas Paul als Hoffmann, Netta Or als Giulietta filmt ihn, um so sein Spiegelbild zu rauben © Klaus Lefebvre

Olympia, der von dem Physiker Spalanzani geschaffene Singautomat, ist dann im zweiten Bild eine gepflegte Frau in modern blauem Zweiteiler, Foto oben, welche zwischen den Gästen aus 1907 und ihren Freundinnen der Jetzt-Zeit flaniert, ihre große Arie singend Les oiseaux dans la charmille“ (Die Vögel in der Laube). Auch die folgenden Bilder der so vielschichtigen Handlung, die von Doktor Miracle zum Singen verführte Antonia, die mit ihrem Zuhälter Dapertutto um Hoffmanns Spiegelbild kämpfende Giulietta, Foto oben, spielen beständig mit der Wahrnehmung des Besuchers. Diese stetig wechselnden Ebenen  machen Hoffmanns Erzählungen in Hagen zu einer bis zum überraschenden Ende anregend vielschichtigen Inszenierung. Hier können sich, frei nach Goethe, die Geister verschiedener Zeiten gegenseitig bespiegeln. Und  den Besucher so bannen, faszinieren!

Die Faszination der Hoffmann-Produktion am Theater Hagen wird gleichermaßen über das darstellerisch und stimmlich mitreißend disponierte Ensemble gestaltet: Thomas Paul erhielt in seiner riesigen Partie des Hoffmann den ersten ungeteilten Beifall bereits zu Beginn, zu seiner Arie des Klein-Zack. Paul schonte sich jedoch dann nicht, schaffte es, große mitnehmende Ausstrahlung und seine wohltimbrierte kräftige Tenorstimme über den ganzen Abend zu wahren. Die drei in das Jahr 1907 abgestiegenen Freundinnen, Olympia (Cristina Piccardi),  Antonia (Angela Davis), Giulietta (Netta Or) faszinierten in ihren anspruchsvollen Sopran-Partien ebenfalls von Beginn an. Dong-Won Seo las als Lindorf zu Beginn der Vorstellung eine Zeitung: Als Coppelius, Doktor Miracle und Dapertutto war er der optisch und mit schwerem Bassbariton in der langen und stimmlich fordernden Oper stets präsente Gegenspieler von Hoffmann. Maria Markina wiederum begleitete Hoffmann als Muse und Nicklausse ebenfalls mit feinem Mezzo. Marilyn Bennett, hoch  geschätztes Ensemblemitglied am Theater Hagen, spielt, singt die verstorbene Mutter von Antonia stimmlich perfekt und erneut mit esoterischer Präsenz. Gestützt wurden Sänger und Komposition durch GMD Joseph Trafton und das sensibel eingestellte  Philharmonische Orchester Hagen.

Mit dem ungewöhnlichen Regie-Ansatz zu Hoffmanns Erzählungen und der gelungenen künstlerischen Umsetzung auf und vor der Bühne zeigt das Theater Hagen,  dass große Kultur in Deutschland auch in kleineren deutschen Städten stattfindet. Die Besucher dankten überschwänglich, allen: Regie, Ensemble, Dirigent und Orchester lang anhaltend.

Hoffmanns Erzählungen am Theater Hagen; die folgenden Termine 20.12.; 26.12.; 29.12.2019; 12.01.2020, 19.01.; 15.02.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Hagen |—

Linz, Landestheater Linz, Le Prophète – Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 05.11.2019

November 5, 2019 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Le Prophète  –  Giacomo Meyerbeer

 Die Wiedertäufer – im Wettstreit der Unrechtssysteme

von Marcus Haimerl

Die Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Grabstätte von Giacomo Meyerbeer in Berlin © IOCO

Die erste Premiere der Saison im Landestheater Linz galt Giacomo Meyerbeers selten aufgeführter grand opéra Le Prophète (Der Prophet). Giacomo Meyerbeer und sein Librettist Eugène Scribe unterschrieben bereits 1838 den Werkvertrag über den „Propheten“ und hinterlegten im März 1841 eine provisorische Partitur bei einem Pariser Advokaten; in weiser Voraussicht, dass es mit der Direktion bereits vor der Premiere zu heftigen Auseinandersetzungen kommen könnte. Und so kam es auch: Direktor Léon Pillet weigerte sich, die von Meyerbeer für die zentrale Partie der Fidès vorgesehene, äußerlich weniger attraktive Altistin Pauline Viardot-Garcia zu akzeptieren. In Folge zog der Komponist die Partitur zurück und es kam erst mit dem Amtsnachfolger Edmond Duponchel 1847 zu einer Einigung. Bis zur Premiere im April 1849, hatte Meyerbeer ausreichend Zeit, letzte Hand an die Partitur zu legen und die Proben mit enormem Arbeitsaufwand – allein dreiundzwanzig Orchesterproben – zu leiten. Wie bei seinen Hugenotten musste auf Grund der Überlänge eine Dreiviertelstunde Musik gestrichen werden. Auf das Endergebnis hatte die Kürzung jedoch keinerlei Auswirkung, war doch der Erfolg genauso sensationell wir bei Robert le Diable.

Le Prophete – Giacomo Meyerbeer
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Die Beliebtheit der Werke von Giacomo Meyerbeer zeigt sich auch an der Tatsache, dass am Premierentag, dem 16. April 1849, die Deputiertenversammlung im Pariser Parlament nicht beschlussfähig war, da zu viele Abgeordnete in der Opéra saßen.

Eugène Scribes Libretto behandelt eine Episode aus der Geschichte des Täuferreich von Münster, der Wiedertäufer, deren Anführer  Johann von Leyden (in der Oper Jean de Leyde) in den Jahren 1534/35 die Stadt Münster beherrschte, Katholiken sowie Protestanten vertrieb, das Reich Zion wurde ausrief, das Privateigentum abschaffte und Vielweiberei einführte. Das Täuferreich von Münster endete im Juni 1535 in einem Blutbad, als kaiserliche Truppen unter Franz von Waldeck Münster eroberten. Johann van Leyden und andere Anführer wurden auf dem Prinzipalmarkt von Münster öffentlich gefoltert, Zungen mit glühenden Zangen heraus gerissen; nach ihrem Tod wurde van Leyden sichtbar in einem eisernen Korb an der  Lambertikirche  aufgehängt. Die Körbe hängen bis heute dort.

Anders als bei den Hugenotten sperrte Scribe alles Gewalttätige der Szene aus und ließ auch keine Diskussion der messianischen und sozialrevolutionären Aspekte der Wiedertäuferbewegung zu. Stattdessen rahmt, wie auch schon bei den Hugenotten, die historische Handlung eine Privathandlung, die Beziehung Jeans zu seiner Mutter Fidès und seiner Braut Berthe, ein:

Die Waise Berthe ist mit Jean verlobt. Jeans Mutter Fidès kommt zu ihr, um diese zu ihrem Bräutigam zu führen. Die beiden treffen auf Zacharie, Jonas und Mathisen, drei Anhänger der Anabaptistenbewegung, die aus ihren religiösen Ansichten heraus das Volk zum Kampf gegen die Obrigkeit anstachelt. Die Anhänger des Grafen von Oberthals, der über diese Gegend herrscht, können den Aufstand noch einmal verhindern.

Beide Frauen nutzen die Gelegenheit, das Einverständnis Oberthals für die Hochzeit zu erbitten. Doch Oberthal schleppt beide, Fidès und Berthe, die sein Begehren geweckt hat, mit sich fort.

 Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Matthäus Schmidlechner als Jonas, Jeffrey Hartman in der Titelpartie des Jean, Adam Kim als Mathisen © Reinhard Winkler

Während Jean auf Braut und Mutter wartet, erkennen die drei Täufer in ihm einen ausstrahlungsstarken Führer. Dieser lehnt jedoch ab. Als Berthe auf der Flucht vor Oberthals Zudringlichkeiten Schutz bei Jean sucht, dieser aber von Oberthal vor die Wahl gestellt wird, entweder seine Braut herauszugeben oder den Tod seiner Mutter miterleben zu müssen, entscheidet sich Jean für die Mutter. Er ist nun auch bereit, sich den Täufern anzuschließen und – als selbsternannter Prophet die Führung der Täufer zu übernehmen.

Mathisen meldet, dass der Kaiser mit einem Heer im Anmarsch ist, um der Stadt Münster, die von den Täufern belagert wird, zu Hilfe zu eilen. Zacharie befiehlt im Namen des Propheten, ohne sich mit Jean abzusprechen, den Sturm auf die Stadt. Oberthal wird von den Täufern aufgegriffen. Jean fragt nach seiner Braut und erfährt, dass Berthe nach Münster geflohen ist. Es wird gemeldet, dass der Angriff fehlgeschlagen ist. Die Soldaten revoltieren gegen Jean, da sie ihn für den Urheber dieses missglückten Angriffs halten. Mit einer charismatischen Ansprache vermag der Prophet die Soldaten zu besänftigen und bricht nun gemeinsam mit ihnen auf, um die Stadt zu erobern.

Die Täufer haben die Stadt Münster eingenommen, in welche es auch Fidès verschlagen hat. Sie trifft auf Berthe, beide wissen nicht, dass Jean der Prophet ist, vielmehr vermutet Fidès, der Prophet habe Jean getötet. Als sie Berthe davon erzählt, will diese den Propheten töten. Als sich Jean zum König seiner Bewegung krönen lässt, erkennt Fidès in ihm ihren Sohn und ruft entsetzt „Mein Sohn!“. (Meyerbeer beachtet hier geschichtliches: Auch Wiedertäufer Johann von Leyden ließ sich 1535 zum „König“ von Münster krönen)

Daraufhin behauptet Jean, dass Fidès wahnsinnig sei und ihn verwechsle. In einer Rede an das Volk bietet er seinen Tod an, falls er doch der Sohn von Fidès sei, da ansonsten der Einsturz des Propagandagebäudes der Täufer droht. Der Trick gelingt, Fidès revoziert und die Anhänger des Propheten glauben an ein Wunder.

Der Kaiser hat Zacharie, Jonas und Mathisen freies Geleit für die Auslieferung Jeans zugesichert. Diese wollen das Angebot annehmen. Fidès ist bereit Jeans Verhalten zu verzeihen, wenn er sich von den Täufern lossagt. Alle drei wollen ein gemeinsames Leben in der Abgeschiedenheit beginnen. Als ein Getreuer Jeans den Verrat der drei Täufer meldet, erkennt Berthe in Jean den verhassten Propheten, das kann sie nicht ertragen und nimmt sich das Leben. Da Jean nun nichts mehr bleibt, reißt er sich, seine Anhänger und Feinde in den Untergang, als er bei einem Fest ein Pulvermagazin, das sich unter dem Saal befindet, in Brand setzt.

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Jeffrey Hartmann als Jean und die Täufer © Reinhard Winkler

In seiner Arbeit setzt Regisseur Alexander von Pfeil auf Zeitlosigkeit. Das Einheitsbühnenbild von Piero Vinciguerra zeigt das Halbrund einer außer Betrieb genommenen, verfallenen Fabrikshalle in einer postapokalyptischen Zeit. In jener Fabrikhalle herrscht der Graf von Oberthal, ehe sich die Machtverhältnisse in diesem Mikrokosmos verschieben und die Täufer eine andere Form von Schreckensherrschaft ausüben. Hier dominieren brennende Kreuze, Hinrichtungen stehen an der Tagesordnung, tote Körper hängen von der Decke und die ehemaligen Begleiterinnen des Grafen von Oberthal werden gezwungen, den Boden zu waschen.  Ku-Klux-Klan und die Behandlung der jüdischen Bevölkerung im dritten Reich sind nur einige Bilder, die dem Zuseher hier in den Sinn kommen.

Alexander von Pfeil verzichtet auf die szenische Umsetzung der für die Grand Opéra typischen Balletteinlage und setzt von Beginn an auf projizierte Bibelstellen und Zitate („Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.“ Matthäus 7,15). Mit diesen düsteren Bildern gelingt es Alexander von Pfeil, den Kern des Werks freizulegen und zu zeigen, wie ein Unrechtssystem durch ein viel Schlimmeres ersetzt wird.

Die Titelpartie des Jean singt der amerikanische Tenor Jeffrey Hartman mit samtenem Tenor, sorgt für schöne Momente und kann im Finale überzeugen. Die heimliche Titelrolle, jener von Jeans Mutter Fidès, wird von der amerikanischen Mezzosopranistin Katherine Lerner mit großer Leidenschaft und höchster Präzision verkörpert, besonders intensiv im Finale des vierten Aktes. Herausragend die Berthe von Brigitte Geller, die mit ihrem großen, leuchtenden Sopran eine überzeugende Wandlung vollzieht. Mit ihrer enormen Bühnenpräsenz wird die Partie der Berthe der ansonsten dominanteren Rolle der Fidès ebenbürtig.

Stimmstark auch das Täufer-Trio Dominik Nekel (Zacharie), Matthäus Schmidlechner (Jonas) und Mathisen (Adam Kim). Als Bösewicht Graf von Oberthal begeistert Martin Achrainer mit seinem schönen, ausdruckstarken Bariton und intensivem Spiel.

Landestheater Linz / Le Prophete - hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Landestheater Linz / Le Prophete – hier : Jeffrey Hartmann als Jean und Katherine Lerner © Reinhard Winkler

Auch das restliche Ensemble konnte mit soliden Leistungen aufwarten: Markus Schulz (ein Bauer), Csaba Grünfelder (ein Soldat), Marius Mocan (ein Bürger), Tomasz Kovacic (ein Offizier), Jonathan Whiteley und Markus Raab (Wiedertäufer) und Danuta Koskalik und Yoon Mi Kim-Ernst (zwei Bäuerinnen). Größtes Lob auch für die Leistungen des Chors, des Extrachors und des Kinder- und Jugendchors des Landestheater Linz.

Am Pult des Bruckner Orchesters Linz versteht Markus Poschner über knapp vier Stunden die musikalische Spannung zu halten und die teils aufrüttelnde Musik von  Giacomo Meyerbeer detailreich wiederzugeben.

Mit dieser Produktion hat das Landestheater Linz sich nicht nur eines Riesenwerks angenommen, sondern auch bewiesen, dass Giacomo Meyerbeer auch heute noch Aktualität besitzen kann.

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Dresden, Semperoper, Die Hugenotten – Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 02.07.2019

Juli 2, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Die Hugenotten – Giacomo Meyerbeer

1572 – Bartolomäusnacht – Der Massenmord an Andersgläubigen

von Thomas Thielemann

Giacomo Meyerbeer Grabstätte © IOCO

Giacomo Meyerbeer Grabstätte © IOCO

Seit der deutschen Erstaufführung der Oper Die Hugenotten 1837 in Leipzig ist das Erfolgswerk von Giacomo Meyerbeer (geboren als Jakob Meyer Beer in Berlin) am 29. Juni 2019 erst zum vierten Mal auf die Bühne der Semperoper gebracht worden. Für die Inszenierung war Peter Konwitschny gewonnen worden, nachdem er im Skandal um seine Inszenierung der Csardasfürstin vom Silvester 1999 die Elbestadt gemieden hatte. Oder hatte sich das Haus nach dem verlorenen Rechtsstreit derart verschreckt?

Konwitschny hatte damals, ob der Parallelität von Weltkrieg und Uraufführung einer Operette im Jahre 1915, Szenen drastisch in einem Schützengraben verortet: er ließ die Titelfigur mit einem kopflosen Soldaten tanzen. Nach Publikumsprotesten waren diese Szenen zunächst aus den Aufführungen entfernt worden. Gegen diese Urheberrechtsverletzung klagte Konwitschny. Dem damaligen Intendanten Albrecht war gerichtlich sogar Haft angedroht worden, wenn er die Urheberrechte Konwitschnys nicht achte und die ursprüngliche Fassung nicht wieder herstellen lasse. Albrecht folgte den Auflagen, setzte die Operette bald vom Spielplan ab.

Eigentlich hatte Peter Konwitschny Le Huguenots 2017 der Pariser Opéra Bastille inszenieren sollen, war aber ausgeladen worden. Er konnte sich mit dem Dirigenten Michele Mariotti nicht über Streichungen einigen. Und für Kompromissunfähigkeit in Fragen der Werkauffassung ist der „Regisseur des Jahres 2018“ nun mal bekannt.

 Semperoper Dresden / Die Hugenotten - hier : die Hochzeit Valentine mit Graf de Nevers  © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten – hier : die Hochzeit Valentine mit Graf de Nevers  © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Zurückhaltender hatte ich Peter Konwitschny 1951 kennen gelernt: zu den Obliegenheiten meines Vaters Walter Thielemann, damals Stadtteil-Verwaltungsleiter von Leipzig-Schleußig, gehörte es, dem frischen Nationalpreisträger und damaligen Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny zu gratulieren. Ich begleitete damals meinen Vater und so wurde uns auch Franz Konwitschnys artig im Garten spielender Sohn, das 6-jährige Bürschlein Peter,  vorgestellt.

Der Fließband-Schreiber Eugène Scribe (1791-1861) fertigte 1832 für Meyerbeer ein Libretto mit einer fiktiven Handlung um das Geschehen des Massacrede la  Saint-Bartthélemy, der Bartolomäusnacht vom 23. zum 24. August 1572. Er nutzte dabei die Auseinandersetzungen zwischen den vom spanischen Königshaus unterstützten Katholiken mit den calvinistischen  Hugenotten. Katharina von Medici, die Mutter des schwachen Königs, wollte den fragilen Frieden von 1570 stabilisieren und arrangierte am 18. August  1572 eine Hochzeit ihrer katholischen Tochter Marguerite mit dem protestantischen Heinrich von Navarra, dem späteren Henri IV... Zu den vier Tage dauernden Hochzeitsfeierlichkeiten waren mit etwa 3000 Hugenotten auch deren Führer nach Paris gekommen. Ein missglücktes Attentat auf deren Repräsentant Admiral de Coligny verunsicherte die Hugenotten und sie forderten Rache. Vermutlich sah Katharina von Medici ihre Versöhnungsversuche gescheitert und nutzte die Gelegenheit, als alle Hugenottenführer an einem Ort versammelt waren. In der Nacht zum 24. August 1572 ließ sie alle Hugenottenführer umbringen. In dessen Folge begann in den Morgenstunden ein bis heute nicht vollständig aufgeklärtes pogromartiges Gemetzel an allen Hugenotten, derer man habhaft werden konnte.

Die Hugenotten – Making of …
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Giacomo Meyerbeer war mit der Arbeit Scribes nicht zufrieden und zog den Schriftsteller Émile Deschampsin (1791-1871) zur Anpassung des Textes an seine Erfordernisse  heran. Auch Verse des Gaetano Rossi (1747-1855) wurden im Libretto verwendet.

Die Librettisten folgten bei der Entwicklung der Handlung den historischen Abläufen, die zur Erkenntnis führen, dass gesellschaftliche Konflikte nur durch gesellschaftliche Entwicklungen und nicht mit individuellen Aktivitäten gelöst werden können. Denn erst nach 26 Jahren harter Verhandlungen vor allen von Heinrich IV. wurde mit dem Edikt von Nantes für 87 Jahre ein relativer Religionsfrieden in Frankreich ermöglicht.

Peter Konwitschny hatte seine Inszenierung von Die Hugenotten in der Zeit belassen und die Geschehnisse um die Bartolomäusnacht recht konsequent, soweit ihm das Libretto Spielraum gab mit brillant inszenierten Massenszenen sichtbar gemacht. Wer mit einigem Wissen  über die historischen Ereignisse ins Haus gekommen war, dem wurde begreiflich gemacht, wie sich eine Situation, hier als religiöser Konflikt dargestellt, aufschaukeln kann und zur Katastrophe führen muss.

Semperoper Dresden / Die Hugenotten hier Christian Dollfuss, Bassklarinettist, vor erschlagenen Hugenotten © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten hier Christian Dollfuss, Bassklarinettist, vor erschlagenen Hugenotten © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Gelungen war die Verlegung des ersten Teils im des zweiten Aktes in eine Badestube, in dessen Verlauf der calvinistische Edelmann Raoul de Nangis von der Königin von Navarra in einer Badewanne verführt wurde. Als glänzenden Regieeinfall fanden wir, dass das bei Meyerbeer in der Mitte des Gemetzels im fünften Akt angeordnete fragende Bassklarinetten-Solo erst am Ende des Geschehens erklingt; mit dem Tod verklingt auch die Musik.

Die Bühnenbild Gestaltung von Johannes Leiacker half der Regie, indem das gesamte Spiel in einer Halle verortet war. Deren Wand-Täfelung wurde mit hellen Bereichen den Protestanten und mit dunklen Vertäfelungen den Katholiken zugewiesen. Gut organisierte Statisten bauten mit wenigen Räumungen die Szene um. Das war handwerklich gekonnt.

Die Dresdner Malerwerkstatt hatte für die Inszenierung einen wunderbar gelungenen Zwischenvorhang gefertigt, welcher da Vincis Abendmahl zeigt, der zwischen den Akten den Parteien vor Augen führte, was sie einen sollte: die gemeinsame Herkunft  von der Lehre Jesus.

Die musikalische Wirkung kam vor allem von den hervorragenden Chorszenen und vom Orchester unter der Leitung des Österreichers mit ungarischen Wurzeln Stefan Soltés. Gesungen wurde recht differenziert: Makellos die Marguerite de Valois der russischen Koloratur-Sopranistin Venera Gimadieva. Jenniver Rowley gab der Valentine den vollen Glanz ihrer Stimme eigentlich erst ab dem vierten Bild in der Szene mit dem Raoul von John Osborn. Von seinem Einsatz hatte man letztlich mehr Glanz erwartet.

 Semperoper Dresden / Die Hugenotten - hier : Jennifer Rowley als Valentine © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Hugenotten – hier : Jennifer Rowley als Valentine © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Hervorragend war das Kabinett-Stück des Ensemblemitglieds Stepanka Pucalkova  in der Rolle des Pagen. Gute Leistungen, oft an den Grenzen ihrer stimmlichen Möglichkeiten sind Tilmann Rönnebeck als Graf de St. Bris, John Relyea als Marcel, Christoph  Pohl als Graf de Nevers und Magnus Piontek als Méru. Sabine Brohm durfte sogar direkt in das Auditorium singen.

Die Reaktion des Premierenpublikums blieb differenziert. Die beiden Pausen hatten bereits Lücken in den Sitzreihen verursacht. Ich konnte von meinem Platz um sechs Sitze bis zum Mittelplatz der Reihe sechs rücken. Bei wenigen, offensichtlich unvermeidlichen Buh-Rufen für das Inszenierungs-Kollektiv, gab es herzlichen und auch stehenden Beifall.  Bei einem von Wagner, Mahler, Schostakowitsch und Bruckner verwöhntem Publikum scheint die Musik Meyerbeers vielleicht doch etwas aus der Zeit gefallen ist.

Der gehäufte Szenen-Beifall störte zudem, da er das musikalische Geschehen zusätzlich zerhackte und wenig Fluss aufkommen lies.

Die Hugenotten an der Semperoper; die weiteren Termine 4.7.; 10.7.; 13.7.2019; 15.3.; 18.3.; 21.3.2020

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, Die tote Stadt – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Kritik, 26.06.2019

Juni 27, 2019 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

  Die tote Stadt  –  Erich Wolfgang Korngold

Die „tote Stadt“ steht für Brügge, einst blühende Hafenstadt, welche versandete  ….

von Ingo Hamacher

Stimmstark und mit großer Präsenz tritt Chefdramaturg David Greiner im Rahmen der Einführung von Die tote Stadt vor das Publikum. Das defekte Mikrofon braucht er nicht; mit kräftiger Stütze in der Stimme dringt er auch so schon sonor in jeden Teil des Foyers. Wenn die Anderen nachher so singen, wie dieser Mann spricht, wird der Abend großartig. Für alle, die sich amüsieren wollten, empfehle er den Besuch einer Aufführung von Die Hochzeit des Figaro, die ebenfalls in diesen letzten Tagen der Spielzeit noch aufgeführt würde. Heute sei das nicht zu erwarten; es würde eher „interessant“.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Immo Karaman (*1972 in Gelsenkirchen als Sohn deutsch-türkischer Eltern, auch Verantwortlich für die Bühne) habe sich für einen Regieansatz unter dem Aspekt von Entstehungsort und -zeit des Stückes entschieden: Wien in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts; Freud und die Psychoanalyse hätten das geistige Leben bestimmt. Die Geschichte von Paul, der sich durch ein Wahngebäude aus Vergangenheitserinnerungen vor der schmerzlichen Konfrontation mit der Realität und der Einsamkeit schützen wolle, sei von ihnen tiefenpsychologisch ausgedeutet worden.

Paul nimmt nur noch war, was ihn auf seiner Flucht vor der Wahrheit bestätige. Die Begegnung mit der Tänzerin Marietta, die seiner verstorbenen Marie verblüffend ähnelt, lösten verwirrende Prozesse in ihm aus, durch die er am Ende wieder ins Leben zurück fände.

Dabei sei es ihnen gelungen, noch viel näher an den Kern des Stückes heran zu kommen, als es Korngold selbst gelungen sei; als Erich Wolfgang Korngold (1897 – 1957) es selbst gewagt hätte! Starke Worte. Unter Mangel an Selbstbewusstsein scheint die Produktion nicht zu leiden.   Dann wollen wir mal sehen…

Der Vorhang öffnet sich zur Ouvertüre und dem ersten Bild. Wir sehen: Wenig.Wände aus großen Granitplatten. Keine Türen. Keine Fenster. In der Rückwand die Verschlussklappe einer Kühleinheit: Die Kirche des Gewesenen der Verabschiedungsraum einer Leichenhalle. Steingraue Vorhänge heben und senken sich; schieben sich wie zufällig über die Bühne. Personen treten weder auf noch ab: durch die wandernden Vorhänge sind sie plötzlich wie hingezaubert da, bzw. verschwinden ins Nichts.

Zu den Klängen der Ouvertüre sehen wir Paul, einen gebrochenen Mann im grauen Anzug, wie er sich von seiner verstorbenen, auf einer Schiebebahre halb im Kühlfach liegenden Frau Marie verabschiedet. Mit einer Schere schneidet er eine lange Strähne ihrer Haare als letzte Erinnerung ab, an die er sich verzweifelt klammert. Plötzlich steht eine schwarzgewandete Trauergemeinde auf der Bühne. In regennasser Herbststimmung erleben wir Maries Beerdigung. Auch Brigitta, die Haushälterin und Pauls Freund Frank sind anwesend. Im Anschluss hält Frank, gross gewachsen und schlank mit langem schwarzen Mantel, Hut und weiß geschminktem Gesicht, wie Gevatter Tod persönlich wirkend, Paul etwas Geschriebenes zur Unterschrift vor: Soll er ihm den Scheck für die Beerdigungskosten unter-, oder ihm seine Seele verschreiben?

Wenn Frank seinen Hut und Mantel ablegt, wirkt und gebärdet er sich wie ein spinnenbeiniger Mephistopheles. Keine Frage: Der Bariton Simon Stricker, der sowohl die Partie des Paul, als auch später den Pierrot Fritz als faustisch-diabolische Gestalt darstellt, steht für THANATOS, den Todestrieb.

Es ist überhaupt niemand einfach nur der, der er ist, sondern es fließen in dieser Inszenierung immer wieder Personen ineinander oder vertauschen die vom Libretto vorgesehenen Partien. Die Persönlichkeit erwächst weniger aus dem „Sein“, sondern eher aus dem „Gesehen werden als…“. Der von Freud postulierte Liebestrieb EROS wird sowohl von der blond gelockten Marietta, als auch von der glatthaarigen Marie vertreten.

Mit dem Erscheinen von Marietta, der Tournee-Tänzerin mit der verblüffenden Ähnlichkeit mit der verstorbenen Marie, durch deren Begegnung Paul eine völlige Wesensänderung erfahren hat, kommt Farbe auf die Bühne. Das bisherige Einheitsgrau/-schwarz verschwindet. Durch ihr Lebensfreude und ihre rosa/lila Kleidung verwandeln sich sogar die schwarzen Trauerrosen in einen rosig-duftenden Blumenstrauß.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Simon Stricker, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Simon Stricker, Jason Wickson © Wil van Iersel

Und wenn Paul ihr einen alten Schal und eine Ukulele reicht, um die Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Marie noch zu verstärken, steht plötzlich nicht mehr Marietta, sondern Marie auf der Bühne. Durch die Vorhangtricks und eine raffinierte Beleuchtung taucht eine Jazzband auf und ein 20 Jahre jüngerer zweiter Paul. In einer Disco-beleuchteten Rückblende erleben wir eine Marie, wie sie damals das Paul so vertraute Lied singt: „Glück, das mir verblieb…“.

Marietta / Marie weist Pauls Versuch, sie in die Arme zu schließen, energisch zurück, nachdem sie erkannt hat, dass es ihm gar nicht um das Hier und Jetzt geht, sondern um ein Klammern an Erinnerungen. Sie verlässt ihn mit dem Hinweis auf eine mögliche Begegnung im Theater.

Zum zweiten Bild ist plötzlich der Bühnenhintergrund verschwunden; wir erleben eine verstörende Szene. Ein verunfalltes, auf dem Dach liegendes brennendes Auto. Offensichtlich hat sich der Kleinwagen mit dem italienischen Nummernschild mehrfach überschlagen. Um das Autowrack herum liegen mindestens 5 Tote oder Verletzte, darunter auch der junge Paul und Marie, haufenweise aufgesprungene Koffer und anderes Gepäck. Dieser Wagen war gefährlich überladen.

War es ein Unglück? Wer war der Fahrer? Hat Paul, möglicherweise sogar angetrunken, aufgrund eigenen Fehlverhaltens den Tod Maries und der Anderen verschuldet? Ist es überhaupt Trauer, die Paul in seinem Verhalten treibt, oder nutzt er seine Opferhaltung als trauernder Witwe im Grunde nur, um die Konfrontation mit seinem Täteranteilen, seiner Schuld als Verantwortlicher einer fahrlässigen Tötung zu vermeiden? War es ein Ausflug nach Venedig – der Name wird erwähnt -, der zweiten Toten Stadt  Europas neben dem belgischen Brügge, wo die Handlung des Stückes verortet ist?

Paul begegnet seiner ehemaligen Haushälterin Brigitta, die ihn wegen seiner treulosen Leidenschaft zu Marietta verlassen hat und in ein Kloster eingetreten ist, dann Frank, der ebenfalls in Marietta verliebt ist und einen Schlüssel zu ihrer Wohnung besitzt.

Paul kämpft mit ihm um diesen Schlüssel und entwendet ihn. Eine nur mit Unterwäsche bekleidete Ordensschwester, erkennbar an ihrer Kopftracht, tritt auf und beobachtet die Szene. Bruchstückhafte Bilder, Erinnerungen, Träume. Platz für Assoziationen. Marietta / Marie und ihre Freunde erheben sich aus ihrer Position des Unfallgeschehens und bilden eine Theatertruppe, die ein improvisiertes Spiel beginnt, wobei sie von Paul beobachtet werden. Sie spielen die „Auferstehung der Helene“ aus Meyerbeers Oper ROBERT DER TEUFEL, wobei Marietta Marie darstellt, die von den Toten aufersteht. Paul klagt Marietta / Marie der Blasphemie heiliger Gefühle an, worauf diese erneut ihre ganze Verführungskunst aufbietet und Paul erneut in ihren Bann zieht.

Oper Wuppertal / Die tote Stadt - hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

Oper Wuppertal / Die tote Stadt – hier : Susanne Serfling, Jason Wickson © Wil van Iersel

„Mein Sehnen, mein Wähnen“, großartig gesungen!

In seinem Haus will sie (Wer? Marietta – Marie?) ihm angehören; sie nimmt den Kampf mit der toten Rivalin auf. Oder kämpft sie nur um ein Leben in der Gegenwart, in dem die Vergangenheit in den Hintergrund rückt? Die zahlreichen Personen auf der Bühne sind kaum noch eindeutig zuzuordnen. Haarsträhnen werden abgeschnitten, von Hand zu Hand gereicht. Teils gekost oder als Geißel verwendet. Die Handlung verwirrt. Die Intensität des Duettes zwischen Paul und Marietta/Marie steht einer wagnerschen Tristan-Aufführung in nichts nach. Es ist nichts mehr klar, aber alles hochemotional.

Im dritten Bild sehen wir erneut die vorbekannte leere Leichenhalle. Die Kühlfachklappe ist geöffnet, wie ein Fenster zu einer anderen Welt. Musik und Gesang der Heiligblutprozession, von der das Libretto zwar berichtet, die diese Aufführung jedoch nicht zeigt, erscheinen daher fremd, unerklärt und jenseitig. Wie ein Orpheus scheint Paul seine Eurydike aus dem Totenreich singen zu wollen. Pauls Wunsch, Marietta solle sich nicht am Fenster zeigen, wirkt wie der Versuch, Marie an der Rückkehr ins Jenseits zu hindern. Eine kurz erscheinende Orgie/Vergewaltigung-Szene im Hintergrund sorgt für weitere Verstörung.

Marietta / Marie schneidet sich selbst eine Strähne aus dem Haar und verhöhnt Paul damit; raubt ihm alle Besinnung. Der Bühnenhintergrund verschwindet erneut: wir sehen den kleinen fahrbereiten Kleinwagen mit italienischem Kennzeichen. Marie steigt ein und fährt davon. In einer Videoprojektion sehen wir ihre Fahrt mit überhöhter Geschwindigkeit durch einen Tunnel. Ein Unfall. Sie war alleine im Auto. Paul trifft keine Schuld.

Die Traumbilder sind verschwunden, die Realität ist wiederhergestellt. Wir sehen keinen Verabschiedungsraum einer Leichenhalle, sondern das Leichenlager einer Prosektur. Türen führen hinein und hinaus. Kein zauberhaftes Verschwinden mehr. Personen treten auf und ab. Eine Stimme meldet die Rückkehr einer fremden Dame, die einen Rosenstrauß vergessen habe. Paul ist nun Pfleger der Pathologie. „Ein Traum hat meinen Traum zerstört“, beschreibt Paul im Schlussakt den Prozess seiner Heilung. Er wird die Tote Stadt verlassen. Nach dem er abgegangen ist, öffnet er die Türe ein letztes mal und singt durch den Spalt sein abschließendes: „Glück, das mir verblieb…“.

GIGANTISCH!  Das Haus tobt  zur der zweiten Vorstellung der Inszenierung! Ovationen und nicht enden wollender Applaus, zahlreiche Vorhänge. Chapeau!  Regisseur David Greiner hatte wahrlich nicht zu viel versprochen.


Die tote Stadt  –  Oper von Erich Wolfgang Korngold, Libretto: Paul Schott, Uraufführung: 4. Dezember 1920

Die tote Stadt, op. 12, ist eine durchkomponierte Oper in drei Bildern mit einer Musik von Ericht Wolfgang Korngold und Texten von Paul Schott, einem Pseudonym, unter dem Julius Korngold, Erich Wolfgang Korngolds Vater, und der Komponist selbst zusammenarbeiteten. Das Libretto basiert auf dem symbolistischen Roman Das tote Brügge (Bruges-la-morte, 1892; deutsche Übersetzung: 1903) von Georges Rodenbach (1855–1898).
Erich Wolfgang Korngold, er galt als „Wunderkind“, war  zur Uraufführung von Die tote Stadt  erst 23 Jahre alt.
Die „tote Stadt“ steht für Brügge, einst Hafenstadt, jetzt aber versandet, dadurch von der Welt abgeschnitten und mit der mühsamen Verarbeitung ihrer Vergangenheit beschäftigt. Man darf annehmen, dass Vater Korngold als Ort der Handlung zwar vordergründig Brügge übernommen, aber Wien gemeint hat. Ist doch die Habsburger Monarchie soeben untergegangen. Und gerade in Wien herrscht nach dem Ende des traumatisierenden ersten Weltkrieges eine „fin-de-siècle“-Stimmung.
Erich Wolfgang Korngold, Sohn des jüdischen als Nachfolger von Eduard Hanslick in Wien tätigen Kritikers Julius Korngold gewann nach Kompositionsstudien u.a. – auf Anraten von Gustav Mahler – bei Alexander von Zemlinsky schnell eine ungewöhnliche handwerkliche Sicherheit. Schon als Neunjähriger überraschte er mit einer Kantate, seine 1910 unter Mithilfe Zemlinskys in der Wiener Hofoper uraufgeführte Pantomime DER SCHNEEWIND brachte ihm den von Mahler ausgesprochenen, von Strauss und Puccini bestätigten Ruf eines „Wunderkindes“ ein.
Korngold, dessen Hauptwerke wie in einer Beschwörung des Nicht-vergessen-Werdens um das Thema der Auferstehung kreisen, gehörte wie Zemlinsky, Schreker und andere zu jenen Komponisten, denen zweimal im Leben das Lebensrecht bestritten wurde: durch die faschistische Verfemung 1933 als „entartete Kunst“ und durch das deutsch-österreichische Musikleben nach 1945 mit seinem rigiden Avantgarde-Denken. Die nationalsozialistische Machtergreifung, die 1938 mit dem Anschluss auch Österreich heimsuchte, bedingte, dass Korngold in die USA ging. In Hollywood avancierte er zum gefeierten Filmmusikkomponisten, der zwei Oscars gewann. Der Versuch, nach dem Krieg in der Heimat wieder Fuß zu fassen, scheiterte. Korngold ging in die USA zurück und starb dort 1957.
Im Gegensatz zur Wiener Schule rund um Schönberg, Berg und Webern, die Atonalität und später die Zwölftontechnik propagierten, zeigt der Komponist in dieser Oper einen spätromantischen Stil, geprägt durch seinen Lehrer Alexander von Zemlinsky, Richard Wagners Chromatik Leitmotiv-Technik, sowie die Orchestrierungstechnik von Richard Strauss.
Korngolds Partitur zeigt aber auch Einflüsse des Verismo Puccinis. Als berühmteste Nummern der Oper gelten das Duett zwischen Paul und Marietta „Glück, das mir verblieb“ (Mariettas Lied) und die schwärmerisch-melancholische Bariton-Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“. Es ist eine sinnliche, ja manchmal übersinnliche Musik, die uns wollüstige Emotionen erfahren lässt, aber melodisch auch menschliche Abgründe darstellen kann. Korngold hat für die musikalische Umsetzung dieses Seelendramas nicht zufällig ein opulent besetztes Orchester gewählt, wie man es sonst nur von Mahler kennt.
Der dramatische Tenor Jason Wickson, USA, konzentriert sich in der Partie als Paul vor allem auf den lyrischen Gesang und gestaltet die schlicht eingängigen Melodien Korngolds mit enormer Kraft und zauberhafter Schönheit. Zu Beginn des zweiten Teils zeigt er in den Piano-Teilen leichte Ermüdungserscheinungen, jedoch findet er kurze Zeit später zur vorherigen Kraft zurück.
Die Besetzung  –  Die tote Stadt
Die deutsch-ungarische Sopranistin Susann Serfing, seit 2014 freischaffend, analysierte das Kapriziöse der Partie der Marietta / Marie mit Esprit und Herzlichkeit.
Das Ensemble der Oper Wuppertal:  Iris Marie Sojer: Lucienne, Sangmin Jeon: Victorin / Gaston (Sänger), Simon Stricker: Frank / Fritz, Mark Bowman-Hester: Graf Albert
Ariana Lucas: Brigitta, Anne Martha Schuitemaker: Juliette
Am Pult der Wuppertaler Oper begleitete Johannes Pell (*1982 in Linz) das Sängerensemble und ließ die Klangfarben der Korngold-Partitur in einem Rausch der Melodik erstrahlen. Seit der Saison 2016/17 ist Johannes Pell 1. Kapellmeister an den Wuppertaler Bühnen.
Die Kostüme und Choreografie stammen von Fabian Posca, den eine langjährige Zusammenarbeit mit Immo Karaman verbindet.
Die Leitung des Chores lang in den Händen von Markus Baisch, der seit der Spielzeit 2016/17 als Chordirektor mit Dirigierverpflichtung an der Oper Wuppertal engagiert ist.

Die tote Stadt an der Oper Wuppertal; die weiteren Termine 30.6.; 12.7.2019

—| IOCO Kritik Wuppertaler Bühnen |—

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