Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag, IOCO Aktuell, 19.10.2019

Oktober 19, 2019 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Aktuell, Oper, Personalie, Portraits

Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag

Meisterliche Technik, Seele, Intensität
Von der Oberlausitz in die Welt

von Michael Stange

Vollendung und der Aufstieg in den Sängerolymp sind ein steiler, dorniger Weg und die lebenslange Herausforderung des Opernsängers. Die gesteigerten Anforderungen durch die Werke Verdis und Wagners im neunzehnten Jahrhundert an die Sänger haben dies noch erschwert. Ihre neue Klang- und Gesangswelten vervielfachten für ihre Interpreten die Anforderungen an Gesangstechnik und Rollengestaltungen. Dies erfordert ein stetes Feilen und Arbeiten an der Stimme, der Interpretation und der Rollengestaltung für die Sänger.

Am 17.10.2019 feierte Reiner Goldberg den 80. Geburtstag – IOCO / Michael Stange würdigt einen großen Heldentenor

Richard Wagners Opern erfordern die technische Vereinigung von Belcanto und dramatischem Ausdruck. Nur in dieser Kombination können die vor der Aufführung seiner Werke ungeahnten sprachlichen, phonetischen und gesanglichen Dimensionen ausgefüllt werden. Dafür benötigten und benötigen insbesondere die Tenöre und Soprane eine völlig neue Gesangstechnik und –kultur. Schon zu Wagners Zeiten waren rollenerfüllende Heldentenöre kaum zu finden. Die geplante Uraufführung des Tristan in Wien musste während der Proben abgebrochen werden, weil der Interpret der Titelpartie nicht imstande war, die Rolle zu singen. Deutsche Wagner-Tenöre der Bayreuther Schule, die vor mehr als hundert Jahren in New York auftraten, entsetzten das Publikum durch deklamatorischen Vortrag und fehlende Belcantotechnik (nachzuhören auf: 100 Jahre Bayreuth auf Schallplatte, Gebhardt).

Im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert besserte sich die Situation bei den Heldentenören zunehmend. Lauritz Melchior, Walter Kirchhoff, Ludwig Suthaus, Max Lorenz, August Seider, Günther Treptow, Set Svanholm, Otto Wolff, Carl Hartmann, Hans Hopf und viele andere beherrschten Wagnerrollen gesangstechnisch und interpretatorisch meisterhaft.

Auch Leo Slezak, der ein hinreißender Belcanto Sänger war, triumphierte in den für hohe Stimmen gut liegenden Wagnerrollen wie Tannhäuser, Stolzing und Lohengrin. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es mit Wolfgang Windgassen einen modernen leichten und ergreifenden Darsteller aller Wagnerrollen. Die Zahl seiner ernstzunehmenden Konkurrenten ließ sich aber spätestens ab den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an einer Hand abzählen.

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Die Nichtexistenz und das Verblassen der Gesangstradition der großen Wagnerhelden lässt sich durch das Hören von vor 1920 und vieler seit 1970 entstandenen Wagneraufnahmen gut nachvollziehen. Die Stimmen waren nicht nur leichter geworden. Auch stimmtechnisch kämpften viele Rollenvertreter gegen die Rollenanforderungen wie Siegfried im 2. Akt der gleichnamigen Oper gegen den Drachen durch forcieren und Überanstrengen der Stimme.

Diesen Umstand kompensierten viele Musikliebhaber durch das Hören historischer Klangkonserven. Als in den siebziger Jahren in den USA eine obskure Liveaufnahme von Wagners Ring des Nibelungen aus der Mailänder Scala von 1950 unter Wilhelm Furtwängler auf Langspielplatten erschien, lag erstmals ein heute noch gültiges Zeitdokument vor, wie der Ring des Nibelungen mit großen Sängern klingen kann. Mit Kirsten Flagstad, Ferdinand Frantz und den Tenören Max Lorenz, Svet Svanholm und Günther Treptow offenbarte sich, dass die Bayreuther Rundfunkübertragungen jener Jahre mehr Wünsche offen ließen, als erfüllten.

Im Jubiläumsjahr der hundertjährigen Aufführung des Parsifal wendete sich das Blatt. Mit Reiner Goldberg betrat 1982 ein Held die Klangbühne, der alle Anforderungen Wagners erfüllte und an die Gesangstradition von Franz Völker und Max Lorenz anknüpfte. Er vereinte schon auf dieser Aufnahme die Forderungen Wagners nach „höchster Reinheit des Tons, höchster Präzision und Rundung, höchster Glätte der Passagen und höchster Reinheit der Aussprache, die das Fundament für den Gesangsvortrag bilden.“

All das brachte Reiner Goldberg mit. Stimmlich mühelos, scheinbar ohne Grenzen und mit großer innerlicher Beteiligung und Ausdrucksfähigkeit durchschritt er die Partie. Nach der heldisch gesungenen Antwort im 1. Akt, ob er den Schwan getötet habe („Gewiss, im Fluge treff ich, was fliegt“) befolgt er die Ausdrucksanweisungen (Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört) verändert, verschattet und die Stimme bei „Ich wusste sie nicht und in der Folge mit beachtlicher Feinsinnigkeit. Gleiches gilt für die Gestaltung der Rolle im 2. und 3. Akt, wo es ihm gelingt rein gesanglich durch Stimmfärbung und Tongebung die Wandlung und die emotionale Reifung Parsifal durch fein abgestimmte Stimmführung und –kolorierung in immenser Dichte und Größe im Ohr des Hörers mitreißend erstehen zu lassen.

Die Aufnahme ist nun bald dreißig Jahre alt. In dieser stimmlichen Vollendung und gestalterischen Wucht hat ihm die Rolle bis heute auf digital aufgenommenen Tonträgern Keiner nachgesungen. Auch den Vergleich mit seinen großen Vorgängern muss er nicht scheuen. Er vereint vollendete Gesangstechnik mit einer sehr seltenen Fähigkeit zur dramatischen Stimmfärbung und einer dadurch erreichten phänomenalen Rolleninterpretation auf der Klangbühne des Tonstudios.

In die Wiege gelegt war ihm dies nicht. Geboren in Crostau in der sächsischen Oberlausitz erkämpfte er sich nach einer Schlosserlehre seinen Platz auf den Bühnen der Welt. Einer seiner Leitsterne waren alte Schallplatten seiner Rollenvorgänger wie Leo Slezak, Peter Anders, Josef Traxel und Max Lorenz. Die an sich hell klingende, perfekt geführte Stimme, sein metallisches Timbre, seine leuchtende Höhe gepaart mit einer unvergleichlichen stimmlichen Gestaltung haben ihm ein riesiges Repertoire ermöglicht. Gleichzeitig war er immer auf der Suche nach Vervollkommnung und Verbesserung seiner Interpretationen und Gesangstechnik.

Zahllose Opernpartien, Oratorien und Lieder hat er in den mehr als fünfzig Jahren seiner Karriere interpretiert. Angefangen vom Max, Manrico, Cavaradossi, Florestan, Erik, Don Jose, Alfred (La Traviata) über den Hoffman (Hoffmanns Erzählungen; als Gesamtaufnahme im Rundfunk erhalten) bis zu den Werken Richard Strauss sang er auf der Bühne und im Konzert zahllose Opernpartien.

Gleiches gilt – bis auf den Tristan – für alle Heldenpartien Wagners. International wurde er insbesondere für Tannhäuser, Stolzing, Siegfried, Erik und Parsifal gefeiert. Weitere Höhepunkte waren Werke des zwanzigsten Jahrhunderts. Herausragend war u. a. der Aron in Schönbergs Moses und Aron, den er zuletzt 2004 in Hamburg mit fulminantem Erfolg verkörperte. Hinzu kommen der Tambourmajor, Bergs Wozzek sowie Partien in Opern von Zemlinsky, Borodin, Dvorak und zahlreiche andere Werke.

Schauspielerisch warf sich Reiner Goldberg mit immenser Verve und Ausdruckskraft in die Rollen, wie unter anderem die Bildaufzeichnungen als Max, Siegfried, Tannhäuser, Herodes und Pedro im Tiefland belegen.

Elisabeth Lindermeier, selbst eine große Sängerin, hat ihn im Jahr 1983 für die Zeitschrift Orpheus portraitiert und darauf hingewiesen, dass insbesondere Sänger in besonderem Maß Opfer ihrer Nerven, der seelischen Befindlichkeit, der Tagesform und der Gesundheit sind. Dies galt auch für Reiner Goldberg. Anders als an seinem Stammhaus Berlin fehlten andernorts Intendanten und Dirigenten, die ihn tatkräftig unterstützten. Daher kam es nicht zu der ausgedehnten Weltkarriere, die seinem stimmlichen Rang entsprochen hätte. In den entscheidenden Momenten der Karriere haben ihn Indispositionen infolge von Halsentzündungen in zurückgeworfen. Neben dem verschobenen Siegfried Debut in Bayreuth 1983 kam er daher auch an der Wiener Staatsoper und der MET in New York nur begrenzt zum Einsatz. An seinem Stammhaus, der Berliner Staatsoper Unter den Linden, in Bayreuth, Paris, New York, London, Mailand, Florenz, Rom, Zürich, Salzburg, Barcelona, Tokyo, Hamburg, München, Stuttgart und Dresden trat er unter anderem in seine Paraderollen Stolzing, Erik, Siegfried Tannhäuser, Max (Freischütz) und Herodes auf und wurde jahrzehntelang stürmisch gefeiert.

Der Qualität seiner Stimme und dem digitalen Zeitalter, das hochwertige technische Aufnahmen verlangte, verdankt er, dass er wie kaum ein Fachkollege seiner Generation in vielen verschiedenen Partien von Beethoven bis Zemlinsky auf kommerziellen Tonträgern dokumentiert ist.

Mit dem Parsifal unter Armin Jordan (heute bei Warner) hat er bis die digitale Referenzaufnahme der Partie hinterlassen, die auch „Stimmenpapst“ Jürgen Kesting für mustergültig befindet. Seine Aufnahmen unter Bernhard Haitink (Siegmund, Apoll (Daphne, EMI), sein Guntram (CBS), sein Herodes (Chandos) und sein Max (Denon) sind erste Wahl. Seine Siegfriede unter James Levine leiden trotz der Digitaltechnik unter klangtechnischen Defiziten. Sie zeigen ihn aber in insbesondere in der tontechnisch passablen Götterdämmerung in Hochform. Sein Aron in Schönberg Moses und Aron unter Herbert Kegel ist gleichfalls beeindruckend und heute noch eine Referenzaufnahme.

Am 18. Mai 2003 nahm er mit über sechzig Jahren vom Wagnerfach mit dem Tannhäuser an der Staatsoper Unter den Linden Abschied von den Wagnerrollen auf großen Bühnen. Stimmlich wie ein junger Mann gestaltet er die Partie mit einer Leidenschaft, die unvergessen ist und unvergleichlich bleibt. Fast bis zu seinem siebzigsten Geburtstag blieb er der umjubelte, stimmgewaltige Herodes der Berliner Salome und trat dort weiter auf.

Zahlreiche Liveaufnahmen aus den Tagen der großen Karriere wie seine Siegfriede aus Bayreuth, Barcelona und London, zahlreiche Tannhäuser, sein Pedro im Tiefland, sein Rienzi, seine Stolzings und vieles mehr kursieren unter Sammlern und auf YouTube. Diese Tondokumente vermitteln heute noch die ungeheure suggestive Wirkung, die er auf der Bühne entfaltete. Mitreißend, stürmisch, glühend und mit jeder Faser seines Herzens warf er sich in den Tannhäuser, Max, Erik, Stolzing und seine übrigen Partien.

Auf YouTube hat ihm ein findiger Sammler einen Geburtstagsgruß breitet und unter anderem seltene Aufnahmen des DDR Rundfunks veröffentlicht. Sehr sehenswert ist auch dort verfügbare Fernsehaufzeichnung der Meistersinger aus Tokyo.

Reiner Goldberg gibt seine Gesangstechnik und Bühnenerfahrung heute als gefragte Gesangslehrer weiter. Dies beschreibt die Berliner Sopranistin Barbara Krieger wie folgt: „Nach seiner großen Tenorkarriere ist er heute noch als Lehrer tätig und ist ein begnadeter und liebevoller Pädagoge. Seine technischen Tipps und das Auflockern und Entspannen der Stimme selbst in den kleinsten Pausen und seine übrigen Hinweise haben meine Entwicklung quasi beflügelt. Natürlich lernt man schon früh auf der Atemsäule zu singen und andere technische Grundlagen, aber daran muss man ständig arbeiten und sich fortentwickeln. Deshalb bin ich über die Begegnung mit ihm und seinen Unterricht sehr glücklich. Außerdem verstehen wir uns auch auf menschlicher Ebene sehr gut, lachen viel miteinander und nehmen das Leben nicht zu ernst.“

Am 17 Oktober 2019 feierte er seinen achtzigsten Geburtstag. Eine Jahrhundertstimme von unvergleichlicher Intensität, Gestaltungskraft und Schönheit, die berührt, unvergessen ist, in die Geschichte der Gesangskunst eingehen wird und noch in ferner Zukunft leuchten wird.

—| IOCO Portrait |—

Dresden, Neumarkt, Classic Oper Air – Pape, Krieger, Seiffert, IOCO Aktuell, 05.09.2019

Frauenkirche Dresden /  illuminiert vom 6. Classic Oper Air © Christian Fritsch

Frauenkirche Dresden /  illuminiert vom 6. Classic Oper Air © Christian Fritsch

Morement GmbH

6. Classic Open Air  –  Auf dem Dresdner Neumarkt

Barbara Krieger, Peter Seiffert, Rene Pape – Verzaubern in sonnig, südlicher Atmosphäre

von Michael Stange

Sommerliche Temperaturen sowie die Pracht des Neumarkts und der Frauenkirche boten den romantisch bezaubernden Rahmen des 6. Classic Open Air im Elbflorenz.

Unter dem Sternenzelt mit traumhafter Illumination der barocken Kulisse gingen Barbara Krieger, Peter Seiffert und Rene Pape mit dem Publikum auf eine musikalische Reise von Beethoven über Bernstein, Catalani, Gershwin, Kalman, Puccini Lehar, Verdi bis Wagner.

Schon zu Beginn nahm Barbara Kriegers hinreißend geführter Sopran insbesondere durch die sichere Atemführung gefangen. Mit breitem Gesangsbogen flutete sie Stimme unangestrengt und erreichte so freie, glockenhelle Spitzentöne und Koloraturen. Zugleich vermittelte sie durch organischen poetisch unterlegten Gesang und die eingesetzten Stimmfarben Sehnsucht und Poesie.

Durch diese spürbare, innere Anteilnahme an den interpretierten Charakteren gewann sie Ohren, Augen und Anteilnahme des Publikums schon mit ihrer ersten Arie der Elisabeth „Tu che le vanita“ aus Verdis Don Carlos. Verzweiflung um die gescheiterte Ehe mit Don Carlos, die Erinnerungen an die glücklichen Momente der Vergangenheit und ihre Seelenpein ließ Barbara Krieger zunächst mit betörendem Mezza voce erklingen, um sich dann zu bronzenen Tönen und leuchtenden Höhen aufzuschwingen. Nobel und elegisch schuf sie eine lyrisch, melancholisches Portrait, das bestrickte und bannte.

In Catalanis La Wally Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ gelangen ihr neben strahlenden Tönen innige, verhaltene Momente bei den Erinnerungen an den Abschied vom Haus der Mutter und der Beschwörung des Klanges der Kirchenglocken.

Eine Palette jubilierender, glückseliger Tönen prägten den Kalmann Walzer „Tanzen möcht‘ ich, jauchzen möcht‘ ich“. Runder Ton, perlende Koloraturen und quecksilbriges Sprühen machten auch Arditis „Il bacio“ zu einem Kabinettstück.

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger, Peter Seiffert © Christian Fritsch

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger, Peter Seiffert © Christian Fritsch

Dieses Nebeneinander von Seelenqual zum einen und Lebensfreude, Koloraturen und Übermut waren schon für sich allein eine große Leistung. Barbara Kriegers Wandlungsfähigkeit setzte dem die Krone auf indem sie jedem Stück Klang, Gehalt und die Atmosphäre der Komposition verlieh.

Die Gestaltung des Liebesduetts aus dem 2 Akt Tristan und Isolde mit silbernem Ton und blühenden Höhen von Barbara Krieger und Peter Seiffert war ein weiterer Höhepunkt. Hier bewiesen Beide ihr immenses sängerisches Gespür und ihre Wandlungsfähigkeit. Lyrisch legten sie zunächst ihre dramatischen Partien an, um dann die Steigerungen innwendig, bewusst, ohne Hast und ohne jegliches Forcieren zu erreichen.

Peter Seiffert war ihr heldischer und zugleich lyrischer Tristan: Mit emphatischen-mitreißenden Tönen schwammen Beide auf den Gesangslinien der Liebeswonne. So erschufen sie ein lyrisch dramatisches Bild des Liebespaares, das Intensität, Glut und belcanteske Wonnen versprühte und bis zum Ende des Duetts steigerten sie sich grandios. Im Schlussduett des 1. Aktes Boheme „O soave fanciulla“ gaben Sopran und Tenor mit italienischem Schmelz und pulsierende Leidenschaft.

Peter Seiffert kehrte zu Rollen seiner Anfängerjahre und CD-Einspielungen zurück. Er demonstrierte, dass seine Stimme auch nach vielen Ausflügen in das Wagnerfach zu den vielseitigsten und schönsten deutschen Tenorstimmen zählt. Seinen Humor und Charme stellte er bei „Heut geh ich ins Maxim aus der Lustigen Witwe unter Beweis. Mit heldentenoraler Pracht sang er „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ aus der Walküre.

Dritter im Bunde war Rene Pape, der Fiesco der Salzburger Simone Boccanegra Vorstellungen, der frisch von dort in seine Heimat zurückgekehrt war. So konnte auch das Dresdener Publikum mit der Arie „Il laceretao spirito“ als Simone Boccanegra begeistern.

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger © Christian Fritsch

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger © Christian Fritsch

Balsamische Bassklänge paarten sich mit seiner wohltönenden Mittellage und prächtiger Höhe. Dass er einer der führenden deutschen Bässe ist, stellte er auch an diesem Abend mit Hans Sachs „Fliedermonolog“ aus den Meistersingern und der Arie Sarastos „In diesen heilg’en Hallen“ aus der Zauberflöte unter Beweis.

Temperamentvoll ging es für ihn mit Bess You is My woman“ aus Gershwins Porgy and Bess weiter. Rene Pape demonstrierte neben einer unvergleichlich schönen Stimme, die in allen Registern leicht und strömend anspringt, so auch ein immenses Interpretationsgeschick und spielerische Freude.

Dirigent Julien Salemkour trug die Sänger mit immenser Musikalität und großem stilistischem Einfühlungsvermögen auf Händen. Er war ihnen ein umsichtiger, zugewandter und zuhörender Partner. Orchesterfarben und klangliche Durchhörbarkeit gewährleistete er mit sicherer Hand und entlockte der Jungen Philharmonie Berlin sowohl die Farben Kalmans und als auch die dramatischen Klänge Wagners. Gerade in Konzerten, die ein so großes Repertoire enthalten, keine Selbstverständlichkeit, so dass er eine der Säulen dieses Glanzabends war.

Die von dem heute auch in Graz tätigen Dirigent Markus Merkel 2013 gegründete Junge Philharmonie Berlin bot Orchesterleistungen auf hohem Niveau. Das aus jungen, motivierten und hochtalentierten Profis bestehende Orchester glänzte durch seinen farbigen Orchesterklang und fulminantes, involviertes Spiel.

Ein strahlender Belcantoabend der durch die immense Musikalität und die glühende Begeisterung aller Beteiligten das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss.

—| IOCO Kritik Morement Classic Open Air Dresden |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Tannhäuser – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.08.2019

August 28, 2019 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Tannhäuser  und der Sängerkrieg auf der Wartburg

Tobias Kratzers furiose Deutung –  mit Witz und Tiefgang

von Patrik Klein

In der letzten Vorstellung einer Produktion der Festspielsaison auf dem Grünen Hügel dabei zu sein, wie am 25.8.2019 im Tannhäuser, birgt eine Reihe von Vorzügen. Musikalisch und szenisch durften sich alle Beteiligten nach intensiven Probenwochen und bis dato fünf Aufführungen weiterentwickeln und verbessern. Der interessierte Wagnerfreund konnte die Eröffnung der Festspiele im Livestream im Internet verfolgen, sah danach die Aufzeichnung dieser Aufführung im öffentlichen Fernsehen noch einmal und machte sich zudem ein Bild von unterschiedlichsten Interpretationen und Bewertungen in den öffentlichen Medien. Eine vorgefasste Meinung musste sich folgerichtig einstellen.

 IOCO –  Auch bei  der Tannhäuser Dernière – Bayreuther Festspiele 2019

Aber weit gefehlt: Sitzt man denn nun auf seinem Platz im Festspielhaus, mittig in Reihe 25 und lauscht, schaut mit höchster Konzentration in Richtung Bühne, wo nichts, aber auch gar nichts vom Geschehen dort ablenkt, so ist die Wirkung der Musik und der optischen Komponente dichter, unter die Haut gehender, eindringlicher und berauschender. Richard Wagner wusste sehr genau, was er damals tat, als das Festspielhaus 1876 eröffnet wurde und seine Idee vom Gesamtkunstwerk Realität zu werden begann.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel – Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Wagners fünfte vollendete Oper Tannhäuser, die er ab 1842 komponierte, stand 2019 auf dem Spielplan der Bayreuther Festspiele. Sie beruht auf zwei ursprünglich unabhängigen Sagen, der von Heinrich von Ofterdingen und dem Sängerkrieg auf der Wartburg zur Zeit Landgraf Hermanns I. von Thüringen einerseits, sowie der vom Tannhäuser, der für sein Verweilen im Venusberg Vergebung bei Papst Urban IV. suchte. Wagner kam auf die Idee, sie zu einer Handlung und die Figuren des Heinrich von Ofterdingen und des Tannhäuser zu einer Gestalt zu verschmelzen. Das Textbuch und die Partitur entstanden mit Unterbrechungen innerhalb von drei Jahren, die Uraufführung fand am 19. Oktober 1845 im Königlich Sächsischen Hoftheater in Dresden statt. Mehrere Umarbeitungen, Ergänzungen und Kürzungen führten zu unterschiedlichen Fassungen des Werkes. Wagner war nie ganz zufrieden mit seinem Tannhäuser, wollte ihn noch einmal komplett überarbeiten. „Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig“. Dazu kam es aber nicht mehr. In Bayreuth wird die sogenannte Dresdner Fassung von 1860 gespielt, die durch einige Kürzungen der Urfassung gekennzeichnet ist.

Zwei Debuts gab es zu feiern. Regisseur Tobias Kratzer, 39-jähriger deutscher Opern- und Schauspielregisseur, hatte bereits mehrere erfolgreiche Wagnerinterpretationen in seiner Vita zu verzeichnen. Er bringt mit seiner sehr nahe an Wagners Text angesiedelten ironischen und damit distanziert grenzüberschreitenden, temporeichen, farbenfrohen, tiefsinnigen und mit Videosequenzen unterstrichenen Interpretation des Tannhäusers das Publikum zum Schmunzeln, zum Lachen und Staunen, hält ihm humorvoll den Spiegel vor, ohne ins Triviale, Banale oder Oberflächliche abzugleiten. Kratzer sieht die Oper als ein Aufeinandertreffen zweier völlig verschiedener, aber zum Scheitern verurteilten Lebenskonzepte und Kunstformen, die Welt der anarchischen Venus mit einem tragi-komischen Tannhäuser im Horrorclownkostüm einerseits und die Welt der Hochkultur auf dem Bayreuther Festspielhügel mit dem einst aus dem Sängerensemble entlassenen und später zurückkehrenden Tannhäuser. Das Stück endet erlösungslos und tragisch.

Auch Valery Gergiev dirigierte zum ersten Male auf dem Grünen Hügel. Der wegen seiner politischen Ansichten und angeblichen „Putinnähe“ nicht unumstrittene Maestro wurde noch bei der Eröffnungspremiere von einigen Zuschauern ausgebuht. Es gab anscheinend zu wenig Proben und zu viele parallele Aufgaben für ihn neben Bayreuth u.a. in Salzburg und Verbier. Dadurch wurde er der anspruchsvollen Akustik und den klanglichen Besonderheiten des Bayreuther Festspielgrabens nicht ganz gerecht. Einige Male war das Orchester schleppend hinter die Sänger geraten, aber auch bei der Interpretation der Orchestermusik wirkte der Klang oft ohne Linie, wenig gebunden und etwas glanzlos. In der letzten von sechs Aufführungen, von denen er eine wegen eines familiären Trauerfalls nicht dirigieren konnte und Christian Thielemann spontan einspringen musste, sind die akustischen Abstimmungsprobleme zwischen Orchester und Sängern bzw. Chor weitgehend ausgeräumt. Gergiev lässt das Festspielorchester insgesamt temporeicher, luftiger und straffer erklingen. Er findet auch konsequent seinen dynamischen Interpretationsansatz, der sich durch eine gewisse Reduzierung der Linie und dafür einer des Öfteren staccatoartigen Rhythmenbetonung auszeichnet. Das Publikum feiert ihn am Ende mit frenetischem Beifall, der doch noch, warum auch immer, von einigen Buhs durchsetzt ist.

Tobias Kratzer und sein Team (Rainer Sellmaier, Bühne und Kostüme; Reinhard Traub, Licht und Manuel Braun, Video) machen bereits im Vorspiel deutlich, unter welchem Motto sie ihre Interpretation sehen wollen. Wagners früh in seiner Revolutionszeit entstandenes Zitat „Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Geniessen“ begegnet uns immer wieder an diesem Abend im Festspielhaus.

Tannhäuser 2019 – Gespräch mit Klaus Florian Vogt, Travestieshow …
youtube Trailer von KlassikRadio
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Statt den Hörselberg bei Eisenach im 13. Jahrhundert zu erblicken, fliegt man im Video-Drohnenflug über die Wartburg, Thüringens Wälder und über grünzerschneidende Asphaltstraßen. Ein altes klappriges Citroenwohnmobil aus den 1970er Jahren mit gelbgrünem Plastikhasen (Symbol der Fruchtbarkeit und Auferstehung) auf der Dachfront (eine Anspielung auf Schlingensiefs Parsifalhasen? Oder auf Joseph Beuys  Performance von 1965 „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“?) rauscht durch das satte Grün. Hier denkt man unweigerlich an die serbische Performancekünstlerin Mirina Abramovic, die eine Art fließenden Übergang zwischen Kunst und dem realen Leben markiert. Die wilde Fahrt führt vorbei an einer Biogasanlage, an deren Hinweisschild ein Beschäftigter ein Plakat überklebt mit der Aufschrift „mangels Nachfrage geschlossen“ (Sebastian Baumgartens Tannhäuser von 2011?). Ein Clown winkt aus dem vorbeirauschenden Citroen.

Nun erstmals real auf der Bühne des Festspielhauses erblickt man die Insassen des Fahrzeugs. Am Steuer dieses antibürgerlichen Ensembles lenkt Göttin Venus die Geschicke der Mitfahrenden. Beifahrer ist Tannhäuser im Clownoutfit und zwei weitere Figuren, zum einen der frühreife Oskar Matzerath aus Günter Grass´ Blechtrommel, dem die Erwachsenenwelt gar nicht gefiel, dargestellt von dem wunderbaren Bremer Schauspieler Manni Laudenbach und zum anderen eine Drag-Queen, also ein Mann im Outfit einer Frau, dargestellt von dem Künstler Le Gateau Chocolat. Brause aus dem Tütchen lutschend, voller Lust, Energie und einer gewaltigen Portion Übermut genießen sie zügellos die Reise. Als das Benzin zur Neige geht, nichts mehr zu Essen in der Kühlbox verbleibt, steuert man ein Fast Food Restaurant an, bestellt Burger ohne zu zahlen, stiehlt Benzin aus Fahrzeugen in einer Tiefgarage, klemmt Zettel mit Wagners Motto hinter die Wischerblätter, treibt das kriminelle Handeln auf die Spitze, in dem man einen Wächter kurzerhand überfährt, weil dieser sie erwischt und stellen will.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel – Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Dem im Clownkostüm steckenden Tannhäuser wird das nun doch zu viel. Gedankenvertieft wird er mit Botticellis Kunstwerk „Die Geburt der Venus“ aus dem Jahr 1485 in Verbindung gebracht. Das Quartett landet mittlerweile an einem verkitschten Überbleibsel deutscher Märchenkultur, einem  Eingangshäuschen eines Freizeitparks  mit Parkplatz und noch geschlossener Imbissbude, Zwergen im Vorgarten und Frau Holda aus dem Giebelfenster lugend. Als die Sirenen von der glühenden Liebe zu singen beginnen, packen die drei Insassen ihr Picknick aus, die Burger King Krone mittlerweile auf dem Schopfe der Drag-Queen sitzend. Tannhäuser hingegen ist nachdenklich und traurig. „Zu viel. Zu viel. O dass ich nun erwachte„.

Stephen Gould leistet in dieser Festspielsaison Unglaubliches. Neben dem Tannhäuser wuchtet er noch einige Tristanrollen mit Bravour und Durchhaltevermögen auf die Bühne des Festspielhauses. Das gab es in Bayreuth bislang lediglich in den 1960er Jahren, zu Wolfgang Windgassens Zeiten, als dieser nahezu alle Heldentenorpartien inne hatte. Völlig unbeeindruckt von dieser Mammutaufgabe  wirkt seine stählerne und kraftvolle Spinto-Stimme fokussiert, durch Textverständlichkeit und Formgebung geprägt, absolut sauber und spielerisch leicht. Selbst im dritten Aufzug gelingt ihm, da er seine Kräfte gut aufgeteilt hatte, die „Romerzählung“ mit frischer, hoher Strahlkraft und feiner Diktion. Dafür bekam er am Ende des Abends entsprechend großen Beifall des Bayreuther Publikums.

Im ersten Aufzug nun hält der Protagonist Wagners Partitur des Tannhäusers als Symbol einer geregelten Kunst und der konkurrierenden Lebensform zur Welt der Venus in den Händen. Er beklagt die Situation voller Sehnsucht und träumt von seiner Vergangenheit auf der Wartburg. Er reißt seine Clownperücke vom Schopfe, verlangt nach dem Duft und Klang des Waldes und nach dem Heil Marias, der Gegenfigur der Venus. Er packt die Tannhäuserpartitur in seinen Rucksack, überwindet die heftige Gegenreaktion der Göttin Venus, die noch einmal erfolglos alle ihre Verführungskünste aufbringt und ihn sogar noch einmal in den Bus zerrt. Aber es ist zu spät. Tannhäuser hat sich entschieden, sein Heil in der Gemeinschaft, aus der er einst entlassen wurde, zu suchen. Venus verflucht eifersüchtig das männliche Geschlecht.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier Gateau Chocolat © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier Gateau Chocolat © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Die erfahrene russische Mezzosopranistin Elena Zhidkova, die als Venus für die bei den Proben verletzte Ekaterina Gubanova einspringen musste,  singt und vor allem spielt die Rolle der „wieselflinken“, oft komischen und geschmeidigen Venus mit körperlichem Einsatz, einer Brise Sexappeal und vor Allem einer superb geführten Stimme. Mit viel Kraftaufwand gelingt ihr der dynamische Bogen von der verliebten Verführerin bis zur aufbrausenden Matriarchin, was jedoch besonders im dritten Aufzug etwas auf Kosten der Textverständlichkeit geht. Auch sie erhält am Ende vom Publikum reichliche Beifallsstürme.

Alleine auf der Bühne liegend begegnet Tannhäuser nun dem jungen Hirten (in Bayreuth ist der Hirte eine junge Türschließerin in blauer Uniform), der mit dem Fahrrad anhält, den Sonderling im Clownkostüm neugierig betrachtet und versucht, ihn durch seinen Gesang aufzumuntern. Katharina Konradi, unlängst Ensemblemitglied und Publikumsliebling an der Staatsoper Hamburg, gab ihr kurzes, aber bravouröses Bayreuthdebut mit strahlend klarer, feinst geführter Sopranstimme.

Der erste Chor der Pilger erklingt bei sich öffnendem Bühnenbild, welches eine Kopie des Bayreuther Festspielhauses mit herannahenden „Wagnerianern“ in Abendkleidern, Smoking und Programmzettel freigibt. „Am hohen Fest der Gnad` und Huld, in Demut sühn ich meine Schuld“ klingt es aus ihren Kehlen. Darf man sich als regelmäßiger Hügelgast hier bereits ertappt fühlen? Tannhäuser ist weiter im Dialog mit dem jungen Hirten, dabei den „Pilgern“ zuschauend. Er trifft nun auf den Jagdtross des Landgrafen. Es sind seine ehemaligen Sängerkollegen, aus deren Mitte er aus zu vermutenden Gründen entlassen wurde. Männer in historischen Kostümen, eben die Darsteller des Tannhäusers auf dem Grünen Hügel mit Künstlerzugangsberechtigtenausweis und Flaschenbier. Heinrich ist in seinem Clownkostüm kaum für sie zu erkennen. Unsicher ob Freund oder Feind begegnen sie sich. Als er schließlich erkannt wird, fordern sie Tannhäuser zum Verbleib bei ihnen auf, auch wegen Elisabeth. Diese erscheint, mustert ihn und gibt ihm eine heftige Ohrfeige. Da muss also etwas in der Vergangenheit gewesen sein. Doch die Schmeicheleien der ehemaligen Sängerkollegen zeigen Wirkung. Anhand der Partitur erkennt Tannhäuser seine schöne ehemalige Welt der „Bayreuther Hochkultur“ wieder und will zurück zu Elisabeth. Der Clownmantel fliegt im hohen Bogen ins Gras des gepflegten  Festspielrasens, währenddessen der alte Citroen vorfährt und die drei Insassen ratlos auf das Geschehen blicken.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

In der ersten einstündigen Pause gewähren die Künstler um Le Gateau Chocolat den vielleicht ratsuchenden, diskutierenden und sich erholenden Festspielpilgern am Teich unterhalb des Opernhauses einen Einblick in ihre Kunst. Die Drag-Queen singt „Dich teure Halle…“ transponiert für Bassbariton, aber auch einige kabarettartige Stücke, während Oskar mit dem Gummiboot und mit Megaphon bewaffnet durch den Teich pflügt. Venus hat am Ufer inzwischen das immer wiederkehrende Motto gepinselt und tanzt wie in Trance zu den verstärkten Rhythmen aus den Lautsprechern.

Im zweiten Aufzug sehen wir uns als Fiktion dem Theater im Theater gegenüber gestellt. Die Bühne ist horizontal geteilt. Auf der oberen Fläche bringen Videoprojektionen Einblicke hinter die Kulissen und im unteren Teil erblickt man den historischen Festsaal der Wartburg. Wir befinden uns zunächst in den Katakomben des Festspielhauses. Elisabeth schminkt sich in ihrer Garderobe und bereitet sich auf ihre Hallenarie vor. Nervös und voller Lampenfieber läuft sie hinter der Bühne auf und ab. Inspizient und Bühnenarbeiter im routinierten Arbeitsprozess öffnen den Vorhang.

Lise Davidsen, die 32jährige lyrisch-dramatische Sopranistin aus Norwegen singt die Partie der Elisabeth mit atemberaubender Leichtigkeit, sowohl mädchenhaftem Feingespür aber auch metallischem Glanz und dramatischen Ausbrüchen in den ihr mühelos geratenen Spitzentönen. Eine wirkliche Entdeckung bei diesen Festspielen und eine Ankündigung einer großen Karriere, wenn man sie im Opernzirkus nicht vorschnell verheizt. Auf die Sieglinde im neuen Bayreuther Ring 2020 darf man sich bereits jetzt freuen. Am Ende der Vorstellung erntet sie mit Abstand die größten Beifallskundgebungen.

Wolfram, Tannhäuser und Elisabeth begegnen sich nun auf den Brettern, die diese Welt zu bedeuten scheinen. Wolfram bleibt im Hintergrund und beobachtet eifersüchtig den Dialog der beiden einander Begehrenden. Tannhäusers Fortgang in die konkurrierende Welt des  „Hörselberges“ hatte bei ihr tiefe Wunden hinterlassen und sogar einen gescheiterten Selbstmordversuch ausgelöst. Tannhäuser versucht seine Rückkehr zu erklären. Wolfram ist verzweifelt, während sich das Liebespaar in die Arme fällt. Nun erscheint der Landgraf, gesellt sich zu der nachdenklichen Elisabeth und erläutert ihr das bevorstehende Sängerfest, bei dem sie dem Gewinner als Braut dienen soll.

Der dänische Bass Stephen Milling ist an diesem Abend mit gediegener und großer Stimme bei der Sache. Wuchtig und dennoch fein geführt mit genauer Phrasierung gestaltet er textverständlich den Führer des Landes, der seine Nichte dem hehrsten Sänger und Künstler verspricht.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Trompeten erschallen beim Einmarsch der Edlen des Landes. Die Blicke hinter die Kulissen in den Videoprojektionen mischen die verschiedenen Sichtweisen zu einem ungewöhnlichen, reizvollen Zuschauerempfinden. Venus, Oskar und Le Gateau Chocolat treffen auf dem Grünen Hügel ein und versuchen während der Vorstellung in das verschlossene Gebäude einzudringen. Wir sind in permanent medienwirksamer Zeit „Live“. Erst mit einer Leiter über den Mittellogenvorbau und Königsbalkon des Hauses gelingt ihnen der Eintritt über ein unverschlossenes Fenster. Noch bevor sie einsteigen, wird ein Banner mit Wagners frühem Motto über dem Geländer ausgerollt. Währenddessen besingt man im Inneren die teure Halle, die die Kunst und den Frieden bergen soll. Unerkannt und unbedrängt schleichen sich die Eindringlinge in die Garderoben, überwältigen eine Edeldame, in deren Kostüm Venus schlüpft und sich polternd in die zelebrierende Menge mischt. Chocolat läuft durch den Gang mit Bayreuths Dirigentenportraits und bleibt kurz vor den Fotos von James Levine und Christian Thielemann stehen. Oskar und die Drag-Queen verstecken sich in den Kulissen. Der Landgraf stellt die Frage nach der Ergründung des Wesens der Liebe an die anwesende Ritter- bzw. Sängerschaft und verspricht dem Sieger seine Nichte zur Frau. Venus lässt ihren Emotionen überdeutlich freien Lauf und fällt zudem wegen grober Unkenntnis der eingespielten Rituale unangenehm auf.

Wolfram von Eschenbach beginnt bei Harfenklängen mit seinem Vortrag und gibt seine Vorstellung vom Wesen der Liebe zum Besten. Venus gähnt gelangweilt von seiner Kunst. Tannhäuser hingegen schmunzelt und scheint anderen Gedanken zu folgen. Seine Sängerkollegen klopfen ihm Mut machend auf die Schultern, bevor er auf das Sängerpodium tritt. Deutlich emotionaler, frischer und moderner klingt sein Vortrag, den er direkt an Elisabeth richtet, nicht ohne immer wieder Einwürfe seiner konkurrierenden Mitstreiter zu parieren.

Die Sängerschaft der Wartburg wird gestaltet von Daniel Behle als Walther von der Vogelweide mit solidem Tenor, Kai Stiefermann als Biterolf mit sicher geführter Baritonstimme, dem Spanier Jorge Rodriguez-Norton als Heinrich der Schreiber mit sicherer, glänzender Tenorstimme und Wilhelm Schwinghammer als Reinmar von Zweter, der neben der Rolle des Nachtwächters in den Meistersingern und seinem phänomenalen Titurel in Bayreuths laufender Parsifalproduktion, seinen tiefen Bass eindrucksvoll zur Geltung bringt.

Venus ist entzückt. Oskar und Chocolat treiben sich unentwegt amüsierend, stöbernd in den Hinterbühnen herum. Tannhäusers Vortragskühnheit erregt mittlerweile allgemeinen Widerspruch seiner Konkurrenten und der gesamten Zuhörerschaft, so dass er nun die „Katze aus dem Sack“ lässt und zugibt, „höchste Liebe im Venusberg“ kennengelernt zu haben. Mittlerweile hat sich Venus ihres Kostüms als Edeldame entledigt und gibt sich der entsetzten Gesellschaft tanzend auf einer Bank zu erkennen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Chocolat und Oskar kommen dazu und bringen das Fass zum Überlaufen. Teile der edlen Leute fliehen voller Entsetzen. Elisabeth muss einschreiten, um zu verhindern, dass Tannhäuser der Selbstjustiz der Gesellschaft zum Opfer fällt. Sie bringt stattdessen Gottes Wille des unglücklich beherrschten Opfers ins Spiel. Beschämt treten die vier Omnibusinsassen vom Sängerpodium und aus dem Rahmen der Bühnenumfassung. Tannhäuser und Venus umarmen sich nochmals bevor sich Elisabeth in Trauer zunächst abwendet. Dann schreitet sie aber zu den vier Ausgegrenzten. Im Video sieht man die Hügelchefin Katharina Wagner die Reißleine ziehen und den roten Knopf zur Polizei drücken. Diese erscheint wenig später mit Blaulicht und Martinshorn, erblickt das illegale Banner und betritt die Bühne mit entsicherten Waffen. Tannhäuser wird verhaftet und abgeführt. Venus, Oskar und Chocolat sind, wie der Vampir beim Morgengrauen, voller Entsetzen. Sie bleiben vor der mit einer regenbogenfarbenen Flagge verhüllten Harfe alleine zurück.

Der zweite Aufzug hat dann auch wohl die Gemüter der lauschenden und gelegentlich sich die Augen reibenden Zuhörerschaft erregt. Riesiger Applaus und zum Teil heftige Gegenreaktionen prägen die Minuten vor verschlossenem Vorhang.

Das Spiel mit Realität und Illusion von Tobias Kratzer geht auch in der zweiten Pause weiter, denn das Banner mit Wagners Motto hängt weiterhin und diesmal live über dem Geländer des Mittelvorbaus des Festspielhauses.

Im dritten Aufzug kippt die Stimmung völlig, die beiden so verschiedenen Systeme brechen zusammen. Eine Metaebene durch Videoeinspielungen entfällt. Wir befinden uns in einem Tal vor der Wartburg auf einem heruntergekommenen Autofriedhof. Man sieht den schrottreifen Citroen und umliegende Trümmerteile. Oskar ist zunächst der einzige Mensch auf der Bühne. Er haust in dem Autowrack und kocht sich gerade in seiner alten Blechtrommel Dosensuppe, zerreißt ein mittlerweile bekanntes Plakat und verschwindet mit dem aufgerollten Papier hinter dem Fahrzeug. Die Venusbergidylle ist dahin. Nun erscheint Elisabeth nachdenklich und scheinbar Tannhäuser suchend. Sie vermutet ihn im Bus, trifft aber nur Oskar an, mit dem sie gemeinsam aus seiner Trommel von der Suppe löffeln. Aus dem Off kommt nun neben Elisabeth der zweite Gescheiterte Wolfram dazu, die Angebetete zurückgewinnen wollend. Elisabeth jedoch ist verletzt und wütend auf Tannhäuser, der ja fern von ihr im Gefängnis weilt. Der zweite Chor der Pilger kündet von der frommen Weise, die der empfangenen Gnade Heil verkünden soll.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Lise Davidsen und Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Lise Davidsen und Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Der Chor der Bayreuther Festspiele mit seinen über 150 Mitgliedern aus den besten internationalen Opernchören liefert an diesem Abend wieder eine Weltklasse Leistung ab. Unter der Leitung von Eberhard Friedrich bereits seit beinahe zwei Jahrzehnten, ist er das Maß aller Dinge in Sachen Wagnerchorgesang, Präzision, Textverständlichkeit, Klang und Fülle…alleine wegen ihm lohnt sich bereits eine Anreise nach Bayreuth.

Anstatt aus Festspielgästen oder Edelleuten besteht er nun aus rückgekehrten Müllsammlern, Vertreter eines Prekariats ohne politischen Halt, gestrandeten und verwahrlosten Persönlichkeiten. Tannhäuser ist nicht dabei. Das steigert Elisabeths Verzweiflung noch einmal. Wolfram versucht die Situation für sich auszunutzen, in dem er ins Clownkostüm und Maske Tannhäusers schlüpft. Davon lässt sich Elisabeth blenden und schläft mit ihrem Traumbild auf der Pritsche des alten Citroens. Voller Scham und Verzweiflung und mit heruntergerissener Perücke folgt nun Wolframs „Lied an den Abendstern“.

Der aus dem Schwarzwald stammende Bariton Markus Eiche stellt geradezu eine Idealbesetzung des Wolframs dar. Sowohl die lyrischen, als auch die dramatischen Elemente beherrscht er wie kaum ein anderer. Besonders deutlich wird dies im dritten Aufzug, als er im Clownkostüm mit Elisabeth schläft und anschließend mit emotionaler Tiefe und feinster Stimme den Abendstern besingt. Eine Sternstunde der Gesangskultur. Größter Jubel für ihn am Ende der Vorstellung.

Elisabeth lehnt mittlerweile außerhalb des Fahrzeugs an der Karosserie und lässt sich von Oskar trösten. Die riesige Drehbühne beginnt zu rotieren und setzt ein Reklameschild frei. Man erfährt, dass Chocolat aus dem Gespann mit Venus und Oskar ausschied, Karriere gemacht und sogar eine Uhrenkollektion herausgebracht hat. Dann erscheint, allerdings zunächst unerkannt, Tannhäuser, aus dem Knast entlassen, völlig heruntergekommen mit schulterlangen Haaren doch noch. Er kann sich immer noch nicht entscheiden. Will er nun zu Venus, oder doch lieber zu Elisabeth. Wolfram zieht aus Tannhäusers mitgebrachten Plastiktüten die Partitur des Werkes, den wahren Halt zur Kunst und liest die aktuelle Stelle der Verwehrung der Buße durch den Papst mit prüfendem Blick vor. Tannhäuser tut ihm dies gleich, so dass sich Wagners Werk und das Bühnengeschehen aufregend reiben, den möglichen Schluss noch spannender und ungewisser gestaltend. Die Partitur wird zum sich nicht begrünenden Papst-Stab, währen dem der Chor nur aus dem Off erklingt. Der Tannhäuser Klavierauszug landet schließlich zerschmettert und mit herausgerissenen Seiten auf dem Boden. Venus erscheint im Outfit einer Putzfrau mit Klettergurt zur Reinigung des riesigen Plakates während dem Tannhäuser die Partiturseiten im Blecheimer verbrennt. Sie heißt ihn im Venusberg erneut Willkommen, was Wolfram verhindern möchte. Der Chor der Pilger erschallt aus dem Hintergrund. Elisabeth hat sich indessen selbst das Leben genommen. Venus blickt ins Leere. Dem eigenen Ende nahe zerrt Tannhäuser die tote Elisabeth aus dem Bus, bringt sie in die Position an eine Pietà erinnernd, streicht ihr über ihr blondes Haar und träumt unerlöst und letztmalig videobebildert von einer Flucht mit ihr im Citroenbus.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Als sich der Vorhang schließt und zunächst ein paar Sekunden andächtige Stille herrscht, löst sich die Anspannung im Publikum, die sich in anhaltenden Bravo- und Buh- Stürmen angesichts der erlebten Inszenierung entlädt. Musikalisch ist sich die Zuhörerschaft einig. Alle Sängerinnen und Sänger, das Festspielorchester sowie der Chor der Bayreuther Festspiele  als auch der Dirigent Valery Gergiev werden gefeiert und stürmisch bejubelt.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

München, Bayerische Staatsoper, Karl V. – Oper von Ernst Krenek, IOCO Kritik, 01.03.2019

März 1, 2019 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Karl V. – Oper von Ernst Krenek

– Der Wurm im Apfel –

von Hans-Günter Melchior

Kaiser Karl V. ist reuig. Er dankt ab, zieht sich ins Kloster San Geronimo de Yuste zurück und hält Gericht mit sich selbst. War sein hochambitioniertes Regieren, das Streben nach einem unter der Krone vereinigten Europa, eine einzige Sünde. Weil zu teuer erkauft? Hat er Luther auf dem Reichstag zu Worms zu Unrecht ziehen lassen und damit der Verbreitung des Protestantismus´ Vorschub geleistet? War das Gold aus Mittel– und Südamerika mit Blut und Tränen, mit Mord und Totschlag, also mit Unrecht verschafft und sündhaft erworben worden?

Karl V. – Oper von Ernst Krenek
youtube Trailer Bayerischen Staatsoper München mit ungewöhnlicher Einführung
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Karls geistesverwirrte Mutter schenkt dem qualvoll Reflektierenden, dem von Gewissensbissen gepeinigten Monarchen, einen Apfel. Karl stellt fest, dass darin ein Wurm ist. Der unvermeidliche Wurm in jedem menschlichen Leben.

Der Kaiser ist weder ein guter noch ein böser Mann. Er ist nichts weiter als ein abdankender Herrscher, den der Unterschied zwischen Vergöttlichung des Amtes und der Fehlsamkeit und Unvollkommenheit menschlichen Handelns bis zur Verzweiflung peinigt.

Unvollendet! – Welches Werk wäre je vollendet?

Er lässt nach seinem Beichtvater Juan rufen. Der seinen Rechtfertigungsversuchen mit Skepsis begegnet und am Ende, in Karls Todesstunde, feststellt: „Unvollendet ist sein Werk“. Welches Werk wäre je vollendet?
Was für ein die höchste Höhe anvisierendes Programm!

Bayerische Staatsoper / Karl V.  - hier :  Anais Mejias als Zweiter Geist, Bo Skovhus als Karl V. © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Karl V. – hier : Anais Mejias als Zweiter Geist, Bo Skovhus als Karl V. © Wilfried Hoesl

Krenek hat das Libretto selbst verfasst. Er setzt es als Oper – nicht als Schauspiel – in Szene. Die Oper ist ausschließlich dodekaphonisch komponiert. Die Musik kommentiert, steigt geradezu ein in die Gefühle wie in Hülsen, füllt diese aus, dass sie aufgehen wie Blüten.

Vielleicht ist es das, was die Musik so eindrucksvoll neu und spannungsreich macht: diese Aufgipfelungen, Steigerungen ins Laute und Leise, ins Aufgeregte und Versiegende, ohne mehr sein zu wollen als eben dies. Und vielleicht ist es gerade die Zwölftonmusik, die diese Steigerungen möglich macht. Weil sie sich nicht im Belcanto verliert und sich nicht selbst zu gefallen droht. Weil sie dort, wo die traditionelle Musik sich zuweilen in den Vordergrund drängt und herrscht, ja nahezu ausschließlich die Szene ausfüllt und schon die ganze Oper allein ist, sich den Ereignissen fügt und sie nachzeichnet wie mit den Pinselstrichen eines abstrakten Gemäldes. Fahl und sparsam und nicht eigentlich schön im herkömmlichen Sinn.

Kreneks Musik bescheidet sich. Als kommentierende. Manchmal schweigt sie und lässt der Sprache den Vortritt, manchmal ahmt sie deren Rhythmus nach oder gibt so etwas wie den Takt des Sprechens an.
Der Chor! Der machtvolle Chor mit vielleicht Hunderten von Akteuren. Wenn er auftrumpft, schwemmt er jeden Einwand einfach hinweg, wie aus dem Erdinnern heraustönend, dass die Knie zittern.

Und die Inszenierung. Als wäre es noch nicht genug. Die Aufführung in München ist ein Ereignis wie es schwerlich ein anderes Theater in Deutschland zustande bringen dürfte. Eine zirzensische Großtat, die beim Zuschauer Kinderaugen macht, wenn er sich nicht vor lauter Bewunderung vergisst.

Bayerische Staatsoper / Karl V. © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Karl V. © Wilfried Hoesl

Dank La Fura dels Baus. Menschenleiber hängen akrobatisch verrenkt und halb- oder ganz nackt an Schnüren von der Decke wie von einer Zirkuskuppel herab oder sind wie in einem barocken Gemälde figürlich zusammengeballt und farbig beleuchtet in einer Art Kreis vereinigt. Einfach fantastisch, in den Bann ziehend, Staunen hervorrufend. Eine einzige Faszination. Ich habe so etwas ins Surreale Gesteigertes noch nie gesehen. Mal scheint das Dargestellte in die Ursprünge der Menschheit zu verweisen, mal in ein dantisches Inferno, mal in die Anfänge der Welteroberung und der Seefahrt. Da wurde kein Aufwand gescheut, das Innere nach außen zu kehren.

Was für ein Abend! Und was für ein Sänger: Bo Skovhus, der die Partie Karls V. vertritt. Eine Glanzleistung, vergleichbar, wie er selbst – ein wenig klagend – in einem Interview sagte, der Partie des Hans Sachs in den Meistersingern. Ihm zur Seite als Beichtvater Juan: Janus Torp.
Ja, und der Chor. Du meine Güte: der Chor; der schleuderte die Emotionen unter die Decke.         Da sage noch einer, die Oper sei veraltet.       Bravo. Bravissimo. Was für ein aufwühlender Abend. Ein begeistertes Publikum.

Leider legt die Aufführung eine lange Pause ein. Man muss sie zweimal, dreimal gesehen haben, um wirklich alles gesehen zu haben.

Karl V.  an der Bayerischen Staatsoper; die weitere Vorstellung 14. Juli 2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Nächste Seite »