Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Parsifal – Ein Bühnenweihfestspiel, IOCO Kritik, 08.09.2018

September 9, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

PARSIFAL – Ein Bühnenweihfestspiel

– Ein Requiem für Religionen –

Von Karin Hasenstein

Mit dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, dem “summum opus” Richard Wagners, wurden am 26. Juli 1882 die zweiten Bayreuther Festspiele eröffnet.

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die ersten Bayreuther Festspiele hatten 1876 stattgefunden, danach war Wagner erst einmal wieder bankrott. Aus diesem Jahr stammen auch die ersten Aufzeichnungen zur Musik des Parsifal, ein Albumblatt As-Dur mit dem Zusatz “Amerikanisch sein wollend”. Der Entschluss, Wolfram von Eschenbachs um 1200 entstandenen Versroman  Parzival zu vertonen, reifte im Januar 1877. Schon am 23.02.1877 wurde der zweite Prosaentwurf abgeschlossen, am 14.03. der Name Parzival in Parsifal geändert. In der Zeit vom 14.-19.03. verfasste Richard Wagner die Urschrift des Textes und Ende September desselben Jahres begann er mit der Orchesterskizze des 1. Aufzuges. Am 25.12. wurde das Vorspiel zum 1. Aufzug im Haus Wahnfried anlässlich Cosimas Geburtstags uraufgeführt. Die Arbeiten am 2. und 3. Aufzug dauerten bis zum Januar 1882. Wagner beendete die Partitur des 3. Aufzuges am 13.01.1882 und kassierte vom Verlag Schott für das fertige Werk ein Honorar von 100.000 Mark.

Am 26. Juli 1882 erfolgte die Uraufführung des Parsifal bei den Bayreuther Festspielen. Die letzte Aufführung dieser Festspiele dirigierte Wagner ab dem Takt 23 der Verwandlungsmusik den 3. Aufzug zu Ende.

Das Bayreuther Festspielhaus wurde eigens für das Bühnenweihfestspiel Parsifal erbaut. Doch könnte umgekehrt gelten, Parsifal wurde für das Festspielhaus geschrieben: Es heißt, nirgends könne man ihn so vollkommen hören wie hier. Wer den Vergleich zu anderen Häusern zieht, mag das bestätigen. Nach Wagners Wunsch sollte der Parsifal für das Festspielhaus reserviert bleiben und niemals an anderem Ort erklingen. “Dort darf der Parsifal in aller Zukunft einzig und allein aufgeführt werden”, schrieb er 1880 an König Ludwig II. von Bayern. “Nie soll der Parsifal auf irgendeinem anderen Theater zum Amüsement dargeboten werden: und dass dies so geschehe, ist das einzige, was mich beschäftigt und zur Überlegung dazu bestimmt, wie und durch welche Mittel ich diese Bestimmung meines Werkes sichern kann.” Er konnte es nicht.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Amfortas, Kundry und Klingsor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Amfortas, Kundry und Klingsor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Seit Ablauf der Urheberrechte 1913 ist der Parsifal nun frei für Aufführungen an anderen Opernhäusern. Mit einem speziellen “Lex Parsifal” sollte die Schutzfrist verlängert werden. Als Trotzreaktion auf das Scheitern dieses Vorhabens wurde im Jubeljahr 1913, zu Wagners 100. Geburtstag, auf Festspiele verzichtet! Vergebens. Bereits 1901 hatte die Witwe Richard Wagners, Cosima, einen ersten Vorstoß im Reichstag gewagt. Dieser schmetterte die als “Lex Cosima” betitelte Eingabe mehrheitlich ab. Auch der zweite Versuch scheiterte, obwohl Cosima dafür sogar Kaiser Wilhelm II. bemühte.

So versiegte mit dem 1. Januar 1914 auch die größte Einnahmequelle der Familie Wagner, nämlich die Tantiemen aus den Werken Richard Wagners, die – einschließlich des Weltabschiedswerks Parsifal, nun überall kostenfrei gespielt werden durften.
Am 24. Dezember 1903 hatte Heinrich Conried, der Impresario der New Yorker Metropolitan Opera, bereits gewagt, Parsifal erstmals außerhalb von Bayreuth aufzuführen. Ein Vorgang, der damals als “Gralsraub” bezeichnet wurde. Conried ließ einfach Stimme für Stimme aus der Studienpartitur des Mainzer Schott-Verlages abschreiben und umging damit das Aufführungsverbot und den Umstand, dass die Familie Wagner sämtliches Aufführungsmaterial streng unter Verschluss hielt.

Doch der Siegeszug des Parsifal außerhalb von Bayreuth lies sich nicht aufhalten. Gott sei Dank! möchte man ausrufen. Das Deutsche Opernhaus Charlottenburg, der Vorläufer der heutigen Deutschen Oper Berlin, bringt den Parsifal am Neujahrstag 1914, viele andere Häuser folgen.

Thomas Mann musste nach seinem Parsifal-Besuch in Bayreuth im August 1909 zugeben, dass er von dem Werk überwältigt war: “Obgleich ich recht skeptisch hinging und das Gefühl hatte, nach Lourdes oder zu einer Wahrsagerin oder an sonst einen Ort suggestiven Schwindels zu pilgern, war ich schließlich tief erschüttert. Eine so furchtbare Ausdruckskraft gibt es wohl in allen Künsten nicht wieder.” Damit mag der Autor Recht gehabt haben: Der Kraft des Parsifal kann man sich nur schwer entziehen.

So war es auch an jenem 25. August 2018, als die Rezensentin erwartungsvoll zum Grünen Hügel pilgerte. Die von Uwe Eric Laufenberg  geschaffene Produktion  ist die  zehnte Inszenierung  des Parsifal bei den Bayreuther Festspielen seit der Uraufführung Das Publikum erlebte eine hochkarätige Sängerbesetzung in bewährter homogener Zusammensetzung unter dem erstmaligen Dirigat von Semyon Bychkov, der die Produktion in ihrem dritten Jahr von Hartmut Haenchen übernommen hatte.

Eine häufig diskutierte Frage, ob man nach dem ersten Aufzug des Parsifal applaudieren darf, entschied die Mehrheit des Publikums für sich mit konkludentem Beifall. Die meisten applaudierten, einige wenige zischten um Ruhe. Ja, der Parsifal ist ein Bühnenweihfestspiel, nicht mehr und nicht weniger. Er ist kein Gottesdienst, keine Liturgie, “nur” Theater, die Kunst des “So tun als ob”.

Wolfram von Eschenbach - hier : zu Füßen Richard Wagners © Rainer Maass

Wolfram von Eschenbach – hier : zu Füßen Richard Wagners © Rainer Maass

Richard Wagner erfindet nichts; er bedient sich mittelalterlicher Epen und Dramen, wie hier des Parzival Wolfram von Eschenbachs. Wagner benannte die Figur des Parzival, wie er bei Wolfram von Eschenbach heißt, eigenmächtig in Parsifal um. Er begründete das mit einer etymologischen Herleitung aus dem Arabischen, in dem das Wort “fal” in etwa “rein” bedeutet und “parsi” dem deutschen Wort “Tor” entspricht. Diese Etymologie, die er von dem Publizisten Joseph Görres übernommen hatte, stellte sich später jedoch als falsch heraus, klingt aber nett.
Wagner bedient sich hier einer speziell christlichen Stofftradition aus dem Artussagenkreis, nämlich der Suche nach dem Heiligen Gral, in dem das Blut Christi aufgefangen worden sein soll. Bei Eschenbach war der Gral noch ein wundertätiger Stein. Kundry hat Balsam aus Arabien hergeführt. Die Kombination “Stein” und “Balsam” lässt das Gedankenspiel zu, mit dem Heiligen Gral könnte die Kaaba in Mekka gemeint sein.

Im ersten Akt des Parsifal erzählt Gurnemanz die umfangreiche Vorgeschichte der beiden wichtigsten Symbole, des Grals und des Speers. Dabei steht der Gral als Gefäß für das Weibliche und der Speer für das Männliche.
Die Gralsritter müssen keusch sein (warum eigentlich?); und so kommt die Moral in die Welt. Klingsor möchte besonders keusch sein (auch hier fragt man sich: wozu?) und weil er fürchtet, dass er das nicht kann, entmannt er sich selbst, aus tiefer innerer Überzeugung, nicht durch Gewalt. Er errichtet ein Gegenreich, Klingsors Zaubergarten, eine Art botanisches Bordell, in dem die Blumenmädchen die Ritter verführen sollen.

Amfortas bewaffnet sich mit dem Heiligen Speer und missbraucht die Reliquie als Waffe.
Kundry verlachte einst Christus am Kreuz und wird dafür zu ewiger Wiedergeburt verdammt. Sie muss immerzu lachen und erst wenn sie weinen kann, kann sie erlöst werden. In ihr vereinen sich polare Gegensätze des Weiblichen: die Dienerin und die Femme fatale.

Amfortas leidet an einer Wunde, die sich niemals schließen will. Die Wunde des Amfortas an Seite und Schenkel ist synonym zu Klingsors Kastrationswunde.

1. Aufzug

Regisseur Uwe Eric Laufenberg verlegt den Gralstempel in den Irak, nach Mossul, also wieder in ein orientalisches Umfeld. Der erste Aufzug spielt in einer christlichen Kirche, so wird das Christentum in Bedrängnis, in der Diaspora thematisiert. Laufenberg hinterfragt, wie Christentum unter Bedrohung funktionieren kann. Mossul, am Ufer des Tigris, ist die zweitgrößte Stadt des Irak und besitzt eine 2.000 Jahre alte christliche Tradition. Der sogenannte Islamische Staat hat die Christen vor die Wahl gestellt, zum Islam zu konvertieren oder hingerichtet zu werden. So haben im Juli 2014 die Christen die Stadt verlassen. 2015 hat der IS die christliche Kirche in Mossul gesprengt und weitere christliche Kirchen im Land zerstört.
Der Vorhang öffnet sich, wir sehen eine Art Flüchtlingsasyl, Menschen, die auf der Flucht sind und in der Kirche Zuflucht finden. (Bühne: Gisbert Jäkel). Die Gralsritter werden als ein fiktiver christlicher Orden gezeigt, der die Schutzbedürftigen aufnimmt und versorgt. Sie stehen für Pazifismus, die christlichen Eigenschaften Agape, Caritas und Empathie, sie leben Gemeinschaft und Gemeinde. Auf der anderen Seite thematisiert Laufenberg das Leiden, Schuld und Sühne, Buße und Dogma.

Ist dies nun Islamkritik, wie nach der Premiere 2016 behauptet wurde? Ist es Provokation? Nein, es ist Freiheit der Kunst, die Themen aufgreift, die unsere Zeit beschäftigen. Es geht Laufenberg nicht um das Trennende, vielmehr um das verbindende und versöhnende Element. Würde man seine Inszenierung auf das Anprangern islamitischen Terrors reduzieren, begäbe man sich auf eine interpretatorische Schlagseite. Am Ende ist es mehr Nathan der Weise, ein “Finger in die Wunde legen”.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal : hier Gralsritter, Amfortas, Gurnemanz, Kundry © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal : hier Gralsritter, Amfortas, Gurnemanz, Kundry © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Nach der Erzählung des Gurnemanz nimmt ein großes Taufbecken eine zentrale Bedeutung ein. Es steht für Reinigung und Erneuerung. Über der Bühne sinniert  auf einer Galerie sitzend eine mystische Figur; jedes Jahr in neuer Gestalt. 2018 hält sie einen Hirtenstab. Im ersten Jahr der Produktion saß ein alter Mann auf einem Stuhl, im zweiten Jahr eine dunkelhäutige Frau, in diesem Jahr nun eine Hirtenfigur, die von oben auf das Geschehen herabschaut. Wer das ist? Wir wissen es nicht. Vielleicht Gott, der in verschiedenen Gestalten erscheint…

Kundry erscheint in einer Art Kutte oder Tschador, halb Nonne, halb arabisch. (Kostüme: Jessica Karge) Wir mögen uns erinnern, dass Arabien im 19. Jahrhundert positiv besetzt war, es war ein exotisch-erotisches Paradies, das Morgenland, der Ort des Heils.

Als die Ritter einen verwundeten Schwan herein tragen, kümmern sich alle nur um den Schwan. Fast unbemerkt betritt ein kleiner Junge den Raum, schaut sich um und bricht zusammen. Die Einzige, die sogleich zu ihm eilt, ist Kundry. Die Parallele zu dem syrischen Flüchtlingsjungen, der im September 2015 tot am Strand angespült wurde, ist durchaus beabsichtigt und in der Kleidung (rotes T-Shirt, blaue Hose) zitiert.

Parsifal, der aus Übermut den Schwan erlegt hat (“Im Fluge treff’ ich, was fliegt”) ist nicht der Hellsten einer. Auf die Fragen des Gurnemanz weiß er keine Antwort. Gurnemanz glaubt, in ihm den reinen Toren zu erkennen, der “durch Mitleid wissend” ist und Erlösung bringen kann. Er lädt ein, dem Gralsritual beizuwohnen, das ein archaisches Blutritual ist.
Zur Verwandlungsmusik sieht der Zuschauer eine große Projektion, mittels derer eine Identifikation von Raum und Zeit hergestellt wird. Aus dem Dach der kleinen Kirche wird der Blick heraus ins All gelenkt, der Flug geht an Planeten und Milchstraße vorbei ganz in die unendlichen Weiten… und genauso geht es wieder zurück, bis wir wieder in dem Kirchenraum angekommen sind.

Amfortas, der Schmerzensmann, erklimmt den Altar wie eine Schlachtbank. Das Blut, das erneut aus seinen Wunden strömt, ist das Blut Christi, Amfortas selbst wird zum Gral. Was sich hier vollzieht, ist eine ritualisierte sinnentleerte Handlung, der Gral ist defizitär und vollständig in Ideologie erstarrt. Parsifal versteht von all dem nichts und Gurnemanz wirft ihn enttäuscht raus, schließt ihn aus der eingeschworenen Gemeinschaft aus.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Klingsor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Klingsor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

2. Aufzug

Wir sehen Klingsor in einem Raum hoch über der Szene inmitten von Kreuzen, einer sinnentleerten Ansammlung von Symbolen ohne Bedeutung. Dass er sich entmannt hat, reicht anscheinend noch nicht, er geißelt sich mit einer Peitsche. Als Gegenwelt unten auf der Bühne der Zaubergarten, ein farbenfroh gekachelter Hammam hinter Gittern. Diesmal erleben wir die islamische Variante des Wassers als Motiv der Reinigung. Blumenmädchen betreten die Szene, sie tragen Tschador, ihre Gesichter sind verhüllt. Uniformierung als Symbol von Ent-Individualisierung, sie sind reine Funktionsträgerinnen.

Kundry dringt in Parsifals Seele ein (“Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust”) und schlägt die Brücke von der Mutterliebe zur erotischen Liebe, “…sie beut dir heut als Muttersegens letzten Gruß der Liebe ersten Kuss…”

Dieser erkennt, dass er Schuld auf sich geladen hat und zum Ausbruch “Amfortas! Die Wunde!” zerbricht er den Speer und formt daraus das Kreuzzeichen. Mit dem Grals-Motiv zerstört Parsifal Klingsors Zauberreich.

3. Aufzug

Viele Jahre sind vergangen. Die Musik ist suchend, die Tonika wird nicht erreicht, was Parsifals Irrfahrten symbolisiert. Das ausdrucksvolle, sehr langsame Vorspiel trägt seine weihevolle Stimmung in die erste Szene hinein. Das einst so schmetternde Parsifal-Motiv ordnet sich dieser Statik unter. Genau wie Kundry muss auch Parsifal leiden, es gibt keinen Umweg, er muss seinen Weg gehen.

Wieder führt eine breit anwachsende Verwandlungsmusik, dominiert vom archaischen Glocken-Motiv, in den Gralstempel.
Die Kirche ist mittlerweile noch weiter verfallen, riesige Pflanzen wachsen hinein, die Natur erobert sich die Architektur zurück. Kundry und Gurnemanz sind zu Greisen gealtert, Gurnemanz braucht zeitweise einen Rollstuhl zur Unterstützung, Kundry ist gebeugt und leidet an einem üblen Tremor. Sie warten auf etwas. Titurel ist inzwischen gestorben. Kundry wird wieder von ihrer Bestimmung zu dienen getrieben, unentwegt putzt sie Dinge und hilft Gurnemanz. In diese Szene hinein platzt Parsifal, ein Ninja-Kämpfer in einem schwarzen Kampfanzug, schwer bewaffnet. Er schaut sich um und legt die Waffen ab. Gurnemanz erkennt ihn schließlich. Als erstes Amt tauft Parsifal Kundry, die ihm die Füße wäscht, eine biblische Szene zwischen Jesus und Maria Magdalena, und nun kann Kundry endlich weinen. Gurnemanz salbt Parsifal zum neuen Gralskönig. Mit der Melodie des Karfreitagszaubers erwacht die Natur zu neuem Leben. Gurnemanz erklärt Parsifal den Sinn des Karfreitags, die Passion, die Hingabe von Gottes Sohn und damit den Erlösungsgedanken. Ein Wasserfall ergießt sich auf der Hinterbühne in einem paradiesähnlichen Garten. Nackte Menschen tanzen unter dem Wasserfall, symbolisieren die entsühnte Natur, Sexualität ist plötzlich ohne Sünde. Laufenberg zeichnet hier die Weltfamilie als Bild der Versöhnung, der Erlösung von Sünde und Leid.

Im Gralstempel soll nun die letzte Enthüllung des Grals stattfinden. Amfortas will endlich den Tod, der Gral muss noch einmal enthüllt werden! Parsifal betritt die Szene, nun nicht mehr im Kampfanzug sondern in ziviler Kleidung. Er bringt den Heiligen Speer zurück und heilt damit Amfortas (“Den heil’gen Speer, ich bring ihn euch zurück!”)

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Amfortas und die Gralsritter © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Amfortas und die Gralsritter © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Musik wandelt sich zu einem unendlichen zeitlosen Melodiefluss, der die Erlösung beschreibt. Mit dem Glaubens-Motiv legen die Anhänger der verschiedenen Glaubensgemeinschaften ihre religiösen Symbole in den Sarg, sie sind nicht mehr erforderlich. Zu den letzten Worten Parsifals Nicht soll er mehr verschlossen sein: Enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!” und einem klaren As-Dur-Dreiklang wird das Licht im Zuschauerraum langsam aufgeblendet, der Gralstempel wird aufgelöst, die Bühne leert sich, alle gehen nach hinten ab.
Es erklingt vom Chor die zentrale Botschaft “Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!” Es ist eine gnostische Botschaft; die Idee von der Selbsterlösung des Menschen, der Mensch wird nicht erlöst, sondern erlöst sich selbst und den leidenden Gott in sich. Es ist eine Befreiung von Dogmen und Institutionen. Uwe Eric Laufenberg gibt mit seiner Deutung keine Antworten. Er verweist uns an uns selbst zurück.

Wie wirken sich nun ein neuer Dirigent und zahlreiche Umbesetzungen auf die Produktion 2018 aus?  Die Übernahme der musikalischen Leitung durch Semyon Bychkov erweist sich als äußerst positiv. Hartmut Haenchen zeichnete sich durch ein kühles, klares Dirigat aus, Bychkov geht das Werk etwas emotionaler an.

Er wählt insgesamt ein etwas langsameres Tempo, zeichnet große Bögen, die Musik atmet über weite Strecken eine große Ruhe. Dadurch verlängert sich die Gesamtaufführungsdauer gegenüber Hartmut Haenchen 2017 um etwa 10 Minuten. Wer sich nun fragt, wie der Dirigent es schafft, sich mit seinem (langsameren) Tempo dem Video in der Verwandlungsmusik anzupassen, wird mit der Information überrascht: Es geht genau umgekehrt, nämlich dass sich das Video der Musik anpasst. Das Video besteht aus mehreren Clips, die in Entsprechung zur Musik mit dem musikalischen Moment auch bei Bychkovs langsamerem Tempo manuell auf musikalische Stichworte synchronisiert werden.

Das Vorspiel zum 1. Aufzug gestaltet er ruhig, so dass man wirklich von “weihevoll” sprechen kann. Wobei sich “Weihe” hier nicht zwingend durch Langsamkeit vermittelt. Das Tempo atmet, ist ruhig fließend, insgesamt wirkt das Dirigat unaufgeregt-professionell. Hier ist jemand am Werk, der weiß, was er tut. Orchester und Solisten sind bei ihm in guten Händen. Die Horngruppe klingt sehr organisch, das Tempo ist getragen, die Motive der Flöte wirken manchmal leicht verzögert, wie ausgeweitet über dem Streicherteppich.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Günther Groissböck als Gurnemanz © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Günther Groissböck als Gurnemanz © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

In der Rolle des Gurnemanz (eine Neubesetzung gegenüber Georg Zeppenfeld in den Jahren 2016 und 2017) überzeugt der im österreichischen Waidhofen an der Ybbs geborene Günther Groissböck mit kraftvollem wohltimbriertem Bass.
Im Hintergrund ertönt von der Bühnenmusik das Gralsmotiv, die Streicher klingen wunderbar ruhig, gehen vom Mezzoforte ins Mezzopiano, so dass das Gralsmotiv hervortreten kann. Groissböcks außerordentlich deutliche Diktion (in anderen Produktionen dieser Festspielsaison bei manchen Kollegen schmerzlich vermisst!) trug jedes Wort auch bis in die hinteren Reihen, was bei einer so großen Partie von enormer Wichtigkeit ist. Im Monolog des Gurnemanz über Kundry bei “als unser Herr den Speer verlor” oder “Oh, wundenwundervoller heiliger Speer”, “den Zaub‘rer zu beheeren” ist wirklich jede Silbe deutlich artikuliert. “Dem Heilthum baute er das Heiligthum” gerät relativ zügig ohne jedoch zu eilen.

Allein schon durch den Umfang der Rolle, aber nicht nur, wird Groissböck zum zentralen Element des Abends. Gurnemanz kümmert sich um die Ritter und Knappen, um Kundry, erkennt Parsifal als den “reinen Thoren”, sorgt dafür, dass Amfortas versorgt und der Gral enthüllt wird, ohne Gurnemanz geht hier eigentlich nichts und ohne Groissböck auch nicht. Im ersten und dritten Aufzug ist er stets gefordert und füllt diese große Partie souverän aus, stimmlich und auch darstellerisch. Präsent von der ersten bis zur letzten Note meistert er die enormen Anforderungen der Rolle und überzeugt wie immer durch exzellente Textverständlichkeit, was bei dieser Menge an Text wirklich zentral ist.

Amfortas erlebt 2018 ebenfalls eine Neubesetzung. Nach Ryan McKinney singt nun Thomas Johannes Mayer die Partie. Wohlklingend und voller Überzeugung vermittelt er glaubwürdig die Verzweiflung des Geplagten, dessen Wunde sich nicht schließen will. “Durch Mitleid wissend, der reine Tor” gerät fragil und fragend. An der Stelle “aus Dank für Deine Treue” kommt Mayers tiefe Lage gut zur Geltung. Auch darstellerisch überzeugt er als Schmerzensmann und berührt vor allem in den Abendmahlszenen, als er wie der gekreuzigte Christus mit Lendenschurz und Dornenkrone auf dem Altar steht und ein Ritter die Wunden erneut öffnet, damit die Gralsritter von seinem Blut trinken können.

In der Rolle des Klingsor erlebt das Publikum den australischen Bariton Derek Welton, seit Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, wo er bereits einige bedeutende Wagnerrollen gesungen hat. Gerade in den Szenen mit Kundry beeindruckt Welton durch einen entschlossenen zupackenden Klang von großer Substanz und Farbenreichtum.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier: Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier: Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der österreichische Tenor Andreas Schager glänzte nach 2017 erneut in der Rolle des Parsifal, die im ersten Jahr mit Klaus Florian Vogt eher lyrisch besetzt war. Schager konnte sich 2018 jedoch in Intensität und Ausdruck gegenüber dem Vorjahr noch enorm steigern. Insbesondere an den zentralen Stellen wie bei “Amfortas! Die Wunde!” und “Den heil’gen Speer, ich bring’ ihn euch zurück” oder “Nur eine Waffe taugt” ist Schager absolut präsent und auf den Punkt. “Amfortas! Die Wunde!” ist von einer derartigen Intensität, dass der Zuhörer völlig in seinen Bann gezogen wird. Der etwas abgenutzte weil inflationär zitierte “Gänsehautmoment” – hier ist er wirklich da. In diese Worte legt Schager soviel Kraft und Ausdruck, dass es einem Angst machen kann, er könnte seiner Stimme schaden. Dennoch wirkt er stets kontrolliert und dosiert, so dass man sich doch wieder auf dem Holzklappsitz zurücklehnen und weiteratmen kann. Für die Rezensentin war es einer der ganz großen Momente an diesem Abend.

Auch die Partie des Titurel ist mit Tobias Kehrer (geboren in Dessau, seit der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin) exzellent besetzt. Der junge Bass interpretierte die Rolle sehr glaubwürdig und mit beeindruckender Intensität sowohl sängerisch als auch darstellerisch. Bereits mit den Worten “Mein Sohn Amfortas, bist du am Amt? Soll ich den Gral heut’ noch erschau’n und leben?” hat er die Gunst des Publikums auf seiner Seite. “Wie hell grüßt uns heute der Herr” gerät besonders schön und ausdrucksvoll.

Eine weitere “Hauptrolle” stellt neben den durch die Reihen großartigen Solisten an diesem Abend der Chor dar. Die Chöre haben auch im Parsifal eine zentrale Rollen, seien es die kleinen Ensembles aus Knappen und Rittern (allesamt sehr gut besetzt!) oder die großen Herrenchöre und die Tutti-Chöre. Der phantastische Chor der Bayreuther Festspiele (Einstudierung: Eberhard Friedrich) stellt auch an diesem Abend seine hohe Qualität erneut unter Beweis. Dynamisch differenziert und stets präzise ist er einer der Höhepunkte der Vorstellung, er trägt ganz maßgeblich zum großen Erfolg dieser Produktion bei. Besonders berührend sind die Chöre der Gralsritter “Zum letzten Liebesmahle”, feierlich sakral vom Orchester begleitet. Von großer Präzision auch die Frauenstimmen bei “Der Glaube lebt, die Taube schwebt, des Heilands holder Bote”, eine Stelle, die gerne mal intonationsgefährdet ist, hier jedoch absolut präzise erklingt.

Die Knaben aus der Höhe verzaubern bei “Wein und Brod des letzten Mahles wandelt’ einst der Herr des Grales durch des Mitleids Liebesmacht” mit Zartheit und Leichtigkeit, einem berückenden Piano, das sich poco a poco crescendo steigert, in der Dynamik ebenso wie im Ausdruck. Als die Ritter einsetzen, steigert sich der Pathos weiter bei “Froh im Verein, brudergetreu zu kämpfen mit seligem Muthe!” Diese Steigerung wird unterstrichen durch die Holzbläser (Flöte) und die Streicher, das Motiv der Gralsglocken wird stetig wiederholt, bis schließlich einzelne Glocken übrig bleiben. An dieser Stelle bleibt  Parsifal allein auf der Bühne zurück und nimmt einen einzelnen Tropfen Blut vom Boden auf, eine scheinbar kleine Szene, aber von großer Intensität.

Im zweiten Aufzug kann Elena Pankratova der Kundry eine andere Färbung geben als im ersten. Hier ist sie nicht die Dienende, sondern die Verführerin. Vor dem Hintergrund einer rauschhaften unruhigen Musik in den Streichern ruft Klingsor Kundry: “Herauf! Herauf! Zu mir! Dein Meister ruft dich Namenlose…!” Pankratova überzeugt vom ersten Klagen über die stimmlich mörderischen Kundry-Rufe, die sie technisch beeindruckend meistert. Ihr Sopran ist voll und warm, dunkel timbriert in der Tiefe, kein bisschen forciert, stets perfekt geführt und farbenreich in allen Registern. “Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust” berührt zutiefst, ist von großer Brillanz und Strahlkraft, vermittelt aber auch eine große Zartheit als Kundry Parsifal von seiner Mutter erzählt und ihm seinen Namen in Erinnerung ruft.

Auch im zweiten Aufzug erfreuen und begeistern die kleineren Solorollen wie die Blumenmädchen. Zunächst noch von schwarzen Tschadors verhüllt, legen sie diese bald ab – zum Vorschein kommen orientalische Bauchtanz-Kostüme – und ziehen Parsifal ins Bad. Dass er sich nur allzu gerne von ihnen zum Spielen auffordern lässt, überrascht nicht, ist doch ihr Gesang betörend-entrückend schön, Bychkov nimmt das Orchester wenn nötig zurück, so dass die Stimmen von Ji Yoon, Katharina Persicke, Mareike Morr, Alexandra Steiner, Bele Kumberger und Sophie Rennert nicht nur Parsifal, sondern auch das Publikum verführen können.

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Parsifal und die Zaubermädchen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Parsifal und die Zaubermädchen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im dritten Aufzug können Groissböck und Schager noch einmal richtig aufdrehen und tun es auch. Mit “So segne ich dein Haupt! Als König dich zu grüßen…” ist Groissböck auch nach der langen Pause (zweiter Aufzug plus zwei Stunden Pause) sofort wieder präsent.
Schager singt und spielt absolut berührend “Mein erstes Amt verricht’ ich so. Die Taufe nimm, und glaub’ an den Erlöser!” Eine weitere zentrale Stelle zwischen beiden ist “Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön!” und “Das ist Karfreitagszauber, Herr! … Das dankt dann alle Kreatur, was all’ da blüht und bald erstirbt, da die entsündigte Natur heut ihren Unschuldstag erwirbt.” Der Text wird unterstrichen von sanfter Musik, Seufzermotive erklingen im Piano in den Holzbläsern, bis die Glocken wieder einsetzen.
Ein weiteres Video (Gérard Naziri) wird abgespielt, wiederum angepasst auf die Musik (Immer feierlich das Zeitmass zurückhaltend), und wir erblicken das Portal ausfüllend die Gesichter von Winifred und Wolfgang Wagner und schließlich die Totenmaske Richard Wagners. Ein Wasserfall und die Glocken beenden das Video.

Die von Laufenberg so bezeichnete “Weltfamilie” kommt zusammen und der Herrenchor beeindruckt noch einmal mit ergreifend interpretiertem “Geleiten wir im bergenden Schrein den Gral zum heiligen Amte…” Auch der Chor besticht durch sehr gute Textverständlichkeit.

Die Ritter wenden sich an Amfortas mit den Worten “Wehe! Du Hüter des Grals! Sei deines Amtes gemahnt zum letzten Mal! Zum letzten Mal! Zum letzen Mal!”, was durch die mehrfache Wiederholdung und die Chromatik sowie das stetige Crescendo und die Pauken seine Wirkung nicht verfehlt.

Amfortas stolpert und bricht am Sarg Titurels zusammen. Thomas Johannes Mayer gestaltet diese Szene eindringlich; man glaubtdie Schmerzen des Amfortas selbst zu spüren und wünscht ihm und sich sehnlichst Erlösung sehnlichst. “Könnt ihr doch Tod nur mir geben! Hier bin ich, die offne Wunde hier!”
Endlich naht die Erlösung in Gestalt Parsifals und Schager schmettert die ersehnte Botschaft “Nur eine Waffe taugt! Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug” Amfortas und den Rittern entgegen. Mit den Worten “Den heil’gen Speer, ich bring’ ihn euch zurück!” legt er diesen in den Sarg. Die Aufgabe ist vollbracht, er verwaltet jetzt Amfortas’ Amt und der Gral kann enthüllt werden. Die letzten Worte erklingen “Nicht soll er mehr verschlossen sein: Enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!”

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal - hier : Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Parsifal – hier : Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

An dieser Stelle hat Wagner die Anweisung „Sehr langsam und feierlich“ in die Partitur geschrieben; Bychkov befolgt dies.  Die religiösen Symbole sind obsolet geworden und werden im Sarg “beerdigt”, dichter Nebel hüllt die Bühne ein, zurück bleibt Parsifal, am Sarg kniend legt er noch einen schweren Stein auf den Speer im Sarg, geht sodann nach hinten ab und verschwindet im Nebel. Im Orchester erklingt ein strahlendes As-Dur, während das Licht im Saal langsam aufgeblendet wird. Die letzten Streicherklänge im Piano verklingen, es breitet sich tatsächlich ein Moment absoluter Stille aus. Der Hirte schaut von der Galerie herab auf die Bühne.

Nach der kurzen Stille bricht das begeisterte Publikum in Jubel aus, zwei kurze Buhs gehen im frenetischen Applaus unter und die Zuschauer feiern mit Recht ein großartiges Ensemble und ein phantastisches Festspielorchester unter Semyon Bychkov sowie einen beeindruckenden Festspielchor.

(Die Produktion wird im Jahr 2019 erneut gezeigt.)

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

 

New York, Metropolitan Opera, James Levine – Met: Beschämendes Ende, IOCO Aktuell, 05.06.2018

Juni 5, 2018 by  
Filed under Metropolitan Opera, Personalie, Portraits

Metropolitan Opera und City Opera in New York © IOCO

City Opera und Metropolitan Opera, vl, in New York © IOCO

Metropolitan Opera – James Levine

Beschämendes Ende einer langen Zusammenarbeit

Die Metropolitan Opera (Met) New York, beendete jede Form der Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Stardirigenten James Levine (*1943). James Levine war über vierzig Jahre, von 1976 bis 2016,  Music Director der Met. Die folgende Pressemitteilung der Met begründet diese Entscheidung mit sexuellem Fehlverhalten von James Levine.

In ihrer Pressemitteilung bestreitet die Met, dass ihr Management oder der Board of Directors Informationen zum Fehlverhalten von James Levine unterdrückt haben.

Wortlaut der Pressemitteilung der Metropolitan Opera

„After considering the findings of a thorough investigation conducted by outside counsel that lasted more than three months, the Metropolitan Opera has terminated its relationship with James Levine as Music Director Emeritus and Artistic Director of its young artist program.

The investigation uncovered credible evidence that Mr. Levine had engaged in sexually abusive and harassing conduct both before and during the period when he worked at the Met. The investigation also uncovered credible evidence that Mr. Levine engaged in sexually abusive and harassing conduct towards vulnerable artists in the early stages of their careers, over whom Mr. Levine had authority. In light of these findings, the Met concludes that it would be inappropriate and impossible for Mr. Levine to continue to work at the Met.

The investigation also found that any claims or rumors that members of the Met’s management or its Board of Directors engaged in a cover-up of information relating to these issues are completely unsubstantiated.

We thank the more than 70 individuals who were interviewed during the course of the investigation.

We recognize the great concerns over these issues that have been expressed by the Met community both inside and outside of the opera house, and wish to provide the assurance that the Met is committed to ensuring a safe, respectful and harassment-free workplace for its employees and artists.“ 

—| IOCO Aktuell Metropolitan Opera |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Saimir Pirgu – Tenor, IOCO Interview, 24.05.2018

Deutsche Oper Berlin © IOCO

Deutsche Oper Berlin © IOCO

IM PORTRÄT:  SAIMIR PIRGU – TENOR

Von Kerstin Schweiger

Im Rahmen der Verdi-Wochen an der Deutschen Oper Berlin gestaltet der albanische Tenor Saimir Pirgu am 25. Mai 2018 gemeinsam mit drei Sopranistinnen und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin eine große Verdi-Gala. IOCO-Korrespondentin Kerstin Schweiger sprach mit dem Sänger, dessen Weltkarriere im Jahr 2003 begann, als er mit nur 23 Jahren als Ferrando in Così fan tutte als jüngster Sänger in einer Hauptpartie bei den Salzburger Festspielen debütierte.

Saimir Pirgu © Fadil Berisha

Saimir Pirgu © Fadil Berisha

Saimir Pirgu singt heute an den großen Opernhäusern der Welt, an der Metropolitan Opera New York ebenso wie an der Wiener Staatsoper, der Mailänder Scala oder London’s Royal Opera House Covent Garden, in Paris, Zürich. In Berlin war er an der Staatsoper Unter den Linden und an der Deutschen Oper Berlin zu hören.

1981 in Elbasan, Albanien geboren, erhielt Pirgu bereits sehr früh eine musikalische Ausbildung, studierte zunächst Violine und schloss die Gesangsausbildung am Konservatorium Claudio Monteverdi in Bozen, Italien ab. Durch einen Zufall traf er noch als Student Luciano Pavarotti, der zu seiner Mentoren wurde und mit ihm die wichtigsten Partien seines Repertoires erarbeitete. Nach einem frühen Debüt bei den Salzburger Festspielen wurde die Wiener Staatsoper auf Pirgu aufmerksam, dort debütierte er als Nemorino in Donizettis Liebestrank und ist seither dem Haus besonders verbunden. 2008 wirkte er als Rinuccio in Woody Allens Operninszenierung von Puccinis Gianni Schicchi an der Los Angeles Opera mit. Nach seinem Debüt an der MET titelte die New York Times in einem doppelseitigen ihm gewidmeten Artikel: „Tenor from the Dark Side of the Moon”.    Saimir Pirgu engagiert sich seit 2013 als Botschafter für  die Stiftung Down Syndrome Albania.

Das Verdi-Konzert an der Deutschen Oper wird für Saimir Pirgu eine gute Gelegenheit sein, sich mit Werken zu präsentieren, mit denen ihn Opernkenner und Fans bisher noch nicht in Verbindung gebracht haben. Pirgu hat in den letzten Jahren sein lyrisches Kernrepertoire (Nemorino, Don Ottavio, Traviata, Rigoletto) langsam und vorsichtig um etwas dramatischere Partien. Dazu zählen auch Riccardo in Un ballo in maschera und Gabriele Adorno in Simon Boccanegra, die er in der Verdi-Gala vorstellt.

Die Rolle des Riccardo hat er bereits im Jahr 2015 mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta einem seiner wichtigen Mentoren, gesungen. Als Gabriele Adorno war er 2017 am Teatro San Carlo in Neapel zu hören. Als Macduff in Verdis Macbeth wurde Pirgu am Teatro Liceo in Barcelona und in Florenz gefeiert.

Kerstin Schweiger (KS): Ihre Karriere begann sehr früh in einem Land, das auf der Opern-Landkarte was die Aufführungsdichte betrifft, noch nicht komplett erschlossen ist, jedoch als Talentschmiede für Musiker und Sänger gilt. Albanien ist ein sehr musikalisches Land mit exzellenter Ausbildung und einer besonderen folkloristischen musikalischen Tradition, die Förderung junger Talente wird traditionell groß geschrieben. Was ist das Besondere an der albanischen Gesangstradition?

Saimir Pirgu (SP): Die Geschichte des Musiktheaters in Albanien ist nicht Jahrhunderte alt, sondern beginnt in den ersten Jahren der Nachkriegszeit. In diesen ersten Jahren wuchs eine Generation von Musikern heran, die fast alle vom russischen Stil geprägt waren, denn das ehemals kommunistische Land Albanien war Teil der Sowjetunion war. Albanien hat auch eine große folkloristische Musiktradition, die auch das Musiktheater beeinflusst hat mit den ersten Opern aus der Feder albanischer Komponisten. Die albanische Volksmusik hat die Entwicklung der Oper sehr gefördert, denn die Albaner, ein mediterranes Volk mit schöner Stimmfarbe, lieben es, zu singen. Albanien hat in den letzten Jahren viele exzellente Sänger hervorgebracht, aber auch Musiker, vor allem Streicher.

 KS: War Ihnen klar, was es bedeutet, dem Berufswunsch Tenor/Sänger zu folgen und wer hat Sie unterstützt?

Saimir Pirgu © Paul Scala

Saimir Pirgu © Paul Scala

SP: Das war mir absolut klar, ja. Die Leidenschaft für den Gesang war schon immer in mir. Schon als kleines Kind habe ich es geliebt, Volkslieder für Freunde und Bekannte zum Besten zu geben. Ich bezeichne mich gerne als ein „Produkt der Drei Tenöre“. Als ich ca. 13 oder 14 Jahre alt war, sah ich das berühmte Konzert der Drei Tenöre aus den Caracalla-Thermen im Fernsehen. Ich war fasziniert davon, nahm das Konzert auf und schaute es mir unzählige Male an. Danach fiel meine Entscheidung, dass Gesang mein Lebensinhalt werden sollte. Mit gerade einmal 18 Jahren entschloss ich mich dazu, Albanien zu verlassen und nach Italien, in die Heimat der Oper, zu gehen, um Gesang zu studieren. Ich bestand die Aufnahmeprüfung am Konservatorium von Bozen, wo ich Maestro Vito Brunetti kennenlernte. Er nahm mich in seine Gesangsklasse auf und glaubte an mich. Ihm verdanke ich, dass ich das Konservatorium nach nur 2 Jahren abschließen und sehr früh meine Karriere beginnen konnen. Als ich 20 Jahre alt war, hatte ich bereits zwei wichtige internationale Wettbewerbe gewonnen. Claudio Abbado hörte davon, lud mich zu einem Vorsingen ein, so dass ich erstmals unter seiner musikalischen Leitung singen konnte. Im April 2004 debütierte ich dann an der Wiener Staatsoper und im August desselben Jahres bei den Salzburger Festspielen.

 KS:  Im Jahr 2013 gaben Sie an der Seite Plácido Domingos ihr Debüt als Alfredo in La Traviata an der MET.  Wie eng ist der Bezug zu einem Mentor wie Domingo oder Pavarotti und wie bedingungslos muss/kann man sich darauf einlassen, wie viel Vertrauen erfordert es?

 SP: Für einen jungen Sänger wie mich war es natürlich ein großes Glück, mit jemandem wie Pavarotti, den ich aus dem Fernsehen kannte und der dann zu meinem Mentor wurde, studieren zu können und mehrmals mit Domingo auftreten zu dürfen, bis hin zur besagten Traviata an der MET. Ich wollte einfach nur von diesen beiden großen Künstlern lernen. Sowohl Pavarotti als auch Domingo haben sich beide ja wie man weiß nie geschont, was die Förderung junger Talente angeht.

KS: Sie singen inzwischen an den großen internationalen Häusern große Partien. Engagieren Sie sich selbst in der Ausbildung junger Sängerinnen und Sänger in Ihrem Heimatland, können Sie sich vorstellen, später selbst zu unterrichten?

SP: Im Moment fühle ich mich nicht bereit, zu unterrichten. Nicht, weil ich es nicht könnte, sondern weil ich sehr anspruchsvoll bin und junge Sänger eine konstante Zusammenarbeit und viel Zeit mit dem Gesangslehrer brauchen. Zeit, die ich im Moment nicht habe. Ich denke, dass es andere gibt, die gut Unterrichten können und im Moment habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht darüber nachgedacht, zu unterrichten.

KS: Am 25. Mai geben Sie ein Verdi-Konzert an der Deutschen Oper Berlin. Vier Protagonisten, ein Orchester, ein Dirigent und eine Bühne. Wer hat den Hut auf? Wie läuft die Abstimmung von Repertoire, Konzertgarderobe, Medienarbeit und weiteren Rahmenbedingungen zwischen allen Beteiligten ab? 

SP: Das alles muss nicht bis auf die kleinsten Details aufeinander abgestimmt werden. Es ist zum Glück einfacher. Die hauptsächliche Verantwortung liegt beim Theater, das das Konzert organisiert, den Dirigenten verpflichtet und kontaktiert. Auf Basis der Wünsche des Theaters tauscht man mit dem Dirigenten Ratschläge aus bzgl. des Repertoires. Auch was das Marketing und die Pressearbeit angelangt ist das Theater verantwortlich. Und was die Konzertgarderobe anbelangt, gibt es einen typischen Dresscode für diese Konzerte, der aber nicht wirklich von irgendjemandem vorgegeben wird. Wir Männer tragen meist einen Frack oder Smoking, während die Frauen eine größere Bandbreite an Wahlmöglichkeiten haben.

KS: Wie kam die musikalische Auswahl für das Konzert zustande? Was ist das Besondere an diesem Konzert?

SP: Das Konzert kam auf Wunsch der Deutschen Oper zustande, die im Moment verschiedene Verdi-Opern im Programm hat, und passend zum derzeitigen Spielplan dieses Verdikonzert geplant hat. Was das Programm des Abends betrifft, war es uns bei der Planung wichtig, die beiden Teile ausgewogen zu gestalten. Wir haben die besten Arien Verdis ausgewählt und jeder von uns wird die Verdi-Arien aus seinem Repertoire singen, die ihm am besten liegen.

KS: Was ist macht für Sie den Vorteil an der institutionalisierten Musiktheaterdichte in Deutschland und im deutschsprachigen Umfeld aus?

SP: Ich muss sagen, dass die große Musiktheaterdichte, die Liebe zu dieser Kunstform und zur Musik im Allgemeinen die Deutschen und die Menschen in den deutschsprachigen Nachbarländern wie Österreich und der Schweiz sehr ehrt. Das ist wirklich etwas Einzigartiges und ein Modell für andere europäische Länder. Man kann natürlich immer darüber diskutieren, wie man das bestehende Modell noch weiter verbessern kann, aber in den heutigen Zeiten und den der allgemein angespannten finanziellen Situation bin ich glücklich, dass die Theater in Deutschland noch für ein Publikum, welches das auch zu schätzen weiß, geöffnet sind.

KS: Was ist der Vorteil an dem Stagione-System der internationalen Häuser, an denen Sie tätig sind?

Saimir Pirgu © Fadil Berisha

Saimir Pirgu © Fadil Berisha

SP: Das Stagione-System macht es möglich, mehr und vielleicht auch mit höherer Qualität zu proben. Hier kann ich als Beispiel Covent Garden in London oder die Oper von Amsterdam anführen, wo weniger gespielt, aber mehr geprobt wird und die Anzahl der Vorstellungen der jeweiligen Produktionen höher ist. Das deutsche Repertoirehaus legt Wert auf die Vielfalt des Spielplans, aber verfügt in so gut wie allen Fällen auch über ein eigenes Ensemble. Somit kommen dort in vielen Fällen lokale bekannte Interpreten bzw die Sänger des Theaters zum Einsatz.

KS: Was verbinden Sie musikalisch besonders mit Berlin?

SP: An der Berliner Staatsoper habe ich sehr jung debütiert, im Jahr 2006 in Peter Mussbachs Inszenierung von La Traviata, übrigens dirigiert von Maestro Paolo Arrivabeni, der ja auch das Verdi-Konzert am Freitag leiten wird. Dem Debüt an der Staatsoper folgte dann mein Debüt an der Deutschen Oper. Berlin ist eine Stadt, die ich sehr liebe, sehr offen und modern. Man kann hier regelrecht in Kunst versinken. Für mich wäre Berlin eine Alternative zu der Stadt, in der ich im Moment lebe. Ich könnte sicherlich gut hier leben.

KS: Was hat Verdi als Komponist und Melodien-Füllhorn für Sie für eine Bedeutung in der Auswahl ihrer Partien?

SP: Unter den Opernkomponisten nimmt Verdi einen der ersten Plätze ein, sicherlich sowohl aufgrund der brillanten Theatralik seiner Werke, als auch weil seine Opern musikalische Meisterwerke sind. Nur wenige Komponisten haben es verstanden, das Theater gut mit der Musik zu verbinden. Bei Verdi ist die Handlung genauso stark wie in Werken Shakespeares. Meiner Meinung nach hat Verdi im Vergleich zu anderen Komponisten keine Konkurrenten unter seinen Zeitgenossen. Die einzigen Komponisten, die sich in ihrer theatralischen Mentalität Verdi nähern, sind das Genie Mozart mit Da Ponte und natürlich Wagner.

KS: Wie wichtig ist es für Sie in einer durchinszenierten Aufführung aufzutreten bzw. wie gewichten Sie Ihre Auftritte zwischen Konzerttätigkeit und Bühnentätigkeit?

SP: Durchinszenierte Vorstellungen sind für mich die wichtigsten. Ein Sänger kann meiner Meinung nach maximalen Ausdruck in durchinszenierten Aufführungen im Kostüm zeigen. Was Konzerte anbelangt ist es manchmal nicht leicht, diese mit durchinszenierten Produktionen zu verbinden. Ich versuche immer beides in meinem Kalender unterzubringen, aber mit genug Zeit zwischen Konzerten und Opernproduktionen, um immer die bestmögliche Leistung bringen zu können. Es ist klar, dass ein Konzert sehr viel anstrengender ist als eine Oper – man singt insgesamt mehr, man hat mehr Arien zu singen und muss sich noch stärker konzentrieren als in einer Opernvorstellung.

KS: Früher gab es analog zur Trennung von Bühne und Zuschauerraum auch eine separierende Rollenverteilung zwischen Künstlern und Publikum: am Bühneneingang wurde versucht einen Blick auf den Künstler zu erhaschen, oder ein Autogramm zu ergattern. Heute kommuniziert man auf Augenhöhe in den sozialen Netzwerken. Was ist der und ist es ein Vorteil?

SP: Ich finde es toll, nach der Vorstellung Fans zu sehen, mir gefällt das sehr und es ist immer eine große Freude. Was die sozialen Netzwerke anbelangt, muss man sich dem Lauf der Zeit anpassen. Heutzutage haben die Fans sehr viel größere Möglichkeiten, in Kontakt zu den Künstlern zu treten. Bei der Geschwindigkeit, in der sich heutzutage Informationen verbreiten, kommt es sogar vor, dass die Fans früher als die Künstler wissen, wo und wann genau diese auftreten!

KS: Worauf dürfen sich Opern-Besucher in Deutschland in den kommenden Monaten bzw. in der kommenden Spielzeit freuen?

SP: Nach dem Konzert an der Deutschen Oper werde ich im Juni bei den Münchner Opernfestspielen in Rigoletto an der Bayerischen Staatsoper auftreten. Was die kommende Spielzeiten anbelangt, kann ich noch nichts verraten, das wird eine Überraschung sein!

Redaktioneller Hinweis:  Nach Redaktionsschluss meldete die Deutsche Oper Berlin: Im Sonderkonzert: Giuseppe Verdi am 25.5.2018 werden Nicole Car, Irina Churilova und Seyoung Park an Stelle der erkrankten Angela Gheorghiu auftreten.

Berlin, Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko – Dukas, Prokofjew, Schmidt, IOCO Kritik, 18.04.2018

April 18, 2018 by  
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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie Foto: © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko, Yuja Wang –  Berliner Philharmoniker 

12.April 2018  –   Berliner Philharmonie

Von Karola Lemke

Kirill Petrenko, der feinfühlige designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und vielleicht der gefragteste Drigent unserer Zeit, präsentierte gemensam mt den Berliner Philharmoniker zwei klangvolle Raritäten: Paul Dukas‘ irisierende Tondichtung La Péri und Franz Schmidts  Vierte Symphonie. Dazwischen erklang Sergej Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3, mit der Pianistin Yuja Wang.

Petrenko begann seine internationale Karriere nach dem Weggang von der Komischen Oper (2001-2007). Freischaffend wirkte  Petrenko in 2000 am Maggio Musicale Fiorentino, 2001 an Wiener Staatsoper und der Semperoper Dresden, 2003 am Gran Teatre del Liceu in Barcelona, Opéra National de Paris, Royal Opera House Covent Garden in London, Bayerische Staatsoper, Metropolitan Opera in New York, 2005 an Oper Frankfurt. Seit 2013 ist Kirill Petrenko Generalmusikdirektor der Bayrischen Staatsoper

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko und Orchester © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko und Orchester © Monika Rittershaus

Die chinesische Pianistin Yuja Wang  hatte 2003 ihr Europadebüt. Im Jahr 2009 spielte sie mit Claudio Abbado und dem Lucerne Festival Orchestra das Klavierkonzert des heutigen Abends. 2016 war sie Artist of the Year 2017 der US-amerikanischen Zeitschrift Musical America

Paul Dukas  –  La Péri, Poème dansé

Dukas war Komponist, Kritiker und Mitglied der Fakultät am Pariser Konservatorium. Er war als Komponist sehr selbstkritisch und vernichtete zahlreiche seiner Werke, so dass er nur 25 Kompositionen hinterlassen hat.
La Péri wurde 1911 geschrieben und wurde von den Ballets Russes in Auftrag gegeben. Die Fanfare für Blechbläser, die das Werk öffnet, wurde zu einem späteren Zeitpunkt komponiert und zu Beginn des Werkes eingefügt, da das ursprüngliche Tongedicht sehr leise beginnt. Dukas nannte das Stück ein „Tanzgedicht in einer Szene“ und es ist sein letztes veröffentlichtes Werk. Die Uraufführung war am 22.04.1912.
Die Geschichte des Balletts stammt aus einer alten persischen Legende. Ein Prinz namens Iskender (Prinzenthema in den Holzbläsern) reist auf der Suche nach der „Blume der Unsterblichkeit“ ans Ende der Welt. Er findet einen gefallenen Engel (La Péri), der mit einer Lotusblume in der Hand eingeschlafen ist. Er stiehlt die Blume, die Péri wacht auf, tanzt und durch ihren Tanz nimmt den Lotus zurück. Peri´s Tanz nimmt die Hälfte des Stückes ein. Die Lotusblume war die Blume der Unsterblichkeit und ohne sie stirbt der Prinz langsam.Seit 50 Jahren wurde dieses Werk nicht mehr von Berliner Philharmonikern gespielt.
Petrenko breitet einen musikalischen Zauberteppich aus den drei Ebenen der Peri, des Prinzen und der Zauberwelt aus. Nach einem fast unhörbaren Beginn entfaltet sich das 19 minütige Werk tänzerisch, spärisch. Das Beeindruckendste ist die Art, wie Petrenko dieses Werk präsentiert und mit wieviel Engagement die Berliner Philharmoniker ihm folgen.

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko, Yuja Wang und Orchester © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Kirill Petrenko, Yuja Wang und Orchester © Monika Rittershaus

Sergej Prokofjew  –  Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26
Yuja Wang Klavier

Das 3. Klavierkonzert ist das mit Abstand am meisten gespielte Konzert Prokofjews.
Nach der zärtlich schwelgerischen Eröffnung durch die Klarinetten setzt nach kurzer Weiterführung durch die Streicher das Klavier ein und steigert sich nach Durchführung in der Reprise zu einem wahnwitzigen Tempo.
Yuja Wang spielt den Klavierpart technisch virtuos. So virtuos, daß es ungewöhnlichen Beifall nach dem ersten Satz aus dem Publikum gibt. Diese technische Perfektion blieb das Herausragende am Spiel Yuja Wang´s an diesem Abend. Man hätte sich ein engeres Zusammenwirken mit dem Orchester gewünscht.
Petrenko stellt dem eine fast durchsichtige Orchesterführung gegenüber, die im Orchesterklang auch die Raffinessen des Stückes hörbar macht.

Franz Schmidt  –  Symphonie Nr. 4 C-Dur

Die Sinfonie in C-Dur ist die vierte Sinfonie des östereichischen Komponisten Franz Schmidt (1874-1939) wurde 1933 komponiert und am 10. Januar 1934 in Wien uraufgeführt. Diese Sinfonie ist ein Requiem für seiner Tochter Emma, die bei der Geburt ihres ersten Kindes im Jahr 1932 starb. Der gesundheitlich angeschlagene Schmidt erlitt danach einen totalen Zusammenbruch.Dirigent der Uraufführung (46min.) mit d en Wiener Symphonikern war Oswald Kabasta, der das Autograph der vierten Symphonie an das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gab.

Der erste Satz beginnt mit einem Solotrompeten-Thema (Gábor Tarkövi), der Stimme des Schicksals.  Franz Schmidt äußerte dazu lt. Karl Trötzmüller: Es ist sozusagen die letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt.“

Ein Solo-Cello (Ludwig Quandt) führt in das Adagio mit seiner Tonart B-Dur, der Mittelteil steigert sich zu immensem Ausdruck, ehe das Solo-Cello in das ursprüngliche Adagio-Tempo zurück führt, und es ist das Cello, das die elegische Bewegung zu einem Ende bringt, gefolgt vom Echo der gedämpften Trommeln.
Das Scherzo, in b – moll, scheint eine Fuge vorzuschlagen, wobei das Viola – Thema von den zweiten Violinen beantwortet wird, bevor andere Ideen eingreifen, wobei das bahnbrechende Anfangsthema erneut erscheint.
Das Thema kehrt mit dem ersten Horn über einem begleitenden Trommelwirbel zurück und wird von vier Hörnern fortgesetzt. Dieses bildet die Reprise, die mit dem Trompetensolo des Anfangs, jedoch auf höherem geistigen Niveau endet.

Bei dieser Symphonie Nr. 4 zeigt Petrenko erneut, was intelligentes, emphatisches Dirigat bedeutet. Er spannt einen so dichten Bogen über die vier Sätze der Symphonie, in deren genauer Mitte der Todesmarsch für Emma liegt, dass die Aufführungsdauer nur 40 Minuten beträgt.  Konzentriert führt er die Berliner Philharmoniker zum ersten, zweiten, dritten Aufschrei der Trauer. Diese tragischen Ausbrüche sind erschütternd.
Zart leitet die Trommel im weiteren Verlauf zur Solotrompete über, aufkeimende Hoffnung in den Steichern, weitergefürt von der Solovioline und endet im Trugschluß ehe das Trompetensolo des Anfangs das Werk beendet.

Besonderer Dank gilt ebenso Gábor Tarkövi, Ludwig Quandt wie allen anderen Solisten der Berliner Philharmoniker, deren großartige Leistung vom Publikum gewürdigt wurde. Im August 2019 nimmt Kirill Petrenko seine Tätigkeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker auf. Man darf gespannt sein. An 12. Aprilo 2018 harmonierten der designierte Chef und die Berliner Philharmoniker ganz wunderbar.

 

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