Hamburg, Elbphilharmonie, Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 19.11.2017

November 19, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze

 SWR Symphonieorchester, Peter Eötvös,  große Chören, namhafte Solisten

Von Patrik Klein

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt durch Globalisierung, HighTech, Überinformation, Populismus, Kultur- und Politikverdrossenheit. Wie haben sich die Zeiten verändert seit den stürmischen und die Republik verändernden 68er Jahren? Kann eine Wiederaufnahme in Hamburgs neuem Wahrzeichen nach dem Abbruch der Uraufführung 1968 und der dann erst im Jahr 2001 stattgefundenen Aufführung in Hamburg unter Ingo Metzmacher noch aufrütteln?
Stein des Anstoßes war damals ein Stück von Hans Werner Henze, das als Protest gegen das „Kultur-Establishment“ von Studenten und „Radikalen Linken“ herhalten musste. Auch Henze geriet hierbei als „Salonkommunist“ in die Schusslinie. Was war geschehen?

Skandal bei der Uraufführung 1968: Erregt er noch heute die Gemüter?

Am 9. Dezember 1968 sollte wegen Unzulänglichkeiten auf der Bühne der Musikhalle die Uraufführung des Auftragswerkes des NDR Das Floß der Medusa von Hans Werner Henze in einer großen Halle in Planten un Blomen stattfinden.

 Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

 Im Mittelpunkt der Handlung steht das historische Drama um die Fregatte Medusa. Das Schiff kentert 1816 auf der Reise in den Senegal. Schiffbrüchige kämpfen auf einem Floß brutal um ihr Überleben. Ein Bericht über das unmenschliche Verhalten von Kapitän, Oberschicht und Geistlichkeit, die in den sicheren Rettungsbooten sitzen, die Mannschaft auf das gebaute Floß verfrachten und die Leinen kappen, sorgt für Empörung und revolutionäre Stimmungen am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Bereits im Vorfeld der geplanten Aufführung in Hamburg überschlugen sich die politischen Ereignisse. Es gab Streit über eine Widmung des Werkes für Che Guevara, der sich gerade bei den „Linken“ als Ikone entwickelte. Gleichzeitig gab es eine Konferenz über die Wirren des Vietnamkriegs und das Attentat auf Rudi Dutschke, der mit Hans Werner Henze bekannt war. Der Komponist solidarisierte sich weitgehend mit den sich entwickelnden Protestbewegungen und verlangte, dass „die isolierte und vereinsamte Jugend eine Art Ermutigung bekomme“.

Die Uraufführung, besetzt mit Stars der Opern- und Schauspielszene, dem Chor und Orchester des NDR, wurde live im Radio übertragen. Es kam zu einem handfesten Eklat,  denn man skandierte im Publikum  „Ho, Ho, Ho Chi Minh“. Die live-Übertragung  musste nach wenigen Minuten abgebrochen werden. Dem Publikum am Radio wurde dann eine Aufzeichnung der Generalprobe serviert. Die Polizei musste einschreiten, Handgemenge bändigen, Verhaftungen durchführen. Allerdings hat sie sich dabei, man denke an die aktuellen Diskussionen zu den Ausschreitungen zum G20- Gipfel, mit gelegentliche großer Härte auch Kritik eingehandelt. Der Protest der Hamburger Studenten hatte sich nicht gegen Henze gerichtet, sondern sie protestierten gegen das Konzert als „Ritual eines bourgeoisen Publikums“.

Der Intendant der Elbphilharmonie Hamburg, Christoph Lieben-Seutter, der mit spannenden und teilweise ungewöhnlichen Programmen seit vielen Jahren in Hamburg erfolgreich wirkt, wagt eine erneute Auseinandersetzung mit dem Werk Henzes und setzt dem rund 75 Minuten dauernden Oratorium noch eine aktualisierende Komponente hinzu, in der die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit Teilen aus ihrem Werk Die Schutzbefohlenen im Fokus steht. Es handelt sich hierbei um ein Sprachkunstwerk aus dem Jahr 2013, in dem sie sich kritisch mit der herrschenden Flüchtlingspolitik und ihren Folgen auseinandersetzt.

Eingeladen wurde das SWR Symphonieorchester unter der Leitung des ungarisch/rumänischen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös, der in der vergangenen Saison an der Hamburgischen Staatsoper mit dem Dirigat seiner eigenen Oper Senza Sangue und Bartoks Herzog Blaubarts Burg fulminante Akzente setzte. Als Chöre fungieren das SWR Vokalensemble Stuttgart, der WDR Rundfunkchor und die Freiburger Domsingknaben. Peter Stein, der ehemalige Regisseur und Theaterleiter an der Berliner Schaubühne, wurde als Sprecher des Prologes von Elfriede Jelinek und der Oper von Henze verpflichtet. Die Sopranpartie übernimmt die weltbekannte Sopranistin aus Finnland Camilla Nylund und Bariton ist Peter Schöne, der kurzfristig für den erkrankten Matthias Goerne einspringt. Das Konzert wurde ebenfalls in dieser Besetzung am 15.11.2017 im Konzertsaal Freiburg gegeben.

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Der Prolog von Jelinek thematisiert den geheuchelte Menschenrechtsdiskurs im zeitgenössischen Mainstream des öffentlichen Disputs. Dem wird ein thematisch verwandter, aber positiver Ausgang in der ältesten überlieferten griechischen Tragödie gegenübergestellt. Es wird bezweifelt, dass heutige Regierungspolitiker der EU-Staaten noch den vielgepriesenen humanistischen Idealen der Antike verbunden sind. Jelinek entlarvt die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, indem sie eine hohe Sprache immer wieder ins Ironische abgleiten lässt, unter anderem wenn es um Äußerungen von sogenannten „Wutbürgern“ und das „Walten der mächtigen Willkür-Götter der Ökonomie“ geht. Peter Stein, mittig auf der noch leeren Bühne an einem schwarzen Tisch sitzend, liest ca. 10 Minuten aus dem Werk der Nobelpreisträgerin. Von ruhig besonnen, einfühlsam, authentisch, flüssig bis knarzend aufbrausend, mal abgehackt, innehaltend, energisch und fragend ins Publikum blickend, lässt er die Facetten seines Könnens aufblitzen. Textverständlich ist es oftmals leider nicht. Hier offenbart sich eine der wenigen Schwächen der Akustik in der Elbphilharmonie. Sprechstimme ohne Verstärkung klingt in manchen Blöcken zu leise. Daher greift man zu Verstärkeranlagen, die es zwar hörbarer, aber durch Doppelklänge und Überlagerungen nicht immer besser machen.

Seit 1982 beschäftige ich mich nunmehr mit klassischer Musik in Theatern und Konzertsälen in Europa mit zunehmender Freude und Eindringtiefe. Und ich gestehe gerne, dass mir die zeitgenössische Musik von Anfang an gewisse „Hörbefindlichkeiten“ beschert hat. Dennoch habe ich nie ein Stück eines lebenden Komponisten umschifft oder gar verteufelt, mir immer sagend, dass Hörgewohnheiten und geprägten Vorlieben auch in Zeiten heute längst als Gassenhauer geltender Musikstücke z. B. zu Zeiten Mozarts beim Publikum ähnlich kritisch aufgenommen worden sind.

Henzes Oper Das Floß der Medusa geht es dabei nicht anders, wenn ich sie zum ersten Mal zu Hause höre und mich manchmal zwingen muss „dabeizubleiben“. Zum Glück ist das Erlebnis dann „live“ im Konzertsaal von ganz anderer Dimension:

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - Camilla Nylund "La Mort" und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – Camilla Nylund „La Mort“ und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Die Protagonisten des Oratoriums füllen mittlerweile die riesige Bühne. Für die drei Chöre (SWR Vokalensemble; Leitung Florian Benfer und Robert Blank, WDR Rundfunkchor; Leitung Robert Blank und die Freiburger Domsingknaben; Leitung Boris Böhmann) wurde der Block hinter dem Orchester ausgeräumt, um dem großen „Instrument“ auf dem Podium Freiräume zu schaffen. Die in rot gekleideten Knaben aus Freiburg fallen nicht nur durch ihre Farbe auf, sondern auch durch Dantes Versen angelehnten Gesang in Italienisch , unterstützt von ihrem mitten unter ihnen sitzenden Chorleiter, der sie durch die höchstschwierige Partie leitet. Die Damen und Herren vom SWR und WDR umsäumen die jungen Menschen in schwarz. Wegen der Enge des Blockes verzichtet man auf das Wechseln von Personen von der Seite der Lebenden (links) ins Reich der Toten (rechts). Das ist auch gar nicht unbedingt notwendig, da die Anordnung des Orchesters und die benutzten Instrumente genau diese Trennung musikalisch aufs Äußerste darstellen. Das Orchester teilt den linken Bereich in den der Lebenden, meist Bläser, die mit ihrem Atem Töne erzeugen, wohingegen der rechte Bereich mit Streichern besetzt ist, die Tod und Atemlosigkeit darstellen. Das Blech ist riesig besetzt, die Streicher werden unterstützt durch elektrische Gitarren und es gibt allerlei Schlagwerk neben den Pauken, Blechfolien, Glocken, Xylofonen und einem Flügel.

Es sind vor allem die dramatischen Momente, in denen das Entsetzliche des Geschehens klanglich so umgesetzt wird, dass es den Zuhörer, ob affin zur modernen Musik oder nicht, anspricht, fesselt und fasziniert. So ballt sich gerade in den Chören die nackte Angst in dissonanten Stimmungen zusammen. Wenn am Ende des ersten Teils des Oratoriums mit feinsten Klängen der Männerchor die Lebenden in das Totenreich locken, wird die Düsterheit an dieser Stelle der Musik von Henze ganz besonders deutlich. Die nochmalige Steigerung der Dramatik am Ende des Werkes zu einem fulminanten rhythmischen Marsch lässt nun endgültig appellartig das Publikum erschaudern.

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Der Bariton Peter Schöne, der bravoröse Einspringer für den vorgesehenen Matthias Goerne, gestaltet die Riesenrolle des Führers auf dem Floß „Jean-Charles“ mit perfekter Wortbehandlung und stimmlicher Farbenvielfalt. Sein feiner, schlanker Bariton klingt klar bis ins kleinste Detail auch bei den vielen stimmlichen Ausbrüchen ins Dramatische. Die Sopranistin Camilla Nylund singt „La Mort“, die ins Reich der Toten hineinziehende, mit geradezu überirdischen Tönen ergreifend. Ihre wundervolle lyrische Sopranstimme wechselt scheinbar mühelos vom fein zeichnenden Piano bis ins Hochdramatische Forte. Und last but not least die zentrale Figur des Kommentators und „Charon“, von Peter Stein nun im Stehen, prägnant, präzis und mit großer emotionaler Beteiligung gestaltet. Gelegentlich mangelte es etwas an der Textverständlichkeit, was wiederum auch auf die benutzte Verstärkeranlage zurückzuführen ist. Der Dirigent Peter Eötvös hält die Chöre, Solisten und das SWR Symphonieorchester taktstocklos zusammen und sorgt mit seinem transparenten Stil für Klarheit und Ausdruck, die oftmals den Atem anhalten lassen.

Das Publikum reagiert fast wie zu erwarten war mit lang andauerndem stürmischen Beifall für alle Beteiligten. Es gibt keine Proteste, keine Aufschreie und keine politischen Bekundungen. Es bleibt die Hoffnung, dass die Thematik innerlich aufwühlt, aufrüttelt, individuelles Verhalten überprüft und beeinflusst. Henzes Gleichnis Das Floß der Medusa mit der Botschaft gegen Gewalt und Unmenschlichkeit ist so aktuell wie nie, denn auch im Jahr 2017 treiben auf dem Mittelmeer Boote mit hungernden und sterbenden Menschen.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Wien, Wiener Staatsoper, Salome von Richard Strauss, 21.09.2016

September 20, 2016 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Salome von Richard Srauss

Richard StraussSalome steht am 21. und 24. September auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper: Erika Sunnegårdh ist erstmals im Haus am Ring als Salome zu erleben, Matthias Goerne gibt sein weltweites Rollendebüt als Jochanaan. Gerhard A. Siegel verkörpert den Herodes, Jane Henschel die Herodias und Norbert Ernst den Narraboth. Am Dirigentenpult: Alain Altinoglu.

Beide Vorstellungen werden im Rahmen von „Oper live am Platz“ live am Herbert von Karajan-Platz gezeigt. PMWSt

 

Düsseldorf, Robert Schumann Saal, Klavierfestival Ruhr 2016 – Die schöne Magelone, 06.07.2016

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KLAVIER-FESTIVAL RUHR 2016

Robert Schumann Saal   

Robert Schumann Saal im MPK Düsseldorf © Christoph Schuknecht

Robert Schumann Saal im MPK Düsseldorf © Christoph Schuknecht

Johannes Brahms – Die schöne Magelone
M. Goerne – N. Angelich – U. Matthes

Es ist wieder einmal geschafft. Das erfolgreiche, immer an Höhepunkten reiche Festival, geht für dieses Jahr seinem Ende entgegen. Am 8.7. findet das Abschluss-Konzert (Jazz-Line) im Recklinghauser Ruhrfestspielhaus statt, mit Till Brönner und seinen Piano-Friends. Zwei Tage später ist in der Essener Philharmonie das 1. Stiftungskonzert zu Gunsten des Klavierfestivals zu erleben. Es wird gestaltet von Martha Argerich und Daniel Barenboim.

Klavierfestival Ruhr 2016 / Goerne, Matthias © Marco Borggreve

Klavierfestival Ruhr 2016 / Goerne, Matthias © Marco Borggreve

Doch vorher, genauer gesagt am 6. Juli, konnte man eine nicht all zu häufig aufgeführte Liedersammlung im Schumann-Saal des Düsseldorfer Kunstpalastes erleben. Zur Aufführung kam der Liederzyklus Die schöne Magelone von Johannes Brahms.

Die Jahrhunderte alte Geschichte des Ritters Peter aus der Provence und der schönen Königstochter Magelone kam ursprünglich aus maurischen Quellen. Es wurde schon im 15. Jahrhundert “christianisiert“ und ein Jahrhundert später am kursächsischen Hof ins Deutsche übersetzt. Ludwig Tieck, der große Sammler und Schöpfer romantischer Märchen, entdeckte es wieder.

Brahms fand Gefallen daran und begann 1861 mit der Komposition. Die Uraufführung war 1869 in Hamburg, mit Brahms selber als Klavierbegleiter. Die 15 Romanzen des Zyklus sind heute fester Bestandteil im Repertoire des Liedgesanges. Nun nahmen sich im Rahmen des Klavierfestivals drei hochkarätige Künstler des schönen, aber auch schwierigen Werkes an.

Klavierfestival Ruhr 2016 / Matthes, Ulrich © Privat

Klavierfestival Ruhr 2016 / Matthes, Ulrich © Privat

Der Berliner Schauspieler Ulrich Matthes, einer unserer bedeutenden Mimen und glänzender Interpret schwierigster Charaktere, sprach die hochromantischen Texte Tiecks, klar artikuliert, exzellent textverständlich, aber ein wenig zu nüchtern. Ein Quäntchen Pathos, wäre dieser Prosa gut bekommen.

Die Textverständlichkeit fehlte dem außerordentlichen Lied- und Opernsänger Matthias Goerne an diesem Abend nicht durchwegs, aber besonders in den dramatischen Ausbrüchen, die auch manchmal etwas laut gerieten. Was bei ihm immer wieder beeindruckt, ist seine musikalische Gestaltung und das außerordentliche technische Fundament der Stimme, die wesentlich schwerer geworden ist, aber dadurch trotzdem nicht ihre Pianokultur und Legatokunst verloren hat.

Klavierfestival Ruhr 2016 /Angelich, Nicholas © Stephane de Bourgies

Klavierfestival Ruhr 2016 /Angelich, Nicholas © Stephane de Bourgies

Der dritte im Bunde war der Pianist Nicholas Angelich, der nun schon zum vierten Mal Gast des Klavierfestivals war. Angelich ist nicht nur ein aufmerksamer Klavierbegleiter, sondern auch ein geschätzter Kammermusiker.

Diese angeführten Attribute konnte er, sowie seine durchaus hörbare Affinität zur Musik von Brahms, an diesem Abend eindrucksvoll demonstrieren.

Das Publikum zeigte sich begeistert und freute sich, wie auch die drei Künstler, die sich umarmten und herzten, ob des herzlichen Beifalls.

 

 

IOCO / UGK 06.07.2016

—| IOCO Kritik Klavierfestival Ruhr |—

Dortmund, Konzerthaus Dortmund, Bach – Weihnachtsoratorium, 11.12.2014

Dezember 15, 2014 by  
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Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner

Konzerthaus Dortmund

Weihnachtsoratorium  von Johann Sebastian Bach

Kammerorchester Basel, Julia Schröder

Konzerthaus Dortmund / Weihnachtsoratorium © Petra Coddington

Konzerthaus Dortmund / Weihnachtsoratorium © Petra Coddington

Nun ist die Zeit wieder da, wo es aus allen Himmelsrichtungen schallt: “Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage. Mit dem strahlend hellen Ton der Trompeten, dem jubelnden Chor der Knabenstimmen, sowie den dröhnenden Pauken setzt Bachs Weihnachtsoratorium ein.

Beglückende Lebensfreude, die in der Musik der Jahrhunderte ihresgleichen sucht, bricht daraus hervor, verbreitet Fröhlichkeit und Gefühlstiefe. Denn das Motto ist vorgegeben “lasset das Zagen, verbannet die Klage, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an“. Nicht anders war es am vergangenen Donnerstag im Dortmunder Konzerthaus.

Nur, dass der Jubel etwas schlanker, nicht so massiv rüber kam. Auf die jauchzenden Knabenstimmen musste man verzichten. Die waren in dieser kammermusikalischen Fassung nicht vorgesehen. Bachs Weihnachtsoratorium, 1734 in Leipzig uraufgeführt, besteht aus sechs eigenständigen Kantaten.

An diesem Konzertabend in Dortmund kamen die Kantaten Nr.1 und 2, sowie Nr. 5 und 6 zur Aufführung, die sich mit der Weihnachtsgeschichte befassen.

Konzerthaus Dortmund / Weihnachtsoratorium © Petra Coddington

Konzerthaus Dortmund / Weihnachtsoratorium © Petra Coddington

Der wunderbare Deutsche Kammerchor bestand an diesem Abend aus sechs Frauen- und sechs Männerstimmen. Das Ensemble bestach durch eine außerordentliche Homogenität und Textverständlichkeit und war immer dem Schöngesang verpflichtet.

Der sonst aus 16 Stimmen bestehende Chor, gegründet 2001,  arbeitet auf freiberuflicher Basis und organisiert sich selbst. Partner des Chores waren  in der Vergangenheit, die Deutsche Kammerphilharmonie, das Ensemble Modern sowie Concerto Köln. Heute sind die Verpflichtungen und Auftritte mannigfaltig, so bei den Festivals von Kissingen, Leipzig, Berlin und dem Holland-Festival.

An diesem Abend musizierten sie zusammen mit vier außerordentlichen Gesangssolisten und dem renommierten Kammerorchester Basel, das 1984 von verschiedenen Absolventen Schweizer Musikhochschulen gegründet wurde.

Heute deckt das Orchester alle Stilrichtungen ab, Barock, Romantik und Moderne. An diesem Abend hatte das Ensemble eine Stärke von 20 Musikerinnen und Musikern und spielte auf  Barock-Instrumenten.

Die musikalische Leitung hatte die Geigerin Julia Schröder, die seit 2004 Konzertmeisterin des Basler Kammerorchesters ist. Seit 2012 hat sie eine Professur für Violine an der Freiburger Musikhochschule.  Sie sorgte an diesem Abend für ein hochmusikalisches Ereignis, bei zügigem Tempo und klanglicher Ausgewogenheit. Ein Ereignis für sich waren die vier Gesangssolisten. Eine Herren-Riege sorgte für Wohlklang und lies Glücksgefühle aufkommen.

Konzerthaus Dortmund / Weihnachtsoratorium © Petra Coddington

Konzerthaus Dortmund / Weihnachtsoratorium © Petra Coddington

Die Sopranarien sang der 1986 im rumänischen Arad geborene und in Bayern aufgewachsene Counter, Valer Sabadus. Es wäre nicht abwegig, ihn als Sopranisten zu bezeichnen. Sabadus ist inzwischen zu einem Star geworden, hochmusikalisch und mit einer Stimme gesegnet, die einfach nur begeistert. Sein Sopran hat Wärme, Flexibilität und wird so gut wie vibratolos geführt. Hier an diesem Abend sang er die Sopranpartie mit innigem Ausdruck und vorbildlicher Diktion.

Auch der Schweizer Counter Terry Wey begeisterte mit seiner sehr ausdrucksstarken Alt-Stimme, insbesondere bei der Arie “Bereite Dich Zion“. Er und Valer Sabadus sind auch hochbegabte Opernsänger. Erleben konnte man sie in der vergangenen Spielzeit an der Rheinoper in Händels “Xerxes“. Die Wiederaufnahme ist am 22.04.2015 in Düsseldorf.

Zu den herausragenden Oratorien- und Opernsängern gehört ohne Zweifel der Schweizer Tenor Jörg Dürmüller. Dürmüller, bekannt in aller Welt als “derEvangelist in den Passionen und Oratorien Bachs, übernahm kurzfristig die Tenor-Partie an diesem Abend für den erkrankten Werner Güra. Dürmüller sang mit großem Ausdruck und makelloser Technik sowie stupender Diktion seinen Part.

Die Bass-Partie an diesem Konzertabend sang Matthias Goerne. Über ihn neues zu berichten erübrigt sich. Er gehört schon seit Jahren zur Weltelite in seinem Fach. Er war auch an diesem Abend ein großartiger Gestalter. Allein wie er die große Arie “Großer Herr und starker König“ geradezu bildhaft sang, gehörte zu den großen Eindrücken der Aufführung.

Das Publikum zeigte sich begeistert. Für diese außerordentliche Wiedergabe des beliebten Werkes hätte man sich größeren Zuspruch gewünscht. Es blieben leider viele Plätze frei.

IOCO / UGK / 11.12.2014

—| IOCO Kritik Konzerthaus Dortmund |—

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