Baden-Baden, Festspielhaus, Renée Fleming – Evgeny Kissin, 15.03.2020

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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Renée Fleming –  Evgeny Kissin

Sonntag, 15. März 2020, 17 Uhr

Zwei ganz große Künstler dieser Zeit: Die amerikanische Starsopranistin Renée Fleming, eine der herausragendsten Liedsängerinnen und großartigsten Persönlichkeiten der internationalen Opernszene, und der große russische Pianist Evgeny Kissin. Am 15. März 2020, 17 Uhr, treten die beiden Ausnahmekünstler erstmals gemeinsam im Festspielhaus Baden-Baden auf.

Ein hochkarätiges Gipfeltreffen erwartet die Zuhörer, wenn die amerikanische Starsopranistin Renée Fleming, die für ihre warme, ausdrucksstarke und facettenreiche Stimme weltweit gepriesen wird, und der zu den überragenden Künstlern seiner Generation zählende Klaviervirtuose Evgeny Kissin zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen. Das Weltklasse-Duo präsentiert am 7. März einen Liederabend mit Werken der Romantiker Liszt, Schubert und Duparc und des französischen Impressionisten Debussy.

Festspielhaus Baden-Baden / Renée Fleming © Decca / TimothyWhite

Festspielhaus Baden-Baden / Renée Fleming © Decca / TimothyWhite

Mit der Sopranistin Renée Fleming verbinden Festspielhaus-Besucher zwei legendäre Strauss-Produktionen: Die US-amerikanische Sopranistin gab hier unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann als Marschallin im „Rosenkavalier“ sowie als Ariadne in der gleichnamigen Oper ihr Debüt. Renée Fleming ist der vielleicht ansprechendste und zugleich flexibelste Sängerstar unserer Tage. Denn Renée Fleming ist in der instrumental geführten Koloratur Mozarts ebenso zu Hause wie in den kräftezehrenden Strauss-Opern, im italienischen Belcanto sowie im französischen Fach – und nicht zu vergessen: im Jazz, dem sie sich schon in frühen Jahren intensiv widmete: „Ich habe ja als Jazz-Sängerin begonnen und mit einem Trio jedes Wochenende in Clubs gesungen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und beigebracht, wie man ungezwungen mit einem Publikum kommuniziert.“

2008 war sie die erste Sängerin in der Geschichte der Metropolitan Opera New York, der allein die Gala zur Eröffnung der Saison gewidmet war. 2013 ehrte sie Präsident Obama mit der National Medal of Arts – der höchsten staatlichen Auszeichnung, die Künstlern in der USA zuteilwerden kann. Zu ihren Auszeichnungen zählen ferner die Fulbright-Medaille für ihr Lebenswerk und das deutsche Bundesverdienstkreuz, sie ist Ritter der französischen Ehrenlegion und Ehrenmitglied der Royal Academy of Music. 2014 sang sie als erste Künstlerin aus der Welt der klassischen Musik die amerikanische Nationalhymne beim „Super Bowl“ und 2013 nahm sie ihren vierten Grammy Award als beste klassische Gesangssolistin entgegen. Nach einer jahrzehntelangen Karriere an der Met und auf anderen großen Opernbühnen von San Francisco bis Bayreuth gab sie 2018 in dem Musical „Carousel“ ihr Broadway-Debüt. Im selben Jahr war sie auf den Soundtracks der mit Oscars ausgezeichneten Kinofilme „The Shape of Water“ und „Three Billboard Outside Ebbing, Missouri“ zu hören.

Festspielhaus Baden-Baden / Kissin Evgeny © Sheila Rock

Festspielhaus Baden-Baden / Kissin Evgeny © Sheila Rock

An ihrer Seite, in einer für ihn eher ungewohnten Rolle, nämlich in die des Liedbegleiters, der Pianist Evgeny Kissin. Bereits im Alter von zwei Jahren begann er, Stücke auf dem Klavier nach dem Gehör zu spielen und zu improvisieren. Mit zehn gab er sein Konzertdebüt mit Mozarts Klavierkonzert d-Moll KV 466, kurz darauf folgte sein erstes Rezital. Sechs Jahre später wurde er zu einem Vorspiel bei Herbert von Karajan geladen, der den damals 17-Jährigen spontan für das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker engagierte: Kissin spielte 1988 in der Philharmonie Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 und wurde so mit einem Schlag der Weltöffentlichkeit bekannt: „Dass ausgerechnet Karajan mich als junges Genie bezeichnete, war natürlich eine große Auszeichnung für mich“, so Evgeny Kissin. Bereits im folgenden Jahr spielte der in Moskau geborene Pianist unter Karajans Dirigat bei den Salzburger Festspielen und bis heute verbindet ihn eine innige künstlerische Partnerschaft mit den Berliner Philharmonikern. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen wurde ihm 2005 im Baden-Badener Festspielhaus der Herbert-von-Karajan-Musikpreis verliehen.

Festspielhaus Baden-Baden / Renée Fleming © Decca / Andrew Eccles

Festspielhaus Baden-Baden / Renée Fleming © Decca / Andrew Eccles

[ Von Renée Fleming wurden verschiedene Aufnahmen bei Decca veröffentlicht ]

Am 15. März 2020 werden die amerikanische Starsopranistin und Evgeny Kissin zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen – mit einem exquisiten Programm: Zu hören sind Lieder und Klavierwerke von Franz Schubert, Claude Debussy, Franz Liszt und Henri Duparc, dessen man sich heute fast nur noch aufgrund seiner grandios-atmosphärischen Baudelaire-Vertonungen erinnert. Zu seinen Lebzeiten galt der Lieblingsschüler César Francks, der auch als Mitbegründer der Société Nationale de Musique in Erscheinung trat, demgegenüber als einer der wichtigsten Vertreter der französischen Musik. Im Alter von 37 Jahren musste er aufgrund einer Nervenkrankheit das Komponieren aufgeben, was seine wenigen erhaltenen Lieder zu einem kostbaren musikalischen Vermächtnis machen.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Baden-Baden, Festspielhaus, Cecilia Bartoli – Les Musiciens du Prince, 23.11.2019

November 21, 2019 by  
Filed under Festspielhaus Baden-Baden, Konzert, Pressemeldung

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Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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Cecilia Bartoli – Tourneeauftakt in Baden-Baden

Les Musiciens du Prince – Monaco – Gianluca Capuano

Samstag, 23. November 2019, 18 Uhr

Mit Les Musiciens du Prince – Monaco unter Gianluca Capuano feiert die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli am Samstag, 23. November 2019, 18 Uhr die Weltpremiere ihres neuen Barock-Programms im Festspielhaus Baden-Baden.

Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli hat unvergessliche Konzerte im Festspielhaus Baden-Baden gegeben. Nun kommt sie am 23. November 2019 mit Musik des 18. Jahrhunderts – einem Repertoire, das wie kein anderes mit ihrem Namen verbunden ist. Begleitet wird sie in diesem Barockkonzert vom Orchester Les Musiciens du Prince – Monaco, das sich der historischen Aufführungspraxis verpflichtet hat und in der Opéra de Monte Carlo beheimatet ist. Wie es sich für eine richtige Weltpremiere gehört, lüftet sich das Geheimnis erst, wenn sich der Vorhang lüftet.

Festspielhaus Baden-Baden / CECILIA BARTOLI © Kristian Schuller

Festspielhaus Baden-Baden / CECILIA BARTOLI © Kristian Schuller

Nicht nur ihre virtuose Gesangstechnik, ihre Musikalität und ihre Bühnenpräsenz haben Cecilia Bartoli zum Inbegriff einer modernen Opernsängerin werden lassen. Auch ihr Vermögen, Kunst und Konzept, Kreativität und Recherche, Leidenschaft und Engagement zusammenzubringen, begeistert Publikum und Kritik.

Die gebürtige Römerin gab 1987 in ihrer Heimatstadt ihr Debüt als Rosina in Rossinis l barbiere di Siviglia in Rom. Kurz darauf wurden Daniel Barenboim, Herbert von Karajan und Nikolaus Harnoncourt auf sie aufmerksam. So begann eine Karriere, die sie unter anderem zu den Salzburger Festspielen, an die Metropolitan Opera New York, das Königlichen Opernhauses Covent Garden in London und in bedeutende Konzertsäle in Europa, den USA, in Asien und Australien führte. Seit 30 Jahren tritt sie regelmäßig am Opernhaus Zürich auf. Auch im Festspielhaus Baden-Baden, wo sie 2012 mit dem Herbert von Karajan Musikpreis ausgezeichnet wurde, ist sie immer wieder zu Gast, so etwa 2016 in Moshe Leisers und Patrice Cauriers Norma– Inszenierung.

Mit ihrem Vivaldi-Album von 1999 leitete Cecilia Bartoli eine Renaissance der damals nahezu vergessenen Opern Vivaldis ein. Es folgten mehrere Konzeptalben, die Aspekte der Barockzeit oder der Ära des Belcanto neu beleuchten. Seit 2012 ist Cecilia Bartoli Künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele. Ihr Salzburger Rollendebüt als Bellinis Norma 2013 markierte einen Meilenstein in ihrer Karriere, denn diese Partie wird fast ausschließlich von dramatischen Koloratursopranen interpretiert. Cecilia Bartoli erhielt fünf Grammys, den Polar-Musikpreis, den Léonie-Sonning-Musikpreis und viele weitere Ehrungen und Auszeichnungen, die von ihrer Bedeutung für die Musikwelt zeugen.

Das Ensemble Les Musiciens du Prince – Monaco. Im Frühling 2016 wurde das Ensemble am Opernhaus Monte-Carlo gegründet, auf Initiative Cecilia Bartolis und des Operndirektors Jean-Louis Grinda. Große Unterstützung erfuhr das Projekt durch Fürst Albert II. von Monaco und Prinzessin Caroline von Hannover. Cecilia Bartoli als Künstlerische Leiterin führt exzellente Musikerinnen und Musiker aus aller Welt zusammen, die auf historisch angemessenem Instrumentarium spielen. Sie bilden ein Orchester, das von den europäischen Musiktraditionen inspiriert ist, die an den Fürstenhöfen des 17. und 18. Jahrhunderts gepflegt wurden. Der Schwerpunkt liegt auf Werken der großen barocken Meister wie Händel und Vivaldi. Les Musiciens du Prince – Monaco treten mit Cecilia Bartoli in den bedeutenden Häusern Europas auf. Seit dem Frühjahr 2019 ist Gianluca Capuano Chefdirigent. Der in Mailand geborene Dirigent studierte Orgel, Komposition und Dirigieren am Konservatorium seiner Heimatstadt und spezialisierte sich an der Mailänder Scuola Civica auf Alte Musik. Neben seiner musikalischen Ausbildung schloss er ein Studium der Philosophie an der Universität von Mailand ab.

Das Konzert ist ausverkauft, an der Abendkasse sind ab zwei Stunden vor Konzertbeginn Stehplatzkarten zum Preis von 15 Euro erhältlich.

 

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Detmold, Landestheater Detmold, Powder her Face – Thomas Adès, IOCO Kritik, 24.02.2018

Februar 25, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Landestheater Detmold, Oper

 

Landestheater Detmold

Landestheater Detmold © Björn Klein

Landestheater Detmold © Björn Klein

Powder Her Face –  Kammeroper von Thomas Adès

„The Dirty Duchess oder: was ist eine Blowjob-Arie?“

Von Karin Hasenstein

„Thomas… wer? Powder… was?“ So oder so ähnlich reagieren Viele, wenn man diese zeitgenössische Oper von Thomas Adès erwähnt.

Zugegeben, bis vor kurzem ging es der Rezensentin nicht viel anders. Bis sie im Rahmen einer Live in HD Übertragung aus der Metropolitan Opera New York The Exterminating Angel von Thomas Adès kennenlernte und in ihren Bann gezogen wurde. So kam überhaupt der Gedanke auf, die zweite Vorstellung von Powder Her Face im Landestheater Detmold zu besuchen.

Thomas Adès, geboren 1971 in London, ist ein junger Komponist, mit dessen Werk sich näher zu befassen durchaus lohnend sein kann – wenn man sich denn öffnen will für seine ungewöhnliche, wild überschäumende Klangwelt. Die deutsche Erstaufführung von Powder Her Face fand 1996 am Theater Magdeburg statt, Inszenierungen seiner zweiten Oper „The Tempest“ 2010 in Frankfurt und Lübeck. The Exterminating Angel hatte seine Uraufführung 2016 bei den Salzburger Festspielen und wurde im selben Jahr an die MET übernommen. Neben diesen drei Opern komponierte Adès zahlreiche Werke für Soli, Chor, Kammerorchester oder Streichquartett, die aber in Deutschland fast unbekannt sind, bis auf sein Werk Totentanz, das unter Jeffrey Tate am 18. September 2016 in der Hamburger Laeiszhalle erklang.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Daniel Arnaldos als Elektriker © Landestheater Detmold /Birgit Hupfeld

Aufführungen seiner drei Opern in Deutschland sind selten, weshalb es umso erwähnenswerter ist, dass sich ein kleines Haus in der ostwestfälisch-lippischen Provinz an diese Herausforderung gewagt hat – mit großem Erfolg! Intendant Kay Metzger gebührt große Anerkennung für seinen Mut. Denn ein Publikumsmagnet wird diese Produktion vermutlich nicht werden. Warum? Da ist zunächst das Thema. Warum komponiert ein 24-Jähriger eine Oper über das Leben einer schottischen Herzogin? Wer war Margaret Whigham, spätere Campbell, Duchess of Argyll? In der Inszenierung von Christian Poewe erzählt diese Oper in 8 Szenen und einem Epilog Momente aus dem Leben der schottischen Herzogin, die vor allem durch ihr ausschweifendes skandalöses Sexleben bekannt wurde, das durch zahlreiche eindeutige Fotos mit unzähligen Liebhabern dokumentiert ist.

1990
Der Vorhang ist zu Beginn oben und gibt den Blick frei auf ein halbrundes in weiß gehaltenes Schlafzimmer, dessen einziges Möbel ein großzügiges rundes Bett ist (Ausstattung: Tanja Hofmann). Ein Elektriker und ein Zimmermädchen vergnügen sich dort und reden abschätzig über die Kleidung der Herzogin, die bankrott ist und sich nicht eingesteht, dass sie eigentlich am Ende ist. Kleine Fenster in den Wänden öffnen sich und geben wie in einer Peep-Show den Blick auf die dahinter befindlichen Zuschauer frei, welche die auf dem Bett tanzende Frau im schwarzen Unterkleid gierig betrachten und fotografieren.
Durch die Demütigungen des Personals erinnert sie sich an ihre glanzvolle Vergangenheit.
In Rückblenden erzählt die Oper Stationen ihres ausschweifenden Lebens. Dass sich ihr alter Teekocher nicht mehr reparieren lässt, deutet auf ein wenig ruhmreiches Ende hin.

1934
Nach erfolgreicher Scheidung von ihrem ersten, langweiligen Ehemann Baron Freeling, wartet die junge Margaret mit einer Vertrauten auf den Herzog. Dieser soll ein Frauenheld sein, ist aber vor allem eins, nämlich reich, und eine Heirat bringt den ersehnten Titel und die gesellschaftliche Position. Der Herzog erscheint nur als Schattenriss in der geöffneten Tür.

1936
In einer grotesken Szene wird die Hochzeit von Margaret und dem Herzog beschrieben, indem in wechselnden Konstellationen Braut, Bräutigam und Pfarrer in eindeutigen sexuellen Posen als Standbilder hinter einer schwarzen Gaze dargestellt werden. Vor dem Vorhang wundert sich eine Angestellte über das zügellose Verhalten der Reichen, die schon tagsüber Champagner trinken.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Michael Zehe, Jeanne Seguin als Zimmermädchen © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1953
Die Herzogin ist allein im Hotel in London. Verzweifelt versucht sie, den Zimmerservice zu erreichen, um „Sandwiches, Beef, Wine“ zu bestellen. Immer wieder ist sie falsch verbunden, niemand scheint ihren flehentlichen Wunsch nach Fleisch zu vernehmen. Dabei ist ihr Schrei nach „Fleisch“ eindeutig nicht ernährungsorientiert, weshalb auch ihre Worte „Stopfe mich voll, bis ich nicht mehr kann“ nur in einer Hinsicht verstanden werden können. Schließlich erscheint ein zurückhaltender Zimmerkellner aus dem Schrank, die Aufforderung, sich zur ihr zu setzen, wird zunächst ignoriert, bis die Herzogin ihm schließlich Geld für gewisse Dienste anbietet. Die nun folgende Blowjob-Arie zeigt, wie weit Margaret schon gesunken ist, bekommt die einstige Schönheit doch nur noch „Liebe“ gegen Geld. Oder sollte man sagen „Opfer?“

In dieser Arie, die keinerlei Text enthält, sondern nur auf Vokalise gesungen wird, drückt sich die ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Hauptfigur aus. Die beiden Personen agieren versetzt voreinander, ohne sich zu berühren, die Darstellerin der Margaret, Eva Bernard, leistet hier stimmlich wie darstellerisch Großartiges, während das Publikum die sehr präsentable Rückansicht des Kellners (Daniel Arnaldos) unverhüllt genießen darf. Leider dreht sich in dieser Szene das Bett nicht mehr, aber auch so läuft hier noch genug Kopfkino ab. Während er seine Hose hochzieht, fragt sie ihn „You know who I am?“ und erhält die erschütternde Antwort „All the boys know“. Schließlich erinnert er sie im Gehen daran, dass man sich nicht zum ersten Mal begegnet. „Last April, the same story“. Die Herzogin bleibt verzweifelt zurück und der Zuschauer fragt sich, wer hier gerade wen benutzt hat.

1953
Der Herzog vergnügt sich mit einer Geliebten, die ihm von den Liebesabenteuern der Herzogin erzählt. Sie verrät ihm, wo seine Frau Beweise ihrer Untreue versteckt.

1955
Es kommt zum Scheidungsprozess, in welchem der Richter seine Fassungslosigkeit über das unmoralische Verhalten der Herzogin zum Ausdruck bringt und erklärt, sie sei moralisch nicht geeignet für die Ehe und des Titels nicht würdig. Diejenigen, die sie zuvor verraten haben, sitzen nun eingehüllt in die überdimensionalen Rockschöße der Richterrobe, die schwarzglänzend beinahe den gesamten Bühnenraum bedeckt. Regungslos nimmt Margaret das Urteil entgegen.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier: Jeanne Seguin, Michael Zehe, Daniel Arnaldos © Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

1970
Die Herzogin gibt ein letztes Interview, sei es, weil sie Geld braucht, oder weil sie einfach immer noch nicht akzeptieren will, dass ihr Stern im Sinken begriffen ist. Ernsthaft erzählt sie den Reportern, wie sie sich jung und schön hält und präsentiert ihre Mode, bis sie schließlich, auf ihren Lebenswandel angesprochen, ihre Verachtung zum Ausdruck bringt. Sie erhält hohe Rechnungen vom Hotelmanager, die sie nicht zahlen kann.

1990
Die Oper endet, wie sie begonnen hat. Die Herzogen ist allein in ihrem Hotelzimmer, statt einer schwarzen Perücke mit weißer Strähne trägt sie nun eine weiße mit schwarzer Strähne, ist wieder mit einem schwarzen Unterrock bekleidet und nur noch ein Schatten ihrer einstigen Schönheit. Der Hotelmanager erscheint und fordert sie wegen unbezahlter Rechnungen auf, das Hotel zu verlassen. Sie versucht, womit sie ihr Leben lang erfolgreich war, sie bietet ihm im Gegenzug Sex an, doch er geht nicht darauf ein.

Verzweifelt versucht sie noch etwas Zeit herauszuschinden, einen Monat, eine Woche, einen Tag… aber der Hotelmanager ist eindeutig: in einer Stunde ist ihr Wagen bestellt.
Mit ihrem letzten Freund, dem schwarzen Pudel im Arm, denkt sie an die schöne Zeit mit ihrem Kindermädchen und in ihr reift die bittere Erkenntnis: die einzigen Menschen, die jemals gut zu ihr waren, wurden dafür bezahlt. Der Manager kommt zurück. Sie versucht, sein Mitgefühl zu erregen, er soll sie halten, es habe sie schon so lange niemand mehr gehalten… Aber seine Aussage „Your car is here. That is all“, nimmt auch die letzte Illusion.

Das Bett auf dem Podest beginnt sich zu drehen, zu den Geräuschen der Windmaschine tickt das Uhrwerk im Pizzicato der Streicher und bleibt schließlich stehen. Die einstige Duchess of Argyll tritt ab, gebrochen, allein. Das Licht blendet ab. Die Klammer zum Anfang wird geschlossen durch Elektriker und Zimmermädchen, die mit den Worten vor den Vorhang treten: „Enough? Or too much…“

Was ist es nun, das so manchen Besucher veranlasst hat, in der Pause das Theater zu verlassen? Die eindeutig inszenierte Fellatio-Darstellung auf der Bühne? Die mit liebgewordenen Hörgewohnheiten brechende Musik von Thomas Adès? Die aggressive Erotik? Die sperrigen Texte? Die enttäuschten Erwartungen an einen „netten“ Opernabend? Die Tatsache, dass die nur vier Solisten in verschiedene Rollen schlüpfen? Insgesamt zuviel nackte Haut auf der Bühne?

Wer die Oper im Abo hatte, mag vielleicht überrascht worden sein, aber wer sich bewusst für dieses Stück entscheidet, sollte auf all das vorbereitet sein. Wer es dennoch nicht war und sich entschieden hat, vorzeitig zu gehen, hat sich damit viel genommen. Im zweiten Teil nimmt die Handlung ihren tragischen Verlauf, steigern sich Musik, Spiel und Gesang immer mehr bis zum hoffnungslosen Ende.

Landestheater Detmold / Powder Her Face - hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Landestheater Detmold / Powder Her Face – hier Eva Bernard als Herzogin, Jeanne Seguin als Zimmermädchen, Daniel Arnaldos als Elektriker© Landestheater Detmold / Birgit Hupfeld

Die Partien verlangen den Sängerdarstellern einiges ab. Allen voran sei die Rolle der Herzogin zu nennen, die von Eva Bernard in allen Facetten großartig gemeistert wurde. Sie als „lyrischen Sopran“ zu besetzen, wie Adès es vorsieht, würde den Anforderungen fast nicht gerecht. Die Partie ist recht umfangreich und stellt die Stimme vor hohe Anforderungen an Beweglichkeit, Tessitura und Wechsel zwischen lyrischen und dramatischeren Passagen. All dieses meisterte Eva Bernard mit Bravour. Dass sie sich zu Beginn als erkältet ansagen ließ, schien eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen zu sein, davon war der Stimme nichts anzumerken. Auch ihr Spiel war immer in der Rolle, hochkonzentriert und professionell.
Der niederländische Bass Bart Driessen sang die Rolle des Hotelmanagers, schlüpfte aber auch in die des Herzogs. Auch ihm gelang eine souveräne Darstellung des betrogenen Ehemannes, der außerehelichen Aktivitäten ebenso wenig abgeneigt ist, wie die Herzogin, ebenso wie die des Hotelmanagers. Sein seriöser Bass verfügt über alle Fähigkeiten, um diese Rolle überzeugend auszufüllen.
Das Zimmermädchen wurde von Jeanne Seguin charmant-kokett dargestellt. Die nahezu akrobatischen stimmlichen Anforderungen, welche der Komponist dieser Figur gegeben hat, bewältigte der Koloratur-Sopran mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Anklänge an die Arie der Königin der Nacht drängen sich dem Hörer auf.
Der spanische Tenor Daniel Arnaldos fügte sich stimmlich wie optisch perfekt in das Solisten-Quartett ein. Er überzeugte in der Rolle des Elektrikers ebenso wie in der des gefügigen Kellners mit schlankem, leicht dunkel timbriertem Tenor. An vielen Stellen schimmern bekannte musikalische Zitate durch Adès‘ Partitur, er macht Anleihen bei Mozart, Strauss, am Ende gar bei Wagner, aber wahrt dennoch stets seine eigene unverwechselbare Handschrift.

Das kleine Orchester (15 Stimmen) unter der Leitung von Lutz Rademacher besteht aus einer kleinen Streichergruppe (zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass) und im Verhältnis dazu zahlreichen tiefen Blasinstrumenten wie der Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Bass-Saxophon, im oberen Tonbereich ergänzt durch eine Kolbenflöte, wodurch – wie schon bei den Sängern – ein großer Tonumfang abgedeckt wird. Das Blech ist durch Horn, Trompete und Posaune vertreten und wird durch umfangreiches Schlagwerk ergänzt. Exotische Rhythmusinstrumente und eine große Angelrolle, Trommelbremsen und ein Rototom für die Glissando-Effekte runden den geheimnisvollen Klang ab. Hier werden die Ohren herausgefordert, Adès bricht mit fast sämtlichen liebgewordenen Hörgewohnheiten, indem er verstärkt verminderte und übermäßige Akkorde einsetzt und auch den Sängern große Intervalle zumutet. So entsteht zwar kein Ohrwurm, aber beim Hörer vielleicht die Lust, sich mit einigen anderen Stücken dieses jungen zeitgenössischen Komponisten auseinanderzusetzen.

Das Publikum belohnte die außergewöhnliche Leistung des Landestheater Detmold Ensembles in Powder Her Face mit lang anhaltendem Applaus und einzelnen Bravi.

—| IOCO Kritik Landestheater Detmold |—

 

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Premiere: Die menschliche Stimme / Herzog Blaubarts Burg, 19.04.2015

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Premiere: »Die menschliche Stimme« / »Herzog Blaubarts Burg«

Francis Poulenc (1899-1963) / Béla Bartók (1881-1945)

Premiere am 19. April um 19:30 Uhr im Großen Haus

In einer emotionalen Solo-Performance kehrt Julia Migenes am Staatstheater Wiesbaden auf die Opernbühne zurück: In Francis Poulencs »Die menschliche Stimme«, einem Einakter nach einem Schauspiel von Jean Cocteau, das eine Frau bei ihrem letzten Telefongespräch mit ihrem ehemaligen Liebhaber zeigt. Zum Weltstar wurde die in New York aufgewachsene Sängerin mit der »Carmen«-Verfilmung von Francesco Rosi im Jahre 1984, die ihr einen Grammy einbrachte.

Für die zweite Oper des Doppelabends, »Herzog Blaubarts Burg« von Béla Bartók, konnten zwei weitere Ausnahme-Sänger engagiert werden. Für den erkrankten Johannes Martin Kränzle übernimmt kurzfristig der deutsche Bassbariton Gerd Grochowski die Partie des Blaubart, in der er bereits im Palau de la Musica Catalana in Barcelona auftrat. Vor allem als Wagner-Sänger ist Grochowski weltweit gefragt: Sein Durchbruch gelang ihm als Kurwenal (»Tristan und Isolde«) an der Metropolitan Opera New York unter Barenboim, worauf er auch an die Mailänder Scala eingeladen wurde. In der Partie der Judit ist die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova seine Partnerin. Sie gehört seit ihrem Debüt an der Wiener Staatsoper Anfang der 90er-Jahre zur Weltspitze, ist eine ausgewiesene Mozart- und Belcantospezialistin, die ihr Repertoire klug um Verdi und Wagner erweitert hat und nun in Wiesbaden ihre erste Judit singen wird.

Hausregisseur Thorleifur Örn Arnarsson und Intendant Uwe Eric Laufenberg bringen den Doppelabend in Wiesbaden zur Aufführung.

Musikalische Leitung Zsolt Hamar Bühne Matthias Schaller, Susanne Füller
Kostüme Susanne Füller Licht Andreas Frank Dramaturgie Katja Leclerc

»Die menschliche Stimme« (La Voix Humaine)

Inszenierung: Thorleifur Örn Arnarsson

Eine Frau: Julia Migenes
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

»Herzog Blaubarts Burg« (A kékszakallu herceg vara)

Inszenierung: Uwe Eric Laufenberg

Herzog Blaubart: Gerd Grochowski
Judit: Vesselina Kasarova / Asmik Grigorian (3. Juni 2015)
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

……….

Premiere am 19. April um 19:30 Uhr im Großen Haus

Die beiden nächsten Vorstellungstermine sind
am 25. April & am 3. Juni 2015 // jeweils um 19:30 Uhr

Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden

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