Münster, Theater Münster, Anna Karenina – Leo Tolstoi, IOCO Kritik, 04.02.2019

Februar 5, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Anna Karenina – Leo Tolstoi

– Wege und Abwege der Liebe –

von Hanns Butterhof

Auf dem roten Kinovorhang im Kleinen Haus des Theaters Münster ist zu lesen, dass „Liebe kälter als Russland“ ist. Wenn am Ende die sterbende Anna Karenina nur noch „Liebe ist …“ stammelt, vollendet sich der Satz in den Köpfen des Publikums. In Armin Petras‘ Theaterfassung von Leo Tolstois 1200-Seiten-Wälzer Anna Karenina hat kalte Liebe so viele Facetten wie Figuren – mit Ausnahme des Dienstpersonals, dem solche Gefühle wohl nicht zukommen.

Max Claessen –  Anna Karenina  – Leicht ironische Suche nach Liebe

Eine süßlich-bunte Kulissenwelt bildet den ironisierenden Rahmen der zeit- und ortlosen Liebes-Irrungen und -Wirrungen. Viele kleinteilige Raumelemente, rosa Kitsch-Springbrunnen und Puppenstube für schnellen Sex inklusive, werden vom livrierten Personal ständig hin- und hergeschoben (Ausstattung: Ilka Meier).

Anna Karenina –  Leo Tolstoi
youtube Trailer des Theater Münster
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Im Zentrum steht Anna als Ehefrau des bürokratisch steifen Ministers Karenin (Daniel Fries). Sandra Schreiber zeigt Anna fesselnd als von sich und ihrer Schönheit überzeugte Frau, die sich rückhaltlos in ein Liebesabenteuer stürzt. Die Kälte gegenüber ihrem Mann macht frösteln, und ihre Mutterliebe wie ihre tödlichen Selbstzweifel rühren zutiefst. Am Ende tritt sie nur als Videoprojektion auf, als das Bild, das ihr Liebhaber sich von ihr gemacht und das ihre Liebe zerstört hat.

Jonas Riemer als ihr viriler Liebhaber Graf Wronski kann erst die Augen nicht von ihr lassen. Er lässt für sie die in ihn verliebte Kitty beim Tanz buchstäblich fallen. Seine Leidenschaft hat eine Spur von eitler Eigenliebe und erkaltet zusehends, als Anna seinen Vorstellungen nicht mehr entspricht.

Theater Münster / Anna Karenina _hier SandrTheater Münster / Anna Karenina - hier : Sandra Schreiber als Anna Karenina und , Jonas Riemer als Wronski  © Oliver Berga Schreiber als Anna Karenina und , Jonas Riemer als Wronski © Oliver Berg

Theater Münster / Anna Karenina – hier : Sandra Schreiber als Anna Karenina und , Jonas Riemer als Wronski  © Oliver Berg

Kitty hatte sich Wronski angeboten wie in ein riesiges rosa Plüsch-Geschenkpapier eingewickelt. Wunderbar haut Andrea Spicher ihre maßlose Enttäuschung über dessen Missachtung in die Saiten ihrer E-Gitarre und kreischt hysterisch, bis sie nach tiefer Krise wieder jugendlich-frauliche Neugier auf die Liebe bekommt und ihren Uralt-Verehrer Lewin heiratet.

Lewin ist der glückliche Trottel des Stücks. Louis Nitsche macht aus ihm eine Art Forest Gump, nur linkisch und voller zergrübelter Selbstzweifel. Die dominante Kitty schenkt ihm schließlich eine prekäre Ruhe in der Ehe.

Theater Münster / Anna Karenina © Oliver Berg

Theater Münster / Anna Karenina © Oliver Berg

Es sind die Bilder, die sich die Figuren von sich und den andern machen, die sich über die Wirklichkeit legen und sie vampirhaft aussaugen. Nur Annas zynisch-realistischer Bruder Stefan (Ilja Harjes) ist von allen Selbstbildern frei. Ohne Skrupel gegenüber seiner verhärmten Gattin (Isa Weiß) geht der Lebemann seinen Bedürfnissen nach, der Jagd nach Schnepfen verschiedenster Art.

Die Regie Max Claessens spielt mit dem Soap-Charakter der Figuren, der nach der Skelettierung von Tolstois Roman durch Armin Petras übrig geblieben ist. Dessen von allem Gesellschaftlichen entlastete Textfassung trifft die Beziehungs-Situationen recht genau und lässt die Figuren und ihre Probleme sehr heutig erscheinen – und Claessen nimmt ihnen in ihrem ironischen Rahmen auch viel von ihrer Kälte und Schwere.

Nach zweieinhalb unterhaltsamen Stunden ohne Pause viel Beifall für das muntere Ensemble, vor allem Sandra Schreiber als Anna, Jonas Riemer als Wronski und Andrea Spicher als Kitty.

Anna Karenina am Theater Münster; Die nächsten Termine: 7.2, 8.2. und 15.2.2019, jeweils 19.30 Uhr

John Neumeier und das Hamburg Ballett  deuten Tolstois Anna Karenina  entschieden anders

Anna Karenina –  Leo Tolstoi
youtube Trailer  des Hamburg Ballett – John Neumeier
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—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, „Je suis Fassbinder“ von Falk Richter, IOCO Kritik, 05.09.2017

Oktober 5, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Psychogramm der „Je suis …“ – Generation

 Je suis Fassbinder  von  Falk Richter

„Deutschland im Herbst 2016“

Von Hanns Butterhof

Das Kleine Haus des Theater Münster zeigt Falk Richters postdramatisches Stück „Je suis Fassbinder“ („Deutschland im Herbst 2016“). Es spürt zwei lange Stunden reichlich turbulent und wirr der geistigen Situation der Zeit nach und fragt, wie in einer Zeit der Wirrnis Kunst gemacht werden kann. Dabei entsteht überraschend ein kritisches Psychogramm der „Je suis …“- Generation.

Theater Münster / Je suis Fassbinder - hier: Fassbinder und seine Truppe loten Befindlichkeiten aus © Oliver Berg

Theater Münster / Je suis Fassbinder – hier: Fassbinder und seine Truppe loten Befindlichkeiten aus © Oliver Berg

Was die aktuelle geistige Situation angeht, hat Ausstatterin Ilka Meier mit ihrem Bühnenbild eine sehr treffende Darstellung der Polarisierung unserer Gesellschaft geschaffen. Quer durch das Kleine Haus hat sie eine Wohnung mit Bade-, Wohn- und Schlafzimmer gebaut und das Publikum davor und dahinter plaziert. Keine Seite kann die gesamte Spielfläche einsehen. Die eine Hälfte sieht nicht, was im Bad, die andere nicht, was im Schlafzimmer vor sich geht, und so ist jede Seite wie auf einem Auge blind.

Zumeist im Wohnzimmer verhandeln Rainer Werner Fassbinder (Ilja Harjes), der Kultregisseur des Neuen Deutschen Kinos der 70er Jahre, und seine Entourage ihre Befindlichkeiten. Alles wird mit einer Live-Kamera aufgenommen und soll in seiner Authentizität einen Film über den Deutschen Herbst 2016 ergeben, gültig wohl auch für 2017. Die undifferenzierte Diskussion wesentlich über die Flüchtlingskrise dreht sich wirr im Kreis und zeigt letztlich nur, dass die gegensätzlichen Positionen unüberwindlich sind.

Ausgerechnet der autoritäre Clanchef Fassbinder verteidigt empfindsam und gutmenschlich Demokratie, westlich liberale Lebensart und die humane Pflicht, Flüchtlingen zu helfen. Verständnislos steht er seiner Mutter, später seinem Liebhaber (beide: Garry Fischmann) und der Schauspielerin Claudia (Claudia Hübschmann) gegenüber. Sie alle bestehen auf ihrer Unsicherheit und Angst und wünschen sich einen starken, aber unbedingt guten Führer, Macron mit Gruß voraus!

Theater Münster / Je suis Fassbinder © Oliver Berg

Theater Münster / Je suis Fassbinder – hier: Fassbinder und sein Liebhaber verstehen sich nicht – vlnr: Garry Fischmann und Ilja Harjes © Oliver Berg

Neben jeder Menge Situationskomik bezieht das Stück seinen Witz aus dem Auseinanderklaffen von Fassbinders demokratisch-liberaler Rhetorik und seinem autoritären Verhalten samt der dazugehörigen grotesken Blindheit gegenüber dem diffusen Beziehungsgefüge seiner Truppe. Während er die Authentizität des Handelns fordert, weist er seinen Schauspielern ihre Rollen zu und spart nicht mit menschenverachtenden Sprüchen. So setzt er seinen Leuten Schweinchen- und Katzenmasken auf, nötigt einen (Jonas Riemer), sich nackt auszuziehen, und weist Argumente seines Liebhabers damit zurück, dessen einziges Kapital sei doch sein Körper.

Die sanften Gitarrenklänge von Ilja Harjes ironisieren die flammende Wahlkampf-Rede gegen die AfD am Ende des Stücks durch einen Hauch von Heilsarmee. Erst hier wird deutlich, dass es Max Claessen in seiner Regie um ein kritisches Psychogramm der alt gewordenen, einst gesellschaftskritischen Fassbinder-Generation und deren Kinder geht, für die „Je suis…“- Generation ein passender Begriff sein dürfte. Er macht die angelernte Empfindsamkeit und Liberalität im politischen Diskurs sichtbar, die keine Basis im Verhalten derer hat, die sich auf jedes Signal hin reflexhaft mit der kostenfreien Identifizierung „je suis …“ als Betroffene zeigen.

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Münster, Theater Münster, Uraufführung Martinus Luther von John von Düffel, IOCO Kritik, 19.10.2016

Oktober 20, 2016 by  
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Theater Münster

Martinus Luther: „Rauch wallt von der Bühne, es blitzt und donnert. Im Kleinen Haus des Theaters Münster hat Martin Luther sein Erweckungserlebnis; er wird Mönch und dann der Reformator. Von Düffels „Martinus Luther. Anfang und Ende eines Mythos“ geht anhand weniger Lebensstationen recht spekulativ der Persönlichkeit Luthers nach. Darüber hinaus ist das Stück von belangloser Unterhaltsamkeit.“

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

„Von der Selbstbehauptung zur Selbstgefälligkeit“

John von Düffels belangloses Stück „Martinus Luther“  uraufgeführt

VON HANNS BUTTERHOF

Theater Münster / Uraufführung Martinus Luther © Oliver Berg

Theater Münster / Uraufführung Martinus Luther © Oliver Berg

Rauch wallt von der Bühne, es blitzt und donnert. Im Kleinen Haus des Theaters Münster hat Martin Luther sein Erweckungserlebnis; er wird Mönch und dann der Reformator. Von Düffels „Martinus Luther. Anfang und Ende eines Mythos“ geht anhand weniger Lebensstationen recht spekulativ der Persönlichkeit Luthers nach. Darüber hinaus ist das Stück von belangloser Unterhaltsamkeit.

In der ersten Hälfte zeigt Daniel Rothaug intensiv den jungen Luther. Sein mit weicher thüringscher Färbung vorgetragener Stolz darauf, ein „Luder“ zu sein, kontrastiert dabei aufs Schärfste mit seinen Selbstzweifeln und Schuldgefühlen, deretwegen er sich blutig geißelt. Dabei besteht er seine Anfechtungen durch den in vielerlei Figuren auftretenden Teufel (Ulrike Knobloch) meist recht bravourös; nur als Frau berückt ihn der Versucher erheblich, der sich jedes Mal höhnisch von dem gebeutelten Luther verabschiedet.

Theater Münster / Uraufführung Martinus Luther © Oliver Berg

Theater Münster / Uraufführung Martinus Luther © Oliver Berg

Luthers Selbstbehauptung nimmt bei zunehmend verblassenden Selbstzweifeln leicht die Färbung von Selbstgefälligkeit an. Von seinem im aufwendigen Gewand des reichen Kaufmanns (Kostüme und Bühne: Mirjam Benkner) auftretenden Vater (Gerhard Mohr) lässt er sich nicht davon abbringen, armer Mönch statt wohlhabender Jurist zu werden. Und trotz der Warnungen seines liberal-katholischen Ordensvorgesetzten und Förderers Johann von Staupitz (ebenfalls Gerhard Mohr) wettert er gegen das Ablasswesen. Den entsprechenden Brief an seinen Bischof trägt er lang und nicht ohne Eitelkeit vor. Effektheischend zertrümmert er schließlich mit dem Holzhammer ein Kirchenmodell.

Die zweite Hälfte zeigt den alt gewordenen Luther (wieder Gerhard Mohr) im Unterhemd und leicht verwahrlost in seiner engen Wohnküche, vor der seine tüchtige Frau (ebenfalls Ulrike Knobloch) Holz hackt. Von ihr verlangt er erst einen Einlauf, dann Alkohol und Mittagessen, und scheucht die am Tisch Verstummende ordentlich herum. Jetzt hat bei ihm eindeutig die Selbstgefälligkeit überhand genommen. Monologisch sondert er seinen Juden- und Moslemhass ab. Bevor er von einer Verfolgungswahn-Attacke niedergeworfen wird,  deutet er noch sein Leben als Folge von Trotzhandlungen, erst gegen den Vater, dann den Bischof und schließlich den Papst, und das ist denn wohl auch die belanglose Essenz von Düffels biographischer Szenenfolge.

Die Regie Max Claessens schwankt, ob sie das Stück ernst nehmen oder ironisieren will. Hat der erste Teil theatralisch noch einiges zu bieten, ist der zweite Teil reiner Komödienstadel. Gleichwohl gab es nach fast zweieinhalb Stunden viel Beifall für die drei Schauspieler, den die Handlung mit passendem Kirchenliedgut begleitenden Chor, das Regieteam und den anwesenden Autor.

Theater Münster: Martinus Luther, Die nächsten Termine: 11., 21., und 29.10.2016, jeweils 19.30 Uhr.

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