Hamburg, Staatsoper Hamburg, Fidelio von Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 02.02.2018

Februar 4, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

  Fidelio von Ludwig van Beethoven

 „Befreiungsoper im Umfeld  der biederen (?) 50er Jahre“

Von Patrik Klein

Hamburgs Staatsopernintendant Georges Delnon inszeniert nach eigener Aussage ausnahmsweise eine Produktion an seinem Haus selbst. Er nimmt sich Beethovens politisch unverhüllte Befreiungsoper Fidelio vor und löst damit die damals überaus kontrovers aufgenommene Regie von Hans Neuenfels aus dem Jahr 2004 unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher ab. Delnons Inszenierung ist für eine Koproduktion mit dem Teatro Communale di Bologna vorgesehen.

Fidelio ist die einzige Oper von Ludwig van Beethoven in zwei  Akten (in der Urfassung unter dem Titel Leonore jedoch in drei Akten). Das Libretto schrieben Joseph Sonnleithner, Stephan von Breuning und Georg Friedrich Treitschke. Als Vorlage diente ihnen die Oper Léonore ou L’amour conjugal , die 1798 in der Komposition von Pierre Gaveaux entstand. Die Uraufführungen der ersten beiden Fassungen des Fidelio fanden am 20. November 1805 bzw. am 29. März 1806 am Theater an der Wien statt. Die endgültige Fassung wurde dann am 23. Mai 1814 im Wiener Kärntnertortheater präsentiert. In dieser Fassung wurde der Text überarbeitet und die Handlung straffer gestaltet. Ferner wurden die tragischen Züge der Hauptpersonen verstärkt, und die Grundidee des Werkes trat nun deutlicher hervor, nämlich die Überhöhung der konkreten edlen Tat Leonores.

Staatsoper Hamburg / Fidelio - hier Don Pizarro, Marzelline und Jaquino © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier Don Pizarro, Marzelline und Jaquino © Arno Declair

War zum Beispiel bei Mozart die Gesellschaftskritik noch in den Verwirrspielen eines scheinbar aufgeklärten Zeitalters versteckt, so bringt der revolutionäre Bürger Beethoven die neuen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Bühne. Bei dem recht populären und besonders in letzter Zeit häufig gespieltem Werk stellt sich hiermit erneut die Frage: Hat Beethovens einzige Oper an Aktualität und Relevanz seit über 200 Jahren verloren? Wie realistisch ist der Glaube an den Einfluss der Liebe und der Menschlichkeit in einer Welt voller Gewalt und Machtexzesse? Antworten auf diese Fragen werden von Georges Delnon auf den ersten Blick kaum erkennbar gegeben.

Ging Hans Neuenfels in seiner Inszenierung von 2004 von einer radikalen Umdeutung in einer grotesken Show des Scheiterns und einem „Aus der Traum von Friede, Freiheitaus, so muss man Georges Delnons Sichtweise mühevoll suchen. Im Opernjournal der Staatsoper Hamburg, in den Blogs der Dramaturgen (Klaus-­Peter Kehr, Johannes Blum), auf Plakaten und in Interviews wird wenig bis nichts im Vorfeld verraten. Während der Ouvertüre steht auf dem schwarzen Bühnenvorhang: Ich hatte einen Traum. Es war ein Albtraum. Als ich erwachte, war Alles wieder in Ordnung„. Die Inszenierung nun zeigt dem aufgeschlossenen, vorurteilsfreien Beobachter einen Blick in die sagen wir einmal 50er Jahre in einem Überwachungsstaat. Auf der Bühne erblicket man ein geräumiges Wohnzimmer mit zeitgemäßer Ornamentiktapete, großer Terrassenfront und überdimensionaler Gardine (Bühne: Kaspar Zwimpfer; Kostüme: Lydia Kirchleitner; Licht: Michael Bauer; Video: fettFilm). Ausstattungselemente sind eine für die damalige Zeit klassische Musiktruhe der Firma Nordmende namens Fidelio, ein Klavier, ein Schreibtisch mit mechanischer Schreibmaschine, an der vor allem Rocco seine Korrespondenzen gestaltet und Tischgruppierungen mit einigen Stühlen. Es wird ein biedermeiersches Idyll gezeichnet, in der sich die handelnden Personen familiär von der Außenwelt, die durch Machtexzesse und Gewalt geprägt ist, abschotten. Dieses Idyll wird von der linken Bühnenseite gelegentlich jäh gestört und durchbrochen von langsam bis in die Bühnenmitte hineinfahrende Logistikregale. Sie legen den Blick frei auf Bücher, Akten und Gefangene. Florestans Gefängnis befindet sich in einem Art Sarkophag. Durch die riesige Glaswand schaut man videobebildert in Wälder mit unterschiedlicher Farbstimmung, in denen Rehe und zum Beispiel der „böse Wolf“ überdimensional groß und in weiß bei Florestans Arie „Gott, welch Dunkel hier in hellstem Licht erscheinen. Eine Kernaussage oder Deutung der Befreiungstat Leonores findet man scheinbar nicht. Die Charaktere der Handlung werden sehr persönlich, ja sogar intim gezeichnet mit ihren individuellen Absichten und Abgründen im Überwachungsstaat und Familienidyll. Die Sänger agieren meist an der Rampe in dem dunkel wirkenden Bühnenbild oder vor schwarzen Bühnenvorhängen fast wie bei einer konzertanten Aufführung. Zum Finale ein verklärter Einmarsch der Gefangenen, der mittlerweile auch in weiß gekleideten Schergen des Don Pizarros und ein Vermischen mit allen Beteiligten der Oper. Don Pizarro wird von zwei Beteiligten über die Terrasse nach draußen geführt. Aus dem düster nebelverhangenen graue Wald entspringt wieder frühlingshaftes Grün als Zeichen der Hoffnung. Zur Premiere am 28.1.2018 wurde die gesamte Regie dieses Fidelio mit weitgehend heftigen Missfallenskundgebungen beurteilt.

Staatsoper Hamburg / Fidelio - hier im Vordergrund Don Pizarro, Ensemble © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier im Vordergrund Don Pizarro, Ensemble © Arno Declair

Die Komposition nicht die Handlung übernimmt bei dieser Regie das Primat der Aufführung.  Nach Eindrücken in der Generalprobe und – dem Vernehmen nach in der missratenen Premiere – dirigiert Kent Nagano sein Staatsorchester „auf Sicherheit“. Nur sehr wenige Einsätze kommen unklar für Orchester, Chor und auch Solisten. Flott klingt es zum Beispiel bei der ausgewählten längeren dritten Konzertouvertüre Leonore. Hier erhält das Orchester lautstarken Beifall. Sicher und deutlich langsamer, die Sänger- und Choreinsätze betonender führt Nagano durch die Partie. Die Chorszenen (Einstudierung Eberhard Friedrich) insgesamt geraten zu sehr schönen musikalischen Höhepunkten. Die Sängerinnen und Sänger des Abends gestalten durchweg auf ordentlichem Niveau und machen den musikalischen Eindruck über weite Strecken hörenswert.

Die schönsten stimmlichen Momente des Abends gehören Fidelio und Rocco. Simone Schneider ist Ensemblemitglied am Staatstheater am Gärtnerplatz in München gewesen und derzeit an der Staatsoper Stuttgart engagiert. Sie gestaltet die Titelpartie mit großem Einsatz, hoher Textverständlichkeit und schön dunkel gefärbtem Timbre. In den mittleren Lagen klingt ihre Stimme sehr lyrisch; sauber und kraftvoll gelingen ihr auch die Spitzentöne. Sie hat es auch etwas leichter, da sie zum Beispiel die Arie Abscheulicher, wo eilst Du hin?“ beinahe wie konzertant alleine vor herabgelassenem Bühnenvorhang gestalten kann. Falk Struckmann (Rocco) gehört zu den bedeutendsten Bassbaritonen seines Fachs. Er ist in Hamburg gerne gesehener Gast seit seinem Debüt in der Spielzeit 1994/95. Er sang hier unter anderem in Mathis der Maler, Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Fidelio (in der Neuenfelsinszenierung als Don Pizarro), Tosca und Salome. Falk Struckmann gibt den Gefängniswärter mit prachtvollem, besonders schwarz gefärbten Klang mühelos und feinstartikulierend. Er erhält vom Publikum am Ende auch den größten Beifall. Christopher Ventris (Florestan) gehört zu Großbritanniens erfolgreichsten Tenören und ist vor allem für sein Wagner-Repertoire bekannt, auf das er seine internationale Karriere in den letzten zwanzig Jahren fokussiert hat. Mit dem Florestan feiert Christopher Ventris nun an der Hamburgischen Staatsoper sein Debut. In der zweiten Vorstellung hat er jedoch einen rabenschwarzen Tag erwischt. Er singt die Partie zwar kraftvoll, aber gestemmt und viel zu sehr gepresst, so dass ihm bei der Arie „Gott, welch Dunkel hier“ die Stimme mehrfach wegbricht. Mit großer Mühe steht er seine Rolle bis zum Ende durch. Werner Van Mechelen (Don Pizarro) ist ein vielseitiger belgischer Bass-Bariton mit breitem Lied-, Konzert- und Opernrepertoire, das von Barockpartien über Mozart- und deutsches bzw. italienisches Repertoire bis hin zu modernen Komponisten mit vielen Uraufführungen reicht. Erst im Sommer des vergangenen Jahres konnte man sein Debut bei den Bayreuther Festspielen verzeichnen (IOCO Kultur im Netz berichtete), wo er einen erfolgreichen Klingsor im Parsifal in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg darstellte. Als „Stasi-Chef“ Don Pizarro kann er in Hamburg nahtlos an seinen Bayreutherfolg anknüpfen. Er singt sehr textverständlich mit hohem Einsatz und ist bemüht die dunklen Seiten des Gefängnisleiters herauszustellen. Ein wenig prägnanter bösartig hätte es jedoch noch sein können.

Don Ferrando ist der türkische Bariton Kartal Karagedik, der seit der Spielzeit 2015/16 Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper ist. Seine zu Beginn noch recht unauffällige Wirkung entwickelte er durch kluge Rollenauswahl und Debuts an kleineren und mittleren Opernhäusern zu einer mittlerweile tragenden, flexibel agierenden und klangschönen Ausstrahlung. Als Don Ferrando hat er die undankbare Aufgabe, erst am Ende der Oper und nur recht kurz aufzutreten. Er gestaltet seinen Part jedoch sehr schön lyrisch, textverständlich und mit feiner Stimmführung.

Staatsoper Hamburg / Fidelio- hier Schlussszene mit Chor und Ensemble © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier Schlussszene mit Chor und Ensemble © Arno Declair

Mélissa Petit (Marzelline) war von 2010 bis 2013 Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Hamburg. Seit der Spielzeit 2015/16 gehört Mélissa Petit zum Ensemble des Zürcher Opernhauses und debütierte mittlerweile auch an der Opéra Bastille in Paris und den Bregenzer Festspielen. Mélissa Petit gibt die Marzelline mit fein geführter Stimme und  schönem dunklen Klang.

Thomas Ebenstein, seit 2012 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, gibt den Jaquino solide mit schöner Spieltenorstimme und großem Einsatz.

Zur Premiere dieses Fidelio waren die Rezensionen weitgehend höchst negativ. IOCO möchte sich diesen Philippiken nicht anschließen. Das Publikum in der zweiten fast ausverkauften Aufführung des Fidelio reagierte mit sehr freundlichem Applaus auf alle musikalisch Beteiligten.

Fidelio an der Staatsoper Hamburg: Weitere Aufführungen: 4.2.2018; 6.2.2018; 9.2.2018; 27.4.2018; 2.5.18; 5.5.2018 und 9.5.2018

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Mathis der Maler – Paul Hindemith, IOCO Kritik, 03.11.2017

November 3, 2017 by  
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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Mathis der Maler von Paul Hindemith

Das Individuum – Im Bannkreis von Unruhen, Dogmen, Meinungen

Von Viktor Jarosch

Paul Hindemith (1895 – 1963) lebte 1934 in Deutschland, als Adolf Hitler und Alfred Rosenberg die Uraufführung seiner Oper  Mathis der Maler verhinderten, seine Kunst als entartet erklärten und  Joseph Goebbels Hindemith als „atonalen Geräusche-macher“ beschrieb. Hindemith spürte Kommendes und handelte auf die Machtergreifung der Nazis auffällig konkret, nicht künstlerisch verklärt: Eine schon fortgeschrittene Komposition  zu Johannes Gutenberg widmete er kurzerhand um: Nicht mehr dem Erfinder des Buchdrucks sondern Matthias Grünewald, dem Schöpfer des Isenheimer Altars (1514). Hindemiths Mathis, mit realer Wortgewaltigkeit komponiert, lehnt die Oper ungewöhnlich nah an das Genre Schauspiel.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier Urban Malmberg als Mathis und das gerade geschaffene Kunstwerk © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier Urban Malmberg als Mathis und das gerade geschaffene Kunstwerk © Karl + Monika Foster

Mathis der Maler  wurde 1938 in Zürich uraufgeführt, wohin Hindemith geflüchtet war. Die Oper reflektiert in unromantisch freier Tonalität mit schroffen Rhythmen,  grellen Dissonanzen und in real direkter Sprache Hindemiths eigene  Gegenwartskrise über die politischen Verantwortung eines Künstlers in unruhigen Zeiten: In der Abgeschiedenheit eines Klosters sinnt Mathis der Maler über seine Pflichten in einem Leben im Umbruch, der  allgegenwärtige Krise der Bauern in der Gesellschaft und der Kirche inmitten der von Protestanten betriebenen Reformation. In sieben Bildern verdichten Hindemith wie Mathis wiederkehrend das zeitlose Thema der Suche nach  dem „richtigen Lebensweg“; im Leiden und der Brutalität von Kriegen, Bereitschaft für persönliche Opfer zu zeigen.

Grünewald (um  1480 – 1531) war zu seiner Zeit eine bekannte Person, als Künstler aber auch als langjähriger Hofbeamter des  Erzbischofs  von Mainz. Bekannt  ist, dass Grünewald Sympathien für die rebellierenden Bauern hegte, dass ihn die Reformen Luthers und sozialutopische Ideen bewegten. Vermutlich über seine Nähe zu aufständischen Bauern wurde  er in Mainz als Hofbeamter des Erzbischofs  entlassen.

Regisseur Michael Schulz sieht Mathis der Maler als Oper mit spürbaren Bezügen zur Gegenwart. Der in dieser Oper rauh, unversöhnlich ausgetragene Kampf von Meinungen zum Leben, über  Dogmen der Kirche wie über die Rolle von Künstlern, so Schulz, sind im Heute so aktuell wie ehemals; sie sind auch der laute Kontrapunkt zu einer überbordenden, alles verspassenden Unterhaltungskultur. Schulz inszeniert Mathis der Maler im MiR mit modernen Bildsequenzen, doch mit hohen Torbögen mittelalterliches Klosterambiente austrahlend. Zur Ouvertüre wird der Besucher mit einer packenden Videoprojektion von Ives Klein eingestimmt welche filigran in die Handlung überleitet. 800 (!) Kostümvariationen  (Kostüme Renée Listerdal), gleißende Lichteffekte (Patrick Fuchs), exzellente Personenführung verleihen dem Bühnengeschehen mit streitenden wie sinnenden Protagonisten, von Kardinal,  Mathis, Bauernkriegern, Protestanten wie Kirchenleuten modern lebendige Optik.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier viertes Bild : die gemordeten Bauern © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier viertes Bild : die gemordeten Bauern © Karl + Monika Foster

Das erste Bild: Der karge kalkfarbene hohe Raum eines mittelalterlichen Klosters (Bühne Heike Scheele). Darin Mathis der Maler, der vor den Augen der MiR -Besucher ein Kunstwerk schafft, welches durch den Opernabend führt: Sichtbar weltabgewandt bestreicht Mathis den Körper einer Frau, mit gleißend blauer Farbe, welchen sie im Folgenden über ein großes Leinentuch rollt, rutscht (Dramaturgie Gabriele Wiesmüller): Dies gerade geschaffene Kunstwerk begleitet, fasziniert über die gesamte Vorstellung.  Mathis´ künstlerische Distanz zu vor den Klostermauern tobenden Zwisten wie Zweifeln bezeugt er in ersten Worten: Entspannt sich in einem Eimer die Füße waschend sinnt Mathis:  „Sonniges Land. Mildes Drängen Schon nahen Sommers. ….  Bist nicht nur eignen Nutzens voll?“. Während im Hintergrund der Chor unsichtbar kraftvoll christliche Lehren verkündet: „Rector potens, verax Deus, qui temperas rerum vices (Allmächtiger Lenker, wahrhafter Gott, der du leitest den Wechsel der Dinge)“. Der geflüchtete Bauernführer Schwalb erscheint, verletzt in Kampfanzug stöhnend:  „Mit Steuern und Zolle wird er – der Bauer – gepresst. Der Bauer steht auf!“  während seine Tochter Regina das hartes Leben beklagt: „Schmutz, Hunger und Leid sind unsere Begleiter“ ihr brutales Leben. Das zweite Bild spiegelt die Zerrissenheit der Gesellschaft wie  Entrücktheit der Eliten in Kirche und Staat ähnlich drastisch wie konkret: In  der Martinsburg in Mainz wird der Empfang des Kardinals zelebriert: Nicht bescheiden, einfach, sondern als elegantes, aufwändiges gesellschaftliches Ereignis. Auf Serviertischen stehen Sektgläser; junge schicke junge Frauen in flotten Kostümen tragen eine Reliquie, welche der Kardinal segnet, derweil die Katholiken und Protestanten untereinander streiten und sich mit Torten bewerfen. Doch Kardinal räsoniert ungerührt wie volksfern: „Empfängt mich in Mainz die Eintracht friedlicher Bürger“.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier zweites Bild : Kardinal mit Katholiken und Protestanten © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier zweites Bild : Kardinal mit Katholiken und Protestanten © Karl + Monika Foster

Die MiR Inszenierung von Mathis der Maler zeigt über die sieben Bilder auf der Bühne den Parcours realen Lebens: Meinungen gepflastert mit Widersprüchen treffen auf Dogmen, sensible Träume, platte Gefälligkeiten oder glattes wie robustes  Vorteilsstreben. So sterben Bauernführer wie Bauern, streiten, bekehren sich Kirchenleute, wandelt der Künstler ungerührt durch als dies Geschehen. Nie verrät Hindemith sein Werk mit jenem betrügerischen Deus ex machina, dem ersehnten „himmlischen  Fingerzeig“ oder gar kollektiver höherer Einsicht. 

Das große MiR Ensemble besticht in diesem schwierigen Werk durch ungewöhnlich sängerische wie darstellerische Präsenz: Die zentrale Partie des Mathis ist monströs, allein schon durch riesige wie schwierige Texte. Urban Malmberg, seit zwei Jahren im MiR – Ensemble, besticht  durch Textsicherheit und weichem Bariton,  wie als  „Egozentriker“ Mathis, des immer nur mit sich selbst beschäftigten Künstlers, der scheinbar unberührt durch die Zeiten des Umbruch wandelt, als eine Art Katalysator für sein Umfeld wirkend. Tobias Haaks, ohnehin  körperlich kräftig, entspricht  mit Kampfjacke und kraftvoller Stimme dem Bauerführer Hans Schwalb.  Auch die Sopranpartien sind bestens besetzt: Yamina Maamar, als reiche Bürgerstochter zwischen Mathis und dem Kardinal verwoben, besteht hochdramatische wie oft innigliche Momente mit Bravour. Bele Kumberger  verbreitet als Regina liebende Präsenz;  das Herz des Besuchers ergreift Kumberger im siebten, schließenden Bild, wenn sie mit seelenreicher Lyrik  „Es sungen drei Engel ein süssen Gesang, Der weit in den hohen Himmel erklang“ von dieser Welt Abschied nimmt. Ebenso überzeugte Martin Hombrich überzeugte in der großen Tenor – Partie als volksferner Kardinal Albrecht von Brandenburg, der letzlich doch seinem Gewissen folgt und sein Amt als Kardinal niederlegt und, konkretes Handeln widerspiegelnd, zum Protestantentum wechselt.

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler - hier Ursula tröstet Regina, während Mathis im Hintergrund unbeteiligt malt © Karl + Monika Foster

Musiktheater im Revier / Mathis der Maler – hier Ursula tröstet Regina, während Mathis im Hintergrund unbeteiligt malt © Karl + Monika Foster

Das nicht große Orchester der  Neuen Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann erzeugt den eigenen kraftvollen Mathis – Klang eines großes Orchesters. Dieser volle Klang entstand nicht, weil das Orchester laut war, sondern weil die grandiose Instrumentierung  Hindemiths mit wenigen aber perfekten Blech- und Holzbläsern, bei mitreißenden  Flöten- und Fagott-Soli  einen unendlichen Klangreichtum  von Spätromantik bis zu Barock möglich macht. Welchen die Neue Philharmonie Westfalen als solistisch wie als Orchester nutzte. Im Überschwang der Gefühle könnte man geradezu eine Seelenverwandtschaft zu Hindemith vermuten. Mit dem spielfreundigen und gesangs- starken Ensemble, dem facettenreichen Bühnenbild ist Mathis der Maler ein weiterer Stern in der Krone des MiR, der „Perle des Ruhrgebiets“.

Mathis der Maler im Musiktheater im Revier; weitere Vorstellungen 9.11.2017; 12.11.2017; 26.12.2017, 10.12.2017, 30.12.2017

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Mainz, Staatstheater Mainz, Premiere MATHIS DER MALER, 18.03.2017

März 7, 2017 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

MATHIS DER MALER von Paul Hindemith
am 18. März um 19.30 Uhr m Großen Haus

Weitere Spieltermine: 21.3., 2., 12., 18. und 30.4. sowie 7.5.

Es ist das richtige Werk zur richtigen Zeit am Staatstheater Mainz: Paul Hindemiths Mathis der Maler spielt in und um Mainz, das Personal der Oper umfasst historische Persönlichkeiten – wie etwa Albrecht von Brandenburg, der im Jahre 1514 Erzbischof von Mainz wurde – und die Reformation, zu deren Zeit die Handlung spielt, feiert in diesem Jahr ihr 500. Jubiläum. Der in Diensten des Erzbischofs von Mainz stehende Maler Mathis ist der Mittelpunkt der Oper, die das Wirken der historischen Figur Matthias Grünewald zur Zeit der Reformation und der Bauernkriege aufgreift.

Der Maler des berühmten Isenheimer Altars gerät in einen inneren Konflikt, als Bauernführer Schwalb und dessen Tochter Regina in sein Leben treten: „Ist, dass Du schaffst und bildest, genug?“, fragt er sich und entscheidet sich dafür, die Bauern aktiv zu unterstützen. Bald sieht er die Vergeblichkeit seines Einsatzes, ringt jedoch weiter um seinen gesellschaftlichen Einfluss als Künstler und bleibt an seinem Lebensende doch auf sich allein gestellt. Gesänge der Reformationszeit, Volkslieder und Choralmelodien prägen die musikalische Charakteristik der Oper, die großes Historiendrama und beklemmende Künstleroper zugleich ist. Die Auseinandersetzung mit Fragen des Glaubens und der inneren Aufrichtigkeit spiegelt nicht nur den persönlichen Konflikt des Komponisten im Deutschland der 1930er Jahre, sondern bleibt auch 500 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag prägend für das individuelle und gesellschaftliche Leben.

Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Inszenierung: Elisabeth Stöppler
Bühne: Annika Haller
Kostüme: Su Sigmund
Dramaturgie: Anselm Dalferth

Albrecht, Erzbischof von Mainz: Alexander Spemann
Mathis, Maler in seinen Diensten: Derrick Ballard
Lorenz von Pommersfelden: Ks. Hans-Otto Weiß
Wolfgang Capito: Steven Ebel
Riedinger: Stephan Bootz
Hans Schwalb: Lars-Oliver Rühl
Truchseß von Waldburg: Georg Lickleder
Sylvester von Schaumberg: Johannes Mayer
Pfeifer des Grafen: N.N.
Ursula: Vida Mikneviciute
Regina: Dorin Rahardja
Gräfin Helfenstein: Geneviève King
Chor und Extrachor des Staatstheater Mainz
Philharmonisches Staatsorchester Mainz

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