Plauen, Vogtlandtheater, Ballett der Feuervogel von Igor Strawinsky, IOCO Kritik, 09.07.2016

Juli 9, 2016 by  
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Theater Plauen Zwickau

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Ballett  Der Feuervogel von Igor Strawinsky

 San Michele / Das Grab von Igor Stravinsky © IOCO

San Michele / Das Grab von Igor Stravinsky © IOCO

Der Feuervogel, ein Ballettklassiker der Moderne mit Musik von Igor Strawinsky, feierte am Samstag in Plauen Premiere. Choreografin Annett Göhre inszenierte mit hohem Anspruch, dabei emotional und intellektuell überzeugend. Dieses Ballett wird Furore machen.  Von Lutz Behrens

Zwei Wege führen, wie so oft, zum Glück. Ich kann mich einmal dem Ballett Der Feuervogel frei von aller Vorbelastung hingeben und es genießen. Hinschauen, hinhören, mich emotional berühren lassen, mit allen Sinnen offen sein. Für eine auf der Bühne faszinierend demonstrierte und jedem Anspruch standhaltende Tanzkunst. Mich dabei immer wieder fragen, welch großartige Talente eine junge Frau oder ein Mann mitbringen muss, um bei immensem, nie nachlassendem Trainingsaufwand derartige körperliche Höchstleistungen an Kraft, Beweglichkeit und Grazie zeigen zu können. Ich kann hören, was da an Strawinskys kongenialer Musik auf mich einwirkt.  Synkopisch hart, in diatonischer Melodik oder dem musikalischen Impressionismus verpflichtet und chromatisch erweitert; hervorragend intoniert von den Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters am Theater Plauen-Zwickau und dirigiert von Maxim Böckelmann. Diesem wiederum verdankt das Ballett die eigenständige Klangcollage „Spacevogel“, die die Eingangsszene erfüllt und in eine märchenhafte Welt hineinführt, über die noch zu reden sein wird.

Plauen / Theater_Der Feuervogel © Peter Awtukowitsch

Plauen / Theater_Der Feuervogel © Peter Awtukowitsch

Ich kann intuitiv und mit aller Kraft meiner Phantasie versuchen zu begreifen, was ich sehe. Ragt ein Thron im Zentrum des Bühnenbildes (Miriam Braunstein) auf? Oder ist das ein Baum? Von Gras umgeben und weißen Luftballons gekrönt. Wer aber wird sich auf die Schaukel schwingen, die lockend zwischen den Zweigen hängt? Eine herrisch auf hochhakigen Schuhen daherkommende Dame (Louisa Poletti) im schwarzen Mantel, dominiert den Auftakt. Dreimal umkreist sie den Baum. Aus dem Orchestergraben winden sich unwirkliche Gestalten. Ein junges Mädchen (Nicole Stroh) betritt die Szene, modern gekleidet, suchend. Dann, der Feuervogel (Federico Politano), in unterschiedlicher Verkleidung. Das Spiel kann beginnen. Es werden, auch wie so oft, die stets die Künstler inspirierenden, uralten Themen verhandelt: die Suche nach Liebe, der Kampf zwischen Gut und Böse, Tod und Erfüllung.

 Plauen / Theater_Der Feuervogel_Poletti und Politano © Peter Awtukowitsch

Plauen / Theater_Der Feuervogel_Poletti und Politano © Peter Awtukowitsch

Oder ich nähere mich zum anderen dem Gegenstand mit wissenschaftlicher Akribie. Erfahre, dass Der Feuervogel bereits seit über 100 Jahren Furore macht, Ballettgeschichte geschrieben hat. Dass Strawinsky mit seiner Feuervogel-Musik zum weltbekannten Komponisten avancierte. Dass sich die Handlung speist aus russischen Märchenmotiven; dem des Feuervogels und des Märchenhelden Iwan Zarewitsch und dem vom unsterblichen Zauberer Kaschtschej, was schon verwirrend genug ist. Lese dann im schönen Programmheft (Ulrike Cordula Berger) nach, dass Ballettdirektorin Göhre dieses Ballett sehr heutig begreift und sein Wesen darin erkennt, „dass ein junger Mensch erwachsen werden muss und … sich zwischen der Traumwelt und der Realität entscheidet.“ Dass sie zudem einen Geschlechterwechsel riskiert hat. So wird der Feuervogel von einem Mann getanzt, und selbst ein knallrotes Tutu tut dem keinen Abbruch. Iwan hat sich in Iwanka verwandelt, die schöne Zarewna in einen Zarewitsch (Keigo Nozaki), und der Zauberer Kaschtschej betört –  endlich des Lackledermantels ledig – als sehr erotische Dame im transparenten Ganzkörpergewand (Kostüme: Leah Lichtwitz). –

Einprägsame Bilder bestimmen die herausragende Inszenierung. Ein Glücksgefühl entsteht, wenn die Tänzerinnen und Tänzer, die mit eckigen Bewegungen als mechanisch reagierende Schaufensterpuppen zu Automaten mutiert sind, sich – nun auch bekleidet – in harmonische Menschen verwandeln und unbedingt genannt sein müssen: Maki Taketa, Ekaterina Tumanova, Elena Tumanova, Michele Ciacci, Sebastian Uske und Keigo Nozaki.  

Viele theatralischen Register werden gezogen: So blitzt und donnert es gewaltig, Lichteffekte (Beleuchtung Jan Parthey) tun ein Übriges, die Kunstwelt wird zum sehr wirklichen Ort. Da in den russischen Volksmärchen, die ursprünglich das Ballett inhaltlich strukturieren, das Ei eine wichtige Rolle spielt (als Sitz der unsterblichen Seele Kaschtschejs), ermöglichen die zahllosen eiförmigen und hellen Luftballons, die wirkungsvoll auf die Bühne fallen, entsprechende Assoziationen. Schließlich haucht die böse Zauberin ihre Seele aus und endet in Ketten geschlagen. Die Liebenden finden sich.

Nach gut einer Stunde geht das furiose Ballett mit versöhnenden Szenen voller Hoffnung zu Ende. Ob ich es mit heiterem, naivem Herzen genieße oder mich vor allem in kunsttheoretische Überlegungen vertiefe, immer bleibt mir ein Kunsterlebnis, das alle meine Sinne anspricht und auf meine Ratio nicht verzichtet. Sehr empfehlenswert. IOCO / Lutz Behrens / 07.07.2016

Der Feuervogel:  Weitere Vorstellungen in Plauen am 16.12.2016 und 26.3.2017;  in der Lukaskirche Zwickau am 17.3.2017, 18.3.2017, 19.3.2017, 22.3.2017.

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Plauen, Theater Plauen-Zwickau, Kammeroper Mare Nostrum von Mauricio Kagel, IOCO Kritik, 02.10.2015

Oktober 2, 2015 by  
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Theater Plauen Zwickau

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen-Zwickau © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen – Mare Nostrum: Kammeroper von Mauricio Kagel

 Kolonialgeschichte auf den Kopf gestellt

Vorspann: In Zeiten dumpfen, leider auch oft sächselnden Ressentiments gegen alles, was anders ist, kommt ein verblüffender Denkanstoß gerade recht. Die Kammeroper Mare Nostrum von Mauricio Kagel, innovativ im September 2015 im Theater Plauen vorgestellt, stellt Kolonialgeschichte auf den Kopf und trifft den Nerv unserer Zeit.

Theater Plauen / Mare Nostrum © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen / Mare Nostrum © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Was für ein intellektueller Spaß! Hier wird das Denken als höchstes Vergnügen der menschlichen Rasse herausgefordert und praktiziert in seiner dialektischen Variante. Oder, um es volkstümlich auszudrücken (und für den Hausgebrauch in allen Lebenslagen zu empfehlen): Die Verhältnisse sich schlicht einmal andersherum vorzustellen und verblüffend festzustellen, was dabei an Erkenntnisgewinn zu erzielen ist. Konkret heißt das bei Kagel, ein Stamm aus Amazonien macht sich auf, die „Entdeckung, Befriedung und Konversion des Mittelmeerraums“ (Untertitel) in Angriff zu nehmen. Was bedeutet, als dass wir diesmal die ungewaschenen Wilden, die bärtigen Barbaren mit ihren seltsamen Bräuchen sind, die mit Peitsche und Schwert, billigem Tand und faulen Versprechungen bei Laune gehalten und gefügig gemacht werden müssen. Kurzweilig vorgeführt als szenisches Spiel; gesungen von einem Countertenor und einem Bariton, der auch als Sprecher fungiert. Text und Musik: Mauricio Kagel.

Theater Plauen / Mare Nostrum © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen / Mare Nostrum © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Dieser Name steht für Neue Musik, und mag, bei allen Bemühungen des Theater Plauen, einschließlich der kenntnisreichen Einführungs-matinee, dazu geführt haben, dass die Premiere nicht ausverkauft war. Dabei brachte allein das mehr oder weniger mühelose Dechiffrieren des von Bariton Shin Taniguchi gesprochenen Textes mit seinen Verballhornungen und dem Buchstabenvertauschen erhellende Erkenntnis. Im Kontrast dazu der in höchsten Tönen schwebende Gesang des Countertenors Daniel Lager, der als „Eingeborener“ klagend und jubilierend zu hören ist, bis hin zum orgiastischen Masturbationsgestöhne. Beide Akteure sind ständig in Bewegung, unterstützt von zwei, Spieler genannten, sehr ernsthaften jungen Männern. Das Bühnenbild von Martin Rupprecht (verbunden mit eindrucksvollem Licht) lässt uns das Mittelmeer ahnen und überzeugt mit einer Fülle an dramaturgisch geschickt eingesetzten Requisiten. Die Musik (Musikalische Leitung: Maxim Böckelmann, der auch dirigiert) passt perfekt zum Stück, erfreut in ihrer Klarheit und Strenge. Das kleine Orchester ist hervorragend besetzt: Kerstin Gleitsmann (Piccolo, Altflöte), Dariusz Cieplucha (Englischhorn), Annette Schneider, (Mandoline, Spanische Gitarre), Maria-Anja Hübenthal (Harfe), Nicolaus Köhler (Violoncello) und Mirela-Florina Walla (Schlagzeug), wobei Letzteres nur einen oberflächlichen Eindruck der vielen, von Frau Walla zum Klingen gebrachten „Instrumente“ vermittelt.

 Theater Plauen / Mare Nostrum © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Theater Plauen / Mare Nostrum © Theaterfotograf Peter Awtukowitsch

Die koloniale Entdeckerfahrt entlang der Länder des Mittelmeerraumes dauert anderthalb Stunde. Strukturiert auch dadurch, dass die beiden Akteure nach jeder Station ein Kleidungsstück fallen lassen. Zu hören sind Texte mit landestypischen Versatzstücken, die – auch dank eines, das Programm ergänzenden Beipackzettels – gut zu entschlüsseln sind, und die Musik tut ein Übriges, um sich geografisch zurechtzufinden. Am Schluss wird der Kolonisierte zum Opfer. Der Kolonialherr zückt das Fernrohr und erkundet neue Ziele. Schaut er gen Norden?
Regisseur Jürgen Pöckel riet zur Einführung, das Stück „am besten drei Mal zu besuchen“, dann erst erschließe sich das auf den ersten Blick oft nicht leicht zu Erkennende ganz und erhöhe zudem das Vergnügen. Es wäre schon zu begrüßen, wenn möglichst viele Besucher wenigstens einmal diese amüsante, hintergründige, musikalisch anspruchsvolle und witzige Kammeroper besuchten.     Lutz Behrens / 02.10.2015

Nächste Vorstellungen: 25.10.2015 18 Uhr, 27.11.2015 19.30 Uhr, Kleine Bühne.

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